Kitabı oku: «Unter Vormundschaft», sayfa 3
Der Kuhhandel ist besiegelt. Der Bauer gibt seine Tochter her, die ihm Schmach und Schande gebracht hat, seine Söhne jedoch und die neuen Stiefkinder darf er behalten. Im Gegenzug sichern sich Behörden und Ärzteschaft die gewünschte Kontrolle über die junge, hübsche, in ihren Augen schwachsinnige Lina mit ihrer erwachenden Sexualität.
An dieser Stelle sei ein kleines historisches Fenster geöffnet, ein Blick über die Vorderberger und Wiler Hügel hinaus in die übrige Schweiz dieser 1950er-Jahre. Hin zu einem landesweit wichtigen Ereignis und zu einer Frau, mit der Lina mehr als nur den Geburtstag teilt. Die Konstruktion des Falls Lina Zingg fällt nämlich in eine Zeit, in der es um die Schweizer Frauen und ihre Rechte noch immer schlecht bestellt ist. Frauen haben keine politischen Rechte, leben in der faktischen Bevormundung durch Väter und Ehemänner, ihre berufliche und wirtschaftliche Autonomie ist fast so verpönt wie eine uneheliche Mutterschaft. Doch damals, in den Nachkriegsjahren, rufen viele nach Veränderung, wollen auch als Berufsfrauen Anerkennung, fordern mehr Rechte, allen voran das Stimm- und Wahlrecht. So kommt es zur zweiten grossen Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA), die just im selben Jahr eröffnet wird, in dem Lina in die Klinik kommt.6 Im Herbst 1958 lockt sie mit ihren Rundbauten das Schweizer Volk an den Zürichsee, um zu zeigen, was frau so alles kann und tut in diesem Land. Und auch, um zu diskutieren, was Weiblichkeit denn nun sei und was nicht. Die Ausstellung zeigt sich strategisch zahm, führt dennoch zu Debatten und zu Dissonanzen. Und zu einem brillant verfassten Einspruch in Buchform. «Frauen im Laufgitter» kritisiert in gnadenloser Schärfe die wirtschaftliche Abhängigkeit und die gesellschaftliche und politische Stellung der Frau. Ein freches Buch, das die schweizerische Gegenwart als patriarchale Urzustände geisselt und die brave Fügbarkeit der Frauen entblösst.7
Die Autorin des Reizwerks, Iris von Roten, eine scharfsinnige Intellektuelle, gut gebildet, ökonomisch abgesichert, feministisch geschult, ist so etwas wie ein radikaler Gegenentwurf zur Existenz einer Frau wie Lina Zingg. Und doch verbindet die beiden ihr Geschick. Iris von Roten gerät in einen gehässigen Schredder helvetischer Abwehr, eine Vernichtung, die ihr schliesslich den Lebensatem nimmt. Und Lina Zingg landet in den ebenso unerbittlichen Fängen der Psychiatrie und der Behörden. Um beide Frauen schliesst sich in diesen späten Fünfzigern ein eisernes Gitter, in der Alchemistenküche gegossen aus patriarchalem Herrschaftswissen und ebensolchem Zeitgeist, ein Schmiedewerk geltender Moral und Medizin, und, im Falle Lina Zinggs, der staatlichen Kontrolle. Frauen hinter Fallgittern. Ohne Aussicht auf wirkliche Freiheit. Es bleibt nur die Flucht in den Tod, wie ihn Iris von Roten wählen wird. Oder die Resignation einer Lina Zingg, deren Leidensweg eben erst begonnen hat.
Im Spätherbst 1958 soll Lina in ihrer Heilanstalt langsam auf den Einstieg in den künftigen Dienstmädchenalltag vorbereitet werden. Seit etwa zwei Monaten arbeitet sie halbtags in der Klinik bei der Hausarbeit mit. Man müsse ihr genau sagen, was sie tun müsse, schreibt der Arzt in die Krankengeschichte, sie sei aber sehr willig und gebe sich grosse Mühe, alles recht zu machen. Gesundheitlich geht es aufwärts mit ihr. «Der psychische Zustand ist jetzt recht gut. Seit ungefähr 3–4 Wochen hat das Mädchen nie mehr zerfahren dahergeredet, ist vollständig geordnet, fängt langsam an, sich unaufgefordert körperlich sauber zu halten und scheint jetzt so weit wieder hergestellt zu sein, dass man eine Placierung an einer ganz leichten Haushaltstelle denken könnte. […] Ob die Besserung des psychischen Zustandes auf das Largactil zurückzuführen ist, oder ob es sich um eine Spätwirkung der am 19.7. beendeten grossen Insulinkur handelt, können wir nicht entscheiden, ist ja auch belanglos.» Jedenfalls geht es Lina besser, und im Laufe des Monats kann auch das Largactil schleichend abgesetzt werden.
Über private Kontakte findet man für die entlassungsreife junge Frau bald einmal die gesuchte leichte Haushaltsstelle. Bereits eine Woche vor Abschluss des amtlichen Entmündigungsverfahrens, am 19. Oktober 1958, bricht Lina in ihren neuen Lebensabschnitt auf. «Das Mädchen war heute erstmals an einer leichten Haushaltstelle in Althausen bei einer Frau Gauck, Ehefrau eines Konzertmeisters, wo zwei grössere Kinder vorhanden (1 davon ist in einem auswärtigen Internat) und zudem vier vorschulpflichtige Kinder. Da die Frau bis jetzt alles allein gemacht hat und sich nur jetzt, nachdem ein 7. Kind unterwegs ist, eine Hilfe nehmen will, sollte es für das Mädchen, das zum Nachtessen in der Anstalt zurück sein muss, nicht zu viel werden. Sie kam heute jedenfalls ganz begeistert zurück und wir hoffen, dass es weiter gut geht, sodass dann eventuell die Entlassung ins Auge gefasst werden könnte. Hat vorläufig nur Fr. 40.–Lohn.»
Der Start scheint also geglückt, und einen Monat später entscheidet die Klinikleitung, Lina nach knapp acht Monaten Aufenthalt zu entlassen. «20.11.58 Nachdem es mit der Pat. in der Familie Gauck über einen Monat gut gegangen ist und auch das Verhältnis zwischen Arbeitgeberin und Lina Zingg verständig ist, schreiben wir sie heute ab.» Im abschliessenden Eintrag der Krankenakte wird Lina medikamentenfrei und als «sozial geheilt» entlassen. Diesen Status bekommen jene Patientinnen und Patienten, die gemäss Medizinerhandbuch «arbeitsfähig und angepasst in ihr früheres Milieu zurückkehren» können. Er wird bei Klinikaustritten sehr verbreitet verwendet und spiegelt die passgerechte Entlassungspraxis im Einklang mit Manfred Bleulers Heilungstheorie bei Schizophrenie. Die Entlassenen sollen vor allem arbeiten, schreibt dieser, und propagiert die Vermeidung von Langeweile und die Erziehung zur Arbeit als erfolgreiche Langzeittherapie. Auf dem Deckblatt von Linas Krankenakte steht bei ihrer Entlassung die mit handschriftlichem Schwung in Schwarz hingemalte Diagnose Hebephrenie und Debilität. Sie wirkt wie eine Kalligrafie. Damit ausgerüstet startet Lina in ihr neues Leben. Bei der Familie des Konzertmeisters Gauck mit ihren bald sieben Kindern. Die Frau des Hauses zeigt sich erfreut über die neue Hilfe, die ihr nun täglich unter die Arme greifen wird. Genau so, wie sich dies Vater Zingg für seine Familie auch gewünscht hat.
III
Lina, das Dienstmädchen
Lina Zingg zieht direkt von der Klinik an die Untere Stationsstrasse in ein Mehrfamilienhaus nach Althausen. Ihre Herrschaft wohnt zuoberst, unter dem Dach, und die Dienstherrin schätzt es, den Einkauf für ihre Hungermäuler nicht mehr selbst die Treppen hochzuschleppen, umso mehr, als sie mit dem siebten Kind schwanger ist. Sie hat ihrer Bekannten am Empfangsschalter der Wiler Klinik versichert, es gehe ihr nur um eine leichte Unterstützung, sie habe den Haushalt bis anhin immer alleine geschmissen, der Älteste sei überdies bereits im Internat, es sei die erneute Schwangerschaft, die sie nach einer kleinen Hilfe Ausschau halten lasse. Dass vor Lina bereits eine alte Ida im Haus half und vorher eine Berty, hat sie verschwiegen, sie wollte keine unnötigen Fragen oder Bedenken, dass Lina überfordert sein könnte, provozieren. In diesen Zeiten ein anständiges Hausmädchen zu finden, ist schwierig genug, und eines zu derartig günstigen Konditionen ein eigentlicher Glücksfall.
Ein kurzer Blick in die Geschichte der Dienstboten bestätigt, dass Frau Gauck ihr Glück zu Recht zu schätzen weiss. Der Mangel an willigem Personal beschäftigte die bürgerlichen Haushalte nämlich das ganze 20. Jahrhundert. Erst im letzten Drittel eröffnete der globalisierte Arbeitsmarkt neue Möglichkeiten der Anwerbung von billigen – oft illegalen – Haushalthilfen.8 Vorher mussten die begehrten jungen Frauen aus den hiesigen Bauernstuben und Arbeiterküchen rekrutiert werden, jedoch pflegten sie der schlecht bezahlten und unattraktiven Tätigkeit so schnell wie möglich wieder zu entfliehen. Dienen in der Fremde bedeutete viel Arbeit ohne grossen Dank, kümmerliche und kaum geregelte Freizeit, es hiess, sich fremdem Willen und ebensolchen Ordnungssystemen zu unterwerfen, gekoppelt mit meist unfreiwilligem Familienanschluss und Verlust von Privatsphäre. Und es hiess ausserdem, mit der Herrin in Konkurrenz punkto Schönheit und Kleidung zu geraten, die eigenen Liebesgeschichten der moralischen Kontrolle der Hausherrschaft zu unterstellen, gleichzeitig aber wie selbstverständlich den Übergriffen durch die Männer im Haus ausgesetzt zu sein, sei es im begehrlichen Blick oder im handfesten Tun – und dies im Schweigebann hinter verschlossenen Haustüren auch noch zu tolerieren. Ein vielschichtiges Leistungspaket also zu einem denkbar schlechten Lohn.
Dienstbotenarbeit war unattraktiv, schon zu Beginn des Jahrhunderts, und blieb es, selbst in der Krisenzeit zwischen den beiden grossen Kriegen. Die propagandistisch und bildungspolitisch aufgezäumten Offensiven schafften es nicht, die arbeitslosen Frauen in den häuslichen Sektor abzuziehen; weder das neu eingeführte hauswirtschaftliche Fortbildungsobligatorium, die sogenannte Rüebli-RS, noch später die nationalen Kampagnen überzeugten – trotz bundesrätlichem Redeschmaus, etwa bei der bekannten 1.-August-Rede von Marcel Pilet-Golaz, der 1934 mit glühenden Worten den häuslichen Dienst als vaterländische Frauenpflicht beschwor. Später dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, in den Jahren prosperierender Konjunktur, hatten die schönen Bemühungen erst recht ausgespielt, es zog die jungen Frauen weit mehr in die modernen Büros und an die Kassen der modischen Warenhäuser als hin zu krittelnden Hausherrinnen an Putzkessel und Herd. Ende der 1950er-Jahre dann, als Lina ihre Dienste im Hause Gauck antrat, nahm der Dienstbotenmangel gar noch zu, man holte sich die begehrten Kräfte auch aus Österreich und Deutschland, denn trotz aller modernen Haushaltshilfen wie Waschmaschine, Staubsauger und Bügeleisen blieben Hausmädchen unersetzlich und waren auf dem Arbeitsmarkt gesucht.9
«A bissrl schwindeln derf ma immer», wird sie sich also gedacht haben, die Maria Gauck, geborene Leipner und gebürtige Salzburgerin, als sie Lina ins Haus geholt hat. Das Leben war halt nicht immer ganz ordentlich, auch das ihre nicht, sie, die vom Krieg als Reichsbahnangestellte in das von Hitler besetzte Posen gespült worden und von dort, der Liebe folgend, mit einem Zwischenhalt in Halle und Oldenburg, schliesslich als Flüchtling in der Schweiz gelandet war. Zusammen mit ihrem Mann Friedrich Gauck – ein Deutscher mit Voralberger Mutter und Appenzeller Kindheit, ein begabter Geiger, Sohn eines deutschen Militärmusikers, den es nach seinen Kindheitstagen in der Ostschweiz zu Studienzwecken nach Wien getrieben hatte und der dann als junger Mann in die Irrungen und Wirrungen des Kriegs geriet – schaffte es die junge Frau noch vor Kriegsende, sich in die rettende Schweiz abzusetzen. Sie hätten beide erst arg unten durch müssen, mit mühsamen Jobs und wenig Geld, bevor ihr Gatte Friedrich sich schliesslich standesgemäss etablieren konnte, als Konzertmeister, der die erste Geige spielt, und als Musiklehrer. In etwa so erzählte Maria Gauck jeweils, in seltenen Momenten, ihren Kindern die Geschichte ihrer Einwanderung.
Das Dienstmädchen Lina interessiert sich nicht sonderlich für die Historie ihrer Herrschaft, sie ist genug beschäftigt mit all dem Neuen in dieser Musikerfamilie, eine vollkommen unbekannte Welt, die sie fasziniert und auf Trab hält. Nicht nur liegen hier Bücher herum, und es wird musiziert. Nicht nur gibt es hier eine Frau, die mächtig gut reden kann, und Gäste, die ordentlich mithalten. Hier ist überhaupt alles anders. Neben den Tellern liegen artig Servietten, direkt aus dem Wasserhahn fliesst heisses Wasser, hier muss nicht erst Holz geschleppt und ein Herd eingefeuert werden, bevor man Kartoffeln aufsetzen kann. Hier riecht es nicht nach Stallmist und ewiger Milchsäure, hier ist alles angenehm sauber. Und die Benutzung des Badezimmers mit den weissen Kacheln ist auch der Dienstmagd Lina erlaubt. Die täglichen Hausarbeiten sind zwar dieselben wie früher daheim, und dennoch sind sie ganz anders. Bei Frau Gauck werden die Hemden sorgfältiger gebügelt, wird die Wäsche anders gefaltet, wird vor dem Auftischen ein Tischtuch ausgelegt. Und auch die Menüs sind ihr meistens neu, zum Beispiel die Pölschterli, wie Frau Gauck ihre Hackfleischbällchen zu nennen pflegt, oder die Powidltascherl, Zwetschgenküchlein nach Salzburger Art.
Zu den Kindern findet Lina schnell ihren Weg, sie mag die kleinen Wesen, den zweijährigen Udo, der noch immer viel zu oft über seine Füsschen stolpert, die dreijährige Maria, die schon ganz schön keck daherreden kann, dann die fünfjährigen Zwillinge, Emil und Gerolf, die im Wettlauf dirigieren und geigen, genauso wie ihr Vater. Auch die schon ein wenig pubertierende Elisabeth, die zu ihren Schularbeiten motiviert werden soll, findet bei Lina ein Plätzchen. Einzig der 16-jährige Klaus, der im Internat lebt und nur an wenigen Wochenenden nach Hause kommt, bleibt ihr fremd. Lina, die schon immer ein Herz für Kinder hatte, fühlt sich also bald einmal wohl in der quirligen Schar und in der neuen Familie. Und die so anders beschaffene Welt hilft ihr, die grauen Wände und die weissen Kittel aus der Zeit in der Klinik zu vergessen – genauso wie das monotone Sirren der Schiffli aus der Zeit davor, als sie im Nachbardorf in die Weberei ging und die öden Tage kein Ende nehmen wollten. Dass für Lina an ihrem neuen Dienstort kein eigenes Zimmer übrig bleibt, ist für sie, die an Enge gewohnt ist, nicht weiter schlimm. Ausserdem steht sie morgens als Erste auf, geht abends als Letzte ins Bett, da genügt das Sofa in der Stube durchaus für die kurzen Nächte.
Maria, die mittlere der Gauck-Töchter, auf den gleichen Namen getauft wie ihre Mutter, erinnert sich, obwohl damals noch sehr klein, punktuell an diese erste Zeit mit Lina. Plötzlich hiess es, so erzählt sie, Lina bleibe jetzt bei ihnen. Unvergesslich blieb ihr, dass sie das neue Dienstmädchen nachts schreien hörte und dass Mama erklärte, Lina habe Schlimmes erlebt, das würde sich legen. Und bis heute hat sie den einen Albtraum präsent, den Lina ihr später aus dieser Anfangszeit erzählte: Auf einem Förderband festgeschnallt, sei sie, Lina, in Richtung einer laufenden Säge gerollt worden. Im Übrigen, weiss Maria zu erzählen, sei Lina anfänglich sehr scheu gewesen, sie habe ihr manchmal geradezu leidgetan. Aber irgendwann habe sich eine Vertrautheit eingestellt, wie zu einer grossen Schwester, und wenn sich bei ihnen, den Kindern, der Hunger gemeldet habe, hätten sie alle zusammen lauthals gesungen «Lina, Lina, mier händ Hunger, Lina, Lina, mier händ Hung, mier händ Hu-u-unger!».
Die Dienstherrin Gauck, nicht ungern als Frau Konzertmeisterin angesprochen, kann mit ihrer Lina zufrieden sein. Sie ist das, was die Wiler Ärzte ihr attestiert haben, fleissig und arbeitsam, wenn man sie richtig anweist. Zudem zeigt sie sich gefügig, stellt keine unnötigen Fragen, begehrt nicht auf. Bei Dienstboten eine eigentliche Qualität. Zum Beispiel dann, wenn Lina für den täglichen Einkauf mehr als einen Kilometer laufen muss, hin zur Oberen Bahnhofstrasse, um dort im Denner das zu kaufen, was auch direkt im Haus zu haben wäre, unten, im Parterre bei Migros, wo aber das Einkaufen verboten ist. Es ist der Hausherr, der dies so will, nicht etwa aus Gründen der Qualität, sondern der Standespolitik: zu viele Spaghetti in den Regalen, zu viele Italienerinnen in der Warteschlange, so sieht es Friedrich Gauck.
Maria Gauck schätzt aber auch, dass das neue Hausmädchen gerne kocht, sich für die österreichische Küche interessiert und schnell kapiert, dass man in ihrem Haus nicht Nidle, sondern Schlagobers zum Kaffee serviert. Und selbst vom schweigsamen Herrn Direktor lässt sie sich instruieren, er wünscht alles mit einer deutschen Prise, zum Beispiel soll der Kopfsalat mit Zitronensaft und Zucker angerichtet sein.
Wann genau Direktor Gauck beginnt, nicht nur wegen der Salatsaucen und des Sonntagsbratens in die Küche zu steigen, sondern wegen der jungen, hübschen Lina, lässt sich im Nachhinein nicht mehr rekonstruieren. Der Missbrauch, der künftig regelmässig in des Direktors Schlafzimmer stattfinden und von seiner Frau gebilligt werden wird, beginnt vermutlich etwa ein Jahr nach Linas Ankunft in der Familie und sollte bis zur Scheidung des Paars, also rund 15 Jahre, andauern. Sind die Übergriffe anfänglich ein Ehegeheimnis, werden sie später im Scheidungskampf von Maria Gauck als Waffe eingesetzt. Zum Beispiel beim Buhlen um die Gunst der Töchter. Maria wird sich dabei als Opfer aufspielen, der Arzt habe ihr vor weiteren Schwangerschaften abgeraten, da habe ihr Friedrich sich halt anderswo bedient, eine immerhin passablere Lösung als das Fremdgehen ausser Haus, so wird sie später den Töchtern die Übergriffe erklären. Diese werden zutiefst verstört und schockiert sein, nur die Älteste sieht endlich bestätigt, was sie schon länger vermutet hat, da Mama an ausgewählten Tagen das Klappbett im Eheschlafzimmer aufzustellen pflegte und Lina beauftragte, heute lieb zum Konzertmeister zu sein.
Lina erzählt nach ihrer Befreiung von sich aus von den Übergriffen, meist sachlich und distanziert, manchmal ganz unvermittelt, mitten in einem Gespräch über die Geschicke der Gauck-Kinder oder die späteren Jahre in Zürich und im Tessin. In solchen Momenten scheint er plötzlich wieder da zu sein, «der Andere», wie sie ihn manchmal nennt, steht in ihrem Rücken, genau so wie beim ersten Mal, als sie bügelte und er sich von hinten an sie heranmachte, mit dem forschen Kommentar, dass sie dies ja sicherlich gerne möge. Und wenn man sie fragt, wie sie darauf reagiert habe, wendet sie blinzelnd den Kopf, verwirft ihre Hände und kehrt zurück in ihr Schweigen. Ahnungslos, dass sie diese gänzlich unerhörte Erfahrung mit all jenen Hausmädchen teilt, die seit je von ihren Dienstherren oder deren Söhnen missbraucht worden sind, ein patriarchales Recht sozusagen, das nur dann für Aufruhr sorgte, wenn die Ehefrauen eifersüchtig, die missbrauchten Frauen schwanger wurden. Im Falle von Lina Zingg hat die Gattin kooperiert – wie gekränkt sie auch immer gewesen sein mag – und sich sogar um die Verhütung gekümmert. Da der Herr Direktor es lieber ohne trieb, liess sie sich von Lina die Menstruationstage rapportieren und stellte das besagte Klappbett im Rhythmus ihrer unfruchtbaren Tage neben das Bett ihres Mannes.
So also gehen die ersten Jahre im neuen Leben von Lina Zingg dahin. Die Frau Direktor ist von Anfang an darauf bedacht, ihr Lineli, wie sie das Dienstmädchen nennt, radikal von der Herkunftsfamilie abzuschotten. Eine Rückkehr ins väterliche Haus muss mit allen Mitteln verhindert werden, schliesslich will sie die tüchtige und billige Magd bei sich behalten. Sie hat dabei leichtes Spiel. Telefonischer Kontakt aus Vorderberg wird observiert oder gar nicht zugelassen, anfängliche Besucher aus dem Rheintal werden schnell wieder vor die Tür gesetzt. Vater Hans hat – nach der Entmündigung als Vater und von Schamgefühl blockiert – in der Angelegenheit seiner Tochter resigniert und lässt den Dingen ihren behördlichen Lauf; der jüngere Bruder Sepp, schüchtern und sprachscheu, wagt keinen zweiten Gang zur harsch abweisenden Meisterin seiner Schwester. Und selbst eine ältere Cousine, die einmal einen Besuch unternimmt, verliert nach der frostigen Abfuhr an der Haustür ihre Courage.
Im Umgang mit Lina selbst zieht Maria Gauck verschiedene Register, um ihr Dienstmädchen zu kontrollieren und einzuschüchtern. Einmal ist sie streng, unbeherrscht und auch jähzornig, dann wiederum fürsorglich und mütterlich. Ab und zu holt sie gar die Würfel und lädt sie ein zum gemütlichen Spiel. Immer wieder aber warnt sie Lina in beharrlicher Eindringlichkeit vor ihren bösen Verwandten, allen voran vor ihrem Vater, der sie unbedingt zur Gratisarbeit in seinem Grosshaushalt und in die Öde der Weberei zurückholen wolle. Den Inzestverdacht setzt sie bei ihrer Gehirnwäsche nie ein, vermutlich weiss sie davon gar nichts. Sie kennt auch so genügend Wege, um Lina gefügig zu machen. Und hat sie gerade kein Argument zur Hand, droht sie mit einer erneuten Einweisung in die Klinik, weil man solche wie Lina sonst nirgends gebrauchen könne. Weder darauf noch auf die Rückkehr nach Vorderberg hat Lina auch nur die geringste Lust.
Während Linas Familie die Verbindung zu ihr vergeblich zu halten versucht, verlieren die Vorderberger Behörden nach der väterlichen Entmündigung das Interesse an ihrer Bürgerin. In ihrer Amtsstube geht das Mündel schlicht vergessen. Schmiedemeister Schmetzer, der Beistand, kümmert sich weder um die fremdplatzierte junge Frau noch um die anderen seinem Schutz unterstellten Zingg-Kinder. Sie hätten ihn nie gesehen, stellen die Geschwister später übereinstimmend fest. Er sei nie vorbeigekommen, man habe ihn allenfalls mal gesehen, wenn man mit dem Pferd zu ihm in die Schmiede gefahren sei, und – er habe gerne ein paar Gläschen zu viel getrunken.
Selbst als Lina am 2. April 1960 volljährig wird, ändert dies nichts am behördlichen Vergessen. Mit ihrem 20. Geburtstag endet die Vormundschaft durch Schmiedemeister Schmetzer, Lina ist nun eine freie junge Frau, die rechtlich selbstständig entscheiden kann. Oder könnte. Denn niemand meldet sich, um mit der nun mündigen Lina die Zukunft zu besprechen. Der Alltag läuft in der für Lina und ihre Herrschaft bewährten Spur weiter, ausser dass die dereinst als leicht angepriesene Hausarbeit immer schwerer wird. Denn längst ist das siebte Kind, die kleine Magda, geboren, das gibt mehr Wäsche zu waschen, mehr Zusatzbrei zu kochen und ein weiteres Kinderherz zu trösten. Zudem ist die Hausherrin nach der Geburt ihrer Jüngsten dabei, sich aus der leidigen Hausfrauen- und Mutterrolle zu verabschieden und ihre berufliche Zukunft einzufädeln. Tage- und wochenlang ist sie nun zur Weiterbildung unterwegs, psychologische Kurse ziehen sie nach Wien und Zürich, wo sie im Enge-Quartier neuerdings auch eine Wohnung angemietet hat. Die Haushaltsführung und Erziehung der Kinder überlässt sie – nebst ihrem Mann – grossmütig ihrer tüchtigen Lina.
Lina übernimmt den Sieben-Tage-Mutterdienst widerspruchslos, immer getrieben von den Ängsten, was ihr sonst alles blühen könnte im Leben. In ihrer angstbesetzten und intellektuellen Genügsamkeit bleibt sie das perfekte Dienstmädchen, gehorsam und fleissig, tüchtig und allzeit bereit – selbst zu Kurtisanendiensten, die inzwischen gelegentlich auch vom ältesten Sohn in Anspruch genommen werden. Lina fordert weder Freizeit noch einen eigentlichen Lohn, schliesslich geniesst sie Familienanschluss und darf ihrer Meisterin neuerdings Mami sagen. Sie geht nie alleine aus, an keine Chilbi und kein Tanzfest, wagt es nicht, mit fremden Menschen zu sprechen, das könnte gefährlich werden, diese Lektion hat sie verstanden.
Einzig die Steuerbehörde beginnt sich eines Tages, mehr als zwei Jahre nach ihrer Volljährigkeit, für die junge Frau zu interessieren. Eine lästige Störung für Maria Gauck, denn damit gerät Lina mit ihrem Lohn – der trotz Direktor als Arbeitgeber grotesk mager geblieben ist – in den öffentlichen Fokus. In den vier Dienstjahren, in denen Lina nun mit wachsenden Aufgaben und Verantwortlichkeiten im Hause Gauck arbeitet, hat sie gerade mal eine Erhöhung von 40 auf 50 Franken zugestanden bekommen. Das ist für ein Dienstmädchen von damals ein mageres Taschengeld, aber kein Lohn. Mindestens das Vierfache war üblich, Provinz hin oder her, und dies selbstverständlich bei geregelter Freizeit und auch etwas Urlaub.
Das Steuerformular aus Vorderberg kommt Maria Gauck aber noch aus einem anderen Grund ungelegen. Lina beginnt sich nämlich just in jener Zeit für ihre Mündigkeit und Freiheit zu interessieren, wie in der Krankenakte als Telefonnotiz nachzulesen ist. Die steuerliche Nachfrage könnte, so fürchtet Maria Gauck, die Vormundschaftsbehörde auf den Plan rufen. Sie weiss, was auf dem Spiel steht, und entscheidet sich für eine strategische Flucht nach vorn. Sie ruft in Wil an und lässt sich mit dem stellvertretenden Chefarzt Dr. Kranz verbinden. «Heute telefoniert Frau Dr. Gauck, bei der die Pat. seit ihrem Austritt von uns weilt als Hausgehilfin, dass die Gemeinde Vorderberg ein Steuererklärungsformular geschickt hat. Was zu tun sei, ob Lineli nicht ihre Papiere hier haben könne, ob man die Bevormundung aufheben könne etc. Lineli habe sich ganz an sie angeschlossen und wolle nur immer noch in ihrer Familie sein. Die Pat. wünsche so sehr die Aufhebung der Bevormundung. Andererseits sagt aber Frau Dr. Gauck, dass sie nicht glaube, dass die Pat. sich ohne das bestehende Attachement zurechtfinden könnte in der Welt draussen.»
Maria Gauck setzt ihren Schachzug taktisch klug. Sie erzählt dem Arzt grossmütig von Linas Wünschen nach Aufhebung ihrer Bevormundung, um dann im nächsten Atemzug ihre Unselbstständigkeit zu betonen, unterstreicht die Infantilisierung mit einem sanften Diminutiv und macht aus der 22-jährigen Lina das kleine Lineli. Die Arztnotiz, der erste Eintrag nach der Entlassung vor mehr als vier Jahren, verrät noch mehr über die subtilen Manipulationen von Linas Chefin, die es mit der Wahrheit bekanntlich nicht so genau nimmt. So ist aus der ehemaligen Reichsbahnangestellten eine Frau Doktor geworden, ein Titel, den weder sie noch ihr Mann je erworben haben. Bemerkenswert ist zudem, dass Maria Gauck von Linas Bevormundung spricht, obwohl sie gewusst haben muss, dass dies so gar nicht stimmt. Geschickt lenkt sie den Fokus auf die beklagenswerten Mängel in Linas Selbstständigkeit, begründet so auch den bescheidenen Lohn und rühmt sich ihrer Grosszügigkeit, dass sie für das Dienstmädchen, nebst Kost und Logis, auch noch die Zahnarztrechnungen übernehme und die AHV-Beiträge ausrichte. Bei Linas gesunden Zähnen und ihrem kümmerlichen Lohn allerdings ein lächerliches Sümmchen, was auch Dr. Kranz nicht verborgen bleibt. Dennoch geht ihre Taktik in den Grundsätzen auf: «Man kann sich fragen, ob die Pat. nicht doch erheblich unterbezahlt ist, andererseits ist die Hauptsache, sie fühlt sich wohl und zufrieden», notiert der Arzt abschliessend zu diesem Gespräch. Damit wird die Akte Lina Zingg in der Wiler Klinik für die nächsten zwölf Jahre wieder geschlossen.
In Vorderberg bleibt der behördliche Dämmerschlaf vorläufig ungestört. Maria Gauck baut die Abhängigkeit ihrer Lina zielsicher aus. Die zupackenden Hände des Hausmädchens sind inzwischen unentbehrlich geworden für die Umsetzung ihrer beruflichen Pläne. Denn Mutter Gauck hält nicht viel vom aktuell mit neuer Schwerkraft proklamierten Dreiphasenmodell der weiblichen Biografie, das für eine lange Phase der Hausfrauen- und Muttertätigkeit wirbt und den beruflichen Wiedereinstieg in eine ferne Zukunft vertagt, auf dann, wenn auch das letzte Kind flügge geworden ist. Der an der SAFFA mit viel Verve verkündete Slogan «Mein Heim – meine Welt» verfehlt bei ihr seine Wirkung. Sie will mehr und anderes, weiss um ihre Talente im Umgang mit Menschen, um die Macht ihrer charismatischen Aura und ist entschlossen, daraus einen Beruf zu machen. Aus der Frau mit kaufmännischer Ausbildung und der Hobby-Sängerin wird nach ein paar Jahren und ein paar psychologischen Kursen eine diplomierte Psychologin, den Titel schenkt sie sich mangels anerkannter Abschlüsse gleich selbst. Bereits 1964 eröffnet sie in Zürich ihre eigene Praxis, in ihrer Vierzimmerwohnung, an guter Adresse in Seenähe an der Beethovenstrasse.
Werktags ist die Frau des Hauses also immer weniger in Althausen bei ihrer Familie. Und Lina übernimmt mehr und mehr die Leitung des grossen Haushalts, unterstützt vom Herrn Konzertmeister, dessen Zudringlichkeiten sie in Routine erledigt wie den Einkauf oder den Wochenputz. Gemeinsam mit ihm macht sie die Menüplanung, je nach Laune stellt sich der Herr auch mal selbst an den Herd, die Hauptarbeit jedoch bleibt bei Lina, das Einkaufen und das Rüsten, die Wäsche und der Abwasch, das Fegen und Wischen, und auch das Trösten der Kinder und das Gutenachtritual. Denn mit Kindern kann Vater Gauck es ganz und gar nicht, für ihn sind sie Wesen von einem anderen Planeten. Er flieht vormittags in sein Musikzimmer, dorthin, wo seine Geige wartet, seine Musikpartituren und auch der geliebte Flügel, auf dem er täglich spielt. Und in dessen mächtigem Schatten sich die kleine Magda regelmässig versteckt. Unbemerkt schleicht sie jeweils in das verbotene Imperium, auf der Suche nach etwas väterlicher Nähe. Dieser Vater ist unendlich fern, bei Tisch schaut er die Kinder nicht an, es darf dort nicht gesprochen werden, das Streicheln zarter Kinderköpfchen ist für den Geiger Gauck ein Fingerspiel, das er nicht mal in Ansätzen kennt. Und abends, wenn es darum geht, die aufgeregten Kinderherzen in den nächtlichen Schlaf zu begleiten, ist er sowieso meist ausser Haus, an einer Probe oder einem Konzert.
Das Hausmädchen Lina muss also mit ihrer Beständigkeit ein Stück weit sowohl Vater wie Mutter ersetzen. Wobei für die Kinder kein Zweifel bleibt, dass Lina nicht Erzieherin, sondern Dienerin ist und dazu da, Wünsche zu erfüllen, Befehle auszuführen und Ende Woche der Frau Mama alles genau zu berichten. Die wichtigen Regeln, das wissen sie, setzen in diesem Haus andere, werktags der Hausherr mit seinen preussischen Prägungen, am Wochenende die heimkehrende Frau Gauck, die rauschend ins Haus fährt, eine mächtige Königin, bepackt mit Taschen voller Mohrenköpfe und anderer Süssigkeiten, mit denen sie Schuldgefühle abträgt und Kinderherzen einfängt. Er ist geizig, sie zeigt sich grosszügig. So weiss es Lina zu erzählen, so bestätigen es die jüngeren Kinder der Familie. Für Magda, die Jüngste, geraten diese Wochenenden oft zu eigentlichen Torturen. Erst wird Lina zum Wochenrapport zitiert, sie soll erzählen, was die Kinder so alles getan oder eben nicht getan haben, danach wird ordentlich gelobt und getadelt und bestraft. Tage der Abrechnung. Angereichert mit den unvermeidlichen Streitereien der Eheleute, bei denen die cholerische Maria Gauck ihren Mann regelmässig zur Schnecke macht. Lina bekommt dabei eindrücklich vorgeführt, dass es nicht lohnt, sich mit der Dame des Hauses anzulegen. Nicht als ihr Ehemann, nicht als ihr Kind und schon gar nicht als Dienstmädchen in ihren Gnaden. Und sie registriert, dass die Frau Konzertmeisterin, wenn es denn sein muss, ebenfalls zuschlagen kann, genau wie früher ihr Vater. Das macht ihre Ängste nicht kleiner.
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