Kitabı oku: «Britta und ihr Pony»
Lisbeth Pahnke
Britta und ihr Pony
SAGA Egmont
Britta und ihr Pony
Aus dem Schwedischem von Herta Weber-Stumfohl nach
Britta och Silver
Copyright © 1969, 2017 Lisbeth Pahnke Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711520765
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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Der erste Schnee
„Mit einem „Hej!“ sprang ich an einem kühlen Sonntagvormittag Mitte November vor dem kleinen Stall in Gransjö von meinem Fahrrad. Eva Lena, meine Freundin, fand ich in heller Erregung über „Silber“: Er hatte sich in der Nacht von seiner Box losgerissen und war im dunklen Stall wie ein Wilder herumgetobt.
„Als ich heute früh hierher kam, begrüßte er mich an der Stalltüre mit der Striegelbürste zwischen den Zähnen!“ erzählte sie. „Du liebe Zeit, der hatte eine Unordnung gemacht! Den ganzen Vormittag schufte ich schon und putze und räume hinter ihm her.“
Ich lachte. Es war schön, wieder einmal in Gransjö zu sein, bei den Ponys hier war immer etwas los. Und ich liebte diesen Stall, eben weil er so klein und gemütlich war; nur zwei kleine Boxen gab es. In der einen stand Eva Lenas kohlschwarzes Gotland-Pony „Lilleman“, ein rundlicher und robuster kleiner Kerl, mit Beinen wie prächtige Prügel Holz und mit einer dichten, schwarzen Mähne, die allem Bürsten und Striegeln zum Trotz eigenwillig gesträubt blieb. Unter den gelockten Schopfhaaren blitzten zwei lebhafte, mutwillige Augen. Lillemans Nachbar in der anderen kleinen Box war ein lebhafter Junghengst, das schönste Pony, das ich je gesehen hatte. Alles an ihm verriet edles Blut, von dem kleinen Kopf, wie ihn nur Araber haben, bis zu dem stolz getragenen Fasanenschweif. Dieses Pony hieß Silber, denn es war ein herrlich dunkler Grauschimmel. Von seiner Stirn zog sich ein in schmaler Spitze endender Stern bis zu den Nüstern hinunter. Silber war erst anderthalb Jahre alt und deshalb weder zugeritten noch eingefahren. Eva Lenas Großvater, ein ehemaliger Pferdehändler, hatte den kleinen Waleshengst als Fohlen gekauft. Sicher würde er in ein paar Jahren ein wunderbares Reitpferd sein, davon war ich überzeugt lebhaft, bewegungsfreudig, schnell auffassend und immer vornweg. So sah ich Silber in meinen Träumen schon vor mir und pflegte ihn, als sei er mein eigenes Pferd. Dabei wußte ich genau, daß ich diesen herrlich-verrückten Wildfang, der in seinem jugendlichen Unverstand tausend Torheiten beging, wohl nie besitzen würde.
Wir machten uns an das Striegeln der Pferde. Lilleman und Silber hatten schon ihren Winterpelz, sie waren also recht langhaarig, wir hatten unsere liebe Not mit den beiden. Trotzdem machte die Arbeit Spaß, und nebenher plauderten wir munter drauflos. Ich mußte natürlich von der Hubertusjagd unserer Reitschule berichten, die sich auf meinem Lieblingspferd, dem großen, braunschwarzen Rinaldo, mitgeritten war, Eva Lena erzählte, wie es ihr und den Ponys in den letzten Wochen ergangen war.
„Aber so sehr lustig war es nicht, du hast mir sehr gefehlt, Britta“, sagte Eva Lena.
„Das glaube ich dir“, neckte ich sie. „Du mußtest in dieser Zeit ja beide Pferde allein pflegen!“
„Willst du nett sein? Geh doch mal hinaus und sieh nach dem Wetter! Ob es am Ende regnet, oder ob wir die Pferde hinausführen können“, bat Eva Lena und klopfte zum letztenmal den Staub aus der Bürste. „Vorhin ist es ja ganz düster geworden.“
Ich schlenderte gemütlich dem Ausgang zu – aber was mußte ich sehen, als ich aus der Stalltüre trat: Große weiße Flocken fielen leise auf die schon schneebedeckte Wiese herab!
„Eva Lena – es schneit!“
Eine Weile standen wir ganz still in der offenen Stalltür und sahen zu, wie die weichen Schneeflocken immer dichter vom Himmel herabfielen und alles weich und zärtlich einhüllten.
„Die Ponys!“ riefen wir dann wie aus einem Munde. „Silber und Lilleman sollen auch den ersten Schnee erleben!“
Also stiefelte ich wieder dem Stall zu, um Silber herauszuführen. Er schien zu spüren, um was es ging; ich konnte kaum sein Halfter aufknüpfen, so aufgeregt schlug er mit dem Kopf.
„Halte still, du kleiner Racker!“ schimpfte ich zärtlich. „Und trample nicht immer auf meinen Zehen herum!“ ermahnte ich ihn, als ich ihn in der schmalen Box wenden ließ.
An der Stalltür blieb Silber jäh stehen und blickte erstaunt auf das weiße Land hinaus. Dann zog er die frische Luft tief in die Lungen ein und war mit einem mächtigen Satz auf dem Hof draußen. Wieder blieb er mit steifen Beinen stehen, schnaubte verwirrt, und stieß Luft durch die Nüstern. Dann versuchte er ein paar trippelnde Schritte, als fürchte er, all dies Weiße und Kalte halte seinen Hufen nicht stand. Bald aber wurde er mutiger, beugte den Kopf und schnupperte am Schnee. Dabei wirbelte er ein paar Schneeflocken auf, sie flogen ihm entgegen und kitzelten ihn an den Nüstern. Wieder schnaubte er, begann zugleich mit den Vorderfüßen den Boden aufzuwühlen und immer mehr Schnee aufzuwirbeln. Helle Freude glänzte in seinen Augen, er legte sich auf den Boden und rollte sich hin und her, bekam Schnee in die Ohren, in die Augen und in die Nüstern, flog wieder hoch, schnaufte, schnaubte und wieherte, legte sich von neuem auf den Erdboden und rollte sich im Schnee. Eva Lena und ich brachen in lautes Lachen aus.
Nun holten wir auch Lilleman heraus. Weitaus selbstsicherer als Silber trabte er auf den Plan, seine Augen blitzten vor Unternehmungslust. Ihm war es genug, nur ein wenig mit den Vorderhufen den Boden zu kratzen, dann legte auch er sich hin und wälzte sich, einmal von links nach rechts und einmal von rechts nach links. Schließlich nahmen wir die beiden Pferde auf einen langen Spaziergang durch den Wald mit. Lilleman trabte munter dahin, Silber aber tanzte durch den Neuschnee, daß es rund um ihn nur so wirbelte.
Unsere Reithalle lag am Stadtrand, drei Kilometer von Gransjö entfernt. Sie war alt und schon recht baufällig, aber wir alle, die wir dort zur Reitstunde gingen, kümmerten uns wenig darum, wenn es manchmal durchs Dach regnete. Wir fanden auch nichts daran, daß auf der Empore nur ein einziger Stuhl stand. Wichtig waren uns nur die Kameraden und die Pferde – vor allem die Pferde, denn durch sie allein waren wir verbunden und fühlten uns hier zu Hause. Der Mittelpunkt aber war natürlich Onkel Magnus, unser beliebter Reitlehrer und außerdem ein berühmter Rennreiter. Im Ausland kannte man seine beiden Springpferde Don Dinero und Djinn ebenso gut wie in Schweden.
Unsere Reitstunden waren immer lustig, und ich ging nun schon seit ein paar Jahren mit denselben Kameraden zum Unterricht. Gunnel, Lasse, Helena und ich, wir hielten stets zusammen. Gunnel, Onkel Magnus’ Tochter, war die älteste. Sie ritt auch am besten von uns allen. Natürlich hatte sie ihr eigenes Pferd, eine feine, zierliche braune Stute; sie hieß „Trixi“ und hatte an den Hinterfüßen weiße Fesseln.
Lasse, siebzehn Jahre alt, war groß und hatte dunkles Haar. Auch er ritt sehr gut; am liebsten ritt er den schönen Fuchs „Mister“. Helena war ein Jahr jünger als ich, also dreizehn; die Glückliche – auch sie hatte ein eigenes Pferd, „Hexe“, ein ganz köstliches, ungestümes Tier, dessen Mähne lustig nach allen Himmelsrichtungen stand. Hexe warf jeden Reiter ab, so schnell es nur ging, auch Helena. Aber Helena lachte nur darüber.
Zu unserer Gruppe gehörten im Unterricht auch Marita und Anna. Marita ritt meist auf „Rex“, Anna auf „Fuchs“. Rex war schon recht alt und hatte steife Beine; niemand konnte begreifen, daß Marita so gern auf ihm ritt. Fuchs war das genaue Gegenteil: ein großes, elegantes Pferd. Er paßte sehr gut zu Anna, die sich ja auch groß vorkam und immer in elegantem Reitdreß erschien. Wir mochten Anna nicht.
Mein Lieblingspferd war Rinaldo, ein kräftiges, dunkelbraunes Tier, lebhaft und doch folgsam, weich im Galopp und herrlich zum Springen – ein ideales Pferd. Onkel Magnus sagte zwar immer wieder, ein guter Reiter müsse auf jedem Pferd reiten können. Natürlich wußte er, daß jeder von uns sein Lieblingspferd hatte, aber er war gar nicht damit einverstanden, wenn wir es jede Reitstunde wieder haben wollten. Wir bekämen weit mehr Erfahrung im Reiten und mit Pferden überhaupt, wenn wir immer wieder ein anderes Pferd ausprobierten, meinte er. Er hatte auch sicher recht – kein Zweifel –, als er eines Donnerstags sagte, ich solle diesmal nicht Rinaldo, sondern Fuchs im Unterricht reiten. Innerlich protestierte ich wild dagegen, vor allem, weil Anna meinen Rinaldo bekam! Fuchs war viel zu hoch für mich, für meine kurzen Beine. Als ich dann mit einem Riesenschwung doch im Sattel saß, kam ich mir recht verloren vor. Obwohl ich mich bemühte, ihn ebenso weich wie Rinaldo zu reiten, und ich auch ganz bei der Sache war, so ging doch alles verkehrt. Mir jedenfalls kam es so vor: Die Wende auf der Hinterhand mißlang; Onkel Magnus machte ein höchst kritisches Gesicht. Als wir galoppieren sollten, brauchte ich eine halbe Runde durch den Saal der Reitschule, bis ich Fuchs endlich im Galopp hatte. Und wie immer sah Onkel Magnus jeden Fehler.
„Der Fuchs liegt falsch im Galopp!“ stellte er fest. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mein Pferd wieder in Trab zurückzunehmen und dann nochmals zum Galopp überzugehen.
Die Unterrichtsstunde war beinahe zu Ende, als wir alle über ein Hindernis an der Längsseite des Reitsaales springen sollten. Anna sollte anfangen; sie sah recht verbissen drein, als sie auf die Spur hinausritt. Vielleicht war ihr Rinaldo ebenso fremd, wie mir ihr Fuchs – aber dieser Gedanke kam mir erst viel später.
Wenn ich jetzt auf Rinaldo säße! dachte ich in diesem Augenblick. Hoffentlich wirft er sie ab!
Ob man jemals anderen Böses wünschen würde, wenn man glaubte, es könne in Erfüllung gehen? Anna fiel tatsächlich vom Pferd. Sie nahm die Kurve an der Querseite viel zu schnell, kam zu plötzlich an das Hindernis; Rinaldo rutschte aus und stürzte. Anna wurde im Sturz abgeworfen und hatte ein Bein unter dem schweren Körper des Pferdes.
Irgend jemand schrie auf – vielleicht ich – und dann war es unheimlich still im ganzen, großen Tattersall. Rinaldo lag unbeweglich und stöhnend am Boden, Anna jammerte leise. Schließlich kam das Pferde wieder auf die Beine; es schien unverletzt und hatte nur durch den Sturz die Luft verloren. Aber Anna rührte sich nicht. Onkel Magnus war mit einem Satz neben ihr: sie war ohnmächtig, und der eine Fuß, der unter dem schweren Pferd eingeklemmt worden war, stand in einem sonderbaren Winkel von ihrem Bein ab.
„Gunnel, du übernimmst hier die Aufsicht, ich fahre Anna sofort in die Klinik, ich glaube, sie hat sich den Fuß gebrochen.“ Onkel Magnus’ Stimme klang ernst und befehlend. Aus den Reihen der Zuschauer lösten sich einige Leute und halfen Onkel Magnus, die Bewußtlose ins Auto zu tragen.
Aus dem Springen wurde für uns nichts mehr. Wir saßen ab, alle sehr bedrückt, und bezahlten Gunnel unsere Reitstunde. Sie hatte nun die Pferde für die nächste Unterrichtsstunde einzuteilen und begann kurz danach mit der nächsten Gruppe. Von unserer Gruppe blieb nur ich zurück; ich mußte unbedingt wissen, wie es Anna ging, ich mußte auf Onkel Magnus warten.
Ich kann doch wirklich nichts dafür, ich meinte es nicht so! versuchte ich mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Oh, wie konnte ich nur wünschen, daß sie vom Pferd fallen solle?
Nach einer halben Stunde kam Onkel Magnus zurück, und ich lief ihm sofort entgegen.
„Was ist mit Anna los, wie geht es ihr?“ Ich fühlte mich elend und spürte, wie mir alles Blut aus dem Gesicht wich.
„Sie hat sich das Fußgelenk gebrochen und wird wohl eine Zeitlang nicht reiten dürfen, sonst aber scheint alles in Ordnung zu sein.“ Onkel Magnus sah mich nachdenklich an: „Aber was ist denn mit dir los, du bist ja ganz weiß im Gesicht? Anna ist ja nicht gerade deine beste Freundin, soviel ich weiß?“
„Nein – aber gerade deshalb! Ich … ich wünschte ihr nämlich, sie solle fallen.“ Ich wagte es nicht, Onkel Magnus anzusehen, bemerkte aber doch ein leises Lächeln in seinen Mundwinkeln.
„Was geschehen ist, hat Anna sich ganz und gar selbst zuzuschreiben. Sie ritt viel zu schnell und nachlässig in die Kurve hinein – das weißt auch du. Deshalb sollst du dir über ihren Sturz keine Vorwürfe machen … und wenn du dich ehrlich fragst, dann hast du es doch gar nicht ernsthaft gewollt. Stimmt es nicht, was ich sage?“
„Natürlich habe ich es nicht gewollt.“ Voll Dankbarkeit sah ich zu ihm auf. Wie gut er uns immer verstand.
Das Weihnachts-Springturnier rückt näher
„Heute können wir sie bestimmt nicht ausführen“, sagte ich traurig zu Eva Lena und blickte ärgerlich auf den Weg hinaus. „Dieser elende Schneematsch ist über Nacht gefroren! Wie die Wege jetzt aussehen, wäre es lebensgefährlich, unsere Pferde auszureiten.“
Eva Lena schaukelte auf ihrem Küchenstuhl.
„Ich weiß! Silber wird mir noch ganz verrückt – es war ja gestern und vorgestern genauso –, und wenn man nur zu ihm hinschaut, bäumt er sich schon auf. Aber gerade ihn können wir nicht hinauslassen, denn er ist ja noch nicht beschlagen. Vermutlich könnten wir ihn auch kaum halten, jetzt, nachdem er drei Tage lang im Stall gestanden hat. Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn wir ihn auf das Glatteis hinausließen!“
„Und Lilleman? Er hat ja Hufeisen. Wenn wir ihm noch Eisnägel aufsetzten? Habt ihr Eisnägel im Stall?“
„Komm mit, wir fragen Großvater!“
Wir stürzten die Kellertreppe hinunter, stolperten über ein paar riesengroße Gummistiefel und fielen beinahe auf Eva Lenas Großvater, der mit einer Tischlerarbeit an seiner Arbeitsbank stand. Er lachte über uns, die wir wie die wilde Jagd daherkamen, und sagte: „Gut, daß ihr kommt, Mädchen, nun könnt ihr mir gleich helfen, den Schleifstein zu drehen!“
Wir halfen gern. Im Keller roch es gut, eine Mischung von Leder, Holz und Malerfarbe hing in der Luft. Eva Lena fragte, ob es Eisnägel im Stall gäbe.
„Es müßten wohl welche da sein“, sagte der Großvater nachdenklich mit seiner typischen Altmänner-Bedachtsamkeit. „So. Ich meine, nun taugt die Axt wieder.“ Dann zog er eine Schublade auf und suchte in den vielen, mit Nägel angefüllten Fächern herum. „Da haben wir sie schon! Wieviele braucht ihr? Vier an jedem Hufeisen, das ist richtig“, antwortete er sich selbst. Dann wandte er sich wieder an uns: „Am besten gehe ich mit euch in den Stall hinauf und zeige euch, wie man ein Pferd mit Eisnägeln beschlägt.“
„Wir nehmen ihn aus der Box, drin ist es so dunkel“, sagte Eva Lena, als wir in den Stall kamen. Also führten wir Lilleman aus seinem Verschlag heraus, bis an die Stalltür, wo das helle Tageslicht einfiel. Silber biß ungeduldig an seinem Halfterband und schlug gegen die Wände seiner Box, daß man meinen konnte, es wären fünf Pferde darin.
„Aber Silber!“ rief ich ihn leise an. „Silber, Kerlchen!“
Sogleich wurde er ruhig, stand mucksmäuschenstill da und horchte auf meine Stimme. Und wieder redete ich ganz leise und zärtlich mit ihm:
„Du Schlingel, hast du rechte Langeweile? Gibt es denn niemanden auf der ganzen Welt, der sich um dieses liebe kleine Pferd kümmert?“
Silber sah aus, als täte er sich selbst leid. Ich mußte lachen und ging zu ihm in die Box, um ein bißchen mit ihm zu schmusen. Sein langer grauer Haarschopf hing weich und gewellt beinahe bis zu den Nüstern hinunter.
„Du bist ein richtiger kleiner Wilder“, sagte ich und strich ihm weich über das Maul. Und wie immer, wenn man sich mit ihm beschäftigte, hielt Silber ganz still und war sehr friedlich gelaunt. Er mochte es gern, wenn man ihn hinter den Ohren kraulte, und er ließ sich auch gern striegeln. Als ich die Box wieder verließ, schlug er ärgerlich nach hinten aus und warf den Kopf zurück, daß das Weiße seiner Augäpfel unter dem dichten Haarschopf hervorblitzte.
Inzwischen hatte Eva Lenas Großvater Lillemans linken Vorderfuß angehoben und zeigte uns, wie man einen Eisnagel einschlagen muß, damit er gleich oberhalb des Hufeisenrandes hervorragt.
„Ganz wichtig ist, den Eisnagel im richtigen Winkel anzusetzen“, erklärte er, „denn sonst kann es vorkommen, daß er in den Huf des Pferdes eindringt und ihn verletzt.“
Dann durften Eva Lena und ich jeweils an einem Hinterfuß die Eisnägel einschlagen; das war gar nicht so leicht, denn Lilleman hing mit seinem ganzen Gewicht an uns, als verlagere er sein Gewicht just auf das Bein, an dem wir arbeiteten. Schließlich hatten wir es aber doch geschafft und begutachteten voller Bewunderung unser Werk. Lilleman aber wollte sofort die Schärfe seiner neuen Eisnägel erproben und wählte dafür – meine armen Fußspitzen!
„Au!“ schrie ich laut auf. „Lilleman, du kleiner Satan, wirst du von meinen Zehen heruntersteigen!“
Lilleman rührte sich nicht.
„Du Trampeltier, wie denkst du dir das eigentlich!“ schimpfte ich und versuchte ihn wegzudrücken. Oh weh, mein neuer Reitstiefel! Ich war wirklich wütend auf Lilleman; als er endlich von meinem mißhandelten Stiefel hinunterstieg, seufzte ich zwar erleichtert auf, mußte aber zugleich betrübt feststellen, daß die Kappe des Stiefels nach innen gedrückt war. Der hatte einmal besser ausgesehen!
Während Eva Lena das Pony anschirrte, hüpfte ich jammernd auf einem Bein herum. Dann aber half ich ihr doch, denn wir wollten diesmal mit dem Roadcart, dem zweirädrigen Sportwagen, fahren. Als wir fertig waren und losfuhren, wieherte Silber laut und klagend; ich wünschte mir für ihn, daß bald besseres Wetter käme, damit auch er wieder aus dem Stall durfte. Er würde ja nun in seiner Box herumtoben, ich konnte es mir lebhaft vorstellen!
„Ihr könntet übrigens an dem Sägewerk vorbeifahren und ein paar Säcke Sägespäne mitbringen“, sagte Eva Lenas Großvater, als wir losfuhren. Also bogen wir in den Weg zum See hinunter ein. Die Eisschicht der Wasserlachen zerbrach knirschend unter unseren Rädern, wir schaukelten auf dem zerfurchten Weg hin und her. Lilleman fiel zwischendurch immer wieder in Galoppsprünge, als fürchte er sich vor etwas, trabte dann aber wieder ruhig und sicher dahin. Eva Lena und ich wechselten uns ab, jede wollte eine Zeitlang die Zügel halten.
Plötzlich mußte ich an Hakan Bohlin, den früheren Besitzer von Lilleman, denken: was würde er wohl sagen, wenn er uns jetzt sehen könnte – er würde es nicht wahrhaben wollen! Lilleman war früher immer nur bockig und unmöglich, solange Hakan sein Herr war. Noch vorigen Sommer hatte er mich abgeworfen, als ich auf dem Bohlinschen Weideplatz versuchte, Lilleman zu reiten. Seit Eva Lena nun das Pony betreute, war es wie verwandelt, ein gänzlich neues Pferd geworden.
Als wir zurückkamen, lud Eva Lenas Mutter zu Kakao ein; es tat gut, sich aufzuwärmen, und es schmeckte köstlich. Dann saßen wir noch eine Weile in der Küche und putzten Lillemans Geschirr.
„Das ist doch verrückt“, klagte Eva Lena, „Lillemans Zaumzeug ist immer viel schmutziger als Silbers.“
„Vermutlich hast du es schon lange nicht ordentlich geputzt. Es kann auch damit zusammenhängen, daß du dein Pferd nicht gründlich striegelst“, antwortete ich mit belehrendem Ton.
„Puh!“ Eva Lena lachte mich aus. „Du weißt genausogut wie ich, daß an diesen alten Riemen und Zügeln der Schmutz viel leichter hängen bleibt, als an Silbers neuem Zaumzeug.“
„Wer recht hat, gibt meist auch nach“, resignierte ich lachend. Und dann plauderten wir über etwas anderes.
„Dieser Herbst ist wahnsinnig schnell vergangen, findest du nicht auch?“ sagte Eva Lena.
Ich stimmte zu: „Bald findet das Weihnachts-Springturnier im Tattersall statt.“
„Bombig! Wirst du mittun?“
„Klar! Nur eines ist scheußlich: die Pferde werden nämlich ausgelost. Also habe ich die Chance 1:8, meinen geliebten Rinaldo zu bekommen, und bei meinem sprichwörtlichen Pech …“
*
Als ich ein paar Tage später zum Reitstall kam, sagte Marita ungefähr genau das gleiche:
„Ich würde so gerne auf Menuette springen, aber bei meinem ewigen Pech ziehe ich bestimmt das Los für eines der neuen Pferde, für Pünktchen oder Bella Donna oder für irgendein Pferd, auf dem ich noch nie gesessen habe.“ „Willst du nicht auf Rex springen?“
Marita lachte nur: „Das wäre die sicherste Methode, drei Verweigerungen einzustecken!“
Am nächsten Tag hatte ich schulfrei und von Papa und Mama die Erlaubnis erhalten, eines der Pferde zum Backastall heimzureiten. Der lag etwa eine Stunde entfernt, am anderen Ende der Stadt. Diese Erlaubnis war ein seltener Glücksfall, denn es wurde dann immer recht spät, bis ich wieder zurück war und „… die Schularbeiten dürfen nicht vernachlässigt werden, nur, weil du mehr Lust zum Reiten has …“, pflegte Mama zu sagen.
Onkel Magnus hatte mir erlaubt, Rinaldo zu reiten; nun saß ich unter den Zuschauern und wartete, bis es endlich neun Uhr wurde und die letzte Reitstunde zu Ende war. In dieser letzten Stunde am Tag ritten meist nur Erwachsene; einige von ihnen kannte ich noch von der Hubertusjagd im vergangenen Herbst.
Endlich war es so weit; Reiter und Zuschauer verschwanden langsam im Dunkel. Bald waren nur noch wir da, die bestimmt waren, die Pferde heimzureiten. Onkel Magnus holte die Reflexlichter aus seiner großen Achseltasche und beaufsichtigte uns, während wir sie an den Beinen der Pferde befestigten; es mußte genau und ordentlich gemacht werden. Dann fuhr er in seinem schwarzen Auto nach Hause. Bald darauf bewegte sich unsere kleine Reitergruppe an dem kleinen Bach entlang; in dem dunklen Wasser spiegelten sich die Lichter der Stadt.
Beim großen Stall mitten in der Stadt machten wir halt: Wer Menuette, Pünktchen und Bella Donna geritten hatte, mußte hier absitzen. Aber auch Gunnel saß ab, denn Trixi, Hexe und Rex sollten auch hier übernachten und am nächsten Morgen frisch beschlagen werden.
„Habt ihr denn wirklich noch für drei Pferde Platz?“ fragte Lasse etwas zweifelnd.
„Doch, denn zwei Boxen stehen ja leer, zudem ist Deserteurs Box auch noch frei, er steht jetzt gleich neben der Tränke“, sagte Gunnel und öffnete die Stalltür.
„Na, dann wird’s ja klappen“, antwortete Lasse. „Hej! Bis morgen!“
Nun waren wir also nur noch zu dritt, und ganz plötzlich war es sehr still zwischen uns. Nur das Klappern der Hufe auf dem nassen Asphalt war zu vernehmen. Es war ein dunkler Abend, am schwarzen Himmel blitzten die Sterne. Als die Stadt hinter uns lag und wir die freie Landstraße erreicht hatten, versuchte Lasse im Sattel stehend zu reiten. Wir anderen blieben im Schritt, aber Bengt, der Junge aus Dänemark, wollte nun auch ein paar Akrobatik-Kunststücke auf dem Fuchs probieren. Um Bengt zu ärgern, trieb Lasse seinen Mister unerwartet zum Trab an, und Bengt fiel auch prompt mit einem Plumpser in seinen Sattel zurück. Der Fuchs mit seinem empfindlichen Rücken war sicher nicht sehr begeistert darüber! Dann ritten wir eine Weile wie vernünftige Leute weiter, bis uns die Stille rundum dazu verlockte, die Zügel locker zu lassen; wir legten uns zurück auf die Rücken unserer Pferde und schauten zu den Sternen empor.
„Das Glück der Erde liegt doch auf dem Rücken der Pferde“, träumte ich vor mich hin und merkte gar nicht, daß die beiden Jungen wieder in Trab übergegangen waren. Rinaldo aber schien es nicht zu gefallen, auf dem Heimweg so allein gelassen zu werden: Mit einem Satz wollte er die Kameraden einholen und fiel damit in einen recht unausbalancierten Galopp. Mich riß er damit in die Wirklichkeit zurück – zum Glück! Denn just in diesem Augenblick brummte ein Auto hinter uns, natürlich mit offenem Scheinwerfer, dessen Lichtstrahlen Rinaldo und mich in gespenstischen Schattenfiguren auf den Weg vor uns warfen. Rinaldo wollte schon scheuen, ich hatte alle Mühe, ihn zu beruhigen. Nun hatten wir aber auch unsere Kameraden eingeholt und retteten uns auf die Innenseite von Bengt und Lasse, während das Auto uns überholte. Das letzte Stück bis zum Backastall ritten wir alle drei im Schritt. Lasse führte Trixi in Misters Box, damit die drei Pferde nebeneinander stehen konnten. Wir versorgten sie noch für die Nacht. Als alle genug Futter hatten, war nur mehr zufriedenes Kauen zu hören, hie und da unterbrochen von gierigem Wassersaufen eines Pferdes. Gegen zehn Uhr abends waren wir mit allem fertig; während wir auf unseren Bus warteten, lieferten wir uns eine Schneeballschlacht und plauderten über das bevorstehende Weihnachtsspringen.
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