Kitabı oku: «Aufgesessen, Anja!»
Lise Gast
Aufgesessen, Anja!
Bilder von Kajo Bierl
Saga
Aufgesessen, Anja!
© 1976 Lise Gast
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711508343
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
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Ein toller Plan
„Anja? Grüß dich, hier ist Petra. Hör zu, du mußt unbedingt – ach so, Verzeihung! Ja, hier ist Petra Hartwig. Kann ich Anja sprechen? Oder ist sie nicht da?“
„Doch doch, sie ist da. Ich hol’ sie.«
Mutter seufzte und legte den Hörer hin. Seit ein Telefon in der Wohnung war – Vater hatte es ihr zu Weihnachten geschenkt –, klingelte es zu jeder Tageszeit, und wenn man alles aus den Händen warf, was man gerade vorhatte – entweder eins der Babys wickelte oder die Hände im Kuchenteig stecken hatte –, dann war es meistens Petra.
„Ist Anja da?“
„Ich muß Anja sprechen –“
„Kann Anja zurückrufen, wenn sie kommt?“
„Ich ruf noch mal an –“ Es war kaum zu ertragen. Mutter versuchte sich mit dem einsichtigen Gesangbuchvers zu trösten, der da heißt: „Alles Ding hat seine Zeit ...“, und sich zu sagen, daß auch die aufregendsten technischen Dinge eines Tages den Reiz verlieren und alltäglich uninteressant werden. Aber noch befand sich das Telefon nicht darunter. Sie ging, die Tochter zu suchen.
Anja saß in ihrem Zimmer, das heißt, sie lag über das Bett hingeworfen, das Mutter vorhin so schön gemacht hatte, ihre Stiefel bildeten ein Stilleben auf der Erde, und der Anorak hing schief auf der Stuhllehne. Mutter holte Atem, um etwas zu sagen, hielt dann aber inne. Es war so zwecklos ...
„Anja?“
„Hm?“
„Könntest du nicht –“ setzte Mutter nun doch an, ließ es aber dann lieber bleiben.
„Petra ist am Telefon.“
„Petra?“
Sofort war Anja munter. Sie warf das Buch weg, in dem sie gelesen hatte, sprang auf und rannte los, an Mutter vorbei und durch den Flur ins Wohnzimmer.
„Ja?“ fragte sie atemlos in den Hörer.
Mutter war in Anjas Zimmer zurückgeblieben. Mechanisch hob sie die Stiefel auf, stellte sie nebeneinander an die Heizung und angelte nach der Gerte, die halb unter dem Bett hervorsah. Mit dem Ordnunghalten soll es ja nach den neuesten Erkenntnissen der Erziehung ähnlich sein wie mit der Sauberkeit des Kleinkindes: Hat man genug Geduld, so stellt sie sich eines Tages von selbst ein. Dieser Tag erschien Mutter weltenfern ...
Sie ging hinüber. Anja hockte auf dem Schreibtisch ihres Vaters, baumelte mit den bestrumpften Beinen und sprach und lachte ins Telefon. Sie sah bezaubernd aus, fand Mutter: das Gesicht unter den kurzen Haaren munter und lebendig, die Haut glatt und ganz leicht bräunlich, die Augen blitzend. Mutter erinnerte sich nicht, sie je so gesehen zu haben, wenn sie sich mit ihr oder Vater unterhielt. Nun ja, es war Petra, ihre Freundin, ihre angebetete, zwei Jahre ältere, großartig reitende und auch sonst in jeder Beziehung nachahmenswerte Freundin, mit der sie sprach. Freundinnen sind wichtig, gerade in diesem schwierigen Alter.
„Na sicher! Aber klar! Denkst du, ich möchte nicht?“
Endlich legte sie auf.
„Mutter, ich muß unbedingt – –“
„Was mußt du denn wieder unbedingt?“ fragte Mutter und ärgerte sich, obwohl sie es nicht wollte. „Immer mußt du unbedingt etwas, wenn Petra anruft. Immerzu –“
„Aber das ist ein wirklicher Notstand! Das ist was ganz Wichtiges! Das ist –“
„Was um Himmels willen ist denn nicht wichtig, wenn es von Petra kommt“, sagte Mutter. Ihr Ton war jetzt so, daß Anja erschrocken zu ihr herübersah.
Das wiederum tat Mutter leid.
Nein, es war nicht leicht. Von einer Mutter wurde wahrhaftig einiges verlangt: der Tochter gerecht zu werden, während man zwei winzige Söhne zu versorgen hatte, die genug Arbeit machten, den Mann nicht zu vernachlässigen und dabei freundlich, geduldig und immer fröhlich zu sein, allezeit, in allen Situationen. Auch, wenn die Tochter überhaupt nichts mehr von einem wissen wollte und nur noch an Petra und den Reitverein dachte, und das mit zehn Jahren ...
„Im Reitverein? Gar nichts“, sagte Anja jetzt gerade patzig, „und du erlaubst es ja doch nicht. Nie erlaubst du was. Petra darf, sie darf immer. Petras Mutter reitet selber und weiß deshalb –“
„Eine Mutter, die nicht reitet, gilt ja überhaupt nichts“, sagte Mutter, nun doch zornig geworden. „Immer nur Hartwigs, und wie schön es dort ist, und der Reitverein und –“
„Ist aber nicht im Reitverein –“ Anja schrie es beinahe, und so konnte es Vater, der gerade durch den Flur kam, sehr deutlich hören. Die Türen standen sowieso alle offen. Jetzt kam er herein, blieb vor seinen beiden Frauen stehen und sah sie an, die eine und die andere.
„Na?“ fragte er sachte, freundlich und belustigt, wie das meist seine Art war. „Ein Wintergewitter? Wie schön, das reinigt die Atmosphäre kurz vor dem Jahreswechsel.“
„Ach, Anja will –“
„Aber Mutter will nicht –“
„Ich habe überhaupt noch nicht –“
„Du hast gesagt –“
„Was denn?“ fragte Vater freundlich. Seine Art zu fragen war so, daß beide, Anja und Mutter, einen Augenblick innehielten und dabei, wie aus einem Mund, aufschnupften. Das klang so komisch, daß alle drei lachen mußten.
„Na, das war wenigstens ein Wort“, sagte Vater, obwohl keine eins gesagt hatte. „Nun kommt, ich mach’ uns einen schönen Silvesterpunsch! Warum sollen wir damit bis abends warten? Ein Glas trinken wir jetzt schon. Und dabei unterhalten wir uns sehr gemütlich und ganz ohne Aufregung. Nein, ich will jetzt nichts hören, erst gibt’s ein Glas heißen Roten, ich hab’ nämlich auch eins verdient. Draußen ist es ganz schön kalt.“
Er wandte sich um und ging zur Küche. Mutter und Anja folgten ihm. Beide waren tatsächlich schon wieder den Tränen nahe gewesen, Anja aus Wut und Mutter aus aufgestautem Kummer.
Wie gut, daß es Vater gab!
In der Küche war es warm und eigentlich sehr gemütlich, jedenfalls jetzt, da die Zwillinge nicht da waren. Sie schliefen, dick eingemummelt, in ihrem breiten Wagen im Gärtchen unten hinterm Haus, sorglich unter das schützende Dach der Veranda geschoben. Diese Stunden der „Winterfrische“ waren die einzigen des Tages, in denen man sozusagen Mensch war, meinte Anja. Sie hatte sich früher, als sie noch die einzige war, immer Geschwister gewünscht gehabt, aber jetzt kam sie sich manchmal vor wie der dumme Mann im Märchen, der sich tausend Taler gewünscht hatte, die nun auf ihn niederprasselten, so daß er stöhnte: „Es ist auch nicht das Richtige, wenn der Segen so knüppeldicke kommt.“ Zwei kleine Brüder auf einmal – was das bedeutete, konnte nur jemand nachfühlen, der ähnliches erlebte.
Ja, auch das Wünschen will gelernt sein!
„So, und jetzt raus mit der Sprache!“ sagte Vater und stellte drei Gläser auf den Tisch, vor jeden eins. In Mutters und seinem befand sich ein kräftiger Glühwein, in Anjas hatte er einen guten Schuß Apfelsinensaft dazugegossen, aber etwas Rotwein war auch dabei.
„Jetzt ist die Zeit der heißen Getränke, jetzt, zum Jahreswechsel“, sagte er behaglich, „vor allem diesmal, da wir ein programmäßiges Wetter bekommen haben. Prost, große Tochter, versuch mal, ob es schmeckt.“
O ja, es schmeckte. Anja fand zwar, daß der bitterliche Rotweingeschmack gut hätte fehlen können, aber dafür war es eben fast ein Erwachsenentrunk. Sie leckte sich die Lippen, nachdem sie das Glas abgesetzt hatte. Und jetzt fiel es ihr viel leichter, zu antworten, als Mutter nun erneut fragte – es war, als hätte Vaters Freundlichkeit zusammen mit dem heißen Getränk ihre Zunge gelöst.
„Petra will – eine Bekannte aus dem Reitverein, Dagmar, du kennst sie noch nicht, sie ist etwas älter als wir –“ setzte sie an. „Ja, sie haben zu Hause auch Pferde, und ihre Eltern sind verreist, und sie hütet das Haus und die Hunde und alles – die hat sich also die Hand gebrochen oder jedenfalls angebrochen, und jetzt war sie beim Röntgen und ist in Gips gekommen und kann gar nichts mehr tun, es ist auch noch die rechte –“
„Aha. Und was hat das alles mit dir zu tun?“ fragte Vater in seiner behutsamen Art, als Anja stockte. Sie sah ihn flehend an.
„Petra hat versprochen, dorthin zu gehen und ihr zu helfen, und da wollte sie – da will sie – es wäre doch besser, wir wären zu zweit –“
„Wo wohnt diese Dagmar denn?“ fragte Vater nach einer kleinen Weile. Anja gestand, daß sie das nicht wüßte. Vater meinte, das wäre dann wohl das erste, was man feststellen müßte.
„Irgendwo auf dem Land hier in der Nähe. Sie haben außer den Pferden auch Hunde –“
„Solche wie Onkel Kurt?“
Vater lachte. Kurt, sein jüngerer Bruder, der Tierarzt war, besaß eine große Menge winziger Hündchen, die Anja vor einiger Zeit kennengelernt hatte. Anja mußte auch lachen.
„Nein, solche nicht. Solche sind bestimmt sehr selten. Sie haben große. Eine Dogge, soviel ich weiß, und einen Windhund, aber einen anderen, wie man denkt – er ist nicht gefleckt –“
„Und was noch?“
„Mehr weiß ich nicht. Aber –“ Anja verstummte. „Vater“, sagte sie dann, und es klang auf einmal ganz erwachsen und vernünftig, „wir haben doch noch Ferien. Und wenn ich dorthin ginge, könnte ich vieles lernen beim Helfen. Ihr habt mir erlaubt, daß ich in den Reitverein gehen darf, ab Januar im nächsten Jahr, aber ich versteh’ doch gar, gar nichts von Pferden. Und dort sind welche, und ich könnte lernen, wie man mit ihnen umgeht, wie man sie putzt und was sie zu fressen bekommen und das alles. Petra kann das, ihre Eltern hatten immer Pferde, sie weiß alles, was ich noch nicht weiß. Ich könnte dort vielleicht auch ein Tagebuch schreiben. Nach den Ferien kriegt man in der Schule meistens einen Aufsatz auf: Mein schönster Ferientag oder so ähnlich. Da könnte ich alles genau beschreiben, einen Bericht, nicht nur so in der Phantasie, bei der alles nur ausgedacht ist, sondern wirkliche Tatsachen –“ sie verstummte. Vater lächelte ihr zu.
„Und damit du einen recht schönen, selbst erlebten Aufsatz schreiben kannst, willst du also mit Petra zu Dagmar? Nur deswegen?“ fragte er.
„Aber Vater! Natürlich nicht! Ich möchte halt gern hin, und Dagmar braucht wirklich Hilfe, das siehst du doch ein –“
„Und Mutter? Mutter bleibt ohne Hilfe?“
Anja schwieg. Was war dazu zu sagen? Hilfeflehend sah sie zu Vater hin. Der guckte verschmitzt.
„Hör zu, große Tochter“, sagte er. „Erst erkundigen wir uns mal bei Dagmar, ob sie wirklich Hilfe braucht. Vielleicht fahren wir einfach mal hin und sehen uns dort um. Ich habe ja auch noch Ferien, genau wie du. Wenn ich auch einiges tun muß, was ihr Schüler nicht braucht ... Lehrer haben es ja nicht so leicht wie ihr – ja, da könnte ich Mutter ja solange helfen, bis du wieder da bist. Solange ich keine Schule habe, könntest du Anja vielleicht entbehren, Mutter?“ fragte er vorsichtig.
Mutter schwieg.
„Wenn sie verspricht, später –“ sagte sie dann. Es klang zögernd, ein wenig mutlos. Anja hörte genau heraus, was sie jetzt dachte. Sie wurde dunkelrot.
„Versprechungen verlangen, sich auf später vertrösten zu lassen, das ist eine Sache, die ich eigentlich gar nicht gern habe“, sagte Vater, ehe Anja antworten konnte, und wiegte den Kopf. „Ich bin weniger für Versprechen als für Halten. Wollen wir es nicht Anja überlassen, ob sie nicht nur jetzt bei Dagmar, sondern später auch Mutter hilft, von sich aus? Auch, wenn wir keine Pferde und Doggen und keine Windhunde haben, sondern nur –“ er betonte dieses Wörtchen lustig und so, daß es wirklich keinem weh tun konnte – „ein paar süße kleine Buben, die eine große Schwester sehr nötig brauchen, neben der Mutter, wenn der Vater wieder Stunden halten und Hefte korrigieren muß? Na, wie wäre das?“
„O Vater! Ich verspre – – nein, du wirst es aber erleben! Darf ich? Darf ich Petra anrufen und ihr sagen –“
„Anrufen darfst du sie, sollst du sogar. Sie muß ja wissen, woran sie ist. Am besten, du sagst ihr, sie soll ganz schnell mal herkommen. Sie hat doch ein Fahrrad, oder? Na siehst du. Und da unterhalten wir uns erstmal ein bißchen mit ihr. Das weitere findet sich.“
„Danke! Danke! Ich ruf’ gleich an!“ Anja stürzte aus der Küche, gleich darauf hörten Vater und Mutter das leise „Kling“ des abgenommenen Hörers. Sie sahen einander an.
„Wir kennen doch die Leute gar nicht. Und Anja war noch nie allein weg von uns“, sagte Mutter. Es klang verzagt.
Vater lachte.
„Erstens kann man Leute, die man bisher noch nicht kannte, kennenlernen. Das heißt, wenigstens diese Dagmar mit der verknacksten Pfote. Das hab’ ich ja gesagt. Und allein fort? Sie geht ja mit Petra dorthin, und Petra und ihre Eltern kennen wir ja nun schon eine ganze Weile. Und“, er zog das Wort in die Länge und sah Mutter an, jetzt ernst, ein bißchen mahnend.
„Und?“ fragte sie, als er innehielt.
„Und? Auch kleine und bisher einzige Töchter werden eines Tages groß und wollen sich in der Welt bewähren, nicht nur immerzu zu Hause bleiben und Muttern helfen“, sagte Vater leise. „Hast du dir das schon mal überlegt? Diesmal ist es das erstemal, und alles, was das erstemal ist, ist eine große Sache. Besinnst du dich noch darauf, wie es war, als Anja das erstemal allein in den Kindergarten ging? Und das erstemal allein in die Schule ...“
Er sah Mutter an. Um ihren Mund zuckte es, aber sie versuchte zu lächeln. Er legte den Arm um ihre Schulter.
„Es wird ihr guttun, keine Frage“, sagte er herzlich, „und dir auch. Eine Trennung ist manchmal sehr heilsam, denn gar zu einig seid ihr ja wohl in letzter Zeit nicht gewesen, Anja und du, oder? Na also. Und dann hast du etwas, worauf du dich freuen kannst, wenn sie wiederkommt. Ist das nicht hübsch?“
Drüben telefonierte Anja, daß man denken konnte, der Telefondraht müßte ins Glühen kommen.
„Sicherlich erlauben sie es – aber wissen wollen sie natürlich, wo es ist – wir müßten jemanden finden, der uns hinfährt, meine Mutter ist nun mal so, immer hat sie Angst um mich. Ob deine Mutter es nicht täte? Die ist doch immer so toll – fragst du sie mal? O Petra, bis zum Schluß der Ferien sind es noch zehn Tage. Zehn Tage Pferde und Hunde und wir beide zusammen, und –“
Das alles in Lautstärke zwölf, als könnte Petra sie sonst nicht verstehen.
„Und – und – und –“
Vater und Mutter sahen einander an und mußten lachen.
Ja, es war wirklich ein toller Plan!
Wie manche Leute wohnen
Dagmars Eltern wohnten wirklich „hinter Pfui-Teufel“, wie man zu sagen pflegt. Frau Hartwig jedenfalls machte ein etwas pikiertes Gesicht, als sie den Wagen durch eine enge Kurve zog und immer noch kein Schild mit „Hinterhopfingen“ kam. Gerade hatten sie eine Brücke überquert, und der Nebel hüllte den Wagen ein, daß man mit Licht fahren mußte, und das am hellen Vormittag. „Wo mögen die Kinder wohl in die Schule gehen?“
„Sie fahren zweiundzwanzig Kilometer“, meldete Petra von hinten, die sich immer und überall orientierte, „und der Schulbus kommt auch nicht bis ran. Ich meine, bis an Dagmars Dorf. Sie muß früh ein ganzes Stück laufen.“
„Da habt ihr es ja gut dagegen“, sagte Mutter. Anja fand das wieder einen richtigen Mutter-Ausspruch. War es nicht viel romantischer, früh durch Nacht und Nebel laufen zu müssen, als vom Schulbus an der Tür abgeholt zu werden? Petra meinte das übrigens auch.
Sie fuhren eine enge Waldstraße entlang, dann kam ein Schild: Für Kraftfahrzeuge verboten, Anlieger frei. Frau Hartwig bog ein, ein wenig zweifelnd, ob es richtig war. Petra zappelte auf ihrem Rücksitz und deutete aufgeregt auf ein Stück Weideland, um das ein doppelter Drahtzaun lief, etwa in Höhe von fünfzig und achtzig Zentimetern. Der Draht ging von Pfosten zu Pfosten und war an honigfarbenen, durchsichtigen Haltern angebracht.
„Elektrozaun, das macht man für Pferde!“ verkündete sie aufgeregt. „Wir sind bestimmt richtig!“
Wirklich, jetzt kam ein Dorf. Keins, in dem reiche Fabrikanten sich geschmackvolle Eigenheime mit schönen Gärten gebaut hatten, sondern ein richtiges Bauerndorf mit Scheunen und Ställen. Ziemlich schmutzig, fand Anja, sagte aber nichts. Petra deutete wild winkend nach links.
„Dort müssen wir einbiegen, Dagmar hat mir’s am Telefon genau beschrieben. Ein schmaler Weg links, auf dem man nicht mehr umdrehen kann.“
„Und wie soll ich wieder rauskommen?“ fragte ihre Mutter und fuhr langsamer.
„Ach, irgendwie. Rückwärts vielleicht. Dort! Dort! Das Haus muß es sein! Seht ihr nicht, da hängen Hufeisen über der Tür!“
„Das hat nichts zu sagen, die gibt’s jetzt überall“, sagte Vater. „Hufeisen oder alte Wagenräder oder Mistkarren und solchen Klimbim – man ‚trägt Pferd’, das ist jetzt Mode.“
„Aber Nummer 69! Das hat Dagmar gesagt. Seht ihr nicht, dort hängt doch eine 69, aus Hufeisen gemacht!“
Wirklich, über der Tür des langgestreckten Bauernhauses rechts von der Straße hingen zwei alte, geschickt zurechtgebogene Hufeisen, dünngewetzt, blinkend, eins wie eine Sechs aufrechtstehend und eins daneben umgekehrt, wie eine Neun. „Hier ist es. Bestimmt, hier wohnen sie!“
Frau Hartwig fuhr dicht heran und hielt. Petra und Anja purzelten mehr heraus als daß sie ausstiegen, und gleichzeitig ging die Haustür auf. Ein junges Mädchen in Reithosen und Gummistiefeln trat heraus, mit einer Hand einen großen, schwarzen Hund am Halsband zurückhaltend, der vorwärts zog – die andere Hand war umwickelt. Das mußte Dagmar sein, kein Zweifel! Sie lachte den Ankommenden entgegen, das wunderschöne rötliche Haar aus der Stirn schüttelnd.
„Grüß dich, Dagmar“, schrie Petra aufgeregt, „kann ich sie halten? Die Hündin, meine ich. Weil du doch nur eine Hand hast. Komm, laß mich –“
„Ich hab’ noch zwei“, lachte Dagmar und übergab ihr das Halsband. „Denkst du, die andere ist ab? Nicht mal gebrochen, wie sich beim Röntgen rausstellte, nur verstaucht. Der Arzt sagte, wir brauchten keinen Gips, ein Zinkleinenverband genügte. Und ich hab’ euch herzitiert ... aber eine kleine Hilfe tut mir eben doch furchtbar gut, das seht ihr ein, nicht wahr? Ich kann ja fast – fast – fast gar nicht zufassen –“ sie lachte so kläglich wie möglich – „da, halt die Brumme, Petra, ja, so. Sie tut immer mächtig wütend, ist aber im Grunde ganz lieb. Sie ist alt und etwas wunderlich geworden, das werden Menschen ja auch manchmal. Im großen und ganzen kommt man schon mit ihr aus, und wachsam ist sie, alle Achtung!“
„Und das? Wer ist das?“ fragte Petra weiter. Ein schmaler Hund, halbgroß, braungelockt, guckte jetzt aus der offenstehenden Tür.
„Das ist die Prinzessin. Komm, Zessi, und stell dich vor. Sie ist noch jung und dumm, aber eine Seele von Hund. Ja, kannst sie ruhig streicheln, Anja – das bist du doch, oder?“ Sie lächelte Anja an.
Anja konnte sich noch nicht recht entschließen, zuzugreifen. Sie war als kleines Kind einmal von einem Hund angefallen und umgeworfen worden und hatte das nicht vergessen. Zögernd trat sie näher heran.
„Du brauchst sie ja nicht gleich am Halsband zu nehmen“, sagte Vater beruhigend hinter ihr, „laß sie an dir schnuppern, dann mag sie dich sicher sogleich gern, weil du nach Pferden riechst.“
„Riech ich denn?“ fragte Anja beglückt. Vater lachte.
„Und ob! Wie eine ganze Kavalkade, wenn du aus dem Reitverein kommst. Man riecht das schon auf zehn Meter Entfernung. Siehst du, Zessi tut dir nichts.“
„Aber ihr habt doch noch mehr Hunde?“ fragte Petra eifrig.
„Natürlich, die Willia und ihre Jungen. Sieben waren es, vier haben wir noch. Ich zeige sie euch gleich. Aber erst –“
„Erst die Pferde!“
„Nein, erst kommen Sie doch bitte herein, ich hab’ Kaffee gekocht“, sagte Dagmar zu den drei Erwachsenen, „Kaffeekochen kann man auch mit einer Hand. Aber sonst ist eben doch manches zu tun, was ich einhändig nicht so recht hinkriege. Meine beiden Schwestern sind mit meinen Eltern verreist, wissen Sie –“ Sie schloß die Haustür hinter sich. „Hier, legen Sie doch bitte ab, denn ein bißchen Zeit haben Sie doch hoffentlich mitgebracht?“
Es klang herzlich bittend. Mutter fand Dagmar sehr sympathisch – gleichzeitig bescheiden und vernünftig.
„Nicht sehr viel, aber etwas“, sagte sie und schlüpfte aus ihrem Mantel. „Ich habe zu Hause zwei Babys, und es war nicht leicht, eine Nachbarin zu finden, die sie für einige Zeit zu sich nimmt. Zwei auf einmal will niemand so sehr gern übernehmen.“
Dagmar hatte ihr den Mantel abgenommen. Vater sah sich aufmerksam um. Ja, umsehen mußte man sich hier, bereits der Flur war so, daß sich das Umsehen lohnte.
Ein altes Haus, neu gerichtet. Die Decke war mit hellem Holz getäfelt, mitten im Flur aber stand ein alter Balken, der diese Decke trug, richtig knorrig und voller schräg laufender Risse. Aber man sah, daß er ordentlich mit einer scharfen Bürste bearbeitet worden war, so daß man ihn anfassen und streicheln konnte, ohne sich Splitter einzuziehen. Er lief oben in drei Teile auseinander, wie eine Geburtsrune, und stützte die Decke. Die Treppe, die links davon in den oberen Stock führte, war auch aus so altem, nachgedunkeltem Holz; sie besaß kein Geländer, aber an ihrer Seite lief ein fast armdicker Strick, an dem man sich festhalten konnte. Der Fußboden des Flures bestand aus hellen Klinkern, rechts hingen Mäntel und Jacken an unregelmäßig eingefügten Holzhaken, auch ein Waldhorn und ein Feldstecher in ledernem Etui. Eine Tür stand auf; sie führte ins Wohnzimmer.
Ach, das Wohnzimmer! Sogar Petra und Anja, die eigentlich nur auf Pferde und Hunde und anderes Getier warteten, merkten, daß hier eine besonders glückliche Hand am Werk gewesen sein mußte, als man aus einem alten Bauernhaus einen Wohnsitz nach heutigem Geschmack machte. Wunderschön war es geworden, mit weißen Wänden und schwarzen Balken an der Decke und einem Kaminplatz mit Rundbank, die etwas tiefer lag, so daß man auf Stufen hinuntersteigen mußte. Dort saß man sicherlich herrlich, wenn das Feuer flackerte und draußen der Sturm heulte. Die Möbel waren alt, meist dunkel, sicherlich ererbt oder zusammengesucht; an der einen Wand stand ein schöner bunter Bauernschrank.
„Och, hier gefällt mir’s“, seufzte Petra unwillkürlich. Sie war noch nie bei Dagmar gewesen.
Diese nötigte ihre Gäste in ein zweites Zimmer, das an das erste anschloß und fast ganz ausgefüllt war von einem riesenhaften Tisch. Hier mochte früher das Gesinde gesessen und gegessen haben, als es noch Gesinde gab. Dagmar hatte den Tisch hübsch gedeckt mit dunkelroten Bechern und ein paar Kerzen in der Mitte, auch die Kaffeekanne stand schon parat auf einem schmiedeeisernen Stövchen, aus dem eine Wärmekerze herausschimmerte. Die Angekommenen setzten sich, und die Unterhaltung ging gleich los.
Dagmars Eltern waren mit den zwei jüngeren Schwestern nach Wien gefahren, zu einem berühmten Arzt, der die Kleinste untersuchen sollte.
„Sie ist nicht meine richtige Schwester, sondern ein Waisenkind aus Korea. Meine Eltern haben sie adoptiert“, erzählte Dagmar. „Wir haben sie seit drei Jahren. Aber irgend etwas stimmt nicht bei ihr und deshalb sind meine Eltern nach Wien gefahren. Es soll ein sehr guter Psychologe sein, zu dem sie sie bringen wollen, vielleicht kann er ihr helfen. Wir haben sie sehr lieb.“
Später führte sie ihren Besuch auf dessen Wunsch durch das ganze Haus. War schon der untere Teil wunderschön, so konnte man im oberen, wo die drei Mädchen wohnten, von einem Entzücken ins andere fallen. Die Räume dort waren nicht durch Türen voneinander getrennt, sondern gingen ineinander über; unter schrägen Wänden, die meist getäfelt waren, standen bunt zugedeckte Betten, mal hier eines und eines dort, bäuerliche Kommoden dabei, drehbare Lampen, bei denen man, unterm Fenster sitzend, lesen konnte, die aber auch eine Eisenbahnanlage beleuchteten, die die Kinder durch alle Räume hindurch auf der Erde aufgebaut hatten. Man mußte vorsichtig darüber wegsteigen und sich auch immerzu wegen schräger Balken bücken, auf denen buntes Spielzeug stand, Schwedenpferdchen, weiß und blau und rot, oder an denen die Kinder bunte Wimpel und hübsche Pferdebilder angepinnt hatten. Petra war begeistert von der Eisenbahn.
„Oh, mit der spielen wir auch!“ sagte sie sofort, „abends, wenn die Pferde und Hunde versorgt sind und –“
„Ich denke, Eisenbahn spielen nur Jungen?“ fragte Mutter verwundert. Vater lachte.
„Heutzutage, da Mädchen in Hosen herumlaufen und Jungen lange Locken tragen, gibt’s diese Unterschiede nicht mehr. Am liebsten würde ich selber mitspielen.“ Er kniete schon am Transformator und schaltete ihn ein. Ein rotes Licht flammte auf, und aus dem Nebenraum kam eine winzige Lok angeschnauft, die nur darauf gewartet zu haben schien, lostuckern zu dürfen. Und nun war Vater nicht mehr wegzukriegen; er mußte noch den anderen Zug laufen lassen ... Mutter stand ein bißchen wie auf Kohlen neben ihm, weil sie immer an ihre Jungen dachte. Frau Hartwig lachte und machte Petra ein Zeichen: Komm, wir lassen ihn spielen und gehen inzwischen zu den Pferden! Denn sie merkte natürlich, daß es die Mädchen dorthin zog.
Dagmar verstand den Wink und ging voran, die Treppe hinunter, und dann kamen sie in einen Raum, der früher wohl die Milchkammer gewesen sein mußte. Von dort aus ging es in den Stall. Schon der vertraute Geruch hätte einen geleitet.
Der Stall war groß und hell, enthielt Laufboxen, über deren Bretterwände die Köpfe der Pferde guckten. Sie reckten sich und bewegten die Lippen, weil sie hofften, etwas zugesteckt zu bekommen, und wieherten leise und vertraut. Man hörte das Wiehern kaum, denn es wurde übertönt von einem unausgesetzten Blaffen, einem „Wau – wau“ und „Weff-weff“, das einem in den Ohren gellte. Petra rannte dem Radau entgegen – da guckten über eine etwas niedrigere Bretterwand vier schwarze Köpfe mit schwarzen Nasen, blinkenden Augen, einer wie der andere, und rechts und links neben jedem Kopf sah man zwei dicke, dicke, merkwürdig unförmige Pfoten, schwarz mit weißen Tupfen. Wenn ein junger Hund große Pfoten hat, so kann man mit Sicherheit annehmen, daß er groß und wahrscheinlich auch dick werden wird. „Nach diesen Pfoten“, schrie Petra entzückt, als Dagmar ihr das erklärt hatte, „werden aus diesen vier Jungen elefantengroße Riesenhunde! So groß, daß man darauf reiten kann!“ Sie maß die vermutliche Höhe vom Boden her ab. „O Dagmar, wie schön! Dann haben wir sieben Hunde, einen schöner als den anderen.“ Sie hatte die Mutter der vier Sprößlinge entdeckt, die ruhig an der Schmalseite der Box lag und zu ihnen aufblickte. „Drei erwachsene und vier junge, wie wunderbar! Hat sie die vier auf einmal gekriegt?“
Das war natürlich eine dumme Frage, aber Petra konnte in dem Tempo, in dem sie lebte, oft nicht überlegen. Dagmar lachte.
„Vier? Sieben! Sieben waren es. Und so dumm ist es gar nicht gefragt, es ging gar nicht auf einmal, ich habe zwölf Stunden bei ihr gesessen. Die andern drei sind schon verkauft.“
„Wie schade“, sagte Anja. „Aber das muß man wohl. Ich hab’ mal gehört, man darf einer Hundemutter nur sechs lassen. Wenn man ihr mehr läßt, werden sie alle miteinander mickrig. Die überzähligen muß man zu einer Amme bringen oder mit der Flasche aufziehen.“
„Eigentlich ja“, gab Dagmar zu. „Aber wir haben ihr alle sieben gelassen, sie waren alle gleich schön und stark. Nun bekommen wir eben keine Papiere für sie. Aber so schöne Hunde kann man auch ohne Papiere verkaufen. Die Leute, die sie kaufen, dürfen nur nicht mit ihnen züchten.“
Gerade kam Vater in den Stall.
„Hier seid ihr“, wunderte er sich, „na ja, ich hätte es mir ja denken können. Auf einmal wart ihr weg und ich allein mit meiner Eisenbahn. Und dann fand ich mich oben gar nicht zurecht. Das ist ja das reinste Labyrinth, ich kam und kam nicht an die Treppe. Schließlich hab’ ich eine kleine Tür gefunden, und als ich die aufmachte, stand ich im Freien. Auf einem winzigen, ein wenig vorspringenden Dachsims. Ja, Anja, du kannst es glauben! Und weil dort eine kleine freundliche Leiter hinunterführte, kletterte ich also hinab und kam von außen an den Stall. Ihr Haus ist wirklich etwas Besonderes, Dagmar!“
„Ach, Sie haben unsere Feuerleiter entdeckt“, sagte Dagmar und lachte. „Die haben wir gebaut, weil es da oben so verwinkelt ist. Cosy, unsere kleine Beinahe – Schwester, hatte die Idee. Sie meinte, wenn man innen nicht hinunterfindet, müßte man draußen etwas einrichten, um ausreißen zu können, wenn etwa einmal Feuer ausbräche. Unser Vater hörte sich das an und überlegte einen Vormittag lang, und dann ließ er die Luke und die Leiter bauen.“
„Und wie man sieht: Ich fand die Treppe wirklich nicht, obwohl kein Feuer ausgebrochen war“, sagte Vater. „Es hat also sehr wohl seine Berechtigung, dies so einzurichten.“
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