Kitabı oku: «Heimat hinter Grenzen»

Yazı tipi:

Lise Gast

Heimat hinter Grenzen

Eine Fahrt ins alte Schlesien

Mit Zeichnungen

von Lilo Rasch-Nägele

Saga

Heimat hinter Grenzen

© 1975 Lise Gast

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711509517

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Und damit war die Reise beschlossen.

»Am fünften August also«, sagte Ernst, mein Ältester, und steckte abschließend seinen Terminkalender in die Brusttasche. Am fünften August würden wir nach Schlesien fahren, nach Caménz, in die alte Heimat, aus der wir vor neunundzwanzig Jahren fortmußten. Eine Reise in die Vergangenheit.

»Wenn das die Mummi wüßte«, setzte Ernst noch hinzu und lachte hinterhältig. Und da mußten wir alle lachen.

›Die Mummi‹ ist meine Mutter, zur Zeit einundneunzig, aber quicklebendig und ganz ›da‹. »Wenn das die Mummi wüßte« – das wurde bei uns schon immer zitiert, bei allen unvernünftigen, aber schönen Entschlüssen. Etwa wenn wir in eine Baracke zogen, statt gut bürgerlich eine Etagenwohnung in der Stadt zu mieten, wenn wir wieder ein Pferd kauften, statt endlich ordentliche Matratzen anzuschaffen – jedenfalls immer, wenn wir etwas ›Ungezogenes‹ taten. In den Augen der Mummi kommen wir aus dem Alter der Ungezogenheit nie heraus. Was aber sagte sie, als sie dies erfuhr?

»Nach Caménz? Kinder, da fahr ich mit!«

Damit hatten wir natürlich nicht gerechnet. Meine Schwester bekam die ehrenvolle Aufgabe, es ihr auszureden. Sie ist die Jüngste und hat entsprechend Stand bei ihr. Es gelang ihr auch schließlich mit allerlei Diplomatie. Die Mummi hat im ganzen Leben noch nie gezeltet – wir mußten mit Zelten fahren –, sie war nie ›auf Fahrt‹ gewesen, sondern höchstens ›verreist‹. Jetzt aber warf sie alle festgemauerten Grundsätze über Bord und wollte unbedingt mit. Als sie dann endlich die Unmöglichkeit einsah, stellte sie ihren Rückzug so dar, als verzichte sie unsertwegen. Wir ›Kinder‹ sollten mal sehen, wie es wäre, wenn kein Erwachsener dabei ist ...

Im Vertrauen gesagt: wir fühlten uns alle ein wenig beklommen angesichts dieser Unternehmung, einer wie der andere. Bedenken, wie man mit Paß und Visum klar kommt, ohne polnisch lesen zu können, Sorge, was bei Autoschäden zu unternehmen sei, und Angst vor der Erschütterung. Diese war für mich die größte. Man sehnt sich nicht neunundzwanzig Jahre, ohne eine entzündete Stelle an der Seele zu bekommen; wie weh würde die tun, wenn ...

Aber ich mußte mit gutem Beispiel vorangehen, ich, nunmehr die Älteste. Daß ich das war, hatte auch wieder Vorteile. Ein paar Jahrzehnte lang war immer ich es gewesen, die bei allen gefährlichen Vorstößen voran ging, Hemmnisse beseitigte und Zuversicht ausstrahlte. Jetzt durfte ich sagen: »Geht ihr voran.« Ein wunderbares Gefühl, neu, aber schön.

Elf Mann in drei Wagen: meine drei ältesten Kinder, die sich noch gut an zu Hause erinnerten – sie waren damals elf, zehn und neun Jahre alt gewesen –; meine viel jüngere Schwester mit Sohn und Schwiegertochter; einer meiner Schwiegersöhne mit Schwester, und schließlich die zwei »Ziegen«, älteste Enkelin mit Base. Herrlich, sich einem solch jungen Abenteuer anschließen zu dürfen! Ich trainierte schon seit Wochen darauf, Fotos von früher anzusehen, ohne mir sofort die Nase putzen zu müssen, Namen auszusprechen, die man jahrelang nicht nannte, Autokarten zu studieren. Wir hatten eine aufgetrieben, auf der der neue polnische Name der Ortschaft groß gedruckt stand und der alte, ›eigentliche‹, klein darunter. Allein der Anblick dieser Karte ließ das Herz zucken. Dabei haben wir alle gesunde Herzen, Gott sei’s gedankt. Nur vielleicht nicht ganz vernünftige ... Noch eine Angst verfolgte uns, nämlich die, daß im letzten Augenblick noch etwas dazwischen kommen könnte. Eine schreckliche, wenn auch, wie die Kinder sagten, etwas alberne Angst. ›Welt, geh nicht unter, Himmel, fall nicht ein, eh ich mag bei der Liebsten sein‹, heißt es bei Ludwig Uhland. Bei der Liebsten? ›Eh ich mag in der Heimat sein.‹ Keine Liebste der Welt kann so ersehnt, so erträumt sein wie eine verlorene Heimat.

Viele warnten uns. »Ihr erlebt doch nur eine Enttäuschung«, hörten wir immer wieder, »ich möchte das nicht, ich würde nur weinen –«

Wir gelobten uns gegenseitig, nicht zu weinen. Oder erst später. Oder alle zusammen. Und so lebten wir auf diese Reise zu, auf keine Warnung hörend, vor Spannung vibrierend, den Tag wild heransehnend und gleichzeitig vor uns herschiebend: wer weiß, ob es überhaupt je kommt ...

Es kam. Am Sonntag vor dem Tag aller Tage sammelte sich die Schar der Teilnehmer bei mir. Am Montag in aller Frühe wollten wir starten, vor Eintreffen der Post, ganz, ganz früh, damit nichts mehr dazwischen kommen konnte. Keiner brachte es fertig, die letzte Nacht zu schlafen. Um Mitternacht erreichte uns der Anruf einer vierköpfigen Familie, die sich im Osten abgesetzt hatte und nun Unterkunft suchte. Wunderbar, sie konnten in mein Haus!

»Wir holen euch morgen früh«, versprach Ernst. »Hier ist alles leer für acht Tage!«

Zwei Stunden später bekam meine Schwester derartige Zahnschmerzen, daß wir ohnehin nicht so früh aufbrechen konnten, wie wir geplant hatten. Sie mußte noch einen Sachkundigen aufsuchen, der ihr Luft schaffte, was bekanntlich nicht vor acht Uhr morgens möglich ist. Gottlob war er dann wenigstens da und nicht auf Urlaub, wie gefürchtet, und half. Mittags starteten wir, nachdem die Neuangekommenen eingewiesen worden waren: tut, was ihr wollt, hier ist der Schlüssel, da der Kühlschrank, dort das Bad. Wie gut, daß jemand meine Blumen gießen wird!

Nacheinander rollten wir ab, erster Treffpunkt: Ansbach. Die Wagen waren vollgestopft mit Zelten und Zeltzubehör, Schlafsäcken, Luftmatratzen, Kochgeschirr. Dazu kam das Gepäck mit Dingen persönlichen Bedarfs – das war das wenigste –, und dem, was wir auf den Rat von Sachkundigen mitnahmen, um die jetzige sehr arme Bevölkerung zu erfreuen: Gewürze, Puddingpulver, Strümpfe, Zigaretten. Kaugummi hatten wir im letzten Augenblick vergessen, ich selbst finde ihn widerlich, aber es wäre doch schön gewesen, viel davon austeilen zu können. Denn überall bettelten uns Kinder darum an, sobald wir hielten; so sollten wir es erleben.

Einiges über das Technische einer solchen Reise wußten wir von einer Bekannten, eigentlich Unbekannten, die mit ihrem Mann voriges Jahr in Schlesien war. Sie kennt meine Bücher und schrieb mir eines Tages einen Brief, wie das manche Leser so tun, und dann telefonierten wir öfters miteinander. Von ihr bekamen wir die Adressen von zwei Leuten, die deutsch sprechen; einer Frau bei Neiße und einem pensionierten Lehrer in Krummhübel. Sie sollten dann eine große Hilfe für uns sein.

Diese freundliche Schlesierin hatte uns, ehe wir starteten, einen Kuchen geschickt, einen Bergsteigerkuchen für unseren Riesengebirgstag. Der enthält Unmengen von Rosinen, Mandeln, Nüssen, Schokolade, Feigen und Pflaumen, stellt also eine Kraftnahrung dar, die uns den Aufstieg auf die Koppe erleichtern sollte. Sie fügte eine Art Gebrauchsanweisung bei: dicke Scheiben schneiden, diese wieder in Quadrate aufteilen, die etwa so groß sind wie Pralinen, und dann beim Essen lange, lange daran kauen. Auch Kaffee hatte die gute Seele beigepackt. Und beides für die Bekannte in Ottmachau noch einmal, mit einem Brief dazu. Wir waren gerührt und verstauten alles sorgfältig. Was zog man an? Mit einer Vernunft, die, wie die Kinder sagten, meine Jahre überstieg, verzichtete ich auf die uralte Windjacke, die dreißig Jahre mit mir durchhielt, und kleidete mich zivil. Denn auch dieses geliebte Kleidungsstück von früher würde mir ja nicht die Jugend zurückgeben, was ich mir übrigens gar nicht wünschte; ich bin gern alt. Pullover also und Anorak; auch der Rübezahl wird sich sicher inzwischen zeitgemäß kleiden.

In Ansbach trafen wir uns wieder, bummelten durch die Stadt und futterten heiße Wurst auf dem Trödelmarkt. Gudrun, die Schwiegertochter meiner Schwester, jungverheiratet und lachlustig, fing an, billig einzukaufen – Töpfe und andere Haushaltungsgegenstände. Wir verhinderten mit viel Wortaufwand, daß sie die vollbeladenen Wagen noch voller lud. Wir mußten ja weiter.

In Waidhaus, kurz vor der Grenze zur Tschechoslowakei, versammelten wir uns wieder, diesmal in einem alten, gemütlichen Lokal, das ein ausgezeichnetes Bier ausschenkt. Wir fingen vergnügt an zu trinken und hörten nicht oder nur mit halbem Ohr auf die mahnende Stimme des Reiseführers, der an das Suchen eines Zeltplatzes erinnerte. Meine Schwester samt Angehörigen wollten noch einmal in einem Bett schlafen, sie waren also aller Sorgen ledig. Wir aber –

Die freundliche Wirtin, die uns beobachtete und nicht recht wußte, sind wir ein Verein, eine Expedition oder eine Großfamilie, bot uns schließlich an, in ihrem Hof zu zelten. Das war ein Wink des Himmels. Vergnügt bauten wir unsere luftigen Häuschen auf ... Die jungen Leute, geschickt und erfahren, schoben mich freundlich beiseite: »Davon verstehst du nichts!« Dabei habe ich schon gezeltet, als noch keins von ihnen das Licht der Welt erblickt hatte! Ich sagte aber nichts und ließ mir alles gern gefallen. Diese Reise war für mich, wie ich schon erwähnte, ein neues Kapitel in meinem Leben. Endlich durfte ich mit gutem Gewissen sagen: schlagt ihr vor, ich ziehe nach. Wir saßen später noch lange am bundesdeutschen Wirtshaustisch, aßen, tranken, rauchten und waren in Hochstimmung. Der Anfang war gemacht.

Wir waren bisher noch nicht vollzählig beisammen. Meine älteste Tochter hatte ihren Urlaub, wie eigentlich jedes Jahr, in den USA verbracht, war mit dem Schlauchboot den Colorado hinabgefahren und dann zehn Tage im Gebirge geritten. An diesem Tag wollte sie bis Frankfurt fliegen und von dort direkt nach Prag, um zu uns zu stoßen. Die Zeit war knapp bemessen, es konnte sein, daß wir sie verpaßten. Das machte das Ganze noch spannender.

Am nächsten Tag starteten wir zeitig, denn wir hatten noch einen Umweg vor. Mein Mann, der Vater unserer acht Kinder, starb vor neunundzwanzig Jahren in einem russischen Gefangenenlager in der heutigen Tschechoslowakei. Sein Grab wollten wir suchen oder wenigstens den Friedhof. Margot, meine älteste, eben jene, die wir in Prag zu treffen hofften, hatte ihn schon einmal besucht; sie hätte uns führen können, wäre sie schon jetzt bei uns gewesen. Den Ort wußten wir: Pacov. Wir rollten los, passierten die erste Grenze. Papiere in Ordnung. Weiter. Gen Osten, gen Osten!

Von jetzt an fuhren wir immer so, daß wir einander in Sichtweite behielten, also im Convoi. Landschaftlich ist es hier schön, vor allem durch die vielen Seen, die wir passierten. Die Straßen sind gut, nur reichlich schmal. Wir wuschen uns an einem See, lachten viel, futterten auch, wie wir die ganze Reise lang futtern würden, dauernd hungrig, dauernd kaffeedurstig. Ernst, mein Ältester, fing an zu filmen, machte auch Dias und Schwarzweiß-Bilder, diese fürs Familienarchiv. Überhaupt klickten alle Apparate, kein Verbot hinderte, nur ich ›sah es mir dort an‹, ich habe kein Geschick zum Fotografieren.

Prag kannte ich noch nicht, hatte nur früher einmal in dem Film ›Die goldene Stadt‹ einen Hauch davon verspürt, wie einmalig schön es sein muß. Mein Mann hatte sich immer gewünscht, es zu sehen, daher durfte ich, gleichsam in seiner Vertretung, darauf bestehen, daß wir es kennenlernten. Vorher aber ging es nach Pacov. Wir erreichten die kleine Stadt programmgemäß und standen auf dem schiefen Marktplatz mit der großen Kirche an der oberen Seite. Hier hat unser Vater die Wochen und Tage vor seinem Tode verbracht; diese Landschaft war also die letzte, die er in sich aufnahm: das Land zwischen Sachsen und Schlesien.

Ernst meinte, wir sollten beim Bürgermeister nach dem Friedhof fragen. Der aber war nicht da; es war inzwischen drei Uhr nachmittags geworden. Wir suchten den Pfarrer auf – auch der nicht da. Wir fragten bei der Miliz, die überall herumstand in erdfarbenen Uniformen. Doch auch das führte nicht weiter. Sie verstand uns nicht. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, in einem Land zu sein, in dem man sich nicht, wie sonst eigentlich überall, mit englisch helfen kann.

Schließlich sprach ich einen grauhaarigen Taxifahrer an. Alte Leute verstehen vielleicht noch deutsch, dachte ich. Und wirklich, er verstand. Er wußte auch den Friedhof, reagierte mit großer, herzerwärmender Freundlichkeit. Er hatte auch die zwei Lager gekannt. Ich reichte ihm Stift und Papier. Er entwarf eine Skizze von der Lage des Friedhofs – so nahe war der, mein Gott!

Wir fanden den Friedhof ohne weitere Schwierigkeit. Margot hatte ihn vor ein paar Jahren stundenlang gesucht, von zwei tschechischen Soldaten unterstützt. Sie wollte verzagen, aber die beiden jungen Männer gaben nicht auf. »Du Grab von Vater finden!« Sie fanden es nicht, wohl aber den Friedhof. Und wir also auch.

Es ist ein kleiner, bescheidener Friedhof, mitten im Hochwald gelegen. Ein zerbrochener Scherengitterzaun ringsherum. Sechs Reihen halb eingesunkener Gräber, überwachsen, nicht numeriert. Die Grabnummer wußte ich; doch das half nun nichts mehr. Ein einziges Grab gepflegt, mit Blumen bepflanzt, mit einem Holzkreuz versehen. Wir lasen Namen und Daten. Der Junge war neunzehn Jahre alt gewesen, mein Mann siebenundvierzig.

Wir empfanden es als großen Trost, daß der Friedhof nicht überhaupt schon eingeebnet ist. Er liegt so schön im Wald, so wahrhaft friedlich, so sanft in Grün gebettet. Wir fanden noch Reste von alten, zerfallenden Holzschildern, aufeinandergehäuft, zerbrochen. Ich nahm ein winziges Bäumchen mit, das am Rand irgendeines Grabes wuchs, um es zu Hause einzupflanzen. In einer Plastiktüte, immer mit frischem Wasser versehen, hat es die Reise zu meiner Freude überstanden. Von welchem Grab es stammt? Nie werden wir es wissen. Ich mußte an die Geschichte denken, die wir als Kinder, preußisch erzogen, in der Schule gelernt haben: Nach einer Schlacht suchte Friedrich der Große in einer Kirche, die als Lazarett diente, unter den Verwundeten nach einem Bekannten, von Wedell. Er fragte sich so durch die Reihen. »Wedell? Majestät, hier liegen lauter Wedells!« rief ihm ein Soldat zu, der, halb aufgestützt, seinen König beobachtet hatte. Auch hier lagen lauter Wedells, jeder von ihnen geliebt und beweint.

Wir blieben lange und trennten uns schwer. Vom Friedhof soll man mit klingendem Spiel heimziehen, ein guter Brauch. Wir nahmen die Mundharmonika und sangen dazu. Singen hilft, das wissen wir. Geweint habe ich später.

Nun ging es auf Prag zu. Was zieht einem da alles durch den Sinn, wenn man schon älter ist und auf eine längere Zeit zurückblicken kann! Prag – schon immer stand diese uralte, geschichtsträchtige Stadt am Horizont unseres Daseins, und doch waren wir nie dorthin gelangt. Als wir noch klein waren, war diese Stadt für uns Grenzländer unerreichbar. Als sie später deutsch wurde, waren die Zeiten nicht danach angetan, Bildungsreisen zu unternehmen und Städte zu besichtigen ... Heute nun war Prag längst wieder Ausland, und endlich sollte ich es sehen dürfen.

Wie überwältigend anders war der Eindruck der Stadt selbst im Vergleich mit allem, was man an Büchern, Fotos und Bildbänden davon kannte! Da war sie also selbst, die ehrwürdige Stadt, durch die man sich bewegte wie in einem Traum. Da war sie, die alte Stadt mit ihren schmalen, krummen Gassen, mit den breiten Straßen, den Plätzen, mit all den barocken und nachbarocken Palais, schlichten wie überladenen; mit ihren Boutiquen, Kramläden, eleganten Geschäften und Hotels, mit all ihren Kirchen, Alleen, Gärten, Parks, mit ihrem Strom und den vielen Brücken samt Heiligen! War es denn noch das alte Prag – war es unsere Phantasie, die es uns so vor die Augen zauberte, oder war es die moderne, nüchterne Wirklichkeit? Über allem thronte der Hradschin, wenn die Sicht ihn einmal freigab unten im Gewühl der Straßen.

Wie verwirrend ist das alles zunächst, wenn die Eindrücke sich überstürzen, und wie deutlich doch eigentlich die Sprache der vorbeigezogenen Jahrhunderte, wenn man in all den alten Bauten und ihren Fassaden zu lesen versteht!

Wir hatten diesmal zu meinem Kummer nur wenig Zeit, dies alles zur Genüge in uns aufzunehmen. Lange durften wir uns nicht aufhalten, und so reichte es nur zu einem ersten, sehr allgemeinen, wenn auch intensiven Erfassen des Stadtbildes und der Atmosphäre.

Es war Abend geworden, und so mußten wir uns daran machen, nach unserem offiziellen Zeltplatz Ausschau zu halten. Er war schwer zu finden, doch schließlich erbot sich ein freundlicher Einheimischer, voranzufahren und uns um tausend Ecken und Kurven zu lotsen. Wieder eine menschliche Geste, die uns sehr wohl tat.

Der Campingplatz war überfüllt, natürlich, es war ja jetzt Reisezeit. Kein Gedanke, dort bleiben zu können. Wir drehten um und faßten den Entschluß, ›wild‹ zu zelten, obwohl es verboten ist.

Damals ahnten wir noch nicht, daß das Wildzelten auf dieser Reise unser Schicksal werden sollte, nicht nur in der Tschechoslowakei, sondern auch in unserem alten Heimatland. Wir fuhren, als es dunkelte, erst einmal wieder aus Prag hinaus. Wir ließen die Stadt weit hinter uns, kurvten umher, suchten, fanden nichts. Einmal wollten wir in unserer Verzweiflung mitten auf dem Marktplatz eines Dorfes bleiben, dort gab es wenigstens Trinkwasser; einmal nahe an einem ›einsamen Gehöft‹ – es stellte sich später als Miliz-Unterkunft heraus. Den Abend wußten wir noch nicht, daß es recht verdächtig ausgesehen hätte, wenn wir dort geblieben wären. Es gibt mißtrauische Leute, die harmlose Heimwehtouristen leicht für Spione halten.

Dieter, mein Schwiegersohn, fand schließlich in tiefer Dunkelheit einen Platz, der selbst im hellen Sonnenlicht gefunden nicht schöner hätter sein können: nahe an Bäumen, die Sichtschutz boten, daneben ein Weiher, an dem man sich früh waschen konnte. Wir bauten eine Wagenburg und richteten im abgeblendeten Licht unsere Leinwandhäuschen auf. Immer hat Zeltaufbauen etwas von Heimatfinden.

Es gab einen ›Ziegenstall‹, in dem die ewig mekkernden und übermütigen jungen Damen unter dem Schutz des Reiseführers schliefen, der zwar komisch seufzte, wie schwer er es hätte, aber doch seinen Spaß an dem jungen Gelichter hatte, – und ein ›Blumenhäuschen‹. Darin schliefen diejenigen, die behaupteten, Neurosen oder doch Neuröslein zu besitzen, heutzutage eine wichtige und ernstzunehmende Sache. Und schließlich war da noch das ›Schnarcherzelt‹, unter dessen Dach auch ich untergebracht war. Ich hatte die Freude, Seite an Seite mit meinem imponierenden und bewunderten Schwiegersohn zu röcheln. Schnarcher stören sich ja gottlob gegenseitig nicht. Dort fühlte ich mich beschützt, geehrt und befriedet. Selten habe ich so gut geschlafen wie auf dieser Reise.

Der Morgen lachte uns an. Rosel, die Schwester meines Schwiegersohns, hockte vor einem kleinen Kocher, auf dem das Kaffeekesselchen stand, und es roch wunderbar bitter und gut. An frühes Aufstehen gewöhnt, brauchte ich, ähnlich den Nordländern, bei denen der Kaffeekessel eine Riesenrolle spielt, viel Kaffee. Ach, und wie unvergleichlich schmeckt er, wenn man, im Schlafanzug, barfuß im nassen Gras steht und die andern aus den Zelten kriechen sieht, den einen schimpfend, weil er nachts von der Luftmatratze gerollt ist, den andern selbstgefällig grunzend, weil herrlich ausgeschlafen, den dritten stöhnend, ehe er einen Traum von besonderer Scheußlichkeit erzählt. Die Ziegen wie üblich meckernd; sie legten sich auf der Reise eine Ausdrucksfähigkeit im ›Meck-meck‹ zu, die an eine neue Sprache grenzt. Und wieviel gibt es zu lachen mit solch einer Bande!

Der Flugplatz einer unbekannten Stadt müßte leicht zu finden sein: dort, wo die Riesenvögel aufsteigen und sich niederlassen. Wie erreicht man aber die Straße, die einen dorthin bringt? Was heißt Flughafen auf Tschechisch? Gudrun fand es heraus: ›Letiště‹. Wir hatten dies für den Namen eines Dorfes gehalten, zumal kein Zeichen dabei stand. Um zehn Uhr wollten wir uns mit Margot treffen. Als wir zehn Minuten nach zehn am Eingang des Flughafenhotels entlangrollten, spazierte sie bereits daher, vergnügt nach uns ausspähend. Sie hatte eine frühere Maschine ergattert, die einen Tag eher startete, und in Prag ein Bett und ein Bad erobert. Wohlgemut und ausgeruht kam sie uns entgegen, frisch aus den USA importiert. Ich dachte wieder einmal daran, wie wir vor gar nicht langer Zeit – was ist schon ein Menschenalter! – mit ihr und den anderen auf den Feldern Ähren gelesen und Kartoffeln nachgestoppelt hatten. Wer uns damals gesagt hätte, was uns in späterer Zeit erwartete ...

Zu solchen Erinnerungen aber war jetzt keine Zeit. Nach einer stürmischen Begrüßung ging es der Innenstadt zu, wieder schön in Sichtweite, damit wir einander nicht verloren, nun, da wir uns gefunden hatten. Margot kennt sich in Prag aus, wie wir schon hörten, und sie dirigierte uns.

Der Himmel lachte, die Sonne schien, und mächtig zog es uns zum Hradschin hinauf. Wir ließen also die Wagen stehen und erstiegen die Höhe mit dem Veitsdom zu Fuß. Der ihn baute, Peter Parier, ist uns kein Fremder; er hat in unserer jetzigen schwäbischen Kreisstadt eine unvergleichlich schöne Kirche geschaffen, gleichsam als Vorübung für Prag. Alles bei uns heißt nach ihm, die Kinder gehen ins Parlergymnasium. Wie eigenartig, wie wunderbar! Wir schauten von oben über die Stadt, in die verschlungenen Gassen hinein, sahen die schiefen Dächer, die Moldau, suchten das Waldstein-Palais mit den Augen. Was alles hatte sich hier abgespielt! Gudrun, die Geschichte studiert hat, gab Auskunft. Ich dachte an den Golem, der mir als Kind solch wohliges Grauen verursachte. Hier ist er umhergetappt, mit den schiefen Augen im Lehmgesicht, ein Schrecken für die, die ihm begegneten, alle dreiunddreißig Jahre. Was hat diese düstere Sage vorausgeahnt von unserer Zeit ...

Den Kindern war die Gasse der Goldmacherhäuschen natürlich wichtiger als die wunderbare Kirche. Auch wir Erwachsenen entzückten uns daran. Wir wanderten von einem Haus zum andern, bückten uns, um hineinzugucken, bewunderten die winzigen Gärtchen davor, einen halben Quadratmeter groß, mit Sonnenblumen darin. Das hucklige Pflaster tat den Füßen weh, ringsum schoben sich Touristen und klickten mit ihren schwarzen Zauberkästchen, Modernstes in alter Umgebung. Die Welt ist ein Bilderbuch, und wer daheim bleibt, sieht nur eine Seite. Wir begannen wenigstens zu ahnen, wieviele Seiten es haben mag.

Und dann die Brücke! Johann von Nepomuk, du auf der Prager Bruck – wir haben es schon gesungen, als wir noch nicht wußten, wo Prag liegt. Jetzt standen wir selbst auf der Brücke. Ein Heiliger neben dem andern – ich suchte natürlich auch den Christopherus, meinen Lieblingsheiligen. Er stand dem Nepomuk gegenüber. Nicht weit davon Antonius, der gut ist für Verlorenes. Den würden wir am letzten Tag unserer Reise sehr heftig anrufen, obwohl wir alle von der ›andern Fakultät‹ sind. Aber wir stammen aus einem alten katholischen Land, und von den uns erwartenden Nöten ahnten wir auf der Prager Bruck noch nichts. Vergnügt und lachlustig schlenderten wir über die Moldau, die Stimmung stand auf Ferienbeginn. Einen der Heiligen bezeichnete Ernst als Papst Omo den ersten, weil er, im Gegensatz zu seinen altersgeschwärzten Kollegen, so weiß war. Die Ziegen meckerten anerkennend. Hoffentlich ist Papst Omo nicht das einzige von Prag, was ihnen im Gedächtnis blieb.

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