Kitabı oku: «Neues vom alten Trostdoktor»
Lise Gast
Neues vom alten Trostdoktor
Saga
Neues vom alten Trostdoktor
© 1977 Lise Gast
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711514030
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
„Beate!“
Keine Antwort.
„Beate! Mach auf, ich bin’s, Vater!“
Wieder Stille. Jörg Hagemann legte das Ohr an das Holz der Tür. Er hörte Atmen – oder Weinen? Wer konnte das unterscheiden?
Seufzend richtete er sich wieder auf, ging. Beate besaß einen Dickkopf, an dem auch andere gescheitert wären, stärkere als er. Er war zu weich seinen Kindern gegenüber, vor allem der Tochter, das wußte er längst. Diese weiche Welle heute – war sie wirklich gut? Er bezweifelte es.
Seine Frau hätte es richtig gemacht. Sie besaß jene pädagogische Begabung, der alle Moden, harte und weiche Wellen, Zeiten voll Frustrationswarnungen und ähnlichem siegreich überdauert hätte, erzog mit Strenge, Liebe, Geschick und Humor – das heißt, sie hatte so erzogen. Und dann hatte sie plötzlich behauptet, mit siebzehn und neunzehn seien die Kinder fertig, und es würde für sie selbst nun Zeit, sich zu verwirklichen. Damit war sie gegangen.
Dieses „Sich-selbst-verwirklichen“ hatte sie natürlich ironisch gemeint, in Anführungszeichen. Heute war es ja üblich, daß sich Hausfrauen und Mütter selbst verwirklichen und in den Beruf zurückgehen mußten, während sie für ihre Kinder bezahlten, sehr hoch bezahlten, Ersatz-Mütter engagierten, bei denen die Kinder das Wichtigste vermißten, nämlich die Mutterliebe. Luka hätte das nie getan, solange die Kinder klein waren. Vor einem Jahr aber hatte sie sich verabschiedet.
Jörg war sich darüber klar, daß die Selbstverwirklichung nicht der einzige, der ausschlaggebende Grund gewesen war für die Trennung. Sie hatten einen Streit gehabt. In ihrer Ehe gab es viele Streitereien, kleine und größere, aber niemals hatte es bisher eine so ernsthafte Auseinandersetzung gegeben. Immer war es bis dahin ein fröhliches Kreuzen der Klingen gewesen mit darauf folgender Versöhnung, bei der Luka sich ein Rindvieh und ihn einen Rechthaber nannte, wobei offen blieb, was schlimmer zu bewerten war. Diesmal aber war es ein Kampf gewesen, der Wunden hinterließ. Jörg dachte nicht gern daran zurück.
Luka war gegangen. Sie hatte immer eine Reise nach Südamerika vorgehabt, jahrelang darauf gespart, das gesparte Geld wieder ausgegeben, für ihn oder die Kinder oder für eine größere Anschaffung, ohne Opfermiene, in ihrer resolut-herzlichen Art. Und dann fing sie von neuem an zu sparen. Ihr einziger, viel älterer Bruder lebte in Chile. Sie hatten ihn besuchen wollen, seit Jörg sie kannte, niemals war es dazu gekommen. Jetzt war sie drüben, seit einem Jahr.
Jörg stand und grübelte, lange. Hatte er ihr zu wenig Freiheit gegeben, daß sie ausbrach? Hatte er sie nicht genug geliebt? Hätte sie gern mehr Kinder gehabt? Vielleicht.
Rumms – das war Beates Tür, die aufflog.
„Damit du es weißt, du Widerling! Wegen dir komme ich nicht heraus. Aber ich habe eine Verabredung, zu der ich gehe!“
Er hatte sie ganz vergessen. Sie schoß an ihm vorbei, schmetterte die nächste Tür hinter sich zu. ‚Du Widerling‘ – nie hätte ein junges Mädchen der vorigen Generation ihren Vater so genannt. Auch er nicht, obwohl er kein angenehmer Sohn gewesen war, wenn er ehrlich sein wollte. Außerdem – zu seinem Vater? Den hatte er gar nicht gekannt.
Seine Mutter, Schauspielerin, später beim Film und Fernsehen tätig, hatte sich scheiden lassen, ehe er ein Jahr alt war. Vielleicht vererbte sich das wie die hängende Unterlippe der Habsburger oder die Neigung zum Alkohol, vielleicht war seine Familie zu keiner Stetigkeit in Bezug auf den Partner prädestiniert.
Jörg Hagemann seufzte tief und ging in sein Arbeitszimmer hinüber. Der Schreibtisch war vollgepackt, er mochte gar nicht hinsehen. Briefe, Zeitschriften, Zeitungen, Postwurfsendungen, ekelhaft sah es aus. Einmal mußte er sich durch diesen Wust hindurcharbeiten, seit einem Jahr mußte er das selbst tun. Bis dahin hatte ihm Luka das meiste abgenommen, hatte sortiert und beantwortet, vieles für ihn erledigt – oh Luka, Luka! Er kam sich zum zweiten Mal an diesem Tag von ihr verraten und im Stich gelassen vor, er wütete mit ihr, er beschimpfte sie und sehnte sie zurück, so sehr ...
Thomas kam herein. Sein langes Haar sah glanzlos und beinah struppig aus, das fand die heutige Jugend offensichtlich schön. Es hing bis auf die Schultern herab. Dann wenigstens müßte es gepflegt sein, so meinte der Vater. Die Jeans, unten umgeschlagen, waren verblaßt und verschossen. Um den Hals trug der junge Mann ein Amulett am Silberkettchen. Jörg Hagemann holte tief Luft, um etwas zu sagen und schwieg dann doch. Es nützte nichts, es nützte nichts, er wußte es ja.
„Na? Hat Beatchen wiedermal ihren Koller?“ fragte der Sohn und sah den Vater an. Schadenfroh, so meinte Jörg, und er fühlte eine neue Welle ohnmächtiger Wut. Vielleicht war es in Wirklichkeit keine Schadenfreude, die Thomas zu diesem Ausspruch anregte, vielleicht war es sogar Mitleid oder doch ein gewisses Mitgefühl.
„Ja, daß du es weißt.“ Ich spreche schon wie Beate, dachte er bei sich. „Sie hat mich eben Widerling genannt. Ist das ein Kosewort?“ fragte er verbissen.
„Kaum. Sie leidet an Liebeskummer, dünkt es mich.“ Thomas nahm lässig eine Zigarette aus der Packung, die auf dem Schreibtisch lag. Vater Hagemann zuckte zusammen.
„Kannst du nicht fragen?“ sagte er halblaut und versuchte, diese Frage nicht allzu bissig klingen zu lassen. Thomas lachte.
„Klar kann ich fragen. Uns fragt man nicht, ob wir mit Waffen umgehen wollen, wir werden einfach zu so etwas eingeteilt. Aber wegen einer winzigen Zigarette – also: Gestattest du, daß ich rauche, Väterchen?“ sagte er süffisant. Der Vater antwortete nicht. Er ging hinaus. Und die Art, in der er ging, unsicher, mit hängenden Schultern, ohne sich umzusehen, machte den Sohn für einen Augenblick aufmerksam. Alt sah er aus, der Alte – im Grunde war er es noch nicht, noch nicht so sehr jedenfalls. Aber die vorige Generation, kommt einem ja immer uralt vor. Jedoch jetzt auch alt im Gehabe, das war Thomas bisher noch nie aufgefallen. Vielleicht sollte man ihn schonender behandeln, obwohl ...
Ja, er hatte verstiegene und überholte Ansichten. Daß man immer bitte und danke zu sagen hatte, bei Tisch nicht Zeitung lesen und lümmeln durfte und sich anzuziehen hatte, wie kein Mensch heute noch angezogen gehen mochte. Das alles war unzählige Male und bis zum Überdruß diskutiert worden, ohne daß sich die Fronten auch nur um Haaresbreite geändert hätten. Heute aber, so dachte Thomas, machte der Alte keinen kriegerischen Eindruck. Eher einen geschlagenen, wahrhaftig. Wahrscheinlich entbehrte er Mutter eben doch, obwohl er sie damals hinausgeekelt hatte.
Nein, ganz so war es nicht gewesen. Ihn ging es zwar nichts an, worüber sich die beiden Altvorderen stritten, fand der Sohn – und er kam sich dabei recht weitherzig und großzügig vor –, aber man konnte den Vater ja etwas trösten, wenn er sich nun einmal solch ein Pech eingehandelt hatte, man konnte nett zu ihm sein, ihn einbeziehen.
Beates Auftritt hatte am Nachmittag stattgefunden, so gegen vier, halb fünf. Abends um elf war Beate noch nicht zurück.
Hagemann hatte die Zeit am Schreibtisch verbracht, versucht die Rückstände aufzuarbeiten und auch einiges geschafft. Als er, von Hunger getrieben, auf die Uhr sah, war es schon elf Uhr. Gerade ging die Flurtür. Vielleicht war das Beate.
Der Vater stand auf und ging hinaus. Es war nicht die Tochter, sondern der Sohn. Er grüßte kurz und wollte in seinem Zimmer verschwinden. Jörg Hagemann hielt ihn auf.
„Weißt du, wo Beate ist?“
„Nö. Warum?“
„Na, ich finde, es ist spät genug.“
„Sagte sie nicht, sie ginge zu einer Party?“
„Einer Verabredung“, korrigierte der Vater.
„Ist doch egal. Sie wird schon von jemandem gebracht werden. Da kannst du dich drauf verlassen.“
„Von wem denn?“
„Na, halt von einem, der mitgemacht hat. Die bringen die Mädchen schon nach Hause. Gute Nacht.“
Jörg blieb allein zurück. Als er wieder auf die Uhr sah, war es halb eins. Um eins endlich ging die Flurtür zum zweitenmal, und es war Beate, die nach Hause kam. Diesmal ging er nicht hinaus, er horchte, hörte ihre Schritte, die zu ihrem Zimmer führten, die Tür wurde vorsichtig geöffnet und wieder zugemacht. Er ging zum Schreibtisch zurück.
Er setzte sich und begann mit einem wilden Entschluß zu schreiben. Es war nicht der erste Brief an Luka, der sie zurückrief, aber vielleicht der dringlichste. Jörg schrieb und schrieb, bis der Morgen fahlgrau zum Fenster hereinschien. Da stand er auf, fuhr sich über die Augen, und ging, ein wenig schwankend vor Müdigkeit, ins Schlafzimmer. Er warf sich angezogen aufs Bett und war so übermüdet, daß er nicht einschlafen konnte. Eine Weile hing er zwischen Schlafen und Wachen, sah schreckliche Szenen, Haschparties und Alkoholexzesse, wie sie sich sicherlich in Wirklichkeit nicht zutrugen, fuhr auf, suchte mit schlechtem Gewissen nach einer Schlaftablette und als er keine fand, warf er sich wieder aufs Bett. Schließlich zog er sich aus, ging heiß duschen, duschte dann ausgiebig kalt, zog den Schlafanzug an und glättete das Bett, das zerwühlt war, sorgfältig, ja, penibel, ehe er sich hineinlegte. Er schlief bis mittags, stand auf, wusch und rasierte sich und ging dann zum Schreibtisch, wo er den geschriebenen Brief, ohne ihn noch einmal zu lesen, in kleine Stücke zerriß, in den beschrifteten Umschlag zurückstopfte und diesen in die Tasche seines Jacketts steckte. Irgendwo würde er ihn verbrennen.
Der Saal war groß, hell und freundlich. An einem Ende war eine kleine Bühne zu sehen, mehr angedeutet als abgeteilt, davor mit Abstand einige Reihen Stühle. Es saßen da Mütter und Großmütter, vielleicht auch Tanten, natürlich auch Kinder. Kein Mann, nirgends. Jörg Hagemann kam sich etwas verloren vor, als einziges männliches Wesen in einen so ausgesprochen weiblichen Verein geraten zu sein.
Aber er wollte Beate sehen, einmal sehen und beobachten, dort, wo sie häufig hinging und sich also gern aufzuhalten schien, im städtischen Kindergarten. Tagsüber jedenfalls schien sie oft dort zu sein. Thomas hatte davon gesprochen, als er ihn fragte. Nun, Kindergarten, nicht das Dümmste.
„Gesine arbeitet dort“, hatte Thomas erklärt.
Gesine? Wohl eine Freundin, wenn es das heute noch gab. ‚Zeige mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist‘, hieß es doch. Luka hätte sicherlich gewußt, wer Gesine war.
Jetzt kamen die Kleinen herein. Sehr klein noch die meisten, so zwischen drei und sechs Jahren. Das erste wurde von einem jungen Mädchen an der Hand geführt, das Jörg auf Anhieb gefiel: Groß, nicht allzu schlank, eher weich und biegsam, mit langem, dunklen Haar, seitlich gescheitelt, das immer wieder über das Gesicht fallen wollte, was Jörg eigentlich nicht ausstehen konnte. Sie strich es dauernd, mit einer ihr schon unbewußten Bewegung, aus dem Gesicht, in dem zwei ganz dunkle Augen vorherrschten. Zwei schöne, man konnte sagen, zwei wunderschöne Augen. Jörg blickte fasziniert zu dem jungen Mädchen hin, das das Kind sorgsam aber keineswegs auffällig zärtlich an der Hand hielt. Ja, wenn Beate so aussähe!
Er wußte nicht, wie ungerecht er jetzt dachte. Hätte Beate solch langes Haar, so würde er sich ständig darüber ärgern, wie er es bei Thomas tat. Jetzt sah er seine Tochter kommen, den Schwarm Kinder wie eine Herde kleiner Kücken vor sich her scheuchend, „Vorwärts, lauft, meine Kleinen!“ Sie trug, wie fast immer, enge Jeans, ziemlich verschossen, dazu eine helle Bluse. Ihr kurzes, ein wenig storres Haar umrahmte ein jetzt lebhaftes vergnügtes Gesicht, denn im Gegensatz von zu Hause wo sie meist gelangweilt und gleichgültig wirkte, strahlte und lachte Beate hier. Jörg sah sie an.
Natürlich erinnerte sie ihn an Luka. Aber sie besaß nicht die Ausstrahlung, die seine Frau hatte. Luka war ein außergewöhnlicher Mensch, eine Frau von besonderem und unvergeßlichem Charme, den hatte Beate nicht geerbt. Aber vieles an ihr erinnerte ihn an Luka, das Grübchen in der rechten Wange, das kam und ging, wenn sie lachte oder sprach, die scharf gezeichneten Augenbrauen, die an den Schläfen ein klein wenig nach oben zeigten, auch das Haar. Das vor allem. Es war, wie bei Luka, unbändig oder doch jedenfalls schwer zu bändigen, sah aber trotzdem nicht ungepflegt aus. Jörg starrte seine Tochter an und dachte dabei an seine Frau. Er hatte ganz vergessen, warum er hier war, und nahm das äußere Geschehen nur mechanisch auf.
Im Kindergarten schien irgendein Fest stattzufinden, dazu führten die Allerkleinsten ein Theaterstück auf. Ein Märchen, die sieben Geißlein. Jörg wurde schließlich wider Willen von dem Geschehen auf der Bühne gefesselt. Wie die alte Geißenmutter mit der Kiepe auf dem Rücken sich von ihren Kindern verabschiedete und in den Wald ging, um Futter zu holen, und wie die Kleinen allein zurückblieben und im ‚Haus‘ herumwieselten. Er erinnerte sich, daß Luka einmal Thomas, als dieser sich ungefähr im Alter jener Kleinen befand, gefragt hatte – sie wohnten damals in der Stadt, und Thomas hatte noch keine Ziege gesehen – was denn eine alte Geiß wäre. Wie aus der Pistole geschossen antwortete er: „Eine Mutter.“ Luka lachte, als sie ihm das erzählte, sie war stolz darauf, wie klug ihr Sohn war. Später testete sie die Tochter. Auch diese antwortete ebenso prompt: „Eine Mutter.“
Da war er wieder beim Thema. Ärgerlich über sich selbst versuchte er, dem Spiel der Kleinen jetzt richtig zu folgen, beobachtete auch, wie Beate hier und da unauffällig half, vorsagte oder dirigierte, ganz reizend. Schließlich, nach Schluß des Spiels und dem lang anhaltenden Applaus der Zuschauerinnen, ging er vor die Tür, um dort auf Beate zu warten. Sie kam, ganz am Schluß, nach den Besucherinnen, die ihre Kinder nun selbst an der Hand führten, sie sah erhitzt und fröhlich aus und sprach eifrig mit der neben ihr gehenden Kindergärtnerin, die Jörg so gut gefallen hatte. Jörg schob sich unauffällig in den Weg der beiden.
„Ach, Vater, du ...“
Beates Lächeln erlosch. Ihr Gesicht wurde wieder, wie es daheim meist aussah: bockig, wenn man es als Kindergesicht betrachtete, verschattet und verhärtet, sprach man von den Zügen eines Erwachsenen.
„Wieso, was machst du denn hier?“
„Ich warte auf dich, auf euch. Auf die beiden Regieführenden dieser reizenden kleinen Komödie“, sagte Jörg und lächelte beide an, „Sie sind doch ...“ „Gesine. Gesine Frank“, sagte sie und nahm seine Hand, „hat es Ihnen also gefallen? Sie waren doch süß, die Kleinen. Der Wolf, spielte er nicht entzückend? Und das jüngste Geißlein, das in den Uhrkasten kroch ...“
„Ganz goldig. Wollen wir noch eine Tasse Kaffee auf diesen Erfolg trinken? Denn ein Erfolg war es, ohne Zweifel. Ich kenne mich ein wenig in Theaterdingen aus“, sagte Jörg und lachte, „meine Mutter war Schauspielerin, aber das wissen Sie sicherlich durch Beate.“
„Ja, sie hat mir davon erzählt. Und eine Tasse Kaffee würde ich sehr gern trinken, mein Mund ist ganz trocken von dem Geflüster. Flüstern ist so anstrengend.“ Sie lachte so hinreißend, daß Jörg jenen Rucker am Herzen spürte, der einem geschieht, wenn man jemanden auf Anhieb nett findet. Er hatte mit den beiden Mädchen in ein Lokal gehen wollen, jetzt aber sagte er spontan:
„Kommen Sie doch mit zu uns nach Hause! Ich koche einen besseren Kaffee als jeder andere.“ Hoffentlich treibt Beate nicht quer, dachte er flüchtig. Aber, oh Wunder, Beate schwieg.
Sein Wagen stand vorn am Parkplatz. Sie stiegen ein, und zu Hause angekommen, führte er die beiden in sein Arbeitszimmer, was er mit Besuch sonst nie tat. Er unterhielt sich mit Gesine, während er hin und her ging, die Kaffeemaschine einschaltete und die Tassen aus dem Bauernschrank holte. Ein Junggeselle mit zwei unerwarteten, aber herzlich willkommenen Gästen. Gesine antwortete bereitwillig, Beate saß stumm dabei. Der Kaffee roch vorzüglich.
„Und er schmeckt auch herrlich. Ich wünschte, mein Vater würde mir auch einmal einen solchen Kaffee kochen“, sagte Gesine und setzte ihre Tasse ab. Jörg sah sie nachdenklich an.
„Tut er das nie?“
„Nein. Er läßt mich Kaffee kochen und sagt nicht einmal danke. Ich muß viel Nachsicht mit ihm haben“, sagte sie, ohne Ironie übrigens. „Er kann nichts dafür. Mutter hat ihn sehr verwöhnt.“
„Und Ihre Mutter lebt noch?“
„Ja. Aber zur Zeit nicht bei uns, sondern in einem Sanatorium. Es geht ihr nicht gut. Darf ich noch eine Tasse haben?“ Man merkte, daß sie das Thema wechseln wollte. Jörg ging darauf ein.
Nach einer Weile geschah, was er erhofft hatte: Beate stand auf und ging, „entschuldige mich einen Augenblick“ murmelnd, aus dem Zimmer. Jörg blickte ihr nach. Dann gab er sich einen Stoß und sagte halblaut:
„Ich würde Sie gern einmal allein sprechen, ausführlicher. Wegen Beate. Sie sind doch ihre Freundin.“
Das junge Mädchen sah zu ihm auf. Seine Augen waren so dunkel, daß sich das Fenster wie in einer schwarz unterlegten, polierten Glasplatte spiegelte. „Gern. Wann?“ antwortete sie einfach und ohne Erstaunen. Er fragte, ob sie am nächsten Nachmittag Zeit habe. Sie nickte – gerade kam Beate wieder herein.
So kam es, daß Jörg Hagemann einen Menschen fand, mit dem er über seine Sorgen reden konnte. Und so kam es noch zu vielem anderen, was er selbst nie vorhergesehen oder auch nur geahnt hätte.
Der nächste Tag war ein fast schon sommerlicher Maitag, und sie fuhren in Richtung Alb. Man sah die Baumspitzen genau und klar, und über den halben Himmel zogen sich Lämmerwölkchen.
„Morgen wird es regnen“, sagte Jörg und deutete hinauf, „aber heute hält es noch, Ihnen zuliebe. Sie bringen mir Glück. Ein wunderbarer Tag.“
„Ja, und daß ich da einmal herauskomme – so ohne Vorwarnung ...“ Gesine lachte. Dann wurde sie ernst. „Sie machen sich Sorgen um Beate? Wir kennen uns seit langem, wir saßen in der Schule nebeneinander. Ich war auch schon bei Ihnen zu Hause, früher, als wir noch Kinder waren. Zu Beates Geburtstag und auch sonst. Sie erinnern sich sicherlich nicht daran, denn es kamen immer viele Kinder in Ihr Haus.“
„Nein, ich muß gestehen ...“ Jörg war verlegen. Dann sagte er: „Wollen wir ein Stück laufen? Hier ist gerade ein Parkplatz mit dem einladenden Schild: Steig aus und wandere. Ich komme, meiner Verlagsarbeit wegen, sehr selten heraus. Oder wollen wir weiter fahren?“ Er wußte, wie gut es sich im Auto spricht, gerade bei heiklen Angelegenheiten. Aber Gesine sollte entscheiden.
„Ich laufe gern ein Stück. Nur schade, daß Beate nicht mit ist.“
„Ja. Aber sie hätte bestimmt abgelehnt, und ich möchte auch lieber mit Ihnen allein sprechen. Beate ist mir gegenüber sehr – nun, sehr unzugänglich. Seit meine Frau fort ist. Nein, schon länger. Nur ist es mir vorher nicht so aufgefallen. Jetzt aber, seit einem Jahr ...“ sie waren ausgestiegen, er verschloß den Wagen und ging dann, Gesine neben sich, einen kleinen Fußweg, der bergauf führte. „Hier kommen wir zu einem sehr hübschen Ausblick. Kennen Sie die Alb?“
„Ein wenig. Viel zu wenig. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit.
Unzugänglich, sagen Sie? Ist man das in diesem Alter nicht häufig, den Eltern gegenüber?“ Sie war selbst höchstens ein halbes Jahr älter als Beate. Jörg aber lächelte nicht.
„Sicherlich. Aber es gibt doch Unterschiede. Beate hat beispielsweise in diesem Frühjahr – ja, so etwa seit Anfang März – einmal acht Wochen überhaupt nicht mit mir gesprochen. Kein Wort. Kein Guten Morgen oder Gute Nacht. Keine Antwort, wenn ich fragte. Ich schob es erst darauf, daß sie die Mutter sehr entbehrte. Meine Frau ist nach Südamerika zu ihrem Bruder gefahren. Wann sie wiederkommt, steht noch nicht fest. Aber ...“
„Ging sonst noch etwas voraus?“ fragte Gesine leise. Jörg sah sie nicht an.
„Ich wüßte nicht. Sie kommt abends oft sehr spät heim, sehr spät – aber das fängt wohl an in diesem Alter, und es läßt sich nicht unterbinden. Ich weiß gar nicht, wo und mit wem sie unterwegs ist“, er brach ab. Gesine sagte auch nichts.
Der Weg war jetzt so schmal, daß sie hintereinander gehen mußten. Jörg machte lange Schritte, um ihn bald hinter sich zu haben, und auch wohl, weil er nicht wollte, daß Gesine ihn für einen alten, nach Luft ringenden Städter halten sollte. Endlich wurde der Weg wieder breiter, eine Lichtung tat sich auf, rechts ging es steil bergan, links konnte der Blick sich ausbreiten. Ein abfallender Hang, nur mit Baumstümpfen bestückt, die von Himbeergesträuch und rosa Weidenröschen überwuchert wurden, gab den Blick frei ins Tal hinunter, in die weite Ebene, mit Dörfern und von Straßen durchzogen, auf denen winzige bunte Autos dahinkrochen, und nicht einmal die Autos, Zeichen der Technik, störten hier. Das Ganze war so hübsch, so anheimelnd und so anmutig, daß man unwillkürlich tief Luft schöpfte. „Ich liebe diesen Blick. Er erinnert mich an das Riesengebirge“, sagte Jörg leise. „An die eine Seite des Riesengebirges, die nach der böhmischen Seite hin. Nach unserer Seite hin, ich sage immer ‚unsere‘, ich meine die früher schlesische, ist das Riesengebirge anders. Da fällt es schroff, ja, alpin ab, großartig, gewaltig. Aber nach Böhmen zu ist es ganz ähnlich wie hier, nur noch abwechslungsreicher“, er schwieg. Gesine schwieg auch. Nach einer Weile fragte sie vorsichtig:
„Sind Sie von dort? Von Schlesien? Aus dem Riesengebirge?“
„Nein. Aber ich war dort, eine Zeitlang. Als ich so alt, Verzeihung, so jung war wie Sie. So um die achtzehn herum. Es war wohl die glücklichste Zeit meiner nicht sehr gelungenen Kindheit oder Jugend, sonst habe ich es nicht besonders gut getroffen. Ich ging aus einem Internat ins andere, wurde dort erzogen, wo es teuer und schlecht war. Meine Mutter – aber das wissen Sie ja. Und ich will mich auch keineswegs beklagen, nur erklären, warum mich dieser Blick immer so anrührt. Wir wollten ja von Beate sprechen, oder richtiger, ich wollte es. Wenn es Ihnen recht ist und Sie es nicht etwa als Verrat auffassen. Wäre es Verrat?“ fragte er scheu.
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