Kitabı oku: «Raku, der Kolkrabe»

Yazı tipi:

Lothar Streblow

Raku, der Kolkrabe

SAGA

Raku, der Kolkrabe

Copyright © 1989, 2018 Lothar Streblow und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711807569

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

„Die Frage nach dem tierlichen Bewußtsein hat die Menschen schon immer gefesselt, weil Haus- und Wildtiere gleichermaßen unsere Bewunderung und Neugier erregen. Sie verlocken uns dazu, in ihre Haut zu schlüpfen und uns vorzustellen, wie ihr Lehen sein mag.“

Donald R. Griffin

„Gefühle sind es, die alle Kreatur dazu drängt, etwas zu tun oder, wenn es ängstliche Stimmungen sind, etwas zu unterlassen. “

Vitus B. Dröscher

Ausbruch aus dem Ei

Das weite Hügelland vor dem Bergkamm lag verborgen unter wattigem Weiß. Morgennebel schwebten über den Tälern und flachen Kuppen, verhüllten die Tiefe. Auf halber Höhe der Berghänge aber wurde es lichter, stachen einzelne Baumwipfel durch die wabernden Schwaden. Darüber leuchtete der Himmel in kristallklarer Bläue. Warm schien die Märzsonne, ließ die letzten Schneeinseln tauen. Und eine laue Brise strich durch die Zweige.

Auch der Rabenhorst im Wipfel einer hohen Kiefer wogte leise im Wind. Die Räbin stocherte unruhig im Nest, wendete immer wieder ihre vier blaugrünen, dunkel gefleckten Eier in der sauber ausgepolsterten Nestmulde. Der Wind störte sie nicht. Nur wenn sie ein wenig den Kopf hob, um nach dem Raben auszuschauen, verfing sich der Luftzug in ihrem Nackengefieder. Sie spürte Hunger. Und sie rief nach ihrem Gefährten.

Lange mußte sie nicht warten. Über der Lichtungam Waldrand tauchte ein dunkler Schatten durch die treibenden Nebelfetzen und glitt heran. Der Rabe schwang sich, deutliche Fütterlaute ausstoßend, auf den Rand des Horstes. Bedächtig öffnete er seinen mächtigen Schnabel und würgte Nahrung aus seinem Kehlsack: eine Waldmaus. Und die Räbin winselte leise und verschlang sie gierig.

Eine Weile noch hockte der Rabe am Rand, murmelte zärtliche Laute und kraulte seiner Gefährtin liebevoll das Kopfgefieder. Dann strich er ab und ließ sich mit weitgebreiteten Schwingen vom Aufwind in die Höhe tragen. Nichts entging seinem scharfen Auge. Und die Räbin wartete geduldig. Sie verließ ihre Eier nur selten und dann auch nur kurz. Der Rabe sorgte für seine brütende Gefährtin. Und er brachte ihr von seiner Beute nur die besten Happen.

Mit einemmal wurde die Räbin aufmerksam. In einem der Eier spürte sie Bewegung. Fast drei Wochen hatte sie auf diesen Augenblick gewartet. Das Junge begann mit seinem Eizahn, einem kleinen Kalkhöcker auf seinem Schnäbelchen, von innen die Schale aufzumeißeln. Doch das Kleine mußte mit dem Kopf nach unten arbeiten: Das Ei lag verkehrt. Und das war recht mühsam. Die Räbin aber erkannte die quälende Lage des Kleinen. Und sie wendete das Ei vorsichtig mit ihrem Schnabel.

Plötzlich brach der aufgemeißelte Ring. Die Eikappe hob sich langsam. Und Raku schob seinen winzigen kahlen Kopf durch die Bruchstelle ins Freie. Erschöpft ruhte er einen Augenblick von der Schwerarbeit aus. Doch als er seine Flügelchen ausbreiten wollte, ging das nicht. Sein Körper war noch im Ei gefangen. Wie wild begann er zu strampeln. Und wieder half ihm seine Mutter. Mit ihrem mächtigen Schnabel zog sie ihn ganz behutsam aus der Schale.

Naß und fast nackt hockte Raku in dem weich gepolsterten Nest. Noch sah er nichts. Seine Augen waren geschlossen, bedeckt mit klebriger Eiflüssigkeit. Nur den riesigen schwarzbefiederten Bauch seiner Mutter spürte er über sich. Und kaum hatte sie die Reste seines zerbrochenen Eigehäuses verschluckt, begann sie seinen kleinen verklebten Körper vorsichtig zu säubern. Immer wieder fuhr sie ihm mit der Spitze ihres gewaltigen Schnabels unter seine kahlen Flügelchen, tastete ihm über Rücken, Kopf und Zehen. Und obwohl sie das alles mit erstaunlicher Sanftheit tat, spürte Raku nur Unbehagen. Er schrie kläglich, als wolle sie ihn umbringen.

Seine Mutter kümmerte sich nicht um Rakus Geschrei. Über eine Stunde mußte er die Säuberung über sich ergehen lassen. Dann erst war die Räbin zufrieden. Doch noch immer gab es keine Ruhe.

Nun lockerte die Räbin sorgsam die Nestpolsterung auf, damit Raku eine weiche Unterlage bekam. Und dann steckte sie den winzigen Raku senkrecht in den flockigen Flausch, daß gerade noch seine Schnabelspitze herauslugte. So war sein zarter nackter Körper geschützt vor dem Wind. Und Raku döste ein wenig nach all der Anstrengung.

Kurz darauf mußte die Räbin sich schon wieder um das nächste Ei kümmern, in dem ein Junges nach draußen drängte. Raku merkte von alldem nicht viel: nur ab und zu mal eine Erschütterung, wenn seine Mutter sich bewegte. Er sah nicht, wie sich plötzlich ein kahler Kopf aus der Eischale hob, etwas Zappelndes von den Eiresten befreit und unter großem Geschrei geputzt wurde. Raku fühlte sich warm und geborgen in seinem Flauschpolster. Und er döste weiter, bis der Luftzug zweier rauschender Flügel ihn aufschreckte.

Der Rabe war zurückgekommen mit Fleischbrocken einer Bisamratte. Und die Räbin antwortete auf seinen Fütterungsruf. Mit einem Blick erkannte der Rabe die neue Lage: die eben geschlüpften Jungen in der Nestmulde. Und er wußte, was er zu tun hatte. Jetzt brauchten auch die Kleinen Nahrung. Ohne Aufenthalt schwang er sich wieder in die Luft. Und diesmal flog er in eine andere Richtung: am heckengesäumten Waldrand entlang zu einer sonnigen Fichtenschonung.

Raku spürte die Unruhe. Seine Mutter pickte nach dem feucht gewordenen Polstermaterial und fraß es auf. Das Fleisch der Bisamratte hatte sie längst verschlungen: Das war noch nichts für die winzigen Nestlinge. Sie brauchten zartere Kost.

Das wußte auch der alte, erfahrene Rabe. Als er das nächstemal zurückkehrte, brachte er etwas anderes: einige weiche zerquetschte Schmetterlingsraupen. Doch er flog den Horst nicht direkt an. Zuerst säuberte er auf einem nahen Ast sorgfältig seine Zehen und Krallen, bevor er sich auf dem Nestrand niederließ.

Mit einem tiefen „Gro“-Laut rief er seine Jungen zum Füttern. Dann würgte er das Raupenmus aus seinem Kehlsack hervor. Und er stopfte es in kleinen Portionen in die gierig aufgesperrten Schnäbel.

Raku schluckte zufrieden, hachelte behaglich vor sich hin und schloß seinen kleinen Rabenschnabel. Die erste Mahlzeit hatte ihm geschmeckt.

Raku im Nest

Mehr als eine Woche verging. Längst waren auch die anderen zwei Jungen geschlüpft. Die Federhüllen auf Rakus Rücken und Flügeln begannen allmählich aufzuspringen, von Tag zu Tag mehr. Raku wirkte seltsam struppig.

Kaum zeigten sich seine ersten Federchen, da putzten die Alten sein sprießendes Gefieder schon genauso wie ihr eigenes. Es ziepte mitunter, wenn sie die winzigen Federn mit ihren riesigen Schnabelspitzen sorgfältig durchzogen. Und das gefiel Raku gar nicht. Dann probierte er es ein wenig selber, allerdings noch ziemlich unbeholfen. Erst als er sein rabenschwarzes Federkleid bekam, schätzte er diese Gefiederpflege. Nun ziepte es nicht mehr. Im Gegenteil, jetzt fand er das sehr angenehm.

Inzwischen guckte Raku schon recht munter in die Gegend. Die über ihm leise im Wind schaukelnden Zweige der alten Kiefer interessierten ihn. Doch sie blieben für ihn unerreichbar. Noch war er ein Nesthocker mit spärlich befiederten Flügeln. Vom Fliegen hatte er keine Ahnung. Und das würde auch noch eine Weile dauern.

Tolpatschig krabbelte Raku in der Nestmulde herum. Er war das kräftigste der Geschwister und schon sehr neugierig.

Die Mutter putzte gerade eines der anderen Kleinen und bemerkte nichts von Rakus Ausflug. Und so ganz wohl fühlte er sich auch nicht dabei. Die Sonne verschwand mit einemmal hinter einer aufziehenden Wolkenwand. Es wurde kühl. Und aus Rakus Kehle drang ein kläglicher Laut.

Seine Mutter reagierte sofort. Sie wußte, daß ihre Kleinen jetzt vor allem Wärme brauchten. Und sie bettete die Jungen fürsorglich in die weichen Polster und wärmte sie. Das gefiel Raku. Und eine Weile hockte er ganz zufrieden unter dem dichten Gefieder seiner Mutter.

Doch Wärme allein genügte ihm nicht. Er spürte schon wieder Hunger. Gierig sperrte er seinen kleinen Schnabel auf und zeigte seinen glutroten Schlund. Nur nützte das im Augenblick wenig. Sein Vater war noch auf Nahrungssuche. Und so lange mußte Raku warten.

Ungestüm schob er seinen struppigen Kopf zwischen den Bauchfedern seiner Mutter hindurch. Es wurde hell. Ein Sonnenstrahl brach durch die treibenden Wolkenfetzen. Von einer Fichte jenseits der Lichtung klang der Gesang einer Amsel herüber. Und in der Ferne hämmerte ein Specht.

Raku horchte auf die für ihn noch fremdartigen Geräusche. Endlich ertönte das vertraute Rauschen großer Flügel.

Ein dunkler Schatten schob sich kurz vor die Sonne.

Sein Vater war auf dem nahen Ast gelandet, um sich die Krallen zu putzen. Dann sprang er auf den Rand des Horstes.

Aber noch gab es kein Futter. Der Rabe hatte am Waldsaum ein Mäusenest ausgeräumt; und die beiden Alten zerlegten die Mäusebrut kunstgerecht auf dem Horstgeflecht. Das dauerte eine Weile. Nur die zartesten Bissen waren gut genug für die Jungen.

Rakus Bettelrufe klangen immer verzweifelter. Auch seine drei Geschwister begannen zu lärmen. Nun beugte sich Rakus Mutter über seinen aufgesperrten Rachen, stopfte ihm etwas in den Schnabel. Raku spürte einen neuen Geschmack. Und der behagte ihm. Davon wollte er noch mehr. Die anderen aber gierten genauso unersättlich. Und die Räbin verteilte die Brocken fürsorglich und gerecht. Den für die Kleinen ungeeigneten Rest verschlang sie selbst, während der Rabe seine Schwingen ausbreitete und zu erneuter Futtersuche abflog.

Langsam versank die Sonne hinter dem Bergkamm. Dämmerung zog über die Wälder. Der Rabenhorst schwang leise im Abendwind. Und die Stimmen der Nachtvögel erklangen aus dem Dunkel unter den Baumwipfeln. Irgendwo im Gezweig rief ein Waldkauz. Ein Dachs wackelte grunzend durchs Gesträuch der Lichtung. Von ihnen drohte keine Gefahr. Die Räbin huderte geruhsam ihre Jungen, nahm sie wärmend unter ihre Flügel. Und sie gönnte sich ein wenig Schlaf.

Plötzlich schlich ein geschmeidiger Schatten auf die Horstkiefer zu, kletterte geschickt am rauhborkigen Baumstamm hinauf und verharrte sichernd auf einem der unteren Äste. Als es ruhig blieb, kletterte er weiter, fast lautlos. Nur einmal verursachten seine Krallen ein kratzendes Geräusch auf der rauhen Borke. So näherte er sich unaufhaltsam dem Rabenhorst.

Noch blieb es still im Nest. Die Räbin aber hob lauschend den Kopf. Sie hatte einen leisen Schlaf. Das Kratzgeräusch war ihr nicht entgangen. Und sie spürte die Gefahr.

Da erklang das Geräusch wieder, kaum hörbar, doch sehr nah: wenige Meter unter dem Nest. Jetzt wußte die erfahrene Räbin, was sich da näherte. Kein Eichhörnchen würde sich so dicht an einen Rabenhorst wagen. Es war ein Baummarder auf Beutezug, der die Jungen wohl allein im Nest glaubte.

Mit einem Kampflaut stürzte die Räbin wie ein Stein vom Nestrand auf die schlanke braunfellige Gestalt, die sich eng an den Ast drückte. Der Marder fauchte, bleckte sein scharfzähniges Gebiß. Doch er kam nicht zum Zubeißen. Kraftvoll hackte ihm die Räbin ihren dolchartigen Schnabel in den Rücken. Der Marder schrie auf. Und während die Räbin flatternd ihren Sturzflug abbremste, sprang er geschickt zu einem Ast im Wipfel einer danebenstehenden Fichte.

In diesem Augenblick kam der Rabe zurück, sah die Gefahr.

Noch bevor der Marder sich an dem Fichtenast festkrallen konnte, stieß der Rabe zu. Durch den gewaltigen Stoß glitt der Marder ab. Doch schon am nächsttieferen Ast fing er sich wieder, hielt sich sekundenlang an den Vorderpfoten. Da griff ihn die Räbin von der Seite an, jagte ihm die Spitze ihres harten Schnabels in den gelblichen Kehlfleck. Und der Marder fiel durch das Fichtengezweig krachend zu Boden.

Von alldem hatte Raku kaum etwas bemerkt. Er spürte nur die Abendkühle, als seine Mutter sich plötzlich vom Nest erhob, hörte ihren Kampfruf und das Rauschen der Flügel, den Schmerzensschrei des Marders und schließlich seinen dumpfen Aufschlag. Das dauerte nur ein paar Atemzüge. Dann fühlte er sich wieder unter dem schützenden Gefieder seiner Mutter geborgen. Und in seinem Magen meldete sich der Hunger.

An diesem Abend aber gab es noch kein Marderfleisch für die Kleinen. Sie bekamen das Mitgebrachte aus dem Kehlsack ihres Vaters. Und nach der Fütterung ihrer Jungen hielten die beiden alten Raben ein üppiges Mahl.

Duschbad

Die Aprilmitte brachte Regen und Sturm. Und es wurde kälter. Einzelne Schneeschauer peitschten gegen den Rabenhorst in der alten Kiefer. Und tagelang breitete sich naßkaltes Weiß über die Landschaft, verhüllte das sprießende Grün.

In dieser Zeit rührte die Räbin sich kaum noch von der Nestmulde, hielt Kälte und Schnee und von den Zweigen tropfendes Tauwasser von ihren Kindern ab. Nur bei der Fütterung sah Raku manchmal etwas von dem verspäteten Winter. Und er war froh, wenn der wärmende Leib seiner Mutter sich wieder schützend über ihn schob.

Doch lange währte der Kälteeinbruch nicht. Nach einer frostklaren Nacht stieg die Sonne durch den Morgendunst, leckte den Reif von Gräsern und Zweigen.

Hier am Hang des Bergkamms kam der Frühling spät. Und Tage später brachen die ersten Blüten auf, sprangen die Knospen der Laubbäume und Sträucher. Es wurde grün in den Wipfeln und am Boden zwischen den Stämmen. Bienen summten um die Haselkätzchen am Waldrand. Und Schlüsselblumen, Buschwindröschen und Waldveilchen wuchsen zwischen jungen Halmspitzen.

Der alte Rabe hatte jetzt kaum noch Mühe, geeignetes Futter für seine Jungen zu finden. Kreuzottern und Eidechsen verließen noch etwas träge ihre Winterquartiere. Käfer und Würmer krochen zwischen Wurzeln und Stengeln, an denen die ersten Heupferde saßen. Und mit sicherem Instinkt spürten die Raben jedes Mäusenest auf. Nun bekamen die Kleinen auch schon das festere Muskelfleisch, zunächst sorgsam aufgeweicht und ohne Knochen, bald aber schon unangerichtete Mäusebrut.

Raku schluckte begierig alles, was Mutter und Vater ihm in den roten Schlund stopften. Nur das Putzen nach den Mahlzeiten gefiel ihm nicht. Dann schrie er genauso wie seine Geschwister und fuchtelte aufgeregt mit seinen spärlich befiederten Flügelchen. Erst wenn das Gefiederkraulen drankam, hielt er genießerisch still.

Doch nicht nur nach jeder Mahlzeit wurde gründlich geputzt. Die Räbin sorgte unermüdlich für Sauberkeit im Nest und entfernte jedes Kotbröckchen, das die Kleinen absetzten. Und immer wieder lockerte sie die Polsterung auf, damit ihre Jungen es weich und warm hatten.

Der Rabenhorst bestand schon lange. Vor Jahren, als die damals noch junge Räbin der Werbung des Raben folgte, hatten sie beide die alte Kiefer nahe dem Waldrand ausgewählt, gemeinsam Nistmaterial herangetragen und kunstgerecht den Horst gebaut: das Außengeflecht aus fingerdicken Trockenästen, Zweigen und Halmen sorgfältig mit lehmiger Erde abgedichtet und die Mulde in der Mitte des Reisigbaus mit trockenem Gras, Flechten, Moos und Tierhaaren weich gepolstert.

Hier hatten die beiden schon manche Brut aufgezogen. Es war ein guter Platz, still und verborgen. Und der einsame Uhu, der ein Stück waldeinwärts in ihrem Revier hauste und ihren Jungen während der Nacht hätte gefährlich werden können, wußte aus Erfahrung, daß die beiden alten Raben ihre Brut nicht aus den Augen ließen.

Die Kleinen fühlten sich wohl in dem sicheren Heim. Sie wußten noch nichts von Gefahr. Selten nur verirrte sich ein Mensch an diesen abgelegenen Ort. Und doch war es nicht mehr ganz so wie früher. Saurer Regen ließ allmählich ringsum die Bäume absterben: zuerst die Tannen und Fichten und nun die Laubbäume. Auch die stattliche Horstkiefer wurde von Jahr zu Jahr lichter. Teile ihrer Nadeln vergilbten und fielen ab. Und als die Tage Ende April immer länger wurden und die Sonne heiß durch die nadelarmen Wipfelzweige brannte, wurde es den Nestlingen zu warm.

Aber die Räbin wußte, was zu tun war. Mit abgewinkelten Flügeln stellte sie sich über ihre Jungen, hielt die sengenden Strahlen ab und spendete Schatten. Und der Rabe, der auf einem Seitenast sein Gefieder geputzt hatte, hockte sich auf den Rand des Horstes und stach mit seinem starken Schnabel kleine Löcher in den Nestboden, damit von unten kühlende Luft durchwehen konnte. So wurde die Hitze im Nest erträglicher. Und die vier Jungraben genossen die nächste Fütterung mit gutem Appetit.

Gegen Mittag aber schlief der leichte Wind ein. Die Luft stand flirrend heiß und unbeweglich über der Lichtung am Waldrand. Rakus Kehle wurde trocken. Er spürte Durst, machte einen langen Hals und hechelte. Auch von seinen Geschwistern ertönten klägliche Hechellaute.

Als der Rabe das nächstemal den Horst anflog, brachte er weder Heuschrecken noch Mäusebrut. Aus seinem Kehlsack tränkte er die Jungen fürsorglich mit Wasser. Und er strich gleich noch einmal ab, um eine neue Ladung zu holen. Dann stellte er sich als Schattenspender über die Kleinen, während die Räbin ihre Schwingen ausbreitete und den schmalen Waldbach am Ende der Lichtung ansteuerte. Neugierig betrachtete Raku die riesigen Schwanzfedern seines Vaters. Und einem unwiderstehlichen Drang folgend, begann er vorsichtig daran herumzuzupfen. Dem alten Raben aber schien das weniger zu gefallen. Er wandte seinen Kopf mit dem mächtigen Schnabel und musterte streng seinen vorwitzigen Sohn.

Raku machte sich vor Schreck ganz klein und dünn, duckte sich demütig, sperrte seinen Schnabel auf und gab einige ängstliche Fistellaute von sich. Offenbar stellte den Alten Rakus kindliches Gebaren zufrieden. Er zwinkerte einmal kurz. Und Raku atmete auf.

Außerdem hatte der Rabe inzwischen die Räbin entdeckt, die sich in elegantem Flug dem Nest näherte. Er begrüßte sie schon von weitem mit eifrigen Verbeugungen und stieß ein wohltönendes „Krrooa“ aus. Dann räumte er seinen Platz.

Erwartungsvoll öffnete Raku seinen Schnabel. Doch es gab nicht noch einmal einen kühlenden Trank. Die Räbin schob sich mit ihrem klitschnassen Bauch über ihre Jungen. Und bevor Raku begriff, was das bedeuten sollte, schüttelte seine Mutter ihr Gefieder. Und Raku bekam mit seinen Geschwistern ein wild spritzendes Brausebad.

Raku legte seinen Kopf schief und äugte verdutzt nach oben. So was war neu für ihn. Aber die Dusche hatte ihm gefallen: Das wirkte sehr erfrischend bei der Hitze. Nur sah er mit seinem naßgespritzten Gefieder ein bißchen merkwürdig aus. Doch das störte ihn nicht weiter. Er hatte immer noch Durst. Und allmählich bekam er wieder Hunger. Geräuschvoll meldete er seine Wünsche an. Und das half.

An diesem Tag kamen die Rabeneltern kaum zur Ruhe. Unermüdlich schleppten sie Raupen, Käfer und Würmer, Heuschrecken und Mäuse heran, manchmal vermischt mit etwas Pflanzenkost. Die Räbin und auch der Rabe träufelten Wasser in ihre fordernd aufgesperrten Schnäbel. Und als die Räbin ihre Jungen das nächstemal mit einem Duschbad versorgte, reckte Raku seinen kleinen Körper so hoch wie möglich, damit ihm ja kein Tropfen entging.

Rakus erster Flug

Im Mai wurden auch die Nächte wärmer. Die Kleinen trugen inzwischen ihr rabenschwarzes Federkleid. Und die Räbin übernachtete schon eine ganze Weile nicht mehr auf dem Nest. Meist saß sie am Nestrand oder dicht daneben auf einem Ast. Raku hatte sich allmählich daran gewöhnt. Solange die beiden großen Raben in der Nähe des Nestes waren, fühlte er sich sicher und geborgen.

Manchmal horchte er auf die Laute der Nachtvögel: den dumpfen Ruf des Uhus oder den unheimlich klingenden eines Waldkauzes. Und wenn in hellen Nächten der bleiche Schein des Mondes durch den Wipfel der Kiefer fiel und eine Fledermaus vorüberflatterte, streckte er mit aufgerichtetem Scheitelgefieder den Hals krächzend vor und klappte drohend mit dem Schnabel. Die Fledermaus aber war längst zwischen den Zweigen der umstehenden Bäume verschwunden. Und nach einer Weile schloß Raku schläfrig die Augen.

Tagsüber jedoch wurde es ihm im Nest oft zu langweilig. Er wollte spielen, pickte neugierig nach den Schnäbeln seiner Geschwister und zupfte an ihrem Gefieder herum. Nur zupften und pickten diese ebenfalls, vor allem seine Schwester Nalka. Dann brachte Raku erst mal seine zerzausten Federn in Ordnung. Und er turnte geschickt auf den Nestrand, hob seine Flügel und veranstaltete eifrig Flugübungen. Dabei stieß er einen wie „raap“ klingenden Flugruf aus, immer und immer wieder. Aber so ganz traute er sich noch nicht.

Der erste Flug gelang ihm erst ein paar Tage später. Es war ein strahlend heller Frühlingsmorgen. Tau glitzerte an den Halmen und Blüten. Im Wipfel einer Lärche jenseits der Lichtung sang eine Amsel. Raku hatte ein ausnehmend gutes Frühstück bekommen: eine halbe Maus. Und er war satt.

Wieder hockte er oben auf dem Nestrand und besah sich die Gegend. Gar nicht weit vor ihm ragte ein Ast seitlich vom Nest aus dem Stamm. Ein leichter Wind wehte vom Tal herauf, spielte mit Rakus Gefieder. Raku spreizte unternehmungslustig seine Flügel, spürte den Wind darunter. Das war ein gutes Gefühl. Und er flatterte ein wenig, noch ziemlich unbeholfen, flatterte immer heftiger. Sein Flugruf tönte in den Morgen. Plötzlich spürte Raku Luft unter sich, nichts als Luft. Er erschrak. Und dann spürte er den Ast. Und er krallte sich daran fest. Raku war geflogen, zum erstenmal in seinem Leben geflogen.

Aufmerksam beäugte er die ungewohnte Umgebung. Von dem schmalen Ast sah alles ganz anders aus. Und das reizte ihn. Vorsichtig balancierte er ein winziges Stück auf dem Ast entlang bis zu einem kleinen Seitenzweig, umklammerte ihn mit der Kralle und hackte mit dem Schnabel darauf herum.

Plötzlich brach der Zweig mit leisem Knacken, doch er fiel nicht. Raku hielt ihn fest, nahm ihn quer in den Schnabel und balancierte wie ein Seiltänzer damit weiter bis zum Stamm der Kiefer. Hier blieb er erst mal sitzen.

Drüben hockte jetzt Nalka auf dem Nestrand und beobachtete neugierig Rakus sonderbares Treiben. Vom Fliegen schien sie noch nicht viel zu halten, obwohl sie mitunter ein wenig herumflatterte. Ihr Bruder Soku lugte nur einmal über den Rand zu Raku hinüber und zupfte seine Schwester von hinten am Schwanz. Auch Luja guckte kurz. Dann verschwanden alle laut krächzend in der Nestmulde.

Raku interessierte sich inzwischen für den Kiefernstamm, wo schräg über ihm ein anderer Ast herausragte. Er ließ das Zweigstückchen aus dem Schnabel fallen und hackte auf den Ast los. Doch mittendrin stutzte er. Gar nicht weit von ihm fiel ein dicker Zapfen aus dem Wipfel einer Fichte.

Raku erschrak, zog den Kopf zwischen die Schultern und machte sich ganz klein und dünn. Er beruhigte sich erst wieder, als der Zapfen unten auf dem Bogen aufschlug, ein Stückchen rollte und dann liegenblieb. Jetzt richtete Raku sein Gefieder wieder auf, machte einen dicken Kopf und stieß einen Drohlaut aus. Fallende Fichtenzapfen waren ihm noch unheimlich. Außerdem vermißte er seine Eltern in der Nähe. Sie suchten irgendwo nach Futter für ihre ewig hungrigen Jungen. Das kam in letzter Zeit öfter vor. Und das behagte Raku gar nicht. Beunruhigt spähte er zum Himmel und stieß einen lauten Ruf hervor, der wie „rüh“ klang. Und auch seine Geschwister fielen ein. Sie hatten schon wieder Hunger, genau wie Raku.

Doch der Himmel blieb leer. Nur ein Eichelhäher warnte vor etwas, das Raku noch nicht erkennen konnte. Es war ein äsender Rehbock. Wenig später aber sah Raku, wie sein Vater sich mit mächtigen Schwingen hinter dem Gesträuch am Rand der Lichtung erhob und den Horst ansteuerte. Raku rief wieder. Und diesmal war es ein Bettelruf.

Der alte Rabe landete dicht vor Raku auf dem Ast. Ohne Aufforderung sperrte Raku seinen glutroten Schnabelrachen auf. Und der alte Rabe stopfte ihm hinein, was er in seinem Kehlsack trug. Dabei hatte Raku einige Mühe, auf dem schmalen Ast die Balance zu halten. Immerhin war das seine erste Fütterung auf diesem luftigen Platz. Manchmal flatterte er heftig mit den Flügeln, weil er um ein Haar abstürzte. Doch er krallte sich im letzten Augenblick fest und blieb oben. Und als sein Vater wieder zu neuer Futtersuche abstrich, schwang Raku sich mit ein paar kurzen Flügelschlägen zurück zum Nestrand.

Bodenspiele

Einige Tage später hockten alle vier Jungraben rund um das Nest. Es war ein sonniger Morgen und noch fast windstill. Raku hatte seinen Stammplatz auf dem schmalen Ast energisch verteidigt. Nur seiner Schwester Luja, die sich zuletzt vom Nest fortwagte, gestattete er einen Sitz neben sich. Luja war die Kleinste und Friedlichste von allen, zupfte nur selten, und manchmal versuchte sie ihn zu kraulen. Im Augenblick aber hielt Raku gar nichts davon.

Neugierig betrachtete er den Waldboden tief unter sich und hob versuchsweise ein wenig die Flügel. Langsam balancierte er ein Stück von Luja weg auf dem Ast entlang und äugte mit schiefgelegtem Kopf wieder hinunter. Dabei flatterte er heftig und stieß Flugrufe aus. Und als ein leichter Windstoß ihm unter die Flügel fuhr, ließ er den Ast plötzlich los und landete mit viel Geflatter unten auf einem Moospolster.

Hier ordnete er erst mal sein Gefieder. Lange hielt er sich allerdings nicht damit auf. Dieses weiche grüne Zeug unter seinen Füßen interessierte ihn. Ein paarmal hackte er kurz hinein und versuchte dann einige unbeholfen wackelnde Schritte auf ein dickes Grasbüschel zu. Doch sehr weit kam er nicht. Direkt vor dem Grasbüschel lag ein unbekannter länglicher Gegenstand von dunkelbräunlicher Farbe: ein Stückchen abgebrochener Fichtenborke.

Raku stutzte und blieb stehen. Vorsichtig beobachtete er den Gegenstand aus sicherem Abstand. Doch da das seltsame Ding sich nicht bewegte, faßte Raku Mut und pirschte sich in geduckter Haltung langsam heran, schlug einen Bogen und näherte sich von der anderen Seite.

In diesem Augenblick hörte er über sich das Rauschen großer Flügel. Das Geräusch war ihm vertraut. Er erkannte seine Mutter, die von der Futtersuche zurückkam. Jetzt interessierte ihn das Borkenstückchen nicht mehr. Ein Bettelruf drang aus seiner Kehle. Und seine Mutter ging nicht weit von ihm nieder und stillte seinen Hunger.

Das aber schien Soku zu reizen, der wie seine Schwestern immer noch oben auf einem der Kiefernäste neben dem Nest saß. Er stieß einen Flugruf aus und flatterte unbeholfen herunter. Er wollte auch seine Futterportion haben. Doch er bekam nur einen kärglichen Rest.

Raku spazierte inzwischen wieder auf das Grasbüschel los. Dabei gab er unentwegt Kontaktlaute von sich. Er fühlte sich noch ziemlich unsicher in der fremdartigen Umgebung. Erst als seine Mutter sich wieder vom Boden erhob, verstummten seine Rufe.

Das Borkenstückchen lag noch an der gleichen Stelle wie vorher. Und das weckte Rakus Neugier. Trotzdem blieb er nach Rabenart vorsichtig. Schließlich konnte das unbekannte Ding ebensogut ein gefährlicher Feind sein wie eine Beute. Und das mußte er erst herausbekommen.

Jetzt trennten ihn nur noch wenige Schritte von dem bräunlichen Gegenstand. Raku öffnete drohend den Schnabel. Das Ding rührte sich noch immer nicht. Plötzlich stieß Raku vor, verpaßte dem Borkenstückchen einen kräftigen Schnabelhieb und hob sich aufgeregt flatternd in die Luft. Von einem halbvermoderten Baumstumpf in der Nähe beobachtete er gespannt, was das Ding machte. Als es teilnahmslos liegenblieb, wiederholte Raku seinen Angriff und flatterte zurück zum Baumstumpf. Und das tat er noch ein paarmal.

Endlich hatte Raku seine Scheu überwunden. Das seltsame Ding war offenbar ungefährlich. Nun mußte er nur noch feststellen, ob es auch genießbar war. Neugierig wackelte er darauf zu, packte es mit einer Kralle, hieb einmal kurz und kräftig darauf und nahm die Borke in den Schnabel. Das Holz schmeckte ihm nicht. Außerdem war es viel zu hart. Aber es eignete sich gut als Spielzeug. Und so zog er mit seiner Beute zu dem Baumstumpf, wo er sie erst mal in einem Spalt versteckte.

Nur bemerkte Raku nicht, daß Soku ihn dabei genau beobachtete. Und kaum blickte Raku ein Stück entfernt einer vorübersummenden Hummel nach, da schoß Soku eilends herbei, um sich die Borke zu holen. Doch Raku war schneller und flatterte mit dem Holz quer im Schnabel davon. Und Soku flatterte wild hinter ihm her.

Das gefiel Raku. Er flog eine Schleife und landete. Kurz danach kam auch Soku wieder zu Boden. Darauf hatte Raku nur gewartet. Gemächlich wackelte er auf Soku zu und legte ihm das Holz vor die Füße. Soku stutzte. Angst hatte er nicht mehr davor. Er hatte ja gesehen, wie Raku damit umgegangen war. Aber bevor er zupacken konnte, schnappte Raku ihm das Holz blitzschnell unterm Schnabel weg, machte kehrt und sauste aufwärts in einer Kurve über Sokus Kopf. Nach ein paar Metern ließ er das Borkenstückchen fallen, setzte daneben am Boden auf und wartete.

Soku äugte mit schiefgelegtem Kopf erst auf das Hölzchen und dann zu Raku hinüber. Er schien zu überlegen, ob das eine Aufforderung zum Spielen sei. Immerhin hatte Raku seinen Schnabel beschwichtigend abgewendet und wirkte auch sonst recht friedlich. Nur so ganz traute Soku dem Frieden nicht. Er machte sich erst mal ziemlich klein und dünn und zog den Kopf zwischen die Schultern, ließ dabei das Borkenstück aber keine Sekunde aus den Augen.

Plötzlich hüpfte Raku los, packte das Holz mit dem Schnabel und streckte es Soku auffordernd entgegen. Jetzt schnappte auch Soku zu. Aber Raku ließ nicht los, griff es auch noch mit der Kralle und begann wie ein Wilder zu ziehen. Und Soku zog genauso wild von der anderen Seite. So zerrten sie mit aufgestelltem Scheitelgefieder eine Weile hin und her.

Mit einemmal brach die morsche Borke in der Mitte durch. Die beiden Raben taumelten und flatterten verdutzt, jeder ein Bruchstück im Schnabel. Dann sauste Soku mit seiner Beute davon.

Raku schüttelte energisch das Gefieder und ließ seinen Holzrest fallen. Das Ding interessierte ihn nicht mehr. Nach all der Aufregung spürte er nur noch Hunger.

Das Futterversteck

Langhallender Donner grollte vom Tal her gegen den Berghang. Blitze grellten aus einer nachtdunklen Wolkenwand. Und Windböen peitschten Gewitterschauer über den Waldrand und die Lichtung, rüttelten am Gezweig der alten Kiefer.

Raku hob verschlafen den Kopf und blinzelte erschreckt in den grauen Morgen. Gewitter hatte er bis jetzt nur im Nest erlebt: unter den schützenden Fittichen seiner Mutter. Solch ungemütliches Wetter allein in luftiger Höhe war ihm neu. Und als eine noch stärkere Böe ihn beinahe vom Ast wehte, flatterte er vorsichtshalber hinunter auf den Waldboden. Hier fühlte er sich sicherer. Und es war auch ruhiger zwischen den Stämmen. Nur in den Wipfeln rauschte der Wind.

Trockener aber war es hier unten nicht. Bis zum Hals saß Raku im pitschnassen Gras. Von den Zweigen über ihm tropfte es. Und Regen prasselte durch die Baumkrone.

Mit einemmal stutzte er. Im Halbdämmer unter den Bäumen bewegte sich etwas. Raku streckte drohend den Kopf vor und öffnete seinen Schnabel. Es stieß ein lautes „Graaak“ aus, wurde dann aber ziemlich schnell klein und dünn. Dieses unbekannte Wesen war ihm unheimlich. Und es kam langsam näher.

In diesem Augenblick ertönte ein ihm vertrauter Winsellaut. Diese Stimme kannte er. Es war seine Schwester Luja, die offenbar vor ihm schon den Ast verlassen hatte.

Raku beruhigte sich wieder. Auch seine Schwester hatte ihn an der Stimme erkannt. Sie hüpfte heran und hockte sich mit weggedrehtem Kopf neben ihn. So saßen sie eine Weile tropfnaß im Regen.

Allmählich hellte der Himmel auf. Der Donner verklang in der Ferne, die Böen wurden sanfter, und auch der Regen ließ nach. Das Gewitter hatte sich ausgetobt.

Als die Sonne hinter dem Bergkamm aufging, trieben auch die letzten Wolkenfetzen davon. Raku spürte ihre wärmenden Strahlen auf seinem nassen Gefieder. Und er gähnte lang und ausgiebig und putzte sich. Jetzt brauchte er etwas in dem Magen.

Inzwischen waren die beiden alten Raben nacheinander zur Futtersuche abgeflogen. Und es würde eine Weile dauern, bis einer zurückkam. Raku blickte sich suchend nach etwas Eßbarem um. Immerhin hatte er schon einiges dazugelernt. Er wußte, was ihm schmeckte. Nur mit dem Selberfangen hatte er noch seine Schwierigkeiten. Aber auch das mußte er allmählich lernen. Alt genug war er dazu.

Langsam spazierte er mit seinem drolligen Wackelgang unter den Bäumen hervor ein Stück in die Lichtung. Luja wackelte ein paar Meter hinter ihm her. Doch Raku interessierte sich jetzt nicht für seine Schwester. Zwischen vermodernden Baumstümpfen und allerlei Gestrüpp bewegten sich auch noch andere Tiere. Und die reizten Raku.

In einer flachen Grasmulde war gerade eine Amsel dabei, einen fetten Regenwurm aus dem Boden zu ziehen. Neugierig hüpfte Raku näher. Aber die Amsel ergriff schleunigst die Flucht, den Regenwurm in ihrem gelben Schnabel. Raku blickte ihr leicht verdrießlich nach.

In diesem Augenblick raschelte es dicht bei einem alten Baumstumpf. Etwas ziemlich Massiges tappte auf krummen Beinen gemächlich auf Raku zu: dick und rundlich mit einer Unzahl spitzer Stacheln und einem kleinen länglichen Kopf mit schwarzer Nase. Und dieses merkwürdige Wesen musterte Raku unbefangen aus dunklen Knopfaugen und zerkaute dabei laut schmatzend ebenfalls einen Regenwurm, der ihm noch halb aus der Schnauze hing.

Erschrocken flatterte Raku dem seltsamen Stacheltier aus dem Weg. Mit Igeln fehlte ihm noch jede Erfahrung. Und Regenwürmer gab es nach dem heftigen Gewitterguß genug. Genau an der Stelle, wo Raku wieder Boden unter die Füße bekam, ringelten sich gleich zwei durchs Gras. Gierig hackte Raku danach und verschlang die zappelnde Beute.

Wenig später erwischte er eine noch regenfeuchte Heuschrecke, bevor sie davonhüpfen konnte. Dabei geriet er unversehens in eine Ameisenstraße. Und das gab unter den Ameisen eine ziemliche Aufregung. Raku störte das Gekrabbel an seinen Füßen. Er wackelte weiter, köpfte zwischendurch spielerisch ein paar Gänseblümchen und sammelte eine grüne Raupe von einem Grashalm. Aber er schluckte sie nicht.

Hinter ihm ertönte Lujas Stimme. Als er sich neugierig umblickte, sah er, daß Luja eines von den geköpften Gänseblümchen im Schnabel trug. Offenbar hielt sie es für eine von Raku liegengelassene Beute. Doch das Gänseblümchen schien ihr nicht zu schmecken. Sie ließ es achtlos fallen und stieß einen Hungerlaut aus.

Raku untersuchte inzwischen aufmerksam den grün überwucherten Boden. Schließlich fand er neben einer Wurzel eine passende Stelle, rammte seinen Schnabel hinein und bohrte eine Weile darin herum. Als die Höhlung groß genug war, würgte er die Raupe aus seinem Kehlsack hervor und stopfte sie in das Loch. Dann scharrte er noch ein wenig Erde darüber und betrachtete mit schiefgelegtem Kopf äußerst wohlgefällig sein Werk.

Nur ein paar Meter entfernt sah Luja ihm neugierig zu. Dabei merkte sie sich genau Rakus Versteck. Und kaum war Raku hinter einem Gesträuch verschwunden, hüpfte sie flatternd herbei, räumte zielsicher die Erde weg und verdrückte die Raupe mit Behagen.

Raku hatte von alldem nichts bemerkt. Er glaubte seine Beute sicher. Als er jedoch nach einiger Zeit sein Futterversteck wieder aufsuchte und hungrig nach der Raupe bohrte, entdeckte er zu seiner Enttäuschung nur ein leeres Loch.

Frühstück am Bach

Nach dem Morgengewitter blieb das Wetter schön. Die Sonne brannte fast sommerlich heiß von einem wolkenlosen Himmel. Raku bekam Durst. Mit ausgedörrter Kehle sah er sich nach Wasser um. Doch die Regenpfützen waren längst abgetrocknet. Und in der Nähe des Horstbaumes gab es weder einen Bach noch einen Tümpel.

Das wußten auch die beiden alten Raben. Zwar brachten sie ihren Jungen immer noch Futter, die Kleinen konnten sich aber auch schon ganz gut ein wenig selbst versorgen. Und es wurde allmählich Zeit für größere Ausflüge.

Raku hatte gerade ein Hölzchen versteckt, mit dem er eine Weile gespielt hatte, und wartete auf der Lichtung mit seinen Geschwistern auf die morgendliche Futterportion. Aber diesmal wurde er enttäuscht. Keiner der beiden alten Raben reagierte auf das vielstimmige Futtergeschrei.

Die Räbin landete nicht einmal bei ihren Jungen. Immer wieder flog sie von hinten dicht über ihre Köpfe hinweg, wackelte mit dem Schwanz und stieß Flugrufe aus. Sie wollte ihre Kinder zum Mitfliegen auffordern. Und das wirkte. Nalka und Luja begannen schon heftig zu flattern. Und Soku war bereits in der Luft. Jetzt hob auch Raku vom Boden ab. Mit ein paar kräftigen Flügelschlägen holte er seine wartend kreisende Mutter ein. Und als der alte Rabe am Ende der Lichtung in einer kühnen Kurve zu ihnen stieß, flogen sie zu sechst dem Tal entgegen.

Hier war Raku noch nie gewesen. Und er genoß den Flug, die unter ihm dahingleitende Landschaft. Zwischen wuchernden Wiesenblumen glitzerte tief unten ein schmaler Bachlauf in der Sonne, umsäumt von Erlen und Weiden und niedrigem Gebüsch. Ein Rudel Rehe äste am Rand des Hangwaldes an frischen Trieben. Irgendwo im Wald warnte ein Eichelhäher. Und ein Stück talabwärts kreiste mit schrillem Schrei ein Mäusebussard.

Das schien dem alten Raben zu mißfallen. Mit einem volltönenden Angriffslaut jagte er auf den Bussard zu und stieß von oben auf ihn herab. Er wußte genau, daß er dem Greifvogel in der Luft überlegen war. Und der Bussard wußte es auch.

Fluchtartig versuchte er dem großen Raben zu entgehen. Und dem Raben gefiel das Spiel. Es machte ihm offensichtlich Spaß, den Bussard mit seinen Flugkünsten in die Enge zu treiben. Immer wieder kam er ihm um Haaresbreite nahe. Schließlich ging der Bussard auf der Wiese zu Boden. Hier fühlte er sich seinem Angreifer eher gewachsen. Und der alte Rabe strich krächzend ab und folgte seiner Familie.

Auch die Räbin war inzwischen tiefer gegangen, kreiste ein paarmal dicht über dem Bach. An einer seichten Stelle war ihr Badeplatz. Sie wartete noch, bis auch ihre Kinder am Bachufer landeten, und begann dann heftig planschend ihr Gefieder zu säubern.

Für Raku und seine Geschwister war solche Art Gefiederpflege neu. Im Bach hatte er noch nie gebadet. Und eigentlich spürte er nur Durst. Vorsichtig tappte er an das träge fließende Wasser, streckte erst mal einen Fuß hinein. Das fühlte sich kühl an und naß. Dann nahm er ganz behutsam einen Schnabel voll und trank.

Dabei spritzten ihm die Wassertropfen seiner planschenden Mutter um den Kopf. Raku schüttelte sich. Gleich darauf bekam er erneut eine Dusche: diesmal von Soku, der inzwischen ebenfalls badete.

Jetzt war Raku schon ziemlich feucht. Nun hatte er nichts mehr gegen ein Bad. Und er planschte mit offensichtlichem Vergnügen.

Durst spürte er aber immer noch. Er watete ein Stück durchs seichte Wasser, weg von seiner heftig spritzenden Familie. Mit einemmal bemerkte er, daß er auch hier nicht allein im Bach war. Ein Wasserläufer flitzte über die glitzernde Fläche dicht an ihm vorbei.

Verblüfft starrte Raku dem Käfer nach. Und als er seinen Schnabel ins Wasser tauchte, sah er einige dunkle kugelförmige, langgeschwänzte Kaulquappen herumwuseln, dazwischen ein paar Köcherfliegenlarven und Bachflohkrebse. Neugierig schnappte Raku zu. Die fremdartige Speise schmeckte ihm. Und so bekam er auch noch eine etwas ungewohnte Zwischenmahlzeit.

Diese Möglichkeit hatten Rakus Geschwister allerdings auch entdeckt. Nalka und Luja balgten sich gerade heftig um einen kleinen Frosch. Soku hockte auf einem Stein am Ufer und hackte auf einer Elritze herum, die er in der Kralle hielt. Auch die beiden alten Raben genossen in aller Ruhe ein ausgiebiges Frühstück.

Aufmerksam sah Raku zu, wie sein Vater einen größeren Fisch zerlegte. Raku mochte Fisch. Und als er bettelnd auf seinen Vater zuhüpfte, gab der ihm ein Stück ab.

Nun fühlte Raku sich erst mal gesättigt und nahm noch einen Schluck Wasser. Für die Bisamratte, die erregt knirschend bachaufwärts flüchtete und von der Räbin geschickt geschlagen wurde, interessierte er sich nicht mehr.

Raku flatterte hinter seinem Vater her zu einer alten Kopfweide, dem Ruhebaum der Raben. Hier putzte er sein Gefieder und striegelte dann andächtig seine Schwanzfedern mit dem Schnabel. Nach dem kühlen Bad fühlte er sich wohl in der wärmenden Sonne. Und er schloß schläfrig die Augen.

Mäuse und Erdbeeren

Von diesem Tag ab zogen die sechs Raben gemeinsam auf Futtersuche übers Land. Und allmählich lernte Raku das Revier seiner Eltern immer besser kennen. Die alten Raben lebten ja schon viele Jahre hier und kannten jeden Fleck.

Nur eines störte Raku: Er wurde nicht mehr gefüttert. Auch seinen Geschwistern schien das wenig zu behagen. Und der Lärm ihres Bettelgeschreis tönte durch den Wald. Wenn die Raben allerdings eine größere Beute schlugen, was die Jungen ja noch nicht konnten, gab es genug für alle. Meist aber mußte Raku sich mit Käfern und Würmern, Grillen und Heuschrecken begnügen. Und die fing er schon recht gut.

Doch mit der Zeit lernte er eine ganze Menge dazu. Eines Morgens saß er auf den leise im Wind schwingenden Zweigen einer Lärche am Waldrand und beobachtete, wie seine Mutter einer eben gefangenen Maus das Fell abzog. Und er bekam mächtigen Appetit auf Mäusefleisch.

Heftig flatternd und krächzend landete er neben seiner Mutter. Nur war die Maus längst in ihrem Kehlsack verschwunden. Die alte Räbin wußte genau, daß sie ihre Jungen nur so zum Selbständigwerden erziehen konnte. Wer sich ewig auf andere verließ, würde es nie lernen.

Und Raku merkte sich diese Lektion. Er hatte genau aufgepaßt.

Langsam wackelte er am Waldrand entlang, achtete dabei auf jede Bewegung, horchte auf jedes Rascheln. Und es raschelte oft zwischen Gestrüpp und Gras und welkem Laub vom Vorjahr. Mal war es eine Eidechse, die flink unter einem bemoosten Stein verschwand, mal ein Buchfink, der im dichten Geäst einer Hecke sein Nest hatte, mal eine Amsel, die unter dem Altlaub nach Würmern suchte. Die Eidechse hätte Raku gern gehabt, doch sie war viel zu flink und der große Stein zum Wegrollen viel zu schwer.

Schon wollte Raku sich nach anderer Beute umsehen, da raschelte es wieder. Und diesmal ganz in der Nähe. Eine junge Waldmaus schob vorwitzig ihren kleinen Kopf unter einem welken Blatt hervor. Und kaum hatte Raku sie erspäht, schlug er zu und packte sie mit der Kralle. Nur das Abziehen des Fells erwies sich als gar nicht so einfach. So geschickt wie seine Mutter konnte Raku mit der Spitze seines Schnabels noch nicht umgehen. Und so erwischte er bei seinem Heißhunger auch ein paar Fellstückchen.

Gemächlich flog er zum Bachufer, um sich nach der Mäusemahlzeit zu säubern. Hier fischten gerade seine beiden Schwestern gemeinsam mit ihrer Mutter nach allerlei Wassergetier. Und das reizte Raku. Ohne große Mühe schnappte er zwei Köcherfliegenlarven und sammelte beim Abflug noch einen Schmetterling von der Blüte einer Sumpfdotterblume.

Jetzt hatte Raku erst mal genug. Mit der neuen Beute und dem Mäuserest im Kehlsack flatterte er zu der Lärche hinüber, bohrte zwischen den Wurzeln ein Loch, stopfte alles hinein und tarnte das Versteck mit Erde und kleinen Zweigen. Und zufrieden hockte er sich auf einen Ast und striegelte geruhsam sein Gefieder.

Plötzlich wurde Raku aufmerksam. Auf einer jungen Buche in der Nähe trieb sein Vater reichlich seltsame Spiele. Er hing kopfüber an einem dünnen Ast, mal an dem einen Fuß, wechselte zum anderen Fuß, schaukelte ein wenig, ließ sich dann fallen und kehrte flatternd zu dem Ast zurück, wo er, aus dem Sitz nach vorn kippend, das gleiche Spiel wieder begann. Und Soku hockte auf einem Ast daneben und versuchte unbeholfen, die Turnübungen seines Vaters nachzumachen.

Dieses Spiel gefiel Raku. Das mußte er auch mal probieren. Und er probierte es. Allerdings hielt er sich vorsichtshalber mit beiden Füßen am Ast und klammerte sich auch noch mit dem Schnabel fest.

Darauf schien sein Bruder Soku nur gewartet zu haben. Während Raku leicht schaukelnd mit dem Blick nach oben an seinem Ast hing, flatterte Soku zu Rakus Futterversteck und begann hastig die Tarnung zwischen den Lärchenwurzeln beiseite zu räumen. Doch weit kam er nicht damit.

Raku hing jetzt nur noch an seinen Füßen und drehte den herabhängenden Kopf neugierig nach allen Seiten: So wirkte die Welt rundum etwas sonderbar. Dabei entdeckte er Sokus Buddelei an seiner Vorratskammer. Und das ärgerte ihn.

Blitzartig ließ er sich kopfunter fallen, flatterte kurz und schoß, wackelnd und wütend mit dem Schnabel klappend, auf Soku los, die Augen drohend aufgerissen, die Flügel hochgestellt und wilde Kampfrufe ausstoßend. Soku fuhr mit gesträubtem Nackengefieder herum. Da sprang Raku schon an ihm hoch und schlug gleichzeitig mit Schnabel und Füßen nach ihm. Und das genügte. Soku ergriff panikartig die Flucht.

Befriedigt blickte Raku ihm nach. Er hatte nicht nur sein Futterversteck verteidigt, sondern Soku auch gezeigt, wer von ihnen beiden der Stärkere war. Und noch etwas hatte er dabei gelernt: Wenn jemand ihn beim Verstecken seiner Beute beobachtete, war sie nicht sicher. In Zukunft würde er besser aufpassen.

Inzwischen hatte Soku sich ein Stück entfernt in der Nähe seiner Schwestern am Waldrand niedergelassen und pickte dort eifrig an etwas herum. Das interessierte Raku. Er flatterte hinüber. Als Soku ihn kommen sah, zog er ängstlich den Kopf zwischen die Schultern, legte das Gefieder an und machte sich ganz klein und dünn. Dabei stieß er leise Beschwichtigungsrufe aus, immer wieder.

Damit gab Raku sich zufrieden. Soku störte ihn nicht. Von den kleinen roten Beeren, an denen Soku herumgepickt hatte, wuchsen hier mehr als genug. Vorsichtig beäugte Raku die unbekannten Früchte und pflückte sich eine mit dem Schnabel. Es waren Erdbeeren: saftig-süße Walderdbeeren. Und sie schmeckten ihm.

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