Kitabı oku: «Der goldene Esel»
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Über den Autor
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Lucius Apuleius (124 – 180 n. Chr.) entstammte einer wohlhabenden Familie aus Madaura (Ostalgerien). Er studierte Grammatik und Rhetorik in Karthago und Athen, ehe er nach einem längeren Aufenthalt in Rom 155 nach Madaura zurückkehrte. Jene Zeit war geprägt von der Weltherrschaft Roms, einem Reich, dessen zahllose Völkerschaften lebhaften kulturellen Austausch pflegten. So befasste sich Apuleius nicht allein mit der damaligen höheren Bildung, von der Geometrie über die Dichtung bis hin zur Redekunst, sondern hatte auch lebhaftes Interesse an den orientalischen Kulten, besonders dem ägyptischen Isiskult. Eine konstruierte Mordanklage gegen Apuleius wurde fallen gelassen, aber ein Prozess wegen Zauberei – worauf die Todesstrafe stand – kam zustande. Erhalten ist seine Verteidigungsrede »Apologie«, mit der er dem gegen ihn erhobenen Vorwurf begegnet; er wurde freigesprochen. Daraufhin zog er mit seiner Frau nach Karthago und wirkte weiter als Schriftsteller, Festredner und Sophist. Staatliche Ämter übernahm er keine, wurde aber zum sacerdos provinciae (Priester im Kaiserkult) gewählt.
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Der älteste Schelmenroman der Weltliteratur
Mit dem Goldenen Esel schuf Lucius Apuleius den ältesten Schelmenroman der Weltliteratur, in dem sich die gesunde Sinnlichkeit und Lebensbejahung der Antike spiegeln: Der Ich-Erzähler Lucius kommt während einer Geschäftsreise ins Hexenland Thessalien und möchte dort mehr über Magie erfahren. Dabei kommt es zu einer Zauberpanne, und er wird in einen Esel verwandelt. Als Esel muss Lucius viele Abenteuer bestehen und auch leidvolle Erfahrungen machen, bis ihm die Flucht gelingt und er aus der Hand eines Isis-Priesters eine Rose frisst und dadurch seine menschliche Gestalt zurückerhält. In diese Rahmenerzählung sind auf literarisch höchst kunstvolle Weise zahlreiche Geschichten eingeflochten: Neben vielen, teilweise recht derben, ja sogar zotigen Schwänken findet sich darunter auch das einzige aus der Antike überlieferte Märchen, Amor und Psyche.
Die »Metamorphosen«, seit Augustinus bekannt als »Der goldene Esel«, sind das einzig vollständig erhaltene Beispiel des komisch-realistischen Romans der Antike. Eingang in das kulturelle Gedächtnis fanden auch die vielen integrierten Erzählungen, die sich im Lauf der Rezeption verselbstständigten: Das Märchen von Amor und Psyche oder die Novelle vom Ehebrecher im Fass, die in Boccaccios Decamerone auftaucht. Apuleius hat den gesamten Roman im »milesischen Stil« – frivole Geschichten mit teilweise derber Erotik –, wie es in der Antike beliebt war, verfasst.
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| Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. |
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| Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2011 Der Text wurde behutsam revidiert und neu bearbeitet nach der Übersetzung von August Rode, in der Ausgabe Berlin 1920 Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH Bildnachweis: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin: P.G. Batoni, Die Vermählung Amors mit Psyche, Gemälde, 1756, Gemäldegalerie Staatliche Museen zu Berlin, Standort 504, Fotografie von Jörg P. Anders Redaktion: Dr. Bruno Kern, Mainz eBook-Bearbeitung: Medienservice Feiß, Burgwitz Gesetzt in der Palatino Ind Uni – untersteht der GPL v2 Gesetzt in der Palatino Ind Uni und Linux Biolinum (griechisch) – untersteht der GPL v2 ISBN: 978-3-8438-0004-4 www.marixverlag.de |
Inhalt
Vorwort
Prolog
Erster Teil
Erstes Buch
Zweites Buch
Drittes Buch
Viertes Buch
Fünftes Buch
Sechstes Buch
Zweiter Teil
Siebtes Buch
Achtes Buch
Neuntes Buch
Zehntes Buch
Elftes Buch
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Vorwort
Der goldene Esel des Apuleius ist ohne Zweifel ein kleines Juwel der antiken Literatur. Den ältesten Schelmenroman der Weltliteratur hat man ihn genannt, doch er ist weit mehr als das. Sein Autor, Lucius Apuleius, wurde im Jahr 125 n. Chr. in Madaura (Nordafrika) geboren. Er wuchs in Karthago auf und studierte dort Rhetorik. In Athen widmete er sich dem Studium der Philosophie und lebte danach (wenigstens zeitweise) in Rom, wo er als Anwalt arbeitete. Seine Tätigkeit als Schriftsteller ist mit seiner Biografie eng verflochten. So musste er sich etwa gegen den Vorwurf der Zauberei zur Wehr setzen und tat dies mit der eloquenten Schrift Apologia, die nicht zufällig an Platons Apologie des Sokrates erinnert. Diesem Philosophen, insbesondere seiner Gottesvorstellung, hat er ebenfalls eine Schrift gewidmet. Aber auch seine Anwaltstätigkeit und sein Amt als sacerdos provinciae, also als leitender Priester im Kaiserkult der Provinz, spiegeln sich in seinen Erzählungen. Das vorliegende Buch, das ursprünglich den Titel Metamorphosen trug, ist sein Hauptwerk. Die Bezeichnung Der goldene Esel begegnet übrigens zum ersten Mal bei einem anderen großen Afrikaner der Antike, bei Augustinus von Hippo.
Für den Roman benutzte Apuleius eine griechische Vorlage: Der vornehme Grieche Lucius wird in einen Esel verwandelt, besteht als solcher etliche Abenteuer, bis er schließlich von der Göttin Isis wieder in einen Menschen zurückverwandelt wird. In diese Rahmenerzählung sind auf literarisch höchst kunstvolle Weise zahlreiche Geschichten eingeflochten: Neben vielen, teilweise recht derben, ja sogar zotigen Schwänken findet sich darunter auch das einzige aus der Antike überlieferte Märchen, Amor und Psyche. Wirkungsgeschichtlich ist dieser Teil der Erzählung wohl der bedeutendste. Das Motiv von Amor und Psyche fand – in zahlreichen Variationen – in die abendländische Literaturgeschichte und in die Bildende Kunst Eingang und findet sich bei so prominenten Protagonisten wie Raffael, Boccaccio, La Fontaine, Flaubert und Balzac wieder.
Weit mehr als die bekannte klassische – lateinische oder griechische – Literatur der Antike vermittelt dieser Roman einen höchst lebendigen, farbenprächtigen Eindruck von Alltagsleben, Sitten, Humor und Lebensart aller Gesellschaftsschichten in der Antike. Kulturgeschichtlich bedeutsam ist nicht zuletzt die detaillierte Schilderung des Isis-Kultes, der um die Zeitenwende, vor der Durchsetzung des Christentums, wohl der populärste Kult im Römischen Reich war und genau diejenigen Bevölkerungsschichten – nicht zuletzt Sklaven und Frauen – anzusprechen vermochte, die später das Christentum so erfolgreich für sich gewann. Die Erzählkunst des Lucius Apuleius kann kaum überschätzt werden. Neben raffinierter literarischer Komposition, überbordender Phantasie und poetischer Ausdruckskraft reicht sein Spektrum von höchst subtilem Witz über satirische Schärfe bis hin zu recht derbem Humor. Als kleine Kostbarkeit enthält der Roman an geeigneter Stelle auch ein scharfzüngiges Plädoyer für ein faires Gerichtsverfahren. Die Intention des Übersetzers August Rode war es, die Originaltreue mit einer Sprache zu verbinden, die dem Tonfall des Autors in all seinen Nuancen gerecht wird. Die behutsame sprachliche Neubearbeitung dieser Übersetzung will genau diese Absicht für die heutigen Leser und Leserinnen einlösen.
Bruno Kern
Prolog
Liebe Leser!
Ich, Lucius Apuleius, grüße euch.
Erstaunt fragt ihr: Warum stiegst du aus dem Schattenreich zu uns auf?
Genau das will ich euch erzählen!
Ihr kennt die Märchen aus Tausendundeine Nacht, verstohlen lest ihr auch Boccaccio, Balzac, Flaubert. Und reist ihr nach Italien und Rom, so steht ihr staunend in der Villa Farnese vor des großen Meisters Raffael »Amor und Psyche«. Und viele Künstler haben dieses mein berühmtes Liebespaar gar herrlich in Marmor gemeißelt.
Mich aber kennt ihr nicht. Und das stimmt mich traurig. Voller Mitleid gab mir daher des Schattenreiches Herrscherin Proserpina Urlaub, damit ich mich mit meinem Werk bei euch in Erinnerung bringe.
Mäuschenstill schlich ich mich am schlafenden Zerberus vorbei. Der sonst so düstere Fährmann Charon setzte mich willig über den Styx – und schon bin ich bei euch in der blendend strahlenden Sonne.
Und ich verspreche euch: Mit Genuss werdet ihr meine goldenen Eseleien lesen! Beim Herkules! Es wird viel zu lachen geben!
Saubere Früchtchen, kauzige Alte, böse Molche treiben ihren schlimmen Schabernack. Über ihre Possen werdet ihr euch scheckig lachen! Aber auch ehrsamen Bürgern, Mönchen, Priestern werdet ihr begegnen. Ich führe euch mitten hinein ins bunte Leben, in Stadt und Dorf, auf Straßen und Märkte.
Bisweilen geht es schon derb und urwüchsig zu! Und Meister Langohr mit dem langen Zagel, der lederne Klopphengst, treibt es oft gar arg. Verzeiht ihm! Er ist ein unvernünftiges Geschöpf. Und wie oft hagelte ein Prügelhagel über den Armen, dass er hub-, bug- und blattlahm ward! Habt nur Mitleid mit ihm! Schreit nicht gleich Zeter und Mordio! Er war halt – ein Esel! Auf die spießigen Sittenrichter unter euch hab' ich einen Pik! Sie sollten nicht vergessen, dass wir damals noch arge Heiden waren.
Jetzt liest der Esel uns gar noch Moral! schimpft ihr. Nein – das will ich nicht. Ein Mucker bin ich nicht.
Lest also mit Vergnügen die seltsamen Erlebnisse meines eselhaften Taugenichts, und lacht nach Herzenslust und vergesst nicht
euren Lucius Apuleius
Erster Teil
Erstes Buch
Ich will dir, lieber Leser, in diesem milesischen Märchen allerhand lustige Schwänke erzählen – ein wahrer Ohrenschmaus für dich, der du einem Buch, das in dem kurzweiligen ägyptischen Ton geschrieben ist, gern deine Aufmerksamkeit schenkst. Auch sollen dir darin Wunder begegnen, wie Leute in andere Gestalten verwandelt werden und manche dann wieder in ihre eigentliche Daseinsweise zurückkehren. Ich fange gleich an. Doch vorher noch ein Wort darüber, wer bin ich.
Mein Geschlecht ist uralt und auf dem attischen Hymettos, dem ephyräischen Isthmos und dem spartischen Tänar, diesen seligen, in den Schriften der glänzendsten Genien ewig blühenden Gefilden, zu Hause. Dort, besonders aber in Attika, bin ich auch erzogen worden. Nachher zog ich in die Hauptstadt Latiens. Aus Verlangen, die römische Literatur kennenzulernen, machte ich mich an die Sprache des Landes und studierte sie mit unsäglicher Mühe und Fleiß, jedoch ohne die geringste Anweisung.
Deshalb, mein Leser, bitte ich dich hier im Voraus um Verzeihung, wenn ich etwa, als Ausländer, hin und wieder in dieser fremden Sprache Fehler mache. Ich bediene mich derselben nur, weil etwas Kauderwelsch dem Komischen des Stoffes erst recht entgegenkommt und es mir allein um deine Erheiterung geht. Das Märchen stammt übrigens aus Griechenland. Jetzt beginnt es. Gib Acht, es wird zu lachen geben.
Ich unternahm vor einiger Zeit in bestimmten Angelegenheiten eine Reise nach Thessalien, wo ich ebenfalls ein hohes Ansehen genieße, wegen meiner mütterlichen Abstammung vom berühmten Plutarch und von dessen Neffen, dem Philosophen Sextus. Nachdem ich auf meinem treuen einheimischen Schimmel manch steiles Gebirge, manch schlüpfriges Tal, manche betaute Wiese und holprige Ebene zurückgelegt hatte und er nun ganz erschöpft war, ich mir aber die Müdigkeit vom Sitzen durch etwas Laufen vertreiben wollte, so stieg ich ab, wischte mit Laub den Schweiß vom Pferde, rieb ihm die Ohren, zäumte es ab, ließ es sich ein wenig verschnaufen und schlenderte Schritt für Schritt voraus. Während es mir nachfolgte und im Vorbeigehen an den Wiesen sich’s wohlschmecken ließ, holte ich zwei Leute ein, die kurz vor mir hergingen. Ich horchte, was sie miteinander schwatzten, als einer von ihnen überlaut auflacht und sagt:
»Oh, ich bitte dich, halt doch dein Maul und verschone mich mit so abgeschmackten ungeheuren Lügen!«
Das reizte meine ohnehin immer rege Neugier. Ich ergreife also gleich das Wort. »Mit Verlaub, Landsmann«, sage ich, »so gebt mir eure Erzählung zum Besten! Ich mag gern alles mit anhören; nicht eben weil ich so neugierig wär’, sondern bloß, um mich zu informieren. Zugleich wird es uns ja auch beim Schwatzen leichter fallen, den Hügel hier zu ersteigen!«
»Nun, Herr«, antwortet der vorige, »da kann er sich wirklich in der Welt an keinen Besseren als an den wenden, wenn ihm mit einer recht dick aufgetragenen Lüge gedient ist; denn was der mir da vorschwatzt, ist just so wahr, als – wie immer behauptet wird – dass man durch gewissen Hokuspokus die Ströme zu ihren Quellen zurücktreiben könne, das Meer fesseln, den Winden ihren Odem nehmen, die Sonne anhalten, den Mond schäumen, die Gestirne herabreißen, den Tag aufheben, die Nacht anhalten und was dergleichen Albernheiten mehr sind!«
»Lasst euch dennoch die Mühe nicht verdrießen, weiter fortzuerzählen«, redete ich nochmals und schon mit mehr Zuversicht den andern an. »Sowenig es auch euch da«, wandte ich mich an diesen, »in den Schädel will, so kann es, beim Herkules! darum doch alles sehr wahr sein. Ach, guter Freund, nur allzu oft verwirft unser verkehrter Sinn dasjenige als eine Lüge, was ihm doch nur unerhört, unersehen ist oder was über den Horizont seiner Gedanken hinausgeht und er nicht fassen kann! Prüfte er es nur genauer, so würde er so manches Mal finden, dass es nicht nur ganz begreiflich, sondern auch sehr wohl wahrscheinlich ist! Ich wäre zum Beispiel noch gestern Abend schier an einem Stück Käsekuchen erstickt, weil ich zu gierig aß und zu große Bissen davon nahm, da mir die klebrige Masse derart die Kehle verstopfte, dass ich genug zu würgen hatte, ehe ich wieder Luft bekommen konnte. Und gleichwohl habe ich neulich in Athen mit meinen eigenen Augen einen herumziehenden Marktschreier einen scharfen Degen, die Spitze zuerst, hinunterschlucken sehen! Ja, kurz darauf nahm er sogar einen langen Jagdspieß, stach sich damit für ein Spottgeld, das man ihm gab, tief in den Leib hinein, und das Eisen, das er hier in den Unterleib stieß, kam samt dem Schaft aus dem Genick hinten hoch empor, und oben auf der Spitze ließ sich ein bildschöner Junge sehen, der da mit solch einem Anmut, mit solch einer Gelenkigkeit tanzte und gaukelte, dass wir Zuschauer vor Verwunderung alle Maul und Nase aufsperrten. Wahrhaftig, geschickter hätte sich nicht der edle Drache des Gottes der Ärzte um dessen knotigen Stock herumschlingen können! Wohlan also, Landsmann«, sprach ich zu jenem wieder, »lass mich nicht vergebens bitten! Will euch euer Kamerad nicht glauben, so tue ich’s für ihn mit, und in dem ersten Wirtshaus, in das wir einkehren, bezahle ich aus Erkenntlichkeit eure Zeche.« – »Nicht doch, lieber Herr«, versetzte er, »das verlange ich nicht! Ich kann ihm ja wohl ohnedies meine kleine Geschichte erzählen: Ich will für ihn ganz von vorne wieder anfangen, weil er’s gerne hören mag. Zuvor kann ich’s ihm aber bei der Sonne, die uns bescheint, bei diesem allschauenden Gott schwören, dass alles, was ich ihm da erzählen werde, die helle, klare Wahrheit und mir selbst passiert ist! Er wird auch selber nicht daran zweifeln, wenn er erst in die nächste thessalische Stadt hier kommt, wo es sich öffentlich zugetragen hat und noch in aller Leute Mäuler ist. Lass er sich auch vorher noch sagen, wer und woher ich bin und was mein Gewerbe ist: Ich heiße Aristomenes, bin aus Ägina und treibe in Thessalien, Ätolien, Böotien Handel mit Honig vom Berg Ätna, mit Käse und dergleichen Waren mehr, die in den Gasthäusern gebraucht werden.
Mir ist seinerzeit zu Ohren gekommen, dass zu Hypata, der angesehensten Stadt in ganz Thessalien, frischer, wohlschmeckender Käse sehr billig zu haben sei. Ich mache mich eiligst dahin auf, um gleich den ganzen Vorrat wegzuschnappen. Doch ich armer Schelm musste zur bösen Stunde ausgegangen sein, meine Hoffnung, einen ordentlichen Schnitt zu machen, schlug mir fehl; wie ich hinkam, hatte schon tags zuvor Kaufmann Wolf allen Käse weggekauft. Von der unnützen Eile ermüdet, begebe ich mich gegen Abend ins Bad: Siehe, da treffe ich unterwegs meinen alten Kameraden Sokrates. Er saß auf der Erde, mit einem groben, lumpigen Mantel halb behangen, sich selbst fast nicht mehr ähnlich, totenblass und ganz entstellt vor Magerkeit: kurz, vollkommen so wie die Stiefkinder des Glücks an den Ecken um Almosen zu bitten pflegen. In diesem erbärmlichen Zustand schämte ich mich meines Freundes und hätte fast getan, als kennte ich ihn nicht; doch ging ich endlich zu ihm hin: ›Um Himmels willen, lieber Sokrates, was ist das?‹ rief ich, ›wie siehst du aus? Sag mir, was hast du angefangen? Du bist zu Hause als tot ausgeschrien, beweint; die Gerichte haben deinen Kindern Vormünder bestellt, deine Frau hat die Trauer um dich schon wieder abgelegt und um deinetwillen sich so abgehärmt und abgeweint, dass sie beinahe nicht wiederzuerkennen und blind geworden ist; eben dringen alle Verwandte in sie, ihren betrübten Witwenstand lieber gegen die Freuden einer zweiten Ehe zu vertauschen – und jetzt seh’ ich dich hier, zu unser aller größter Schande, wie ein leibhaftiges Gespenst herumziehen?‹ – ›Ach, Aristomenes‹, seufzte er, ›wie wenig musst du noch des Glückes Launen, Unbeständigkeit und Wechsel kennen!‹ – Und bei diesen Worten verbarg er sein Gesicht, das blutrot vor Scham geworden war, so in seine Lumpen, dass kaum noch seine Blöße bedeckt war. Ich konnte den jämmerlichen Anblick nicht ertragen. Ich packte ihn an und will ihn aufrichten; aber mit verhülltem Kopf, wie er war, rief er: ›O lass mich; lass das Glück noch länger den Triumph genießen, den es sich selbst bereitet hat!‹ – Ich bringe ihn trotzdem noch so weit, dass er mir nachgibt, ziehe auch meinen Oberrock aus und bekleide – oder, um recht zu sprechen, bedecke – ihn geschwind damit und eile mit ihm ins Bad. Da stecke ich ihn in die Wanne und wasche ihn erst, schaffe Salbe und Reibtücher herbei und scheuere ihm dann den alten Schmutz tapfer ab, und nachdem ich ihn so auf das Beste gepflegt, geleite ich ihn, da er ganz entkräftet ist, so müde ich auch selbst war und so schwer es mir auch fiel, zu einer Herberge, lege ihn ins Bett und gebe ihm zu essen und zu trinken und suche ihn durch allerhand Gespräche aufzumuntern. Schon waren wir auch wirklich guter Dinge, lachten, scherzten, neckten einander, waren laut, als auf einmal mein Gast schmerzlich aus innigster Brust heraufseufzt, sich mit geballter Faust vor die Stirn schlägt und loslegt:
›Ich Unglücklicher bin bloß durch die vermaledeite Lust, ein Fechterspiel zu sehen, wovon sehr viel geredet wurde, in dieses schmähliche Elend geraten! Denn, wie du weißt, reiste ich, um mir ein bisschen Geld zu verdienen, nach Mazedonien. Kaum habe ich mich da zehn Monate aufgehalten, so ist mein Beutel auch schon so voll, dass ich mich wieder auf den Heimweg begebe. Doch kurz vor Larissa, wo ich durchwollte, um dort eben die verwünschten Fechterkämpfe mit anzusehen, fällt mich eine Straßenräuberbande in einem abgelegenen, winkligen Tale an, und ich muss alles, bis aufs Leben, im Stich lassen. In dieser Not komme ich zu einer braven Gastwirtin mit Namen Meroe. Ich erzähle ihr die Ursachen meiner Wanderschaft, und wie ich nun beim Nachhausegehen alles meines sauer erworbenen Gutes beraubt wurde. Sie hört meine ganze Geschichte voller Mitleiden an und nimmt mich höchst liebreich bei sich auf, setzt mir auch, und zwar unentgeltlich, eine wohlzubereitete Mahlzeit vor; am Ende aber, von Brunst hingerissen, nimmt sie mich mit sich ins Bett, und damit war mein Unglück fertig! Denn in der einen Nacht hat mir’s das Weib so angetan, dass ich an sie Saft und Kraft verschwendete, ihr auch selbst die Kleider, die mir die Räuber aus Erbarmen noch gelassen hatten, nebst allem dem hingab, was ich, da ich noch fortkonnte, durch Trödeln gewann; bis ich mich zuletzt – Dank sei meinem bösen Geschick und diesem gutherzigen Weib! – in dem Zustande befand, worin du mich jetzt antriffst.‹ –
›Beim Pollux!‹ sprach ich. ›Du hättest es verdient, dass es dir noch schlimmer erginge, als es dir bereits geht, da du so um schnöde Lust und um einer verhurten Wirtin willen Frau und Kind vergessen hast!‹ – Ganz verdutzt fuhr er sich darauf voll Schrecken mit dem Zeigefinger hastig auf den Mund. ›St! st!‹ rief er mir zu, sah sich höchst schüchtern überall um und sprach endlich: ›O Bruder, ich bitte dich, nimm dich in Acht, dass du dir an dem Weibe die Zunge nicht verbrennst!‹ – ›So?‹ antwortete ich spöttisch. ›Was ist denn mit deiner Frau Wirtin? Ist sie so mächtig? Sie ist doch wohl nicht etwa eine Königin?‹ – ›Eine Zauberin‹, versetzte er, ›ist sie, eine Fee! Sie kann dir den Himmel herniederlassen, die Erde emporhängen, die Quellen versteinern, die Felsen zerfließen lassen, die Manen hinauf-, die Götter hinabbannen, die Gestirne verdunkeln, den Tartarus selbst erleuchten ...‹ – ›Halt, halt!‹ unterbrach ich ihn. ›Dass du nicht noch über die tragischen Stelzen stolperst! Pack lieber den theatralischen Plunder ein und sprich mit mir wie andere Leute.‹ – ›Nu, nu‹, sprach er, ›soll ich dir das eine oder andere von ihren Dingern erzählen? Dass sie nicht nur die Einheimischen, sondern die Inder auch, ja die Äthiopier und selbst die Gegenfüßler sterblich in sich verliebt macht, das ist erst eine Kleinigkeit, lauter Spaß! Aber höre nur an, was sie alles vor vieler Leute Augen getan hat. Einer ihrer Liebhaber hatte einmal ein Mädchen vergewaltigt. Mit einem Wort hat sie ihn da in einen wilden Biber verwandelt, um ihn mit dem zu strafen, womit er gesündigt; denn dieses Tier entmannt sich, um sich nicht fangen zu lassen. Danach tat ihr wieder ein benachbarter Gastwirt zu viel Abbruch in der Nahrung; den hat sie zu einem Frosch gemacht, der bis jetzt noch immer in seinem Weinfass herumschwimmt und daraus mit heiserer Kehle die alten Kunden zu sich einlädt. Ein andermal hat sie einen Advokaten, der einen Prozess gegen sie geführt hatte, zu einem Hammel umgestaltet. Du kannst den Hammel noch heute vor Gericht als Anwalt sehen. Endlich hatte einmal die Frau ihres Liebhabers über sie gar zu bitter gespottet. Was tut sie? Sie verschließt ihr in dem Augenblick, als sie entbinden sollte, den Leib, treibt ihr die Geburt zurück und verdammt die arme Unglückliche zu einer ewigen Schwangerschaft. Es sind nun schon, wie ihr jeder nachrechnen kann, über acht Jahre, dass sie sich so mit dickem Bauch herumschleppt, als sollte sie einen Elefanten zur Welt bringen. Kurz, durch diese und andere solche Streiche kamen gar sehr viele Leute zu Schaden, und der Unwille der ganzen Stadt wurde erregt und nahm so überhand, dass man beschloss, die Böse am nächsten Tag zu Tode zu steinigen. Doch weit gefehlt, dass die es hätte dazu kommen lassen! So wie Medea in einer von Kreon ihr zugestandenen Tagesfrist Palast samt Tochter und Vater mit Hilfe eines Kranzes zu Asche verbrannte, ebenso hat auch diese in einer einzigen Nacht (wie sie in einem Rausch es mir neulich selbst erzählt) vermittels fürchterlicher, in Gräbern gesprochener Beschwörungen, alle Einwohner der Stadt, samt und sonders so fest in ihre Häuser hineingebannt, dass sie ganze zwei Tage weder Schlösser aufbrechen noch Tür und Fenster ausheben, noch auch durch Mauern und Wände sich Öffnungen machen konnten; bis sie sich endlich insgesamt dazu aufrafften und einhellig schrieben und auf das Heiligste schworen, nicht nur selbst nicht Hand an sie zu legen, sondern sie auch gegen jedermann, der etwas gegen sie unternehmen würde, zu verteidigen und zu schützen. Damit zufrieden, hat sie stracks die ganze Stadt wieder entzaubert. Lediglich den Urheber des gegen sie geplanten Anschlags hat sie bei stockfinsterer Nacht samt dem ganzen Haus (das heißt Gemäuer, Grund und Boden), so verschlossen wie es war, hundert Meilen weit weg in eine Stadt hingetragen, die auf der Spitze eines so hohen Berges liegt, dass beinahe gar kein Wasser da ist. Weil aber da die Gebäude der Einwohner so dicht aneinander standen, dass für den neuen Ankömmling kein Platz mehr war, so hat sie das Haus nur vor das Stadttor hingeworfen und sich dann wieder heimbegeben.‹
›Nein, lieber Sokrates‹, schrie ich, ›das ist arg, das ist wundersam! Nun ist mir gleichfalls angst und bange, und es bebt mir das Herz vor Furcht im Leibe, dass deine Alte auch von unseren Gesprächen durch die Hilfe eines Geistes erfahre. Lass uns also nur früh Schluss machen, damit wir bald ausschlafen und uns morgen so früh wie möglich aus dem Staub machen können!‹ – Ich hatte dies noch nicht ausgesprochen, da war der gute Sokrates, weil er den Wein nicht gewöhnt und vom Tage her müde war, schon eingeschlummert und schnarchte überlaut. Ich klemme also flugs die Türe zu, schiebe die Riegel ganz fest vor, stelle auch noch zur größeren Sicherheit mein Bett ganz dicht gegen die Angeln und werfe mich hinauf. Die Furcht hielt mich erst eine lange Weile wach; endlich, um Mitternacht, fallen mir die Augen allmählich zu. Kaum war ich recht eingeschlafen, so wird auch mit einmal mit größerem Ungestüm, als sich von Dieben erwarten lässt, die Tür geöffnet oder vielmehr gesprengt und so über den Haufen gerannt, dass die Angeln in Stücken zu Boden fallen. Mein Bett, ohnedies klein, dreibeinig und morsch, fliegt um und um und bleibt, da ich herausgepurzelt bin, umgestürzt über mir stehen. Da erlebte ich, dass manche Affekte sich von Natur auf paradoxe Art äußern. Denn wie man oftmals vor Freude Tränen vergießt, so konnte ich mich auch jetzt bei meinem großen Schrecken des Lachens nicht erwehren, da ich so aus Aristomenes zu einer Schildkröte geworden war. Wie ich aber auf der Erde unter meinem Bett hervorschaue, was es denn gibt, so seh’ ich zwei ziemlich betagte Mütterchen. Eine trägt eine helle Leuchte; die andere einen Schwamm und einen blanken Dolch. In dem Aufzug stehen beide am Bett des Sokrates, der in tiefem Schlaf lag. Die mit dem Dolch fängt an: ›Hier, Schwester Panthia, hier siehst du meinen treuen Endymion, meinen Ganymed, der so Tag und Nacht meine Schwäche missbraucht hat und der nun meine Liebe mit Füßen tritt, meinen guten Namen schändet und mich auf ewig fliehen will. Aber weit gefehlt, dass ich mich von diesem arglistigen Ulysses hintergehen ließe und wie eine zweite Kalypso um ihn in ewiger Sehnsucht und Einsamkeit weinte! Mag indessen‹, fuhr sie fort, mit ausgestreckter Rechten der Panthia mich zeigend, ›sein feiner Ratgeber da, Aristomenes, der ihm die Flucht in den Kopf gesetzt hat, jetzt aber, dem Tode nahe, nach aller Länge unter dem Bett ausgestreckt liegt und hier nach uns herschielt, mag er doch daran denken, überall meine Schmach auszuposaunen; er soll mir schon noch, vielleicht nur allzu bald, ja vielleicht noch jetzt, den Augenblick, all seine Spötteleien so wie seine gegenwärtige Keckheit schmerzlich genug bereuen!‹
Als ich das hörte, brach mir der kalte Angstschweiß aus, und ich zitterte und bebte derart unter meinem Bett, dass es auch nicht eine Minute ruhig stehen blieb, sondern unaufhörlich wie eine Stampfmühle rüttelte und pochte.
›Ei‹, sprach Panthia, ›warum kühlen wir denn nicht unsern Mut an dem zuerst? Lass uns ihn, Schwester, wie Bacchantinnen, in Stücke zerreißen oder binden und zum Verschnittenen machen!‹ – ›Keins von beiden!‹ versetzte Meroe – denn ich merkte an allem, dass es die war, von der Sokrates mir erzählte –, ›er muss am Leben bleiben, um den Leib dieses Armseligen in ein wenig Sand zu verscharren.‹ – Hiermit dreht sie den Kopf des Sokrates auf die Seite, senkt ihm den Dolch bis an den Schaft in die Gurgel und fängt das hervorspritzende Blut so geschickt und sorgfältig in einem Schlauch auf, dass auch kein Tröpfchen danebengeht. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen. Nun fährt sie – um keinen von den Opfergebräuchen außer Acht zu lassen, wie mir scheint – mit der rechten Hand durch die Wunde bis zu den Eingeweiden hinunter sucht darin herum und bringt dann das Herz meines armen Kameraden zum Vorschein, während er aus abgeschnittener Kehle laut röchelt und seinen Geist mit dem Blutschwall aufgibt. Panthia aber stopft die Wunde, wo sie am weitesten auseinanderklafft, mit einem Schwamm zu und murmelt dabei: ›Schwamm, Schwamm, im Meer geboren, geh in dem Fluss verloren!‹ Dies getan, schieben sie das Bett von mir hinweg, treten mit auseinandergespreizten Beinen über mich, und jetzt lassen sie es so lange auf mich herabträufeln, bis sie mich ganz und gar in die stinkende Brühe eingeweicht haben. Kaum verließen sie die Schwelle, so erhebt sich die Tür wieder und kehrt an ihren Ort zurück, die Angeln springen wieder in ihre Pfannen ein, die Haspen eilen den Pfosten zu, und die Riegel schieben sich von selbst wieder vor. Ich aber bleibe, wie ich war, am Boden hingestreckt liegen, atemlos, splitternackt, eiskalt und nicht minder feucht, als ob ich eben erst aus dem Mutterleib gekrochen wäre, obwohl ich doch schier halb ausgelebt, ja mich selber schon ganz überlebt hatte und mit Fug und Recht als ein After-Ich, wenigstens als ein wohlbestallter Galgenkandidat anzusehen war. ›Was wird aus mir werden‹, sprach ich bei mir selbst, ›wenn man am Morgen den erwürgt im Bette finden wird? Wem wirst du nicht der Wahrheit zum Trotz als ein Lügner erscheinen? Du hättest ja nur um Hilfe rufen müssen, wird man sagen, wenn du feige Memme dich vor einem alten Weib fürchtest! Vor deinen Augen einen Menschen ermorden sehen und schweigen? Warum hat man dich nicht auch auf den Kopf geschlagen? Warum hätte denn die Mordlust der Hexe den Augenzeugen ihres Frevels verschont, von dem sie ja fürchten musste, dass er sie verraten würde? Nur hin mit dir zum Tode, dem du so entronnen bist!‹