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Kitabı oku: «Der Ochsenkrieg», sayfa 38
Fritz von Zollern öffnete die Tür und rief in den anstoßenden Raum hinaus: »Ihr! Heda! Flink! Die Majestät muß frieren.«
Die zwei Mägde und der Haarkräusler waren rasch zur Hand, sorgten für neue Wärme und wuschen dem König die von einer törichten Nacht verwüsteten Locken. —
Gegen die neunte Morgenstunde begannen alle Glocken der Stadt zu läuten, um den jungen Frieden der bayerischen Lande zu grüßen, den diese Stunde gebären sollte. Die Fürsten und Prälaten, mit ihnen die Bürgermeister der freien Städte und der herzoglichen Residenzen, kamen zum Gumbrechtischen Hause, um die Majestät in feierlichem Zuge nach dem Stadthaus zu geleiten. Mancher von den edlen Herren sah sehr ungemütlich drein, nicht aus politischen Gründen. Der kleine Herzog von Bayern-Landshut hatte ein Gesicht, das einer grünen Olive glich; er litt, obwohl er nicht unmäßig getrunken hatte, an einem Katzenjammer, bei dem er jedes Haar auf seinem gesalbten Haupte wie einen giftigen Nadelstich empfand.
Der Haidpiatz war erfüllt von einer drängenden Volksmenge, die den freundlich grüßenden König mit stürmischer Zärtlichkeit umjubelte.
Und immer war das Stadthaus von Stimmengewirr umgeben, während im großen Ratszimmer hinter verschlossenen Türen um den Frieden gehandelt wurde. Es ging da drinnen sehr lärmvoll zu, und die erregten Stimmen wuchsen immer kräftiger, während im Vorraum die Tische zu einem Erquickungsmahl gedeckt und mit leichten Weinen, mit gesäuerten Getränken, geräucherten Saiblingen, gesulzten Renken und mit Bratwürstchen auf Sauerkraut bestellt wurden. Das alles duftete sehr einladend, und mancher von den edlen Herren kam schon aus dem Ratszimmer heraus, noch ehe der erste Teil der Verhandlung erledigt war: die Schlichtung des persönlichen Streites zwischen den Herzögen Heinrich und Ludwig wegen des Konstanzer Überfalles.
Der Ingolstädter war im Zorn der Stunde wie ein gereizter Tiger und stellte maßloße Forderungen: »Man soll den fahrigen Mörder Heinrich aller Ehren und Würden entkleiden und soll ihn richten nach dem Spruche: Aug um Auge, Zahn um Zahn! Man soll ihm sieben Wunden an seinen Leib machen, darunter zwei auf den Tod. Und man soll ihm die Hand abhacken, mit der er nach unserem fürstlichen Leib gestochen.«
Herr Heinrich, in der Bitterkeit seines hämmernden Katzenjammers, antwortete klagend: »Unser edler Vetter Loys verlangt der gerechten Dinge so viel, daß wir in Sorge um sein kostbares Dasein geraten. Menschen, die des Guten auf Erden zu viel begehren, leben nicht lange.« Mit diesen Worten brachte er die Lacher auf seine Seite, nachdem der Ingolstädter durch das Übermaß seiner Forderungen die Herren gröblich verstimmt hatte.
Der König entschied unter dem Beifall des Fürstenrates: Herzog Heinrich soll zur Sühne seiner unvetterlichen Tat sechshundert Helme wider die Hussiten stellen, einen Kriegszug gegen die Heiden unternehmen, eine bußfertige Wallfahrt nach Rom machen, drei ewige Messen stiften, dem Vetter Loys alle Kurkosten ersetzen und ihn vor König, Fürsten und Volk um Gottes und unserer lieben Gottesmutter willen demütig um Verzeihung bitten. Der kleine Herzog beeilte sich, zu erklären: »Wir beugen uns dem Urteil der weisen Majestät.«
Herzog Ludwig schrie mit einem Auflachen seines Hohnes in den Saal: »Man ehrt mich über Gebühr und hält mich für kostbarer als unseren Herren Christum. Der ward um dreißig Silberlinge verraten. Mich verkauft man um dreißigtausend Dukaten.«
Bei dem Lärm, den der Aufbruch zum Frühstück verursachte, schien niemand diesen Zornschrei zu hören. Alle schwere Stimmung war plötzlich verwandelt in schwatzende Heiterkeit. Während im Vorraum die Tische sich füllten, standen die Herzöge von München mit dem Brandenburger abseits in ernstem Gespräch. Im Ratszimmer war nur Herzog Ludwig mit seinem getreuen Kaspar Törring zurückgeblieben, der in Zorn die irdische Gerechtigkeit eine feile Metze schalt und die Welt als würdig eines baldigen Untergangs erklärte.
Um alle Folgen der törichten Nacht zu dämpfen, frühstückte die Majestät sehr reichlich. Herzog Heinrich, der außerhalb seines Schlosses zu Burghausen niemals ohne Vorkoster speiste, berührte den Imbiß nicht, obwohl eine heftige Sehnsucht nach sauren Dingen in seinen Augen war. Sehr aufmerksam betrachtete er den König, dem die duftenden Würstchen trefflich zu munden schienen. Und leise fragte der kleine Herzog: »Fürchtet die Majestät nicht, vergiftet zu werden?«
»Nein! Unsere Brüder sind tot.« Der König lachte. »Auch sind Wir unempfindlich gegen Gift geworden. Übung gewöhnt den Körper an alle Dinge.« Heiter erzählte er von mannigfachen Giften, die man ihm schon verabreicht hatte, und von der scharfsinnigen Kur eines schwäbischen Arztes. Der hatte den im Lager vor Znaym vergifteten König durch vierundzwanzig Stunden bei den Füßen aufhängen lassen, bis das genossene Gift durch Mund und Nase völlig abfließen konnte! »Das war nicht lieblich. Aber hilfreich.« Nach dieser Erzählung sprach die Majestät sehr fleißig wieder dem Sauerkraut und den Würstchen zu. Aber vielen an des Königs Tafel war die Lust zum Essen vergangen.
Unter dem betretenen Schweigen, das am Tische herrschte, sagte plötzlich ein Regensburger Ratsherr: »Eure Majestät schneiden die Würstlein in die Quere. Das ist nicht empfehlenswert. Ist das Würstlein in die Quer gebröckelt, so beißt man beim Speisen auf die Haut und hat den minderen Geschmack. Man muß es nach der Länge schneiden und mit dem Fleisch auf die Zunge legen.«
Am Tisch erwachte ein heiteres Lachen. Alle griffen von neuem zu, versuchten die ratsame Sache, nickten zustimmend mit den Köpfen, und die Majestät sagte freundlich: »Wir danken Euch, Ehrenfester! Unser Dasein ist um eine köstliche Weisheit bereichert. Ihr seid ein Meister in der Kunst zu leben.«
Während dieses Frühmahls erfuhr der Propst des heiligen Zeno, Herr Konrad Otmar Scherchofer, eine kleine Überraschung. Der Kanzler Schlick beschenkte ihn mit einem schön und zierlich beschriebenen Pergament. Es war ein Brief, in dem sich Franzikopus Weiß bei Sigismund um einen Bischofsstab bewarb und sich erbötig machte, das Zenonische Land und Volk der Hausmacht des Königs anzugliedern. »Das wäre ein schlechter Handel«, sagte Herr Konrad Otmar, »von meinem Volk und Land ist weniger übrig geblieben, als von aufgespeisten Fischen zu bleiben pflegt.« Er besah den Brief und wurde heiter. »Dieser Heilige riecht nicht gut. Ich will ihn mit Wohlgerüchen waschen lassen.«
Die Majestät erhob sich und gab das Zeichen zum Neubeginn des Fürstenrates.
Während die edlen Herren sich schon im Ratszimmer zu sammeln begannen, trat der schwere Bürgermeister von Landshut auf den kleinen Herzog Heinrich zu, und um die Treue der guten Stadt zu erweisen, erbot er sich, dem gnädigen Herrn die Wallfahrt nach Rom abzunehmen, mit zwölf angesehenen Bürgern durch Italien bis zur Peterskirche zu reiten, dort inbrünstig zu beten und kostbare Spenden zu Füßen des heiligen Apostels niederzulegen.
»Nein!« Herr Heinrich preßte die Hand an den schmerzenden Hinterkopf. »Das kostet schweres Geld. Laßt unser Geld im Lande bleiben! Warum wollt ihr’s nach Rom tragen? Beten kann man in Landshut auch. Die Wallfahrt nach Rom — weil es schon sein muß — soll einer machen. Einer, der nichts versäumt. Der muß sich durchbetteln. Sonst wäre das kein frommes Werk, das wohlgefällig vor Gottes Augen ist. Stiftungen macht man vor dem Gelingen. Nach dem Gelingen behält man, was Gott so wollen hat.«
Im Fürstenzimmer begann schon wieder der gleiche aufgeregte Lärm, wie er vor dem Imbiß geherrscht hatte. Kaspar Törring wollte bei König und Reich um seiner erschlagenen Hunde willen Klage führen. Man mußte dem Erbitterten bedeuten, daß die Sache der erschlagenen Menschen den Vorrang hätte und daß man die noch Lebenden durch einen raschen Frieden beglücken müßte.
Nach gereizten Reden und Gegenreden entschied die Majestät, es solle Friede sein; die Not der Zeit verlange, daß man sich gegen die äußeren Feinde wende, statt sich selbst zu zerfleischen; dem lieben Oheim zu Ingolstadt wäre der Vorwurf nicht zu ersparen, daß er wider Gott, König und Reich gesündigt und vor bayerischen Bäumen den deutschen Wald nicht mehr gesehen hätte; Bayern, das Herz der deutschen Lande, müsse deutscher sein als deutsch; des lieben Oheims großer Ahnherr Ludwig hätte die richtige Glocke aufgehangen; doch sein Enkel hätte ihr mit Hader und Zwist wider die friedlichen Vettern den hallenden Schwengel ausgerissen, daß sie zu einer tauben Schelle wurde; der frevelhaft begonnene Krieg müßte gesühnt werden nach irdischer Gerechtigkeit und nach billigem Anspruch der Sieger; wer sich dem Spruch der Majestät und den Bedingungen des von ihr gebotenen Friedens widersetze, bliebe dem Kirchenbann und der Acht des Reiches verfallen.
Sehr feierlich bekräftigte der päpstliche Legat die Worte des Königs.
Dann verlas der Kanzler Schlick die Bedingungen des Friedens: »Alle Gegner sollen sich vor König und Volk zu christlicher Versöhnung umarmen. Die Gefangenen werden ausgelöst, die noch nicht bezahlten Lösegelder von beiden Seiten erlassen. Was Herzog Ludwig im Kampfe verlor — sechs Städte, achtzehn Burgen, sieben Marktflecken und hundertzweiunddreißig Dörfer — soll im Besitz der siegreichen Gegner bleiben. Alles übrige Land von Bayern-Ingolstadt soll an den König übergeben werden. Herzog Ludwig soll als Fürst ohne Land und Diener dem König nach Ungarn folgen und unter den Augen der Majestät wider Ketzer und Heiden fechten. Als Verweser des fürstenlos gewordenen Landes bestellt die Majestät den Prinzen Ludwig unter Aufsicht des Ingolstädtischen Hofmeisters Brunorio von der Leiter.«
Die Augen der Herren suchten bei diesem Spruch den mißgestalteten Knaben, der zum Hüter über die Lande seines Vaters gesetzt wurde. Er war nicht im Saal.
Durch den Stimmenlärm, der sich zu erheben begann, schrillten die wütenden Worte des Kaspar Törring: »Ei, wie klug! Ei, wie klug! Meine totgeschlagenen Hunde, wenn sie noch lebendig wären, hätten es klüger gemacht.«
Herzog Heinrich, dessen Katzenjammer sich zu mildern schien, sagte lachend zu dem Erbitterten: »Mein guter Kaspar! Es ist von aller Klugheit die beste: Glück haben! Deine gescheiten Hunde litten unter einem unverständlichen Mißerfolg.«
Während Törring allen Zorn seiner ehrlichen Jägerseele über den kleinen Herzog ausschüttete, stand Herr Ludwig stumm und bleich inmitten der erregten Fürsten. Langsam streckte sich sein stolzer Körper. Eine wunderliche Heiterkeit erwachte in seinen heißen Augen. Und plötzlich rief er lachend über alle Köpfe hin: »Ihr lieben Kinder! Gehabt euch wohl!« Er wandte sich und verließ den Saal.
Drunten auf der Gasse mußte er sich durch ein dickes Gedräng des Volkes wühlen, um sein Quartier, das Haus der Weltenburger auf dem Haidplatz zu erreichen.
In der großen, fremden Stube, die er betrat, sprangen ihm die zwei braun und weiß gefleckten Törringer Bracken entgegen und hoben sich unter täppischen Zärtlichkeiten zu seiner Brust hinauf. Mit den Armen umschlang er ihre Köpfe und preßte sie an sich: »Ihr Treuen! Wir bleiben beisammen.« Er setzte sich auf das Bett. Die Hunde sprangen an seine Seite und schmiegten sich unter seine Arme.
So saß Herr Ludwig unbeweglich fast eine Stunde. Unter den Fenstern wogte das Gesumm des Volkes. Und die sonnige Luft war erfüllt vom Geläut der Glocken. Es klangen alle Türme der Stadt. Nur der neue Dom, der noch keinen Turm und keine Glocke hatte, konnte nach außen hin den feierlichen Vorgang nicht verkünden, der sich unter den Spitzgewölben seiner steinernen Riesenhalle vollzog. Hier zelebrierte Kardinal Branda, der päpstliche Legat, vor dem Königspaar und den Fürsten das festliche Hochamt, stimmte zum Danke für den vom Himmel niedergesunkenen Frieden das Tedeum an und predigte nach dem Sanktus wider die böhmischen Ketzer und die mosleminischen Heiden. Während er den begeisterten Gottesstreitern, die für den Feldzug gegen die Hussiten nur sehr bescheidene Hilfstruppen bewilligt hatten, die geweihten Kreuze aus weißer Seide an die Stelle des Herzens heftete, übergab die Majestät das Reichsbanner dem Markgrafen von Brandenburg. Der nahm es, sah den schönen, lächelnden König mit ernsten Augen an und sprach: »Vor Gottes Gesicht muß ein kleiner Mensch sich des eigenen Willens begeben.«
Als der Zug der Fürsten unter Glockengeläut und Bumbardenschüssen den Dom verließ, saß Herzog Ludwig im Haus der Weltenburger noch immer auf dem Bett, mit den Köpfen der Bärenfinder an seiner Brust.
Er hörte nicht, daß die Tür der Stube leise geöffnet wurde. Nur weil die Hunde zu murren begannen, sah er auf. Sein Gesicht entstellte sich. Doch unbeweglich blieb er sitzen und betrachtete den mißgestalteten Landverweser, der in seinem reichen Hofkleid ein Gesicht von sehr üblem Ansehen hatte.
Den Blick des Vaters vermeidend, immer irgendwo in eine dunkle Ecke guckend, fing Ludwig Höckerlein zu reden an, nicht mehr so sanft, kindlich und demütig wie sonst, doch immer noch mit redlicher Herzlichkeit. In Trauer beklagte er das ungerechte Los des teuren, geliebten Vaters und erbat sich Ratschläge für sein ernstes, schwieriges Amt der Landverwesung.
Herr Ludwig blieb stumm. Er lachte nur.
Der Prinz wurde drängender, sprach von dürren Zeiten, von nötigem Gelde, verglich das verwüstete Land mit einem abgebrannten Acker, der reichlich des frischen Samens bedürftig wäre, und bat den geliebten Vater um Aufklärung über verpfändete Kostbarkeiten und verstecktes Gold.
Da sprang der Herzog auf. Und während er die Hunde, die gegen den Buckligen kläfften, an den Halsbändern festhielt, schrie er dem Sohn ins Gesicht: »Nimm ein Schwert und stich es in mich und sprich, du wolltest Geld haben! So lang, bis die Seele mir entfährt, will ich dir antworten: Nichts sollst du haben! Nichts! Nichts!«
Draußen vor der Türe war ein Lärm als möchte einer den Eintritt erzwingen, den die Diener ihm verwehrten.
Lauschend streckte sich der Herzog. Er schien die Stimme zu erkennen. Freude war in seinen Augen. Und plötzlich schrie er mit aller Kraft seiner Kehle: »Den Treuen steht jede Schwelle offen. Der da kam zu mir, soll eintreten.«
Unter der Tür erschien ein schlanker Jüngling in schwarzem Studentenkleid, das Gewand von einem weiten Ritt verstaubt, mit blassem Gesicht, mit heißer Sorge im Blick. Als er sich vor dem Herzog beugen wollte, faßte ihn Herr Ludwig an den Armen, hielt ihn aufrecht und sah ihn an. »Nicht reden, Liebling! Ein ungeschicktes Wort könnte mir einen wundervollen Augenblick verderben. Weshalb du gekommen bist, das weiß ich. Nur eines sag mir! Ich muß als Fürst ohne Land und Diener dem König nach Ungarn folgen.« Seine Augen dürsteten. »Gehst du mit mir?« Er brauchte nicht auf Worte zu harren, las die Antwort in Wieland Swelhers glänzenden Augen, riß ihn an sich, und während er ihn umklammerte, sagte er ruhig und froh: »Ich hab einen Sohn.«
Stumm, das verzerrte Gesicht wie von Asche überschüttet, ging der Landverweser von Bayern-Ingolstadt mit seinem wippenden Spinnenschritt zur Tür hinaus.
Drunten auf dem Haidplatz klangen die brausenden, alles Glockengeläut übertönenden Jubelstimmen des Volkes, das den funkelnden Zug des Königspaares und der Fürsten unter Zinkenklang und Pfeifengetriller feierlich herankommen sah zum festlich gezierten, von schöner Sonne umwobenen Friedensthron.
12
Auf dem Haidplatz, den die hochgegiebelten und getürmten Häuser der reichen Bürger in buntem Schmuck umgaben, drängte sich Kopf an Kopf.
Wie eine eiserne Mauer standen die fürstlichen Harnischer und die gepanzerten Stadtknechte um die Schranken her und ließen hinter ihren Schultern das Gedräng des Volkes verbranden.
Innerhalb des abgesperrten Raumes war ein Gewirre von Fahnen und Standarten, ein Gewirbel von hundert leuchtenden Farben und ein Gefunkel von blanken Waffen und Edelsteinen.
Als das Königspaar mit dem päpstlichen Legaten den Friedensthron und die Fürsten ihre roten, mit Wappen gezierten Hochsitze schon bestiegen hatten, füllten die Prälaten, die Ritter und Ehrbaren die Bänke. Dabei gewahrte Propst Pienzenauer in der ersten Reihe der Söldner einen Harnischer, dem über das braune, ernste Gesicht eine schwere Narbe herunterlief. An dieser Narbe erkannte er ihn wieder. Rasch trat er auf ihn zu und fragte erregt: »Du? Warst du nicht bei Dachau im Gefecht, als der Seipelstorfer den Herzog von Ingolstadt fangen wollte?«
»Wohl, Herr! Da hab ich mitgedroschen.« In die harte Stimme des Söldners kam ein leichtes Schwanken, als er neben dem Fürstpropst den Ritter Someiner stehen sah. »Und ich bin nit weit gewesen, wie Euch ein redlicher Mann unter dem niedergestochenen Gaul herausgezogen hat.«
»Mensch! Weißt du, wer das war?«
»Wohl!« Malimmes vermied es, den Ritter Someiner anzusehen. »Das ist mein guter Herr gewesen, der Richtmann Runotter von der Ramsau.«
»Wo find ich ihn?«
Ein rauhes Lachen. »Da braucht Ihr Euch mit dem Suchen nit plagen. Der ist weiter, als Menschen laufen oder reiten können.« Malimmes sah zur Sonne auf. »Wer den Runotter finden möcht, müßt fliegen lernen und höher steigen als ein Isländer Falk.«
Während Herr Pienzenauer erschüttert schwieg, stammelte Lampert Someiner mit heiserem Laut: »Malimmes —«
Neben dem Friedensthron begannen die Trompeten zu blasen. Ihr Geschmetter weckte ein dreifaches Echo an den hohen Mauern, und Hall und Widerhall verschmolzen miteinander zu einem rasselnden Tongewirr, das sich anhörte wie das Gelächter eines Riesen.
Nun eine summende Stille.
Auf dem Friedensthron erhob sich die Majestät im funkelnden Prunk der königlichen Würde.
Alle Gesichter der vielen Tausende, der Hohen und Niederen, waren dem schönen, lächelnden König zugewendet. Nur ein einziges nicht, das schmale, rosige Gesichtchen der zierlichen Königin. Die streckte das schlanke Hälslein und lugte hinüber zu den Reihen der Harnischer.
In anmutsvoller Bewegung die beringte Hand erhebend, begann die Majestät mit gutgeschulter, klingender Stimme zu sprechen:
»Ihr meine lieben Oheime und Vettern! Ihr hochgeborenen Fürsten und Herren, die Ihr Beschirmer der Gerechtigkeit und Liebhaber des Guten seid, Ausreuter des Übels, Vertilger von Schande und Laster, eine sichere Zuflucht für alle Betrübten, gepeinigten und hilflosen Menschen!«
Die Fürsten blieben ernst, obwohl sie bei dieser Ansprache ein bißchen verwundert dreinguckten. Doch das Volk, das die spottende Heiterkeit flink erfaßte, brach in munteres Gelächter aus.
Durch die ganze Rede, die ein blühendes Loblied des Friedens wurde, schwang der König die anmutige Geißel des Spottes, der ihm die Herzen des Volkes eroberte. Und als er den Tausenden gebot, den in die bayerischen Lande heimgekehrten Engel des Friedens mit deutschem Heilruf zu begrüßen, rauschte ihm aus aufgereckten Händen eine brausende Woge der Freude und Begeisterung entgegen.
Noch ehe das frohe, dankende Geschrei verhallte, kam vom Hause der Weltenburger ein wunderlicher, gar nicht festlicher Zug einhergewandert; voraus der land- und dienerlos gewordene Herzog Ludwig, der die beiden Hunde an seinen Gürtel gekoppelt hatte; ihm folgten Kaspar Törring und Wieland Swelher mit zwölf von Ludwigs letzten Getreuen, und sie alle, der Herzog wie die Seinen, waren gleich gekleidet und trugen graue Knechtshosen, graue Bauernkittel und graue Kappen, die mit Marderschwänzen gezottelt waren.
Ein Lachen und Hälserecken im Volk, wie auf allen Bänken der Herren. Und belustigt fragte der König: »Oheim Ludwig? Was soll zu ernster Stunde dieser wunderliche Fasching?«
»Fasching? Nein, Majestät!« Stolz und ruhig hob Herr Ludwig den Kopf. »Das ist Würde und Weihe. Mit diesem grauen Gewande wollen wir die Sieger ehren, die uns in solchen Bauernkitteln bekriegten.«
Über den weiten Haidplatz rann ein Fragen und Schwatzen hin. Und Herzog Heinrich murrte geärgert: »Wollte ich so viel Geld an jeden billigen Spaß vergeuden, so wäre mein Schatzturm bald eine Flohfalle, aus der die gelben Flöhe bis auf den letzten entsprangen.«
Dieser heiteren Minute folgte eine ernste Zeremonie. Während umflorte Kirchenfahnen entschleiert und geknickte Wachskerzen aufgerichtet und entzündet wurden, bliesen dumpfe Posaunen. Würdevolle Spannung lag auf allen Gesichtern. Nur Kaspar Törring war nicht völlig bei dieser ernsten Sache. Immer musterte er die beiden Hunde, die an Herzog Ludwigs Gürtel gekoppelt waren. Und in Erregung flüsterte er gegen das Ohr des Freundes: »Du, Loys, das sind die zwei schönsten aus meinem Zwinger! Ein Rüd und eine Hündin. Die sollen der Welt ein neu Geschlecht erwecken. Fällt von ihnen der erste Wurf, so will ich dabeisein. Ich gehe mit dir nach Ungarn.«
Die feierlichen Posaunen schwiegen, und unter dem Baldachin des Friedensthrones erhob sich der päpstliche Legat, um den Ingolstädter vom Kirchenbanne loszusprechen und als reuige Seele in den Schoß der römischen Mutter zurückzuführen.
Während Herr Ludwig das gebeugte Knie streckte, sprach er mit starker Stimme: »Gott im Himmel wird mich richten nach meinem Herzen, nicht nach der Torheit meiner Fäuste und meines Blutes.« Er ging auf den Markgrafen von Brandenburg zu: »Verzeihe mir! Nach Verdienst belehnte mich die Majestät mit der Narrenkappe. Dich hätt ich erkennen und für mich gewinnen sollen.«
Fritz von Zollern reichte ihm die Hand und sagte lächelnd: »Mich mißversteht man immer. Ich weiß nicht, woher das kommt.«
»Ferne Berge sind den Narren wie Maulwurfshügel.« Und Herr Ludwig wandte sich zu den Herzögen von München: »Wider Euch hab ich schweres Unrecht getan. Wollt Ihr meiner üblen Torheit vergessen?«
Freundlich nickend, bot ihm Herzog Ernst seine schwere Rechte. »Dinge, die geschehen sind, sollen ein Gutes nicht bedrücken, das kommen will. Waren wir keine guten Vettern, so wollen wir’s werden. Gelt?«
Schweigend sah Herr Ludwig dem Vetter in das lachende Bartgesicht. Dann wandte er sich, betrachtete den Herzog Heinrich, blieb wie steinern vor ihm stehen und wartete.
Mit langsamen Schritten kam der kleine Herzog näher: »Nach Inhalt des Urteils, das die Majestät gesprochen, bitte ich dich in schuldiger Demut um Verzeihung.«
Herr Ludwig sah die Narben an seinen Händen und sagte rauh: »Du gibst mir schöne Worte. Wenn es dir wahrhaft leid wäre, müßtest du andere Augen haben.«
Ein feines Lächeln. »Ich habe Augen, wie Gott es wollte.«
Freundlich mahnte die Majestät: »Oheim Ludwig? Wollt Ihr diesem Bittenden nicht vergeben?«
Ruhig sagte Herzog Ludwig: »Ich vergebe ihm nach Form und Seele des Urteils.«
Ein Summen über den Köpfen der Menge. Und von dem goldenen Sessel, der höher war als der rote Stuhl des Königs, segnete der päpstliche Legat die Fürsten und das Volk. Freundlich streckte der Kardinal die Hände nach der Königin, hob sie zu sich empor und küßte sie auf beide Wangen, während der König die Herzöge von Bayern der Reihe nach umarmte. Herzog Ernst umarmte den Ingolstädter, Herzog Heinrich den Brunorio von der Leiter. Der Erzbischof von Salzburg und der Bischof von Chiemsee umarmten den Propst des heiligen Zeno. Herr Konrad Otmar umarmte den Fürstpropst Pienzenauer von Berchtesgaden, der heilige Zeno den heiligen Peter. Hauptmann Hochenecher umarmte den Hauptmann Seipelstorfer. Es umarmten sich die Ritter, von denen einer dem anderen die Burg gebrochen hatte. Und es umarmten sich die Bürgermeister von München und Ingolstadt, von Burghausen und Wasserburg, von Landshut und Freising, von Schrobenhausen und Pfaffenhofen, von Traunstein und Rosenheim, von Kufstein und Marquartstein.
Inmitten einer andächtigen Stille wirkte dieses Bild der Versöhnung und christlichen Liebe so ergreifend, daß die Kinder zu beten, die Frauen und Jungfrauen zu weinen begannen. Und plötzlich, in diesem von Andacht und Rührung beträufelten Schweigen brüllte von irgendwo eine grobe Bauernstimme: »So? So? Nit schlecht! Tut sich da jetzt alles umarmen? Macht alles Fried? Und die Hängmooser Ochsen? Was? Wer nimmt denn jetzt die Hängmooser Ochsen um den Hals?«
Ein Sturm von Heiterkeit brauste nach diesen Worten über den weiten Haidplatz hin.
»Man soll erkunden«, befahl die Majestät, »was dieser Biedere von Uns begehrt!«
Bei der Schranke rief ein Harnischer mit der Stimme eines trompetenden Elefanten: »Das ist der Ramsauer Albmeister. Den Ramsauern ist ein schweres Unrecht an Kühen und Ochsen widerfahren. Drum will der Albmeister reden mit der deutschen Majestät.«
Während die Königin ein bißchen blaß wurde und trauernde Augen bekam, lachte der König in leutseliger Heiterkeit. »Man soll diesen Braven vor Unser Angesicht führen.«
Unter lustigem Rumor des Volkes und aller Herren brachten die Festordner den langen, mageren Fischbauer vom Hintersee vor den Friedensthron.
Freundlich sagte die Majestät: »Wir hören, du bist der Ramsauer Albmeister.«
»Was denn sonst?«
Ein vergnügtes Gebrüll rings um die Schranken her.
»Und mit dem deutschen König willst du reden?«
»Was denn sonst?«
Wieder dieses schallende Gelächter, während der Albmeister vorsichtig aus einer Blechkapsel ein zerknülltes Pergament herausdrehte.
»Warum willst du reden mit Uns?«
»Weil unsere Ochsen grad so viel Recht haben als wie die anderen. Unsere Ochsen müssen heut auch dabeisein. Was denn sonst? Um unsere Ochsen geht doch der ganze Krieg. Und Recht muß Recht sein. Unser Recht ist verbrieft und gewächsnet.«
Lustig streckten sich tausend Hälse, und der Ramsauer Albmeister machte einen plumpen, komisch wirkenden Fußfall vor der Majestät und reichte ihr das alte Pergament empor, das rot und grau gefleckt war vom Blute des Seppi Ruechsam und vom Sattelschmutz des Marimpfel.
Während das Schwatzen und Kichern in der Menge immer lauter wuchs, sagte der König zu Peter Pienzenauer: »Lieber Neffe von Berchtesgaden! Wollt Ihr Uns dieses wunderliche Rätsel deuten?«
Der Fürstpropst hatte kummervolle Augen. »Herr! In dieser Sache bin ich ein Schuldiger. Da soll einer sprechen, der rein zwischen Recht und Schuld gestanden.« Er winkte dem Ritter Someiner. »Rede, Lampert!«
Vor König, Fürsten und Volk fing Lampert Someiner zu sprechen an. Aus jedem seiner Worte zitterte die tiefe Erschütterung, die ihm die Nachricht vom Tode des Runotter ins Herz geworfen hatte. Doch was er selbst als ein schweres Trauerspiel der Menschheit empfand, das wurde — durch den widersinnigen Gegensatz von Ursache und Wirkung — für diese tausend in lustiger Neugier Lauschenden zu einer grotesken Lächerlichkeit des Lebens, die keine Träne wecken, nur wilden Hohn oder schallende Heiterkeit erzielen konnte.
Siebzehn Ochsen! Siebzehn Ochsen! Und Volk und Reich geschädigt und zerrüttet, die Zeit zurückgeworfen um Jahrzehnte und bedrückt durch blutende Verluste, weite Länder bis zum Grauen verwüstet, Städte zerstört, Burgen gebrochen, zahllose Dörfer in Asche verwandelt, die Münze verschlechtert, alles Gut entwertet, Arbeit und Handel erdrosselt, hunderttausend Menschen verarmt und viele Tausende erschlagen, erwürgt, erstochen, verbrannt, vergiftet von Seuchen, verfault und verstunken! Und siebzehn Ochsen! Siebzehn Ochsen!
Indes den Haidplatz ein höhnendes Gejohl erfüllte, sagte der König, halb noch lachend, halb bedrückt von einer schreckvollen Schwermut: »Wahrlich! Ein Ochsenkrieg! Um Ochsen begonnen — —« Weil die Majestät verstummte, fiel das spottende Kastratenstimmchen des Narren ein: »Von Weisen geführt! Und friedsam beschlossen von einem klugen König.« Mit beiden Händen machte der grinsende Narr bei dem Wörtchen ›klug‹ über seinem Kopf eine Bewegung, die von allen, welche sie sahen, sehr heiter gedeutet und mit Gelächter aufgenommen wurde. Auch der König lachte mit. Nicht gerne. Doch gnädig beugte er sich zum Ramsauer Albmeister hinunter und entschied, daß der Friedensvertrag der Fürsten — der unterzeichnet und gesiegelt war von einem Kurfürsten, drei Herzögen, einem Erzbischof, einem Bischof, von zwei Pröpsten und zur Zeugschaft von vielen Kirchenfürsten und Baronen — noch einen klärenden Nachtrag in causa bovum Hengismosianorum sive Mordaviensium erhalten sollte.
In dieser Klausel wurden die Ramsauer berechtigt, den zu Unrecht niedergebrannten Käser auf Kosten des heiligen Peter von Berchtesgaden neu zu errichten. Und nach Gutdünken und Verstand der Bauern sollten von nun an bis zu ewigen Zeiten an Stelle der Ochsen auch Milchkühe auf dem Hängmoos, nein, in der Mordau grasen dürfen.
So entschied die Majestät. Und der Ramsauer Albmeister sagte stolz und ruhig: »Was denn sonst? Jetzt haben wir’s wieder, wie’s allweil war. Da hätt’s den ganzen Krieg nit braucht.«
Inmitten der Heiterkeit, die den funkelnden Friedensthron umwogte, scholl aus dem Gewühl der Menge ein wilder Schrei, dem ein Gezeter angstvoller Stimmen folgte. Von den Hochsitzen der Fürsten sah man im Gedräng der Leute plötzlich einen leeren, rasch auseinanderfließenden Pflasterfleck. In dieser Leere, die mit jeder Sekunde wuchs, lag ein dicker, reichgekleideter Bürger unter sinnlosen Gliederzuckungen auf dem Boden, mit dem Gesicht gegen die Erde. Und in der Menge, die entsetzt vor ihm zurückwich und sich qualvoll staute, fingen zwanzig, vierzig, hundert, tausend Stimmen zu schreien an: »Der Tod ist in der Stadt! Der schwarze Tod!«
Auf dem Brettergerüst der Fürsten, bei den Bänken der Ritter und Ehrenfesten wie bei den Schranken des gemeinen Volkes, überall begann ein schreiendes oder stumm erschrockenes Drängen und Entweichen. Vor diesem stärksten aller Kriegsfürsten entflohen Sieger und Besiegte, König und Bettler, Weib und Mann, der Greis und die Kinder.
Ein Söldner blieb ohne Schreck. Und ging auf den einsam Gewordenen zu, der in Todesangst und Schmerzen stöhnte. »Höia, du armes Männdl! Fehlt’s denn so weit?« Er drehte den Zuckenden herum und sah ein verzerrtes Gesicht, auf dessen fahler Haut ein paar kleine, schwärzliche Pestflecken waren. »Ui, Teufel, Brüderlein, da müssen wir schauen, daß wir zum Medikus kommen!« Mit beiden Armen griff er zu. »Herrgott, Mensch, hast du ein Gewicht!« Während er fester Zugriff, beugte er den Kopf hinunter. »Wie, sei gescheit! Und nimm mich um den Hals herum! Da trag ich dich leichter.«
