Kitabı oku: «Keine Nachricht von Kami»

Yazı tipi:

Magnhild Bruheim
Keine Nachricht von Kami

Aus dem Norwegischen

von Kathrin Hägele

Saga

1

Das Model auf dem Bild starrte sie mit großen, stark geschminkten Augen an, die eine Hand hatte sie leicht auf der Hüfte liegen. Das Mädchen war super dünn. Die Stimmung von Bente Vessel trübte sich gleich noch etwas mehr. Sie beschloss, auf das Abendessen zu verzichten, und blätterte mutlos weiter.

Eine Sekunde nach dem ersten Klingelton hatte sie schon das Handy ergriffen, das neben ihr auf dem Bett lag.

»Hei, jetzt stehen wir draußen vor dem Kino«, sagte Kari-Marie in ihr Ohr.

»Wer ist alles dabei?«, fragte Bente.

»Gunn, Martine, Kristoffer, Benjamin und … Jonna.«

»Was macht ihr gerade?«

»Wir gehen gleich rein. Der Film fängt in zwei Minuten an.«

Ein störendes Klopfen an ihrer Tür unterbrach das Gespräch. Die Mutter steckte ihren Kopf herein: »Das Abendessen ist fertig.«

Eigentlich wollte Bente antworten, dass sie nichts essen würde, aber sie hatte jetzt keine Lust auf Diskussionen. Deshalb setzte sie nur eine ungeduldige Miene auf und zeigte auf das Telefon. Die Mutter sah doch, dass sie gerade mit Wichtigerem beschäftigt war.

»Komm, sobald du fertig bist«, meinte die Mutter, bevor sie die Tür hinter sich schloss.

»Geht ihr danach noch woanders hin?«, fragte Bente ihre Freundin.

»Vielleicht. Schade, dass du nicht dabei bist.«

»Total schade«, seufzte Bente, die über die neuen Familienregeln genervt war. Vor kurzer Zeit hatten die Eltern nämlich die grandiose Idee, dass alle den Mittwochabend gemeinsam verbringen sollten. Das würde den Zusammenhalt stärken, meinten sie, doch das war die dümmste Idee, die Bente seit langem gehört hatte. Es wäre ja in Ordnung, wenn sie diese Regel eingeführt hätten, als sie zehn oder zwölf war, aber nicht jetzt, wo sie bald fünfzehn wurde.

Ein Teil des Mittwochabends sollte damit verbracht werden, zusammen zu essen und zu reden. »Man kann ja noch andere nette Sachen machen«, meinten die Eltern. Sie wollten damit irgendwie zeigen, dass sie sich kümmerten. Bente verbrachte ja gerne ab und zu Zeit mit der Familie, das war nicht der Punkt. Aber wenn sie andere Pläne hatte, so wie heute Abend, machte es sie wütend. Ihre Eltern hatten ihr nicht erlaubt, mit der Clique ins Kino zu gehen, und es war ihnen ganz egal, ob sie den Abend lieber mit den Freunden verbringen wollte. Wenn das so weiterging, dann wurde sie ja immer mehr zur Außenseiterin!

»Du … jetzt gehen wir rein …« Bente hörte an der Stimme von Kami, dass sie lief. »Ich habe übrigens was Spannendes zu erzählen … ich schreibe dir ’ne SMS.« Dann legte sie auf. Bente war sich selbst und einem langweiligen Abend überlassen.

Ihr Bruder Sven war der Nächste, der störte. »Essen ist fertig.«

»Ich will nichts essen«, antwortete Bente, obwohl sie keine große Hoffnung hatte, dass es etwas nützen würde, nein zu sagen.

»Du musst aber«, sagte der Zwölfjährige überlegen. »Es ist Mittwochabend.«

»Ich komme gleich«, sagte Bente, um ihn loszuwerden.

J.A. will wieder mit dir zusammen sein, lautete die SMS auf ihrem Handy. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Mit Jon-Arne wieder zusammen zu sein kam nicht infrage. Das war für immer zu Ende. Vor allem nach dem, was vor ein paar Wochen passiert war. Aber im Grunde war es okay, dass er noch wollte.

Und weiter?, schrieb sie zurück, in der Hoffnung, ausführliche Informationen zu bekommen.

Es kam keine Antwort. Wahrscheinlich, weil der Film angefangen hatte. Der Film, den sie nicht sehen durfte. Lustlos griff sie wieder nach der Zeitschrift, in der sie gerade gelesen hatte.

Aber die Mutter gab nicht auf: »Bist du sauer, oder was ist los?«, fragte sie und kam wieder ins Zimmer.

»Ich habe keinen Hunger.«

»Das geht so nicht. Komm jetzt.« Die Mutter war manchmal unerträglich bestimmend.

Bente sagte nichts, dachte sich aber ihren Teil: Sie würde auf keinen Fall etwas essen. Niemand konnte sie zwingen.

Sven saß mit seinem breitesten Grinsen am Tisch. Für ihn war es ja auch in Ordnung, er verpasste nichts.

»Was ist los mit dir?«, fragte der Vater gutmütig. »Geht’s dir nicht gut?«

»Sie wollte heute Abend ins Kino gehen«, antwortete die Mutter, bevor Bente ihre Version anbringen konnte.

»Wenn die Regeln so engstirnig befolgt werden müssen, bewirken sie genau das Gegenteil«, sagte Bente. »Ab und zu gibt es wichtigere Dinge.«

»Wie ins Kino zu gehen?«, fragte der Vater und versuchte so gut er konnte, witzig zu sein.

»Das ist ein verdammt guter Film.«

»In diesem Haus wird nicht geflucht«, warf die Mutter rasch ein.

»Man darf doch wohl noch seine Meinung sagen«, antwortete Bente wütend.

»Den Film kannst du doch auch an einem anderen Abend sehen«, wandte der Vater ein.

»Aber alle anderen sind heute Abend da«, beharrte Bente. Dass sie das nicht begreifen wollten!

Die Mutter öffnete die Tür vom Backofen, und der Geruch von überbackenen Broten wehte zu ihnen. Bente merkte, dass sie trotzdem ein bisschen hungrig war. Ein paar Extrakalorien waren bestimmt nicht so schlimm. Dann ließ sie lieber das Schulbrot am nächsten Tag weg. Ehe sie sich versah, hatte sie die beiden Brote gegessen, die ihr zugedacht waren.

»Gibt es etwas, was dich zurzeit bedrückt?«, fragte der Vater, nachdem sie fertig gegessen hatten.

Zeit für die Gesprächsrunde, dachte Bente. »Nur, dass ich nicht über mich selbst bestimmen darf«, sagte sie, stand auf und ging in ihr Zimmer.

Kari-Marie rief um Viertel nach elf an. Da saß sie im Bus und war auf dem Nachhauseweg.

»Cooler Film«, sagte sie. »Richtig unheimlich … ein Mädchen wurde gefangen gehalten …«

»Aha«, sagte Bente. Sie war nicht so sehr am Film interessiert.

»Was habt ihr danach gemacht?«

»Nichts Besonderes. Wir waren beim Kiosk und haben ein paar Süßigkeiten gekauft und die Video-Regale durchgesehen. Dann sind wir zur Haltestelle gegangen und haben auf den Bus gewartet.«

»Was du da von Jonna gesagt hast …?«

»Er hat nach dir gefragt. Ich hab mich erkundigt, ob er immer noch an dir interessiert ist, und er hat ja gesagt.«

»Aber ich bin nicht mehr an ihm interessiert.«

»Ist mir schon klar. Aber ich weiß nicht, wie ernst du es meinst.«

»Sehr ernst.«

»Stian war auch da.«

»Hast du mit ihm gesprochen?«, fragte Bente, während ihr Herz schneller schlug. Sie versuchte, nicht zu interessiert zu scheinen. Kami könnte misstrauisch werden.

»Er geht mir irgendwie aus dem Weg. Ich weiß nicht … ist mir aber auch egal.« Kami war ein paar Sekunden lang still. Dann sagte sie im Flüsterton: »Jetzt habe ich mehr Interesse an einem coolen Typen hier im Bus.«

»Kennst du ihn?«

»Nein, hab ihn noch nie gesehen. Dunkle, kurze Haare. Gut aussehender Typ. Etwas älter als wir. Ich hab gemerkt, dass er mich mehrmals angesehen hat.«

»Geh zu ihm und red mit ihm.«

»Bist du bescheuert?«

»Aber was du gesagt hast … Heißt das, dass mit Stian Schluss ist?«

»Time will show«, antwortete Kami abweisend. Ihre Stimme war ein paar Sekunden lang nicht zu hören. »Aber du …«

Bentes Herz machte einen kleinen Sprung, sie fürchtete sich vor dem, was kommen würde. Vielleicht wusste es Kami doch?

»Der Akku ist bald leer«, sagte Kami. »Jetzt sieht er übrigens zu mir her … der Typ. Ich rufe dich an, wenn ich aussteige. Hoffentlich reicht der Akku.«

»Okay«, sagte Bente und legte auf. Sie war erleichtert.

Sie telefonierten oft, wenn eine von ihnen allein im Dunkeln unterwegs war. Das nahm etwas die Angst und verscheuchte vielleicht eventuelle Vergewaltiger. Um von der Bushaltestelle nach Hause zu kommen, musste Kari-Marie durch eine Gegend, in der keine Häuser standen.

Zehn Minuten später ließ sich der melodische Klingelton wieder vernehmen.

»Hei«, sagte Kami außer Atem. »Jetzt bin ich auf dem Heimweg. Der Typ ist auch ausgestiegen. Er geht genau vor mir. Militärjacke und Boots. Ein erwachsener Mann ist auch ausgestiegen, aber den sehe ich jetzt gerade nicht. Vielleicht ist er hinter mir. Personenbeschreibung: Langer, dunkler Mantel. Kurze Haare. In den 30ern, vielleicht.« Durch das schnelle Gehen war ihre Stimme abgehackt. »Und was hast du heute Abend gemacht?«

»Das gewöhnliche Mittwochsprogramm«, seufzte Bente. »Lauter langweilige Sachen. Überbackene Brote … die waren übrigens gut.«

»Ich wünschte mir, Liv würde zwischendurch mal was Gutes machen.«

»Deine Mutter ist doch okay.«

»Aber sie hat nie Zeit, es mal gemütlich zu machen.« Kami war außer Atem, als ob sie schneller ginge. »Und sonst? Hast du mit Ingrid gesprochen?«

»War sie nicht mit im Kino?«

»Hast du vergessen, dass sie zum vierzigsten Geburtstag von ihrer Tante musste? Sie hat sich sicher zu Tode gelangweilt.«

»Hab ich nicht dran gedacht«, sagte Bente. Das stimmte nicht: Sie hatte schon an Ingrid gedacht. Das Problem war nur, dass sie zurzeit nicht gerade gut auf sie zu sprechen war. Das hatte sie Kami nicht erzählt.

Aber jetzt wurde die Verbindung durch ein seltsames Rauschen gestört. Danach hörte sie schwach die Stimme von Kami: »Hei. Ich spreche gerade mit einer Freundin.« Eine Männerstimme sagte etwas, was Bente nicht verstand. Kami antwortete: »Was?« Und danach: »Wart mal.«

Plötzlich hörte Bente ein dumpfes Geräusch, als ob das Handy auf den Boden gefallen wäre. Die Verbindung war unterbrochen.

»Hallo?«, sagte Bente, bekam aber keine Antwort. Dann ist wohl der Akku leer, dachte sie. Trotzdem rief sie noch mal an, erhielt aber nur die Ansage, dass der gewünschte Gesprächspartner zurzeit nicht erreichbar sei. Kami wird anrufen, sobald sie zu Hause ist, dachte Bente und blätterte in der Zeitschrift, während sie wartete.

Nach zwanzig Minuten versuchte sie wieder, die Freundin zu erreichen.

Niemand ging ran. Hatte sie sich einfach hingelegt, ohne anzurufen? Das sah Kami gar nicht ähnlich. Bente wartete weitere zwanzig Minuten ab, bevor sie es wieder versuchte. Doch diejenige, die sich dann meldete, war Kamis Mutter, Liv Eiker. »Ich bin gerade erst zur Tür reingekommen«, sagte sie. »Ich denke, Kari-Marie ist in ihrem Zimmer. Es ist ja fast zwölf Uhr. Sie schläft sicher schon.«

»Kannst du bitte nachsehen?«, bat Bente.

»Natürlich«, sagte Liv unsicher.

Bente sagte nichts weiter, und Liv legte auf. Ein paar Minuten später rief sie wieder zurück: »Nein, sie ist nicht da. Und ich sehe auch ihre Jacke nicht. Normalerweise ist sie sonst nicht mehr so spät unterwegs, jedenfalls nicht an einem Mittwochabend.« Sorge lag in ihrer Stimme. »Sie muss ja morgen wieder in die Schule.«

»Ich habe vor ungefähr einer Stunde mit ihr gesprochen«, sagte Bente, während sich etwas in ihr zusammenschnürte. »Da war sie aus dem Bus gestiegen. Sie müsste längst zu Hause sein.«

»Was sagst du da?«, fragte Liv mit zitternder Stimme.

Bente versuchte, die passenden Worte zu finden, um zu erklären, was sie wusste.

2

Der ganze Schulhof war wie ein summender Bienenstock. Die Schüler schwirrten außerhalb des niedrigen, grauen Steingebäudes hin und her. Alle redeten nur über eine Sache: Kari-Marie Eiker war verschwunden!

Bente bekam kaum etwas davon mit, was um sie herum geschah. Alles war unwirklich. Ein Gedanke schoss ihr die ganze Zeit durch den Kopf: Was war mit Kami geschehen? Bilder tauchten auf, die sie nicht sehen wollte. Kami im Schnee. Kami mit einem unbekannten Mann über sich. Es war wie ein böser Traum. Und sie selbst hatte zu spät reagiert.

Die Mitschüler umringten sie. Nachdem sie ein paar Mal das letzte Gespräch mit Kami wiedergegeben hatte, konnte sie nicht mehr. Sie zog sich in das Büro der Rektorin zurück. Dort wollte die Polizei noch einmal mit ihr sprechen. Im Büro saßen auch alle, die am Abend zuvor mit ins Kino gegangen waren. Sie hatten wenig Neues hinzuzufügen. Die Berichte waren alle gleich und endeten an der Bushaltestelle ungefähr um halb elf.

Die Polizei hatte um halb eins in derselben Nacht bei Bente angerufen und ihre ganze Familie aufgeweckt. Kari-Marie war als vermisst gemeldet worden, und Liv Eiker hatte der Polizei mitgeteilt, was Bente ihr erzählt hatte. Danach war an Schlaf nicht mehr zu denken. Der Vater blieb bis drei Uhr mit ihr auf. Dann rief Liv an und sagte, dass sie nichts Neues zu erzählen hätte, und ihr Vater meinte, dass sie versuchen sollten, ein bisschen zu schlafen. Das war leichter gesagt als getan. Bente war schon wieder aufgestanden, bevor es hell wurde, und wartete auf den nächsten Anruf. Der war jedoch auch nicht erfreulicher.

Unter den Polizisten war auch eine Frau. Ziemlich jung für eine Polizistin, dachte Bente. Wohl nicht älter als fünfundzwanzig. Die schwarze Uniform war die gleiche wie bei den anderen. Ihre Haare waren hellblond und lockig. Sie war nicht gerade schlank. Sie kam zu Bente herüber.

»Ich heiße Mona«, sagte sie freundlich. »Ich möchte gerne ein wenig mehr mit dir reden, Bente. Aber ich habe mir gedacht, dass wir besser in ein anderes Zimmer gehen. Wir können das Büro nebenan nehmen.«

Bente fand das in Ordnung. Zusammen mit der Polizistin trottete sie ins nächste Büro.

»Bist du sicher, dass Kari-Marie auf dem Nachhauseweg war, als sie dich anrief?«

Diese Frage hatte sie nicht erwartet. Bente war fast ein bisschen beleidigt. Glaubte die Polizistin etwa, dass sie gelogen hatte?

»Das habe ich doch gesagt. Sie rief zuerst vom Bus aus an und dann zehn Minuten später, nachdem sie ausgestiegen war.« Bente war es leid, das wieder und wieder erklären zu müssen.

»Wir haben mit dem Busfahrer gesprochen. Er meint, dass Kari-Marie ein paar Bushaltestellen vor ihrer Haltestelle ausgestiegen sei.« Mona sah Bente misstrauisch an.

»Aber warum sollte sie vorher aussteigen?«

»Das fragen wir uns auch.«

Bentes Gedanken kreisten wild in ihrem Kopf. Sie verstand nicht, was die Polizei vermutete. Sie blickte sich in dem kümmerlichen Büro um. Überall Papiere und Bücher. Der Schreibtisch, das Buchregal, die Schrift an der Tafel. Ein Landschaftsbild war das Einzige, was davon abstach.

Mona fragte weiter: »Und du bist dir sicher, dass sie den jungen Mann nicht kannte, der mit ihr ausgestiegen ist?«

»Das hätte sie mir doch erzählt, wenn sie ihn gekannt hätte, oder?«

»Die Personenbeschreibungen, die sie dir gegeben hat, stimmen mit denen des Busfahrers überein. Der Typ kann ihr gefolgt sein.«

Das Letzte sagte die Polizistin mehr zu sich selbst, bevor sie Bente wieder ansah. »Hast du auch nur die leiseste Ahnung, wer er sein könnte?«

Bente konnte nur mit dem Kopf schütteln. Durch das Fenster sah sie die Gestalten, die auf dem Schulhof herumschwirrten. Unruhig. Als ob alles aus den Fugen geraten sei. Eine fehlte dort.

»Könnte er ein Ausländer gewesen sein?«

»Kami, also Kari-Marie, hat nichts darüber gesagt«, sagte Bente. Sie musste sich zwingen, aufmerksam zu sein.

»Noch etwas, Bente. Bald wird es hier vor Journalisten wimmeln. Ich gebe dir den Rat, so wenig wie möglich zu sagen, wenn sie mit dir reden wollen. Es gibt so Vieles, was noch unsicher ist. Wenn sie dich bedrängen, kannst du antworten, dass du der Polizei alles gesagt hast, was du weißt.«

Als sie wieder in das andere Büro zurückkamen, sagte die Rektorin, dass sich Bente gerne den Rest des Tages frei nehmen könne. Sie müsse sich sicher ausruhen, meinte sie. Bente wusste nicht so recht, was sie eigentlich wollte, stimmte aber zu, als sie hörte, dass ihre Mutter kommen und sie abholen würde. Ein Mann mit einer Halbglatze saß neben der Rektorin und machte sich Notizen.

»Du bist also die Freundin, mit der Kari-Marie Eiker auf dem Nachhauseweg gesprochen hat?«, fragte er und war sehr an Bente interessiert. Er gab ihr einen schlaffen Händedruck. »Ich komme von der Lokalzeitung. Kann ich kurz mit dir reden, bevor du gehst?«

»Jetzt nicht«, sagte Bente, ohne Monas Blick zu begegnen.

»Es dauert wirklich nicht lange. Nur ein paar Fragen. Und ein kleines Foto.« Sein Lächeln war zuckersüß. »Ich verstehe, dass du einen harten Tag hattest«, sagte er verständnisvoll.

»Jetzt nicht«, sagte Bente nochmal und zog ihre Jacke an.

»Bente Vessel, ist das richtig?«, fragte er.

Sie hatte keine Ahnung, woher er den Namen wusste, konnte aber nichts anderes als ja auf die Frage antworten.

Der Rest der Journalisten erwartete sie auf dem Schulhof. Plötzlich wurde sie von allen Seiten bedrängt, als ob sie ein Popstar wäre. Alle wollten nur sie interviewen. Sie stellten sich als Mitarbeiter von Lokalzeitungen, Radiosendern und zwei lokalen Fernsehsendern vor. Sie sagte, dass sie der Polizei alles gesagt habe, was sie wusste, und jetzt nach Hause wolle. Aber die Journalisten gaben nicht auf. Ohne ganz zu verstehen, wie ihr geschah, gab sie kurze Antworten auf die Fragen. Aber sie hielt das nicht für ein Interview, deshalb war sie erschrocken, als der Mann mit der großen Kamera sie filmen wollte.

»Wo, glaubst du, ist Kari-Marie?«

»Weiß ich nicht.«

»Hat Kari-Marie gesagt, dass sie Angst hatte, als du gestern Abend mit ihr gesprochen hast?«

»Nicht direkt.«

»Kennst du sie gut?«

»Wir sind gute Freundinnen.«

»War das ein schlimmer Tag für dich?«

»Ja.«

»Der schlimmste Tag in deinem Leben?«

»Ja.«

»Hast du Angst, dass sie Opfer einer kriminellen Handlung geworden ist?«

»Ja.«

Plötzlich stand ihre Mutter da. Sie nahm sie entschlossen am Arm und führte sie weg.

»Ich denke, die Geier haben genug bekommen«, sagte sie auf dem Weg zum Auto. »Hoffentlich haben sie dich nicht ganz aufgefressen.«

3

Bente zog sich in ihr Zimmer zurück, um ihre Ruhe zu haben. Als Entschuldigung gab sie vor, schlafen zu müssen. Stattdessen lag sie einfach nur da und dachte nach. Sie wurde die lästigen Gedanken einfach nicht los. Hätte sie sofort Alarm geschlagen, nachdem der Anruf mit Kami unterbrochen worden war, hätte die Freundin vielleicht gerettet werden können. Doch wovor eigentlich gerettet?, fragte sie sich. Niemand konnte ihr zum Vorwurf machen, dass Kami verschwunden war, versuchte sie sich selbst zu überzeugen. War ihre Freundin an der falschen Haltestelle ausgestiegen? Wenn das stimmte, hatte Kami dann etwa gelogen? Warum? Gab es etwas, das Bente nicht wissen sollte? Oder bestand etwa nicht mehr dasselbe Vertrauen zwischen ihnen wie früher? Hatte Kami vielleicht auch angefangen, ihre eigenen Geheimnisse zu haben?

Um das schlechte Gewissen zu vertreiben, das sie plötzlich plagte, nahm Bente ihr Handy und wählte die Nummer von Martine. Doch das Handy war ausgeschaltet. Sollte sie Kamis Nummer versuchen? Sie wusste, dass die Polizei es mehrere Male versucht hatte, ohne Resultat.

Sie setzte sich im Bett auf und sah sich um. Ihr Zimmer war der einzige Ort, an dem sie selbst bestimmen durfte. Hier hatte sie alle ihre Sachen und konnte es sich schön machen. Die Wände waren voll mit Postern von Popstars, und auf den Regalen standen alle Dinge, an denen sie hing und mit denen sie schöne Erlebnisse verband. Die Barbiepuppen aus der Kindheit. Die Klassenfotos. Die Schubladen, die ein paar kleine Geheimnisse enthielten. Alles, was ihr etwas bedeutete. Am liebsten wäre sie für den Rest ihres Lebens in ihrem Zimmer geblieben.

Beim Piepen ihres Handys zuckte sie erschrocken zusammen.

Eine SMS: Hei! Bist du da?

Bente verschlug es fast den Atem. Die Nachricht war von Kamis Nummer gesendet worden!

Wer bist du?, schrieb sie zurück.

Es verging eine Weile, bevor sie die nächste SMS bekam: Warte auf neue Nachricht. Kann gerade nicht mehr schreiben. Erzähl niemandem davon. Ich vertraue dir. Sonst nichts.

War es wirklich Kami, die das geschrieben hatte? Wurde sie vielleicht irgendwo festgehalten und musste sich wegschleichen, um die SMS zu schreiben? Wurde sie von einem Vergewaltiger gefangen gehalten? Wurde sie gezwungen, die SMS zu schreiben? Seit der Sekunde, in der sie erfahren hatte, dass die Freundin verschwunden war, hatte ein Schreckensbild das andere abgelöst. Für den Fall, dass die SMS wirklich von Kami war, musste sie vorläufig tun, worum sie gebeten wurde. Hundert Prozent Vertrauen hatten sie sich viele Male versprochen. Sie hatten sich an den Händen gefasst und geschworen.

War es der Polizei nicht möglich, Leute aufzuspüren, deren Handy angeschaltet war? Bente glaubte sich zu erinnern, etwas darüber in einer Zeitschrift gelesen zu haben.

Zwei Stunden vergingen, ohne dass etwas geschah. In Bentes Phantasie war Kami gefesselt, wurde gefoltert und von unbekannten Männern vergewaltigt. Sollte sie das alles nicht doch melden?

Ihr Vater kam nach Hause und steckte seinen Kopf zur Tür herein, um sich zu erkundigen, wie es ihr ging. Außerdem war es Zeit fürs Abendessen. Bente merkte, dass das Ereignis ihr den Appetit verschlagen hatte. Zum Glück, denn ihre Mutter hatte Lasagne gemacht, und das war eines ihrer Lieblingsgerichte. Jetzt konnte sie wenigstens diese Kalorien sparen. Sven dagegen häufte sich gierig seinen Teller voll. Wenn er nicht gerade seinen Mund mit Essen voll hatte, redete er. Ließ sich über alle Details von Kari-Maries Verschwinden aus, die er aufgeschnappt hatte. Bente wusste viel mehr, aber dieses Wissen wollte sie selbstverständlich nicht mit ihrem kleinen Bruder teilen.

»Sie kann sich doch nicht einfach in Luft auflösen?«, versuchte er, Bente einen Kommentar zu entlocken.

Bente hatte keine Lust, darauf einzugehen.

»Es wird sicher alles gut«, sagte der Vater tröstend. »Bevor der Abend um ist, hat sich Kari-Marie sicher wieder eingefunden.«

Glaubst du selbst an das, was du sagst?, fragte Bente mit ihrem Blick. Aber sie sagte nichts.

Nach dem Abendessen meinte die Mutter, dass sie eigentlich zur Arbeit zurückfahren müsse, da sie noch eine Besprechung habe. Aber falls Bente es wollte, würde sie auch zu Hause bleiben.

»Ist Papa denn nicht zu Hause?«, fragte Bente. »Ich brauche doch keinen Babysitter.« Sie stand vom Tisch auf und wollte in ihr Zimmer gehen.

»Ich bleibe hier … falls du jemanden zum Reden brauchst«, bot der Vater sofort an.

Keine neue SMS. Bente legte sich wieder aufs Bett und starrte an die Decke. Jetzt musste sie doch bald mehr erfahren. Wie lange konnte sie noch warten, bis sie Bescheid sagen musste?

Sie erwachte plötzlich, weil es an ihre Tür klopfte. Sie musste also geschlafen haben.

»Ich fahre jetzt, aber ich komme nicht so spät zurück«, sagte die Mutter, die in der Tür stand.

»Ich war gerade eingeschlafen«, antwortete Bente und wünschte sich nur, in Ruhe gelassen zu werden.

»Entschuldigung. Möchtest du trotzdem, dass ich zu Hause bleibe?«

»Warum um alles in der Welt?«

»Nein, in Ordnung. Tschüs dann.« Die Mutter schloss die Tür leise hinter sich.

Genau in diesem Augenblick klingelte das Handy neben ihr. Bente griff schnell danach. Es war nur Martine, aber trotzdem besser als nichts.

»Etwas Neues?«, fragte Martine.

Bente verneinte. Nicht einmal Martine konnte sie von den rätselhaften SMS erzählen. Zumindest jetzt noch nicht. Auch die Information, dass Kami an der falschen Haltestelle ausgestiegen war, behielt sie für sich.

»Glaubst du, dass sie von dem Typen, der mit ihr gesprochen hat, gekidnappt wurde?«, fragte Martine.

»Oder es kann der andere Mann gewesen sein. Sie glaubte, dass er genau hinter ihr ging.«

»Aber er müsste doch dann ein Auto dort gehabt haben, oder?«

»Ich glaube, dass die Polizei die Umgebung gründlich abgesucht hat, ohne eine Spur zu finden.«

»Stell dir vor, er ist ein Vergewaltiger.«

»Uh, daran mag ich gar nicht denken.«

»Ich hoffe nur, dass sie am Leben ist.«

Bente dachte wieder an die SMS. Falls Kami sie wirklich geschrieben hatte, musste sie noch am Leben sein. Und wenn sie es nicht gewesen war …? War es dann jemand, der ihr Handy an sich genommen hatte? Der Täter womöglich? Der Bentes Nummer gefunden hatte. Sie war ja die Letzte, die Kami angerufen hatte.

»Du …«, Martine unterbrach ihre Gedanken. »Die Lokalnachrichten im Fernsehen fangen jetzt an. Die waren heute in der Schule und haben gefilmt, da gibt es sicher einen Bericht.«

Bente stand vom Bett auf und ging mit dem Handy in der Hand ins Wohnzimmer. Der Bericht begann mit einem selbstzufriedenen Sprecher, der erklärte, dass ein fünfzehnjähriges Mädchen spurlos verschwunden sei. Ein Foto von Kami füllte den Schirm. Es war unheimlich, sie zu sehen und nicht zu wissen, wo sie war.

Die Nachricht vom Verschwinden war der erste Beitrag. Das Foto von Kami wurde erneut gezeigt, während der Reporter über die rätselhaften Vorgänge berichtete. Dann zeigten sie Bilder von Schülern im Schulhof, während sie weiterredeten.

»Wir haben heute ein größeres Gebiet abgesucht«, gab der Polizist Auskunft, der auf dem Bildschirm erschienen war. Es war nicht Mona, aber der Mann, der mit ihr zusammen in der Schule gewesen war.

»Hat die Polizei Befürchtungen, dass es sich um eine kriminelle Straftat handelt?«, fragte der Reporter.

»Es ist zu früh, um darüber Aussagen zu treffen«, sagte der ernste Polizist.

»Aber man kann es auch nicht ausschließen?«

»Nein«, antwortete der Polizist, bevor er vom Bildschirm verschwand.

Plötzlich sah Bente sich selbst vom Schulgebäude Weggehen. Die Reporterstimme erzählte, dass eine Freundin die letzte Person gewesen war, die mit Kari-Marie Eiker vor ihrem Verschwinden gesprochen hatte. Bente hörte, dass er das Wort Handy erwähnte, und sah ein Bild von einer Hand mit Handy. Weder das Handy noch die Hand gehörten zu ihr. Dann war wieder sie zu sehen, diesmal näher. Sie sah ganz verwirrt aus, wie sie inmitten einer Traube von Schülern und Journalisten stand.

»Wir sind gute Freundinnen«, sagte sie im Fernsehen. Danach antwortete sie »ja« auf die Frage, ob es ein schlimmer Tag gewesen sei, ob es der schlimmste in ihrem Leben gewesen sei, und ob sie Angst hätte, dass Kari-Marie Opfer einer kriminellen Handlung geworden sei. Sie drehte den Kopf von einer Seite zur anderen und sah sowohl ängstlich als auch merkwürdig aus. Außerdem wirkte sie in der blauen Jacke dick. Das war ihr bisher nicht aufgefallen.

»Ich wusste nicht, dass es ein Interview war«, sagte sie erklärend zu ihrem Vater, als der Bericht endlich zu Ende war. »Sie haben mich gefilmt, ohne dass ich es wusste. Verdammte Scheiße.«

Er machte keine Bemerkung über das Fluchen, sondern sah sie nur bekümmert an.

»Ich werde auf jeden Fall die Jacke nicht mehr anziehen«, sagte sie bestimmt.

»Die Jacke?«, fragte der Vater verwundert. »Was hat die denn mit der Sache zu tun?«

»Ich sehe darin aus wie eine gestopfte Weihnachtsgans.«

»Bente«, sagte der Vater ernst. »Setz dich hin, damit wir ein bisschen reden können.« Er klopfte auf den Platz neben sich auf dem Sofa.

»Ich muss Martine wieder anrufen«, sagte sie. Sie hatten aufgelegt, als der Bericht über Kari-Marie anfing.

Aber Martine war schneller. »Hast du dich im Fernsehen gesehen?«, brüllte sie in Bentes Ohr.

»Ja, leider. Man könnte glauben, ich käme aus einer Institution für Geistesgestörte, gekleidet von der Heilsarmee.«

Martine lachte. »So schlimm war es doch nicht, oder?«

»Schlimmer«. Bente ging wieder in ihr Zimmer. Es war nicht nötig, den Vater mehr einzubeziehen als notwendig. Sie war allerdings noch nicht angekommen, als es an der Tür klingelte. Sie blieb im Flur stehen, während ihr Vater öffnete. Die Frau, die hereinkam, war Liv Eiker.

Kari-Maries Mutter war eine gut aussehende Frau. Sie hatte immer schicke Kleider an und eine moderne Frisur, die sich ein paar Mal im Jahr änderte. Bente hatte sie immer gemocht. Sie war die jüngste der Freundinnenmütter und sah noch jünger aus, als sie mit ihren fünfunddreißig Jahren war. Jetzt allerdings nicht. Jetzt war sie grau und verheult und sah mindestens wie vierzig aus. Sie wollte wissen, was Bente über Kami wusste.

»Ich fürchte, es gibt Dinge, die mir Kami nicht erzählt hat«, sagte sie.

»Was sollte das sein?«, war das Einzige, was Bente einfiel.

»War sie in letzter Zeit mit neuen Freunden zusammen?«

Bente fragte sich, was für eine Antwort Liv auf diese Frage erwartete.

»Nein«, sagte sie und erhielt einen forschenden Blick des Vaters.

»Einen Freund?«

»Soweit ich weiß, nicht.« Niemand würde Bente dazu bringen, etwas zu verraten.

»Kann sie in irgendeine Sache verwickelt gewesen sein? Drogen?«

»Kann ich mir nicht vorstellen. Das würde ich wissen.«

»Ich fand, sie war in letzter Zeit etwas verändert«, sagte Liv und wandte sich zu Bentes Vater. »Es war in gewisser Weise schwerer, mit ihr klarzukommen.«

»Aber glaubst du, dass ein Zusammenhang damit und mit ihrem Verschwinden besteht?«, fragte der Vater vorsichtig.

»Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll«, sagte Liv resigniert.

»Aber die Polizei fragt und fragt. Wir können nicht ausschließen, dass Kami freiwillig verschwunden ist, sagen sie. Sie haben mich mit allen diesen Fragen bombardiert. Ich weiß nicht mehr weiter.«

Sie legte die Hände vor das Gesicht und fing an zu weinen.

Bente wünschte sich, sie würde aufhören.

Der Vater schlug vor, Kaffee zu machen, und verschwand in der Küche.

»Wir hatten früher ein so vertrautes Verhältnis«, sagte Liv in die Luft.

»Das habt ihr doch jetzt auch noch«, sagte Bente, nur um etwas zu sagen.

Das Gespräch kam ins Stocken, bis ihr Vater zurückkam und die Stimmung entspannte. In der einen Hand hatte er eine Kaffeekanne und Tassen, deren Griffe er sich in jeweils einen Finger gehängt hatte. In der anderen Hand hielt er einen Teller mit aufgeschnittenem Napfkuchen.

»Wenn du auch etwas zu trinken haben möchtest, es ist noch Cola im Kühlschrank«, sagte er zu Bente.

Sie holte sich eine Cola und ließ sich wieder auf dem Sofa nieder, während sie darauf wartete, dass Liv ihren Kaffee austrank und ging. Sie fühlte sich jetzt ausgeschlossen und überflüssig. Liv redete nur mit ihrem Vater und sagte, dass sie und Kari-Marie in letzter Zeit ihre Probleme und Kämpfe miteinander gehabt hätten. Aber es sei auch nicht so einfach, alleinerziehende Mutter einer fünfzehnjährigen Tochter zu sein. Na ja, ganz alleine war sie ja nicht, aber sie fand, dass sich der Vater nicht wirklich kümmerte, er lebte in Nord-Norwegen und hatte dort eine neue Familie. Außerdem hatte sie unglaublich große Angst, was ihrer Tochter passiert sein könnte, dass sie nicht wagte, die schlimmsten Gedanken zu Ende zu denken. So gesehen wäre es fast besser, wenn sie freiwillig weggelaufen sei, doch es machte sie fast wahnsinnig, mit dieser Ungewissheit zu leben …

Die Stimmen summten und flossen zu einem Brei um Bente herum. Sie wollte am liebsten in ihr Zimmer gehen und Martine noch einmal anrufen. Aber sie konnte wohl schlecht einfach gehen? Eigentlich war Liv doch gekommen, um mit ihr zu reden, obwohl sie jetzt daran zweifelte.

Sie war auf ihrem Platz fast eingeschlafen, als Liv endlich aufstand, um zu gehen. Bente und ihr Vater brachten sie in den Flur, aber es war der Vater, der bis zu Tür ging und ihr in die Jacke half.

Liv Eiker bedankte sich immer wieder und sagte, dass es gut getan hätte, mit jemandem darüber zu reden. Bente stand ein paar Meter entfernt im engem Flur und sagte »Tschüs«.

»Du musst dich einfach melden, wenn du wieder mit jemandem reden willst«, sagte der Vater aufmunternd. Als sie ging, streichelte er ihr über den Rücken.

Musste das jetzt wirklich sein?, fragte sich Bente und schloss die Tür zu ihrem Zimmer.

4

Am nächsten Morgen kam eine neue SMS von Kamis Handy: Alles okay mit mir. Kein Wort zu den anderen. In Ordnung?

Bentes Herz hüpfte ihr bis zum Hals. Was ist passiert?, schrieb sie zurück. Sie war immer noch nicht sicher, ob Kami selbst diese Nachrichten schrieb oder eine andere Person, die Kami gefangen hielt. Sie nahm das Handy mit ins Bad, aber es kam keine Antwort.

Auf dem Küchentisch schrie die Titelseite der Zeitung ihr entgegen: Wo bist du, kari-marie?

Im Innenteil gab es einen größeren Artikel. Das Bild von Kari-Marie war dasselbe wie im Fernsehen. Es war letzten Sommer aufgenommen worden. Kami war leicht angezogen, das lange, helle Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, die großen Augen sahen direkt in die Kamera. Sie sah fröhlich aus.

Die Journalisten hatten die Polizei interviewt, die an allen Hinweisen aus der Bevölkerung interessiert war. Die Polizei hatte eine Suchaktion über ein größeres Gebiet organisiert. Der Artikel umfasste auch ein Interview mit der Direktorin, die beunruhigt war, und einigen Schülern, die sagten, dass sie Angst hätten und empört darüber waren, was passiert war. Ganz unten rechts gab es eine kleine Spalte, in der sie selbst zitiert wurde. Dasselbe ängstliche Gesicht wie im Fernsehen. Die Überschrift lautete: Ich firchte, dass etwas Kriminelles passiert ist.

»Du wirst die reinste Berühmtheit«, sagte Sven, in einem viel zu munteren Tonfall.

»Darüber macht man keine Witze«, wies sie ihn zurecht.

Ihr Frühstück bestand aus einem Glas fettarmer Milch und einem Knäckebrot, das sie ganz langsam aß, damit die anderen ihren Diätversuch nicht bemerkten. Danach versuchte sie, sich vom Tisch zu schleichen.

»Hast du dir ein Pausenbrot geschmiert?«, fragte die Mutter und hatte sie ertappt.

»Ich habe zurzeit kaum Appetit. Nachdem, was mit Kami passiert ist …«

»Wenn Dinge schwierig sind, ist es besonders wichtig zu essen. Ich mache dir eins, während du dich fertig machst.«

Die Mutter bot sich sonst nie für solche Dinge an, und Bente verstand, dass Ausnahmezustand im Hause herrschte.

»Die Polizei versucht ihr Bestes«, fügte die Mutter hinzu. »Es gibt nichts, was du tun kannst.«

Bente war sich bewusst, dass sie von den SMS erzählen sollte. Aber sie musste noch warten, bis sie weitere Nachrichten bekam.

»Ich weiß«, sagte sie und ging in ihr Zimmer, um den Rucksack zu packen. Immer noch keine weiteren Nachrichten.

In der Küche stand die Mutter mit dem Pausenbrot für sie in der Hand. Bente nahm es widerwillig entgegen und dachte, dass sie das Essen jederzeit in den Müll werfen könnte. Es war einfacher, es so zu machen, als eine Diskussion über die Sache anzufangen.

»Wir bleiben heute Abend alle zu Hause«, sagte die Mutter, als ob das ein Trost wäre.

»Ich nicht«, sagte Bente schnell, »ich hab doch erzählt, dass ich auf eine Party bei Gunn will.«

»Wollt ihr gerade jetzt eine Party machen?«, wunderte sich die Mutter, »nach dem, was passiert ist?«

»Gerade jetzt haben wir das Bedürfnis, zusammen zu sein«, sagte Bente kurz, »um uns auszusprechen.«

»Ihr könnt doch in der Schule sprechen. Nein, ich will nicht, dass du heute Abend weggehst.«

»Aber ich will es«, sagte Bente mit lauter Stimme.

»Dann musst du aber früh nach Hause kommen. Ich hole dich um zehn Uhr ab.«

»Zehn Uhr! Ich gehe doch nicht von einer Party um zehn Uhr nach Hause. Wir haben morgen frei, und die Winterferien fangen an.«

»Darüber wird nicht diskutiert«, sagte die Mutter streng. Das letzte Wort war gesprochen.

»Ich gehe doch nicht von einer Party um zehn Uhr nach Hause«, wiederholte Bente, bevor sie sich ihren Rucksack schnappte und aus der Tür des Reihenhauses marschierte. Warum wollten sie ihr das Leben noch schwerer machen, als es sowieso schon war? Sie hastete über die winterglatte Straße herunter zur Haltestelle, auch wenn es noch zehn kalte Minuten Wartezeit waren, bis der Bus kam.

Während sie an der Bushaltestelle stand, kam ein wohlbekanntes Geräusch aus ihrer Tasche. SMS von Kami, dachte sie.

Sind deine Beine müde? Du bist die ganze Nacht in meinen Gedanken herumgewandert.

Bente verstand nichts. Bis ihr aufging, dass die SMS von Jon-Arne kam. Ein Standard-Spruch, den er von anderen aufgeschnappt hatte, dachte sie sich. Sie war nicht in der Stimmung, um zu antworten. Aber es kam noch eine Nachricht vom selben Absender: How do U do? Sehe ich dich heute Abend?

Gehe auf eine Party, war das Einzige, das ihr zu antworten einfiel. Sie sah keinen Grund, ihm Näheres zu erzählen. Außerdem gab es gewisse andere, die sie auf der Party lieber sehen wollte. Stian würde sicher dort sein. Wie reagierte er wohl auf das Verschwinden von Kari-Marie? Sie musste mit ihm darüber sprechen. Und noch über ein paar andere Dinge.

Sie ärgerte sich, dass sie an jenem Abend mit Stian zusammen gewesen war. Auf jeden Fall ärgerte sie sich jetzt nachträglich darüber. Die ersten Tage danach war sie nur froh, selbst wenn das schlechte Gewissen an ihr nagte. Da hatte sie nur die wärmsten Augen der Welt vor sich gesehen und auf eine SMS von ihm gewartet.

Aber es war keine SMS gekommen. Und sie musste sich selbst eingestehen, dass sie etwas mit dem Freund ihrer besten Freundin gehabt hatte. Auch wenn es nur einen Abend war. Und selbst wenn Bente genauso lange in ihn verliebt gewesen war wie Kami. Sie entschuldigte sich selbst damit, dass sie nicht sicher gewesen sei, ob die beiden noch zusammen waren. Auch jetzt war sie sich immer noch unsicher darüber.

Trotzdem. Sie hatte die Freundschaft aufs Spiel gesetzt und die Freundinnenregel Nummer eins gebrochen: Halt dich vom Freund der Freundin fern! Hatte Kami Wind davon bekommen?

5

Zu Hause bei Gunn war es schon voll. Die meisten Leute waren aus der neunten Klasse, aber auch einige aus der zehnten und ein paar aus der Oberstufe. Die Eltern waren eigentlich fertig zum Wegfahren, versicherten sich aber noch ein paar Mal, dass Gunn alle Anweisungen verstanden hatte. Sie sagte ja und jaja und musste sie fast aus der Tür schieben.

Aus fünf flachen, ungeöffneten Pappkartons auf dem Küchentisch strömte ein appetitanregender Geruch. Daneben standen mehrere große Flaschen mit Mineralwasser. Sobald die Eltern außer Sicht waren, machten sich die Jugendlichen über die Pizzen her und stellten die Musik lauter. Die Party hatte begonnen. Zwei der Jungs holten die Bierflaschen raus, die sie reingeschmuggelt hatten, ein paar andere gingen raus, um größeren Nachschub zu holen, den sie draußen vor dem Haus versteckt hatten.

Kari-Marie war schnell Gesprächsstoff, und Bente wurde gefragt: »Hast du etwas Neues gehört?« Sie war ja diejenige, die zuletzt Kontakt mit der verschwundenen Freundin gehabt hatte.

»Nein«, antwortete sie. Bente hatte keine neue SMS bekommen, doch sie hatte beschlossen, Martine im Laufe des Abends in die Sache einzuweihen. Stian war nicht da. Sie brauchte nur einige Sekunden, bis sie das festgestellt hatte.

»Die Polizei wird bestimmt den Computer von Kami und ihrer Mutter durchsuchen, um zu sehen, ob sie die letzten Tage vor ihrem Verschwinden in Kontakt mit jemand Unbekanntem gewesen ist«, sagte Benjamin. »Sie haben wohl den starken Verdacht, dass sie freiwillig verschwunden ist.«

»Es ist schon verdächtig, dass sie an der falschen Haltestelle ausgestiegen ist«, sagte ein anderer.

Bente konnte nur feststellen, dass jetzt alle wussten, was sie für sich behalten hatte, nachdem Mona von der Polizei es ihr erzählt hatte.

Jon-Arne ließ sich auf einen Stuhl neben ihr plumpsen.

»Muss krass für dich sein«, sagte er.

»Verdammt krass, um es direkt zu sagen«, antwortete sie.

»Ich habe viel an dich gedacht, seitdem es passiert ist.« Er sah sie intensiv an. »Wir können gerne darüber reden«, fügte er hinzu.

Bente fühlte sich, als ob sie mit ihren Eltern zusammensäße. Es war in Ordnung, dass Jonna an ihr interessiert war, aber er hätte es auf eine etwas spannendere Art zeigen können. Sie hatte überhaupt keine Lust, sich mit ihm zu unterhalten, weshalb sie sich nur halbherzig am Gespräch beteiligte und sich gleichzeitig im Zimmer umsah.

Plötzlich war er da. Er musste gerade gekommen sein, ohne dass sie ihn bemerkt hatte. Jetzt stand er in der Türöffnung der Küche mit einem Pizzastück in der einen Hand und einer Flasche Bier in der anderen. Bente fragte sich, wie sie ihn dazu bringen sollte, dass er auf sie aufmerksam wurde. »Ich glaub, ich will noch Pizza«, erklärte sie und stand vom Sofa auf, wo Jonnas Arm auf der Rücklehne lag.

»Hallo«, sagte sie, als sie an Stian in der Türöffnung vorbeiging.

»Ist noch Pizza da?«

Er wandte den Kopf zur Küche. »Sieht so aus«, sagte er, ohne besonderes Interesse zu zeigen.

Sie hätte gerne etwas zu ihm gesagt. Über Kami. Oder über andere Dinge, damit sie ins Gespräch kämen. Jetzt verhielt er sich so, als ob sie sich fast nicht kannten. Hatte er Angst? Gerade jetzt brauchte sie wirklich jemanden, mit dem sie reden konnte. Nicht Jonna. Stian wirkte so klug und viel erwachsener als die anderen, die sie aus der zehnten Klasse kannte.

Bente ging in die Küche. Ein Junge und ein Mädchen aus der Parallelklasse waren intensiv miteinander beschäftigt. Von den fünf großen Pizzen waren nur noch halbtrockene Außenstückchen übrig. Auch gut, denn sie hatte mehr als genug gegessen. Jetzt blieb sie stehen in der Hoffnung, dass Stian nachkommen würde. In einer ruhigen Minute könnte sie mit ihm über Kami sprechen. Sie könnten ein Eckchen für sich alleine finden, wo sie von ihren beunruhigenden Gedanken erzählen und sich von ihm trösten lassen konnte. Aber als sie zu ihm hinsah, um Augenkontakt herzustellen, stand er nicht mehr da.

Sie ging direkt durch das große Wohnzimmer ins Badezimmer. Es war warm, und feuchte Duschluft lag noch im Zimmer. Im Spiegel begegnete sie sich selbst. Mit der rechten Hand fuhr sie sich durch ihr langes, dunkles Haar. Ihre Haare waren im Moment das Einzige, womit sie soweit zufrieden war. Mit Ausnahme vielleicht vom Pony. Im letzten halben Jahr hatte sie ihn fast ganz kurz geschnitten. Jetzt fing sie an, es zu bereuen, er gab ihr ohne Zweifel ein kindlicheres Aussehen als notwenig. Das Bild von einem Model in einer Zeitschrift hatte sie darauf gebracht, welcher Typ zu ihr passen würde. Das Model war ihr nicht so unähnlich, aber der Pony reichte ihr bis zu den Wimpern. Das ließ sie etwas geheimnisvoll aussehen. Bente beschloss, ihre Augen auch etwas mehr zu schminken. Einen Blick schminken, dem sich niemand entziehen konnte, von dem man gefangen wurde. Bisher war sie damit vorsichtig gewesen, nur ein bisschen Wimperntusche. Jetzt bekam sie plötzlich Lust, mutiger zu werden. Vielleicht konnte sie hier im Bad etwas finden?

Bevor sie darüber nachdachte, was sie tat, hatte sie die kleinen Schranktüren über dem Waschbecken geöffnet. Das Regal in dem einen Schrank war mit Pflaster, Salben und Tabletten gefüllt. Aber der Schrank auf der anderen Seite enthielt das, wonach sie suchte. Unter anderem einen Kajalstift. Ohne zu zögern umrahmte sie ihre Augen. Das Resultat entsprach nicht ganz ihren Erwartungen, was sie unsicher machte. Das war nicht die alte Bente. Eher eine neue Ausgabe. Eine andere Bente. Sollte sie als solche raus zu den anderen gehen? Hatten die letzten dramatischen Tage sie reif gemacht für so eine Veränderung?

»Ja«, beschloss sie für sich und nickte dem Spiegelbild zu, bevor sie den Schlüssel umdrehte und rausging.

Der starke Blick, der die Leute gefangen halten sollte, flackerte im Zimmer herum. Das Licht war gedämpft. Einige hatten angefangen zu tanzen. Sie bemerkte, dass Stian neben Ingrid saß, und Jon-Arne war zusammen mit Gunn auf der Tanzfläche. Sie musste Martine finden. Plötzlich war es ihr sehr wichtig, sich an einen ruhigen Ort zurückzuziehen und abladen zu können, was ihr Gewissen belastete.

Bente nahm Martine mit sich in Gunns Zimmer. Es war ziemlich aufgeräumt und schön, sogar das Bett war gemacht. Abgesehen davon war es ihrem Zimmer nicht unähnlich. Bente vermutete, dass Gunn strikte Anweisungen bekommen hatte, dass das Zimmer ordentlich aussehen musste, bevor sie eine Party geben durfte. Ihre Eltern waren bestimmt genauso wie gewisse andere.

»Ist etwas passiert?«, fragte Martine gespannt, als sie sich hingesetzt hatten.

Bente machte eine Kunstpause, bevor sie mahnend sagte:

»Du musst versprechen, dass du das keiner Menschenseele erzählen wirst.«

»Ehrenwort.«

»Ich habe Nachrichten von Kamis Handy bekommen«, flüsterte sie.

»Was?!«, platzte Martine heraus, bevor sie Bente erwartungsvoll und verwirrt ansah.

»Sie hat eine SMS geschrieben, dass alles mit ihr okay ist. Doch mit strikter Anweisung, dass ich mit niemandem darüber reden darf.«

»Mit anderen Worten … sie ist also abgehauen.« Martine sah aus wie gelähmt. »Und jetzt will sie nicht, dass sie sie finden.«

»Wenn ich das wirklich wüsste. Aber das Schlimmste ist, dass ich nicht weiß, ob sie selbst es war, die die SMS geschickt hat. Oder ob sie gefangen gehalten wird von Leuten, die ihr Handy benutzen.«

Martines Mund öffnete sich und saugte hörbar Luft ein. »Oh, stell dir vor … wenn sie hilflos eingesperrt ist von einem, der SMS von ihrem Handy verschickt, dass alles mit ihr in Ordnung ist.«

Sie sah verstört zu Bente. »Was machst du jetzt?«

Genau das wusste Bente auch nicht. Plötzlich fühlte sie sich verzweifelter als jemals zuvor. Martine konnte ihr ebenfalls keinen guten Rat geben.

»Es ist falsch, egal, was ich mache«, sagte Bente und hatte das Bedürfnis zu weinen. »Wenn es wirklich Kami ist, die schreibt, dann kann ich ihr ja nicht alles kaputt machen, indem ich der Polizei davon erzähle. Aber wenn Kami irgendwo gefangen gehalten wird, dann muss die Polizei davon erfahren.« Ihre Stimme erstickte, Tränen stiegen ihr in die Augen, aber sie konnte wegen der Schminke nicht weinen.

Martine war still. Es sah aus, als würde sie versuchen, einen guten Rat zu finden. Und das tat sie auch: »Du kannst ja nach etwas fragen, was nur Kami weiß. Etwas, was ein Unbekannter nicht erraten könnte.«

Die Idee war zwar gut, aber gerade jetzt fiel keiner von beiden eine gute Frage ein. Es durfte auch nicht zu offensichtlich nach einem Test aussehen. Sie machten ein paar Vorschläge, aber keiner war gut genug, um eine Nachricht zu versenden.

Im Wohnzimmer waren noch ein paar weitere Lampen ausgemacht worden, sodass das Tanzen im Halbdunkel vor sich ging. Bente nahm Stian und Ingrid auf der Tanzfläche wahr. Eine Perle schimmerte an Ingrids Nabel. Sie war so dünn in der Hüfthose und dem kleinen, weitausgeschnittenen Top darüber. Bente fühlte regelrecht, wie die Pizzastücke durch ihren Körper sickerten. Sie hatte niemandem erzählt, was zwischen ihr und Ingrid vor ein paar Wochen passiert war. Wenn sie daran dachte, war es ihr so peinlich, dass sie Bauchweh bekam.

»Tanzen?« Es war Jon-Arne, der dastand.

»Okay.« Bente ging ihm ohne große Begeisterung nach. Sie hatte ihr coolstes Top an, das sie Kami abgekauft hatte. Deshalb hatte sie die Jacke ausgezogen, damit die anderen es sehen konnten. Niemand hatte bisher etwas gesagt.

»Hast du darüber nachgedacht, was Kami in der SMS geschrieben hat?«

Sie schrak zusammen. »Was meinst du?«

»Hat sie dir keine Nachricht aus dem Kino geschickt?«

»Über was denn?«, fragte sie und spürte ihr Herz heftig schlagen, als er die SMS erwähnte. Sofort hatte sie geglaubt, dass er von den geheimen SMS Wind bekommen hatte.

»Über uns.«

»Ach das«, sagte sie und verstand, was er meinte. »Nach dem Abend hatte ich nichts anderes als das Verschwinden von Kami im Kopf.« Auf diese Weise umging sie seine Frage.

»Das kann ich gut verstehen«, sagte er samtweich. »Aber was glaubst du?«

»Ich kann jetzt nicht an solche Dinge denken. Sorry«, sagte sie in einem bittenden Tonfall.

»In Ordnung«, sagte er und umfasste sie, um eng mit ihr zu tanzen.

Während die Musik wechselte, zog er sie in eine Ecke, um sie zu küssen. Sie war unsicher, wie sie darauf reagieren sollte. In der Zeit, als sie zusammen waren, war es ganz selbstverständlich gewesen. Jetzt dachte sie nur an das, was ihr Ingrid nach der letzten Party gesagt hatte. Da wollte sie mit Bente knutschen. Bente fand es in Ordnung, schließlich war sie gerade mit niemandem zusammen. Sie hatten sich lange geküsst, aber danach meinte Ingrid, Bente sei nicht richtig gut gewesen.

»Soll ich dir ein paar Tricks beibringen?«, hatte Ingrid gefragt, als ob es das erste Mal gewesen wäre, dass Bente küsste. Am Tag darauf bekam sie zu Ohren, dass Ingrid rumging und erzählte, dass sie bei ihr einen Küsskurs belegt hatte. Vielleicht hatte Ingrid das ja auch Stian erzählt, an dem sie heute Abend wie eine Klette hing.

»Es klingelt an der Tür«, hörte sie jemanden sagen.

»Mach die Musik leiser«, sagte die Gastgeberin vom anderen Ende des Zimmers und ging in den Flur. Nach kurzer Zeit kam sie zurück.

»Bente! Deine Mutter ist hier und fragt nach dir«, sagte sie so laut, dass die meisten im Zimmer es hörten.

Bente riss sich von Jon-Arne los und ging in das Zimmer, in dem alle Jacken auf einem Sofa lagen. Sie musste sich so schnell wie möglich rausschleichen. Aber es war bereits zu spät. Plötzlich stand die Mutter im Wohnzimmer wie ein Eindringling. In ihrem dunkelgrünen hoffnungslosen Mantel. Sie wirkte so fehlplatziert, dass Bente Lust hatte, sich in Luft aufzulösen.

»Ich nehme an, dass die Party nicht mehr so lange gehen wird«, hörte sie die Mutter zu Gunn sagen. »Es kommen wohl bald auch andere Eltern, um ihre Kinder abzuholen«, fügte sie hinzu wie ein Prachtexemplar einer Supermami.

Bente kochte innerlich, aber sie wollte schnell raus, bevor sich die Mutter noch lächerlicher machte. Die Dunkelheit draußen nahm sie auf und versteckte sie, machte sie unsichtbar.

»Es ist erst halb elf«, sagte Bente wütend, als sie die Autotüren geschlossen hatten. »Ich habe doch gesagt, dass ich nicht so früh nach Hause wollte.«

»Wir hatten uns darauf geeinigt, dass ich dich gegen zehn Uhr holen sollte.«

»Nein, wir haben uns überhaupt nicht darauf geeinigt. Aber ich darf eh nie was dazu sagen. Ich darf überhaupt nichts in meinem Leben bestimmen.«

»Red jetzt keinen Unsinn«, sagte die Mutter resolut. »Du musst doch verstehen, dass wir Angst um dich haben.«

»Deshalb müsst ihr mein Leben aber nicht zum Gefängnis machen.«

»Jetzt wirst du ungerecht.« Die Mutter steckte den Schlüssel ins Zündschloss. Dann drehte sie sich um und sah Bente mit einem forschenden Blick an. »Lass dich mal ansehen«, sagte sie und machte die Innenbeleuchtung an. »Was hast du denn mit deinen Augen gemacht?« Und dann lächelnd: »Ich dachte, ihr seid zu groß, um Karneval zu spielen.« Jetzt fing sie an zu lachen. »Entschuldigung, aber es sieht so komisch aus.« Dann drehte sie sich nach vorne um und ließ das Auto an.

Bente wollte etwas Gemeines sagen, schaffte es aber, den Mund zu halten. Es würde auf jeden Fall lange dauern, bis sie mit ihrer Mutter wieder versöhnt wäre.

Als sie nach Hause kamen, ging sie direkt in ihr Zimmer. Sie weigerte sich, mit den anderen zusammen im Wohnzimmer zu sitzen, egal, mit was sie lockten. Wenigstens den Rest des Abends wollte sie alleine bestimmen. Sie bemerkte sofort, dass eine neue SMS von Kami gekommen war.

Doch bevor sie es schaffte, die Nachricht zu lesen, war ihre Mutter an der Tür.

»Ich finde, du solltest reinkommen und mit uns anderen zusammensitzen, bevor wir uns hinlegen«, sagte sie streng.

»Das finde ich nicht«, antwortete Bente trotzig. Sie sah keinen Grund, ihren Ärger zurückzuhalten.

»Du brauchst nicht frech zu werden. Du weißt, dass wir dein Bestes wollen.« Kurz darauf fügte sie hinzu: »Übrigens das Oberteil da …« Sie nickte zu Bente, »woher hast du das? Ich habe es beim Trocknen im Bad gesehen.«

»Na und?« Bente hatte keine Lust zu erklären, dass sie es von Kami gekauft hatte, weil die Freundin Geld brauchte.

»Das ist eine teure Marke«, stellte die Mutter fest.

Bente wusste das natürlich, deshalb war es unnötig, etwas dazu zu sagen.

»Du hast normalerweise nicht so teure Markenklamotten an. Darf man fragen, was es gekostet hat?«

»Ich habe es von Kami geliehen«, sagte sie, um in Ruhe gelassen zu werden. Das war im Grunde eine Sache, die die Mutter nichts anging.

»Kommst du?«, fragte die Mutter abschließend.

»Nein.«

Ihre Mutter gab auf, und Bente konnte die Nachricht von Kami lesen.

Habe viel zu erzählen. Wenn ich dir eine E-Mail schreibe, muss ich sicher sein können, dass niemand anderes sie sieht. Kann ich das?

Bente antwortete: Wenn wir einen Zeitpunkt ausmachen, kann ich alleine am Computer sitzen. Kannst du nicht anrufen? Ich Muss mit dir sprechen. Wichtig!, schrieb sie zurück.

Kann jetzt nicht. Schick eine SMS, wenn du alleine am PC bist. Kuss KM.

Damit war der Kontakt für dieses Mal beendet. Aber Bente blieb ein paar Stunden liegen, ohne einschlafen zu können. Die Gedanken, was mit der Freundin passiert sein mochte, mischten sich mit den Eindrücken des Abends. Ihre Mutter, die bei der Party aufmarschiert war, um sie abzuholen. Stian und Ingrid. Ein missglückter Abend.

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