Kitabı oku: «Rue du Pardon»

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Mahi Binebine
Rue du Pardon
Roman
Aus dem Französischen von Christiane Kayser

Der Autor
Mahi Binebine, geboren 1959 in Marrakesch (Marokko). Studium der Mathematik in Paris. Lehrer. Hinwendung zur Literatur und Malerei. Heute gilt er als bekanntester Maler Marokkos, seine Bilder hängen u.a. im New Yorker Guggenheim-Museum. Sein umfangreiches schriftstellerisches Werk wurde in verschiedene Sprachen übersetzt und u.a. mit dem Prix de l’Amitié Franco-Arabe ausgezeichnet. Nach Jahren in Frankreich und den USA lebt Mahi Binebine seit 2002 wieder in Marrakesch. www.mahibinebine.com.
Die Übersetzerin
Christiane Kayser, geboren 1954 in Esch-sur-Alzette, Luxemburg, übersetzt aus dem Französischen, u. a. Tahar Ben Jelloun, Jean Vautrin, Tonino Benacquista, Boualem Sansal und Fouad Laroui. Sie lebt teils in Berlin und teils in einem Dorf südlich von Toulouse. Sie engagiert sich ausserdem seit vielen Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit in verschiedenen Ländern Afrikas. Mitgründung des Pole Institute in Goma, D. R. Kongo, Begleitung der Afrikaarbeit des Zivilen Friedensdienstes beim Evangelischen Entwicklungsdienst (EED), später Brot für die Welt. Sie ist Mitherausgeberin des Mapinduzi Journal und der Reihe Building Peace / Construire la Paix.
Titel der französischen Originalausgabe:
Rue du Pardon
Copyright © 2019 by Editions Stock
E-Book-Ausgabe 2021
Copyright © der deutschen Übersetzung
2021 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Coverfoto: Gabriel Boisdron
eISBN 978 3 85787 987 6
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Für Abdellah, der zu früh von uns gegangen ist
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
1
Mit meiner Dreikäsehöhe balancierte ich auf einem wackligen Hocker vor dem Spiegel im Bad und erhaschte einen Blick auf den Anflug von Augenbrauen, den oberen Teil meiner Stirn und den Gummi, der meine widerspenstigen Locken bändigte. Ausserhalb meines Sichtfelds wucherte meine dichte Wildfangmähne, die meine Mutter verabscheute. Sobald ich mich ihr näherte, bewegte sich ihre Hand wie von einem Magneten angezogen zu der wilden Mähne, den Glutbüscheln, die sie vergeblich zu glätten versuchte. Was wie Zärtlichkeit wirkte, war in Wahrheit der tägliche Kampf meiner Erzeugerin gegen die natürliche Unordnung der Dinge. Doch die starrköpfige und eigensinnige Natur behauptete immer wieder ihr Recht. Sobald ich aus dem Haus trat, entledigte ich mich meines Stirnbands und wurde wieder zum kleinen, molligen Wuschelkopf aus der Rue du Pardon. Ich habe mich oft gefragt, warum meine Mutter sich so sehr an meinem Haar störte. Sah sie einen Fluch darin? Die Vorboten meiner künftigen Verdammnis? Vielleicht. Jedenfalls sah sie mich an wie eine Ausserirdische von einem unbekannten Planeten, die hier gestrandet ist. Sie konnte noch so viel unter ihren Vorfahren wie denen meines Vaters nachforschen, sie fand nicht den Hauch eines Ahnen, von dem ich einen solchen Wuschelkopf geerbt haben könnte, der noch dazu blond war!
Ich meinerseits fühlte mich ebenfalls nicht zu diesem Stamm zugehörig, in den ich hineingeboren worden war und bei dem ich eine schwierige und bedrückende Kindheit durchlebt hatte. Abgesehen vom gewalttätigen und heimtückischen Charakter meiner Eltern war ihre Welt stumpf, trist, phantasielos und tödlich langweilig. Der einzige heitere Tupfer in meiner Umgebung bestand in den mit Goldfaden auf einen Gebetsteppich gestickten Koransprüchen an der Wand des Wohnzimmers. Noch bevor ich lesen lernte, liebte ich es bereits, meine Pupillen durch die auf dem samtenen Hintergrund ineinander verschlungenen Arabesken zu verwirren. Der Rest wurde von der Farbe Grau bestimmt: Wände, Behänge, Gesichter, Mobiliar. Bis hin zum Fell der Katze. Ein verstaubtes Grau in allen Tönen der Depression. Passend zum Dekor herrschte bei uns von morgens bis abends düsteres Schweigen. Hätte Vater die Spatzen zum Schweigen bringen können, nichts hätte ihn davon abgehalten. Was Musikhören betraf, war nicht daran zu denken. Vater stellte das Radio nur zu den genauen Zeiten der Nachrichtensendungen an. Dann leierte eine tiefe Stimme monoton die Einzelheiten der glorreichen königlichen Taten herunter, wie immer gefolgt von einem Einheitsbrei aus Katastrophen, Kriegen und Schiffbrüchen.
Jedoch hatte ich mich – wie es Kinder so gut mit ihren Eltern können – an die Meinen angepasst, an die Dürftigkeit ihrer Empfindungen und an ihre Hässlichkeit. Durch eine geheimnisvolle Alchemie hatte ich eine Blase geschaffen, in die ich mich flüchtete, sobald die Umgebung toxisch wurde. Im Schutz meiner Blase liess ich mich vom Atem der Engel hinwegtragen. Es wird Sie überraschen, dass ein Schwarm als Schmetterlinge verkleideter Engel ein kleines Mädchen in seiner Luftblase hoch in den Himmel ziehen kann. Ich verstehe Ihr Erstaunen. Doch ich versichere Ihnen, genau wie ich Sie sehe, sah ich jene himmlischen Kreaturen auffliegen, beschwingt von den wunderbaren Geschichten, die mir Serghinia erzählte. Sie sagte, deren Mission auf Erden sei, den Weg für die Künstler zu bereiten.
Habe ich Ihnen eigentlich erklärt, dass ich eine Künstlerin bin?
Seit meiner frühesten Kindheit konnte ich die Sprache der Engel entziffern; deshalb verschaffte ich mir mit eigenen Mitteln Zutritt zum Reich der Träume und der Schmetterlinge. Ein bezauberndes und verzaubertes Reich aus Funken, Schauern, Lachgrübchen und allen Farben des Regenbogens. Inmitten der trockenen, strengen Starre meines Umfelds fand ich dort die Anmut der Rundung, den Tanz der Spirale, die zarte Eleganz, das Feingefühl und die Feinsinnigkeit der Wesen, die sich auf Zehenspitzen bewegen.
Eine Göttin regierte dieses Land: unsere Nachbarin Serghinia. Später werde ich Ihnen die fabelhafte Geschichte dieser Künstlerin erzählen, in deren Haus ich – wie ich heute ohne Angst bekennen kann – das Glück gefunden habe. Diese Frau war meine Familie, meine Freundin, meine Zuflucht.
Vor dem Spiegel im Bad von Serghinias gepflegter Wohnung konnte ich auf Zehenspitzen meine etwas abstehenden Ohrläppchen sehen, geschmückt mit massiven silbernen Ohrreifen, die mir meine Mutter verbot ausserhalb der Feiertage zu tragen. Das schonungslose Spiegelbild zeugte vom Ausmass der Katastrophe: ein mit schreiend rotem Lippenstift verschmiertes Gesichtchen, glänzend, kein Teil meiner sonst so weissen Haut ungeschminkt; Hurenrot, wie es meine Mutter genannt hätte, einer dieser zinnoberroten Töne, die mich auf Serghinias vollen Lippen so faszinierten. Das Wort »Hure« bekam einen besonderen Charakter in meinen jungfräulichen Ohren, wenn meine Mutter es aussprach. Hu-re. Das knallte wie die Eleganz einer befreiten Frau, das verlangte nach der Freiheit, öffentlich in einer hautengen seidenen Dschellaba mit dem Hintern zu wackeln, das hielt die brennende Fahne der Auflehnung hoch in den Himmel.
Doch ganz unten am Ende des Spiegels, wo die weissen Kacheln an der halboffenen Tür aufhören, sah ich – während ich die Augen wegen meiner sündigen Schminke weit aufriss – Serghinias strahlendes Gesicht. Unter theatralisch gerunzelten Augenbrauen grollten ihre leuchtenden Augen kaum, verziehen schon halb. Sie kam mit ausgebreiteten Armen auf mich zu, beunruhigt, da sie einen Sturz befürchtete.
»Mein Täubchen, dieser Hocker ist wacklig! Am Ende fällst du noch runter!«
Blitzschnell wurde mein schmächtiger Körper von ihrer fülligen Figur umarmt.
»Lass mich dir zeigen, wie man zu einer Prinzessin wird, Liebes. Lippenstift ist, wie der Name schon sagt, ausschliesslich dazu da, die Lippen zu färben. Nicht die Stirn oder deine von Natur aus rosigen Wangen und noch weniger deine jetzt blutig wirkenden Augenlider, mit denen du aussiehst wie eine direkt aus einer Horrorgeschichte eingeflogene Hexe. Du bist doch keine Hexe, nicht wahr, Liebling? Also gib dir Mühe wie mit Aïda und Sonia beim Ausmalen. Übermale unter keinen Umständen die Ränder. Verstanden?«
»Ja, Mamyta.«
»Gut. Wasch dein Gesicht mit viel Wasser ab, und bring es mir schnell, damit ich es verschlingen kann!«
Aïda und Sonia, die Zwillingstöchter von Serghinia, hatten sie Mamyta getauft. Ich nannte sie auch gerne so, aber mit Varianten: Mami, Mya, Maya, Mamyta. Jede Silbe dieses Spitznamens beinhaltete ihren Teil Zärtlichkeit. Es roch gut nach dem Moschus ihrer beruhigenden Brüste, ihren Lachsalven und den schallenden Küssen, die eine so schöne Spur auf unseren Wangen hinterliessen.
Hätte mich unglücklicherweise meine Mutter in diesem Zustand überrascht, vor dem Spiegel auf einem wackligen Hocker im Bad, die Gandura in die Hose gestopft, das Antlitz mit scharlachroter Sünde verschmiert, wäre es das Ende der Welt gewesen: eine ordentliche Tracht Prügel, durchsetzt mit endlosem Schreien und Jammern, und dann vor allem als Nachtisch das von mir am meisten gefürchtete Versprechen: »Warte nur, bis dein Vater nach Hause kommt!«
Ich mochte meinen Vater nicht. Ich mochte seine blutunterlaufenen Augen nicht, wenn der Zorn ihn übermannte. Es waren nicht so sehr die Schläge, die mir Angst machten, eher der Rest … Ich hasste sein dunkles Zimmer, seinen Atem, seinen kratzigen Bart, seine riesigen Hände … und den Rest. Den ganzen Rest.
2
Bei den Künstlern, die ihren Körper als Arbeitsinstrument nutzen, ist Schönheit nicht unbedingt erforderlich. Mamyta kann man kaum als Huri bezeichnen. Beim genaueren Betrachten ihrer Gesichtszüge kann man, ohne auf Widerspruch zu stossen, behaupten, dass unsereins ästhetisch gesehen unter dem nationalen Durchschnitt liegt. Ihre spiralförmigen Augen mit dick aufgetragener Wimperntusche, ihre kurze Stupsnase, ihr riesiger, mit fleischigen Lippen versehener Mund und ihre altmodischen Tattoos auf Stirn und Kinn gehören auf keinen Fall zu einer Odaliske. Weit entfernt. Jedoch bildet das alles zusammen in einem einzigen freudestrahlenden Antlitz ein sehr angenehmes harmonisches Ganzes. Wenn man ihre massiven Goldzähne dazunimmt, die bei jedem Lachen wie ein Feuerwerk blitzen, ihren hundert Kilo schweren, milchigen, in einen Satinkaftan gezwängten Leib, ihre raubkatzenhafte Art, bei der jeder Teil des Körpers selbständig, ungebunden, wie vom Rest losgelöst scheint, kann man auch behaupten, diese Kreatur mit einem Schönheitsmal auf der Wange habe zweifellos ein gewisses Etwas.
In Wirklichkeit gibt es zwei auf den ersten Blick widersprüchliche Seiten von Mamyta: die der transparenten Hausfrau, die man morgens in einer der Querstrassen zur Rue du Pardon im Suk antreffen könnte, mit ihrem Einkaufskorb aus Palmblättern, oder die ganz einfach über die Grand-Place schlendert; dann gibt es die andere Seite, die der Diva im schillernden Kaftan, die einen abends auf einer Hochzeitsfeier erregt, bei einer Beschneidung oder bei einem dieser privaten Abende, die Männer auf der Terrasse eines Cafés in ihrer Melancholie flüchtig erwähnen.
Da ich meine Kindheit und einen Teil meiner Jugend bei Mamyta verbrachte, hatte ich das Privileg, am Wunder dieser Metamorphosen teilzuhaben. Zuerst als gewöhnliche Zuschauerin, staunend wie ein Kind vor einer bunten Trommel am Festtag, dann später in der ersten Reihe, als sie mir die Ehre erwies, mich in ihre Truppe aufzunehmen, um mich vor meiner Familie zu retten …
Meine Geschichte ist wirklich seltsam. Unwahrscheinlich und tragisch wie so oft die Geschichten aus unserer Gegend. Doch nur Geduld! Ich werde es Ihnen erzählen, wenn Sie mir Ihre Nachsicht schenken. Zeitweise wird meine Erzählung überraschende Wendungen nehmen. Sollten Sie sich darin verirren, wird ein Mondstrahl aus dem Nichts aufleuchten, um Ihnen den Weg hinaus zu zeigen … Doch ich zweifle sehr, dass Sie mein Labyrinth verlassen wollen. Die Freiheit meiner Vorstellungskraft wird Ihnen gefallen, wie auch meine Launen und einige unvorhersehbare Situationen, die, wie ich eingestehe, mich selbst überraschen. Sehen Sie darin weder Boshaftigkeit noch Eitelkeit, ich will einfach nur sagen, dass jene, die sich damals hineinwagten, niemals herausgefunden haben. Ein Geflecht aus empfindlichen Fasern hält sie gefangen … eine sanfte Spinnwebe, in der es so guttut, sich gegen alles und jeden zu wehren …
Ich habe Ihnen also von jenem magischen Moment erzählt, in dem sich Mamyta die Raupe in einen das Licht umschwirrenden Schmetterling verwandelt. Es war zur Zeit meiner ersten beruflichen Schritte. Ich war vierzehn, sah aber viel älter aus. Mamyta achtete darauf, mich selbst zu schminken; sie vergrösserte meine Augen mit einem Lidstrich bis hin zu den Ohren, betonte meine Wangen mit einer Schminke auf der Basis von Schildläusen, und als Krönung des Ganzen puderte sie meine Haarlocken mit einer Handvoll vergoldeter Sterne. Die kleine Aufmüpfige aus der Rue du Pardon verwandelte sich plötzlich in eine Prinzessin; eine begnadete Künstlerin, glänzend und feinsinnig, setzte sich von ihren Konkurrentinnen ab wie der Tag von der Nacht. Die Zwillinge, die vor mir in die Truppe aufgenommen worden waren, bedachten mich mit reissender Eifersucht, so unerträglich war ihnen die Zuneigung, die ihre Mutter mir entgegenbrachte.
Dabei sprühte Mamyta vor Zärtlichkeit. Ihre Liebe zu mir schränkte in keiner Weise ihre Liebe zu ihren Töchtern ein. Das bewiesen schon allein ihre unterstützenden Blicke für jede von uns während der Vorführung. Ich liebte es, sie lächeln zu sehen, wenn ich die Initiative ergriff und auf den runden Tisch sprang. Ich tanzte für sie. Für sie allein. Dann gab es nichts anderes zwischen meinem elektrisierten Körper und ihrem magnetischen Blick. Ich ahmte ihre Gesten nach, ihr unwiderstehliches Augenzwinkern, ihre Art, den Boden mit ihrem Haar aufzupeitschen, wenn der Teufel von ihrem Körper Besitz ergriff. Während die Tamburine und Zimbeln den Höhepunkt erreichten, verlängerte ich das Echo ihrer mitreissenden Lieder, ihrer fröhlichen Moritaten. Ich wäre so gern gewesen wie sie. Besser noch, ich wollte sie sein. Mich aus meiner sterblichen Hülle befreien, mich in jenes Lichtgewand kleiden, das sie auf der Bühne umfing.
Ein majestätischer Auftritt, bei dem alles einstudiert war, bemessen, gewichtet, bei dem jede Einzelheit Bedeutung hatte. Umringt von ihren Musikern und Tänzerinnen wie von einer Leibgarde, mit langsamen Schritten, herausgestrecktem Unterkörper, den Blick auf die Sterne gerichtet, erschien sie endlich vor einem ihr gewogenen, ungeduldigen Publikum, das es kaum erwarten konnte. Kaum erhob sie die Stimme, brandete kollektive Hysterie auf. Diese raue, sicher von altem Schmerz brüchige Stimme erschallte, durchflutete den Innenhof und über die gen Himmel gerichteten Lautsprecher das ganze Viertel. Aufrecht, beherrschend, mit offenen, verführerischen Armen wie Äste einer Zeder, die Spatzen zu einer liebestrunkenen Parade auffordern, stimmte sie Lieder an, in denen sich das Schlüpfrige und das Heilige miteinander verwoben, liess ihren Dämonen freien Lauf, um sich fast bewusstlos in die Menge zu stürzen. Dann riss die Brandung ihren Leib an sich, schlug den Weg der Schauer ein, erreichte den Unterleib, der sich aufrichtete, verschlang den Nabel und liess langsam nach wie eine ersterbende Welle. Das Wogen kam wieder auf, wurde ansteckend, erfasste die Anwesenden und riss sie in ein fieberndes Schlingern.
Die Ehemänner waren dabei, sie bedeckten die Tänzerinnen mit Geldscheinen, je mehr zusammenkam, desto schneller wurde der Rhythmus, passte sich den pochenden Herzen an und brachte das Blut zum Kochen. Die Ehefrauen waren keine Ehefrauen mehr. Sie sangen und lachten ausgelassen. Sie vibrierten wie wir, die Berufstänzerinnen, die sie nachahmten, um sinnlich zu wirken; doch sie waren linkisch, fast vulgär. Nicht die aufgesetzte Vulgarität, die wir nach Gutdünken einsetzen, nein, die wahre, suggestive und unverblümte Vulgarität, die vor sexuellem Frust aufschreit. Dann spielten wir, weiter und weiter, und liessen ihr unwiderstehliches Verlangen aufblühen, uns zu ähneln … unsere leichte, zügellose Moral öffentlich auszuleben …
Eines Abends, als sie nach ihrem Auftritt in den Kulissen stand, während die Musiker einheizten, und die entfesselten Zuschauer beobachtete, bemerkte Mamyta mir gegenüber: »Schau, mein Kind, schau diese tanzenden Frauen, sie sind so glücklich … Ich sehe weder Mütter noch Tanten, Schwestern oder Cousinen … Sie alle sind Liebhaberinnen … Siehst du, ich besitze die Macht, sie einen Augenblick lang aus ihrem kleinen Leben zu lösen und strahlende Dulzineen aus ihnen zu machen … auch wenn diese Schnepfen mich hinter meinem Rücken als Hure verunglimpfen!«
3
Um mich angesichts des unangebrachten Verhaltens meiner Mutter zu trösten, hatte Tante Rosalie mir eines Tages erklärt, dass mein christlich angehauchtes Aussehen die Vergangenheit ihrer Schwester in ein unrühmliches Licht tauche. Mein blonder Haarschopf verschaffe ihr seit meiner Geburt einen Hauch von Sündhaftigkeit und vergifte ihre Existenz. Daher bliebe ich wider Willen die leibhaftige Verkörperung eines hypothetischen Fehltritts. Jedoch war Mutter laut Tante Rosalie, die kein Blatt vor den Mund nahm, mit zwanzig keineswegs eine Heilige gewesen. Wie auch immer, die Nachbarinnen, die wir auf der Strasse trafen, hatten eine klare Meinung zu der Frage. Sie streuten gern Salz in die Wunde und starrten mich an. »Von welchem Planeten ist uns denn dieses goldene Vögelchen zugeflogen, meine Liebe?«, fragte eine. Eine Zweite bemerkte spöttisch: »Na aus dem Tal, wo die goldenen Vliese blühen, oder nicht, meine Gazelle?« Meine Mutter brauste auf. »Seht euch doch mal im Mittleren Atlas um«, erwiderte sie, »da gibt es ganze Dörfer voll solcher Gören, die meiner ähnlich sehen!« – »In der Tat«, raunte verzückt die Zänkischste, »die Nazarener haben uns wunderbare Souvenirs hinterlassen!« Mutter gab den ungleichen Kampf gegen diese Meute von Krokodilen auf und zog murrend weiter.
Doch am Ende war ich es, die die Rechnung bezahlte. Freitags im Hammam bekam ich meine wöchentliche Dosis Henna auf mein Haar. Der beissende Geruch dieser Pflanze haftete auf meiner Haut. Ich stank wie ein Bauerntrampel, wie eine frisch aus dem Dorf herangekarrte Magd. Lange habe ich an dieser Last getragen. Sehr lange. Als einzige Rothaarige im Viertel war ich eine bevorzugte Zielscheibe. Meine Schulkameradinnen überhäuften mich mit Grausamkeiten und gaben mir die Namen aller Tiere, die der Himmel mit einem roten Fell bedacht hat. Als Kuh, Ziege, Füchsin oder Eichhörnchen beschimpft zu werden ging ja noch, doch ich fluchte, wenn sie mit bizarren Schreien die wilde Äffin nachahmten; sie wälzten sich auf dem Boden und sprangen hüpfend auf, kratzten sich am Kopf und in den Achseln. Nichts blieb mir erspart.
Manchmal kam ich tränenüberströmt nach Hause, ohne dass Mutter den geringsten Anflug von Mitleid zeigte. Sie blieb eiskalt. Vergeblich versuchte ich sie zu Mitgefühl mit meiner Lage zu bewegen. Wenn ich es wagte, etwas zu sehr auf die Tränendrüse zu drücken, brachte mich eine heftige Ohrfeige schnell wieder zur Vernunft. Darauf folgten lahme Rechtfertigungen: »Ein reinrassiges Mädchen hat sehr viel mehr Chancen, einen Ehemann zu finden, als ein Mischling!« Dann verglich sie meine faden Locken mit dem Fell von Pipo, dem Pudel von Madame Lamon, der Besitzerin des Luxushotels, wo Grossvater arbeitete.
Es fällt mir schwer, von Grossvater zu sprechen, ohne eine Träne zu vergiessen. Übrigens versuche ich erst gar nicht, diese Träne zurückzuhalten, denn die Freude und die Nostalgie, die damit verbunden sind, beruhigen und trösten mich. Grossvater war zärtlich, aufmerksam, grossherzig; er war der Beste. Als ich klein war, kam er mir hoch wie ein Minarett vor. Doch in Wirklichkeit war er gar nicht so gross. Schlank, von mittlerer Statur, mit einem freundlichen Gesicht und ebenmässigen Zügen: lachende Augen, aus denen der Schalk blitzte, eine Adlernase und unter einem struppigen Schnurrbart ein schmallippiger Mund, aus dem nur Nettigkeiten kamen. Laut Mamyta, die abends nach ein paar Gläsern Mahia, ihrem Lieblingsschnaps, zur Philosophin mutierte: »Es gibt solche Lebewesen, Liebling, bei denen alles Honig, Freude und Ruhe ist. Sie kennen die Wege der Vollkommenheit, die sie ein ganzes Leben lang eingeschlagen haben, bis sie die Erleuchtung der Auserwählten erreichten. An der Oberfläche ihres Wesens tritt eine Seele von solch verlockender Klarheit zutage, dass es entzückend ist, darin zu versinken … Dein Grossvater ist ein solcher Mensch. Genau wie es andere gibt, die nur aus Brennnesseln, Dornen und Finsternis bestehen, eine Brut, die in den Abgründen unserer Bestialität lebt und deren schwarze Seele ihr unheilverkündendes Äusseres prägt …«
Wenn sie betrunken war, sprach Mamyta wie Zahia, ihre lebenslange Freundin, die Karten legte und in der Rue du Pardon regelmässig der Hexerei bezichtigt wurde. Doch irgendwie klopften die Frauen aus dem Viertel am Ende immer diskret an ihre Tür, um sich Rat zu holen. Zahia und Mamyta lachten darüber. Die eine wie die andere wurde aus verschiedensten Gründen zugleich verschmäht und geliebt. Doch in Wahrheit waren sie vor allem gefürchtet; Mamyta wegen ihrer scharfen Zunge, die den schlimmsten Klatsch von Fest zu Fest verbreiten konnte, und Zahia wegen ihrer unheilvollen Amulette, deren verheerende Folgen überall bekannt waren.
In Wahrheit war Grossvater nicht wirklich mein Vorfahre. In einem früheren Leben war er, auch wenn das kaum zu glauben ist, Mamytas Ehemann gewesen. Ja, Sie haben richtig gehört! Monsieur Omar, der Portier des Palace, und Serghinia, die junge Tänzerin, waren Mann und Frau gewesen, die in der Rue du Pardon unter einem Dach lebten. Sie hatten keine Kinder; die Zwillinge wurden später in einer zweiten Ehe geboren, die auch auseinanderging. Nun, das sind alles alte Geschichten.
Viel Wasser ist den Bach hinuntergeflossen seit ihrer Trennung, die auf unvereinbare Lebensweisen zurückzuführen ist: Er arbeitete am Tag, sie in der Nacht. Er verbrachte seine Tage ruhig vor einer statischen Tür, die sich nur öffnete, um ein paar unbeschwerte Touristen durchzulassen; sie verbrachte wilde Nächte unter Scheinwerfern inmitten von Anmut, Verlangen und Raserei. Zwei entgegengesetzte Welten, die aber in gewisser Weise komplementär sein konnten. Das Abenteuer dauerte nur drei Jahre, sicher die schönsten, die unheimlichsten, die flammendsten in Grossvaters Leben. Sie wurden jedoch im Gegensatz zu vielen geschiedenen Paaren nicht zu Feinden. Sie hatten sich nicht heillos zerstritten, sie hatten es nicht zugelassen, dass der Hass ihre Herzen vergiftete. Im Gegenteil, im Lauf der Jahre war ihre Bindung stärker geworden. Es gab nicht einen Tag, an dem Monsieur Omar versäumte, bei Serghinia vorbeizuschauen, um sie zu grüssen und sich zu erkundigen, ob sie etwas für den Haushalt brauche: eine Besorgung auf dem Markt hier, das Auswechseln einer Glühbirne da oder die Reinigung eines verstopften Waschbeckens … er war der König der Heimwerker.
Tatsächlich legte er es einzig und allein darauf an, weiter im Schatten seiner Diva zu leben. Ich sah es an den glückseligen Blicken, die er ihr zuwarf, an der Beflissenheit, mit der er ihre langen amerikanischen Zigaretten mit den vergoldeten Filtern anzündete; er, der nicht rauchte und nur zu diesem Zweck ein Feuerzeug bei sich trug. Mamyta war sich dessen voll und ganz bewusst, und deshalb griff sie sehr häufig auf seine wertvolle Unterstützung zurück. »Was wäre ich ohne dich, Sidi Omar?«, rief sie aus. »Gott der Allmächtige hat dich zu mir geführt …«
Grossvater war begeistert! Er lieh sich eine Schubkarre aus und transportierte eifrig den Weizen zur Mühle; er überwachte aufmerksam das Mahlen und brachte das Mehl nach Hause. Dann beschäftigte er sich mit dieser oder jener Reparatur, bot sich an, das Brot zum Backofen zu bringen oder es dort abzuholen. Seine grösste Heldentat bestand darin, das Geflügel zu schlachten, das Mamyta auf der Terrasse hielt. Es gab dort einen echten wuseligen Hühnerhof, an dessen Unbilden wir uns am Ende gewöhnt hatten. Das Schlachten jagte mir Angst ein, aber ich nahm dennoch an dem furchtbaren Ereignis teil. Mit weit aufgerissenen Augen beobachteten wir Kinder mit Grauen das Spektakel. In einer von Anfang an verlorenen Schlacht krähte der Hahn, den der alte Mann mit den Füssen festhielt, verzweifelt. Nach einem kurzen Gebet steckte Grossvater seinen Zeigefinger in den Hals des Verurteilten, zog das Messer und liess mit einer schnellen, präzisen Handbewegung das Blut auf unsere Plastiksandalen spritzen. Ich floh, sobald das Tier von den Toten auferstand. In einem letzten Anflug von Stolz bäumte es sich auf und führte einen makabren Tanz vor. Eine Staubwolke wirbelte auf, während es gegen die Wand oder die Tür der Nachbarn stiess, mit nach hinten herunterhängendem Kopf, der wie die Kapuze eines Burnus aussah.
Grossvater war Chefportier eines Luxushotels in der Neustadt; die Kinder in der Gegend nannten ihn den General wegen seiner granatroten Uniform, seiner mit Fransen besetzten Tressen und seiner kanariengelben Schirmmütze. Er war eine auffallende Erscheinung. Von weitem erkannten wir seinen martialischen Gang, der jedoch durch die Anwesenheit des Pudels, den ihm Madame Lamon oft anvertraute, abgemildert wurde. Sobald ich ihn erblickte, lief ich auf ihn zu. Mit einem Arm fasste er mich und hob mich hoch in den Himmel, mit dem anderen hielt er Pipo an der Leine, dessen wedelnder Schwanz das Glück signalisierte, wieder in die Hektik der Medina einzutauchen. Zum grossen Jammer der neidischen Kinderschar durchquerte er die lange, enge Strasse mit zwei glückseligen Kreaturen an seiner Brust.
Madame Lamon vertraute ihm ihren Pudel an, wenn sie zur Thermalkur nach Moulay Yacoub reiste. Er war der Einzige aus dem Hotelpersonal, dem sie vertraute. Sie wusste, er würde sich während ihrer Abwesenheit gut um ihr Herzchen kümmern; je älter sie wurde, desto öfter fuhr sie weg. Grossvater ging schnell an unserer Sackgasse vorbei, denn Mutter weigerte sich kategorisch, den Köter in die Nähe ihrer Türschwelle zu lassen. Sie behauptete, die Engel flüchteten vor Orten, an denen sich Hunde aufhielten.
Mamyta konnte über solche Eseleien nur lachen; sie nahm Grossvater, Pipo und mich gerne auf. Wir verbrachten wunderbare Nachmittage damit, ihr beim Nähen, Sticken, Tratschen und Rauchen zuzusehen. Die Nachbarinnen und deren Sprösslinge kamen dabei nicht gut weg. Wie durch ein Wunder konnte sie sich in die geheimsten Intimitäten der Leute einmischen. Sie kannte den Namen des Mädchens, das gerade seine Jungfräulichkeit verloren hatte, die Identität des Schuldigen, den Ort und die Stunde des Verbrechens … Sie wusste, wer eine Pleite hingelegt hatte, kannte das Ausmass der Katastrophe und den Namen der Person, die ihn mit einem Fluch belegt hatte; sie wusste, dass ein anderer um einen entfernten Verwandten trauerte … Es hatte nie ein Ende. Grossvater, Pipo und ich hingen an ihren Lippen, schlürften stark gezuckerten Minztee, assen mit Honig umhüllte Mandelkekse, und vor allem genossen wir den pikanten Klatsch, den sie – wie sie uns schwor – aus sicherer Quelle hatte … Pipo bekam seine Schale Milch. Dieser Pudel war ein wahrer Star. Mit seinem nagelbesetzten Lederhalsband, an dem eine kupferne Marke hing, seinen zwei braunen Flecken auf dem Fell und seinen charmanten Locken, hinter denen seine Schnauze verschwand, war er zum Anbeissen.
Madame Lamon hatte recht, ihn Grossvater anzuvertrauen. Er umsorgte ihn wie ein eigenes Kind, das er nie gehabt hatte. Hinter den Mauern, die die Neustadt von der Medina trennten, nahm ihn Grossvater auf den Arm, denn er sagte, dieses zarte Wesen sei nicht gemacht für den Schotter, die riesigen Löcher in den Abflussrinnen, die aufgerissenen Mülltonnen, um die sich nachts Bettler und Strassenkatzen stritten. Der Dreck, die Metallreste und die Glasscherben, die sich in unseren Gassen türmten, könnten seine feinen Pfoten verletzen. Pipo war aristokratischer Abstammung und nur geboren für das Schöne auf der Welt: angenehme Musik, Schmeicheleien, feine Speisen, exquisite Wollteppiche, kostbare Frisuren und vor allem den funkelnden Carrara-Marmor in der grossen Halle des Palace … Gott verzeihe mir, aber ich hätte nur allzu gern mein Leben gegen das seine eingetauscht. Extra nur für mich zubereitetes Essen. Immer und überall mit Lächeln, Streicheln und sanften Worten empfangen werden. Von den Göttern gesegneter Liebling, von morgens bis abends geliebt und verwöhnt werden … Doch nicht jeder kann ein Pipo sein.
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