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Kitabı oku: «Deportiert auf Lebenszeit», sayfa 23
Zehntes Capitel.
Was aus den Meuterern des Osprey wurde
Am Ende des großen, prächtigen Gartens stand eine einfache Bank, nahe der Mauer, die den Platz schloß. Die Zweige der englischen Bäume, welche vor langer Zeit dort gepflanzt waren, beschatteten den Sitz und zwischen ihrem leicht bewegtem Grün hindurch konnte man den silbernen Strom sehen. Sylvia setzte sich hierher, mit dem Rücken nach dem Hause und dem Gesicht nach der Bai und öffnete das Manuskript, welches sie Meekin abgenommen. Sie begann zu lesen. Es war in einer großen, festen Handschrift geschrieben und die Ueberschrift lautete:
»Eine Erzählung von den Leiden und Abenteuern Einiger der zehn Deportierten, welche sich der Brigg Osprey in Van Diemens Land bemächtigten. Niedergeschrieben von Einem der obengenannten Deportierten, während er zur Strafe für diese That im Gefängnis zu Hobart Town saß.«
Als Sylvia diese großen Worte las, hielt sie einen Augenblick inne. Die Geschichte dieser Meuterei war eine Epoche in ihrem Leben gewesen und lag jetzt vor ihr und sie hatte das Gefühl, daß, wenn sie richtig erzählt wäre, sie etwas Merkwürdiges und Schreckliches verstehen müßte, das bis jetzt wie ein Schatten über ihrem Gedächtniß gelegen. Sie wünschte und fürchtete doch, die Papiere zu lesen und hielt sie halb entfaltet in ihrer Hand, wie sie wohl als Kind die Thür eines dunkeln Zimmers eine kleine Weile halb geöffnet gehalten hatte, unschlüssig ob sie hineingehen solle oder nicht. Doch dauerte ihr Zögern nur einen Augenblick.
* * *
»Als der Befehl von der Regierung kam, daß man die Strafkolonie zu Macquarie Harbour auflösen solle, schifften sich der Kommandant, Major Vickers vom – ten Regiment, mit den meisten der Gefangenen an Bord eines Kolonie Schiffes ein und segelten nach Hobart Town. Sie ließen eine Brigg zurück, welche in Macquarie Harbour gebaut worden war, um nachzukommen. Kapitain Maurice Frere kommandierte und an Bord waren außer Mr. Bates, der Lootse der Kolonie, vier Soldaten und zehn Gefangene, welche den Schiffsdienst zu versehen hatten. Des Kommandanten Frau und Kind waren ebenfalls an Bord.«
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»Wie sonderbar sich das liest,« dachte das Mädchen.
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»Am 12ten Januar 1834 gingen wir unter Segel und ankerten glücklich außerhalb es »Thores,« doch da eine Brise von Nordwesten einsetzte und auf dem Schiff draußen starke Brandung verursachte, ging Mr. Bates in die Wellington Bai zurück. Wir blieben den ganzen nächsten Tag dort und am Nachmittage nahm Kapitain Frere zwei Soldaten und ein Boot und ging zum Fischen.«
Es waren nur Mr. Bates und zwei Soldaten an Bord und William Cheshire schlug vor, sich des Schiffes zu bemächtigen. Zuerst wollte ich nicht, weil ich an den Verlust an Leben dachte, der daraus herkommen möchte, aber Cheshire und die Andern, welche wußten, daß ich etwas von der Schifffahrt verstand, – denn ich hatte in glücklicheren Tagen viel auf der See gelebt – bedrohten mich, wenn ich mich ihnen nicht anschlösse. Ein Gesang wurde auf dem Vorderkastell begonnen und Einer der Soldaten, welcher kam, um zuzuhören, wurde ergriffen und Lyon und Riley bemächtigten sich zugleich der Schildwache. So in ein Unternehmen hinein gezwungen, mit dem ich zuerst wenig Sympathie hatte, klopfte jetzt mein Herz vor Freude bei der Aussicht auf Freiheit und ich würde es geopfert haben, um sie zu erlangen. Ganz toll geworden durch diese verzweifelte Hoffnung, übernahm ich selbst den Befehl über meine elenden Gefährten und so schuldig ich auch immer in den Augen des Gesetzes war, so rechtschaffen hielt ich sie von Gewalthätigkeiten zurück, an die sie ihr bisheriges, wildes Leben fast gewöhnt hatte.
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»Armer Mensch,« sagte Sylvia, betroffen von John Rexens Zwischensätzen, »ich glaube, er ist nicht zu tadeln.«
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»Mr. Bates war unten in der Kajüte und als er von Cheshire aufgefordert wurde, sich zu ergeben, versuchte er mit großem Muth, sich zu vertheidigen. Barker schoß durch das Deckfenster auf ihn, aber da ich für das Leben der Frau und des Kindes des Kommandanten fürchtete, schlug ich sein Gewehr in die Höhe und die Kugel ging in die Einfassung der Sternfenster. Inzwischen hatten sich die Soldaten, welche wir auf dem Vorderkastell gebunden hatten, losgemacht und kamen durch den Lukenweg uns in den Rücken. Cheshire schoß auf den Ersten und haute den Zweiten mit dem Kolben herunter. Der Verwundete verlor das Gleichgewicht und da die Brigg grade durch die steigende Fluth in’s Rollen kam, fiel er in die See. Dies war durch die Gnade Gottes das einzige Leben, das bei der ganzen Angelegenheit verloren ging. Mr. Bates, welcher sah, daß wir im Besitz des Schiffes waren, ergab sich unter der Bedingung, daß wir des Kommandanten Frau und Kind sicher an die Küste setzten. Ich empfahl ihm, die Sachen mitzunehmen, die sie brauchten und befahl, die Jolle herunter zu lassen. In dem Augenblick kam Kapitain Frere heran und machte einen tapfern Versuch, das Schiff wieder zu nehmen, aber sein Boot trieb ab. Ich war jetzt entschlossen frei zu werden und Alle an Bord wollten die Sache nun durchführen. So riefen wir das Boot an und schworen, es in Grund zu schießen, wenn Kapitain Frere sich nicht ergäbe.
Der Kapitain Frere weigerte sich und wollte einen neuen Versuch machen, an Bord zu kommen, aber die zwei Soldaten vereinigten sich mit uns und verhinderten seine Absicht. Wir hatten nun die Gefangenen in die Jolle gebracht und ließen Kapitain Frere auch hinein steigen und da wir selbst in dem großen Boot waren, zwangen wir Mr. Bates und Kapitain Frere, die Jolle an Land zu rudern. Dann nahmen wir das kleine Boot in’s Schlepptau und kehrten nach der Brigg zurück.
Es wurde strenge Wache gehalten, da wir fürchteten, das sie den Versuch machen würden, das Schiff wieder zu nehmen.
Bei Tagesanbruch waren alle Mann auf Deck und man berieth über die Theilung der Lebensmittel. Cheshire wollte sie verhungern lassen, aber Lesley, Shires und ich wollten die Vorräthe theilen. Nach einem langen und heftigen Streit behielt die Menschlichkeit die Oberhand und die Vorräthe wurden mit dem großen Boot an Land gebracht. Als sie die Lebensmittel bekamen, sagte Mr. Bates:
»Männer, ich hatte keinen Augenblick solche freundliche Behandlung von Euch erwartet, nämlich was die Lebensmittel anbetrifft, die Ihr uns überbringt, da doch nur so Wenige an Bord sind. Wenn ich Eure Lage bedenke, ohne einen kundigen Schiffer in einem lecken Schiff, so erscheint sie mir sehr gefährlich und ich hoffe, Gott wird sich Euch gnädig beweisen und Euch vor den vielen Gefahren bewahren, denen Ihr auf dem stürmischen Ocean ausgesetzt seid.« Auch Mrs. Vickers dankte mir, daß wir so freundlich gegen sie gewesen und sagte, daß wenn sie nach Hobart Town zurück käme, sie zu meinen Gunsten sprechen wolle. Dann riefen sie uns bei unserer Abfahrt ein Hurrah nach und wünschten uns glückliche Reise wegen der Menschlichkeit, mit der wir unsere Lebensmittel mit ihnen getheilt.
Als wir gefrühstückt hatten, fingen wir an, die leichte Ladung, die wir an Bord hatten, theilweise übers Bord zu werfen, was uns bis Mittag beschäftigte. Nach dem Mittag warfen wir einen kleinen Wurfanker aus, mit ungefähr hundert Faden Kette und nachdem wir den Anker aufgewunden und die Fluth abtrat, halfen wir uns an der Ankerkette hinaus und es gelang uns, so mit dem Wurfanker bis zu zwei Inseln hinauszukommen, die Cap und Nonnett heißen. Alle fingen nun an, die Brigg nachzuholen und wir schickten das große Boot vor, um sie im Schlepptau weiter hinauszubringen. So kamen wir glücklich über das Riff. Kaum war das geschehen, als eine leichte Brise aufsprangt – aus Südwesten. Wir feuerten einen Schuß ab, um die Zurückgelassenen zu benachrichtigen, daß wir in Sicherheit waren, setzten dann Segel und stachen in See.«
Als Sylvia so weit gelesen hatte, hielt sie an. Eine verzweifelte Angst bemächtigte sich ihrer, als ihre Erinnerungen wach gerufen wurden. Sie war sich des abgefeuerten Schusses bewußt und eine Frau hatte über ihr geweint. Das war ihre Mutter gewesen. Aber außerdem war Alles Ungewißheit. Die Erinnerungen durchkreuzten wie Schattenbilder ihr Hirn; sie wollte sie ergreifen, aber sie waren fort. Doch zitterten ihre Nerven, als sie diese merkwürdige Geschichte las. Trotz der pathetischen Beredsamkeit und der geheuchelten Frömmigkeit der Erzählung, sowie der Verdrehung einiger Thatsachen, die, wie man leicht verstehen konnte, so eingenistet war, um sich das Wohlwollen der Vorgesetzten zu sichern, in deren Händen sein Schicksal lag, hatte Rex nicht versucht, seine Erzählung durch erfundene Gefahren zu verschönern. Die Geschichte des kühnen Planes, welcher vor fünf Jahren gefaßt und ausgeführt worden, war mit dürrer Einfachheit erzählt und trug den Stempel der Wahrheit an sich, so daß die Einbildungskraft der Leser die ausgelassenen Einzelheiten der Schrecken und Gräuel leicht ergänzen konnte. So flößte das Ganze mehr Sympathie ein, als irgend eine hochtrabende Schilderung.
Grade die Kahlheit der Erzählung war anreizend und das Mädchen fühlte ihr Herz schneller schlagen, als ihr poetischer Sinn zwischendurch das schreckliche Bild sich ausmalte das der Deportierte nur angedeutet hatte. Sie sah es Alles, die blaue See, die glühende Sonne, das langsam gezogene Schiff, die unglückliche Gesellschaft an der Küste, – sie hörte – — was war das, – Rascheln im Gebüsch unter ihr? – Ein Vogel! Wie nervös sie geworden war!
»Da wir nun, wie wir glaubten, unser Gefängnisleben glücklich hinter uns hatten, so beriethen wir uns fröhlich über das, was wir thun wollten. Es war meine Absicht, nach den Inseln der Südsee zu segeln, dort die Brigg auslaufen zu lassen und zu den Eingeborenen als Schiffbrüchige zu kommen und mit ihnen zu leben, bis Gottes Gnade uns ein Schiff zuführte, das uns in die Heimath mitnähme. In dieser Idee machte ich James Lesley zum ersten Steuermann, da er ein erfahrener Seemann war und bereitete mich selbst mit Hilfe der wenigen Instrumente die wir an Bord hatten, vor, die Küste zu verlassen. Wir holten das große Boot heraus, machten es nebst der Jolle fest und segelten nun auf’s Gerathewohl los. Als das geschehen, theilte ich die Landratten und die Seeleute ein und nach Ost-Süd-Ost steuernd, stellten wir um 8 Uhr Nachmittags die erste Wache aus.
In weniger als einer Stunde nachher, erhob sich ein starker Wind von Süd-West. Ich und Andre von den Landratten wurden schwer seekrank und Lesley hatte große Mühe das Schiff zu steuern, denn bei dem rauhen Wetter mußten zwei Mann am Steuer sein. Am Morgen, als ich auf Deck kam, fand ich, daß der Wind nachgelassen hatte, aber als ich die Pumpen untersuchte, fand ich viel Wasser im Raum. Lesley richtete die Pumpen, aber die Steuerbordpumpe allein konnte gebraucht werden. Von der Zeit an gab es an Bord nur zweierlei: die Pumpe und das Steuer. Der Sturm dauerte zwei Tage und eine Nacht; die Brigg lief mit dicht gerefften Topsegeln, denn wir wagten nicht, die Segel einzuziehen, aus Furcht vor verfolgenden Schiffen, so groß war unsere Angst vor dem Gefängnisleben.
Am 16ten Mittags quälte ich mich wieder auf Deck und machte eine Meridian Beobachtung, änderte den Kurs des Schiffes nach Ost bei Süd, denn ich wünschte nach dem Süden Neu-Seelands zu gelangen, außer der gewöhnlichen Schiffslinie. Ich hatte die Idee, daß wenn unsre Lebensmittel ausreichten, wir vielleicht nach der südamerikanischen Küste kommen möchten und dann in christliche Hände fallen.
Nachdem ich dies gethan, mußte ich wieder in meine Koje kriechen und lag acht Tage lang da, wie in den letzten Zügen. Zuweilen bereute ich meinen Entschluß, denn Fair drang in mich, mich aufzuraffen, da die Leute nicht zufrieden mit unserm Kurs wären. Am 21ten entstand eine Meuterei, von Lyons angeführt, der behauptete, wir liefen gerade in den stillen Ocean hinein und müßten Alle umkommen.
Dieser übel berathene Mann, obgleich ganz ohne Kenntnis der Schifffahrt, bestand darauf, daß wir nach Süden steuern müßten, weil er glaubte, wir wären nördlich von den Freundschafts-Inseln und er wollte das Schiff dort auslaufen lassen und sich in den Schutz der Eingeborenen begeben. Lesley sprach vergebens dagegen und wollte ihnen beweisen, daß ein südlicher Kurs uns in die Eisfelder bringen würde. Barker, der an Bord eines Wallfischfahrers gedient hatte, versuchte die Meuterer zu überzeugen, daß, wenn wir in solcher Breite wären, wie sie vermutheten, die Temperatur wärmer sein müsse. Solch ein Irrthum könne uns gar nicht vorkommen.
Nach vielem Lärm und Geschrei stürzte Lyons an das Steuer und Russen zog eine Pistole, welche er Mr. Bates abgenommen hatte und schoß ihn todt, worauf Alle wieder zu ihrer Pflicht zurückkehrten.
Diese schreckliche That war, glaube ich, für die Sicherheit der Brigg nothwendig und wäre sie an Bord von freien Leuten geschehen, so hätte man sie als eine strenge, doch nothwendige Maßregel gerühmt.
Durch den Tumult auf das Deck gerufen, hielt ich eine kurze Rede an die Mannschaft und überzeugte sie, daß ich fähig wäre, auszuführen, was ich versprochen. Mein Herz war freilich sehr bange und ich sehnte mich nach einem Teichen von Land. Von Lesley und Barker an jeder Seite unterstützt, machte ich eine neue Beobachtung und änderte unseren Kurs nach Nordosten. Die Brigg machte elf Knoten in der Stunde unter einfach gerefften Topsegeln und die Pumpen arbeiteten hart. So ging es fort bis zum 31ten Januar, als ein Orkan uns faßte und uns Allen fast verderblich wurde.
Lesley beging jetzt einen großen Irrthum, denn als die Brigg, die ganz auf der Seite lag und ihre Flittersegelstange verloren hatte, richten wollte, befahl er, das Bortopsegel einzuziehen, die Topgallants und das große Segel festzumachen, ein Reff in das Hauptsegel zu legen und sie so unter einfach gerefftem Top und Vordersegel gehen zu lassen. Jetzt leckte das Schiff so stark, daß ich nicht glaubte, das Land erreichen zu können und zu dem Allmächtigen flehte, er möge uns bald Hilfe senden.
Neun Tage und neun Nächte dauerte der Sturm und die Leute waren völlig erschöpft. Einer der beiden Soldaten, den wir gebraucht hatten, um die beiden Stücke der verlorenen Seegelstangen wieder aufzufischen, fiel dabei über Bord und ertrank.
Unsere Provisionen waren fast zu Ende, aber als am neunten Tage der Wind nachließ, packten wir sie in ein Boot. Die See ging schwer und wir waren genöthigt, ein Spill auf die Vorder- und Haupt-Raa zu befestigen, mit Borgtauen nach der Windseite, um das Boot sicher in See lassen zu können.
Wir hatten es bald richtig im Wasser, während die Andern sich unten gütlich thaten. Nachdem wir die Kleider von Kapitain Frere und den Lootsen angezogen hatten, verließen wir die Brigg bei Sonnenuntergang. Sie lag fast schon bis zum Seegat im Wasser.
Der Wind wurde in der Nacht wieder frischer und da unser Boot, das eigentlich ein Langboot war, mit Mast, Bugspriet und Hauptraa ausgestattet war, sehr schwankte und viel Wasser bekam, mußten unserer vier immer im Stern sitzen, mit dem Rücken nach der See und mußten die Sturzseen aushalten. Das war genug, um die Kräfte des stärksten Mannes endlich zu erschöpfen. Doch belohnte uns der Tag einigermaßen für die schreckliche Nacht. Das Land war nur zehn Meilen von uns entfernt und wir näherten uns, soviel wir konnten, liefen an die Küste heran und hofften einen Hafen zu finden.
Um halb drei Uhr fanden wir eine Bucht von sehr merkwürdigem Ansehen, die zwei fast pyramidenförmige Felsen am Eingange hatte. Shires, Russen und Fair landeten in der Hoffnung, frisches Wasser zu finden, das wir sehr nöthig brauchten. Bald kehrten sie zurück und erzählten, daß sie eine indische Hütte gefunden, worin einige rohe Thongefäße. Einen Überfall fürchtend, stießen wir wieder von der Küste ab und blieben die ganze Nacht draußen. Früh am Tage näherten wir uns wieder und hatten das Glück, einen Seehund zu fangen. Es war das erste frische Fleisch, das ich seit vier Jahren gegessen. Es war merkwürdig, es unter diesen Umständen zu essen. Wir kochten das Herz und Leber zum Frühstück und gaben auch etwas einer Katze, welche wir mit vom Schiff genommen hatten, da ich nicht wollte, daß mit meinem Wissen irgend ein Geschöpf umkommen sollte. Nach dem Frühstück stießen wir wieder ab und kaum waren wir eine halbe Stunde fort, so wehte ein frischer Wind und wir gingen mit der Geschwindigkeit von sieben Knoten die Küste entlang, aus einer Bay in die andre, um Einwohner zu finden. Als die Sonne unter ging, steuerten wir dicht an der Küste entlang und plötzlich hörten wir einen Stier brüllen. James Barker, den ich, nach seinem heftigen wilden Wesen zu urtheilen, eines solchen Gefühls für ganz unfähig gehalten hatte, brach in Thränen aus.
Nach zwei Stunden bemerkten wir große Feuer in der Bucht und warfen bei neunzehn Faden Tiefe den Anker aus. Am Morgen ruderten wir an Land und ließen das Boot auf einer krautigen Stelle auflaufen. So bald die Einwohner unsrer ansichtig wurden, kamen sie an den Strand herunter.
Ich vertheilte Nadeln und Faden an die Leute und als ich »Valdivia« sagte, zeigte eine Frau nach einer Landzunge hin und hob drei Finger auf indem sie rief: »leaghos,« was wahrscheinlich Meilen bedeuten sollte. Wir fanden hernach auch, daß die Entfernung so viel betrug.
Um drei Uhr Nachmittags ungefähr fuhren wir um die Spitze herum, welche die Frau uns gezeigt hatte, und bemerkten einen Flaggenstock und eine zwölfpfündige Batterie in Lee von uns. Jetzt theilte ich unter die Leute die Summe sechs Pfund und zehn Schillinge, welche ich in Kapitain Frere’s Kajüte gefunden hatte und nahm eine genauere und richtige Verteilung der Kleidungsstücke vor. Es waren auch zwei Uhren da: eine davon gab ich an Lesley und behielt die Andere für mich. Es war unter uns abgemacht, daß wir sagen wollten, wir gehörten zu der schiffbrüchigen Mannschaft der Brigg Julia, welche nach China unterwegs war und in der Südsee verunglückte.
Als wir bei der Batterie landeten, wurden wir mit der größesten Höflichkeit von den Spaniern empfangen und freundlich unterhalten, obgleich wir kein Wort von dem verstanden, was sie sagten. Am nächsten Morgen wurde bestimmt, daß Lesley, Barker, Shires und Russen ein Boot nehmen und nach der Stadt hinausfahren sollten, die neun Meilen oberhalb am Flusse lag.
Am Morgen des 6. März fuhren sie ab. Am 9. kam ein Boot, von einem Lieutnant kommandiert, herunter, mit dem Befehl, daß der Rest von uns auch zur Stadt kommen solle. Wir brachten unser Boot in’s Wasser und unter Begleitung der Soldaten und in einiger Unruhe fuhren wir den Fluß hinauf und erreichten die Stadt denselben Abend. Ich fürchtete, daß die Spanier einen Aufschluß über unsern wahren Character erhalten und täuschte mich nicht. Der überlebende Soldat hatte uns verrathen. Dieser Mensch war also ein doppelter Verräther, – ein Mal, indem er seinen Offizier verrieth, und das zweite Mal, als er seine Kameraden angab.
Wir wurden sofort in das Gefängnis geführt und fanden dort unsre vier Kameraden. Einige meinten, wir wollten die Geschichte des Schiffbruches aufrecht erhalten, aber da ich wußte, wie verwirrt die Geschichte klingen würde, wenn man Jeden von uns besonders verhörte, so überredete ich sie, das offenes Bekenntnis das Beste für uns wäre.
Am 14. wurden wir vor den Gouverneur gebracht, der uns sagte, daß wir frei seien, unter der Bedingung, innerhalb der Grenzen der Stadt zu leben. Bei dieser Nachricht fühlte ich mein Herz von einer großen Last befreit und bat nur noch für mich und im Namen meiner Kameraden, man möge uns nicht der britischen Regierung ausliefern, – lieber uns auf der Stelle auf dem großen Platz erschießen lassen.
Da sah uns der Gouverneur mit Thränen in den Augen an und sagte: »Meine armen Freunde, glaubt nicht, daß ich so gegen Euch handeln werde.« macht keinen Versuch zur Flucht und ich will mich Eurer annehmen, und selbst wenn ein Schiff kommen sollte und Eure Auslieferung verlangen, so werde ich Euch mein Wort halten. Alles, was ich Euch besonders an’s Herz legen muß ist: hütet Euch vor Unmäßigkeit, die in diesem Lande sehr vorherrscht und wenn es Euch paßt, so bezahlt der Regierung das Geld zurück, das zu Eurer Erhaltung im Gefängnis ausgesetzt war.«
Am folgenden Tage erhielten wir Alle Arbeit bei einem Schiffe, das vom Stapel gelassen wurde. Es war ein Schiff von drei hundert Tonnen und meine Leute zeigten sich dabei so thätig, daß der Eigenthümer sagte, er möchte lieber uns, als dreißig seiner Landsleute dabei haben. Das gefiel dem Gouverneur, der mit fast sämtlichen Einwohnern der Festlichkeit beiwohnte, bei der auch Musik spielte. Das Schiff war fast seit drei Jahren im Bau. Nachdem es vom Stapel gelassen, arbeiteten die Seeleute unter uns mit an der Ausrüstung und bekamen fünfzehn Dollars monatlich nebst Unterhalt an Bord. Was mich anbetrifft, so erhielt ich sogleich Arbeit auf einem Schiffszimmerplatz und erhielt mich so durch ehrlichen Fleiß. In dem ungewohnten Vergnügen der Freiheit vergaß ich fast den Wechsel in meinen Umständen. Ich, der ich mich unter feinen Leuten und Gelehrten bewegt hatte, mußte jetzt dankbar sein, am Tage auf einem Zimmerplatz zu arbeiten und Nachts auf einem Bündel Kleider zu schlafen. Doch dies ist etwas ganz Persönliches und braucht nicht weiter berücksichtigt zu werden. Auf demselben Zimmerplatz mit mir arbeitete der Soldat, der uns verrathen hatte und ich konnte es nur als ein Gericht des Himmels ansehen, als er eines Tages von einer großen Höhe herabfiel, für tobt aufgehoben wurde und nach wenigen Stunden in großen Qualen seinen Geist aufgab. So vergingen die Tage verhältnißmäßig glücklich bis zum 20. Mai 1836, an welchem Tage der alte Gouverneur abreiste, beklagt von allen Einwohnern von Valdivia und der Achilles, eine Brigg mit ein und zwanzig Kanonen mit dem neuen Gouverneur an Bord ankam. Eins der ersten Dinge, welche der Gouverneur that, war, daß er unser Boot, welches hinter dem Gouvernementsgebäude lag, verkaufte. Dies sah nicht nach Wohlwollen aus und ich fürchtete sehr, er möchte uns wieder in Gefangenschaft ausliefern. So beschloß ich, unsre Flucht zu bewerkstelligen. Nachdem ich meine Pläne Barker, Lesley, Riley, Shires und Russen mitgetheilt hatte, bot ich dem Gouverneur an, ein hübsches Boot für ihn zu bauen und das Eisenwerk daran selbst zu verfertigen. Der Gouverneur willigte ein und binnen vierzehn Tagen hatten wir ein vierrudriges Boot fertig, das im Stande war, See und Sturm auszuhalten. Wir rüsteten es mit Segeln und Vorräthen in des Gouverneurs Namen aus und am 4. Juli, eines Sonnabends in der Nacht, reisten wir ab. Wir singen kurz nach Sonnenuntergang den Fluß hinab. Ob der Gouverneur, ärgerlich über den Streich, den wir ihm gespielt hatten, uns nicht verfolgen wollte, oder ob, – wie ich glaube – unsre Abwesenheit nicht vor Montag früh entdeckt wurde, wo wir uns schon außer dem Bereich der Verfolgung befanden, – ich weiß es nicht. Genug wir gelangten ohne Unfall in See und da wir guten Kurs nahmen, segelten wir grade auf die Freundschaftsinseln los, wie wir übereingekommen waren.
Jetzt schien es aber, als ob uns das gute Glück verlassen wollte, denn nachdem wir vier Tage in heißem Wetter weiter gegangen waren, entstand eine Windstille und wir lagen achtundvierzig Stunden wie ein Klotz auf der See. Drei Tage blieben wir mitten im Ocean, den brennenden Strahlen der Sonne ausgesetzt in einem Boot ohne Wasser und Lebensmittel. Am vierten Tage, als wir grade das Loos gezogen hatten, um zu bestimmen, wer sterben solle, um der Andern Leben zu fristen, wurden wir von einem Opiumklipper aufgenommen, der nach Canton zurückkehrte. Der Kapitain, ein Amerikaner, war sehr freundlich gegen uns und als wir im Hafen von Canton ankamen, eröffnete man eine Subscription unter den englischen Kaufleuten der Stadt und erwirkte uns freie Ueberfahrt nach England. Doch Rassen verrieth einige Dinge in der Betrunkenheit und zog Verdacht auf uns. Ich hatte dem Consul eine Geschichte von Schiffbruch erzählt und meinen Namen mit Wilson angegeben, vergaß aber, daß der Sextant, den wir im Boot bewahrt hatten, den Namen Bates trug. Alles dies erregte so viel Verdacht, daß der Consul Befehl gab, daß wir bei unsrer Ankunft in London vor das Polizei Gericht geführt werden sollten. Doch da kein Beweis gegen uns eingebracht wurde, so wären wir losgekommen, wenn nicht Dr. Pine zufällig im Gerichtshofe anwesend gewesen wäre, mich erkannte und meine Identität beschwor. Er war damals Arzt auf dem Transportschiffe Malabar gewesen. Wir wurden eingesteckt und um das Unglück voll zu machen, befand sich auch grade Mr. Capon, der Kerkermeister von Hobart Town in London, erkannte uns Alle und gab seinen Eid ab.
Unsre Geschichte wurde nun öffentlich bekannt und Barker und Lesley zeugten gegen Russen, so daß dieser wegen des Mordes an Lyons verurtheilt und hingerichtet wurde. Dann brachte man uns auf das Gefangenenschiff Leviathan, bis wir in der Lady Jane eingeschifft wurden, welche mit Deportierten nach Van Diemens Land ging. Dort sollten wir wegen unseres Verbrechens, an der Brigg Osprey begangen, verhört und verurtheilt werden. So kamen wir hier am 15. Dezember 1838 an.
* * *
Als Sylvia fast athemlos zum Schluß dieser merkwürdigen Erzählung gelangte, sanken ihre Hände in den Schoß und sie saß gedankenvoll da. Die Geschichte dieses verzweifelten Kampfes mit dem Leben war für sie voll von unbestimmten Schrecken.
Nie zuvor hatte sie völlig begriffen, unter welcher Art von Menschen sie lebte. Die mürrischen Menschen, die in Ketten arbeiteten oder auf den Ruderbänken saßen und in deren Gesichtern jeder Ausdruck fehlte, mußten doch ganz andre Menschen sein, als Rex und seine Gefährten. Ihre Einbildungskraft malte sich die Reise auf dem lecken Schiff weiter aus, die Sklaverei in Süd-Amerika, die mitternächtliche Flucht, die harte Ruderarbeit, die lange langsame Hungerqual, die Herzensangst nach der Wiedergefangennehmung und der neuen Einsperrung. Sicher mußte doch das Leben in den Strafkolonien ganz entsetzlich für Männer sein, daß sie sich solchen furchtbaren Gefahren aussetzten, um ihm zu entgehen. Gewiß besaß doch John Rex, der, allein und krank eine Meuterei unterdrückte und ein Schiff durch einen stürmischen Ocean führte, Eigenschaften, welche besser genutzt werden konnten, als um Steine klopfen. War denn die Ansicht von Maurice Frere richtig, daß diese Deportierten-Ungeheuer übernatürliche Kraft zum Dulden hatten, nur um durch unnatürliche und unmenschliche Strafmittel – mit Peitsche und Kette gezähmt und unterdrückt zu werden? Ihre Phantasie malte sich die Dinge immer weiter aus und sie dachte, in der sich jetzt verbreitenden Dämmerung mit Schaudern daran, wohin wohl diese verzweifelten Unglücklichen geführt werden könnten, wenn sie sich mal an ihren Peinigern rächten. Vielleicht war hinter jedem knechtischen, furchtsamen Gesicht, wie man es gewöhnlich unter den Gefangenen sah, so viel Muth und Verzweiflung verborgen, wie der, welcher die zehn armen Wanderer über den Großen Ocean beseelte!
Maurice hatte ihr gesagt, daß diese Leute ihre geheimen Zeichen und ihre geheime Sprache hatten. Sie hatte gerade ein Beispiel davon gesehen, wie dieser selbe Rex, – noch immer an Flucht denkend – eine verborgene Botschaft unter den Augen seiner Kerkermeister an seine Familie schicken konnte. Wenn nun die ganze Insel ein drohender Vulkan von Empörung und Mord war, – die ganze Deportierten- Bevölkerung eine eingefleischte Verschwörung, entstanden und verbunden durch die scheußliches Freimaurerei des Leidens und des Verbrechens! – Schrecklich daran zu denken und doch nicht unmöglich! —
Wie merkwürdig geht es doch in der Welt zu, daß dieser liebliche Fleck Erde gerade als Ort der Verbannung und der Strafe für die Ungeheuer der Civilisation ausgewählt ist!
Sie warf ihre Blicke umher und alle Schönheit der Landschaft schien verschwunden zu sein. Das anmuthige Laubwerk, welches so unbestimmt in dem Zwielicht zitterte, schien nur Schrecken und Verrätherei zu verbergen. Der Fluß floß so träge dahin, von Blut und Thränen angefüllt. Die Schatten der Bäume schienen ihr nur Gefahr und Grauen zu verbergen. Selbst der säuselnde Wind sprach nur von Seufzern, Drohungen und Racheflüchen. Erdrückt von dein Schrecken dieser Einsamkeit, griff sie hastig nach dem Schriftstück und wollte in’s Haus zurückkehren als plötzlich, wie aus der Erde durch ihre eigne Furcht hervorgerufen, eine Gestalt in Lumpen ihr den Weg vertrat.
Dem aufgeregten Mädchen schien dies die Verkörperung des unbekannten Bösen zu sein, das sie gefürchtet. Sie erkannte die gelbliche Kleidung und sah, wie sich gierige Hände ausstreckten, sie zu fassen. Sogleich erinnerte sie sich der Geschichte, die seit drei Tagen die Stadt in Aufregung versetzte. Der Desperado von Port Arthur, der entflohene Meuterer und Mörder stand vor ihr mit ungebundenen Armen, frei, sie nach seinem Willen zu zwingen.
»Sylvia, – bist Du es! O, endlich! Ich bin entflohen und will bitten – ach – Was? Du kennst mich nicht?!«
Beide Hände an ihre Brust drückend, trat sie einen Schritt zurück in furchtbarem Entsetzen.
»Ich bin Rufus Dawes,« sagte er und blickte ihr in die Augen, auf das Lächeln des Wiedererkennens harrend, – das nicht kam. »Rufus Dawes.«
Die Gesellschaft im Hause war von ihrem Wein aufgestanden, saß auf der breiten Veranda und horchte auf irgend ein Geschwätz des Geistlichen, als sich plötzlich ein Schrei hören ließ.
, »Was ist das?« rief Vickers. Frere sprang auf und blickte in den Garten hinab. Er sah zwei Gestalten, anscheinend mit einander ringen.
Ein Blick war genug, ein Schrei, – ein Sprung über die Blumenbeete fort, gerade auf den entflohenen Gefangenen los.
Rufus Dawes sah ihn kommen, aber sicher im Schutz des Mädchens, das ihm so viel schuldig war, trat er einen Schritt näher und achtungsvoll ihre Hand, die er ergriffen, loslassend, faßte er ihr Kleid.
»O hilf, Maurice, hilf,« rief Sylvia.
Ueber das Gesicht von Rufus Dawes zog ein Ausdruck von furchtbarer Bestürzung. Drei Tage lang hatte er Freiheit und Leben zu erhalten gesucht, um das einzige Wesen zu sprechen, das, wie er glaubte, ihn liebte. Nachdem er eine unvergleichliche Flucht mitten aus dem Gefängnis gewagt hatte, war er in der Nähe des Ortes verborgen geblieben, wo das Idol seiner Träume weilte, der Gefahr der Wiedergefangennahme sich aussetzend, nur um von ihr zwei Worte der Gerechtigkeit zu hören. Aber sie hörte nicht aus ihn, sie schreckte von ihm zurück und nun, – bei dem Klange seines Namens rief sie seinen Todfeind zu Hilfe! Solche ungeheuerliche Undankbarkeit war völlig unglaublich. Sie auch – das Kind, das er gepflegt und genährt, für das er jede Hoffnung auf Freiheit und Glück aufgegeben, das Kind, – von dein er geträumt, dessen Bild er angebetet, sie, – auch sie war gegen ihn! So gab es keine Gerechtigkeit mehr, – keinen Himmel – keinen Gott!
