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Kitabı oku: «Deportiert auf Lebenszeit», sayfa 22
Achtes Capitel.
Eine Flucht
Wenige Tage nachher, – am 23. Dezember wurde Maurice Frere durch eine sehr aufregende Nachricht in Unruhe versetzt. – Der bekannte Dawes war aus dem Gefängnis entronnen! —
Nun hatte Kapitain Frere gerade an demselben Nachmittage das Gefängnis besucht und ihm schien es, als ob die Hammer nie so schnell gefallen und die Ketten so fröhlich erklungen wären als bei Gelegenheit seines Besuches. »Sie denken an die Weihnachtsfeiertage, die Hunde!« hatte er zu dem Aufseher gesagt. »Sie denken an ihren Festpudding, die Schurken!« Der Deportierte ihm zunächst hatte gelacht wie Schuljungen und Gefangene zu lachen pflegen über die Witze ihrer Oberen. Alles schien zufrieden zu sein. Ueberdies hatte er, – in sehr witziger Laune – den armen Rufus Dawes mit seinem Unglück aufgezogen. »Der Schooner segelt morgen Mann, und Ihr werdet Euer Christfest in den Minen zubringen.« Rufus Dawes faßte als Antwort nur schweigend an seine Kappe und fuhr fort, Steine zu zerschlagen, worüber sich Frere gratulierte. »Nichts Besseres,« meinte er, »als doppelte Ketten und harte Arbeit, um einen Mann zahm zu machen.«
Als er nun am Nachmittage die staunenswerthe Nachricht erhielt, daß Rufus Dawes sich von seinen Ketten befreit hatte, am hellen Tage über die Gefängnismauer geklettert, die Macquarie Straße hinunter gelaufen war und jetzt wahrscheinlich sicher verborgen in den Bergen saß, war er ganz stumm vor Erstaunen.
»Wie zum Teufel, konnte es geschehen, Jenkins?« fragte er, sobald er den Gefängnishof erreichte.
»Gott soll mich strafen, Euer Gnaden, wenn ich es recht weiß,« sagte Jenkins. »Er war über die Mauer, ehe man das Wort »Messer« sagen konnte. Scott schoß und fehlte, dann hörte ich die Schildwache schießen, aber sie fehlte auch.«
»Fehlte ihn!« rief Frere. »Schöne Kerls seid Ihr allesammt! Ich glaube, Ihr könnt keinen Heuhaufen treffen auf zwanzig Schritt! Was, der Mann war nur drei Fuß von der Flinte ab!«
Der unglückliche Scott, der ganz melancholisch neben den leeren Eisenringen stand, murmelte etwas davon, daß die Sonne ihm gerade in die Augen geschienen hätte. »Ich weiß nicht, wie es kam, Sir. Ich hätte ihn müssen treffen, gewiß. Ich glaube, ich traf ihn auch, als er die Mauer hinauf kletterte.«
Einer, der den Ort nicht kannte und seine Sitten, hätte aus der Unterhaltung eben so gut entnehmen können, daß es sich um eine Jagdpartie handle.
»Erzählt mir Alles genau,« sagte Frere mit einem ärgerlichen Fluche.
»Ich drehte mich gerade um, Euer Gnaden, als ich Scott schreien höre: Hallo! Ich sehe zurück und sehe die Ringe und Ketten von Dawes auf der Erde und den Mann grade dort einen Haufen Steine hinaufklettern. Die beiden Männer hier rechts sprangen auf; ich glaube, es war unter ihnen abgemacht, und so zielte ich auf sie nach meinen Instruktionen und rief, daß ich den Ersten, der sich rühre, niederschießen würde. Da hörte ich Scotts Büchse, und die Männer schrieen laut. Als ich mich umsah, war er fort.«
»Niemand sonst rührte sich?«
»Nein, Herr, Ich war zuerst ganz verwirrt und dachte, sie wären Alle mit dabei, aber Parton und Haines kamen gleich und stellten sich zwischen mich und die Mauer, und dann kam Mr. Short und wir prüften die Eisen.«
»Alle in Ordnung?«
»Ja, Herr, alle in Ordnung, und sie schworen Alle, sie hätten nichts davon gewußt. Ich weiß Dawes’ Eisen waren ganz in Ordnung, als er zu Mittag ging.«
Frere bückte sich und prüfte die leeren Ringe. »Alles in Ordnung. Soll der Kerl gehängt werden!« sagte er.
»Wenn Ihr Eure Pflicht nicht besser kennt, so mögt Ihr je eher desto lieber wo anders hingehen, mein Freund. Seht her, die zwei Knöchelringe waren entzwei. Einer war augenscheinlich durchfeilt und der andere quer durchgebrochen. Der letztere war verbogen, wie von einem schweren Schlage.«
»Weiß nicht, woher er die Feile hat,« sagte der Aufseher Short.
»Weiß nicht! Freilich wißt Ihr’s nicht. Ihr Menschen seht nie etwas, bis das Unheil geschehen ist. Ihr braucht mich hier auf einen Monat oder so etwas. Ich werde Euch Eure Pflicht lehren! – Weiß nicht, – wenn solche Dinger wie dies umherliegen? Ich wundre mich, daß nicht der ganze Hof frei ist und beim Gouverneur speist.«
»Dies,« war ein Stück Steingut, welches Frere’s schnelles Auge unter dem zerbrochenen Metall entdeckt hatte.
»Ich könnte das stärkste Eisen damit durchfeilen, und das konnte er und das könnten Viele, darauf will ich wetten. Sie guten sollen bei mir auf der Sara-Insel sein, Mr. Short. – Ich weiß nicht!«—
»Nun, Kapitain Frere, – das ist ein Zufall,« sagte Short, »und kann nicht geändert werden.«
»Ein Zufall,« brüllte Frere. »Was habt Ihr mit Zufällen u thun? Wie in des Teufels Namen könnt Ihr einen Mann über die Mauer lassen?«
»Er lief den Steinhaufen hinauf,« sagte Scott, »und schien auf das Dach des Schuppens zu springen. Ich schoß auf ihn und er schwang seine Beine über die Mauer und ließ sich dann hinabfallen.«
Frere maß die Entfernung mit seinem Auge, und ein nicht zu unterdrückendes Gefühl der Bewunderung, welches aus seiner eigenen Geschicklichkeit in Leibesübungen entsprang, erfaßte ihn in dem Augenblick. »Beim Lord Harry, – das ist ein Sprung!« rief er und dann fügte er in der instinktiven Furcht, die er vor dem Deportierten hatte, dem er so schreiendes Unrecht gethan, hinzu: »Ein so verzweifelter Bursche würde auch vor einem Morde nicht zurückweichen, wenn er hart bedrängt wäre. – Wohin lief er?«
»Gerade die Macquarie-Straße hinauf und dann nach den Bergen zu. Es waren nur wenige Leute auf der Straße, Mr. Mays vom Stern wollte ihn aufhalten, aber er rannte ihn über den Haufen. Er sagt, der Kerl liefe wie ein Hirsch.«
»Wenn wir ihn heute Abend nicht wieder haben, muß eine Belohnung ausgeboten werden,« sagte Frere, sich abwendend, »und Sie sollten eine Extra-Wache aufstellen. Diese Art von Streichen ist ansteckend.« Damit ging er nach den Kasernen zu.
Von rechts nach links, von Ost nach West, durch die ganze Gefangenenstadt flogen die Alarmsignale und die Wachen, die große Straße nach New-Norfolk lang marschierend, suchten in großer Eile und heftigem Eifer die Spur des Flüchtlings. Doch die Nacht kam und er war noch in Freiheit, und die Patrouille, müde und entmuthigt zurückkehrend, behauptete, daß er sich in einer Schlucht der lauen Berge, welche die Stadt überragten, verborgen haben, und daß er wohl durch Hunger gezwungen werden müsse, sich auszuliefern. Indeß lief die gewöhnliche Botschaft durch das Land und so bewundernswerth waren die Einrichtungen, welche der Reformator Arthur in’s Werk gesetzt hatte, daß noch ehe der Mittag des nächsten Tages herankam, jede Küstenstation benachrichtigt war, daß No. 8942, lebenslänglicher Gefangener, unrechtmäßiger Weise sich in Freiheit befände. Dieser Nachricht wurde noch durch einen Artikel in der Zeitung, betitelt »Die kühne Flucht« nachgeholfen. Daß der Regierungsschooner, die Mary Jane, nun ohne Rufus Dawes nach Port Arthur absegelte, kümmerte die Welt danach wenig.
Doch zwei oder drei Personen kümmerten sich sehr viel darum. Zuerst Major Vickers, der sehr empört war, daß seine gerühmte Sicherheit an Riegeln und Ketten so wenig vor der Schlauheit eines Gefangenen Stich gehalten hatte. In demselben Verhältniß stieg der Aerger und die Wuth der Herren Scott und Jenkins noch höher, denn sie waren ihres Amtes sogleich enthoben und ihnen mit völliger Entsetzung gedroht. Mr. Meekin war entsetzlich erschrocken über die Thatsache, daß ein so gefährliches Ungeheuer losgelassen und in unheimlicher Mordsnähe seine geheiligte Person vielleicht umkreise. Sylvia hatte Zeichen heftiger, nervöser Angst gegeben, die um so peinlicher war, als sie mit aller Anstrengung von ihr unterdrückt wurde. Kapitain Maurice Frere war augenscheinlich ein Raub der grausamsten Unruhe. Er war zehn Minuten nachdem er die Kasernen erreicht, im Galopp davon geritten und hatte die wenigen Stunden des Tageslichts, welche noch blieben, dazu benutzt, um das Land nach Norden zu abzusuchen. Bei Tagesanbruch am nächsten Tage war er fort in die Berge und untersuchte mit einem Bluthunde hinter sich so viel von den wüsten Schluchten und öden Thälern, als ihm die Bodenbeschaffenheit irgend gestattete. Er hatte sich persönlich erboten, die Belohnung zu verdoppeln, und hatte selbst eine Anzahl von verdächtigen Personen verhört. Man wußte, daß er das Gefängnis wenige Stunden vor der Flucht inspiziert hatte und seine Anstrengungen wurden deshalb ebenso seinem Eifer wie seinem Aerger zugeschrieben.
»Unser lieber Freund meint, daß sein Ruf aus dem Spiele stehe,« sagte der künftige Kaplan von Port Arthur zu Sylvia beim Weihnachtsessen.
»Er ist so stolz aus seine Kenntnis dieser unglücklichen Leute, daß er es nicht ertragen kann, von Einem unter ihnen überlistet zu werden.«
Trotz alledem war und blieb Rufus Dawes verschwunden. Der fette Wirth vom Stern war die letzte Person, die ihn gesehen, und die fliehende gelbe Gestalt schien so vollständig verschlungen in dem warmen, hellen Sommer-Nachmittag, als ob er sich in die dunkelste Nacht gestürzt, die je auf die Erde sank.
Neuntes Capitel.
Ein Brief in die Heimath von John Rex
Der kleine Kreis, von dem Major Vickers zu Mr. Meekin gesprochen hatte, hatte sich mehr ausgebreitet, als er zuerst beabsichtigte. Statt eines stillen Mittagsessens, bei welchem nur seine eigene Familie, seiner Tochter Verlobter und der fremde Prediger gegenwärtig sein sollten, fand sich der Major noch mit den Damen Protherick und Jellicoe, Mr. Mac. Nab von der Garnison und Mr. Pounce vom Civil beehrt. Sein ruhiges Weihnachts-Mittagessen hatte sich in eine Abendgesellschaft verwandelt.
Die Unterhaltung drehte sich um die gewöhnlichen Gegenstände.
»Irgendetwas von dem Kerl, dem Dawes, gehört?« fragte Mr. Pounce.
»Noch nicht,« antwortete Frere etwas mürrisch. »Aber er muß bald gefaßt werden. Ich habe ein Dutzend Mann in den Bergen.«
»Ich glaube, es ist nicht leicht für einen Gefangenen, seine Flucht auszuführen,« sagte Meekin.
»O er braucht nicht gefangen zu werden,« sagte Frere, »wenn Sie das meinen. Er wird bald vor Hunger sterben. Die Buschläufertage sind vorüber und es ein schlechtes Ding für einen Mann, im Busch zu leben.«
»Ja sicher,« sagte Mr. Pounce, seine Suppe schlürfend. »Diese Insel scheint von der Vorsehung ganz besonders dazu bestimmt zu sein, als Deportierten-Kolonie zu dienen, denn bei dem herrlichsten Klima trägt sie doch fast gar keine Früchte, welche das menschliche Leben fristen könnten.«
»Nun,« sagte Mac Nab zu Svlvia, »ich glaube, die Vorsehung hat keine Deportierten-Kolonien beabsichtigt, als sie dies schöne Eiland schuf.«
»Das glaube ich auch nicht,« sagte Sylvia.
»Ich weiß doch nicht,« sagte Mrs. Protherick, »denn der selige Protherick sagte oft, eine allmächtige Hand müsse dies Land zu einer Straf-Kolonie geschaffen haben, weil es so merkwürdig öde sei.«
»Ja, Port Arthur könnte nicht besser passen, wenn es selbst zu dem Zweck geschaffen wäre,« sagte Frere. »Und die ganze Küste entlang von Tenby nach St. Helens ist auch nicht ein Bissen zu finden, von dem ein Mensch leben könnte. Die Westküste ist noch schlimmer. Bei Georg, Sir, ich erinnere mich in früheren Tagen —«
»Uebrigens,« sagte Meekin, »ich habe Ihnen etwas zu zeigen. Das Bekenntnis von John Rex. Ich brachte es absichtlich mit.«
»Rex’s Bekenntnis!«
»Die Erzählung seiner Abenteuer, nachdem er Macquarie Harbour verlassen. Ich will es dem Bischof schicken.«
»O, ich möchte es lesen,« sagte Sylvia mit erhöhter Farbe. »Die Geschichte dieser unglücklichen Leute hat ein persönliches Interesse für mich, wissen Sie.«
»Eine verbotene Sache, Poppet.«
»Nein, Papa, nicht mehr verboten, denn es greift mich nicht mehr so an, wie früher. Sie müssen es mich lesen lassen, Mr. Meekin.«
»Lauter Lügen, glaube ich,« sagte Frere mürrisch. »Der Schurke Rex kann die Wahrheit nicht sprechen und wenn er sein Leben damit retten sollte.«
»Sie verkennen ihn, Kapitain Frere,« sagte Meekin. »Alle Gefangenen sind nicht so verhärtete Bösewichter wie Rufus Dawes. Rex, glaube ich, bereut wahrhaft und hat einen rührenden Brief an seinen Vater geschrieben.«
»Einen Brief,« sagte Vickers. »Sie wissen, daß nach des Königs, – nein der Königin Verordnungen es nicht erlaubt ist, daß die Gefangenen Briefe an ihre Freunde schicken, die nicht vorher durch die Hände der Vorgesetzten gegangen sind.
»Das weiß ich, Major, und darum habe ich ihn mitgebracht, damit sie ihn selbst lesen. Er scheint mir von einem wahren Hauch von Frömmigkeit durchweht zu sein.«
»Lassen Sie sehen,« sagte Frere.
»Hier ist er,« erwiderte Meekin und brachte ein Päckchen zum Vorschein. »Wenn das Tischtuch fortgenommen ist, so will ich die Erlaubniß der Damen erbitten, den Brief laut vorzulesen. Er ist sehr interessant.«
Ein Blick des Erstaunens wurde zwischen den Damen Protherick und Jellicoe gewechselt. Der Gedanke, den Brief eines Gefangenen interessant zu nennen! Aber Mr. Meekin war freilich ein Neuling am Ort.
Frere drehte das Päckchen zwischen seinen Fingern herum und las!
John Rex Senior,
zu Händen des Mr. Blick,
38 Bischopsgate Straße
London.
»Warum schreibt er nicht direkt an seinen Vater,« sagte er. »Wer ist Blick?«
»Ein würdiger Kaufmann, sagt man mir, in dessen Comtoir der unglückliche Rex seine jüngeren Jahre verlebte. Er hat eine ziemlich gute Erziehung, wie Sie bemerken werden.«
»Gebildete Gefangene sind immer die schlimmsten,« sagte Vickers. »James, mehr Wein. Wir trinken sonst keine Gesundheiten, aber heute am Weihnachtstage – »Ihre Majestät die Königin!«
»Hört, hört, hört,« rief Frere.
»Ihre Majestät die Königin!«
Nachdem er diesen patriotischen Toast mit vielem Eifer getrunken hatte, schlug Vickers vor:
»Seine Excellenz Sir John Franklin!« welcher Toast ebenfalls viel Beifall fand.
»Nun ein fröhliches Weihnachtsfest und ein glückliches neues Jahr für Sie, Herr,« sagte Frere, noch mit dem Briefe in der Hand. »Gott segne uns Alle!«
»Amen!« sagte Meekin fromm. »Wir wollen darauf hoffen, und nun, meine Damen, der Brief!l Ich werde Ihnen das Bekenntnis hernach vorlesen.« Er öffnete den Brief mit der religiösen Verzückung eines Arbeiters im Weinberge des Evangeliums, der seine erste Rebe treiben sieht.
Das gute Geschöpf begann:
Hobart-Town, 27. Dezember 1838.
»Mein theurer Vater. In allen Wechseln, Veränderungen und Fehlern meines bunten Lebens ist meinen gequälten Gefühlen nie eine schmerzlichere Aufgabe geworden als die, von diesem traurigen Ort aus an Dich zu schreiben, – von diesem seeumgürteten Gefängnis, auf dessen Strand ich stehe, ein zerstörtes Denkmal, – von den widrigen Winden des Schicksals an die Grenzen schwarzer Verzweiflung getrieben, bis in die Schlünde des bittersten Elends.«
»Poetisch,« sagte Frere.
»Ich bin wie ein riesenhafter Baum des Waldes, der manchen Wintersturm und Orkan aufgehalten hat, der aber nun nichts mehr ist als ein trockener Stamm, dessen zarteste, grüne Zweige alle abgerissen sind. Obgleich ich mich jetzt den mittleren Jahren nähere, fülle ich leider keine Stellung aus, die mir Ehre und Ansehen gibt. Nein, ich werde sogar bald das Kleid der Erniedrigung tragen und das Abzeichen und Brandmal der Schmach in P. A., welches so viel heißt wie Port Arthur, des Schurken Heimath.«
»Armer Mensch,« sagte Sylvia.
»Nicht wahr, rührend?« sagte Meekin und fuhr fort:
»Ich bin mit herzzerreißender Angst und Seelenqual auf eine Stufe gestellt mit dem Auswurf der menschlichen Gesellschaft.
Meine gegenwärtigen Verhältnisse wirst Du genau beschrieben finden in dein 102. Psalm, im vierten Verse bis einschließlich zum zwölften Verse, die ich Dich, lieber Vater genau zu lesen bitte, ehe Du hiermit weiter fortfährst.«
»Hallo,« sagte Frere, sein Taschenbuch herausziehend, – »was ist das? Bitte, lesen Sie die Zahlen noch ein Mal.«
Mr. Meekin that es und Frere grinste. »Fahren Sie fort,« sagte er. »Ich werde Ihnen hernach etwas in dem Briefe zeigen.«
»O mein lieber Vater, ich bitte Dich, vermeide das Lesen von profanen Büchern. Laß Deine Gedanken bei heiligen Dingen verweilen und arbeite fleißig, damit Du zu Gnaden kommst. Psalm 73, V. 2. Ich habe Hoffnung in meiner trostlosen Lage. Psalm 35, V. 18. Denn der Heer unser Gott ist barmherzig und leiht sein Ohr der Gnade.«
»Gotteslästerlicher Hund,« sagte Vickers. »Sie glauben das Alles doch nicht?«
Der Prediger blickte ihn vorwurfsvoll an:
»Warten Sie, Sir bis ich zu Ende bin.«
»Der Parteigeist ist sehr stark, selbst im Gefängnis Van Diemens Land. Leider muß ich sagen, daß eine sehr freie Presse in einem hohen Grade von Hohn und Schimpf sich gefällt, während die Behörden doch von allen wohlwollenden Personen geachtet werden, obgleich Manche versuchen, sie dem Haß und der Verachtung der Gefangenen auszusetzen. Doch bin ich sehr glücklich, sagen zu können, daß alle ihre Anstrengungen ohne Erfolg sind, aber dessen ungeachtet, lies eine Zeitung aus der Kolonie. Es ist so viel Possenreißerei und Tadelsucht in dem Inhalt.«
»Das geht auf Sie, Frere,« sagte Vickers lächelnd. »Sie erinnern sich, was über Ihre Gegenwart bei dem Wettrennen gesagt wurde.«
»Freilich,« sagte Frere. »Ein schlauer Schurke! Weiter, Mr. Meekin, bitte weiter.
»Ich glaube sicher, daß Du Berichte über Grausamkeit und Tyrannei der Kerkermeister gegen die Gefangenen hören wirst, die von boshaften und schlechtgesinnten Neidern und Hassern der Regierung und der Regierungsbeamten verbreitet werden. Um aufrichtig zu sein, dies ist nicht der schreckliche Platz, wie ihn rachsüchtige Schriftsteller schildern. Zuweilen wird starkes Peitschen und schwere Fesseln gebraucht, doch nur in seltenen Fällen. Für leichte Uebertretungen der Disziplin gibt es fast nur nominelle Strafen. So weit ich eine Gelegenheit habe, zu urtheilen, ist das Peitschen niemals unverdient angewandt worden.«
»So weit er damit gemeint ist, gewiß nicht,« sagte Frere, indem er eine Walnuss aufbrach.
»Die Bibelstellen, welche unser Prediger angeführt hat, haben mich sehr getröstet und ich bin ihm sehr dankbar dafür, denn nach dem übereilten Versuch, den ich machte, mir meine Freiheit zu verschaffen, habe ich alle Ursache, für die Gnade dankbar zu sein, die man mir bewiesen hat. Tod, der schrecklichste Tod Leibes und der Seele wäre mein Theil gewesen, aber ich bin für die Reue bewahrt. Joh. 3. Ich bin jetzt er Bitterkeit anheimgefallen. Der Kaplan, ein frommer Herr, sagt, es bezahle sich nie wirklich, zu stehlen. Sammelt aber Eure Schätze im Himmel, wo weder Motten noch Rost sie fressen. – Ehrlichkeit ist die beste Politik, davon bin ich überzeugt, und ich möchte um tausend Pfund nicht meine üblen Thaten von Neuem beginnen. Psalm 38, V. 14. Wenn ich an die glücklichen Tage denke, welche ich einst mit dem guten Mr. Blick verlebte, in dem alten Pause im Blauen Anker Hof und nun mich erinnere, da ich seit jener glücklichen Zeit in Sünde verfallen bin und Waaren gestohlen und Uhren, Knöpfe und Ringe sowohl wie Juwelen, – daß ich ein gewöhnlicher Dieb geworden bin, – so zittere ich vor Reue und fliehe zum Gebet. – Psalm 5. O was für Sünder sind wir!l Laß mich kosten, Herr, daß nun, da ich durch Deine Gnade außerhalb der Versuchung stehe, ich sicher lebe und daß ich auch eines Tages um Jesu willen Gnade finde wegen meiner Sünden. Mancher Wahnsinn hat Methode in sich, aber der Wahnsinn der Sünde hält uns so ohne Hoffnung des Entkommens. Das ist, geliebter Vater, meine Hoffnung und mein Vertrauen für mein ferneres Leben hier. – Psalm 75. Ich verdanke mein körperliches Wohlbefinden dem Kapitain Maurice Frere, der so gütig war, über mein Benehmen bei der Angelegenheit des Osprey zu sprechen, als ich mit Shires, Barker und Anderen mich des Schiffes bemächtigte. Bete für Kapitain Frere, mein theurer Vater. Er ist ein guter Mann, und wenn auch seine Amtspflicht schwer zu erfüllen ist und seinen Gefühlen entgegen, so gestattet er doch nie, als öffentlicher Beamter, daß seine Privatgefühle, seien es die der Rache oder der Gnade, sich zwischen ihn und seine Pflicht stellen.«
»Verdammter Schuft,« murmelte Frere, dunkelroth werdend.
»Grüße herzlich Sara und den kleinen William und alle Freunde, welche sich meiner noch freundlich erinnern und laß sie gewarnt sein durch mein Schicksal, damit sie sich des Bösen enthalten. Ein gutes Gewissen ist besser als Gold, und kein Besitz kann das Elend wieder gut machen, in das man verfällt, wenn man sich dem Verbrechen ergibt.
»Ob ich Dich, theurer Vater, je wiedersehen werde, ist mehr als ungewiß. Mein Urtheil lautet auf Lebenszeit, wenn nicht etwa die Regierung ihre Pläne mit mir ändert und mir eine Gelegenheit gibt, durch harte Arbeit meine Freiheit wieder zu erlangen. Der Segen des Himmels sei mit Dir, mein Vater, und mögest Du weiß gewaschen werden im Blute des Lammes. Das ist das Gebet Deines unglücklichen Sohnes
John Rex.
P.s. Und wenn Deine Sünden blutroth sind, so sollen sie weiß werden wie Schnee.«
»Ist das Alles?« fragte Frere.
»Das ist Alles, Sir, und ein sehr ergreifender Brief.«
»Ja, das ist er,« sagte Frere, »aber bitte, geben Sie ihn mir einen Augenblick, Mr. Meekin.«
Er nahm das Papier und die Zahlen der Texte durchgehend, welche er in seinem Taschenbuch angemerkt hatte, runzelte er seine Brauen über Mr. Rex’s gottlose und heuchlerische Epistel.
»Ich dachte es mir,« sagte er endlich. »Jene Texte sind nicht umsonst geschrieben. Es ist ein alter Streich, aber geschickt gemacht.«
»Was meinen Sie?« fragte Meekin.
»Meinen!« rief Frere mit einem wohlgefälligen Lächeln über seine eigne Schlauheit. »Dieser kostbare Brief enthält eine sehr gute Benachrichtigung für Mr. Blick, – wer er auch ein mag. Irgend ein Hehler vermuthlich. Sehen Sie her, Mr. Meekin. Nehmen Sie den Brief und den Bleistift und fangen Sie bei der ersten Bibelstelle an. Der hundert und weite Psalm vom vierten Verse bis zum zwölften einschließlich, – sagt er nicht so? Sehr gut! Das sind neun Verse, nicht? Gut, nun unterstreichen Sie neun aufeinanderfolgende Worte von dem zweiten Wort, welches unmittelbar der nächsten’, angeführten Bibelstelle folgt: »Ich habe Hoffnung 2c. Haben Sie es?«
»Ja,« sagte Meekin erstaunt, während sich alle Köpfe über den Tisch lehnten.
»Gut. Nun ist seine Stelle, der achtzehnte Vers des fünf und dreißigsten Psalmes, nicht wahr? Zählen Sie achtzehn Worte weiter und unterstreichen Sie fünf aufeinander folgende Worte.
Haben Sie das gethan?«
»Einen Augenblick, – sechzehn, siebzehn, achtzehn »Behörden.«
»Nun zählen Sie und unterstreichen Sie in derselben Art, bis Sie zu dem Worte Text oder Bibelstellen kommen. – Vickers, bitte um etwas Claret.«
»Ja,« sagte Meekin nach einer Pause. »Hier ist es. Die Bibelstellen, welche unser Kaplan anführt! – Aber ich muß bitten, Mr. Frere!« —
»Noch einen Augenblick, « rief Frere.
»Welches ist die nächste Stelle? – Johanni III. Also jedes dritte Wort. Unterstreichen Sie jedes dritte Wort, welches mit O beginnt unmittelbar nach den Bibelworten bis Sie zu einer neuen Stelle kommen. Haben Sie es? Wie viele Worte sind es?«
»Sammelt aber Eure Schätze im Himmel, wo weder Motten noch Rost sie fressen,« sagte Meekin, ein wenig empört. »Dreizehn Worte.«
»So zählen Sie dreizehn Worte ab und unterstreichen das dreizehnte. Ich weiß, was es mit diesen Bibelstellen auf sich hat.«
»Das Wort »tausend Pfund,« sagte Meekin. »Ja.«
»Dann ist noch eine andre Stelle. Acht und dreißigste, nicht wahr – Psalm und der vierzehnte Vers. Machen Sie es ebenso wie vorher – zählen Sie vierzehn Worte und dann unterstreichen Sie acht hinter einander. Wohin kommen Sie?«
»Der fünfte Psalm.«
»Also jedes fünfte Wort. Weiter mein lieber Herr, weiter. »Methode es Entkommens« – ja. Der hundertste Psalm bedeutet einen Punkt. Welcher Vers? – Nun der fünf und siebzigste. – Also zählen Sie fünf und siebzig Worte und dann unterstreichen Sie.«
Während einiger Augenblicke war Alles still. Mr. Meekin zählte. Der Brief war wirklich sehr interessant.
»Nun lesen Sie Ihre ausgezogenen Worte, Meekin. Lassen Sie sehen, ob ich recht habe.«
Mr. Meekin las mit allmählich röther werdenden Wangen.
»Ich habe Hoffnung, in meiner trostlosen Lage – ein Gefängnis – Van Diemens Land – die Behörden werden – Haß und Verachtung der Gefangenen – lies Zeitungen der Kolonie – Berichte über Grausamkeit und Tyrannei – der Kerkermeister gegen die Gefangenen – starkes Peitschen und schwere Fesseln – für leichte Uebertretungen der Disziplin – Ich – komme – der – frommer – es – bezahlt – taufen Pfund – in dem alten Hause im Blauen Anker Hof – Waaren gestohlen und Uhren, Knöpfe und Ringe sowohl wie Juwelen – sind – jetzt – untergebracht – sicher – Ich – will – finden – eine – Methode – des Entkommens – dann – zur – Rache.« —
»Nun,« sagte Frere und sah sich triumphierend um, »was sagen Sie nun?«
»Sehr merkwürdig,« sagte Pounce. »Wie machten Sie es ausfindig, Frere?«
»O, das ist nichts,« sagte Frere und meinte, es sei sehr viel.
»Ich habe alle diese Dinge viel studiert und dies ist ganz gewöhnlich gegen Andre, die ich gesehen. Aber es ist fromm, nicht wahr, Meekin?«
Mr. Meekin stand zornig auf.
»Es ist sehr unfreundlich von Ihnen, Kapitain Frere. Ein guter Spaß ohne Zweifel, aber erlauben Sie mir zu sagen, daß ich keine Späße über solche Dinge liebe. Warum des armen Menschen Brief an seinen alten Vater zum Gegenstand des Spottes gemacht wird, kann ich nicht begreifen. Er war mir in meiner Eigenschaft als christlicher Pastor anvertraut.«
»Das ist es grade. Der Kerl lacht über die Pastoren, verzeihen Sie und unter dem Vorwände Ihrer »geheiligten Eigenschaften« spielt er Ihnen Streiche. Wie der Hund gelacht haben mag, als er Ihnen den Brief gab!«
»Kapitain Frere,« sagte Mr. Meekin, die Farbe vor Wuth und Aerger wechselnd, wie ein Chamäleom »Ihre Auslegung ist sicher eine unrichtige, dessen bin ich gewiß. Wie könnte der arme Mann wohl solch’ ein Stück Kryptographie verfassen?«
»Wenn Sie meinen, sehen Sie doch das Ding an,« sagte Frere. »Er hatte doch eine Bibel, denke ich, während er schrieb?«
»Gewiß gestattete ich ihm den Gebrauch des heiligen Buches, Kapitain Frere. Es würde sich für mein Amt wohl nicht gepaßt haben, wenn ich ihm solches verweigert hätte.«
»Natürlich. Das ist’s, womit Ihr Pfarrer Euch immer einmischt. Wenn Sie Ihr Amt in die Tasche stecken möchten und lieber Ihre Augen ein wenig aufmachen?«
»Maurice, lieber Maurice!«
»Ich bitte um Verzeihung, Meekin,« sagte Frere in ungeschickter Art, – »aber ich kenne diese Burschen. Ich habe mit ihnen zusammen gelebt, bin mit ihnen auf einem Schiff zusammen hergekommem habe mit ihnen gesprochen, getrunken und kenne alle ihre Streiche, – wissen Sie. Die Bibel ist das einzige Buch, das sie in die Hände bekommen und Bibelstellen sind das Einzige, das sie lernen und das ihnen gelehrt wird. Da sie nun bis oben hin voll Schurkereien und Pläne und Verschwörungen sind, mit welchem andern Buche sollten sie sich bei ihren höllischen Anschlägen helfen als mit dem Einen, das der Kaplan zu ihrem Textbuch gemacht hat. Und Maurice stand ärgerlich auf, – doch nicht ohne einen Anflug von Selbstzufriedenheit.
»Ach, es ist wirklich schrecklich,« sagte Meekin, der nicht übelwollend war, sondern nur selbstgefällig, – »ganz schrecklich in der That.«
»Aber unglücklicher Weise wahr,« sagte Mr. Pounce. »– Eine Olive, – nein danke.«
»Bei meiner Seele,« schrie der ehrliche Mac Nab, »das ganze, System scheint mir wenig geeignet, Besserung herbei zu führen.«
»Mr. Mac Nab, bitte um den Portwein,« sagte der ebenfalls ehrliche Vickers, dessen Hände und Füße durch das Reglement fest gebunden sind. Und so wurde eine vielleicht bedenkliche Diskussion über die Gefangenen-Disciplin im Keim erstickt. Aber Sylvia, vielleicht durch Neugier getrieben, vielleicht auch durch den Wunsch, des Predigers Kummer zu, mindern, nahm, als sie an Mr. Meekin vorüber ging »das Bekenntnis,« welches uneröffnet neben seinem Glase lag, in die Hand und mit hinaus.
»Nun, Mr. Meekin,« sagte Vickers, als sich die Thür hinter den Damen schloß, – »schenken Sie sich ein. Es thut mir leid, daß es so mit dem Briefe seine Bewandtnis hat, aber Sie können sich auf Frere darin verlassen, das versichre ich Sie. Er weiß mehr von den Deportierten, als irgend ein Mensch auf der ganzen Insel.«
»Ich lebe, Kapitain Frere, daß Sie die Verbrecherklassen zu Ihrem Studium gemacht haben?«
»Das habe ich, Sir und kenne jede List und jeden Streich von ihnen. Ich will Ihnen meinen Grundsatz mittheilen, – ich glaube irgend ein Franzose hatte ihn auch: Trenne und siege! Man muß alle die Hunde zu Spionen unter sich machen.«
»O« sagte Meekin.
»Das ist der einzige Weg. Was denken Sie, Herr, – wenn die Gefangenen einander so treu wären, wie wir uns, so könnten wir die Insel keine Woche halten! Grade, weil kein Mann dem andern trauen kann, darum mißlingt jede Meuterei.«
»Ich denke, es muß so sein,« sagte der arme Meekin.
»Ja, so ist es, bei George. Wenn ich meinen Willen hätte, so dürfte kein Gefangener ein Wort zu seinem Nachbar zur Rechten sagen, ohne daß es der Nachbar zur Linken wiederholte. Ich würde die Kerls vorwärts bringen, welche angeben und die Schurken zu ihren eignen Aufsehern machen. Ha, ha, ha!«
»Aber solch erfahren, wenn es auch vielleicht in mancher Beziehung nützlich wäre, würde doch Unheil hervorbringen. Es würde die schlechtesten Leidenschaften unsrer gefallenen Natur aufregen und zu endlosen Lügen und zur Tyrannei führen. Gewiß würde es das.«
»Warten Sie nur,« rief Frere. Vielleicht werde ich eines Tages die Gelegenheit dazu haben und dann will ich es versuchen. Deportierte! Beim Lord Harry, Herr, es gibt nur eine Art, sie zu behandeln: gebt ihnen Tabak, wenn sie vernünftig sind und peitscht sie, wenn sie es nicht sind.«
»Schrecklich,« sagte der Geistliche mit einem Schauder. »Sie sprechen von ihnen, als wären sie wilde Thiere.«
»Das sind sie auch,« sagte Maurice Frere ruhig.
