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Kitabı oku: «Deportiert auf Lebenszeit», sayfa 25
Vierzehntes Capitel.
Mr North Krankheit
»Sie werden bald finden, daß dies ein schrecklicher Ort ist, Mr. Meekin,« sagte North zu seinem Nachfolger, als sie um Kommandanten zum Mittagessen hinübergingen. »Mein Herz ist hier krank geworden.«
»Ich dachte, es sei ein kleines Paradies,« sagte Meekin. »Kapitain Frere sagt, die Landschaft sei entzückend.«
»So ist es,« sagte North, ihn fragend anblickend, »aber die Gefangenen sind nicht entzückend.«
»Arme, verlassene Unglückliche,« sagte Meekin. »Ich glaube das auch nicht. Wie herrlich das Mondlicht auf dem Ufer ruht!«
»Verlassen, – ja, – fast von Gott und Menschen!«
»Mr. North, die Vorsehung verläßt auch den Unwürdigsten nicht. Ich habe nie den Gerechten verlassen gesehen, noch seinen Samen um Brod bitten! Im Thal der Schatten des Todes ist er mit uns. Sein Stab, – wissen Sie, Mr. North. – Wirklich das Haus des Kommandanten liegt herrlich.«
Mr. North seufzte wieder.
»Sie sind noch nicht lange in der Kolonie, Mr. Meekin. Ich zweifle, verzeihen Sie, ob Sie unser Gefangenen-System kennen?«
»Ein bewundernswerthes, ein höchst bewundernswerthes,« sagte Meekin. »Es gibt freilich einige Dinge, die ich in Hobart Town bemerkte und die nicht ganz meinen Beifall hatten, zum Beispiel, daß man solche unheilige Sprache führte, – aber im Ganzen – ja – war ich entzückt von dem Systeme. Es ist so vollendet.«
North warf seinen Mund auf.
»Ja, es i vollendet,« sagte er, »fast zu vollendet. Aber ich bin immer in der Minorität, wenn diese Fragen behandelt werden, darum wollen wir es lieber fallen lassen, wenn es Ihnen gefällig ist.«
»Wenn es Ihnen gefällt ist, ja,« sagte Meekin ernsthaft.
Er hatte von dem Bischof gehört, daß Mr. North ein sehr übel berathener Mann sei, der aus Thonpfeifen rauche, gesehen worden war, wie er Bier aus Krügen trank, ja er hatte sogar ausgesprochen, daß weiße Halsbinden gar nichts bedeuteten. Das Mittagessen ging sehr gut von Statten. Burgeß der wohl wünschen mochte, dem Kaplan, welchen der Bischof in seinen Schutz nahm, einen günstigen Eindruck zu machen, hielt mit seinem Fluchen zurück und war ganz zugänglich.
»Sie werden uns für nicht sehr fein halten, Mr. Meekin, aber Sie werden uns immer auf dem Platz finden, wenn es sein muß. Dies ist hier ein kleines Reich für sich.«
»Wie das von Beranger,« lächelte Meekin. Kapitain Burgeß hatte nie von Beranger gehört, aber er lächelte wieder, als wenn er dessen Gedichte auswendig wüßte.
»Oder wie Sancho Pansa’s Insel,« sagte North. »Sie wissen doch wie dort die Gerechtigkeit gehandhabt wurde?«
»In diesem Augenblick nicht,« sagte Burgeß mit Würde. Er hatte oft das Gefühl, als wenn der ehrwürdige Mr. North sich über ihn lustig machen wolle. »Bitte, nehmen Sie noch etwas Wein!«
»Danke, nein,« sagte North und füllte sein Glas mit Wasser. »Ich habe Kopfweh.«
Seine Art, dies zu sagen, war so sonderbar, daß Alle schwiegen und Jeder sich wunderte, daß North so in Verwirrung gerieth und mit seinen Fingern auf den Tisch trommelte und nach allen Seiten starrte, doch niemals sein Glas ansah.
Meekin, immer gefaßt, war der Erste, welcher sprach: »Haben Sie häufig Besucher, Kapitain Burgeß?« «
»Seht wenige. Zuweilen kommt eine Gesellschaft mit einer Empfehlung des Gouverneurs her; dann führe ich sie herum, aber für gewöhnlich sind wir allein.«
»Ich fragte,« sagte Meekin, »weil Freunde von mir die Absicht hatten herzukommen.«
»Und wer sind sie?«
»Kennen Sie Kapitain Frere?«
»Frere? Das sollte ich meinen,« sagte Burgeß mit einem Lachen, das dem Frere’s ähnlich war. »Ich stand mit ihm auf Sara Island zusammen. So, der ist Ihr Freund?«
»Ich hatte das Vergnügen, ihn in Gesellschaft zu treffen. Er hat sich so eben verheirathet.«
»So, so,« sagte Burgeß.
»Den Teufel auch! Ich hörte etwas davon.«
»Miß Vickers, ein reizendes Mädchen. Sie wollen nach Sydney gehen, wo Kapitain Frere etwas zu thun hat und aus dem Wege dahin wollen Sie Port Arthur sehen?«
»Ein sonderbarer Gedanke – solche Hochzeitsreise!« sagte North.
»Kapitain Frere hat sehr viel Interesse für Alles, was die Disziplin der Gefangenen betrifft,« fuhr Meekin fort, die Unterbrechung nicht beachtend, »und er wünscht, daß Mrs. Frere auch diesen Platz sehen sollte.«
»Ja, man muß die Kolonie nicht verlassen, ohne ihn gesehen zu haben,« sagte Kapitain Burgeß. »Er ist sehr sehenswerth.«
»Das meint Kapitain Frere auch. Eine romantische k Geschichte, Kapitain Burgeß. Er rettete ihr Leben, wissen Sie.«
»Ja, das war eine sehr merkwürdige Sache, diese Meuterei, sagte Burgeß. »Wir haben die Kerls jetzt hier, wissen Sie.«
»Ich habe der Gerichtssitzung in Hobart Town beigewohnt,« sagte Meekin. »In der That, der Haupträdelsführer, John Rex hat mir sein geschriebenes Bekenntnis gegeben und ich schickte es dem Bischof.«
»Ein großer Schuft,« bemerkte North. »Ein gefährlicher, kaltblütiger, ränkevoller Schurke.«
»Nun,« sagte Meekin etwas scharf. »Darin stimme ich nicht mit Ihnen überein, Jeder scheint gegen den armen Kerl eingenommen zu sein. – Kapitain Frere wollte mich glauben machen, in seinem Briefe sei eine verborgene Deutung, – aber ich glaube nicht, daß es so war. Er scheint mir wahrhaft seine Thaten zu bereuen; – ein mißleiteter, aber kein heuchlerischer Mensch, – wenn mich meine Kenntnis der menschlichen Natur nicht sehr täuscht.«
»Hoffentlich ist es so,« meinte North, aber ich würde ihm nicht trauen.«
»O, es ist nichts zu fürchten,« sagte Burgeß fröhlich. »Wenn er widerspenstig wird, geben wir ihm gleich die Katze zu kosten.«
»Ich denke, Strenge ist nothwendig,« erwiderte Meekin, »obgleich für meine Ohren der Ton des Peitschens fürchterlich ist. Es ist eine thierische Strafe.«
»Oder vielmehr eine Strafe für Thiere,« sagte Burgeß und lachte und freute sich, daß er mit diesen Worten mal in seinem Leben einen Witz gemacht hatte. Die Aufmerksamkeit wurde wieder auf Mr. North gelenkt durch dessen sonderbares Betragen. Er war aufgestanden und ohne Entschuldigung riß er das Fenster weit auf, als ob ihm Luft fehle.
»Hallo, North, was fehlt Ihnen?«
»Nichts,« sagte North, mit Anstrengung sprechend. »Ein Herzkrampf. Ich habe zuweilen solche Anfälle.«
»Nehmen Sie etwas Branntwein,« sagte Burgeß.
»Nein, nein, es geht vorüber. Nein, sage ich. – Doch, wenn Sie darauf bestehen.« Und er nahm den Becher, den man ihm anbot, füllte ihn halb mit dem reinen Branntwein und trank den starken Trank auf einen Zug aus.
Der Ehrwürdige Meekin sah seinem Ehrwürdigen Bruder mit Entsetzen zu. Der Ehrwürdige Meekin war nicht an Geistliche gewöhnt, die schwarze Halstücher trugen, aus Thonpfeifen rauchten, Tabak kauten und reinen Branntwein aus Bechern tranken.
»Ha« sagte North, sie Alle wild anblickend. »Nun ist’s besser.«
»Lassen Sie uns auf die Veranda gehen. Es ist kühler draußen als im Hause,« sagte Burgeß.
So gingen sie auf die Veranda und blickten auf die erleuchteten Fenster der Gefängnisse und horchten auf das Geräusch, das die Wellen machten, indem sie an die Küste schlugen.
Der Ehrwürdige Mr. North schien sich in der kühlen Atmosphäre zu erholen und die Unterhaltung wurde ganz lebhaft fortgeführt. Dann kam auch noch ein kleiner Mann, rauchend aus der Dunkelheit heran. Es war Dr. Macklewain, der nicht zum Mittagessen hatte kommen können, weil einem Constabler auf Norfolk Island ein Unfall zugestoßen war und er als Arzt hatte helfen müssen.
»Nun, wie geht es Forrest?« rief Burgeß. »Mr. Meekin, Mr. Macklewain.«
»Todt,« sagte Macklewain. »Bin sehr erfreut, Sie zu sehen, Mr. Meekin.«
»Verdammt! Wieder Einer meiner besten Leute,« murrte Burgeß. »Macklewain ein Glas Wein.« Aber Macklewain war müde und wollte nach Hause gehen.«
»Ich muß auch an die Ruhe denken,« sagte Meekin. « »Die Reife, wenn auch sehr anziehend hat mich ermüdet.«
»So kommen Sie, Doktor,« sagte North.
»Unsere Wege liegen zusammen.«
»Wollen Sie noch einen Schluck trinken, ehe Sie fortgehen,« sagte Burgeß, »nein? – Nun, morgen früh werde ich nach Ihnen schicken, Mr. Meekin. Gute Nacht. Macklewain, bitte, noch auf ein Wort!«
Ehe die beiden Geistlichen die Hälfte des steilen Weges zurückgelegt hatten, der von dem Hause des Kommandanten nach dem Platze hinunter führte, auf welchem die kleinen Häuser für den Doktor und den Prediger gebaut waren, holte sie Macklewain schon wieder ein.
»Morgen wird wieder gepeitscht,« sagte er mürrisch. »Früh bei Tagesanbruch, denke ich.«
»Wen wollen sie peitschen?«
»Den jungen Haushofmeister.«
»Was, Kirkland?« rief North. »Es ist doch nicht möglich, daß er Kirkland peitschen läßt?«
»Insubordination,« sagte Macklewain, »fünfzig Hiebe.«
»Das darf nicht sein,« rief North in großer Sorge.
»Er kann es nicht aushalten. Ich sage Ihnen, Macklewain, er stirbt!l«
»Vielleicht haben Sie die Güte, mir zu erlauben, darüber das beste Urtheil zu haben,« sagte Macklewain und richtete seine kleine Gestalt zu ihrer ganzen Höhe auf.
»Mein lieber Herr,« sagte North, die Wichtigkeit einsehend, sich den Arzt wieder zu versöhnen, – »Sie haben ihn in der letzten Zeit nicht gesehen. Er wollte sich heute früh in’s Wasser stürzen.«
Mr. Meekin drückte sein Erstaunen aus, aber Doktor Macklewain beruhigte ihn wieder. »Solcher Unsinn muß verhindert werden,« sagte er. »Es muß ein Beispiel gegeben werden, – ich wundere mich nur, daß Burgeß ihm nicht hundert geben läßt.«
»Er wurde in den langen Schlafsaal gebracht,« sagte North, »Sie wissen, was das für ein Platz ist. Beim Himmel, seine Todesangst und seine Scham haben mich mit Entsetzen gepackt.«
»Nun, er wird morgen auf eine oder zwei Wochen in’s Hospital kommen,« sagte Macklewain, »und das wird ihm eine Abwechselung gewähren.«
»Wenn Burgeß ihn peitschen läßt, so will ich an den Gouverneur berichten,« rief North sehr erregt. »Die Verfassung dieser Schlafsäle ist niederträchtig.«
»Wenn der Junge sich über etwas zu beklagen hat, warum thut er es nicht? Wir können nichts ohne Beweise thun.«
»Beklagen! Sein Leben wäre nicht mehr sicher, wenn er sich beklagte. Und er ist nicht der Mensch sich zu beklagen. Er würde lieber sterben, als irgendetwas über die Sache sagen.«
»Das ist Alles Unsinn,« sagte Macklewain. »Wir können auf Verdacht hin, nicht einen ganzen Schlafsaal voll Leute peitschen lassen. Ich kann nichts dabei thun. Der Bursche hat sich so gebettet, nun kann er auch schlafen.«
»Ich will zurück und mit Burgeß sprechen. « sagte North. »Mr. Meekin hier ist der Eingang und Ihr Zimmer ist rechter Hand. Ich will bald wieder zurück sein.«
»Bitte, eilen Sie nicht,« sagte Meekin höflich. »Sie sind in einer guten Sache beschäftigt. Alles muß dem nachstehen. Ich Ende meinen Nachtsack in meinem Zimmer, sagten Sie?«
»Ja, ja; rufen Sie den Diener, wenn Sie etwas brauchen. Er schläft nach hinten hinaus.« Damit eilte North davon.
»Ein sehr aufgeregter Herr,« sagte Meekin zu Macklewain, als das Geräusch von North’s Schritten in der Ferne verhallte. Macklewain schüttelte ernsthaft seinen Kopf.
»Irgend etwas ist mit ihm nicht in Ordnung, aber ich kann nicht ausfindig machen, was es ist. Er hat zuweilen die sonderbarsten Zufälle. Wenn es nicht Magenkrebs ist, weiß ich nicht, was es ist.«
»Magenkrebs! Mein Gott wie schrecklich,« sagte Meekin.
»Ach Doktor, wir haben Alle unser Kreuz zu tragen, nicht wahr? – Wie herrlich das Gras riecht? Dies scheint ein sehr hübscher Ort. Ich glaube, es wird mir hier sehr gut gefallen. Gute Nacht!«
»Gute Nacht, Sir. Ich hoffe, Sie werden Alles bequem finden.«
»Und lassen Sie uns hoffen, daß dem armen Mr. North seine Sendung der Barmherzigkeit glücke,« sagte Meekin, das kleine Thor hinter sich schließend, »und er den armen Kirkland retten möge. Gute Nacht, noch ein Mal.«
Kapitain Burgeß schloß gerade sein Verandafenster als North zu ihm hinauf eilte.
»Kapitain Burgeß. Macklewain sagt mir, daß Sie morgen den jungen Kirkland peitschen lassen.«
»Nun, Sir und was weiter?« fragte Burgeß.
»Ich bin gekommen, Sie zu bitten, das nicht zu thun, Sir. Der Bursche ist schon grausam genug gestraft. Er versuchte heute Selbstmord, das unglückliche Geschöpf.«
»Nun, das ist’s ja gerade, weshalb ich ihn peitschen lassen will. Ich will meine Gefangenen lehren, Selbstmord zu versuchen.«
»Aber er kann es nicht aushalten. Er ist zu schwach.«
»Das ist Macklewain’s Sache.«
»Kapitain Burgeß,« bat North. »Ich versichere Sie, daß er keine Strafe verdient. Ich habe ihn gesehen und sein Gemüthszustand ist bejammernswerth.«
»Sehen Sie, Mr. North. Ich mische mich nicht in das, was die Seelen der Gefangenen angeht, mischen Sie sich nicht in das, was ihre Leiber angeht.«
»Kapitain Burgeß, Sie haben kein Recht, über mein Amt zu spotten.«
»Dann kümmern Sie sich auch nicht um meine Angelegenheiten.«
»So bleiben Sie also dabei, den Knaben peitschen zu lassen?«
»Ich habe meine Befehle schon gegeben.«
»Dann, Kapitain Burgeß,« rief North, sein bleiches Gesicht erglühend, – »dann sage ich Ihnen, daß des Knaben Blut auf Ihr Haupt komme. Ich bin ein Priester des Herrn, Sir und ich untersage Ihnen, dies Verbrechen zu begehen!«
»Verdammte Unverschämtheit, Sir,« brüllte Burgeß. »Sie sind ein entlassener Beamter der Regierung, Herr. Sie haben hier gar nichts zu sagen und wenn Sie sich in meine Angelegenheiten mischen, lasse ich Sie in Eisen legen, bis Sie die Insel verlassen.«
Dies war natürlich eine Prahlerei von Seiten des Kommandanten. North wußte wohl, daß er nie solche Handlung der Gewaltthätigkeit unternehmen würde, aber die Beleidigung traf ihn wie ein Peitschenhieb. Er trat einen Schritt auf den Kommandanten los, als ob er ihn an der Kehle packen wollte, aber sich bei Zeiten fassend, stand er still, mit geballten Händen, sprühenden Augen und fast gesträubten Haaren.
Die beiden Männer sahen einander an und die Blicke von Burgeß senkten sich vor denen von North.
»Elender Gotteslästerer,« sagte North, »ich sage Ihnen, Sie werden den Knaben nicht peitschen lassen!«
Burgeß, bleich vor Wuth, zog die Klingel, welche seinen Diener, einen Deportierten herbei rief.
»Führe Mr. North hinaus,« sagte er, »und gehe hinunter zu Troke und sage ihm, daß Kirkland morgen früh hundert Hiebe haben soll. Ich will doch zeigen, wer hier Herr im Hause ist, mein guter Herr.«
»Das werde ich an die Regierung berichten,« sagte North entsetzt. »Das ist ja Mord!«
»Die Regierung mag zum Teufel gehen und Ihr dazu!« brüllte Burgeß. »Hinaus!«
Und Gottes Vizekönig in Port Arthur schlug die Thür hinter sich zu.
North kehrte in großer Aufregung nach Hause zurück. »Dieser arme Mensch darf nicht gepeitscht werden,« sagte er.
»Ich will ihn mit meinem eignen Körper schützen, wenn es nöthig ist. Dies soll die Regierung wissen. Ich will doch das Tageslicht in diese Hölle bringen!« Er erreichte sein Haus und steckte die Lampe in dem kleinen Eßzimmer an. Alles war still, außer daß aus dem benachbarten Zimmer das elegante Schnarchen von Meekin zu hören war. North nahm ein Buch vom Bücherbrett und versuchte zu lesen, aber die Buchstaben liefen Alle durch einander. »Ich wollte, ich hätte den Branntwein nicht getrunken,« sagte er. »Was für ein Narr ich bin!« Dann begann er im Zimmer auf und ab zu gehen, warf sich auf das Sopha um zu lesen, zu beten. »O Gott, gib mir Kraft! Hilf mir! Hilf mir! Ich kämpfe, aber ich bin zu schwach! O Herr, sieh auf mich herab!«
Wenn man ihn so gesehen hätte, in Todesangst auf dem Sopha sich wälzend, sein bleiches Gesicht, seine trocknen Lippen, seine zusammengezogenen Brauen, wenn man sein Stöhnen, seine gemurmelten Gebete gehört hätte, so würde man geglaubt haben, daß er irgend einer schrecklichen Krankheit anheimgefallen und an ihr litte. Er öffnete wieder sein Buch und versuchte zu lesen, aber seine Augen wanderten nach dem Speiseschrank. Es schien, als ob dort etwas verborgen sei, das ihn fesselte. Endlich stand er auf, ging in die Küche und fand ein Päckchen rothen Pfeffer. Er mischte einen Theelöffel voll mit einem Glase Wasser und trank es. Es schien ihm für eine Weile Erleichterung zu verschaffen. »Ich muß meinen Verstand zu morgen früh zusammenhalten. Das Leben des Burschen hängt davon ab. Meekin wird sonst auch Verdacht schöpfen. Ich will mich hinlegen.«
Er ging in sein Schlafzimmer und warf sich auf sein Bett, doch nur, um sich von einer Seite auf die andre zu wälzen. Vergebens führte er sich Bibelstellen an und einzelne Verse. Vergebens zählte er eingebildete Schafe oder horchte auf eingebildetes Ticken der Uhr. Der Schlaf wollte nicht kommen. Es war, als ob eine Krisis in seiner Krankheit eingetreten welche seit Tagen an Macht zugenommen. »Ich muß einen Löffel voll nehmen,« sagte er, um die Gier danach zu beschwichtigen.
Zwei Mal hielt er inne auf seinem Wege nach dem Wohnzimmer und zwei Mal schien er wie von einer Macht getrieben zu sein, die stärker war als sein Wille.
Endlich trat er doch ein, öffnete den Speiseschrank und nahm, was er suchte: eine Flasche Branntwein.
Diese in der Hand schwanden alle Gedanken an Mäßigung. Er setzte sie an seinen Mund und trank gierig. Dann, beschämt über das, was er gethan, stellte er die Flasche fort und ging wieder in sein Zimmer. Doch konnte er nicht schlafen. Der Geschmack des Branntweins machte ihn halb wahnsinnig vor Gier nach mehr. Er sah in der Dunkelheit die Flasche vor sich – schreckliche Erscheinung! Er sah die gelbe Flüssigkeit funkeln. Er hörte den Ton beim Ausgießen. Er roch das eigenthümliche Aroma des Spiritus. Er sah die Flasche im Schrank vor sich stehen und bildete sich ein, sie zu ergreifen und das Feuer, das in ihm brannte, damit zu löschen. Er weinte, er betete, er kämpfte mit seiner Leidenschaft wie mit einer Tollheit. Er sagte sich, daß ein andres Leben davon abhing, daß es unwürdig eines gebildeten Mannes und eines vernünftigen Wesens sei, seiner Leidenschaft nachzugeben. Es sei erniedrigend, ekelhaft, thierisch! Zu allen Zeiten vernichtend, heute aber schändlich, – daß es ein Laster sei, unwürdig jeden Mannes, aber sündhaft bei einem Manne von Bildung und einem Priester!
Vergebens! Mitten in diesen Gedanken stand er vor dem Speiseschrank mit der Flasche an seinem Munde in einer Stellung die nicht blos lächerlich, sondern zugleich entsetzlich war.
Er hatte keinen Krebs. Seine Krankheit war eine viel schrecklichere. Der ehrwürdige Mr. James North, – Gentleman, Gelehrter, christlicher Prediger war, was die Welt einen »Gewohnheitssäufer« nennt.
Fünfzehntes Capitel.
Ein Hundert Hiebe
Die helle warme Morgensonne blickte auf ein sonderbares Ding herab. In einem kleinen Hofe stand eine Gruppe von Menschen. Troke, Burgeß, Macklewain, Kirkland und Rufus Dawes.
Drei hölzerne Stäbe, sieben Fuß hoch, waren in die Form eines Triangels zusammengefügt. Es sah fast so aus, als wenn Zigeuner Stäbe einsteckten, um ihre Kessel zum Kochen daran aufzuhängen. An dieses Holzwerk war Kirkland angebunden. Seine Füße waren mit Riemen an den Fuß des Triangels, seine Handgelenke über den Kopf gehoben, an der Spitze angebunden.
Sein Körper war so seiner ganzen Länge nach ausgestreckt und sein weißer Rücken glänzte im Sonnenlicht. Während er angebunden wurde, sagte er nichts, nur als Troke ihm roh das Hemde abzog, zitterte er.
»Jetzt Gefangener,« sagte Troke zu Dawes »thut Eure Pflicht.«
Rufus Dawes sah die drei strengen Gesichter an und dann Kirklands Rücken. Er wurde dunkelroth. Während seines ganzen Lebens hatte man ihn noch nicht zum Peitschen gebraucht. Er war oft gepeitscht worden.
»Sie wollen doch nicht, daß ich ihn peitsche, Sir?« sagte er um Kommandanten.
»Nehmt die Katze,« sagte Burgeß erstaunt. »Was bedeutet das?« – Rufus Dawes nahm die schwere Katze auf und zog die Knotenriemen durch seine Finger.
»Vorwärts, Dawes,« flüsterte Kirkland, ohne seinen Kopf zu wenden. »Du bist nicht anders wie jeder andere Mann.«
»Was sagte er« fragte Burgeß.
»Er sagt ihm, er solle es nicht schlimm machen« sagte Troke, mit schneller Lüge. »Das sagen sie Alle.«
»Nicht schlimm machen! Nun, danach wollen wir sehen. Vorwärts, mein Freund, und mache es gut, sonst werde ich Dich anbinden lassen und Dir fünfzig geben, so wahr wie Gott die Aepfel machte.«
»Fange an, Dawes,« flüsterte Kirkland wieder. »Es ist mir ganz gleich.«
Rufus Dawes hob die Katze, schwang sie um seinen Kopf und schlug mit den knotigen Riemen auf den weißen Rücken.
»Eins,« rief Troke.
Der weiße Rücken hatte sogleich sechs rothe Striemen.
Kirkland unterdrückte einen Schrei. Es schien ihm, als wäre er halb durchgeschnitten.
»Nun, Du Schuft,« brüllte der kritisierende Burgeß, – haue mit den einzelnen Riemen. Was fällt Dir ein, einen Mann mit zusammengefalteten Riemen zu hauen.«
Rufus Dawes zog seine Finger durch die etwas verwirrten Riemen und schlug wieder.
Dies Mal hatte der Schlag mehr Wirkung und das Blut tropfte auf der Haut.
Der Knabe schrie nicht, aber Macklewain sah, wie seine Hände die Stäbe fest umfaßten und wie die Muskeln seiner nackten Arme zitterten.
»Zwei!«
»Das ist besser,« rief Burgeß.
Der dritte Schlag klang, als wenn man auf ein Stück rohes Fleisch haut und das Roth verwandelte sich in Purpur.
»Mein Gott,« rief Kirkland und biß sich in die Lippen.
Das Peitschen dauerte fort bis zum zehnten Schlage, dann schrie Kirkland auf wie ein verwundetes Pferd.
»O – Kapitain Burgeß! – Dawes! – Mr. Troke – mein Gott! Gnade! – O Doctor! – Mr. North! – O – O —! —
»Zehn,« rief Troke ungerührt bis zu Ende der ersten zwanzig zählend.
Des Burschen Rücken, in einen Klumpen geschwollen, sah jetzt aus wie eine reife Pfirsich, welche ein unartiges Kind mit einer Nadel ausgerissen hat. Dawes von seiner blutigen Arbeit sich abwendend, zog die Katze, die anfing, zusammen zu kleben, zwei Mal durch die Finger. »Weiter,« sagte Burgeß mit einem Wink. Und Troke schrie wieder »Eins!«
* * *
Von der Morgensonne geweckt, welche zu ihm herein schien, öffnete Mr. North seine blutunterlaufenen Augen, rieb sich mit zitternden Händen die Stirn und plötzlich zum Bewußtsein seines Versprechens kommend, sprang er vom Bette und richtete sich aus.
Er sah die leere Branntweinflasche auf dem Tisch und erinnerte sich, was vorgefallen. Mit zitternden Händen goß er Wasser über seinen schmerzenden Kopf und ordnet seine Kleider. Die Ausschweifung des vergangenen Abends ließ ihre gewöhnliche Wirkung zurück. Sein Gehirn brannte, seine Hände waren heiß und trocken und seine Zunge klebte am Gaumen.
Er schauderte, als er s ein bleiches Gesicht und seine rothgewordenen Augen in dem kleinen Spiegel sah und faßte nach der Thür. Er hatte in seinem Wahnsinn noch genug Bewußtsein gehabt, um die Thür zu schließen und so hatte Niemand seinen Zustand bemerkt.
Sich in das Wohnzimmer schleichend sah er, daß die Uhr auf halb sieben zeigte. Das Peitschen sollte um halb sechs stattfinden. Wenn nicht ein Zufall eingetreten, kam er zu spät. Fieberhaft erregt von Gewissensbissen und Angst eilte er an dem Zimmer vorüber, in welchem Mr. Meekin friedlich schlummerte und machte sich aus den Weg nach dem Gefängnis. Als er in den Hof trat, rief Troke grade »Zehn!«
Kirkland hatte seinen fünfzigsten Schlag erhalten.
»Halt,« rief Mr. North.
»Kapitain Burgeß, ich rufe Ihnen Halt zu.«
»Sie kommen ziemlich spät,« erwiderte Burgeß, »Die Strafe ist fast vorüber.«
»Eins,« rief der unerbittliche Troke wieder und North stand dabei, an den Nägeln beißend und mit den Zähnen knirschend während sechs weitere Streiche fielen. Kirkland hatte aufgehört, zu schreien und stöhnte nur noch. Sein Rücken glich einem blutigen Schwamm, während das geschwollene Fleisch zwischen den Streichen zitterte wie das von einem frisch geschlachteten Rind.
Plötzlich sah der erfahrene Macklewain den Kopf auf die Schulter fallen.
»Bindet ihn los! bindet ihn los!« schrie er und Troke eilte, die Riemen zu lösen.
»Spritzt ihm Wasser in’s Gesicht« rief Burgeß,« er stellt sich nur so.«
Ein Eimer Wasser machte, daß Kirkland die Augen öffnete.
»Das dachte ich wohl!« sagte Burgeß.
»Bindet ihn wieder an.«
»Nein, nicht wenn Ihr Christen seid,« rief North.
Er fand einen Verbündeten, wo er ihn am wenigsten vermuthet hatte.
Rufus Dawes warf die blutige Katze hin.
»Ich peitsche nicht mehr« sagte er.
»Was,« brüllte Burgeß, wüthend über diese grobe Unverschämtheit.
»Ich will nicht mehr peitschen. Holt Euch einen Andern, um Eure Blutarbeit zu thun. Ich will nicht.«
»Bindet ihn an,« schrie Burgeß schäumend. »Bindet ihn an. Hierher Constabler. Holt einen Mann, mit einer frischen Katze. Ich will Dir des Bettlers übrige fünfzig Schläge geben und noch fünfzig obendrein und er soll zusehen, während sein Rücken abkühlt.
Rufus Dawes mit einem Blick auf North, zog sein Hemde herunter und streckte sich auf die Triangel. Sein Rücken war nicht weich und glatt wie Kirklands Rücken, sondern hart und narbig. Er war schon öfter gepeitscht worden. Troke erschien mit dem grinsenden Gabbett. Gabbett mochte gern peitschen. Er rühmte sich, daß er einen Menschen zu Tode peitschen könne auf einer Stelle, nicht größer als eine Hand. Er konnte seine linke Hand so gut wie seine rechte brauchen und wenn er einen »Günstling« vorhatte, so verstand er auch die Schläge so zu legen, daß sie sich kreuzten.
Rufus Dawes stellte seine Füße fest auf den Boden, packte die Stäbe mit starkem Griff und hielt seinen Athem an.
Macklewain legte die Kleider der beiden Leute auf den Boden und Kirkland darauf. Dann wandte er sich, um dies neue Morgenvergnügen zu genießen. Er brummte ein wenig, weil er nach seinem Frühstück verlangte, denn wenn der Kommandant einmal anfing, peitschen zu lassen, wußte Niemand, wann er aufhören würde.
Rufus Dawes nahm fünf und zwanzig Hiebe hin, ohne zu murren. Dann kreuzte Gabbett die Hiebe. So ging es fort bis zu fünfzig Hieben und North staunte und bewunderte den Muth des Mannes. »Wenn es nicht um den verdammten Branntwein gewesen wäre, hätte ich das verhindern können.«
Bei dem hundertsten Streich hielt Gabbett an, da er den Befehl erwartete, aufzuhören, aber Burgeß war entschlossen, den Mann unterzukriegen.
»Ich will Dich sprechen machen, Du Hund, und sollte ich Dir das Herz ausreißen,« schrie er.
»Weiter Gefangener!« zwanzig Streiche mehr und Dawes war immer stumm.
Da stieß er in Todesqual einen fürchterlichen Schrei aus, aber es war nicht ein Ruf um Gnade, wie der Kirklands. Nun er die Sprache brauchte, machte der unglückliche Mann seiner glühenden Leidenschaft Luft in einem Strom von Flüchen. Er rief die scheußlichsten Verwünschungen auf Burgeß, Troke und North herab. Er fluchte allen Soldaten als Tyrannen, allen Geistlichen als Heuchlern. Er lästerte Gott und den Erlöser. Mit einem fürchterlichen Ausbruch von Gemeinheit und Wuth rief er die Erde an, sich aufzuthuen und seine Verfolger zu verschlingen, den Himmel, sich zu öffnen und Feuer herabzusenden, die Hölle – sie in ihren Rachen zu nehmen. Es war, als ob jeder Schlag der Katze einen neuen Ausbruch thierischer Wuth veranlaßte. Jedes menschliche Gefühl schien in ihm erstorben zu sein. Er schäumte, raste, schüttelte seine Bande, bis die starken Stäbe sich bogen, wand sich fast rund um die Triangel und spie in ohnmächtiger Raserei Burgeß an, welcher bei allen diesen Qualen nur lachte. North, seine Hände an die Ohren gedrückt, lehnte in der Mauerecke, wie gelähmt von Entsetzen. Ihm schien es, als ob alles Böse der Hölle losgelassen sei und er wäre gern geflohen, wenn ihn nicht eine entsetzliche Art von Zauber, wie im Bann gehalten hätte.
Grade als die Katze am entsetzlichsten durch die Luft schwirrte, als Burgeß am lautesten lachte und der Elende auf dem Triangel die Luft mit seinem fürchterlichsten Geschrei erfüllte, bemerkte North, wie Kirkland ihn mit einem Lächeln anblickte. – War es ein Lächeln? – Er sprang zu ihm hin und stieß einen Ruf aus, daß alle sich umwandten.
»Hallo!« sagte Troke Und wandte sich zu dem Lager, »der Junge hat sich davon gemacht.«
Kirkland war todt.
»Bindet ihn los,« rief Burgeß, geisterbleich vor Schreck über diesen unglücklichen Zufall und Gabbett löste widerwillig die Riemen mit denen Rufus Dawes angebunden war.
Sogleich standen zwei Constabler an seiner Seite, denn oft wurden die zu sehr gequälten Leute wild. Doch dieser war ganz still, nur als er sein Hemd unter dem todten Körper fortnahm, sagte er mit etwas wie Neid in seiner Stimme: »Todt!« Dann warf er sein Hemd über, seine blutenden Schultern und ging hinaus, trotzig bis zum letzten Augenblick.
»Das ist ein Wild, – nicht?« sagte ein Constabler um Andern, als sie ihn nicht unfreundlich in eine leere Helle brachten, wo er auf den Wärter des Hospitals zu warten hatte. Der Körper von Kirkland wurde schweigend fortgenommen und Burgeß erbleichte, als er das drohende Gesicht von North erblickte. »Es ist nicht meine Schuld Mr. North,« sagte er, »ich wußte nicht, daß der Mann so schwachherzig war.« Aber North wandte sich in Ekel ab und Macklewain und Burgeß schlugen den Weg nach Hause zusammen ein.
»Sonderbar, daß er so schnell unterliegen mußte,« sagte der Kommandant.
»Ja wahrscheinlich ein inneres Leiden »« sagte der Arzt.
»Vermuthlich Herzkrankheit,« sagte Burgeß.
»Ich will ihn untersuchen und sehen.«
»Kommen Sie mit herein und nehmen Sie ein Glas, Macklewain. Mir ist ganz schwach,« sagte Burgeß.—
Die Beiden traten unter ehrfurchtsvollen Grüßen von allen Seiten in’s Haus. Mr. North aber, in Gewissensqualen wegen der Folgen seiner Nachlässigkeit ging mit gebeugtem Haupt, langsam, wie einer der von tiefem Schmerz ergriffen ist hin, um den überlebenden Gefangenen zu sehen. Er fand ihn auf dem Boden knieend.
»Rufus Dawes.«
Bei dem leisen Ton der Stimme, blickte Rufus Dawes auf und als er sah, wer es war, winkte er ihm fort.
»Sprechen Sie nicht mit mir,« sagte er mit einem Fluch, bei dem North zusammenfuhr, »ich habe Ihnen gesagt, was ich von Ihnen denke; – Sie sind ein Heuchler, der dabei steht, wenn ein Mann in Stücke gehauen wird und dann kommt und über Religion winselt.«
North stand mitten in der Zelle, den Kopf gebeugt, die Arme an den Seiten herunter hängend. »Sie haben Recht,« sagte er leise. »Ich muß Ihnen wie ein Heuchler erscheinen. Ich, ein Diener des Herren? Ein schmutziges Thier vielmehr. Ich will nicht von Religion winseln. – Ich bin gekommen, Sie um Verzeihung zu bitten. Ich hätte Sie vielleicht von der Strafe retten können! Hätte vielleicht den armen Knaben vom Tode gerettet! Ich wollte es, Gott weiß es. Aber ich habe ein Laster; – ich bin ein Trunkenbold; ich gab der Versuchung nach und so – kam ich zu spät! Ich komme zu Ihnen, wie ein sündiger Mensch zum Andern, ich bitte um Vergebung.«
