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Kitabı oku: «Deportiert auf Lebenszeit», sayfa 26

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Und plötzlich warf sich North neben den Deportierten auf die Erde, faßte seine blutbefleckten Hände in die Seinen und rief: »Vergieb mir, mein Bruder!«

Rufus Dawes, zu erstaunt, um zu sprechen, richtete seine schwarzen Augen auf den Mann, der zu seinen Füßen lag und ein Strahl göttlichen Erbarmens drang in seine verdüsterte Seele. Er sah hier ein Elend vor sich, tiefer als das Seine und sein verhärtetes Herz fühlte menschliche Sympathie mit seinem irrenden Bruder.

»So gibt es in dieser Hölle doch noch einen Menschen,« sagte er und die beiden Unglücklichen tauschten einen warmen Händedruck. North stand auf und ging schnell mit abgewandtem Antlitz aus der Zelle. Rufus Dawes sah verstört auf seine Hand, die der merkwürdige Mann gefaßt hatte und er sah etwas darauf glänzen. Es war eine Thräne. – Bei diesem Anblick brach er zusammen und als die Wärter kamen, um den unzähmbaren Gefangenen zu holen, fanden sie ihn auf den Knieen in einem Winkel schluchzend wie ein Kind.

Sechzehntes Capitel.
Gegen den Stachel lecken

Den nächsten Morgen reiste der ehrwürdige Mr. North in dem zurückkehrenden Schooner nach Hobart Town ab. Zwischen dem eifrigen Kaplan und dem Kommandanten hatten die Ereignisse des vorhergehenden Tages eine große Kluft gerissen. Burgeß wußte, daß North die Absicht hatte, über den Tod von Kirkland zu berichten und vermuthete, daß er die Geschichte an alle solche Personen in Hobart Town erzählen würde, welche bereit waren, sie weiter zu verbreiten.

»Seht unangenehm, daß der Bursche starb,« murmelte er zu sich selbst. »Wenn er nicht gestorben wäre, hätte sich Niemand darum bekümmert.« Eine traurige Wahrheit! North hingegen glaubte, daß die Geschichte des armen Deportierten, der unter den Peitschenhieben starb, allgemeine Empörung und genaue Untersuchung hervorrufen würde.

»Die Wahrheit muß doch herauskommen,« dachte er, »wenn sie nur danach fragen.« —

O Du Dich selbst betrügender North!

Vier Jahre Regierungs-Kapplan und bist noch nicht hinter die Methode der Untersuchungen von solchen Fällen gekommen.

Kirkland’s zerfetztes Fleisch wird längst von den Würmern gefressen sein, ehe die Tinte der letzten Berichte der Behörden über diesen Fall trocken ist.

Burgeß indeß, von eignen Vorwürfen gequält, entschloß sich dem Pfaffen zuvorzukommen. Er wollte einen offiziellen Bericht über das unglückliche Ereignis mit demselben Schiff an die Regierung senden, das seinen Feind nach Hobart Town brachte und so sich das Ohr der Behörde sichern. Meekin, welcher am Abend des Peitschtages an dem hölzernen Schuppen vorüberging, in welchem der Körper lag, sah Troke Eimer voll dunkel gefärbten Wassers hinaus tragen und hörte viel Plätschern und Scheuern von inwendig. »Was wird da gemacht?« fragte er.

»Der Doktor hat den Gefangenen post mortem’t, – den, der heute früh gepeitscht wurde,« sagte Troke, »und wir machen nun Alles rein.«

Der englische Mr. Meekin fühlte sich unwohl bei diesen Worten und ging weiter. Er hatte gehört, daß der unglückliche Kirkland an einer unerkannten Herzkrankheit gelitten und daß er unglücklicher Weise gestorben war, ehe er seine ihm zuerkannte Strafe erhalten. Seine Pflicht war, Kirklands Seele zu trösten. Er hatte nichts zu thun mit Kirklands schmutzigem, unangenehmem Körper und so wanderte er denn dem Landeplatze zu, damit die frische Seeluft das augenblickliche Uebelbefinden heilen möchte.

Auf dem Landeplatz sah er, wie North mit dem römisch-katholischen Kaplan sprach. Meekin hatte gelernt, die römischen Priester wie Wölfe anzusehen und ging mit leichter Verbeugung vorüber. Die Beiden sprachen augenscheinlich von dem Ereignis des Tages, denn er hörte, wie Vater Flaherty mit Achselzucken sagte: »Er war keiner von meinen Leuten, Mr. North, und die Regierung duldet nicht, daß ich mich in Dinge mische, welche protestantische Gefangene angehen.«

»Der Elende war ein protestantischer Christ,« dachte der christliche Meekin bei sich. »So war wenigstens seine unsterbliche Seele nicht in Gefahr durch den Glauben an die verdammten Irrlehren der römischen Kirche.«

Er ging weiter und ließ zwischen sich und dem gutmüthigen Denis Flaherty, dem Sohne des Butterhändlers von Kildrum einen weiten Raum, damit derselbe nicht etwa unerwartet über ihn herfallen und ihn mit jesuitischen Gründen und weicher Ueberredung oder mit Gewalt zu seinen eignen Irrthümern bekehren möchte. Das war Ja die wohlbekannte Art dieser intellektuellen Kämpfer, der Priester des katholischen Glaubens.

North seinerseits verließ Flaherty mit Bedauern. Er hatte manche fröhliche Stunde mit ihm verlebt und kannte ihn als einen beschränkten, gewissenhaften, fröhlichen Menschen, dessen Gott weder sein Bauch noch sein Brevier war, – zuweilen aber das Eine oder das Andre, je nach der Stunde des Tages oder des Festes, die zur Abtödtung des Fleisches bestimmt waren.

»Ein Mann, der seine christliche Arbeit in einem alltäglichen Kirchspiel thun könnte oder da, wo Leute nicht schwer sündigten, der aber vollkommen unfähig war, mit dem Satan zu kämpfen, den die britische Regierung hierher deportierte.«

Das war Mr. Norths satirische Bemerkung über Vater Flaherty, als Port Arthur für ihn hinter dem schnell segelnden Schooner sich in die blaue, duftige Ferne verlor.

»Gott stehe diesen armen Elenden bei, denn weder Prediger noch Priester können es.«

Er hatte Recht. North, der Trunkenbold und Selbstquäler hatte eine Macht zum Guten in sich, von der weder Meekin noch der Andre etwas ahnten. Nicht nur, daß diese Männer unfähig und selbstzufrieden waren, sie hatten auch keine Spur von Verständnis für die fürchterliche Qual des Leidens, der Jeder, der Böses thut, ausgesetzt ist. Wenn sie auch an den Felsen schlugen mit ihrer scharfen, maschinenmäßigen Hacke aus patentierter Religionsfabrik, geprüft von allen Gottesgelehrten der Welt, – das Wasser der Reue und Buße floß auf ihren Ruf doch nicht. Sie besaßen die schwache Ruthe nicht, welche allein die Macht hat, den Zauber auszuüben. Sie hatten keine Sympathie, keine Kenntnis, keine Erfahrung. Wer die Herzen der Menschen rühren will, muß selbst ein wundes Herz haben.

Die großen Missionäre der Menschheit sind fast immer selbst große Sünder gewesen, ehe sie das göttliche Recht erwarben, zu heilen und zu segnen. Ihre Schwäche wurde ihre Kraft und aus ihrer eignen Bußarbeit ging die Kenntnis hervor, welche sie zu Herren und Rettern der Menschheit machte. Die Todesangst im Garten zu Gethsemane und am Kreuz gab dem Erlöser der Welt die Herrschaft über die Herzen der Menschen. Die Krone der Gerechtigkeit ist eine Dornenkrone.

Sobald Mr. North ankam, ging er gerades Weges zu Major Vickers.

»Ich habe eine Klage anzubringen, Sir,« sagte er. »Ich wünsche sie förmlich vorzutragen. Ein Gefangener ist in Port Arthur zu Tode gepeitscht worden. Ich habe es selbst gesehen.«

Vickers runzelte seine Stirn.

»Eine schwere Anklage, Mr. North. Ich muß sie natürlich mit der gehörigen Rücksicht annehmen, da sie von Ihnen kommt, aber ich hoffe, daß Sie alle Umstände der Sache in richtigen Betracht gezogen haben. Ich habe immer gefunden, daß Kapitain Burgeß ein sehr humaner Mann ist.«

North schüttelte den Kopf. Er wollte Burgeß nicht anklagen. Er wollte die Ereignisse selbst für sich sprechen lassen. »Ich fordere nur eine Untersuchung,« sagte er.

»Ja, mein Herr, das weiß ich. Sehr richtig von Ihnen, wenn Sie meinen, daß eine Ungerechtigkeit begangen ist; aber haben Sie die Kosten, die Zeit, die vielen Umstände; und Unannehmlichkeiten bedacht, die Alles dies machen wird?«

»Keine Ausgabe, keine Unruhe und Umstände sollten Einer Menschlichkeit und Gerechtigkeit im Wege stehen,« rief North.

»Natürlich nicht. Aber wird Gerechtigkeit gehandhabt werden? Sind Sie sicher, daß Sie den Fall beweisen können? Bedenken Sie, ich gebe nichts zu, was gegen Kapitain Burgeß spricht, den ich stets als einen sehr würdigen und eifrigen Offizier gekannt habe. Aber wenn nun Ihre Anklage begründet ist, können Sie Beweise beibringen?«

»Ja, wenn die Zeugen die Wahrheit sprechen.«

»Wer sind sie?«

»Ich selbst, Doktor Macklewain, der Constabler und zwei Gefangene, von denen der Eine auch selbst gepeitscht wurde. Er wird die Wahrheit sprechen, das glaube ich. In den andern Mann setze ich kein Vertrauen.«

»Sehr gut, es bleibt also nur ein Gefangener und Doktor Macklewain. Denn wenn faules Spiel gespielt worden ist, so wird der Constabler nichts gegen die Vorgesetzten aussagen. Ueberdies stimmt der Doktor nicht mit Ihnen überein.«

»Nicht?« rief Mr. North erstaunt.

»Nein. Sie sehen, mein lieber Sir, wie nothwendig es ist, in diesen Dingen nicht zu hastig zu sein. Ich glaube wirklich, – verzeihen Sie meiner Offenheit – Ihr gutes Herz hat sie mißleitet. Kapitain Burgeß schickt einen Bericht ein. Er sagt, daß der Mann wegen grober Unverschämtheit und Ungehorsam zu hundert Hieben verurtheilt war. Der Arzt war während der Strafvollstreckung gegenwärtig und auf seinen Befehl wurde der Mann losgebunden, als er erst sechsundfünfzig Streiche empfangen hatte. Nach einer kurzen Pause wurde er todt gefunden und der Doktor machte eine post mortem Besichtigung und fand Herzkrankheit.«

North fuhr auf. »Eine post mortem Untersuchung. Ich wußte nicht, daß eine solche stattgefunden.«

»Hier ist das Zeugniß des Arztes,« sagte Vickers, es in die Höhe haltend, »nebst der Copie des Zeugnisses von dem Constabler und ein Brief vom Kommandanten.«

Der arme North nahm die Papiere und las sie langsam. Sie waren anscheinend ganz rückhaltlos in der Darstellung. Ancurismus der aufsteigenden Aorta war als Todesursache angegeben. Der Doktor gestand freimüthig ein, daß hätte er vorher gewußt, daß der Gefangene an dieser Krankheit litte, so würde er nie mehr als fünfundzwanzig Hiebe gestattet haben.

»Ich glaube, Macklewain ist ein ehrlicher Mann,« sagte North zweifelnd. »Er würde nicht wagen, ein falsches Zeugniß auszustellen. Doch die Umstände dieses Falles, die fürchterliche Lage des Gefangenen, die entsetzliche Geschichte des armen Menschen —«

»Ich kann mich aus diese Frage nicht einlassen, Mr. North. Meine Stellung hier ist, – das Gesetz auszuführen nach meinem besten Wissen, – nicht aber, es auszulegen.«

North beugte das Haupt vor diesem Tadel. Er fühlte, daß er ihn in einer Art verdiene.

»Ich kann nichts mehr sagen, Herr: ich fürchte, ich bin ganz hilflos in dieser Sache, – wie ich es auch bei Andern gewesen bin. Ich sehe, daß der Schein gegen mich ist, aber es ist meine Pflicht, mich in meinen Bemühungen nicht irren zu lassen und ich will diese Pflicht erfüllen.«

Vickers verbeugte sich steif und wünschte ihm einen guten Morgen. Die Behörden und deren Vertreter, wenn dieselben im Privatleben auch sehr wohlmeinende Leute sind, haben in ihrer offiziellen Eigenschaft eine natürliche Abneigung gegen unzufriedene Leute, welche die Nachforschungen zu weit treiben.

North, als er hinausging, traurigen Sinnes, begegnete im Hause einem schönen, jungen Mädchen. Es war Sylvia, welche kam, um ihren Vater zu besuchen. Er nahm den Hut ab und sah ihr nach. Er errieth, daß sie die Tochter des Kommandanten sei, den er soeben verlassen und die Frau von Kapitain Frere, über den er schon so viel gehört hatte. North war ein Mann, dessen Gehirn krankhaft gereizt war und zu eigenthümlichen Einbildungen geneigt. Es schien ihm, als ob hinter dem klaren Blick des blauen Auges, welches ihn einen Augenblick anblitzte, eine künftige Trauer verborgen lag, an der er, wunderbar u denken, – auch seinen Antheil hatte. Er starrte der Gestalt nach, bis sie verschwand und lange noch, nachdem die zierliche Erscheinung der jungen Frau, mit ihren feinen Stiefeln, ihrer schlanken Taille, ihren sauberen Handschuhen und all’ ihrem Sonnenschein von Heiterkeit und Gesundheit aus seinem Auge verschwunden war, sah er noch immer die zwei blauen Augen und die Wolke goldenen Haares.

Siebzehntes Capitel.
Kapitain Frere und seine Frau

Sylvia war die Frau von Maurice Frere geworden. Die Hochzeit machte Aufsehen in der Kolonie, denn Maurice Frere, obgleich sehr bedrückt von einem geheimen Gefühl der Scham vor der öffentlichen Feier, wie Männer seines Charakters sie gewöhnlich haben, konnte Anstands halber, da er doch sah, was für eine gute Sache diese reiche Heirath für ihn sei, nicht wohl eine stille Hochzeit verlangen. So wurde also nach der Sitte der Stadt, in deren Nähe es weder den Kontinent noch Schottland gab, um das bräutliche Erröthen zu verbergen, die Heirath mit dem richtigen Pomp gefeiert, – Ball und Abendessen. Die Braut und der Bräutigam reisten an dem goldigen Abend noch auf Major Vickers’ nächste Station ab. Dort sollten sie vierzehn Tage bleiben und dann nach Sydney gehen.

Major Vickers, obgleich er dem Mann, den er für den Retter seines Kindes hielt, freundlich gesinnt war, wollte doch nichts davon wissen, daß dieser von seiner Tochter Vermögen lebe. Er hatte seiner Tochter Vermögen – wie man sagte: zehn tausend Pfund – auf sie und ihre künftigen Kinder übertragen und hatte Frere bedeutet, daß dieser von seiner eigenen Einnahme zu leben habe.

Nach vielen Berathungen war entschieden, daß Frere eine Civilstelle in Sydney sehr angenehm sein würde und daß er seine Offiziersstelle verkaufen wolle. Dies war Frere’s eigene Idee. Er machte sich nichts aus seiner militärischen Laufbahn und hatte überdies Schulden von nicht unbeträchtlichem Betrage. Wenn er sein Patent verkaufte, so war er im Stande, seine Schulden sogleich zu bezahlen und sich zu irgend einer gut bezahlten Stelle unter der Kolonial-Regierung zu melden, welche ihm das Interesse seines Schwiegervaters und sein eigener Ruf als Gefangenen-Kommandeur verschaffen konnte. Vickers würde wohl gern seine Tochter bei sich behalten haben, aber er stimmte doch in selbstloser Weise dem Plane bei und gab zu, daß Frere’s Vorgehen, in Sydney besseren Verkehr für Sylvia zu finden, ein sehr wichtiger Grund sei.

»Du kannst herüber kommen und uns besuchen, wenn wir eingerichtet sind, Papa,« sagte Sylvia mit dem ganzen Stolz einer jungen Frau auf ihren Haushalt. »Hobart Town ist sehr hübsch, aber ich möchte die Welt sehen.« —

»Du solltest nach London gehen, Poppet,« sagte Maurice,« »das ist das Wahre; – nicht wahr Sir?«

»O London,« rief Sylvia und klatschte in die Hände. »Und Westminster Abtei und der Tower und St. James Palast und Hyde Park und Fleetstreet! »Sir,« sagte Dr. Johnson, – wir wollen ein Mal Fleetstreet hinabgehen.« Erinnerst Du Dich, Maurice, in Mr. Crockers Buch. – Ach nein, Du weißt es nicht, denn Du sahst nur die Bilder an und dann hast Du Pierce Egau’s Bericht über den Kampf zwischen Rob Gaynor und Red Heat oder solche Personen gelesen.«

»Kleine Mädchen sollten gesehen und nicht gehört werden.« sagte Maurice zwischen Lachen und Erröthen. »Du mußt meine Bücher nicht lesen.«

»Warum nicht?« fragte sie mit einer Heiterkeit, die schon etwas gezwungen war. »Mann und Frau sollten keine Geheimnisse vor einander haben. Uebrigens will ich auch, daß Du meine Bücher liesest. Ich will Dir Shelley vorlesen.«

»Thu’ es nicht, Liebste,« sagte Maurice ganz ehrlich. »Ich kann es nicht verstehen.«

Diese kleine Scene fand am Mittagstische statt, in Frere’s kleinem Hause in New-Town, wozu Kapitain Vickers eingeladen war, damit die künftigen Pläne verabredet werden konnten.

»Ich mag nicht nach Port Arthur gehen,« sagte die junge Frau, später am Abend. »Maurice, es ist doch gar nicht nothwendig, daß wir dahin gehen.«

»Ja,« sagte Maurice, »ich muß aber den Platz kennen lernen. Ich muß alle Abstufungen in der Deportierten – Disziplin kennen lernen, weißt Du.«

»Wahrscheinlich soll ein Bericht über den Tod eines Gefangenen eingeschickt werden,« sagte Vickers.

»Der Kaplan, ein wohlmeinender, aber sich in Alles mischender Mensch hat Klage erhoben. Sie können das ebenso gut übernehmen wie ein jeder Andre, Maurice.«

»Aber es ist so melancholisch,« sagte Sylvia.

»Der reizendste Platz auf dieser Insel, meine Liebe. Ich war einst einige Tage da und war entzückt.«

Es war merkwürdig, – dachte Vickers, wie Jeder von diesem neu verbundenen Paar etwas schon von der Sprechart des Andern angenommen hatte. Sylvia war weniger gewählt in ihren Ausdrücken, – Frere etwas mehr. Er dachte darüber nach, welche von den beiden Methoden sie schließlich annehmen würden.

»Aber diese Hunde, Haie und so weiter. Ach Maurice, haben wir nicht genug von Deportierten gesehen.?«

»Genug? – Was, ich will mir doch meinen Lebensunterhalt durch sie schaffen,« sagt Maurice mit seiner natürlichsten Art.

Sylvia seufzte.

»Spiele etwas, mein Liebling,« sagte der Vater. Das Mädchen setzte sich an das Pianino, trillerte und sang mit ihrer reinen, jungen Stimme, bis auf den Wogen ihrer Melodien die Port Arthur Frage ganz verschwand und an diesem Abend nichts mehr davon gehört wurde. Aber als Sylvia den Gegenstand wieder aufnahm, fand sie ihren Gatten ganz fest. Er wollte gehen und er mußte gehen. Wenn er sich ein Mal überzeugte, daß eine gewisse Sache vortheilhaft für ihn war, so ließ ihm seine eingebore, thierische Hartnäckigkeit nicht davon abgehen, wenn auch Andere sich dem entgegensetzten und Sylvia, welche ihre ersten Thränen über diesen Besuch vergoß, gab schließlich nach. Dies war der erste Streit in ihrer kurzen Ehe und sie beeilten sich ihn zu beenden. Im Sonnenschein der Liebe und Ehe, – denn Maurice liebte sie zuerst wirklich, wurde der schlechteste Theil von Maurice’s Wesen wesentlich geändert. Liebe brachte ihn wie alle Menschen zur Sanftmuth und Selbstverleugnung, die das wahre Zeichen der Liebe ist, die nicht nur sinnlichen Ursprungs. Sylvia sah ihre Zweifel und Befürchtungen schmelzen, wie der Nebel in der Morgensonne vergeht. Ein junges Mädchen mit leidenschaftlicher Einbildungskraft, edlem und hohem Streben, aber mit dem schwarzen Schatten über sich, den ihr geistig kranker Zustand über ihrer kindlichen Natur zurückgelassen, – war sie durch die Ehe zur Frau gereift, die ihren Stolz und ihr Vertrauen in den Mann setzt, dem sie sich freiwillig hingegeben.

Doch grade aus diesem Gefühl entstand nach und nach eine neue, sonderbare Quelle der Sorge für sie. Sie hatte ihre Stellung als Frau angenommen und alle Zweifel über ihre Fähigkeit, den Mann zu lieben, dem sie verbunden war, bei Seite geworfen. Nun aber verfolgte sie fortwährend die Angst, er möge etwas thun, daß ihre Neigung gegen ihn beeinträchtigen könne. Bei einigen Gelegenheiten schon hatte sie bemerkt, daß ihr Mann ein größerer Egoist war, als sie es wünschte. Er verlangte keine großen Opfer von ihr, – hätte er sie verlangt, so würde sie, indem sie sie brachte, das Vergnügen darin gefunden haben, das Frauen ihrer Art, stets in der Selbstaufopferung finden. Von Zeit zu Zeit aber zeigte er eine Nichtachtung der Gefühle Anderer, die ganz in seinem Character lag. Er liebte sie fast zu leidenschaftlich für ihren einfachen Sinn, aber er war nicht gewöhnt, seinen eignen Willen in irgend etwas, besonders nicht in den anscheinend unbedeutenden Dingen unterzuordnen, in deren Beachtung sich die wahre Selbstlosigkeit am besten zeigt.

Wollte sie lesen, wenn er spazieren gehen wollte, so legte er ganz ruhig ihr Buch bei Seite und meinte, daß ein Spaziergang mit ihm nothwendiger Weise die angenehmste Sache er Welt für sie sein müsse. Wollte sie spazieren gehen, wenn er es vorzog, zu ruhen, so nahm er seine Faulheit als einen Vorwand, daß sie im Hause bleiben mußte. Er nahm sich keine Mühe, seine Müdigkeit zu verbergen, wenn sie ihm aus ihren Lieblingsbüchern vorlas. War er schläfrig wenn sie spielte oder sang, so nahm er es sich nicht übel, einzuschlafen. Er würde sie nicht wissentlich beleidigt haben, aber es schien ihm so natürlich, zu gähnen, wenn er müde war, zu schlafen,; wenn ihn schläferte und nur über die Gegenstände zu sprechen, die ihn interessierten. Hätte ihm Jemand seine Selbstsucht; vorgehalten, so würde er sehr erstaunt gewesen sein.

So kam es, daß Sylvia eines Tages entdeckte, daß sie zwei Leben führte, – ein körperliches und ein geistiges und daß ihr Gatte mit ihrem geistigen Leben gar nichts gemein hatte.

Diese Entdeckung beunruhigte sie, aber dann lächelte sie darüber. »Als ob Maurice eine Interesse für alle meine thörichten Ideen haben könnte,« sagte sie. Und doch fühlte sie, daß diese Ideen nicht so ganz thöricht waren, sondern den hellsten, besten Theil ihres Daseins bildeten. Sie überwand mit der Zeit ihre Unruhe darüber.

»Eines Mannes Gedanken sind so verschieden von denen einer Frau,« sagte sie. »Er hat sein Geschäft und seine weltlichen Sorgen, wovon eine Frau nichts weiß. Ich muß ihn trösten und ihn nicht betrüben mit meinen Thorheiten.

Was Maurice anbetrifft, so wurde er manchmal ganz unruhig in seinem Sinn. Er konnte seine Frau nicht verstehen. Ihre Natur war ihm ein Räthsel; ihr Gemüth stimmte nicht ganz mit der rechtwinkligen Genauigkeit des gewöhnlichen Lebens. Er hatte sie als Kind gekannt, hatte sie seit ihrer Kindheit geliebt und hatte ein niedriges, gemeines Verbrechen begangen, um sie zu gewinnen und nun sie sein war, war er dem Räthsel ihres Seins nicht näher gekommen, als früher. Sie war ganz sein eigen, glaubte er. Ihr goldenes Haar konnte von seinen Fingern berührt werden, ihre Lippen waren für seine Küsse, ihre Augen blickten für ihn allein voll Liebe. » Und doch waren ihre Lippen oft kalt bei seinen Küssen und ihre Augen blickten verächtlich bei Ausbrüchen seiner rohen Leidenschaft. Er sah sie nachdenklich, wenn er mit ihr sprach, – so wie er einschlief, wenn sie las, – aber sie fuhr mit einem Erröthen der Reue über ihre Vergeßlichkeit auf, was er niemals that. Er war nicht der Mann, über solche Dinge lange zu brüten und nach einigen Ueberlegungs-Pfeifen und Kopfkratzen gab er das Ding ganz auf. Wie war es denn möglich für ihn das geistige Räthsel zu lösen, da doch die Frau selbst für ihn ein physisches Räthsel war? Es war wunderbar, daß das Kind, welches neben ihm aufgewachsen war, jetzt ein junges Weib war, mit kleinen Geheimnissen die sich ihm nun zum ersten Mal offenbarten? Er sah, daß sie ein Mal auf ihrem Halse hatte welches er schon an dem Kinde bemerkt hatte. Damals hatte es gar keine Bedeutung, jetzt schien es ihm eine wunderbare Entdeckung zu sein. Er war täglich in Staunen über den Schatz, der ihm zugefallen. Er wunderte sich über die kleinen weiblichen Putzsachen und Kleidungsstücke. Ihre sauberen Kleider schienen ihm einen heiligen Duft an sich zu haben.

Die einfache Thatsache war die, daß der Beschützer von Sara Purfoy noch nicht viele tugendhafte Frauen angetroffen und daß er so eben erst entdeckt hatte, was für ein seltener Bissen – Bescheidenheit war.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
700 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
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