Kitabı oku: «Haushaltsnahe Dienstleistungen für Familien»

Yazı tipi:

Mareike Bröcheler

Haushaltsnahe Dienstleistungen für Familien

Eine qualitative Studie über die Relevanz alltagsunterstützender Angebote für die Entlastung erwerbstätiger Eltern

Haushaltsnahe Dienstleistungen für Familien

Eine qualitative Studie über die Relevanz alltagsunterstützender Angebote für die Entlastung erwerbstätiger Eltern

Institut für Wirtschaftslehre des Haushalts und Verbrauchsforschung

Professur für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen

INAUGURAL-DISSERTATION

zur Erlangung des Doktorgrades (Dr. oec. troph.)

im Fachbereich 09 – Agrarwissenschaften, Ökotrophologie

und Umweltmanagement

der Justus-Liebig-Universität Gießen

vorgelegt von

Mareike Bröcheler

aus Kleve

Impressum

Mit Genehmigung des Fachbereichs Agrarwissenschaften, Ökotrophologie und Umweltmanagement der Justus-Liebig-Universität Gießen

Bibliografische Informationen der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

© 2020 Verlag Neuer Merkur GmbH

Verlagsort: Postfach 12 53, DE-82141 Planegg

Alle Urheberrechte vorbehalten.

Vervielfältigungen bedürfen der besonderen Genehmigung.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmung und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Alle in dieser Veröffentlichung enthaltenen Angaben, Ergebnisse usw. wurden von der Autorin nach bestem Wissen erstellt und von ihr und dem Verlag mit größtmöglicher Sorgfalt überprüft. Gleichwohl sind inhaltliche Fehler nicht vollständig auszuschließen. Daher erfolgen alle Angaben ohne jegliche Verpflichtung oder Garantie des Verlages oder der Autorin. Sie garantieren oder haften nicht für etwaige inhaltliche Unrichtigkeiten (Produkthaftungsausschluss). Im Text sind Warennamen, die patent- oder urheberrechtlich geschützt sind, nicht unbedingt als solche gekennzeichnet. Aus dem Fehlen eines besonderen Hinweises oder des Zeichens ® darf nicht geschlossen werden, es bestehe kein Warenschutz.

Alle Seitenangaben in diesem Buch beziehen sich auf die Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe.

© Mareike Bröcheler, Gießen 2019 – Haushaltsnahe Dienstleistungen für Familien

1. Auflage 2020

Titelgestaltung: Dagmar Papic, Martina Stolzmann

Layout: Martina Stolzmann

E-Book: Mirjam Hecht

ISBN 978-3-95409-806-4

Druck: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Inhalt

Haushaltsnahe Dienstleistungen für Familien

Impressum

Vorwort

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

1.2 Zielstellung der Arbeit

1.3 Aufbau der Arbeit

2 Alltag: Haushalts- und sozialwissenschaftliche Perspektiven auf die Arbeit von und in Familienhaushalten

2.1 Begriffsbestimmungen – private Haushalte und Familienhaushalte

Private Haushalte als System

Familienhaushalte

Funktionen und gesellschaftliche Relevanz privater Haushalte

Der (ökonomische) Wert der Hausarbeit

2.2 Haushalts- und sozialwissenschaftliche Theorien zur Arbeit des Alltags

2.2.1 Haushaltswissenschaftliche Theorien und Konzepte

2.2.2 Sozialwissenschaftliche Theorien und Konzepte

2.2.3 Nutzen der vorgestellten Theorien und Konzepte für den Forschungsansatz

2.3 Zwischenfazit: Alltagsmanagement zur Bewältigung der Arbeit des Alltags

3 Alltag in Familien – Leitbilder in Politik und Gesellschaft

3.1 Familie heute: Lebensentwürfe junger Menschen

3.1.1 Leitbilder für Frauen

3.1.2 Leitbilder für Männer

3.2 Wohlfahrtsstaatliche Leitbilder – Die Relevanz von Care-Regimen

3.2.1 Typen von Wohlfahrtsstaaten und Care-Regimen

3.2.2 Wohlfahrtsstaatliche Leitbilder für die Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit

3.3 Leitbilder der Familien- und Gleichstellungspolitik

3.4 Zwischenfazit: Alltag zwischen alten und neuen Leitbildern

4 Alltag in Familien – Muster der Alltagsorganisation

4.1 Geschlechtsdifferenzierte Arbeitsteilung im Alltag

4.1.1 Zeitverwendungsmuster und der gender care gap

4.1.2 Alte und neue Geschlechterarrangements

Charakteristika partnerschaftlicher Arbeitsteilungsmuster

4.2 (Un-)Vereinbarkeiten von Erwerbs- und Sorgearbeit in der Rushhour des Lebens

4.2.1 Auswirkungen der Belastungen in der Rushhour des Lebens

4.2.2 Beruflicher Wiedereinstieg von Frauen

4.3 Reformansätze für eine bessere Vereinbarkeit

4.4 Zwischenfazit: Balanceakt zwischen Erwerbs- und Sorgearbeit

5 Haushaltsnahe Dienstleistungen in Deutschland

5.1 Dienstleistungsgesellschaften

5.2 Dienstleistungsarbeit und Dienstleistungsberufe

5.2.1 Professionalisierungsbedarfe in sozialen Dienstleistungsberufen

5.2.2 Die SAHGE-Berufe – Erneuerte Forderung nach gesellschaftlicher Aufwertung

5.3 Haushaltsnahe Dienstleistungen – eine Definition

5.4 Angebot von und Nachfrage nach haushaltsnahen Dienstleistungen in Deutschland

5.4.1 Angebot: Von Dienstleistungsunternehmen bis zu Solo-Selbstständigen

5.4.2 Nachfrage: Merkmale der Nutzenden von haushaltsnahen Dienstleistungen

Einfluss von Milieus

Nachfragepotenzial

5.5 Bedarfe an haushaltsnahen Dienstleistungen

5.6 Subventionierung von haushaltsnahen Dienstleistungen

5.6.1 Förderung haushaltsnaher Dienstleistungen in Deutschland

5.6.2 Förderung haushaltsnaher Dienstleistungen in ausgewählten europäischen Ländern

Frankreich

Belgien

Schweden

5.6.3 Modellrechnungen zur Umsetzbarkeit in Deutschland

5.7 Zwischenfazit: Angebot und Nachfrage durch Subventionierungsmodelle zusammenführen

6 Private Haushalte als Arbeitgeber und Nutzer von haushaltsnahen Dienstleistungen

6.1 Akzeptanz haushaltsnaher Dienstleistungen

6.2 Charakteristika und Handlungslogiken des Arbeitsortes Privathaushalt

6.3 Studie „Privathaushalte als Arbeitgeber“

6.4 Zwischenfazit: Schlussfolgerungen für die Studie „Haushaltsnahe Dienstleistungen für Familien“

7 Forschungsdesign

7.1 Qualitative Sozialforschung

7.2 Qualitatives Leitfadeninterview

7.3 Grounded Theory

7.4 Details zur Studie

7.4.1 Datenerhebung und -analyse

7.4.2 Überblick über das Studien-Sample

8 Alltag mit haushaltsnahen Dienstleistungen – Eltern zwischen Be- und Entlastung

8.1 Alltagsarrangements in Familien mit Haushaltshilfe im Fokus

8.1.1 Vereinbarung von Erwerbs- und Sorgearbeit

8.1.1.1 Motivation zur Dienstleistungsnutzung

Präferenzen und Leitbilder im Konflikt

Entscheidungsfindung auf dem Weg zur Nutzung einer Haushaltshilfe

8.1.1.2 Arten der Entlastung durch haushaltsnahe Dienstleistungen

8.1.1.3 Zwischenfazit: Haushaltsnahe Dienstleistungen als Basis für Erwerbstätigkeit als Frau und Mutter

8.1.2 Die Rolle als Arbeitgeberin

8.1.2.1 Aufgaben als Arbeitgeberin

8.1.2.2 Ansprüche, Qualität und Zufriedenheit der Arbeitgeberinnen

8.1.2.3 Soziale Ungleichheiten am Arbeitsort Privathaushalt

8.1.2.4 Organisation von Haushaltshilfen als Neue Hausarbeit

8.1.2.5 Zwischenfazit: Die Rolle als Arbeitgeberin – vielseitig und anspruchsvoll

8.1.3 Arbeitsteilung und Arbeitsbelastung

8.1.3.1 Arbeitsteilungsmuster

8.1.3.2 Belastung und Überlastung

8.1.3.3 Zwischenfazit: Belastungen im Alltag trotz Arbeitsteilung zwischen Partner/innen und Dienstleistungen

8.1.4 Organisation der Kinderbetreuung

8.1.4.1 Familiäre und nicht-familiäre Netzwerke

8.1.4.2 Betreuung in außerplanmäßigen Situationen

8.1.4.3 Ausgeprägte Nachbarschaft

8.1.4.4 Zwischenfazit: Art und Umfang persönlicher Netzwerke beeinflussen Relevanz haushaltsnaher Dienstleistungen

8.2 Haushaltsnahe Dienstleistungen als Alltagsfundament

8.3 Theoretische Rahmung der empirischen Ergebnisse

8.3.1 Einordnung der empirischen Ergebnisse in die theoretischen Rahmenkonzepte

8.3.2 Theorie eines Alltagsmanagements mit haushaltsnahen Dienstleistungen in Familienhaushalten

9 Diskussion: Zur Relevanz haushaltsnaher Dienstleistungen für das Alltagsmanagement in Familienhaushalten

9.1 Arbeitsteilungsmuster zur Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit

9.2 Haushaltsnahe Dienstleistungen im Alltagsarrangement

9.3 Bedeutsamkeit haushaltsnaher Dienstleistungen in der Rushhour des Lebens

9.4 Kritische Würdigung und weiterer Forschungsbedarf

10 Schlussbetrachtung

11 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Anhang

1 Interviewleitfaden

2 Fragebogen I – Soziodemografie

3 Fragebogen II – Zeiterfassung / Zeitschätzung

4 Begleitprotokoll zu den Interviews

5 Information und Einwilligungserklärung für Teilnehmende

6 Transkriptionsregeln

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Zur Autorin und zu diesem Buch

Mehr von VNM

Vorwort

Die Idee zu dieser Arbeit entstand durch meine Arbeit im Projekt Kompetenzzentrum „Professionalisierung und Qualitätssicherung haushaltsnaher Dienstleistungen“ (PQHD), das mir den Einstieg in ein spannendes Forschungsfeld ermöglichte.1 Entlang der Entstehungs- und Arbeitsphasen haben mich zahlreiche Menschen zu diesem Vorhaben ermuntert, mich dabei begleitet und unterstützt.

Besonderen Dank möchte ich zuallererst meiner Doktormutter und Betreuerin Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe aussprechen. Den Weg in die Wissenschaft habe ich ihr zu verdanken. Seit meiner Zeit als Studentin verstand sie es, mich an Themen und Projekte heranzuführen, die mein Interesse gewinnen und jeweils nachhaltig Begeisterung in mir wecken konnten. Das stete Vertrauen, das sie mir und meiner Arbeit entgegengebracht hat, hat diese wesentlich getragen.

Ebenso danke ich Prof. Dr. Wencke Gwozdz für die Bereitschaft zur Übernahme der Zweitbetreuung unmittelbar nach ihrem Einstieg an der Universität Gießen. Ich danke ihr für ihre Unterstützung in den bereits fortgeschrittenen Arbeitsphasen, die ebenfalls zur Fertigstellung dieser Arbeit beigetragen hat.

Kern dieser Arbeit bilden die Alltagswelten der Familien, in die mir meine Interviewpartnerinnen Einblick gegeben haben. Ich bedanke mich ausdrücklich für die vertrauensvolle Beteiligung an diesem Projekt, für das sie sich trotz aller Arbeit des Alltags die Zeit genommen haben.

Danken möchte ich auch all meinen aktuellen und ehemaligen Kolleginnen im Institut und in der Arbeitsgruppe. Darunter vor allem Prof. Dr. Angela Häußler, Prof. Dr. Christine Küster, Dr. Sandra Obrem und Eva Regensburg, die mich bereits im Studium als Dozentinnen und später als Kolleginnen geprägt und unterstützt haben. Insbesondere danke ich außerdem Nina Klünder, die trotz der Arbeit an ihrer eigenen Dissertation immer ein offenes Ohr für mich hatte, für den steten Austausch und die fruchtbaren Diskussionen in allen Phasen dieser Arbeit. Zu zweit promoviert es sich einfacher als allein.

Gleichermaßen mentale Unterstützung verdanke ich meinen Scimento-Peers, die mir als ausgezeichnete Wissenschaftlerinnen und Frauen ein Vorbild waren und sind. Privat danke ich außerdem meinem Freundeskreis für die effizienten Regenerationsphasen, die wir zusammen verbracht haben.

Ich danke meinen Eltern und meinem Bruder, für die Ausdauer und den „stillen Support“ meiner Arbeit.

Schließlich danke ich Markus. Er hat immer an mich geglaubt und meine Arbeit moralisch ebenso wie grafisch unterstützt. Vor allem hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass sich für mich Beruf und Privates im Gleichgewicht befinden – die wohl entscheidende Voraussetzung dafür, dass ich diese Arbeit zu Ende bringen konnte.

1 Das Projekt war vom 01.05.2013 bis 30.06.2018 am Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen unter Leitung von Frau Prof. Uta Meier-Gräwe angesiedelt. Die finanzielle Förderung erfolgt durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).

1 Einleitung

Alltag prägt unser Leben. Alltäglich, also jeden Tag beschäftigen uns dieselben Aufgaben der Lebenserhaltung und Versorgung: Wir gehen einer Erwerbsarbeit nach, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen, stellen unsere Ernährung sicher, kümmern uns um unsere Gesundheit und Regeneration, ebenso wie um das Wohlergehen von Partnern und Partnerinnen, Kindern oder Angehörigen. Das definitionsgemäß ,,tägliche Einerlei“ („Alltag“ nach Duden 2018) ist keineswegs ein Selbstläufer, sondern bedarf aktiver Leistungen von Individuen und privaten Haushalten als Orten der alltäglichen Daseinsvorsorge (vgl. von Schweitzer 1991). Alltag herzustellen ist heute eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, insbesondere für erwerbstätige Eltern, die – zwischen Erwerbsarbeit und Familienleben, zwischen privater und öffentlicher Sphäre – den Alltag eines jeden einzelnen Haushaltsmitglieds „unter einen Hut bekommen“ müssen (vgl. Jurczyk, Rerrich 1993a; Meier-Gräwe 201Sa).

In Familienhaushalten beeinflussen der jeweilige Erwerbsumfang beider Eltern, Anzahl und Alter der Kinder sowie die Institutionen und Netzwerke zu deren Betreuung und Versorgung maßgeblich das Alltagsmanagement. Eine breite gesellschaftliche Zustimmung zu politischen Maßnahmen, wie etwa dem Ausbau institutioneller Kindertagesbetreuung, der Einführung des einkommensabhängigen Elterngeldes oder des Gesetztes zur sog. Brückenteilzeit, verdeutlicht den gesellschaftlichen Stellenwert einer gelungenen Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die viele Eltern allerdings nach wie vor nicht erreichen. Vielmehr ist für alle Eltern in der sog. Rushhour des Lebens eine enorme zeitliche Belastung durch Erwerbs- und Sorgearbeit charakteristisch. Deshalb verwundern die Ergebnisse verschiedener Befragungen nicht, dass sich Eltern heute zunehmend Unterstützung bei der Hausarbeit wünschen, die sie verstärkt als Belastung wahrnehmen. Neben den genannten familienpolitischen Maßnahmen tauchen in jüngsten Diskussionen daher haushaltsnahe Dienstleistungen als ein denkbares Mittel zur Förderung jener Vereinbarkeit (wieder) auf (vgl. Institut für Demoskopie Allensbach 2012; Destatis 201Sa; MFKJKS 2015; Bujard, Panova 2016; Leopold 2018). Da der 2017 erstmals für Deutschland veröffentlichte „gender care gap“ aufzeigt, dass Frauen durchschnittlich (in allen Haushaltstypen) im­mer noch mehr als anderthalb Mal so viel unbezahlte Hausarbeit leisten wie Männer, und dieser in Familienhaushalten zudem deutlich höher ausfällt, wird den haushaltsnahen Diensten ein insbesondere gleichstellungspolitisch bedeutsames Entlastungspotenzial zugeschrieben (vgl. BMFSFJ 2017).

1.1 Problemstellung

Hohe Erwerbs- und niedrige Arbeitslosenquoten sowie eine florierende Wirtschaft scheinen oberstes Ziel aller politischen Arbeit zu sein. Bildung und Qualifizierung sind auf eine erfolgreiche Integration aller Gesellschaftsmitglieder in den Arbeitsmarkt ausgerichtet. Gemeinhin rückt dabei zunächst die Tatsache in den Hintergrund, dass „keine menschliche Produktion möglich [ist], ohne dass die Natur schon produziert hat, und keine Erwerbsarbeit möglich [ist] ohne vorher geleistete Sorgearbeit“ (Biesecker 2014: 1). Diskussionen um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf scheinen hiermit zu brechen, weisen zugleich jedoch einen klaren Fokus auf die Sphäre der Erwerbsarbeit auf: Der Fachkräftemangel wird zum akuten Problem für viele Unternehmen und Arbeitgeber und lässt eine weitere Steigerung der Frauenerwerbsquote notwendiger denn je erscheinen. Dass es hierfür Angebote der Kinderbetreuung braucht, ist inzwischen im kollektiven Bewusstsein der deutschen Gesellschaft und Unternehmen angekommen (s.o.). Eine ganzheitliche Betrachtung der Vereinbarkeitsfrage jedoch sollte weiter gefasst werden. Seit einigen Jahren werden politische sowie wissenschaftliche Diskurse zur Erwerbsarbeit daher um den Aspekt der Care-Arbeit ergänzt.2 Dabei ist der Begriff ,,care“ (engl. für „sorgen, pflegen, sich kümmern“) in internationalen Debatten kein neuer, hat jedoch im deutschsprachigen Raum in den letzten zehn bis 15 Jahren wesentlich an Bedeutung gewonnen und wird hier inzwischen vorrangig mit „Fürsorge“ oder „Sorge“ übersetzt (ebenso findet aber auch der englische Begriff Verwendung).3 Kongruent zur Erwerbsarbeit entsteht daher der Begriff der Sorgearbeit, der auch im Rahmen dieser Arbeit vorrangig Verwendung finden wird4 und sich aus pflegerischen, betreuerischen, erzieherischen und hauswirtschaftlichen Tätigkeiten, die Menschen für sich und andere erbringen, zusammensetzt (vgl. Praetorius 2015; BMFSFJ 2017). Entscheidend ist, dass sie tagtäglich in privaten Haushalten stattfindet und dabei von wesentlicher gesellschaftlicher Relevanz ist:

„,Care‘ umschreibt alle Tätigkeiten, die im Zusammenhang mit der Umsorgung des Menschen stehen. Damit sind Haus- und Familienarbeit für andere und für sich selbst, die Erziehung von Kindern, die Pflege von älteren oder kranken Menschen angesprochen. Care beinhaltet auch Bildung, Erziehung und sozial emotionale Zuwendung. Im weiteren Sinne beschränkt sich Care nicht auf die unbezahlte Arbeit, sondern beinhaltet auch die bezahlte Sorgearbeit sowohl im privaten als auch im öffentlichen Raum (care worker, z. B. Altenpflegerinnen und -pfleger). Jane Jenson (1997) verweist darauf, unbezahlte Arbeit nicht als Synonym für Care zu verwenden, da auch private Fürsorgearbeit bezahlt sein kann, wie etwa die bezahlte Eltern- oder Pflegezeit. Zugleich ist Care aber nicht nur bloße Tätigkeit, sondern auch ein wesentlicher Teil und somit eine Form des gesellschaftlichen Lebens, also eine soziale Praxis.“ (Beckmann 2016: 3)

Der umfassenden Definition von Sorgearbeit zur Folge findet sich mitunter – und auch im Rahmen der vorliegenden Arbeit – eine zusätzliche Differenzierung zwischen Hausarbeit und (weiterer) Sorgearbeit, wenn unterschiedliche Charakteristika von mehr sachbezogenen, hauswirtschaftlichen Tätigkeiten (Reinigung von Wohnraum, Wäsche, Gartenarbeit) einerseits und den eher personenbezogenen Tätigkeiten (bspw. der Betreuung und Erziehung von Kindern) andererseits hervorgehoben werden sollen.

Da sich also die Erkenntnis durchzusetzen scheint, dass „wir nicht über die Erwerbsarbeit sprechen [können] ohne die Hausarbeit in den Blick zu nehmen“ (Allmendinger, Haarbrücker 2013: 52), sind insbesondere familien- und gleichstellungspolitische, haushalts- und sozialwissenschaftliche Diskurse zunehmend von dieser Maxime geprägt. Das Gutachten der Sachverständigenkommission zum Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung (2017) firmiert beispielhaft unter dem Titel „Erwerbs- und Sorgearbeit gemeinsam neu gestalten“ und trägt unter dieser Zielformulierung u. a. die Forderung mit, hierfür haushaltsnahe Dienstleistungen zu forcieren. Eine Förderung dieses Dienstleistungsmarktes soll den Zugang zu alltagsunterstützenden Diensten für unterschiedlichste Typen privater Haushalte, insbesondere der Familienhaushalte, ermöglichen und erleichtern (vgl. BMFSFJ 2017). Mit haushaltsnahen Dienstleistungen werden Tätigkeiten (der Hauswirtschaft ebenso wie der Betreuung von Personen) erfasst, die in privaten Haushalten von (haushalts)externen Personen gegen Bezahlung erbracht werden (vgl. u. a. Eichhorst, Tobsch 2008)5 – sie stellen damit erwerbsförmige Sorgearbeit dar.

Eine Thematisierung haushaltsnaher Dienstleistungen ist in familien-, gleichstellungs- und arbeitsmarktpolitischen, ebenso wie hauswirtschaftlichen und haushaltswissenschaftlichen Fachdiskursen bereits seit den 1990er Jahren, in den letzten fünf bis zehn Jahren jedoch verstärkt, zu beobachten. Dazu beigetragen haben einerseits gesamtgesellschaftlich die Herausforderungen, Alltag im Zuge sich verändernder Lebens- und Arbeitswelten sowie des demografischen Wandels zu gestalten; andererseits hat auf der Ebene wissenschaftlicher Politikberatung die in Folge europäischer wie nationaler Empfehlungen zur Förderung haushaltsnaher Dienstleistungen im Jahr 2013 vorgenommene Implementierung eines Kompetenzzentrums bewirkt, dass konkrete Konzepte und Strategien der ,,Professionalisierung und Qualitätssicherung haushaltsnaher Dienstleistungen“ (PQHD)6 ausgearbeitet und vorangetrieben wurden (vgl. Meier-Gräwe 2015b). Zahlreiche Diskussionen drehen sich dabei um eine (neben der vorhandenen steuerlichen Begünstigung von 20 %)7 zusätzliche Förderung in Form einer Nachfragesubvention mit Dienstleistungsgutscheinen, die sich im europäischen Ausland bereits etabliert hat (vgl. Eichhorst, Tobsch 2008; Reinecke, Gess, Stegner et al. 2011; Weinkopf 2015; Meier-Gräwe 2015b; BMFSFJ 2017 u. a.).

Unter der Schlagzeile ,,warum die Haushaltshilfe glücklich macht“8 berichteten Medien 2017 über die Erkenntnisse aus einer international angelegten Studie, die anschaulich darlegt, wie sich die Zufriedenheit von Menschen erhöht, wenn diese Geld für Dienstleistungen ausgeben, die ihnen Zeit verschaffen. Zudem steigt diese in einem größeren Maße, als wenn Personen (zusätzliches) Geld für materielle Güter oder Dienstleistungen ausgeben (vgl. Whillans, Dunn, Smeets et al. 2017). Der Frage, ob oder inwiefern sich positive Auswirkungen haushaltsnaher Dienstleistungen für die nutzenden Personen auch für den aufgezeigten Kontext der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ergeben, soll im Rahmen dieser Arbeit daher nachgegangen werden.

2 Plakativ verdeutlicht dies etwa die 2013 gestartete Initiative „Care.Macht.Mehr – Von der Care-Krise zur Care-Gerechtigkeit“ (www.care-macht-mehr.com, zuletzt abgerufen am 21.03.2019) oder der Aufruf zu einer „Care-Revolution“ (Winker 2015).

3 Da Fürsorge ein persönlicher und emotional besetzter Bereich ist, wird er gemeinhin nicht als Arbeit empfunden und als quasi natürliche Ressource der Gesellschaft angesehen. Kennzeichnend für diese Tätigkeiten ist ein asymmetrisches Verhältnis zwischen den zu versorgenden Personen (hilfsbedürftig und daher in dieser Hinsicht abhängig) auf der einen und sorgenden Personen (hilfeleistend) auf der anderen Seite. Im Kern geht es dabei stets um eine existenzsichernde Daseinsfürsorge für Menschen, die (nicht immer, aber meist) in private Haushalte integriert sind (vgl. Praetorius 2015: 51, ff.).

4 Mitunter wird jedoch synonym auch auf den englischsprachigen Begriff „Care“ (statt „Sorge“) zurückgegriffen werden, etwa wenn es um Quellen mit internationalem Bezug (etwa in der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung, siehe Kapitel 3.2) oder feststehende Begrifflichkeiten (Bsp. „gender care gap“, siehe Kapitel 4.1) geht, die eine zur Quelle analoge Verwendung des Begriffs sinnvoll erscheinen lassen.

5 Eine genaue Definition wird in Kapitel 5.3 dieser Arbeit vorgenommen.

6 Zum 01. Mai 2013 wurde das Kompetenzzentrum „Professionalisierung und Qualitätssicherung haushaltsnaher Dienstleistungen“ (PQHD) am Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen unter Leitung von Prof. Uta Meier-Gräwe als Projekt implementiert. Nach Beendigung der Projektlaufzeit an der Universität Gießen im Juni 2018 hat das Kompetenzzentrum „PQHD“ zum 01. Januar 2019 an der Hochschule Fulda unter Leitung von Prof. Christine Küster seine Arbeit wieder aufgenommen. Das Projekt wird getragen und finanziert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).

7 Details hierzu finden sich in Kapitel 5.6.

8 So auf www.diepresse.com, ähnlich bei www.SpiegelOnline.de.

1.2 Zielstellung der Arbeit

In der vorliegenden Arbeit werden diese Beobachtungen und Diskurse aufgegriffen und zusammengeführt. Unter der Fragestellung „Welchen Einfluss haben haushaltsnahe Dienstleistungen auf die Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit und damit das Alltagsmanagement in Familienhaushalten?“ werden die alltäglichen Handlungsmuster von Familienhaushalten mit zwei erwerbstätigen Eltern beleuchtet. Dabei will die Arbeit aufdecken, ob und inwiefern haushaltsnahe Dienstleistungen (in Form von mindestens einer regelmäßigen Haushaltshilfe) den Alltag zwischen Erwerbs- und Sorgearbeit erleichtern und zu einer spürbaren Entlastung der Eltern insgesamt sowie der Mütter im Speziellen führen können. Das forschungsleitende Erkenntnisinteresse ist an den folgenden Fragen ausgerichtet:

• Welche Bedeutung hat die Nutzung haushaltsnaher Dienstleistungen für die Realisierung einer Erwerbstätigkeit beider Eltern?

• Welche Bedeutung hat die Vergabe von Haushaltstätigkeiten für die innerpartnerschaftliche Arbeitsteilung?

• Welche Auswirkungen hat die Rolle als Auftrag- oder Arbeitgeberin für Dienstleistende auf die Haushaltsführenden?

• Welche weiteren Auswirkungen auf das Alltagsmanagement werden durch die Nutzung haushaltsnaher Dienstleistungen in den Familienhaushalten sichtbar?

Aus einer haushaltswissenschaftlichen Perspektive soll diesen Fragen mithilfe eines qualitativen Forschungsdesigns nachgegangen werden, welches durch einen Ansatz rekonstruktiver Sozialforschung die subjektiven Realitäten der interviewten Personen (jeweils Haushaltsführende der rekrutierten Familienhaushalte), deren individuelle Wahrnehmung von sowie Sichtweise auf ihren Alltag in den Vordergrund stellt. Gleichzeitig ermöglicht deren Perspektive, ein Bild des gesamten familiären Alltags zu zeichnen. Mit Einblick in diese Wechselwirkungen einer Inanspruchnahme haushaltsnaher Dienstleistungen mit weiteren Elementen familiärer Alltagsarrangements soll deren Nutzen für eine gelungene Vereinbarkeit und damit eine mögliche Entlastung von erwerbstätigen Eltern aufgedeckt werden.

1.3 Aufbau der Arbeit

Zunächst gilt es, den Untersuchungsgegenstand zum Alltag in Familienhaushalten konzeptionell zu erfassen. So legt Kapitel 2 mit den Begriffsbestimmungen zu privaten Haushalten und Familienhaushalten sowie den Theorien und Konzepten zur Haushalts- und Lebensführung die Basis für das Verständnis von Alltag und Alltagsmanagement in Familien. Orientierung im Alltag bieten Leitbilder, die sowohl auf der Makroebene der Politik wie auch der Mikroebene individueller Lebensentwürfe in Kapitel 3 aufgezeigt werden. Wie Alltag zwischen Erwerbs- und Sorgearbeit tatsächlich ausgestaltet wird, stellt Kapitel 4 anhand des Standes der Forschung zu Zeitverwendungs- und Arbeitsteilungsmustern von Paaren in Familienhaushalten vor, die unter dem Aspekt der Vereinbarkeit bzw. Unvereinbarkeit kritisch beleuchtet werden. Kapitel 5 wendet sich schließlich makroperspektivisch dem Komplex der haushaltsnahen Dienstleistungen zu und zeigt deren Bedeutung für eine Dienstleistungsgesellschaft aus Angebots- ebenso wie Nachfrageperspektive auf. Daraufhin gilt es zudem in Kapitel 6, mikroperspektivisch die Charakteristika haushaltsnaher Dienstleistungen aus Sicht der Privathaushalte als Nutzende zu betrachten. Nach Darstellung des Forschungsdesigns in Kapitel 7 präsentiert Kapitel 8 schließlich die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung. Es zeigt die Variationen von Alltagsmanagement in Familienhaushalten mit Haushaltshilfen auf und leitet daraus eine Theorie des Alltagsmanagements von Familien mit haushaltsnahen Dienstleistungen ab. Kapitel 9 diskutiert die Ergebnisse im Spiegel des zuvor präsentierten Status quo der Lebenslagen erwerbstätiger Eltern sowie der haushaltsnahen Dienstleistungen in Deutschland, bevor Kapitel 10 auf Basis der gewonnenen Schlussfolgerungen mit Handlungsempfehlungen und einem Ausblick abschließt.

2 Alltag: Haushalts- und sozialwissenschaftliche Perspektiven auf die Arbeit von und in Familienhaushalten

Die Arbeit des Alltags sowie die Strukturen privater Haushalte, in denen sie stattfindet, sind u. a. durch die Haushaltswissenschaften, Alltagssoziologie, Frauen- und Geschlechterforschung untersucht und definiert worden. In diesem Kapitel gilt es daher, zunächst den Gegenstandsbereich privater Haushalte und Familienhaushalte zu definieren (Kapitel 2.1) und dann die Arbeit des Alltags anhand ausgewählter Theorien konzeptionell zu untermauern (Kapitel 2.2), bevor der Fokus im folgenden Kapitel auf eben jene Arbeiten in Familienhaushalten gelegt wird.

2.1 Begriffsbestimmungen – private Haushalte und Familienhaushalte

Private Haushalte sind die kleinste ökonomische Einheit einer Volkswirtschaft. Neben Staat und Unternehmen sind sie die dritte Instanz zur Sicherung der Daseinsvorsorge einer Gesellschaft. Während unter den Bereich der öffentlichen (oder: staatlichen) Daseinsvorsorge vorrangig Leistungen der Infrastruktur zur Herstellung eines grundlegenden Lebensstandards für die Bevölkerung, etwa durch Energie- oder Wasserversorgung, Verkehrswesen, Kommunikationsdienstleistungen oder Einrichtungen des Bildungs- und Gesundheitswesen gefasst werden,9 hat die private Daseinsvorsorge in Haushalten die Befriedigung der Grundbedürfnisse seiner Mitglieder nach u. a. Essen, Schlaf, Wohnraum oder Hygiene zum Ziel. Die Sicherstellung der privaten Daseinsvorsorge ist daher Daseinsberechtigung jedes Haushaltes und Ziel aller haushälterischen Tätigkeiten (vgl. von Schweitzer 1983, 1991; Neu 2009). Lehren vom richtigen und guten Haushalten, im Sinne eines ökonomischen, sparsamen Umgangs mit den vorhandenen Ressourcen für die Daseinsvorsorge finden sich bereits seit der Antike in der Literatur wieder. Der private Haushalt selbst hingegen rückt erst im 20. Jahrhundert in den wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fokus. Egner definiert den privaten Haushalt ,,als die Einheit der auf Sicherung der gemeinsamen Bedarfsdeckung einer Menschengruppe im Rahmen eines sozialen Gebildes gerichteten Verfügungen“ (Egner 1976: 34). Er grenzt sich damit von früheren Definitionen ab, die allein die (haus)wirtschaftlichen Handlungen fokussierten (vgl. Egner 1976; von Schweitzer 1991; Richarz 2001).10 Auch nach der heute gültigen, amtlichen Definition von Privathaushalten gilt als Haushalt ,,jede zusammenwohnende und eine wirtschaftliche Einheit bildende Personengemeinschaft (Mehrpersonenhaushalte) sowie Personen, die allein wohnen und wirtschaften (Ein-Personen-Haushalte, zum Beispiel auch Einzeluntermieter)“ (Destatis 2018: 24). Personengemeinschaft und wirtschaftliche Aktivität werden damit um die räumliche Dimension des gemeinsamen Wohnens ergänzt.11

Private Haushalte als System

In der systemischen Betrachtung von privaten Haushalten nach von Schweitzer bildet die Wohnung (samt ggf. vorhandenem Außenbereich, wie Balkon oder Garten) die räumliche Grenze des Haushaltes und bildet zugleich den Handlungsspielraum für die Haushaltsführung (durch Art der Nutzung, Optionen des Umbaus etc.) ab. Als System lässt sich der Haushalt zudem anhand seiner Haushaltsmitglieder, deren verfügbarer Arbeitskraft, ebenso wie Verantwortung und Verfügungsgewalt über Einkommenserzielung und -verwendung, sowie anhand der hauswirtschaftlichen Arbeits- und Funktionsbereiche abgrenzen. Die Bedeutsamkeit der sozialen Systembestandteile, der Haushaltsmitglieder, verdeutlicht von Schweitzer zudem über die Abbildung der personellen Gefüge im sog. Familiensystem, welches das Haushaltssystem ergänzt.12 Die Schnittmenge beider Systeme stellen die jeweiligen Subsysteme Sachbezugssystem der Familie und Personalsystem des Haushaltes dar (siehe Abbildung 1). Haushalte sind zudem auf verschiedenen Ebenen in ein Umfeld eingebettet, angefangen bei der Mikroebene mit ,,Wohnung und Schwellenbereich“ (Grundstück, Garten etc.), der Mesoebene von ,,Nahbereich und Infrastruktur“ (hiermit sind Einrichtungen für Einkauf, Bildung oder Freizeit, ebenso wie die jeweiligen Arbeitsplätze gemeint), sowie der Makroebene von „Geschichte und Kultur“ (u. a. Gesetze, Werte, Leitbilder, Medien) des Staates (vgl. von Schweitzer 1983, 1991).

Abbildung 1: Das Familien- und Haushaltssystem nach von Schweitzer


Quelle: Eigene Darstellung nach von Schweitzer 1991: 142

Je nach Anteil der eigens verrichteten hauswirtschaftlichen Aktivitäten, der „Versorgungs-, Pflege- und Erziehungsleistungen“ (von Schweitzer 1991: 135), sowie im Umkehrschluss je nach Anteil der über den Markt beschafften Güter oder Dienstleistungen, lassen sich unterschiedliche Haushaltsstrukturtypen differenzieren: Selbstversorger-, Dienstleistungs- und Vergabehaushalt. Die meisten heutigen Haushalte industriell geprägter Gesellschaften stellen Formen eines Dienstleistungshaushaltes dar, in dem ein nicht unwesentlicher Teil an Gütern und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs (bspw. Lebensmittel, Kleidung, Versicherungen) eingekauft wird (vgl. von Schweitzer 1983, 1991). Zum Zwecke der Daseinsvorsorge sind Privathaushalte zudem in ein Verbundsystem eingebettet, in dem sie durch andere private Haushalte, bedarfswirtschaftliche, personale Versorgungsbetriebe (etwa Heime), erwerbswirtschaftliche Betriebe (etwa Caterer, Wäschereidienste, Haushaltsservice) sowie verschiedenste Institutionen und Organisationen ergänzt werden (vgl. von Schweitzer 1991; Bottler 1997).

Aus soziologischer Perspektive handelt es sich bei privaten Haushalten auf einer Makroebene zunächst um ein deskriptives Merkmal für statistische Untersuchungen und Auswertungen sozialer Phänomene, während auf der Ebene einer Mikrosoziologie allen voran Kaufmann den Haushalt definiert und eine „Theorie der Haushaltstätigkeit“ (Kaufmann 1999) entwickelt hat (vgl. Thiessen 2004). Im Kern stehen dabei nach Kaufmann die Bemühungen um das Schaffen und Aufrechterhalten von Sauberkeit und Ordnung, da das Sich-Reinigen des Menschen (und seiner Umgebung) in zivilisierten Kulturen sein grundlegendes Handlungsmotiv ist (vgl. Kaufmann 1999). Der Haushalt ist bei Kauffmann daher unmittelbar an die Hausarbeit gebunden.

Familienhaushalte

In der vorliegenden Arbeit steht mit den Familienhaushalten eine besondere Form privater Haushalte im Fokus, weshalb Familien und deren Haushalte hier zunächst ebenfalls zu beschreiben sind. Die heute oftmals proklamierte „Pluralisierung von Lebensformen“ beschreibt die quantitativen Veränderungen von Haushalts- und Lebensmodellen – ohne und mit Kind(ern). Bei den familialen Lebensformen (d. h. jenen mit Kindern) unterliegt die über weite Teile des 20. Jahrhunderts wahrgenommene Dominanz der ,,Normalfamilie“ (Kernfamilie aus Elternpaar mit biologischen Kindern, meist verheiratet) als Ergebnis von Trennungen, Scheidungen, Wiederverheiratung, steigenden Zahlen von Alleinerziehenden sowie unverheirateten Paaren oder gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften mit Kindern einem Bedeutungsverlust. Die Variabilität familialer Lebensformen spiegelt stets den soziokulturellen Kontext einer Gesellschaft wider und unterliegt natürlicherweise einem steten Wandel. So gab es auch in vorindustriellen Gesellschaften vielfältige Lebensformen, jedoch mit dem Unterschied einer geringeren gesellschaftlichen Anerkennung, etwa von unehelichen oder gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Veränderte rechtliche Rahmenbedingungen, wohlfahrtsstaatliche Neuerungen oder veränderte Wertvorstellungen, Lebensentwürfe und Lebensverläufe (bspw. Bildungsexpansion, Erwerbstätigkeit von Frauen und Müttern) bedingen und ermöglichen diese dynamischen Prozesse gleichermaßen (vgl. Meier 2000; Nave-Herz 2014; Nave-Herz 2015; Krack-Roberg, Rübenach, Sommer et al. 2016).

,,Familie ist da, wo Menschen kontinuierlich füreinander sorgen und Verantwortung übernehmen“ (Heinrich-Böll-Stiftung 2017: 9). Dieses familienpolitisch hinterlegte Verständnis von Familie bringt eine Annäherung an das familienwissenschaftliche Verständnis des Familienbegriffs. Demnach ist Familie in Folge eines Perspektivwechsels („practical turn“) nicht mehr als natürliche, gegebene Form sondern als Praktik13, d. h. als Ergebnis aktiver Herstellungsleistung, zu sehen (vgl. Jurczyk 2014; siehe Kapitel 2.2.2). Das Konzept der Familien- und Lebensformen im Mikrozensus definiert Familien als Eltern-Kind-Gemeinschaften, zu denen folglich gemischt- oder gleichgeschlechtliche Ehepaare ebenso wie nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kind(ern) zählen (vgl. Krack-Roberg, Rübenach, Sommer et al. 2016). Familien bilden – je nach Perspektive – zwar meistens, jedoch nicht zwangsläufig einen gemeinsamen Haushalt. Das Leben von Familien als soziales Netzwerk kann auch über Haushaltsgrenzen hinweg stattfinden, dies zunehmend auch über mehr als zwei Generationen hinweg. Beziehungen in multilokalen Mehrgenerationenfamilien, etwa zwischen Eltern und ihren erwachsenen, in eigenen Haushalten lebenden Kindern, sind auch überweitere Entfernungen emotional stabil und versprechen intergenerationelle Solidarität und Unterstützungspotenzial. In den letzten Jahrzehnten haben multilokale Familienbeziehungen zugenommen, sodass Alltag in Familien heute als soziales Netzwerk zu verstehen ist, aufgrund des Reziprozitätsprinzips funktioniert und Daseinsvorsorge sichern kann (vgl. Hennig 2014).

Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit sind Familienhaushalte, die aus zusammenwohnenden Eltern-Kind-Gemeinschaften bestehen. Im Sinne einer intergenerationellen Übernahme von Fürsorge sind für den familiären Alltag dabei häufig auch die Beziehungen zu weiteren Haushalten (vorrangig denen von Großeltern) entscheidend, wie im Laufe der Untersuchung deutlich werden wird (siehe Kapitel 8).

Funktionen und gesellschaftliche Relevanz privater Haushalte

Mit dem Ziel der unmittelbaren Daseinsvorsorge obliegen Haushalten „Aufgaben der Lebenserhaltung, der Persönlichkeitsentfaltung und der Kultur des Zusammenlebens“ (von Schweitzer 1991: 134), die sowohl durch eigens erstellte ebenso wie über den Markt bezogene Güter und Dienstleistungen hergestellt werden. Die gesellschaftliche Relevanz der Hausarbeit, der in privaten Haushalten und damit auch in Familienhaushalten erbrachten Leistungen, wird anhand der Funktionen deutlich, die von Schweitzer privaten Haushalten zuordnet (vgl. von Schweitzer 1983, 1991). Diese sind:

• Ökonomische Funktion: Durch die Erzielung von Einkommen und das Auftreten der Haushaltsmitglieder als Arbeitskraft in der Erwerbs- ebenso wie Sorgearbeit können im Privathaushalt Ressourcen erhalten und gesichert werden. Einkommenserzielung und -sicherung durch Erwerbsarbeit ist hierbei ebenso bedeutsam wie die Versorgung des Haushaltes mit Gütern und Dienstleistungen zur Sicherung der Daseinsvorsorge. Dies bildet zugleich die Basis für die Erfüllung der übrigen Funktionen.

• Generative Funktion: In privaten Haushalten werden Kinder geboren und zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft herangezogen. Leistungen der Generationenfolge zum Fortbestand der Gesellschaft sowie die intergenerationelle Fürsorge im Lebensverlauf sind essenzielle Aufgaben privater Haushalte.

• Regenerationsfunktion: Eine stete Aufgabe der privaten Haushalte besteht in der Regeneration und Gesunderhaltung seiner Haushaltsmitglieder. Das Ziel ist es, durch Leistungen der Erholung, der bedarfsgerechten Ernährung oder (Körper-)Pflege, diese gesund zu erhalten und ihre gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

• Sozialisationsfunktion: Durch Leben und Alltag im privaten Haushalt, die damit vermittelten Werte und Normen sowie durch aktive Erziehungsleistungen tragen Haushalte wesentlich zur Bildung von Humanvermögen und damit der Integration von Individuen in die Gesellschaft bei.

Krüsselberg betont ebenfalls, dass Familienhaushalte in modernen Gesellschaften durch ihre generativen und regenerativen Leistungen der Bildung und Erhaltung von Humanvermögen die Funktionalität, nicht nur von Familien selbst, sondern ganzer Gesellschaften im Sinne einer nachhaltigen Wahlstandsentwicklung sicherstellen (vgl. BMFSFJ 1995; Krüsselberg 2007; Nave-Herz 2014). Alle Leistungen der alltäglichen Daseinsvorsorge in privaten Haushalten im Allgemeinen sowie – aufgrund ihrer intergenerationellen Beziehungen – in Familienhaushalten im Besonderen sind damit wertschöpfende Leistungen: Sie zeigen sich mittelbar im Humanvermögen der Familien- und Haushaltsmitglieder sowie unmittelbar in den durch sie erbrachten und gesellschaftlich bewerteten Leistungen im Erwerbsleben (vgl. Meier 1995).

Der (ökonomische) Wert der Hausarbeit

Während Erwerbsarbeit, wie andere über Märkte organisierte Dienstleistungen oder Waren, in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) abgebildet wird, fallen die in privaten Haushalten erbrachten, wertschöpfenden Leistungen der unbezahlten Arbeit zunächst durch das ökonomische Raster. Private Haushalte (und damit auch Familienhaushalte) werden volkswirtschaftlich lediglich als konsumierende, wertvernichtende (oder sparende) Wirtschaftseinheiten sichtbar (vgl. exempl. Meier, von Schweitzer 1999; Richarz 2000; Thiessen 2004; Meier-Gräwe 2015b). Die Abgrenzung dieser beiden gleichermaßen gesellschaftlich relevanten Arbeitsbereiche nimmt mit Entstehung der Industriegesellschaft Einzug in das wirtschaftswissenschaftliche Denken (oft beschrieben als die Entstehung der sog. Nationalökonomie, die die heutige Volkswirtschaft bezeichnet). Eine Folge dieses neuen wirtschaftswissenschaftlichen Paradigmas verdeutlicht bereits 1920 der britische Nationalökonom Pigou mit dem Phänomen des sog. „Hausfrauenparadoxons“ (Pigou 1920, zit. in Thiessen 2004: 73). Dies ergibt sich für ihn daraus, dass Dienstleistungsarbeit von Frauen nur in das Bruttoinlandsprodukt (BIP) einfließt, wenn sie hierfür bezahlt werden, nicht jedoch, wenn sie diese Leistungen unentgeltlich erbringen, wie in ihrer Position als Hausfrau. „So sinkt das Sozialprodukt, wenn ein Mann seine Haushälterin oder Köchin heiratet.“ (ebd.) Die sich im Zuge der Industrialisierung etablierende geschlechtstypische Aufteilung auf die beiden Arbeitssphären (öffentlich und privat) bilanziert der sozialkritische Ökonom Galbraith als „Verwandlung der Frauen in eine heimliche Dienerklasse“ und damit „eine ökonomische Leistung ersten Ranges“ (Galbraith 1974: 51).14 Die ökonomische Nicht-Beachtung der Sorgearbeit in den „androzentrische[n] Wirtschaftsmodelle[n]“ (Meier-Gräwe 2015b: 6) wurde später insbesondere durch die Frauenforschung der 1970er Jahre kritisiert. Um die in privaten Haushalten geleistete Arbeit sichtbar werden zu lassen, solle auch sie ökonomisch sichtbar werden. Zu Beginn der 1990er Jahre führte diese Kritik in Deutschland zur Einführung von Zeitverwendungserhebungen (ZVE)15, die im nächsten Schritt eine Bewertung der unbezahlten Arbeit ermöglichten. Seitdem bildet das Satellitensystem Haushaltsproduktion ergänzend zur VGR den Wert der unbezahlten Arbeit16 ab und macht ihn mit dem Wert der geleisteten Erwerbsarbeit vergleichbar. In den bisherigen drei Erhebungswellen wies der Bereich der unbezahlten Arbeit dabei stets eine höhere Zeitverwendung auf als der Bereich der Erwerbsarbeit – zuletzt (2013) betrug der Mehraufwand 35 % (siehe Abbildung 2). Nach Bewertung17 der unbezahlten Arbeit weist diese einen Umfang von nahezu 40 % der gesamten im BIP erfassten Bruttowertschöpfung Deutschlands auf (vgl. Schwarz 2017). Der monetarisierte Wert der in allen privaten Haushalten und Familienhaushalten geleisteten Sorgearbeit bestärkt damit deren gesellschaftliche Relevanz.

Abbildung 2: Jahresvolumen bezahlter und unbezahlter Arbeit im Zeitvergleich


Quelle: Eigene Darstellung nach Schwarz 2017: 249

Die – auch nach Einführung des Satellitensystems Haushaltsproduktion – gesellschaftlich und (wirtschafts)wissenschaftlich weitgehend missachtete Relevanz von formeller und informeller Sorgearbeit induziert nach wie vor Kritik. In den 1970er Jahren diskutierten feministische Ökonominnen das Phänomen der – im Gegensatz zu den vorindustriellen Gesellschaften – nicht mehr vorhandenen Wertschätzung von Sorgearbeit unter dem Schlagwort „Arbeit aus Liebe“ (Bock, Duden 1977). Heute hingegen wird etwa von Meier-Gräwe (2012) mit der Systemrelevanz generativer Sorgearbeit argumentiert,18 um deren gesamtgesellschaftliche Aufwertung zu begründen. Sie betont damit die Tatsache, dass ohne die Leistungen privater Haushalte (Versorgung, Erziehung, Regeneration und Gesunderhaltung) kein gesellschaftliches System überhaupt funktionieren könnte, kein Gesellschaftsmitglied überlebens- oder arbeitsfahig wäre. Nach Meier-Gräwe sind die unbezahlten Tätigkeiten in privaten Haushalten, ebenso wie die niedrig entlohnten Tätigkeiten in den personenbezogenen Dienstleistungsberufen (siehe Kapitel 5.2), daher sogar „Systemvoraussetzung“ (Meier-Gräwe 2012: 176) für die Funktionalität und das Wohlergehen einer Gesellschaft. Aus der Kritik resultiert die Forderung nach einem Paradigmenwechsel in der Ökonomie. Eine Abkehr von der marktzentrierten Nationalökonomie hin zu einer „Care-Ökonomie“19 würde nicht nur diese Arbeitsbereiche aufwerten, sondern auch die Ökonomie als Wissenschaft zu ihren aristotelischen Anfängen zurückführen und die Erfüllung der Bedürfnisse von Menschen (zurück) in den Fokus rücken. Care-Ökonom/innen sprechen sich hierzu etwa für eine Reformation des Produktivitäts- und Arbeitsbegriffes aus (vgl. Meier 1995; Madörin 2007; Meier-Gräwe, Ohrem, Häußler 2012; Meier-Gräwe 2012; Praetorius 2015). Winker (2015) schlägt ebenfalls eine umfassende gesellschaftliche Neuausrichtung vor, durch die Sorgetätigkeiten fokussiert, Dualismen – etwa von Monetarisierung und Nicht-Monetarisierung – überwunden und durch neue Bewertungsansätze abgelöst werden („Care Revolution“; Winker 2015).

Familienhaushalten, die im Zuge der alltäglichen Daseinsvorsorge ihre gesellschaftlich relevanten Funktionen erfüllen, indem sie Leistungen der Haushaltsproduktion erbringen, kommt letztlich eine enorme Bedeutung nicht nur individuell, für die in ihnen versorgten Haushaltsmitglieder, sondern auch für den Wohlstand und die Wohlfahrt einer Gesellschaft insgesamt zu – sie sind sogar deren unmittelbare Voraussetzung.

9 Ich habe mich hier auf eine knappe Darstellung des umfassenden Begriffs der Daseinsvorsorge beschränkt, der sich insbesondere durch den Mangel einer klaren und allgemeingültigen Definition auszeichnet. Unstrittig ist offenbar, dass der Begriff zu Beginn des 21. Jahrhunderts durch den Verwaltungsjuristen Forsthoff Einzug in die Wirtschafts-, Rechts- und Politikwissenschaften gehalten hat und seit Ende des 21. Jahrhunderts auch sozialwissenschaftliche Diskurse in Deutschland prägt. International finden sich zur Daseinsvorsorge vergleichbare Konzepte, die jedoch ebenso wenig klar definiert sind. Im Allgemeinen stellt die Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge nach Forsthoff wesentliche Daseinsberechtigung für die öffentliche Verwaltung dar (vgl. exempl. Neu 2009; Knorr 2018).

10 Ferner thematisiert Egner das Verhältnis des Haushaltes zur Haushaltung (Organisation, Planung, Management) und zur Hauswirtschaft, die er beide als gleichwertige Bestandteile eines Haushaltes definiert (vgl. Egner 1976)

11 Bei Haushalten, im Sinne der eine wirtschaftliche Einheit bildenden Personengemeinschaft, die mehrere Wohnorte aufweisen, kann es daher in der amtlichen Statistik zu Mehrfachzählungen kommen. Darüber hinaus können in einem Haushalt mehrere Familienformen zugleich vorkommen (vgl. Destatis 2018: 24).

12 Auch für Ein-Personen-Haushalte oder andere, nicht-familiale Lebensformen in Mehr-Personen-Haushalten gilt, dass diese als soziale Einheit ein Sachbezugssystem haben, welches dem Personalsystem des Haushaltssystems gleichgestellt ist (vgl. von Schweitzer 1991).

13 (Soziale) Praktiken sind routinisierte Verhaltensmuster: ,,A ‚practice‘ (Praktik) is a routinized type of behaviour which consists of several elements, interconnected to one other: forms of bodily activities, forms of mental activities, ‚things‘ and their use, a background knowledge in the form of understanding, know-how, states of emotion and motivational knowledge. A practice – a way of cooking, of consuming, of working, of investigating, of taking care of oneself or of others, etc. forms so to speak a ‚block‘ whose existence necessarily depends on the existence and specific interconnectedness of these elements, and which cannot be reduced to any one of these single elements. […] The single individual – as a bodily and mental agent – then acts as the ‚carrier‘ (Träger) of a practice – and, in fact, of many different practices which need not be coordinated with one another.“ (Reckwitz 2002: 249 f.)

14 Während vorindustrielle Aufgabenbereiche von Frauen in der Landwirtschaft durch technischen Fortschritt wegrationalisiert wurden (bspw. die Herstellung von Kleidung) und gleichzeitig die Dienstboten aus vielen Haushalten (zuvor Hausgemeinschaften) verschwanden, fand sich in der Haushaltsführung ein neues Aufgabenfeld. Die neuen „Hausfrauen“ hielten fortan ihren im Industriesektor beschäftigten Männern den Rücken frei und trugen zu einer enormen Weiterentwicklung des sozialen Lebens bei, in dem ein gut geführter Haushalt zum Präsentierteller weiblicher Tugend wurde. Paradoxerweise werden Frauen dadurch in Haushalten mit hohen Einkommen zu den niedersten Dienerinnen, da hier besonders viele häusliche Pflichten anfallen und unentgeltlich erledigt werden (vgl. Galbraith 1974).

15 Bei der Erhebung 1991/92 und 2001/02 noch als „Zeitbudgeterhebung“ oder „Zeitbudgetstudie“ bezeichnet.

16 Für die Erfassung der unbezahlten Arbeit wird im Rahmen des Satellitensystems Haushaltsproduktion eine Abgrenzung dieser Tätigkeiten „von persönlichen Tätigkeiten und Freizeitaktivitäten notwendig. Dies erfolgt anband des sogenannten ‚Dritt-Personen-Kriteriums‘. [… ] Danach zählen alle Aktivitäten, die auch von einer anderen Person gegen Bezahlung übernommen werden können, zur unbezahlten Arbeit.“ (Schwarz 2017: 246) Hierunter fallen Haus- und Gartenarbeit, handwerkliche Tätigkeiten, Aufgaben der Pflege und Betreuung ebenso wie ehrenamtliche Arbeit (vgl. ebd.).

17 Die Bewertung erfolgt anhand des Generalistenansatzes, der im Vergleich zum konzeptionell ebenfalls denkbaren Spezialistenansatz oder der Bewertung mit Durchschnittslöhnen im Falle des herangezogenen Lohnes eines/einer Hauswirtschafter/in niedriger ausfallt. Zusätzlich wurde für den Anwendungsbereich Privathaushalt lediglich der Nettolohn ohne Aufschläge für Ausfallzeiten angesetzt (vgl. Schwarz 2017).

18 Den Begriff der Systemrelevanz nutzt Meier-Gräwe in Rekurs auf die Begründung der ausgewählten Industriezweige im Konjunkturförderpaket der Bundesregierung Deutschlands Ende der 2000er Dekade. Die Systemrelevanz begründet Milliarden-Subventionen, allen voran über die ,,Abwrackprämie“ in der Autoindustrie (vgl. Meier-Gräwe 2012).

19 „Die Care-Ökonomie umfasst sorgende und vorsorgende Tätigkeiten zur Pflege und Erziehung von Menschen in privaten Haushalten als auch vom Staat, von Sozialversicherungsträgern oder von der Privatwirtschaft getragene bezahlte Versorgungsarbeiten [in Heimen, Krankenhäusern]. Damit werden Bereiche bezahlter und unbezahlter Arbeit umfasst, in denen nach wie vor hauptsächlich Frauen für die Versorgung und Pflege anderer zuständig sind. Die Care-Ökonomie wird damit als eigenständige Kategorie für die Sorgetätigkeiten von der feministischen Ökonomie eingeführt.“ (Vinz 2011, zit. nach Praetorius 2015: 51) Die Ursprünge dieses Diskurses liegen in den Debatten der feministischen Ökonomie in den 1970er Jahren und ihrer Kritik an der unbezahlten Haus- und Fürsorgearbeit. Auch das Konzept des „Vorsorgenden Wirtschaftens“ (Jochimsen, Knobloch, Seidl 1994) ist ein in die Care-Ökonomie eingebetteter Ansatz zur Definition eines neuen, sozial-verträglichen Ökonomie-Verständnisses.

2.2 Haushalts- und sozialwissenschaftliche Theorien zur Arbeit des Alltags

Die Arbeit des Alltags umfasst praktisch wie organisatorisch diejenigen Arbeiten und Tätigkeiten, die alltäglich in privaten Haushalten verrichtet werden, um den Zweck der Daseinsvorsorge zu erfüllen. Alltag ist dabei geprägt von Routinen und wiederkehrenden Handlungsmustern der immer gleichen haushälterischen Aufgaben der Versorgung, Betreuung, Erziehung und Pflege unter Ausgestaltung einer spezifischen Alltagskultur (vgl. von Schweitzer 1991; Jurczyk, Rerrich 1993a; Stieß, Hayn 2006; Meier-Gräwe 2015b). Zur Analyse dieses Gegenstandsbereiches wird ein theoretischer Bezugsrahmen aufgezogen, der eine anwendungsorientierte Analyse der vorliegenden Studie erlaubt.20 Dies erfolgt einerseits auf Basis von drei wesentlichen haushaltswissenschaftlichen Theorien und Konzepten (Kapitel 2.2.1) – der Theorie haushälterischen Handelns nach von Schweitzer (1991), dem Konzept der Haushaltsstile nach Meier (2000) sowie dem Konzept Neuer Hausarbeit nach Thiele-Wittig (1987) – und andererseits drei Konzepten der Alltags- und Familiensoziologie (Kapitel 2.2.2) – dem Konzept der alltäglichen Lebensführung (Projektgruppe „Alltägliche Lebensführung“ 1995), der familialen Lebensführung nach Jürgens (2001) sowie des doing family (u. a. Lange, Jurczyk, Thiessen 2014) –, die im Rahmen dieser Arbeit einen umfassenden Blick auf das Alltagsmanagement von Familien ermöglichen.

2.2.1 Haushaltswissenschaftliche Theorien und Konzepte

Zur Definition von Familienhaushalten wurde bereits in die systemtheoretische Betrachtung privater Haushalte nach von Schweitzer eingeführt, die sog. soziale Theorie haushälterischen Handelns (vgl. von Schweitzer 1991). Für ein besseres Verständnis der tatsächlichen Arbeit des Alltags ist sie durch die sog. personale Theorie zu ergänzen, die haushälterisches Handeln in ,,Arbeits-, Dispositions- und Funktionsbereiche“ (von Schweitzer 1991: 135) unterteilt, in denen alle Handlungen stets „Arbeit und Fürsorge zugleich“ (ebd.: 136) sind und neben einem rationalversorgenden folglich auch emotionalen Charakter haben. Zudem werden alle Handlungen (praktische ebenso wie organisatorische, einfache sowie komplexe) von den drei Dimensionen Lebenseinstellungen, Ressourcen und Handlungsalternativen beeinflusst (vgl. von Schweitzer 1991):

• Die vorhandenen und begrenzten Ressourcen eines Haushaltes gilt es, stets wirtschaftlich und nachhaltig einzusetzen. Beispiele für natürliche, materielle und soziale Ressourcen sind Geld, Zeit, Bildung und Alltagskompetenzen, soziale Herkunft und Humanvermögen sowie die (technische) Ausstattung eines Haushaltes.

• Über die Verwendung der Ressourcen und Ausgestaltung aller Handlungen entscheiden maßgeblich die Lebenseinstellungen, also Normen, Werte und Standards der Haushaltspersonen für den jeweiligen Handlungsbereich. Haushälterische Handlungen sind zudem immer gekennzeichnet durch Fürsorge, also eine emotionale Komponente der Arbeit des Alltags. Vorstellungen von einer „guten Ernährung“ oder von einer ,,ordentlichen Wohnung“ variieren zwischen Haushalten und auch unter Haushaltsmitgliedern und bedürfen der Aushandlung.

• Den haushälterischen Handlungen liegen stets Handlungsalternativen zugrunde, die haushaltsintern oder -extern bedingt sind. Sie werden etwa durch Anzahl und Eigenschaften (Alter, Gesundheit) der Haushaltsmitglieder sowie durch andere Akteure des Versorgungsverbundes bestimmt und fordern die rationale Entscheidungsfindung und das Abwägen zwischen Alternativen, die stets das Ausführen oder Unterlassen einer Handlung sein können.

Die drei Handlungsdimensionen unterliegen einem „haushälterischen Dreiecksverhältnis“ (von Schweitzer 1991: 137) und weisen Interdependenzen auf (siehe Abbildung 3), indem etwa Entscheidungen über Handlungsalternativen von Lebenseinstellungen abhängen, ebenso wie diese auch die Ressourcennutzung beeinflussen.

Abbildung 3: Das haushälterische Dreieck nach von Schweitzer


Quelle: Eigene Darstellung modifiziert nach von Schweitzer 1991: 138

Letztlich verdeutlichen Art und Nutzung der Ressourcen auch die Umsetzung bestimmter Handlungsalternativen und bestimmen maßgeblich die Zielerreichung für die Versorgungs-, Pflege- und Erziehungsleistungen mit. Ziel aller haushälterischen Handlungen ist wiederum die Sicherstellung der Lebenserhaltung, Persönlichkeitsentfaltung und Kultur des Zusammenlebens für die Haushaltsmitglieder und damit die Herstellung einer Alltagskultur der privaten Daseinsvorsorge. Als handlungsleitendes Prinzip konstatiert von Schweitzer das Anstreben eines gewissen Lebensstandards, der sich in den Erwartungen an das eigene Haushaltssystem ausdrückt, und zudem Einflüssen durch Trends, Moden, Politik oder Wissenschaft unterliegen kann. Neben den haushaltsinternen Faktoren für mögliche Handlungsoptionen (etwa bedingt durch die aktuelle Familienphase, gesundheitliche Voraussetzungen etc.) werden diese stets auch von haushaltsexternen Faktoren mitbestimmt, die wiederum aus den drei Umfeldebenen privater Haushalte resultieren (vgl. von Schweitzer 1991).

Haushaltsübergreifende Muster der Daseinsvorsorge lassen sich nach Meier (2000) – in Anlehnung an die von Schweitzer’sche haushälterische Handlungstheorie – durch das Konzept der Haushaltsstile beschreiben. Während sich der soziologisch begründete Begriff des Lebensstils auf die subjektiven Ausdrucksformen und Lebensweisen einzelner Personen bezieht, lassen sich über Haushaltsstile typische Muster der Daseinsvorsorge erfassen, die soziale Gruppierungen von Haushalten aufdecken:21

„Haushaltsstile sind typische Muster der Alltagsorganisation von privaten Haushalten zur Sicherung der Daseinsvorsorge. Sie werden einerseits bestimmt durch die verfügbaren Ressourcen eines Haushalts und andererseits durch die getroffene Lebensplanung seiner Mitglieder. Haushaltsstile werden von den persönlichen Wertorientierungen und von Geschlechter- und Generationenbeziehungen, aber auch von Rahmenbedingungen des haushälterischen Umfelds, maßgeblich beeinflusst. Haushaltsstile ändern sich entlang der Haushaltsbiografie.

Haushaltsstile sind kollektive haushälterische Gestaltungsleistungen, der haushaltsinterne Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse zwischen den Haushaltsmitgliedern vorausgehen, um ihre individuellen Bedürfnisse und Interessen, Wertvorstellungen und Lebensstilpräferenzen zu koordinieren (Mikroebene). Haushaltsstile bilden sich im Kontext milieuspezifischer Wahlmöglichkeiten und Zwänge (Mesoebene) und werden durch gesamtgesellschaftliche Strukturen (Makroebene) mitbestimmt.“ (Meier 2000: 59)

Meier integriert damit die individuell differenzierbaren und von Lebensstilen beeinflussten Wertvorstellungen in die Haushaltskontexte, wo diese in Form der Lebensführung ihren Niederschlag finden. Der Haushaltsbezug offenbart jedoch, dass hierbei Mehr-Personen-Haushalten – wie es auch Familienhaushalte sind –stets interpersonelle Aushandlungsprozesse ebenso zugrunde liegen, wie externe Einflüsse auf unterschiedlichen Ebenen beachtet werden müssen, die die Arbeit des Alltags prägen. Zudem ermöglicht der analytische Zugang mit dem Konzept der Haushaltsstile durch die explizite Inklusion von Erwerbsarbeit, Sorgearbeit, Regeneration und Freizeit im Kontext von Paar- oder Familienhaushalten auch geschlechtsdifferenzierte22 Arbeitsteilungsmuster offenzulegen, die in individualisierten Lebensstilkonzepten ausgeblendet werden (vgl. Meier 2000). So wird deutlich, dass Haushaltsstile, ebenso wie Lebensformen, einem Wandel unterliegen – historisch und biografisch. In der Lebensverlaufsperspektive führen etwa neue Familienzyklusphasen, Haushaltsneugründungen oder andere biografische Ereignisse immer wieder zu Veränderungen in den Ressourcen, Wertorientierungen und Handlungsoptionen, die eine Anpassung des Haushaltsstils erfordern oder hervorbringen.

Neben den genannten Dimensionen haushälterischen Handelns beeinflusst auch die Art der haushälterischen Aufgaben die spezifischen Herausforderungen an die Haushaltsführung und damit die Arbeit des Alltags. Der Wandel von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Arbeit des Alltags (etwa in den Bereichen Medien, Kommunikations- und Informationstechnologie oder Konsum) in einer heute von globalisierten Märkten und digitalisierten Alltagssettings geprägten Moderne bedeutet für private Haushalte ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts neue Anforderungen an ihr Alltagsmanagement (vgl. Thiele-Wittig 1987). Neben die klassischen hauswirtschaftlichen Tätigkeiten, die mit der Beköstigung, Reinigung, Wäscheversorgung, Betreuung, Erziehung und Pflege schon immer Kernaufgaben alltäglicher Daseinsvorsorge waren, treten neue Aufgaben: Die Neue Hausarbeit ist im Gegensatz zu den praktischen Tätigkeiten der Hauswirtschaft durch intellektuelle Arbeit gekennzeichnet, denn sie umfasst „Orientierungsaufgaben, Organisations- und Koordinierungsaufgaben“ (Thiele-Wittig 1987: 120f.), die häufig anderen Hausarbeitsaufgaben vorgelagert sind (vgl. Thiele-Wittig 1987).23

Neue Hausarbeit ist weniger vom Beziehungsaspekt oder von Routinen gekennzeichnet und nicht an die haushaltsinternen Grenzen der Mikroebene gebunden. Sie entsteht durch Außenbeziehungen, die in ihrer Art der Kommunikation sachlicher geprägt sind und dem System der Erwerbsarbeit näherkommen als die zuvor genannte Fürsorgearbeit. Die Neue Hausarbeit erfordert daher von den privaten Haushalten und ihren Mitgliedern andere Kompetenzen, die sie neben der praktischen Hausarbeit zu diesen organisatorischen, integrierenden und koordinierenden Arbeiten befähigen (vgl. Thiele-Wittig 1993, 1996).24 Folglich sind die Aufgaben Neuer Hausarbeit auch zur Erfassung des jeweiligen Haushaltsstils von privaten Haushalten, in all seinen Dimensionen und unter Betrachtung aller Umfeldebenen, von essenzieller Bedeutung.

Der Umgang mit den zahlreichen Akteuren des Versorgungsverbundes, etwa Behörden und Ämtern, Institutionen des Gesundheitssystems, Finanzdienstleistern oder Betreuungseinrichtungen, erfordert von privaten Haushalten die aktive Teilnahme – sie werden zu Ko-Produzenten der Dienstleistungen (siehe Kapitel 5.2). Diese Schnittstellen zu Akteuren außerhalb des Haushaltssystems nahmen und nehmen tendenziell zu, und somit auch die Anforderung, diese zu koordinieren. Thiele-Wittig diagnostiziert dabei eine besondere Herausforderung für private Haushalte im Umgang mit einer ,,hochgradigen Asymmetrie“ (Thiele-Wittig 1987: 124) zwischen ihnen und den Akteuren des Versorgungsverbundes, die sich in mehrerlei Hinsicht zeigt: Bedeutsam ist u. a. ein Gefälle zwischen ihnen in Macht und Einfluss sowie ein Fachleute-Laien-Gefälle, der Einfluss technischer Neuerungen auf Dienstleistungen und Dienstleistungsnutzung, die Notwendigkeit der Information und Bewertung eines pluralisierten Angebotes sowie die Notwendigkeit der Koordination und Synchronisationen verschiedener Institutionen bzw. Arbeits- und Lebensbereiche (etwa die Abstimmung von Erwerbsarbeitszeiten mit Arztterminen, Schul- oder Kitazeiten). In der öffentlichen Wahrnehmung und Kommunikation werden zahlreiche Entwicklungen und Neuerungen zudem als Entlastungen für private Haushalte gewertet, die – bei allen Vorteilen, die moderne Dienstleistungen mit sich bringen können – letztlich jedoch (mehr) Neue Hausarbeit hervorbringen (vgl. Thiele-Wittig 1987, 1993; Küster 2000).

Aufgrund ihrer Andersartigkeit im Vergleich zur klassischen Hausarbeit werden in der Neuen Hausarbeit andere Kompetenzstrukturen als Voraussetzung dafür gesehen, die vorwiegend intellektuelle Arbeit bewältigen zu können. So ist mit der Beschreibung der Neuen Hausarbeit oft die Forderung nach einer Bildung von Alltags- und Daseinskompetenzen verbunden (vgl. Thiele-Wittig 1987, 2000, 2003). Daseinskompetenzen werden im Fünften Familienbericht bereits mit einer essenziellen Bedeutung für das private und soziale Leben sowie das Bestehen in Erwerbsarbeit und Haushaltsführung belegt (vgl. BMFSFJ 1995). Inzwischen gibt es Vorschläge zu Inhalten und Curricula für die Lehre von Alltagskompetenzen in allgemeinbildenden Schulen, die unterschiedliche Definitionen und Spektren des Begriffes aufzeigen. Aus einer haushaltswissenschaftlichen Perspektive sind hierfür folgende Bereiche relevant (vgl. Bröcheler 2012):

• Lebensplanung (u. a. Lebensverlaufsplanung, Konsequenzen von Lebensentscheidungen, Beziehungskompetenz);

• Management (u. a. Finanz- und Zeitmanagement, Entscheidungsfindung im Haushalt);

• Versorgung (u. a. Reinigung, Wäschepflege, Wohnraumgestaltung, Ressourcenschonung);

• Gesundheit (u. a. Gesunderhaltung, Bewegung, Wohlbefinden und Entspannung, Sorgeaufgaben);

• Ernährung (u. a. bedarfsgerechte und gesundheitsförderliche Ernährungsweisen, Ernährungsverhalten, Ernährungsökologie);

• Konsum (u. a. Konsumverhalten, Verbrauchspolitik, Nachhaltigkeit, Online-Handel).

Die Anforderungen an ein erweitertes Kompetenzprofil verdeutlichen zudem das gesellschaftliche und politische Verständnis von einer Verantwortungsübernahme für die genannten Aufgabenbereiche der Neuen Hausarbeit durch die privaten Haushalte, die in den unterschiedlichen Alltagswelten – dem Leitbild des „mündigen Verbrauchers“ entsprechend – in zunehmendem Maße „Informations- und Entscheidungsarbeit“ (Küster 2000: 16) leisten müssen.

Zur Neuen Hausarbeit und damit der Koordinierung und Organisation unterschiedlichster Bestandteile des Versorgungsverbundes gehören schließlich auch Haushaltshilfen. Durch das Delegieren eines Teils der (vorrangig) praktisch-hauswirtschaftlichen Tätigkeiten entsteht damit ebenfalls ein neuer Aufgabenbereich der Neuen Hausarbeit, durch die Rolle der Haushalte als Kunden eines Dienstleistungsunternehmens oder Arbeitgeber einer im Haushalt beschäftigten Person (siehe Kapitel 6). Gleichzeitig wird an diesem Beispiel deutlich, dass es gerade Aufgaben der Neuen Hausarbeit sind, die sich schlecht oder gar nicht delegieren lassen, wenn sich ein Haushalt Entlastung verschaffen will. Außer in Fällen, in denen die komplette Haushaltsführung ausgelagert wird, ist die Verteilung Neuer Hausarbeit (von der Koordination und Absprache bis zur Wahrnehmung von Terminen bei Ärzten, Behörden, Beratungsstellen etc.) lediglich unter den Haushaltsmitgliedern möglich. Selbst Aufgaben, die mit einem hohen emotionalen Anteil verbunden sind, etwa die Betreuung von Kindern oder die Ernährungsversorgung nach den eigenen Vorstellungen, lassen sich – wenn auch unter Inkaufnahme von Abweichungen vom eigenen Zielsystem – besser an Dritte delegieren als Neue Hausarbeit (vgl. Thiele-Wittig 1991).

Die Komplexität alltäglicher Lebenswelten von Privathaushalten verdeutlicht schließlich die Notwendigkeit eines wahren Alltagsmanagements, im Sinne des Planens, Organisierens, Ausführens und Kontrollierens aller Aufgaben der alltäglichen Daseinsvorsorge. Auch wenn einzelne Faktoren mit Wirkung auf das alltägliche und haushälterische Handeln durch die vorgestellten haushaltswissenschaftlichen Theorien abgebildet werden können, treten deren Wirkungsweise oder Aspekte der gelebten Praxis von Haushaltsführung samt Zuständigkeiten in diesem Modell nicht explizit hervor.

2.2.2 Sozialwissenschaftliche Theorien und Konzepte

Die Arbeit des Alltags findet sich auch in sozialwissenschaftlichen Theorien und Konzepten wieder, die im Folgenden als Ergänzung zur haushaltswissenschaftlichen Perspektive dienen, um einen möglichst umfassenden analytischen Rahmen für den Gegenstandsbereich des Alltags in Familienhaushalten zu spannen. Die Grundlagen eines Alltagsmanagements werden in umfassender Weise zunächst mit dem Konzept der alltäglichen Lebensführung25 erfasst und beschrieben. Ein Mix aus theoretisch-konzeptionellen Überlegungen (Voß 1991) sowie empirischen Erhebungen und Analysen (Jurczyk, Rerrich 1993a; Projektgruppe „Alltägliche Lebensführung“ 1995) schafft zu Beginn der 1990er Jahre, als Reaktion auf gegenwärtige gesellschaftliche Wandlungstendenzen (insbesondere die zunehmende Flexibilisierung der Erwerbsarbeitssphäre sowie die Veränderung der Lebensentwürfe und -verläufe von Frauen im Spiegel modernisierter Geschlechterrollen), eine neue Perspektive auf den Alltag und das Alltagsmanagement von Individuen. Aus einer subjektorientierten Perspektive erfasst die alltägliche Lebensführung die Art und Weise, wie Individuen tagtäglich in den unterschiedlichsten Settings und Beziehungen ihr Leben führen und ihren Alltag gestalten. Im Gegensatz zum Begriff des Lebensstils, der sich als Forschungsdisziplin parallel entwickelt und ausdifferenziert hat, geht es in diesem Konzept nicht um objektiv sichtbare und der Distinktion dienenden äußere Ausdrucksformen (deutlich etwa durch Konsum, Mode, Musik) oder typische Sinn- und Deutungsmuster, sondern um praktische Gestaltungsweisen, durch die Individuen den jeweiligen Umwelten entsprechend ihre Lebensweise gestalten und dabei diverse Settings des Alltags strukturell und emotional „unter einen Hut bekommen“ müssen. Diese Leistung entspricht der Arbeit des Alltags und ist als eine stetig wachsende Herausforderung anzusehen (vgl. Jurczyk, Rerrich 1993b; Voß 1995; Jurczyk, Voß, Weihrich 2016; Müller 2016).

Das theoretische Konzept der alltäglichen Lebensführung26 lässt sich nach Voß anhand von sieben Eckpunkten umreißen und wird damit in seiner Relevanz für das Alltagsmanagement besser greifbar (vgl. Voß 1995; Jurczyk, Voß, Weihrich 2016):

1) Alltägliche Lebensführung als Tätigkeitszusammenhang: Es geht um die Gesamtheit aller Tätigkeiten, die den Alltag von Personen ausmachen, um eine „alltägliche Synchronie des Lebens“ (Voß 1995: 30). Dies bewirkt eine phasenweise stabile Form des gelebten Alltags, der sich bspw. durch Routinen und Regelmäßigkeiten auszeichnet. Dem zugrunde liegen stets auch Sinnstrukturen, die jedoch nicht im Fokus des Konzeptes stehen – diesen bildet die gelebte Praxis.

2) Alltägliche Lebensführung als Zusammenhang und Form der Alltagstätigkeiten: Die integrative Perspektive ist dabei nicht an der Fülle aller Tätigkeiten interessiert, sondern an den einzelnen Lebensbereichen, die zur Betrachtung ,,dimensional aufgeschlüsselt werden in zeitliche, räumliche, sachliche, soziale, sinnhafte, medial-technische, emotionale oder auch körperliche Aspekte“ (Jurczyk, Voß, Weihrich 2016: 67) und dann als „Arrangement der einzelnen Arrangements“ (Voß 1995: 32) zusammenzuführen sind. Schließlich kann so auch zwischen unterschiedlichen Formen der Lebensführung unterschieden werden.

3) Alltägliche Lebensführung als Handlungssystem der Person: Die Integration aller Tätigkeiten ist die Hauptaufgabe der alltäglichen Lebensführung als Handlungssystem. Sie ist damit das fundamentale und wichtigste System für Individuen als Teil einer Gesellschaft, vermittelt zwischen diesen beiden Sphären. Das Handlungssystem ist unmittelbar an die Person gebunden, also nicht losgelöst zu betrachten oder auf andere Personen übertragbar.

4) Alltägliche Lebensführung als aktive Konstruktion und Leistung: Die Bindung an die Person verweist bereits darauf, dass alltägliche Lebensführung situations- und kontextadäquat „aktiv konstruiert, alltäglich praktiziert und erhalten sowie […] bei Bedarf auch modifiziert werden muss“ (Jurczyk, Voß, Weihrich 2016: 69; Herv. i. Orig.). Es handelt sich dabei um ein strukturiertes Verfahren zur Alltagsgestaltung, welches reflexiv und unbewusst angewandt wird. Dies geschieht zwar in Abhängigkeit der Lebenslage von Personen, wird jedoch in aktiver Auseinandersetzung und daher individuell verschieden ausgearbeitet und lässt einen stabilen Bezugsrahmen entstehen.

5) Die Eigenlogik des Systems alltägliche Lebensführung: Trotz des Charakters einer aktiven Herstellungsleistung ist alltägliche Lebensführung überwiegend Resultat situativer Entscheidungen, die nur begrenzt reflektiert werden. So ergibt sich eine „funktionale wie strukturelle Eigenständigkeit“ (Jurczyk, Voß, Weihrich 2016: 69), eine innere Eigenlogik des Systems.

6) Die nicht-deterministische Vergesellschaftung alltäglicher Lebensführung: Auch als subjektbezogene Herstellungsleistung sind gesellschaftliche Rahmenbedingungen für die alltägliche Lebensführungvon Personen relevant, beeinflussen sie in ihrer Art und Weise. Neben objektiven Lebenslagen wirken auch soziokulturelle Einflüsse (Deutungsmuster, Standards oder Ideologien) sowie Lebens- und Familienformen hier prägend. So verschränken sie sich etwa in Beziehungen oder in privaten Haushalten miteinander, in denen Lebensführung kooperativ entsteht und erhalten wird.

7) Alltägliche Lebensführung als System sui generis: Schließlich ist die alltägliche Lebensführung als System sui generis zu verstehen, welches als Vermittler zwischen Individuum und Gesellschaft dient. Das Verhältnis zwischen diesen Sphären ist durch „Form und Logik“ (Jurczyk, Voß, Weihrich 2016: 72) dieses Systems geprägt, das in jeder einzelnen Tätigkeit von Personen dieses System der Alltagsgestaltung zum Tragen kommt.

Bei allen Unterschieden in der alltäglichen Lebensführung zwischen Individuen lassen sich auch übergreifende Tendenzen analysieren.27 Diese ergeben sich vor dem Hintergrund der zeitdiagnostischen Analyse, die vier wesentliche Modernisierungstendenzen für die alltägliche Lebensführung hervorbringt. Erstens geht es um eine Rationalisierung der Lebensführung28 für die sich u. a. Routinen als besonders bedeutsam erweisen, da sie Kontinuität sichern können und „zur Entlastung von permanentem Entscheidungsdruck“ (Jurczyk, Voß, Weihrich 2016: 63) beitragen. Für den kompetenten Umgang mit unsicheren und flexibilisierten Lebensbedingungen ist Vertrauen zudem eine wichtige Ressource der Lebensführung, die es erlaubt, auch ohne allumfassendes Durchplanen den Alltag kompetent zu gestalten. Zweitens zeigt sich eine Individualisierung der Lebensführung, für die autonome Verhaltensweisen der „Selbststeuerung und Selbstvergesellschaftung“ (Jurczyk, Voß, Weihrich 2016: 63 f.) bedeutsam sind. Hierfür braucht es persönliche und soziale Kompetenzen des Einzelnen, gleichzeitig besteht die intersektionelle Wirksamkeit von Kategorien sozialer Ungleichheit fort. Drittens entwickelt sich eine Egalisierung der Geschlechterverhältnisse, die eine Verringerung traditioneller Geschlechterhierarchien bewirkt. Gleichzeitig jedoch offenbaren sich neue Ungleichheiten, etwa durch die konsistente Verantwortungszuschreibung unbezahlter Arbeit an die weibliche Hälfte der Gesellschaft. Die Wirksamkeit dieser Dichotomie bedeutet in der Folge Herausforderungen für egalitäre Lebensführungsmuster – für Frauen ebenso wie Männer. Viertens zeichnet sich eine Verarbeitlichung des Alltags ab, die von Individuen heute verlangt, Grenzen zu ziehen, um entgrenzten Strukturen entgegenzuwirken. So ist die Arbeit des Alltags zunehmend von „vermehrtem Synchronisations-, Koordinations- und Planungsaufwand aller Beteiligten“ (Jurczyk, Voß, Weihrich 2016: 65) geprägt.

Für den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit interessant ist zudem der aus dem Konzept der alltäglichen Lebensführung hervorgegangene konzeptionelle Ansatz der familialen Lebensführung29 die „als Prozess der alltäglichen Verschränkung individueller Lebensführungen innerhalb der Familie“ (Jürgens 2001: 37) zu verstehen ist. Neben der alltäglichen Lebensführung der Individuen (die Erwachsenen, hier also Eltern30) wird hierzu auf einer zweiten Ebene die intersubjektiv aktiv konstruierte Verschränkung dieser Lebensführungen zu einer gemeinsamen, familialen Lebensführung analysiert. Diese Verschränkung zeigt sich inhaltlich (Vorstellungen über die Art der Lebensführung), räumlich (Streben nach einem gemeinsamen Wohnort), zeitlich (Abstimmung der Zeitstrukturen von Familienmitgliedern und Institutionen), sozial (Aufbau gemeinsamer Netzwerke) sowie emotional (Liebe als wesentliches Bindeglied innerfamiliärer Beziehungen, aber auch emotionale Bedeutsamkeit der familialen Lebensführung als solche). In all diesen Dimensionen wird schließlich der Arbeitscharakter der familialen Lebensführung deutlich, da es jeweils aktiver Herstellungsleistungen durch die Familienmitglieder bedarf, um diese Verschränkungen herzustellen (vgl. Jürgens 2001). Die bereits im Konzept der alltäglichen Lebensführung deutlich gewordene Bedeutsamkeil der Strukturkategorie Geschlecht wird hier ebenfalls in allen Dimensionen sichtbar. So sind es in verschiedenen Untersuchungen jeweils die Frauen bzw. Mütter, die – so wird es für unterschiedliche Lebenslagen und familiale Lebensformen deutlich – in größerem Maße als die Männer bzw. Väter zur Herstellung eines Familienalltags beitragen, indem sie tagtäglich die unterschiedlichen Puzzleteile zusammenfügen und versuchen, sie unter dem Dach des Familienlebens zusammenzuhalten. Nicht selten ist dies eine Herausforderung, die sich nur durch das Zurückschrauben eigener Bedürfnisse (privat wie beruflich), das Aushalten von Unstimmigkeiten und Konflikten und damit unter großer Belastung bewältigen lässt (vgl. Rerrich 1993; Rerrich 1994; Jürgens 2001). Ebenso relevant für eine gelungene familiale Lebensführung ist die Unterstützung durch andere Frauen, seien es unbezahlte Helferinnen aus dem Verwandten- und Bekanntenkreis oder bezahlte Helferinnen als Au-Pairs, Tagesmütter oder Haushaltshilfen. Sie zeugen von einer neuen Arbeitsteilung, nicht innerhalb von Part-nerschaften, sondern unter Frauen, entlang der sozialen Ungleichheitsdimensionen von sozialer Herkunft, Bildung, Ethnizität und Nationalität – wie von Hochschild (2000) als „global care chains“ bezeichnet und beschrieben – regelmäßig auch über Landesgrenzen hinweg (vgl. Rerrich 1993, 2002; Hochschild 2000; siehe Kapitel 5).

In den Ietzten Jahren hat sich zudem der Begriff des doing family auch in der deutschsprachigen Familienforschung verbreitet. Dieser schließt an die konstruktivistisch angelegten Ausführungen der alltäglichen Lebensführung an, arbeitet sie systematischer (anhand einzelner Dimensionen) auf und begründet sie zeitdiagnostisch (vgl. Jurczyk 2018b). Das Konzept doing family31 stellt eine alltagsnahe, praxeologische Forschungsperspektive32 dar, die insbesondere an das sozialkonstruktivistisch begründete Konzept des doing gender nach West und Zimmerman (1987) oder auch an kulturwissenschaftliche Ansätze anknüpft. Es fokussiert die Alltagspraktiken von Familien und fragt, was Familien und deren Mitglieder konkret tun und wie sie es schaffen, einen gemeinsamen Alltag und eine Identität als Familie herzustellen. Diese erscheint vor allem vor dem als ,,doppelte Entgren-zung“ (Jurczyk, Schier, Szymenderski et al. 2009) beschriebenen Phänomen sich verändernder Alltagswelten in Erwerb und Familie33 als forschungsrelevant (vgl.Jurczyk 2014, 2018a, 2018b).

Zentral für dieses Verständnis von Familie ist zum einen die „sinnhafte Kon-struktion eines gemeinschaftlichen Beziehungsgefüges“ (Jurczyk 2018a: 147), das heißt Aktivitäten, die Familien sich selbst als Familie erkennen und (nach innen wie außen) darstellen lassen. Hierzu dienen vor allem symbolisch aufgeladene Aktivitäten, wie etwa die gemeinsame Familienmahlzeit oder generell die bewusste Organisation von bestimmten Zeitfenstern für Familie und Familienaktivitäten (vgl. Rerrich 1993; Barlösius 2016; Jurczyk 2018b). Neben dieser klar sozialkonstruktivistischen Grundform von doing family ist auch das „Vereinbarkeits- und Balancemanagement“ (Jurczyk 2018a: 146) als tägliche Herstellungsleistung für einen gemeinsamen Familienalltag zu sehen, um trotz verschiedenster Zeit-strukturen und -logiken eine Ko-Präsenz von (allen) Familienmitgliedern zu ermöglichen.34 Letztlich ist Care- bzw. Sorgearbeit für familiale Lebensführungen und doing family von elementarer Bedeutung: 35

„Denn Familie ist ein (multilokales) Netzwerk besonderer Art, das zentriert ist um Care, d. h. um verantwortliche, emotionsgeleitete persönliche Sorge zwischen Generationen und Geschlechtern, die – teilweise existenziell – aufeinander angewiesen sind. […] So verstanden meint Familie als Herstellungsleistung hier die Herstellung fürsorglicher persönlicher Beziehungen, die sich weder auf verheiratete Eltern und ihre Kinder noch auf das Zusammenleben in einem Haushalt beschränken.“ (Jurczyk 2014: 66)

Ein gemeinsames Leben, mit persönlichen Beziehungen, gemeinsamer Zeit in räumlicher Nähe und die Möglichkeit zur Wahrnehmung von Sorgearbeit sind somit wesentliches Ziel von familialer Lebensführung und Inhalt der aktiv zu erbringenden Herstellungsleistungen. Alltagsmanagement als Haushaltsführung und Lebensführung bedeutet letztlich ein Austarieren von unterschiedlichen Di-mensionen des Alltags und der Alltagsstrukturen von Haushaltsmitgliedern und ist dabei zugleich individuelle Konstruktionsleistung. Dieses Verständnis findet sich auch bei Kaufmanns Charakterisierung eines Familienhaushaltes wieder:

„Der Ausdruck sollte beim Wort genommen werden. Denn ,den Haushalt machen‘ bedeutet nicht einfach nur, Staub zu wischen und die Gegenstände an ihren richtigen Platz zu rücken. Durch diese Routinehandgriffe wird Tag für Tag nichts anderes als die Existenzgrundlage der häuslichen Gemeinschaft geschaffen, die ohne diese Handgriffe nichts wäre. ,Den Haushalt machen‘ (im sächlichen Sinne) bedeutet auch, den Haushalt (im personalen Sinne) zu machen, also die Familie zu konstruieren.“ (Kaufmann 1999: 68)

Die Autor/innen des Konzeptes zur alltäglichen Lebensführung resümieren schließlich, dass der Arbeitsbegriff „im Zuge der Modernisierung der Moderne“ (Jurczyk, Voß, Weihrich 2016: 65) nicht mehr allein für den Bereich der Er-werbsarbeit, sondern zunehmend auch für die Sphäre des Privaten gilt. Das Spektrum der unbezahlten Arbeit, die Tätigkeiten der sachbezogenen Hausarbeit, Betreuungs- und Pflegeaufgaben – oder kurz: Sorgearbeit – umfasst, impliziert den Anspruch an deren umfassende Bewältigung (vgl. Jurczyk, Voß, Weihrich 2016). Gleiches gilt damit für die Aufgaben der familialen Lebensführung.

2.2.3 Nutzen der vorgestellten Theorien und Konzepte für den Forschungsansatz

Die bis hierher vorgestellten Ansätze stellen die theoretisch-konzeptionelle Grundlage für den gewählten Forschungsansatz dar. Im Konzept der Neuen Hausarbeit wird auf die Zunahme und die besondere Herausforderung koordinativer und synchronisierender Leistungen verwiesen, die in privaten Haushalten tagtäglich im Sinne eines Alltagsmanagements zu erbringen sind. Die Konzepte der alltäglichen und familialen Lebensführung erfassen die Erwerbs- und Sorgearbeit als Teil des Alltags von Personen und lassen sie – als System sui generis – zu einem sinnvollen Ganzen werden. Diese Strukturierung und Ordnung der alltäglichen Lebensführung über Routinen, ebenso wie reflexive Allpassungen der Lebensführung im Sinne der systeminternen Eigenlogik, wirkt dabei sowohl auf den Haushaltsstil ein, der ebenfalls ein Handlungssystem darstellt, als auch auf andere Sphären des Alltags. Die Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft stellt durch die genannte Einbettung der Individuen in Haushaltskontexte und Lebensformen eine Verbindung von privaten Haushalten zu deren Umfeldebenen her. Über diese Vergesellschaftung von Lebensführung sind so auch die Dimensionen haushälterischen Handelns (Wertorientierungen, Ressourcen, Handlungsalternativen) in diese integriert, die alle Handlungen von Individuen als Mitglieder privater Haushalte beeinflussen.

Die Lebensverlaufsforschung beschreibt diese, nicht nur innerfamiliären, Verbindungen und Abhängigkeiten als Phänomen von verbundenen Leben bzw. „linked lives“ (Mortimer, Shanahan 2006: 13 f.): Da Menschen stets in soziale Gefüge und Beziehungen (etwa von Partnerschaft und Familie) eingebettet sind, beeinflussen ihre jeweiligen Entscheidungen oder Veränderungen im Leben auch deren Lebensverläufe und vice versa. Für den Alltag von Familien ist dies insbesondere für die Lebensführung der Eltern von Bedeutung, deren Entscheidungen, etwa über Arbeitsteilungsmuster innerhalb der Erwerbs- und Sorgearbeit, gleichermaßen ebenfalls vor diesem Hintergrund zu betrachten sind (vgl. Mortimer, Shanahan 2006j BMFSFJ 2012a, 2017). Gleichzeitig steht außer Frage, dass Lebensentscheidungen und Lebensentwürfe stets politisch geformt und durch Rahmenbedingungen (auf der Makroebene privater Haushalte) unterstützt, gesteuert und beeinflusst werden können, weshalb von Expertinnen und Experten heute eine „aktive Lebenslaufpolitik“ (BMFSFJ 2012a: 31) gefordert wird.

Letztlich stellen daher die Konzepte der alltäglichen und familialen Lebens-führung gewissermaßen die Folie dar, auf der haushälterisches Handeln stattfindet. Da Haushalte aus Individuen bestehen, die innerhalb ihres Systems alltäglicher Lebensführung agieren, sind sie stets von dieser geprägt. In Familien-haushalten ist darüber hinaus die Perspektive der familialen Lebensführung von besonderer Relevanz, die die Wertvorstellungen von einem Alltag und Zusam-menleben als Familie oftmals ins Zentrum der haushälterischen Handlungen stellt. Die Leistung der Integration aller individuellen Lebensführungen innerhalb der täglichen Ausgestaltung und Aufrechterhaltung eines Haushaltsstils durch die haushaltsführende(n) Person(en) macht die Arbeit des Alltags aus.

Die aufgezeigten haushalts- und sozialwissenschaftlichen Ansätze bieten somit die Möglichkeit, das Alltagsmanagement von Familien aus verschiedenen Per-spektiven zu betrachten, die sich gegenseitig wertvoll ergänzen. Für die vorliegende Fragestellung mit Fokus auf die Ausgestaltung des Alltagsmanagements in Familienhaushalten ist das Konzept der familialen Lebensführung ein wichtiger Baustein und dient als grundlegende Interpretationsfolie für die Perspektive der interviewten Mütter. Für die Erfassung des gesamten familiären Alltags, mit Erwerbsarbeit, Sorgearbeit und haushaltsnahen Dienstleistungen sowie deren Be-deutsamkeit für die Familien- und Haushaltsbiografie, ist jedoch die Erweiterung um Aspekte des Haushaltsstil-Konzeptes unumgänglich.

20 Die gewählten Konzepte sind eine Auswahl, die mir in diesem Rahmen passend und sinnvoll erscheinen. Alternative Zugänge würden etwa auch arbeitspsychologische, handlungstheoretisch fundierte Analysen der Arbeit des Alltags bieten, wie sie bspw. Resch (1991) vorlegt.

21 Beispiele von Haushaltsstilen zeigen sich in empirischen Arbeiten, die etwa Typologien von Ernährungsversorgungstypen bestimmter Haushaltsformen erarbeiten (vgl. exempl. Häußler 2007; Leonhäuser, Köhler, Meier-Gräwe et al. 2009) oder in einer Typologie von Haushalten in prekären Lebenslagen wiederkehrende Muster der Haushaltsführung und Alltagsbewältigung offenbaren (vgl. Meier, Preuße, Sunnus 2003).

22 Peukert (2015) greift auf, dass sich bisher vorrangig der Term der „geschlechtsspezifischen“ Arbeitsteilung in der Literatur findet. In Anlehnung an Gildemeister und Robert (2008) verweist sie jedoch auf die biologistische Natur des Begriffs „Spezifik“, von dem sich sozialwissenschaftliche Arbeiten in der Kultur des Sozialkonstruktivismus distanzieren möchten. „Um in sozialwissenschaftlichen Fachtermini nicht implizite ,biologische Restbestände‘ zu transportieren, wird in deutschsprachigen Forschungsberichten zunehmend der Begriff der ,geschlechtsdifferenzierenden Arbeitsteilung‘ verwendet“ (Peukert 2015: 66; Herv. i. Orig.). Aus diesem Grund werde ich ebenfalls diesen Term verwenden.

23 Zwar führt Thiele-Wittig bereits zuvor (1985) mit ihren Überlegungen zur Beschaffungsarbeit den Begriff Neue Hausarbeit ein, indem sie dort dessen konzeptionelle Grundlagen aufzeigt. Erst mit der genannten Publikation 1987 stellt sie den Terminus jedoch ins Zentrum, der damit den Begriff der Beschaffungsarbeit quasi verdrängt. Fortan etabliert sich die Neue Hausarbeit in der Fachsprache.

24 Thiele-Wittig unterscheidet zudem zwischen einer engeren und einer weiteren Fassung des Begriffs. lm engeren Sinne bezieht sich die Neue Hausarbeit „auf die unmittelbar an den Schnittstellen zu den Institutionen anfallenden Einsätze seitens des Haushalts“ (Thiele-Wittig 1993: 382; Herv. i. Orig.). Im Weiteren umfasst Neue Hausarbeit zudem die allen Handlungen zugrunde liegende (Wert-)Orientierung, die eine Haltung zu verschiedenen Themenbereichen, nach Information und Bewertung über Sachverhalte, meint (vgl. Thiele-Wittig 1993).

25 Nachdem der Begriff zwar auch schon bei Weber breite Verwendung findet, jedoch nicht genauer erfasst und definiert ist (vgl. Müller 2016).

26 Die empirische Basis des Konzeptes bilden qualitative Interviews mit Vertreter/innen unterschiedlicher Berufsgruppen, die zu ihrem Alltag befragt wurden: „Zwischen 1986 und 1991 wurden (einschließlich einer Voruntersuchung) insgesamt ca. 100 erzählungsgenerierende Leitfadeninterviews mit Frauen und Männern durchgeführt, die für Kinder zu sorgen hatten und in Branchen arbeiteten, die in unterschiedlicher Weise von

den skizzierten Veränderungsprozessen betroffen waren: Journalistinnen und Journalisten, Industriearbeiter, Verkäuferinnen, Altenpflegekräfte, Angestellte in einem Großkonzern und Dienstleisterinnen und Dienstleister für Datenbuchung. Ein weiteres Kriterium war die Kontrastierung von Stadt und Land: das Umfeld der Industriearbeiter und Verkäuferinnen war ein ländliches, die anderen Untersuchungsgruppen waren in einem groß- oder kleinstädtischen Umfeld zuhause.“ (Jurczyk, Voß, Weihrich 2016: 57)

27 Bolte unterscheidet schließlich fünf Typen unterschiedlicher Lebensführung, auf die hier jedoch nicht näher eingegangen werden kann. Er benennt die Varianten 1) außengeleitet konstanter, 2) mitbestimmter, 3) selbstbestimmter, 4) resignativer und 5) chaotischer Lebensführung (vgl. Bolte 2000).

28 Für diesen Trend unterscheiden Jurczyk, Voß und Weihrich zudem in drei Idealtypen der Lebensführung: traditionale, strategische und situative Lebensführung (vgl. Jurczyk, Voß, Weihrich 2016).

29 Im Rahmen der empirischen Arbeit der Projektgruppe „Alltägliche Lebensführung“ legte vor allem Rerrich den Fokus auf die Frage danach, wie alltägliche Lebensführung in familialen Lebensformen stattfindet. Die Vergesellschaftung von Lebensführung ist bereits Teil ihrer Definition; jetzt galt es jedoch der Frage nachzugehen, welche Bedeutung dies für die Individuen im familiären Alltag hat. Insbesondere die Ausführungen von Rerrich (1993; 1994; 199S) und Jürgens (2001) haben hierzu erste Erkenntnisse gebracht. Als ein fertiges Konzept wird die „familiale Lebensführung“ jedoch – weder von den Autorinnen noch von Rezipient/innen – nicht angesehen.

30 Jürgens spricht die fehlende Involvierung der Kinder und ihrer Lebensführung in das Konzept selbstkritisch an, da Kinder bei ihr lediglich in ihrer Beeinflussung der elterlichen Lebensführung sichtbar werden. Hier zeigt sich bis dato insgesamt ein Forschungsdesiderat zur Logik des Handelns bei Kindern (vgl. Jürgens 2001).

31 Auch wenn hier bereits die Rede von einem „Konzept“ ist, befindet sich dieses noch in der Entstehungsphase, wie Jurczyk (2014; 2018a) betont. Insbesondere eine Auswertung der neuen Wellen des DJI-Surveys „AID:A“, welches inzwischen auch ein „Doing-Family-Modul“ enthält, soll Erkenntnisse zu Operationalisierbarkeitsstrategien von doing family liefern.

32 Der für viele Forschungsbereiche der Sozial- und Kulturwissenschaften während der letzten 30 Jahre identifizierte „practice turn“ (Schatzki, Knorr Cetina, Savigny 2001) ist inzwischen durch einen intensiven wissenschaftstheoretischen Diskurs zu einem neuen Theoriekomplex geformt worden (vgl. exempl. Schäfer 2016). Alltag steht als Forschungsthema dabei häufig im Fokus praxeologisch ausgerichteter Studien und hat die Theorie maßgeblich mitgeprägt. Mithin ist eine praxeologische Forschungsperspektive zur Erfassung und Interpretation alltagswissenschaftlicher Phänomene, wie sie sich in den Haushaltswissenschaften, in der Geschlechter-, Familien- oder Konsumforschung wiederfindet, geeignet und wertvoll (vgl. Reckwitz 2010; Wahlen 2012; Reuter, Lengersdorf 2016).

33 Prägnante Entwicklungen sind hierbei für den Erwerbsbereich die „Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses“ (Jurczyk, Schier, Szymenderski et al. 2009: 32) durch eine Zunahme prekärer oder atypischer Beschäftigungsverhältnisse (befristet, in Teilzeit) und für den Familienbereich der Bedeutungsverlust der „Normalfamilie“ (v. a. in Westdeutschland) zugunsten vielfältiger familialer Lebensformen. Daneben zeigt sich im Alltag von Familien heute bspw. auch eine zeitliche Entgrenzung, eine „Vervielfältigung der Raum-Zeit-Pfade der Familienmitglieder“ (ebd.: 40) durch deren Eingebundenheit in verschiedene Institutionen (bspw. Schule, Betrieb) des Alltags (vgl. ebd.).

34 Dies ist nur ein Teilaspekt des Konzeptes. Für die weitere Ausdifferenzierung und Begründung von doing family vgl. Lange, Jurczyk, Thiessen 2014.

35 Bereits in den frühen Ausführungen zur Lebensführung in Familien identifiziert Rerrich Sorge bzw. Sorgeverantwortung als „die ,mächtigste‘ Determinante“ (Rerrich 1995: 183) auf alltägliche Lebensführung.

2.3 Zwischenfazit: Alltagsmanagement zur Bewältigung der Arbeit des Alltags

Private Haushalte im Allgemeinen sowie Familienhaushalte im Speziellen erbringen zahlreiche gesellschaftlich relevante Leistungen. Das Alltagsmanagement, welches hierfür erforderlich ist, verdeutlicht die Anforderungen, die die Arbeit des Alltags als Konstruktionsaufgabe an jede/n Einzelnen stellt. Das System der alltäglichen Lebensführung bildet mit seinen, auch dem Haushaltssystem zugrunde liegenden, übergeordneten Sinnstrukturen auf einer individuellen Ebene den Rahmen für das Alltagsmanagement, welches dann auf struktureller Ebene im Sinne des haushälterischen Dreiecksverhältnisses innerhalb eines Haushaltes ausgestaltet wird. Die Erkenntnisse zur familialen Lebensführung verweisen deutlich auf eine geschlechtlich konnotierte Zuordnung der Verantwortung für die Herstellung eines familialen Alltags. Die weibliche Verantwortung für das Alltagsmanagement wird daher auch in den folgenden Abschnitten weiter von Bedeutung sein.

3 Alltag in Familien – Leitbilder in Politik und Gesellschaft

Alltag bedeutet in Familien immer auch Arbeit – zumindest für die erwachsenen, haushaltsführenden Personen, das haben die Ausführungen zur familialen Lebensführung gezeigt. Dieser Alltagsgestaltung liegt dabei stets ein Normen- und Wertemuster zugrunde: Vorstellungen von Partnerschaft, Familienleben, einer beruflichen Entwicklung und Karrierezielen sowie anderen Aspekten der Lebensführung (Ernährungsstil, Konsummuster, politische Haltung, ehrenamtliches Engagement u. v. m.) geben tagtäglich sowie im Lebensverlauf vor, wonach Personen ihren Alltag ausrichten. Für den Alltag in Familien sind sowohl die persönlichen Leitbilder und Lebensentwürfe als auch gesamtgesellschaftlich verankerte Normen (etwa über Geschlechterrollen) entscheidend (Kapitel 3.1). In enger Verbindung dazu ist stets die wohlfahrtsstaatliche Tradition eines Landes zu sehen (Kapitel 3.2), welche die Leitbilder der Arbeitsteilung ebenso beeinflusst wie die Ausgestaltung politischer Rahmenbedingungen im Alltag (Kapitel 3.3). Ein Überblick über diese Lebensentwürfe und Rahmenbedingungen ermöglicht in einem nächsten Schritt einen Abgleich eben jener mit den tatsächlich gelebten Mustern der Alltagsorganisation in Familien.

3.1 Familie heute: Lebensentwürfe junger Menschen

Die Lebensentwürfe junger Menschen in Deutschland sind heute von einem Wunsch nach einer gelungenen Vereinbarkeit von Familie und Beruf und einer tendenziell partnerschaftlichen Verantwortungs- und Aufgabenteilung in Erwerbs- und Sorgearbeit geprägt. Ob als „Generation Y“36 oder als ,,pragmatische Generation“ bezeichnet, sind ihre Vorstellungen geprägt von einem deutlichen Schwerpunkt auf ein gelungenes Privatleben mit ausreichend freier Zeit für sich und die eigene Familie (vgl. Shell Deutschland Holding GmbH, TNS Infratest Sozialforschung 2015; Erfolgsfaktor Familie o. J.). Eine von Krisen und Unsicherheiten geprägte Gesellschaft bedingt gleichzeitig eine Skepsis gegenüber der Realisierbarkeit ihrer Vorstellungen: Etwa die Hälfte der in der Shell Jugendstudie37 Befragten hält eine gelungene Work-Life-Balance für schwer erreichbar. Die Jugendlichen befürchten, zukünftig neben dem Beruf zu wenig Freizeit und Zeit für Familie zu haben, was sich u. a. in einem leicht abnehmenden Kinderwunsch bei den jungen Männern und Frauen zeigt.38 Für viele junge Menschen ist der eigene Beruf zwar wichtig, eine Karriere jedoch nachrangig. Eine gelungene Vereinbarkeit hat oberste Priorität und spiegelt sich in Erwartungen an die Unternehmen wider: 97 % wünschen sich Arbeitgeber, die diese unterstützen und ermöglichen, allem voran durch flexible Arbeitsbedingungen, die eine Anpassung an die jeweilige persönliche Situation erlauben. Daneben stehen partnerschaftliche Leitbilder für die Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit, die idealerweise durch Teilzeitarbeitsmodelle für beide Eltern, die eine geteilte Sorgeverantwortung ermöglichen, realisiert werden. Dabei ist einerseits die wirtschaftlich eigenständige Existenz von Frauen für beide Geschlechter entscheidend, andererseits sehen sowohl Frauen selbst als auch Männer die Frauen in der Rolle der Zuverdienerin (vgl. Erfolgsfaktor Familie o. J.; Allmendinger, Haarbrücker 2013; Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung 2013; Shell Deutschland Holding GmbH, TNS Infratest Sozialforschung 2015).

Da die Familiengründung einen entscheidenden biografischen Übergang darstellt und Familien im Fokus dieser Arbeit stehen, lohnt es sich, ergänzend den Blick auf die Lebensentwürfe junger Eltern zu richten. Bei Paaren mit jungen Kindern dominiert zunächst ebenfalls das Ideal der Partnerschaftlichkeit, in dem (in etwa) gleiche zeitliche Anteile an den beiden Arbeitsbereichen Erwerb und Care angestrebt werden. Laut „Familien in Deutschland“ wünschen sich 60 % der Eltern mit Kindern unter drei Jahren eine gleichmäßige Arbeitsteilung, allerdings schaffen es nur 14 % diese zu realisieren (vgl. Müller, Neumann, Wrohlich 2013).39 In einer Studie zu „Familienleitbildern in Deutschland“ des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung40 geben jeweils über 90 % der Männer und Frauen an, dass sich beide Geschlechter gleichermaßen um die Kinder kümmern sollen. Gleichzeitig stimmen die Befragten sowohl der Aussage zu, dass auch Mütter berufstätig bleiben und ihre wirtschaftliche Selbstständigkeit erhalten sollen, als auch der Forderung, dass diese nachmittags zu Hause sein sollen, um die Kinder zu betreuen und auch beim Lernen zu unterstützen. Die längerfristige, alleinige Konzentration auf Sorgearbeit wird hingegen als nicht zufriedenstellend eingeschätzt. Unterdessen verliert das Idealbild von Vätern als Alleinernährer der Familie heute deutlich an Zustimmung. Es wird hingegen eine aktive Beteiligung von Vätern an der Sorgearbeit eingefordert, die sich auch in einer Verkürzung ihrer Erwerbsarbeitszeiten ausdrücken soll. Die persönlichen Leitbilder der Befragten stimmen nicht immer mit den als gesellschaftlich wahrgenommenen Leitbildern überein, wobei Mütter und Väter oftmals versuchen, dennoch beiden Seiten gerecht zu werden. Beispiele hierfür sind der eigene Wunsch nach längerer Selbstbetreuung des Kindes gegenüber dem (frühen) beruflichen Wiedereinstieg bei Müttern, oder bei Vätern der individuelle Wunsch nach mehr Partizipation an der Sorgearbeit gegenüber den gesellschaftlich wahrgenommenen Erwartungen an den Mann als Familienernährer (vgl. Lück 2015; Diabaté 2015).41 Demgegenüber zeigt das Institut für Demoskopie Allensbach,42 dass sich etwa die Hälfte aller Eltern eine spezialisierte Aufgabenteilung wünscht, nach der die Mutter den Großteil der Sorgearbeit übernimmt (hier findet die institutionelle Betreuung junger Kinder wenig Zuspruch). Gleichzeitig jedoch wird eine längerfristige Übernahme dieser Hausfrauenrolle auch hier mehrheitlich abgelehnt (vgl. Institut für Demoskopie Allensbach 2015b). Die familiären Leitbilder scheinen sich damit – vom Ausgangspunkt eines traditionellen Familien- und Rollenbildes aus gesehen – zu modernisieren: Eine klar paritätische Aufgabenteilung gewinnt an Bedeutung, ist heute jedoch nicht als klar dominant auszumachen.

Die skizzierten Leitbilder werden gestützt von der empirischen Erkenntnis, dass Mütter und Väter heute oftmals mit ihren gelebten Arbeits- und Familienzeiten nicht zufrieden sind. Während Väter ihr aktuelles Erwerbsarbeitsvolumen meist reduzieren wollen (53 %), wünschen sich in Teilzeit erwerbstätige Mütter immer öfter eine Aufstockung (28 %). Diese Unzufriedenheit speist sich aus dem Gefühl der Zeitnot, die ein „zu wenig“ an Zeit für Kinder und auch Hausarbeit bedeutet (vgl. Destatis 2015a).43 Zwar findet sich auch bei kinderlosen Männern (mehr als die Hälfte) und Frauen (rund 50 %) heute immer öfter der Wunsch nach einer Arbeitszeitreduzierung; sobald sie jedoch Kinder haben, steigt dieser Wunsch bei den Männern deutlich an.44 Bei den Frauen zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang von Erwerbsumfang und entsprechenden Wünschen nach Reduzierung oder Erhöhung in Abhängigkeit vom Alter der Kinder. Das Vorhandensein eines Partners sowie ein höheres Alter der Kinder bedingen im Vergleich einen niedrigeren Stundenumfang bei der gewünschten Arbeitszeit. Zwar will die überwiegende Mehrheit der Mütter erwerbstätig sein, jedoch sinkt das gewünschte Erwerbsarbeitsvolumen mit steigendem Alter der Kinder ab – hier wird das Leitbild einer zwar erwerbstätigen Mutter, die nachmittags jedoch für die Betreuung ihrer (Schul-)Kinder zuständig ist, gezeichnet. Allen Modernisierungsdiagnosen zum Trotz, die eine steigende Erwerbstätigkeit junger Mütter sowie das Erstreben partnerschaftlicher Arbeitsteilungsmodelle herausstellen (siehe Exkurs), bleiben familiaristisch orientierte Vorstellungen von der Kinderbetreuung durch die Eltern bestehen: So sollten Mütter, nach mehrheitlicher Ansicht der befragten Frauen, erst wieder in Teilzeit erwerbstätig werden, wenn das Kind über drei Jahre alt ist, eine Vollzeittätigkeit hingegen erst ab einem Alter des Kindes von sieben Jahren anstreben.45 Zwar liegen der genannten Befragung Daten aus dem Jahr 2011 und damit vor dem flächendeckenden Ausbau der U-3-Betreuung zugrunde; damals kann sich jedoch gleichermaßen bereits eine deutliche Mehrheit (rund 60 %) aller Mütter mit Kindern unter drei Jahren eine externe Betreuung vorstellen (vgl. Lietzmann, Wenzig 2017).

Der Ausbau der Betreuungsplätze, insbesondere für Kinder unter drei Jahren, bringt ein stetig wachsendes Betreuungsangebot und eine noch höhere Nachfrage hervor.46 Auch wenn aktuell bereits viele Kita- und Krippenplätze als erweiterte Halbtags- oder auch Ganztagsplätze angeboten werden, fehlt es oftmals noch an Passgenauigkeit von Elternwünschen und Kinderbetreuungsangeboten in Stundenumfang, in ihren Öffnungszeiten sowie der flexiblen Handhabung derselben. Wenngleich sich die Situation insbesondere im Westen Deutschlands innerhalb der letzten zehn Jahre deutlich verbessert hat, können ein weiterer Ausbau und eine Flexibilisierung der institutionellen Kinderbetreuung zur Realisierung der Erwerbsarbeitswünsche von Eltern und insbesondere Müttern beitragen (vgl. Lietzmann, Wenzig 2017; BMFSFJ 2018b).

Exkurs: Partnerschaftliche Arbeitsteilung

Unter partnerschaftlicher Arbeitsteilung wird eine Aufgabenteilung von Paaren verstanden, die möglichst egalitär ausgerichtet ist, in der beide Partner/innen zu gleichen Teilen partizipieren. Die gleichgestellte Teilhabe an bspw. der Sorgearbeit (der Begriff findet sich auch bei Fragen zur Aufteilung von Erwerbsarbeit) definiert sich dabei vor allem in Abgrenzung zu einer stark traditionalen Arbeitsteilung (Sorge als alleinige Aufgabe der Frauen) ebenso wie zu einer Arbeitsteilung in umgekehrt traditionaler Teilung (vgl. Grunow, Schulz, Blossfeld 2007: 163). Im breiten Feld der Arbeitsteilungsforschung finden sich auch die Begriffe paritätischer (bspw. Rüling 2008) oder egalitärer Aufteilung (bspw. Possinger 2013; Gerum und Zerle-Elsäßer 2017; Klünder 2018), die jedoch weitestgehend synonym, mitunter auch in Kombination verwendet werden. So werden etwa partnerschaftliche Arbeitsteilungsmuster des Öfteren anhand egalitärer Leitbilder charakterisiert. Bürgisser (Schweiz) spricht ebenfalls synonym von partnerschaftlicher und egalitärer Rollenteilung und definiert diese als „eine Form familiärer Organisation, bei der zwei Elternteile mit Kind(ern) zusammenleben, wobei beide in annährend gleichen Teilzeitpensen erwerbstätig sind und sich daneben Hausarbeit und Kinderbetreuung nach eigenem Ermessen zeitgleich und gleichverantwortlich teilen“ (Bürgisser 1998: 26 f.).

Der Begriff der partnerschaftlichen Arbeitsteilung scheint in der deutschsprachigen Literatur aktuell am weitesten verbreitet und am eingängigsten zu sein (bspw. Schulz, Blossfeld 2006; Grunow, Schulz, Blossfeld 2007; Dechant, Schulz 2014; Trappe, Köppen 2014; Wanger 2015; Bernhardt, Hipp, Allmendinger 2016), weshalb auch ich dieser Nomenklatur folge.

3.1.1 Leitbilder für Frauen

Gender bedingt als wesentlicher Bestandteil von Identität47, dass Mutterschaft für Frauen geprägt ist von wirkungsmächtigen Zuschreibungen, die ihnen neben der rein körperlichen Eigenschaft des Mutterseins diverse Aufgaben und Fähigkeiten als funktionelle Voraussetzungen von Fürsorge zuschreiben. So erfahren Kinder bereits im Heranwachsen immer wieder, wie etwa fürsorgliche Tätigkeiten nicht nur weiblich) sondern mütterlich attribuiert sind, und integrieren sie in ihre eigene Identitätsentwicklung (vgl. Krüger-Kirn 2016). Die im Selbstbild verankerten Normen und Vorstellungen wirken aus (tiefen)psychologischer Sicht in den Lebensentwürfen und Lebensrealitäten erwachsener Frauen weiter), die sie dann in möglicherweise konkurrierende Realitäten integrieren müssen. Die Bildungsexpansion und eine gesteigerte Erwerbsorientierung von Frauen bewirken seit den 1960er Jahren einen kontinuierlichen Wandel von weiblich konnotierten Leitbildern. Das Leitbild von der guten Hausfrau und Mutter (in Deutschland bis dato quasi untrennbar miteinander verbundene Funktionen) scheint zwar durch modernisierte Lebensentwürfe oder Paradigmenwechsel in der Familienpolitik (siehe Kapitel 3.3) überholt zu werden; tatsächlich jedoch wird in (West-)Deutschland immer wieder spürbar, dass etwa ein früher beruflicher Widereinstieg von Müttern oder deren Vollzeiterwerbstätigkeit nach wie vor keine volle gesellschaftliche Anerkennung erfahren. Dass dies ein Ergebnis sozialer, kultureller, ideologischer, historischer und politischer Einflüsse ist, wird im Vergleich mit anderen Ländern deutlich. So fördern etwa sozialpolitisch orientierte Wohlfahrtsstaaten (siehe Kapitel 3.2) ein weniger konfliktreiches Nebeneinander von Mutterschaft und Berufstätigkeit bei Frauen; ebenso ist die starke Erwerbsarbeitsorientierung von Müttern in Frankreich hegemoniales Leitbild mit einer langen Tradition. Die Unterschiede in den Betreuungsbedarfen und der Betreuungsinfrastruktur in Ost- und Westdeutschland repräsentieren ebenfalls die nach wie vor wirksamen, unterschiedlichen Rollenbilder für Mütter in Ost und West. So ist die negative Konnotation von (ganztags) erwerbstätigen Müttern mit dem Stempel als „Rabenmutter“ in Westdeutschland präsenter als in Ostdeutschland, wo dem frühen beruflichen Wiedereinstieg und der Vollzeiterwerbstätigkeit von Müttern auch nach dem Ende der DDR eine größere Selbstverständlichkeit zukommt. Die Sozialisation durch die Herkunftsfamilie beeinflusst das später wahrgenommene Leitbild für die eigene Mutterrolle und wird insbesondere durch das von der eigenen Mutter gelebte Arbeitsmodell geprägt. Diese Sozialisationseffekte erklären daher – sogar ungeachtet infrastruktureller Determinanten – das Fortbestehen einer hohen Berufsorientierung bei ostdeutschen Müttern. Die Präsenz verschiedener Leitbilder soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Milieustrukturen deutliche Tendenzen in den präferierten Lebensentwürfen aufzeigen. Dies wird deutlich in der Dominanz traditionellerer Lebensentwürfe (dem Leitbild der „guten Hausfrau und Mutter“ entsprechend) bei Frauen in traditionellen Milieus48, während egalitäre Leitbilder in moderneren (Leit-)Milieus zugänglicher sind (vgl. Kortendiek 2010; Badinter 2011; Allmendinger, Haarbrücker 2013; Rupp 2013; Diabaté 2015; Krüger-Kirn 2016; Wippermann 2016).

Junge Frauen sind heute daher oftmals gezwungen, sich mit ihren individuellen Entscheidungen und Lebensverläufen zwischen den Leitbildern der wirtschaftlich selbstständigen und beruflich erfolgreichen Frau einerseits und der guten, fürsorglichen Mutter andererseits verorten zu müssen.49 Eine Kombination von beidem, durch eine erfolgreiche Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird zwar vielseitig propagiert und durch neue Leitbilder etwa der partnerschaftlichen Vereinbarkeit (vgl. BMFSFJ 2015) untermauert, lässt eben jene Rollenbilder jedoch nicht automatisch verschwinden – weder aus dem kollektiven noch dem individuellen Wertekanon.

3.1.2 Leitbilder für Männer

Für Männer ist in den letzten Jahrzehnten ebenfalls ein deutlicher Wandel der hegemonialen Geschlechterrolle(n) zu spüren, der sich in einer Pluralisierung von Männlichkeit und damit verbunden dem Bild von „neuen“ oder „aktiven“ Vätern ausdrückt.50 Das Bild von vollzeiterwerbstätigen Vätern, die als Familienernährer vorrangig ihre Funktion der Unterhaltssicherung erfüllen, im Familienalltag wenig bis gar nicht präsent sind und daher kaum Sorgearbeit übernehmen, wird abgelöst von Vätern, die sich gleichermaßen am Familienleben beteiligen, aktiv und in größerem Umfang und von Geburt an Aufgaben der Kinderbetreuung wahrnehmen, dafür im Idealfall ihre Erwerbsarbeit reduzieren und nicht allein die Unterhaltsverantwortung tragen müssen und sollen (schließlich sind auch ihre Partnerinnen erwerbstätig). Das Leitbild des Familienernährers scheint daher ebenfalls auf dem Rückzug zu sein. Allerdings korrigieren zahlreiche Befunde diesen Eindruck und stellen fest, dass insbesondere Männer selbst weiterhin den Anspruch an ihre Versorgerrolle aufrechterhalten (vgl. Kortendiek 2010; Wippermann 2013; Lück 2015). Wippermann (2013) konstatiert eine ambivalente Ausprägung der Erwartungen an Männer und von Männern heute, indem zwar einerseits immer wieder (für bestimmte Gruppen) moderne, egalitär ausgerichtete Leitbilder gezeichnet, andererseits aber auch die Präsenz und Persistenz traditionellerer Entwürfe betont werden, was bei ihnen zur Überforderung führen kann. Es erklärt zudem, warum ein zwar im historischen Vergleich gesunkener, aber dennoch bedeutender Anteil von 70 % aller Männer angibt, dass sie von einer Frau erwarten, eine Familie gut versorgen zu können, und damit die Hauptverantwortung für die familiäre Sorgearbeit von sich weist. Ähnlich wie für Frauen lässt sich auch bei den Männern eine größere Bedeutsamkeit egalitär ausgerichteter Leitbilder in den modernisierten (Leit-)Milieus feststellen, sodass soziale und Umfeldfaktoren für die Ausprägung von Leitbildern bedeutsam erscheinen (vgl. Wippermann 2013).

Zum Alltag von Familien gehören darüber hinaus weitere Leitbilder, etwa von guter Elternschaft und Kindheit, die heute das Wohl des Kindes in den Mittelpunkt familiären Alltagslebens stellen und deren Versorgung mit zum Teil hohen Anforderungen an Bildungs- und Erziehungsaufgaben verbinden, denen Eltern versuchen gerecht zu werden. Zusätzlich können Leitbilder u. a. hinsichtlich der Selbstverständlichkeit von Kindern, der idealen Anzahl von Kindern oder der Partnerschaft als solche formuliert werden und verdeutlichen exemplarisch die Vielfalt von internen und externen Einflüssen auf und Anforderungen an die Lebens- und Alltagsgestaltung in Familien (vgl. Henry-Huthmacher, Borchard 2008; Schneider, Diabaté, Ruckdeschel 2015). In der Zusammenschau wird somit deutlich, wie junge Eltern heute divergierenden Vorstellungen, Leitbildern und persönlichen Wünschen gegenüberstehen, wenn es um Fragen der Balance von Erwerbsarbeit und Sorgearbeit geht.

36 Inzwischen finden sich auch erste Charakterisierungen der nachfolgenden sog. „Generation Z“, die die Kohorte der um die Jahrtausendwende (ab 1995) geborenen Menschen erfasst. Viele Aspekte der wesentlichen Werte und Grundeinstellungen der Generation Y setzen sich darin tendenziell fort und verstärken sich. Aufgrund der Tatsache, dass es sich bei der Generation Z um die aktuelle Generation der Kinder und Jugendlichen handelt, ist die Forschung hierzu jedoch noch wenig ausgeprägt (vgl. Klaffke 2014).

37 In der repräsentativen Studie werden Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren befragt (Stichprobengröße: 2.558); neben der quantitativen wurde eine qualitative Teilstudie auf Basis von 21 Tiefeninterviews mit Jugendlichen durchgeführt (vgl. Shell Deutschland Holding GmbH, TNS Infratest Sozialforschung 2015).

38 So äußern 2015 lediglich 64 % einen klaren Wunsch nach eigenen Kindern, während es 2010 noch 69 % der befragten Jugendlichen waren. Gleichzeitig ist zu sehen, dass auch in den vorherigen Ausgaben der Studie Schwankungen im Kinderwunsch deutlich waren. Der Tiefstwert von 62 % (Mittelwert beider Geschlechter) wurde 2006 gemessen. Die Autor/innen der Studie sehen hier einen starken Zusammenhang zu den gesellschaftlichen Gegebenheiten, die noch 2006 etwa u. a. aufgrund einer hohen Jugendarbeitslosigkeit mehr Unsicherheit verbreitet haben können (vgl. Shell Deutschland Holding GmbH, TNS Infratest Sozialforschung 2015).

39 Das Sample dieser Studie bestand aus Familien, die sich entweder durch die Einzelmerkmale „niedriges Einkommen“, „alleinerziehend“ und „große Familie“ (drei oder mehr Kinder) oder eine Kombination aus diesen auszeichnen (vgl. Schröder, Siegers, Spieß 2013).

40 Datenbasis ist eine repräsentative Stichprobe von 5.000 Personen zwischen 20 und 39 Jahren, die mittels CATI-Verfahren befragt wurden (vgl. Lück, Naderi, Ruckdeschel 2015).

41 Die Autorinnen und Autoren der Studie verweisen für verschiedene Aspekte von Leitbildern auf Unterschiede zwischen den persönlichen Leitbildern und Leitbildern, die Personen innerhalb der Gesellschaft wahrnehmen. Auf diese Unterschiede kann an dieser Stelle jedoch nicht weiter eingegangen werden.

42 Datenbasis sind 3.151 Interviews mit Müttern und Vätern aus 2.080 Familien mit Kindern unter sechs Jahren (in etwa der Hälfte der Familien wurden jeweils Mutter und Vater befragt), sowie 40 qualitative Tiefeninterviews mit Eltern von Kindern unter drei Jahren (vgl. Institut für Demoskopie Allensbach 2015b).

43 Daten aus der Zeitverwendungserhebung 2012/13, der eine repräsentative Stichprobe von rund 11.000 Befragten zugrunde liegt. Befragt wurden alle Personen ab 10 Jahren, die jeweils an zwei Werktagen und einem Wochentag ein Tagebuch mit 10-Minuten-Intervallen zur Zeitverwendung geführt haben (vgl. Destatis 2015b)

44 Dieser und die folgenden Befunde basieren auf einer Analyse des Panels „Arbeitsmarkt und soziale Sicherung“ (PASS), mit einer repräsentativen Stichprobe von 15.000 Befragten (vgl. Lietzmann, Wenzig 2017).

45 Haben die befragten Mütter selbst Kinder unter drei Jahren, erhöht sich auch deren Zustimmung zu einer Teilzeit- oder Vollzeiterwerbstätigkeit bereits in dieser Lebensphase des Kindes (vgl. Lietzmann, Wenzig 2017).

46 Dies gilt für Westdeutschland ebenso wie Ostdeutschland, auch wenn die neuen Bundesländer zu Beginn der Ausbauinitiative bereits ein höheres Versorgungsniveau aufwiesen als die Länder im Westen der Bundesrepublik. Regionale Unterschiede bestehen fort: So liegt der artikulierte Betreuungsbedarf für Kinder unter drei Jahren 2017 in Ostdeutschland bei rund 59 %, in Westdeutschland immerhin bei rund 42 %, wobei sich hier eine größere Lücke zum aktuellen Platzangebot ergibt (vgl. BMFSFJ 2018b).

47 Auf die theoretischen Grundlagen und Erkenntnisse zum Zusammenhang von Identität, (biologischem) Geschlecht und Gender (soziales Geschlecht, Geschlechterrolle) kann an dieser Stelle nicht im Detail eingegangen werden. In den letzten Jahrzehnten haben hier insbesondere die Arbeiten von Hagemann-White (1984), Butler (1991) sowie West und Zimmerman (1987) zu einem neuen, sozialkonstruktivistischen Verständnis von der Kategorie „Geschlecht“ geführt (Überblick über diese Forschungsperspektive geben im deutschsprachigen Raum u. a. die Arbeiten von Villa, Gildemeister und Wetterer). Der lange alleingültigen

Annahme, Geschlecht sei rein biologisch und damit natürlich bedingt, wird damit widersprochen. Die Autorinnen und Autoren verweisen auf die Heteronormativität unserer Gesellschaft, die hauptsächlich zwei Geschlechter (männlich und weiblich) kennt. Auch die Tatsache, dass seit dem 01. Januar 2019 ein drittes Geschlecht („divers“) im Personalausweis geführt werden kann, ändert daran bisher wenig. Die Gender- und Queer-Studies thematisieren zudem die Realität verschiedenster Geschlechterrollen, Geschlechtsidentitäten und Sexualitäten, die sich jenseits dieser hegemonialen Binarität verorten.

48 In der hier zugrunde liegenden Studie (Wippermann 2016) wird mit der Systematik der DELTA-Milieus® gearbeitet. Auch bei einigen weiteren milieutheoretischen Zuordnungen innerhalb dieser Arbeit wird sich, soweit nicht anders benannt, auf diese Systematik bezogen.

49 Dies sind lediglich zwei, hier beispielhaft genannte Grundtendenzen mütterlicher Leitbilder, die vielfältige Formen annehmen können (vgl. Diabaté 2015).

50 Ein Blick in die Literatur zur Männer- und Väterforschung zeigt zweierlei: Zum einen ist der Begriff der „neuen Väter“ nicht so neu, wie es oft scheint – liegen die Anfänge der Diskurse hierzu doch bereits in den 1970er Jahren. Zum anderen hat sich in den letzten Jahrzehnten ein höchst differenziertes Forschungsfeld aufgetan, welches im Rahmen dieser Arbeit nicht wiedergegeben werden kann. Im Kontext familienwissenschaftlicher Diskussionen hat zudem die Einführung des Elterngeldes, als eine familienpolitische Maßnahme, mit der auch Männer klar adressiert und in der Erfüllung der „neuen Erwartungen“ unterstützt werden sollten, einen weiteren Aufschwung an Forschung in diesem Feld bewirkt. Gleichzeitig gibt es politische und gesellschaftliche Bereiche, die in den auch medial wirksamen Diskursen oftmals nicht im Zentrum stehen: So werden Benachteiligungen von Männern, etwa im Gesundheitswesen, auf dem Arbeitsmarkt und im Bildungsbereich („Jungen als Bildungsverlierer“, Bräutigam 2012), aufgedeckt; als nicht oder (bisher) wenig bearbeitete Problemfelder werden diese etwa auch für den zunehmenden Antifeminismus verantwortlich gemacht (vgl. exempl. Bundeszentrale für politische Bildung 2012).

3.2 Wohlfahrtsstaatliche Leitbilder – Die Relevanz von Care-Regimen

Um den Rahmen für die Organisation und Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit sowie die Vorstellungen über die Ausgestaltung eines (Familien-)Alltags abzustecken, gilt es, neben den persönlichen Leitbildern auf der Mikroebene auch jene auf der Makroeben zu betrachten. Hierzu eignet sich die Charakterisierung von Gesellschaften und politischen Systemen anhand ihrer wohlfahrtsstaatlichen Ausrichtung, oder auch: Care-Regime. Lutz (2017) weist auf die Notwendigkeit einer intersektionellen Betrachtung von Care-Arbeit auf der Makroebene hin, die sich aufgrund des Zusammenwirkens unterschiedlicher Regime (als Beziehungsmatrix zwischen Staat, Markt und Familie) ergibt. So gibt es einerseits ein Gender-Regime, welches die geschlechtsdifferenzierte Organisation der Erwerbs- und Sorgearbeit beschreibt (siehe Kapitel 4.1), zweitens ein Migrations-Regime, welches die Beschäftigung von Migrantinnen in privaten Haushalten beeinflusst (siehe Kapitel 5.4), und schließlich das Care-Regime als Ausdruck der wohlfahrtsstaatlichen Tradition eines Landes (vgl. Lutz 2017). Die letztgenannte Perspektive soll an dieser Stelle näher beleuchtet werden, um politische Rahmenbedingungen für den Familienalltag und die Realisierbarkeit privater Leitbilder zur Ausgestaltung von Erwerbs- und Sorgearbeit vor diesem Hintergrund diskutieren zu können.

3.2.1 Typen von Wohlfahrtsstaaten und Care-Regimen

Schmid (2011) bezeichnet den Wohlfahrtsstaat als „politische Konstruktion“, da der Begriff „die verbindliche Regelung der sozialen Sicherheit durch Staat, Verbände, Betriebe sowie Verwandtschafts- und familiäre Systeme [bezeichnet]. Seine Funktion ist es, gegen die – vom Individuum nicht zu vertretenden – Risiken der modernen Industriegesellschaft, also Alter, Invalidität, Krankheit, Arbeitslosigkeit und Pflege, zu schützen und auf diese Weise über den Lebenslauf hinweg ein regelmäßiges Einkommen zu sichern“ (Schmid 2011: 117). In den sozialwissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Analysen ist dieses Leitbild jedoch ein wirkungsmächtiges Konstrukt, welches als „empirische Kategorie zur vergleichenden Analyse der Inhalte und Determinanten moderner Staatsaktivitäten“ (Schmid 2011: 118) fungiert.51 Eine weit verbreitete Klassifizierung unterschiedlicher Traditionen von Wohlfahrtsstaaten geht auf Esping-Andersen (1997) zurück, der zwischen drei idealtypischen wohlfahrtsstaatlichen Traditionen52 in kapitalistischen Gesellschaften unterscheidet (siehe Tabelle 1). Er differenziert diese aufgrund des Umfangs der sozialen Sicherungssysteme (Indikator „De-Kommodifizierung“), Arten der „Stratifizierung“ (Mechanismen der Regulierung sozialer Ungleichheiten) sowie durch das damit verbundene Zusammenwirken von Staat, Privatwirtschaft und Familie zur Übernahme wohlfahrtstaatlicher Aufgaben (vgl. Esping-Andersen 1997; Schmid 2011; Heintze 2013).

Tabelle 1: Typologie kapitalistischer Wohlfahrtsstaaten nach Esping-Andersen


Quelle: Eigene Darstellung nach Schmid 2011 und Kirschner 2015: 181 f.

In konservativen Wohlfahrtstaaten, zu denen auch Deutschland gezählt wird, gibt es ein ausgeprägtes System sozialer Sicherung zur De-Kommodifizierung der Menschen von der Erwerbsarbeit, erbracht durch Sozialversicherungen. Dabei prägen starke soziale Differenzierungen die Versicherungsstrukturen, die am Modell der traditionellen „Normalfamilie“ ebenso wie dem Normalarbeitsverhältnis orientiert sind. Im Dreieck Markt-Staat-Familie kommt der Familie eine besondere Bedeutung und Verantwortung zu, gepaart mit einer deutlichen Feminisierung von Sorgeaufgaben. Das Ernährermodell und ein Streben nach Statuskonservierung sind somit wichtige Pfeiler konservativ geprägter Wohlfahrtsstaatlichkeit. Liberale Wohlfahrtsstaaten betonen hingegen die Verantwortung des Marktes und der Familie. Die Abhängigkeit der Einzelnen vom Markt bringt bei einer geringen Ausprägung sozialer Sicherungssysteme extreme soziale Ungleichheiten hervor. In sozialdemokratisch geprägten Wohlfahrtsstaaten hingegen sind ein Rechtsanspruch auf Sozialleistungen sowie eine am Gleichheitsideal orientierte Politik oberstes Gebot. Für die allgemeinen Risiken des Erwerbslebens (Krankheit, Alter, auch Elternschaft) werden staatlich finanzierte Lohnersatzleistungen vorgehalten, um eine deutliche De-Kommodifizierung vom Erwerbssystem zu erreichen. Dabei gilt es, soziale Ungleichheiten – insbesondere in der Dimension Geschlecht – abzubauen. Sozialdemokratisch geprägte Staaten finden sich in den skandinavischen Ländern53, allen voran in Schweden (vgl. Esping-Andersen 1997; Leitner, Ostner, Schratzenstaller 2004; Schmid 2011; Heintze 2013).

Mit dem Konzept des „Wohlfahrtsmixes“ (Evers, Olk 1996) gesprochen, sind die wohlfahrtsstaalichen Kulturen durch eine jeweils unterschiedliche Gewichtung der Säulen Staat, Markt, Familie und – in diesem Konzept ergänzend – auch die Zivilgesellschaft als vorrangig leistungsbringende Instanzen in den unterschiedlichen Politikbereichen gekennzeichnet. Die Sektoren zeichnen sich jeweils durch die Stärken und Schwächen aus, die den Grad der Verantwortung mitbestimmen. So legen personenbezogenen Care-Aufgaben eine Verantwortung der Familie nahe, da hierin ethische und moralische Vorteile gesehen werden. Weniger personen- und körperbezogene Aufgaben, wie etwa der Arbeitsvermittlung, wird hingegen eine breit aufgestellt Verantwortungsübernahme durch den Staat zugesprochen. Zugleich gibt es immer wieder Aufgaben, die davon profitieren, nicht von einer Säule allein, sondern von einem „Mix“ der unterschiedlichen Säulen übernommen zu werden (vgl. Evers 2018). Für die Bundesrepublik braucht es in den Care-Bereichen weder allein staatliche, marktliche oder familiale Verantwortung, sondern stets einen gut funktionierenden Mix (samt Klärung von Verantwortlichkeiten und Kompetenzen). Dabei werden bei Ergänzung einer Säule durch eine andere stets Synergien erwartet, anstatt von einem Ersatz zu sprechen (vgl. Evers 2018).

Die Rolle und Bedeutung der Säule Familie innerhalb der unterschiedlichen wohlfahrtsstaatlichen Ordnungssysteme wird von verschiedenen Autorinnen und Autoren besonders hervorgehoben. Wohlfahrtsstaaten unterscheiden sich deutlich im Grad der Familiarisierung („familialism“, Esping-Andersen 1999: 45): Während in familiaristischen Care-Regimen das Gros der (Sorge-)Verantwortung auf den privaten Haushalten bzw. den Familien liegt, haben Staaten mit einem höheren Grad der Defamiliarisierung („de-familialization“, ebd.) diese Verantwortung vor allem an die öffentliche Hand (weniger an den Markt) abgegeben. Sie unterstützen in besonderem Maße die Erwerbsbeteiligung von Frauen und wenden sich dadurch vom Ernährermodell und der damit verbundenen ökonomischen Abhängigkeit der Frauen von ihren erwerbstätigen Partnern ab. Die Reduzierung oder Minimierung der familiär (und damit oft weiblich) verankerten Sorgeverantwortung sollte daher Leitbild für den Aus- und Umbau moderner Wohlfahrtsstaaten sein (vgl. Esping-Andersen 1999). Feministische Diskurse zur vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung fokussieren ebenfalls die Unterscheidung von Familiarisierung und Defamiliarisierung zur Analyse von Care-Regimen insgesamt oder politischen Strategien und Maßnahmen im Einzelnen (vgl. Leitner, Ostner, Schratzenstaller 2004; Ostner 2011; Evers 2018). Heintze (2013) erfasst dieses Phänomen durch die Unterscheidung in familienbasierte und servicebasierte Care-Systeme. Kennzeichnend für familienbasierte bzw. familiaristische Systeme – wie bisher in Deutschland – sind das Ernährermodell als Leitbild (siehe Kapitel 3.2.2), eine niedrige Frauenerwerbstätigkeit, statuskonservierende Mechanismen innerhalb der sozialen Sicherungssysteme, eine große Bedeutung familiärer Betreuungs- und Pflegearrangements (Subsidiaritätsprinzip) bei einer geringen Professionalisierung von personenbezogenen Dienstleistungen und niedrige öffentliche Ausgaben für derartige Leistungen (vgl. Esping-Andersen 1996; Leitner, Ostner, Schratzenstaller 2004; Heintze 2013). Heintze betont in diesem Kanon vor allem den letztgenannten Indikator der öffentlichen Ausgaben für Leistungen sozialer Dienste. Die Strategie geringer öffentlicher Investitionen in den tertiären Sektor (in Beschäftigung ebenso wie Infrastruktur) wird daher als ,,Lowroad“ bezeichnet. Der Weg über eine „Highroad“54 zeichnet sich im Gegenzug durch staatliche Investitionen in gute (verfügbare und zugängliche) Infrastruktur eines entsprechenden Dienstleistungsangebotes, in hohe Dienstleistungsqualität und in professionalisierte Beschäftigung aus, wie es bereits in einigen skandinavischen Ländern politische Praxis ist. Die Art der Dienstleistungspolitik ist dabei nicht immer, aber häufig abhängig von konservativen, liberalen oder sozialdemokratischen Prägungen der Wohlfahrtsstaatssysteme (vgl. Heintze 2013; 2015).

3.2.2 Wohlfahrtsstaatliche Leitbilder für die Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit

Die feministische Kritik an der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung macht deutlich, dass die Betrachtung allein der Verantwortungsteilung zwischen Staat, Markt und Familien eine wesentliche Dimension der Organisation von Sorgearbeit und damit eines Teils von Care-Regimen verdeckt: Die wohlfahrtsstaatliche Säule der Familie ist maßgeblich durch die industriell-kapitalistische, geschlechtsdifferenzierte Arbeitsorganisation durch eine männlich kodierte Erwerbsarbeitssphäre und weiblich besetzte Sphäre der Sorgearbeit bedingt. Ebenso beeinflusst die wohlfahrtsstaatliche Tradition Politik in der Weise, dass im Fall der konservativ und familiaristisch geprägten Bundesrepublik Deutschland lange Zeit Maßnahmen zum Statuserhalt oder zur Familiarisierung dominierten. Neuere gesetzliche Regelungen oder familienpolitische Leistungen deuten eine stärkere Defamiliarisierung und damit einen Wandel der wohlfahrtsstaatlichen Leitbilder55 an, der von Bemühungen um eine geschlechtsneutrale statt androzentrische Perspektive geprägt ist (vgl. Leitner, Ostner, Schratzenstaller 2004; Ohrem 2015). So wurde das Ernährermodell (oder male breadwinner model) zu Beginn des 21. Jahrhunderts durch das adult worker model (mit Fokus auf Paarbeziehungen auch dual earner model) ersetzt, welches geschlechtsunabhängig allein Erwerbspersonen definiert. Der Fokus auf die Erwerbsarbeit zeugt dabei jedoch von einer „Reproduktionsblindheit“ (Gottschall und Sehröder 2013: 167) des Doppelverdiener-Modells. Ebenso zeigt die Realität weiblicher Erwerbsverläufe der letzten Jahrzehnte, dass in der Bundesrepublik vielmehr ein sog. Zuverdiener-Modell gelebt wird, welches sich weiterhin durch einen männlichen Hauptverdiener und eine – spätestens ab Zeitpunkt der Familiengründung – weibliche Zuverdienerin in geringfügiger oder Teilzeitbeschäftigung auszeichnet.56 In zwei Dritteln aller Familienhaushalte sind heute beide Elternteile erwerbstätig, wobei die Verantwortung für die Haus- und Sorgearbeit bei den Frauen verbleibt, sodass sich wiederum eine Traditionalisierung der Rollenverhältnisse einstellt – mit dem bekannten Risiko einer schlechteren Existenzsicherung für Frauen und einem erhöhten Armutsrisiko, insbesondere im Alter (vgl. BMFSFJ 2012a; Gottschall, Schröder 2013; Wanger, Bauer 2015; BMFSFJ 2017).

Die Sachverständigenkommission zum Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung betont daher die Notwendigkeit eines integrierenden Leitbildes, in dem die Organisation der Sorgearbeit in enger Verbindung mit der Organisation der Erwerbsarbeit zu sehen ist. Das Erwerb-und-Sorge-Modell (earner carer model) verfolgt die bereits im Ersten Gleichstellungsbericht erarbeitete Zielstellung, „dass eine gleichstellungsorientierte Gestaltung der Erwerbs- und Sorgearbeit allen Menschen unabhängig vom Geschlecht ermöglichen muss, während ihres Lebensverlaufs Erwerbs- und Sorgearbeit gleichberechtigt zu verbinden“ (BMFSFJ 2017: 101). Damit einher geht die Aufforderung, Sorgearbeit gesamtgesellschaftlich zu organisieren und nicht mehr allein in privater Verantwortung zu belassen, sodass schließlich auch „Zweiverdiener-Arrangements ohne Überforderung gelebt werden können“ (ebd.). Um dies realisieren zu können, ist schließlich nicht nur ein Umdenken in Politik, Gesellschaft und Unternehmen erforderlich, sondern es braucht vielmehr entsprechende Rahmenbedingungen, die diese selbstbestimmten Lebensverläufe ermöglichen. Neben verschiedenen gleichstellungsorientierten politischen Maßnahmen ist dabei auch „eine gute Infrastruktur der privaten Haushaltsführung (…) sowohl für die Integration der Beschäftigten in existenzsichernde Arbeitsverhältnisse als auch für die gleichstellungsorientierte Organisation von Erwerbs- und Sorgearbeit von Bedeutung“ (ebd.: 170). Schließlich wird mit dieser Forderung auch die Relevanz haushaltsnaher Dienstleistungen für die Realisierung wohlfahrtsstaatlicher Leitbilder deutlich.

51 Die Kategorie „Wohlfahrtsstaat“ ist abzugrenzen vom Terminus des „Sozialstaates“, der die rechtlich-normative Dimension der entsprechenden Politikbereiche betont (vgl. Schmid 2011).

52 Die Realität weicht also stets – in mehr oder minder großen Anteilen – von diesen Typen ab, Reinformen treten praktisch nicht auf (vgl. Esping-Andersen 1997).

53 Ostner (2011) verweist ausdrücklich darauf, dass sich die skandinavischen Länder, die in den wohlfahrtsstaatspolitischen Diskursen häufig als Vorbild angeführt werden, untereinander ebenfalls stark unterscheiden. Dies wird deutlich, wenn etwa Leitbilder und Strategien der Familienpolitik verglichen werden: „Norwegen und Finnland sind Abweichler im nordeuropäischen Cluster: Lange Zeit investierte Norwegen wenig in die öffentliche Kinderbetreuung; Finnland bietet Eltern kleiner Kinder wiederum ein Betreuungsgeld, Dänemark vor allem Alleinerziehenden kaum Zeit und Geld, um die Kinder selbst zu betreuen. All dies legt nahe, dass von einem einheitlichen nordeuropäischen care regime nicht die Rede sein kann […].“ (Ostner 2011: 471) Auch Heintze hebt in ihrer vergleichenden Analyse der Pflegesysteme in Skandinavien und Deutschland eine Sonderstellung von Finnland, aber auch Island hervor (vgl. Heintze 2013; 2015).

54 Die beiden Termini gehen auf Bosch und Lehndorf (2005) zurück, die damit unterschiedliche Formen der Dienstleistungsökonomie beschreiben. Heintze (2013) definiert aufgrund dessen die Highroad als „Konfiguration […], bei der ein durch hohe Produkt- resp. Dienstleistungsqualitäten geprägter Output auf einem Arbeitsregime basiert, das durch hohe Qualifikationsanforderungen bei gleichzeitig hohen Arbeitsstandards und guter Entlohnung geprägt ist. Die Lowroad bezeichnet die gegenteilige Konfiguration mit stark schwankenden Dienstleistungsqualitäten auf der Basis eines Arbeitsregimes, das für die meisten Beschäftigten wenig attraktive Bedingungen bietet (hoher Leistungsdruck, schlechte Entlohnung, weniger Weiterbildungsmöglichkeiten).“ (Heintze 2013: 33)

55 Zu den folgenden Ausführungen vgl. auch Bröcheler 2018.

56 Der Trend zu diesem Erwerbsmuster bei Paaren mit Kindern hat in Westdeutschland zu einem Rückgang des traditionellen Ernährermodells geführt, in Ostdeutschland hingegen zu einem Rückgang des bis dato vorherrschenden Zweiverdiener-Arrangements (vgl. BMFSFJ 2017).

3.3 Leitbilder der Familien- und Gleichstellungspolitik

Leitbilder und Geschlechterrollenbilder werden nicht nur sozial entwickelt und geformt, sondern durch Politik und Rechtsprechung maßgeblich beeinflusst. Der Erste Gleichstellungsbericht der Bundesregierung mahnt daher „[d]ie Herstellung konsistenten Rechts und die Abstimmung von Rollenerwartungen über den Lebensverlauf“ (BMFSFJ 2012a: 53) als wichtige Aufgabe der (Familien- und) Gleichstellungspolitik an, da es gerade juristische Neuerungen zugunsten von Partnerschaft und Familie sind, die Rahmenbedingungen für Familienleben mitbestimmen oder gewisse Normen vorgeben (vgl. ebd.). In enger Wechselwirkung mit politischen Interessenlagen ebenso wie sozialen und demografischen Veränderungen (Geburtenrate, Wandel der Lebensformen oder Erwerbstätigkeit von Frauen und Müttern) verändern sich auch familienpolitische Paradigmen. Nachdem in den Nachkriegsjahrzehnten vor allem die Unterstützung der bürgerlichen Normalfamilie nach dem Konzept des Ernährermodells vorgesehen war, ist auch die deutsche Familienpolitik nach der Jahrtausendwende von einem partnerschaftlichen Familienleitbild geprägt, welches die Etablierung familien- und gleichstellungspolitischer Maßnahmen fokussiert, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, von Erwerbs- und Sorgearbeit zu ermöglichen. Die Einführung des einkommensabhängigen Elterngeldes 2007 stellt hier den ersten Meilenstein dar, gefolgt von der Einführung eines gesetzlichen Anspruchs auf U-3-Betreuung für mindestens 35 % aller Kinder ab 2013.57 Seit 2015 ermöglicht das Elterngeld-Plus zudem einen längeren Leistungsbezug und damit weitere Unterstützung bei Teilzeiterwerbstätigkeit beider Elternteile. Die neue Familienpolitik zeichnet ein modernes Bild von Elternschaft, in der traditionelle, geschlechtsdifferenzierte Arbeitsteilungsmuster nicht mehr selbstverständlich sind und eine Wahlfreiheit für alle Partnerinnen und Partner gegeben sein soll. Rechtlich wird diese Entwicklung einerseits mitgetragen, wie das Veto des Bundesverfassungshofes gegen das Betreuungsgeld („Herdprämie“) verdeutlicht. Andererseits weisen Expertinnen und Experten aus Familien- und Gleichstellungsforschung auf zahlreiche Unstimmigkeiten und Inkonsistenzen in Politik und Rechtslage hin. So konterkariert das nach wie vor unangetastete Ehegattensplitting im Steuerrecht (Unterstützung der „Versorgerehe“) Bemühungen um wirtschaftlich möglichst unabhängige Biografien von Männern und Frauen in Ehen und Lebensgemeinschaften, diese werden wiederum durch andere Gesetze, etwa das Unterhaltsrecht nach seiner Reform 2007, nicht nur gefördert, sondern gefordert (vgl. BMFSFJ 2012a; Gerlach 2017).58 Die Aufforderung zur Abschaffung derartiger Inkonsistenzen lebenslaufbegleitender Institutionen ist daher eine Kernbotschaft des Ersten und Zweiten Gleichstellungsberichtes (vgl. BMFSFJ 2012a, 2017). Eine, wie im Siebten Familienbericht definierte, nachhaltige Familienpolitik soll als Lebenslaufpolitik die Bewältigung verschiedener Lebensphasen jenseits der Rushhour des Lebens (siehe Kapitel 4.2) und tradierter Rollenmuster ermöglichen (vgl. BMFSFJ 2006). Der Zweite Gleichstellungsbericht verweist gleichermaßen auf die normative Kraft von Geschlechterrollen und betont die Notwendigkeit, sich von diesen zu lösen: „Insgesamt muss es ein wichtiges gleichstellungspolitisches Ziel bleiben, dass die Verwirklichungschancen in der Erwerbs- und Sorgearbeit nicht von Geschlechterstereotypen abhängen, sondern auf den individuellen Fähigkeiten gründen“ (BMFSFJ 2017: 102). Ein Paradigma der Geschlechtergerechtigkeit liegt auch der Care-Ökonomie zugrunde (vgl. MeierGräwe, Ohrem, Häußler 2012), sodass langfristig eine Loslösung von ebenjenen Stereotypen und Rollenbildern als unerlässlicher Schritt hin zu einem nachhaltigen gemeinsamenLeben und Wirtschaften anzusehen ist.

„Lebenslauftheoretisch gesehen geht es deshalb um die Auflösung der traditionell nach Geschlecht getrennten Lebenswege und um eine Neujustierung sämtlicher den Lebenslauf begleitende Institutionen, sodass die Verbindung von Bildungs-, Erwerbs- und Sorgearbeit als Grundmuster der Biografie einer Person – und zwar unabhängig vom Geschlecht – in unterschiedlichen Mischungen und mit flexiblen Übergängen gelebt werden kann.“ (Meier-Gräwe 2018a: 5)

Der „Zukunftsreport Familie 2030“ sieht Familie weiterhin als soziale Mitte der Gesellschaft und prognostiziert u. a. eine Festigung der Leitbilder einer Partnerschaftlichkeit und Vereinbarkeitsorientierung in Familien. Diesen Trends sollte daher auch Familienpolitik durch entsprechende Maßnahmen und Reformen (Anpassung des Steuerrechtes, Einführung der Familienarbeitszeit, Unterstützung haushaltsnaher Dienstleistungen, Anpassung und Flexibilisierung betrieblicher Rahmenbedingungen) Rechnung tragen (vgl. Prognos 2016).

57 Gleichwohl rufen diese Reformen emotionale und ideologisch aufgeladene Debatten um Familien, Eltern und insbesondere („gute“) Mütter hervor, die erneut aufzeigen, wie tief und wirkungsmächtig Rollenbilder verankert sind (vgl. Gerlach 2017; Meier-Gräwe 2007).

58 Ein Fokus der Reform des Unterhaltsrechtes war die Stärkung der ,,nachehelichen Eigenverantwortung“, wonach Ehefrauen nach der Scheidung keinen Anspruch auf Unterhaltszahlungen mehr haben und Mütter nach der Scheidung lediglich bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres ihres (jüngsten) Kindes. Danach sind sie in vollem Umfang für ihren eigenen Lebensunterhalt zuständig (vgl. BMFSFJ 2012a).

3.4 Zwischenfazit: Alltag zwischen alten und neuen Leitbildern

Insgesamt zeigt sich eine Gleichzeitigkeit von Persistenz und Wandel in den Geschlechterrollen und Leitbildern, die Frauen und Männer für ihre Rollen als Mütter und Väter sowie das Zusammenleben als Familie in Politik und Gesellschaft vorfinden. Nicht alle Eltern müssen und wollen diesen Rollenbildern folgen, dies ist unbestritten.59 Diejenigen jedoch, die es versuchen, finden sich oftmals konkurrierenden Ansprüchen und Anforderungen gegenüber. Das Care-Regime einer Gesellschaft hat starken Einfluss sowohl auf politische Rahmenbedingungen als auch auf hegemoniale Leitbilder, die gesellschaftliche Organisationsmuster prägen. Von ihm hängen die Aufteilung, Organisation und Wertschätzung von privater ebenso wie erwerbsförmiger Sorgearbeit ab. Die Herausforderung ist daher, moderne wohlfahrtsstaatliche Leitbilder, wie das Erwerb-und-Sorge-Modell, vor dem Hintergrund einer konservativ geprägten wohlfahrtsstaatlichen Tradition deutscher Politik zu fördern. Schließlich kann eine Neuorganisation der Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit gesamtgesellschaftlich auch durch eine Aufwertung erwerbsförmiger Sorgearbeit vorangetrieben werden. Die Übersetzung von Leitbildern in die (sich langsam ändernde) Realität bleibt jedoch den Eltern selbst überlassen und gelingt nicht immer, wie die gelebten Alltagsarrangements von Familien heute zeigen.

59 Da der Alltag für Familien, die nach „alten“, traditionalen oder vielmehr gewohnten Mustern leben (etwa mit vollzeiterwerbstätigen Vätern und teilzeiterwerbstätigen Müttern, die zudem in den ersten Lebensjahren ihres Kindes ausschließlich für dessen Versorgung zuständig sind), weitestgehend in das aktuelle System von Kinderbetreuung, Steuerrecht, Sozialversicherung etc. passt, steht diese Gruppe hier nicht im Fokus.

4 Alltag in Familien – Muster der Alltagsorganisation

Angesichts der aufgezeigten Leitbilder wird heute ein „cultural lag“ konstatiert, da zwar ein Wertewandel, jedoch keine Veränderungen in den alltäglichen Lebensführungen sichtbar werden (vgl. Hochschild, Machung 1993; Röhler 2009). Die gelebten Muster der Alltagsorganisation in Familien gilt es daher im vorliegenden Kapitel näher zu betrachten. Dafür wird zunächst ein Überblick über die empirischen Befunde zur geschlechtsdifferenzierten Arbeitsteilung im Alltag von Familien bzw. Elternpaaren gegeben, indem einerseits deren Zeitverwendungsmuster in der Care- und Erwerbsarbeit, andererseits auch die zugrunde liegenden Sinnstrukturen und Deutungsmuster verschiedener Arten von geschlechtlich konnotierten und typisierten Alltagsarrangements dargestellt werden (Kapitel 4.1). Besonderes Augenmerk ist danach auf die Arbeitsteilung und Zeitverwendung in der sog. Rushhour des Lebens zu richten, anhand derer auch die konkrete Frage nach Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gestellt und beantwortet wird (Kapitel 4.2). Dieser diagnostischen Sequenz folgt ein Ausblick auf Reform- oder Optimierungsansätze, die Lebensläufe berufstätiger Eltern zu entzerren und Vereinbarkeit leichter realisieren zu können (Kapitel 4.3). So wird ein umfassender Überblick über den Status quo des Alltags in Familien gegeben, der später den empirischen Ergebnissen der vorliegenden Studie gegenüberzustellen ist.

4.1 Geschlechtsdifferenzierte Arbeitsteilung im Alltag

Erkenntnisse über die Aufteilung von Arbeit bzw. Arbeitsbereichen, Abstimmung von Erwerbsarbeitsvolumina und Umfang von Sorgetätigkeiten zwischen Männern und Frauen fußen auf einer breiten empirischen Basis und sind mit verschiedenen theoretischen Ansätzen erklärbar. National wie international liefern Panelstudien, qualitative Untersuchungen und schließlich die Zeitverwendungserhebungen differenzierte Erkenntnisse zur Zeitverwendung (darunter die Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit) in privaten Haushalten insgesamt sowie in Paarbeziehungen und Familien im Besonderen. Deren zentrale Ergebnisse sind im Folgenden dargestellt und zeichnen ein erstes Bild vom Alltag in Familien.

4.1.1 Zeitverwendungsmuster und der gender care gap

In der haushaltstheoretischen Betrachtung stellt Zeit eine wesentliche Ressource zur Alltagsbewältigung dar, welche die Ausgestaltung der Lebensführung maßgeblich beeinflusst. Die Zeitverwendungserhebungen des Statistischen Bundesamtes60 liefern genauen Einblick in die Zeitverwendung aller Deutschen: Hier wird abgebildet, wer jeweils wie lange und mit wem täglich arbeitet, Mahlzeiten einnimmt, ehrenamtlich tätig ist, Bildung oder Sport genießt. Ebenso finden sich hier Angaben zu der für Arbeiten des Alltags aufgewendeten Zeit, differenziert für Frauen und Männer oder nach deren Lebensgemeinschaften in privaten Haushalten. Die Aufgaben der unbezahlten Arbeit erweisen sich in der Zeitverwendung als der Aktivitätsbereich mit den größten Unterschieden zwischen den Geschlechtern, insbesondere in Familienhaushalten. Für die innerpartnerschaftliche Arbeitsteilung in Familien sind insbesondere die Aufgaben der Haushaltsführung und Betreuung der Familie samt Wegezeiten, Aktivitäten der Wäschepflege, Wohnungsreinigung und Beköstigungsarbeit relevant (vgl. Klünder, Meier-Gräwe 2017b). Einerseits hat sich zwar die Zeit, die Männer für Hausarbeit aufwenden, innerhalb von elf Jahren von 03:03 auf 03:10 Stunden am Tag in den Jahren 2012/13 leicht erhöht, und die Zeitverwendung der Frauen hierfür im gleichen Zeitraum von 05:54 auf 05:48 Stunden leicht verringert. Andererseits zeigen sich im Vergleich beider Geschlechter jedoch deutliche Differenzen. Dies wird u. a. anhand der Erwerbsarbeit deutlich, in der (trotz eines Zuwachses für beide Genussgruppen seit 2001/02) Männer in Familienhaushalten mit 05:18 Stunden im Schnitt deutlich mehr Zeit aufwenden als Frauen mit 02:28 Stunden. Zwar sind ungleiche Zeitverwendungsmuster für den Bereich der Hausarbeit bei Paaren mit Kindern im Vergleich zu anderen Haushaltstypen am stärksten ausgeprägt (Väter: 02:56 Stunden, Mütter: 05:37 Stunden); gleichzeitig wenden sie – ebenso wie Alleinerziehende – insgesamt die meiste Zeit für diesen Arbeitsbereich auf. Der im Zeitvergleich (unabhängig des Erwerbsumfangs) dennoch gesunkene Zeitaufwand der Mütter für hauswirtschaftliche Tätigkeiten wird mit Vermutungen zu gesunkenen Qualitätsansprüchen, verringertem Leistungsumfang aufgrund von Erwerbstätigkeit oder einer erhöhten Inanspruchnahme externer Angebote, etwa der Verpflegung (insbes. Schulverpflegung), begründet (vgl. Klünder, Meier-Gräwe 2017b). Interessant ist ferner, dass Männer ihren Eigenanteil an der Hausarbeit oftmals größer einschätzen als ihre Partnerinnen, was in unterschiedlichen Deutungsmustern und Referenzrahmen aufgrund von Geschlechterrollenbildern begründet ist (vgl. Wippermann 2013). Die im Zuge des Zweiten Gleichstellungsberichtes der Bundesregierung erarbeitete Kennziffer des gender care gap zeigt die Geschlechterlücke anschaulich auf und setzt die eben beschriebenen Werte der Zeitverwendung in Relation zueinander. Die durchschnittliche Zeitverwendung von Frauen für direkte und indirekte, unterstützende Care-Arbeit wird dabei der von Männern gegenübergestellt. Der durchschnittliche gender care gap beträgt aktuell 52,4 % und bedeutet in absoluten Zahlen, dass Frauen täglich fast anderthalb Stunden (87 Minuten) mehr Sorgearbeit leisten als Männer. In Familienhaushalten fällt der gender care gap mit 83,3 % größer aus, was insbesondere in der mütterlichen Betreuung von Kindern (direkte Care-Arbeit) begründet ist. Wie oben bereits aufgezeigt wurde, verrichten die Mütter zugleich einen größeren Anteil der Hausarbeit, also der unterstützenden Care-Arbeit61, und weisen daher auch allein in diesem Bereich einen mit Alter und Familienphase ansteigenden gender care gap auf (vgl. Klünder 2017).

Innerhalb der unbezahlten Arbeit erweist sich die Beköstigungsarbeit als zeitintensivste Aufgabe, die weiterhin vorrangig in weiblicher Hand liegt (vgl. Leonhäuser, Köhler, Meier-Gräwe et al. 2009; Klünder, Meier-Gräwe 2017b). Die Herstellung eines Essalltags ist tagtäglich in privaten Haushalten zu leisten und ist in Familienhaushalten für ein doing family von zentraler Bedeutung (vgl. Meier-Gräwe 2010; Bauer 2012; Klünder, Meier-Gräwe 2017a).62 Empirisch bestätigt sich zudem, dass die Familienmahlzeit im Alltag nach wie vor von großer Bedeutung ist. Auch in diesem Bereich zeigen sich weiterhin geschlechtsdifferenziert unterschiedliche Beteiligungsgrade an den zu verrichtenden Aufgaben. Väter mit vollzeiterwerbstätigen Frauen wenden geringfügig mehr Zeit für Beköstigungsarbeit (d. h. Vor- und Zubereitung von Mahlzeiten, nicht das Essen und Trinken an sich) auf, als wenn ihre Partnerinnen nicht oder in Teilzeit erwerbstätig sind. Zwar reduzieren erwerbstätige Frauen ihren Arbeitsaufwand für Beköstigung (aufgrund von Zeitknappheit und Zeitstress) im Vergleich zur Nichterwerbstätigkeit, leisten dabei jedoch stets mindestens doppelt so viel wie ihre Partner. Diese Unterschiede zwischen den Geschlechtern verstärken sich darüber hinaus mit zunehmendem Alter der Kinder im Haushalt. Am Wochenende hingegen zeigt sich eine intensivere Beteiligung von Vätern in diesem Arbeitsfeld, auch wenn diese nicht der geringeren Beteiligung der Mütter gleichzusetzen ist (vgl. Klünder, Meier-Gräwe 2017a). Ebenso werden bei Tätigkeiten der Haushaltsplanung immer wieder Unterschiede zwischen den Geschlechtern konstatiert. Frauen haben nach wie vor die Oberhand, wenn es um die Organisation des Familienalltags geht (vgl. Rerrich 1993; Fthenakis, Kalicki, Peitz 2002; Institut für Demoskopie Allensbach 2012, 2015b). Zwar wenden gemäß ZVE 2012/13 je nach Tätigkeitsbereich und Lebensalter (dementsprechend auch Familienphase) sowohl Väter als auch Mütter mal etwas mehr oder weniger Zeit für etwa Wegezeiten zur Kinderbetreuung oder Aufgaben der „Haushaltsplanung und -organisation (auch per Telefon oder Internet)“ (Destatis 2015b) auf. Dennoch beschreiben Mütter den empfundenen Druck und Stress aufgrund der organisatorischen Verantwortung im Familienalltag häufiger als belastend als Väter, insbesondere wenn sie (in Vollzeit) erwerbstätig sind (vgl. Institut für Demoskopie Allensbach 2012; Klünder, Meier-Gräwe 2017b; Panova, Sulak, Bujard et al. 2017). Dieses Gefühl, so ist angesichts der Daten der ZVE zu vermuten, basiert dabei auf diversen Tätigkeiten und Verantwortlichkeiten, die im Alltag kontinuierlich und nebenbei passieren, häufig unsichtbar und nicht greifbar sind und daher in den Zeitverwendungserhebungen ebenfalls nicht abgebildet werden. Insgesamt zeigt sich so erneut, wie sowohl die unbezahlte Arbeit insgesamt als auch Aufgaben der Haushaltsplanung und -organisation im Besonderen nach wie vor von geschlechtsdifferenzierten Arbeitsteilungsmustern dominiert sind und vorrangig in weiblicher Verantwortung liegen.

Inzwischen gibt es zahlreiche Längsschnittstudien, die einschlägige Erkenntnisse zur Arbeitsteilung in (heterosexuellen) Paaren mit und ohne Kinder in Deutschland präsentieren (vgl. Fthenakis, Kalicki, Peitz 2002; Schulz, Blossfeld 2006; Grunow, Schulz, Blossfeld 2007; Gwozdz 2008; Kühhirt 2012; Dechant, Rost, Schulz 2014).63 In der Bilanz aller Untersuchungen übernehmen Frauen – unabhängig von Alter, Bildungsniveau oder Einkommen – stets in größerem Umfang Hausarbeiten als Männer. In Paarbeziehungen ist eine zeitlich ungleiche Aufgabenverteilung im Haushalt die Regel, da im überwiegenden Anteil der Beziehungen die Frau das Gros der Hausarbeiten erbringt. Ein gegenteiliges Geschlechterverhältnis in der Aufgabenteilung mit männlicher Hauptverantwortung für den Haushalt findet sich lediglich in 4 % aller Paarhaushalte. Partnerschaftliche Arbeitsteilungsmodelle sind vor allem in kinderlosen Paarhaushalten zu finden. Die Geburt des ersten Kindes stellt in den meisten Partnerschaften eine Zäsur dar, die eine Traditionalisierung64 der Arbeitsteilung bedingt: Ein Jahr nach der Geburt des ersten Kindes bestätigt lediglich noch ein Viertel aller Elternpaare eine partnerschaftliche Arbeitsteilung; der Anteil von hauptverantwortlichen Männern bleibt unverändert gering (vgl. Schulz, Blossfeld 2006; Dechant, Rost, Schulz 2014). Eine Traditionalisierung in Form eines größeren Arbeitsanteils der Frauen im Bereich der Sorgearbeit ist dabei kein vorübergehendes Phänomen, sondern bezeichnet eine Veränderung der Arbeitsteilung, die sich im weiteren Beziehungsverlauf verfestigt. Eine mittelfristige Betrachtung etwa der Arbeitsteilung bei Ehepaaren zeigt gar einen sich vergrößernden gender gap durch sinkende Beteiligung von Männern an der Hausarbeit. Während bei jungen Paaren das Vorhandensein partnerschaftlicher Arbeitsteilungsmuster noch einen Zusammenhang mit höheren Bildungsabschlüssen aufweist, löst sich auch diese Korrelation im Beziehungsverlauf auf: Eine geschlechtsdifferenzierte Spezialisierung im Sinne einer Traditionalisierung findet auf allen Bildungsniveaus statt (vgl. Schulz, Blossfeld 2006). Für den weiteren Lebensverlauf zeigt sich – mit fortschreitendem Alter der Kinder und später einem Übergang des Familienzyklus in die Empty-Nest-Phase – ein sinkender gender gap. Diese Veränderung in der Arbeitsteilung ist im Vergleich zum Effekt der Traditionalisierung jedoch geringfügig. Er basiert vor allem auf Verhaltensänderungen der Frauen, während der männliche Arbeitsanteil auch in diesen Phasen meist noch konstant bleibt. Erst im Alter, nach ihrem Renteneintritt, erhöhen Männer häufiger ihren Anteil an der Hausarbeit und die entsprechende Zeitverwendung für Frauen nimmt weiter ab. Trotz dieser leichten Verschiebung überwiegt der weibliche Anteil an der Hausarbeit weiterhin (vgl. Leopold, Skopek, Schulz 2018).

Leopold, Skopek, Schulz (2018) können die vorhandenen Erkenntnisse über Veränderungen der Zeitverwendung im Lebensverlauf bestätigen und erstmals um Erkenntnisse zu Veränderungen zwischen den Kohorten (für zwischen 1925 und 1985 Geborene) ergänzen. Diesem vorangestellt waren Annahmen über veränderte Hausarbeitsmuster im Zeitverlauf, die auf einigen wesentlichen gesellschaftlichen Wandlungstendenzen beruhen. Zu vermuten war einerseits eine Verringerung der Zeitverwendung für Hausarbeit bei den Frauen, aufgrund deren höheren Bildungsniveaus, gestiegener Erwerbsbeteiligung sowie veränderter Rollenbilder und Geburtenverhalten. Anderseits erwarteten die Autoren bei den Männern eine Erhöhung der Zeitverwendung für Hausarbeit, etwa aufgrund des Einflusses von egalitäreren Rollenbildern und eines Bedeutungsverlustes der eigenen Erwerbsarbeit. Im Ergebnis wird schließlich eine kontinuierliche, deutliche Reduzierung der Zeitverwendung für Hausarbeit über alle Kohorten der Frauen hinweg sichtbar.65 Für die Männer zeigt sich ein vergleichsweise moderater Anstieg der Hausarbeit im Kohortenvergleich, der sich jedoch auf die Lebensphase bis zum Renteneintrittsalter beschränkt. Das Maximum männlicher Beteiligung an der Hausarbeit ist stets im höheren Lebensalter (ab etwa 70 Jahre) zu finden, während das der Frauen in jüngeren Lebensphasen (bis 35 Jahre) lokalisiert ist. In diesem Alter liegt zudem der höchste gender gap vor. Insgesamt zeigt sich eine kontinuierliche Annäherung der weiblichen und männlichen Arbeitsanteile, bei einem deutlich fortbestehenden gender gap (siehe Abbildung 4). Die Autoren der Studie prognostizieren schließlich eine Fortschreibung dieser Veränderungen für die nächsten Jahre (vgl. Leopold, Skopek, Schulz 2018).

Abbildung 4: Zeitverwendung für Hausarbeit von Frauen und Männern im Lebensverlauf und Kohortenvergleich


Quelle: Eigene Darstellung modifiziert nach Leopold, Skopek, Schulz 2018: 295

Für die Veränderungen im Zeit- und Lebensverlauf sowie des Status quo von Arbeitsteilungsmustern in Paaren liefern verschiedene Theorien Erklärungsansätze. Die heute vorliegenden Studien nutzen diese zur Interpretation ihrer Ergebnisse und zeichnen so inzwischen ein solides Bild von deren Plausibilität und Anwendbarkeit. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um die folgenden zwei Gruppen von Theorien (vgl. Schulz, Blossfeld 2006):

• Ressourcenbasierte Theorien, die ökonomische Faktoren (Erwerbsarbeit, Einkommen und daraus resultierende Verhandlungsmacht) der Partner/innen als ausschlaggebend für die Ausgestaltung eines Arbeitsteilungsmusters werten; die Kategorie Geschlecht ist hierfür nicht relevant, Geschlechterrollen werden symmetrisch betrachtet (z. B. in der Ökonomischen Theorie der Familie bzw. New Home Economics nach Becker oder der ökonomischen Verhandlungstheorie nach Ott);

• Normenbasierte Theorien, die eine asymmetrische Veränderung von Geschlechtsrollen postulieren und davon ausgehen, dass Verhaltens- und Arbeitsteilungsmuster in Paarbeziehungen weitestgehend durch Werte und Normen beeinflusst werden (z. B. im Doing-Gender-Ansatz nach West und Zimmerman, in der hieraus abgeleiteten Kompensationshypothese nach Brines oder dem Identitätsformationsmodell nach Bielby und Bielby).

Während sich in zahlreichen Studien die ökonomischen, ressourcenbasierten Erklärungsansätze als nicht oder nur begrenzt aussagekräftig erwiesen haben, lassen sich viele empirische Befunde mit den verschiedenen normenbasierten Ansätzen schlüssig interpretieren. So wird etwa der weiterhin hohe Anteil traditional geprägter Arbeitsteilungsmuster sowie die Traditionalisierung vormals partnerschaftlicher Arbeitsteilungsmuster mit der Wirkungsmacht weiblicher und männlicher Geschlechterrollenbilder begründet. Ebenso kann die Kompensationshypothese erklären, dass auch Familienernährerinnen oft nach wie vor den Großteil der Hausarbeit stemmen, da deren Männer ihre Geschlechtsidentität bereits durch den Verlust ihrer Funktion als Familienernährer gefährdet sehen und dies nicht durch Übernahme weiblich konnotierter Hausarbeit verstärken wollen. Letztlich wird jedoch ebenso deutlich, dass das komplexe Phänomen der Arbeitsteilung in Paaren kaum allein durch einen der genannten Ansätze erklärbar ist (vgl. Schulz, Blossfeld 2006; Grunow, Schulz, Blossfeld 2007; Kühhirt 2012; Grunow 2013; Dechant, Rost, Schulz 2014; Leopold, Skopek, Schulz 2018).66 Weder verhalten sich Lebensläufe stets theoriekonform, noch schaffen es die genannten ökonomischen und soziologischen Ansätze alle Facetten abzubilden. Eine Option der integrierten Analyse von Arbeitsteilungsprozessen liefert wiederum die Theorie haushälterischen Handelns, die das Wechsel- und Zusammenspiel unterschiedlicher Ressourcen, Normen und Handlungsalternativen zur Erklärung von Arbeitsteilungsmustern heranzieht (vgl. Reichert, Bröcheler 2018).

Letztlich spiegeln die Anteile unbezahlter Sorgearbeit von Männern und Frauen in der Lebensverlaufsperspektive zugleich deren konträr verlaufende Erwerbsbeteiligung wider. Hieraus ergibt sich zudem ein Begründungszusammenhang für die Entgeltlücke zwischen den Geschlechtern im Erwerbsleben (gender pay gap; vgl. BMFSFJ 2009) sowie – in noch höherem Maße – im Rentenalter (gender pension gap; vgl. BMFSFJ 2011), sodass Arbeitsteilungsmuster auch vor dem Hintergrund geschlechtsdifferenzierter Einkommens- und Lebensverläufe kritisch zu betrachten sind.

4.1.2 Alte und neue Geschlechterarrangements

Wie sich Arbeitsteilungsmuster konkret ausgestalten, welche alten und neuen Geschlechterarrangements Männer und Frauen in ihren Partnerschaften insgesamt sowie in ihren Rollen als Eltern finden, dies arbeiten verschiedene qualitative Studien dezidiert heraus. Röhler (2009) weist darauf hin, dass neben den häufig vorrangig diskutierten Extremformen der Arbeitsteilung, der traditionellen auf der einen und der partnerschaftlichen, egalitären auf der anderen Seite, verschiedenste alternative Arbeitsteilungsmuster existieren. Er identifiziert dabei sechs Mechanismen, die der Entstehung von Arbeitsteilungsmustern zugrunde liegen können (vgl. Röhler 2009):

• Geschlechterideologien, im Sinne typischer Modelle von Geschlechterrollen;

• Doing-Gender-Strategien, als Handlungen der Individuen zur (Re-)Konstruktion des männlichen oder weiblichen Selbstkonzeptes;

• Kompetenzen, nach denen im Sinne der neuen Haushaltsökonomie dann Aufgaben entsprechend aufgeteilt werden (die Zuteilung von Aufgaben ohne eindeutigen Kompetenzbereich bei den Partner/innen ist letztlich noch zu lösen);

• Präferenzen der Partner/innen, nach denen Aufgaben mehr oder weniger gern übernommen werden (die Zuteilung von Aufgaben ohne Präferenzen bleibt ebenfalls offen);

• Interesse an der Erledigung einer Aufgabe generell oder einem bestimmtem Standard entsprechend, wobei davon ausgegangen wird, dass die Person mit dem geringeren Interesse von der Erledigung durch die jeweils andere Person profitiert;

• Transaktionskosten, die eine Veränderung der Arbeitsteilung erfordern würde, etwa in Form von Diskussionen, Verständigung über Standards, Erreichen von Motivation oder Erlernen neuer Fähigkeiten. Die Veränderung alltäglicher Abläufe ist mühselig und stellt daher ein großes Hindernis für Veränderungen dar.

Trotz der Vielzahl an Mechanismen, die eine Diversität von Arbeitsteilungsmustern nahelegt, lassen sich die vorgefundenen Geschlechterarrangements heute meist entlang dreier Linien unterscheiden.67 Es zeigt sich die Linie der Traditionalisierung, die aufgrund der aufgezeigten, vorrangig zu findenden Zeitverwendungsmuster deutlich wird. Zudem eine Linie der Individualisierung, auf der sich Alltagsarrangements ergeben, die eher auf personenspezifischen Faktoren und Ressourcen basieren. Schließlich die Linie der Egalität, bei der eine als „gleich“ empfundene Aufgabenteilung in Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen den Partnern vorliegt. Moduliert werden die Arrangements dabei von der Familienphase, den Erwerbsarbeitsbedingungen beider Partner, den individuellen ebenso wie Haushaltsressourcen sowie den vorherrschenden Wertorientierungen (vgl. Rüling 2007; Röhler 2009; Schreyögg 2013; Schier 2014).68 Vor der Interpretationsfolie der doppelten Entgrenzung weist Schier (2014) darauf hin, dass das von ihr analysierte Geschlechterarrangement der „Re-Traditionalität“ zwar eine klar traditionell gefärbte, geschlechtsdifferenzierte Arbeitsteilung aufzeigt, dabei jedoch auch Ambivalenzen deutlich werden, etwa weil die Traditionalität des Arrangements von den Partner/innen reflektiert und Nachteile (geringe Erwerbsbeteiligung der Frau oder geringe Care-Beteiligung des Mannes) bewusst wahrgenommen werden. Oftmals fehlt es bei diesem Arrangement-Typ an (der Umsetzbarkeit von) Alternativen, das Arrangement ist also nicht zwingend freiwillig gewählt (vgl. Schier 2014). So wird deutlich, dass auch traditionelle Alltagsarrangements, die neben mehr partnerschaftlich-egalitär ausgelegten Teilungsmustern eher in negativem Licht erscheinen, für die jeweiligen Paare bzw. Familien nicht nur gewollt oder die einzig beste Wahl sind. Ähnlich verhält es sich mit sehr egalitären Arbeitsteilungsarrangements in Partnerschaften, die zwar eher den (individuell wie gesellschaftlich formulierten) Leitbildern entsprechen, aber auch in diesen Partnerschaften Herausforderungen bedeuten, wie im Folgenden deutlich werden wird.

Auf der Suche nach – gemessen am traditionellen deutschen Hausfrauenmodell – neuen Mustern der Alltagsorganisation finden sich zwei markante qualitative Studien zur Aufklärung der Frage, wie und auf welcher Basis Paare ihre „neuen und alten“ Geschlechterarrangements finden. Zu nennen sind einerseits Koppetsch und Burkart (1999), die in ihrer sozialkonstruktivistisch angelegten Studie über Arbeitsteilungsmuster im Milieuvergleich zu dem Schluss kommen, dass diese in keiner direkten und offensichtlichen Beziehung zur Milieuzugehörigkeit stehen. Traditionelle Arbeitsteilung findet sich also keineswegs nur im traditionellen Milieu, wie auf den ersten Blick die vorherrschenden Rollenbilder vermuten lassen. Vielmehr zeigen sich in allen Milieus ähnliche Muster mit einer Dominanz weiblicher Verantwortlichkeit für die Haushaltstätigkeiten bei männlicher Mithilfe – die Paare unterliegen einer „Illusion der Emanzipation“ (Ebd.). Das Autorenpaar zeigt auf, dass die erhöhte Beteiligung von Männern im Haushalt statt eines „undoing gender“ ein verstärktes „doing gender“ innerhalb der häuslichen Sphäre bedingt, was die Grenzziehung zwischen typisch weiblichen und typisch männlichen Arbeitsbereichen (wie vormals zwischen öffentlicher Erwerbsarbeit und häuslicher Sorgearbeit) kennzeichnet und damit die Geschlechtsidentitäten reproduziert.69 Jedoch offenbaren sich dabei Variationen in den milieuspezifischen Deutungsmustern (vgl. Koppetsch, Burkart 1999):

• Traditionales Milieu: In diesem Milieu werden innerhalb der häuslichen Sphäre bewusst klare Grenzziehungen vorgenommen, die die Geschlechterordnung untermauern. Da die klassischen Rollenbilder samt Arbeitsbereichen hierarchisiert sind, würde eine Unterwerfung bzw. Einordnung des Mannes in Bereiche der Sorgetätigkeiten seiner prinzipiellen Überlegenheit symbolisch widersprechen. Innerhalb der Sorgearbeit ist dem traditionalen Milieu die Einhaltung von Sauberkeitsstandards wichtig, während die Betreuung der Kinder pragmatisch und frei von pädagogischen Ansprüchen erledigt wird. Die Distinktion gegenüber anderen Milieus oder Schichten ist bei diesen Paaren mit einem klaren Hausfrauenmodell von hoher Bedeutung. Die Sphärentrennung entlang traditioneller Rollenbilder (der Mann ist für die Erwerbsarbeit zuständig, die Frau für die Sorgearbeit) wird von beiden Geschlechtern nicht nur aufrechterhalten, sondern ist eindeutig erwünscht. Mehr noch, eine Beteiligung an der jeweils andren Sphäre wird als Einmischung oder Übergriff bewertet. Die ungleiche Aufteilung von Arbeiten ist somit nicht legitimationsbedürftig, sondern quasi natürliche Gegebenheit.

• Familistisches Milieu: In Partnerschaften dieses Milieus steht das Wohl der Familie im Mittelpunkt, sodass alle Aufgaben und Pflichten der Sorgearbeit (Reinigungsarbeiten ebenso wie Kinderbetreuung) hieran ausgerichtet sind. Eine hohe Gemeinschaftsorientierung prägt die Arbeit und Mitarbeit von Mutter, Vater und auch der Kinder. Die Verantwortung und zugleich hohe Kompetenz der Frau für die Sorgetätigkeiten ist selbstverständlich und wird mitunter sogar beruflich untermauert.70 Für die direkte Care-Arbeit in Form der Kinderbetreuung wird die Beteiligung der Väter eingefordert und erbracht. Beide Eltern sind aufopferungsvoll engagiert, wobei dennoch (freiwillige) Hilfeleistungen der Männer die weibliche Dominanz der häuslichen Ordnung symbolisieren. Der häuslichen Vormachtstellung der Frau steht die ökonomische Vormachtstellung des Mannes aufgrund seiner Erwerbsarbeit zur Erfüllung der Versorgerrolle gegenüber, wobei diese geschlechtsdifferenzierte Zuschreibung aufgrund der Erhebung der Familie zum eigentlichen Arbeitsort nicht betont wird. So gilt für beide Geschlechter: „Hausarbeit ist Liebesdienst, notfalls auch Liebesopfer“ (Koppetsch, Burkart 1999: 223). Innerhalb der Sorgetätigkeiten hat die Versorgung und Erziehung der Kinder einen höheren Stellenwert als hauswirtschaftliche Arbeiten, wie etwa Reinigung. Insgesamt steht jedoch die Summe der Sorgetätigkeiten und die erfolgreiche Organisation und Bewältigung derer durch die Frau als Mutter, die das häusliche Regiment innehat, im Vordergrund.

• Individualisiertes Milieu: Einer Ideologie der Gleichstellung der Geschlechter in Beruf und Privatleben folgend, kommt auch in diesem Milieu der Gleichverteilung der Hausarbeit eine hohe Bedeutung zu. Gegenüber der jeweiligen Beteiligung von Mann und Frau am beruflichen Leben erfährt die Hausarbeit eine Abwertung – sie ist lästige Pflicht, die es zu erledigen gilt. So kommt es in diesem Milieu am ehesten zu einer Vergabe von (Teilen der) Hausarbeit an haushaltsnahe Dienstleistende. Da zwar beide Partner/innen bestrebt sind, die Hausarbeit gleichmäßig zu verteilen, andererseits jedoch nur ungern selbst (mehr) Aufgaben übernehmen, entwickeln sich Vermeidungsstrategien. Besonders deutlich erweist sich die Demonstration männlicher Inkompetenz hier als Legitimation für beide Partner/innen, doch eine ungleiche Aufgaben- und Verantwortungsteilung zu praktizieren. Da die individualisierte Partnerschaft oft Differenzen in den Standards für Sauberkeit und Ordnung offenbart, die nicht auf einen Nenner gebracht werden (sollen), sind auch diese individualistisch zu lösen, indem der- oder diejenige jeweils selbst für seine Standards Sorge trägt.71 Um die gleichheitsorientierte Partnerschaft nicht zu gefährden, werden derartige Arbeitsmuster gemeinhin als „bedauerliches ‚Ausnahme‘-Produkt widriger Umstände ausgegeben“ (Koppetsch, Burkart 1999: 216). Durch die Betonung der individuellen Entscheidung zu einer einseitigen Erledigung von Aufgaben, werden die Arbeiten aus dem Geltungskreis der Gleicherteilung ausgenommen und so die ungleiche Aufteilung legitimiert.

Letztlich liefern Koppetsch und Burkart damit Erklärungen, warum vermeintlich alte Geschlechterarrangements auch heute noch über Milieugrenzen hinweg dominieren. In den milieuspezifisch ausdifferenzierten Deutungsmustern wird deutlich, wie die im Ergebnis traditionellen Praktiken auch unter neuen, modernisierten Lebens- und Alltagsbedingungen zustande kommen. Sowohl in einzelnen Fällen dieser Studie als auch einer Folgestudie über Familienernährerinnen wird zudem besonders deutlich, dass auch ein im Vergleich zum Partner höherer Anteil an Erwerbsarbeit der Frau (aus Gründen der Ausbildung, Erwerbslosigkeit, prekären Selbstständigkeit oder Elternzeit des Mannes) oftmals keinen bedeutenden Einfluss auf eine egalitärere Aufteilung der Sorgearbeit hat. Eher sind es auch hier die Wertorientierungen, die dann vorrangig im familistischen Milieu einen Rollenwechsel und damit neue Geschlechterarrangements begünstigen und eine (hauptverantwortliche) Übernahme häuslicher Pflichten durch den nicht erwerbstätigen Mann ermöglichen. Da es um das Wohl der Familie geht, wird der Rollentausch pragmatisch (mit den entsprechenden Umständen der Erwerbssphäre) begründet und das Ideal der Komplementarität in der Arbeitsteilung aufrechterhalten. Wesentlich ist, dass jemand zu Hause ist und sich um die Kinder kümmern kann, die klassische geschlechtsdifferenzierte Konnotation wird daher zunächst – zweckorientiert – ausgeschaltet (vgl. Koppetsch, Speck 2015).72 Das pragmatische Moment von neuen Alltagsarrangements „jenseits der Traditionalisierungsfallen“ betont auch Rüling (2007). Zwar findet sie in ihrem Sample Paare, denen sehr bewusst ist, dass ihr gelebtes Alltagsarrangement nicht ihren (gleichheitsorientierten) Vorstellungen entspricht, und die angesichts dieser Tatsache auch unzufrieden sind. Eine diskursive Umdeutung ihrer gelebten Realität findet nicht statt, eher setzen sie sich selbstreflexiv mit vorliegenden Inkonsistenzen auseinander. In der Folge kommt es zu einer „pragmatischen Modernisierung“ (Rüling 2007: 255), indem durch konkrete handlungspraktische Veränderungen Traditionalisierungsfallen bewältigt oder vermieden werden, die nur bedingt reflektiert werden. So werden – in den unterschiedlichsten Milieus – strukturelle Widerstände übewunden, ohne diese in ihrer Problematik theoretisch zu thematisieren (vgl. Rüling 2007).

Die zweite Studie, die Erkenntnisse über die Realisierbarkeit neuer oder vielmehr alternativer Alltagsarrangements jenseits traditioneller Geschlechterrollenbilder aufdeckt, stammt von König (2012). Sie legt offen, auf welch verschiedenen Wegen Paare in Familien ihren Alltag mit einem Nebeneinander alter und neuer geschlechtlicher Praxen zwischen Erwerbs- und Sorgearbeit gestalten und bewältigen. Mit Blick auf die Tätigkeiten der Hausarbeit zeigen sich (vgl. König 2012):

1. Paare, bei denen sich „klassische Zuständigkeit [und] wachsende Unzufriedenheit“ (König 2012: 51) offenbaren. Die typisch geschlechtsdifferenzierte Aufgabenteilung wird hier zwar häufig kongruent zur eigenen Geschlechtsidentität wahrgenommen, die hingegen nicht als Grund hierfür angesehen wird (dies sind eher die Gegebenheiten oder Zufälle, die die aktuelle Teilung bedingen bzw. herbeigeführt haben). Auch wenn nicht beide Parteien zwangsläufig gleiche Ideale teilen, steht die Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen den Partnern grundsätzlich zur Disposition. Hausarbeit und Fürsorgearbeit werden getrennt betrachtet, die Betreuung und Versorgung der Kinder ist daher treibendes Motiv in den Aushandlungsprozessen. Die weitestgehend als Alleinernährer auftretenden Männer in diesen Paaren beteiligen sich (freiwillig und bewusst) an der Sorgearbeit, was jedoch zu einer Doppelbelastung mit abnehmenden Regenerationsmöglichkeiten führt. Bei ausreichend finanziellen Ressourcen delegieren diese Paare einen Teil der Arbeit an haushaltsnahe Dienstleistungen.

2. Paare mit einem Muster, welches durch „flexible Zuständigkeit [und] fortwährende Verhandlung“ (König 2012: 64) gekennzeichnet ist. In diesen Fällen steht und stand ein Hausfrauenähnliches Modell der Arbeitsteilung biografisch nie zur Disposition, es dominiert ein egalitäres Leitbild. Da beide Partner erwerbstätig sind, gilt es im Alltag dann, Zuständigkeiten situativ auszuhandeln – je nach zeitlicher Verfügbarkeit (im Laufe des Tages oder in Bezug auf eine bestimmte Phase geringerer beruflicher Einspannung, insbes. bei Selbstständigen), individueller Fähigkeit oder Lust an der Aufgabe. Basis für die Funktionalität eines solchen Arrangements sind gleichmäßiges Engagement und Motivation beider Partner. Die Tatsache, dass sich alle Aufgaben in geteilter Verantwortung befinden, verschafft das Gefühl einer gerechten Arbeitsteilung, ohne dass eine rechnerische Gleichheit anzustreben oder zu überprüfen ist. Auch unterschiedliche Ordnungsstandards stehen einer gemeinschaftlichen Arbeitsteilung hier nicht im Wege. Die Verantwortungsteilung in Beruf und Familie bedeutet für Mann und Frau gleichermaßen eine Doppelbelastung, die Räume für Regeneration wichtig macht. Die Nutzung einer Haushaltshilfe erweist sich in diesen Alltagsarrangements aufgrund der hohen Zeitbindung beider Partner/innen als sinnvolle und legitime Unterstützung. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Übernahme der Sorgearbeit durch beide Partner/innen und Geschlechter73 bedingt, dass der etwa durch Monotonie und Unsichtbarkeit hervorgerufene „negative Touch“ von Hausarbeit verschwindet.

3. „(Un-)flexible Arbeitskräfte“ (König 2012: 84) prägen die Alltagsarrangements weiterer Paare. Auch hier treten Paare mit weiblichen Hauptverdienerinnen hervor, in denen jedoch der Rollentausch (anders als oben in Anlehnung an Koppetsch und Speck skizziert) nicht funktioniert. Ein struktureller Zwang zur alleinigen Übernahme der Hausarbeit aufgrund von Erwerbslosigkeit konfligiert bei Männern mit dem hegemonialen Bild von Männlichkeit und führt zu einer Verweigerung einer alleinigen Sorgeverantwortung. Wird hingegen die Sorgearbeit geteilt und liegt nur eine phasenweise Hauptverantwortung vor, besteht dieser Konflikt nicht. Dies zeigt sich bei Paaren, in denen beide Elternteile aufgrund einer finanziellen Notwendigkeit erwerbstätig sind. Anders gestaltet sich die Arbeitsteilung, wenn Mütter erwerbstätig sind und trotz Engagement ihrer Partner Schwierigkeiten haben, ihnen Sorgearbeiten zu überlassen, da dies ihren normativen Ansprüchen an eine weiblich besetze Haushaltsführung mit entsprechenden Standards entgegensteht. Es braucht folglich die Bereitschaft zur Überwindung klassischer Rollenbilder bei beiden Partner/innen, um neue, geteilte Alltagsarrangements zu ermöglichen.

Außerdem richtet König ihren Blick auf die Übernahme von Sorgeverantwortung für Kinder und den beruflichen Ausstieg und Wiedereinstieg von Männern und Frauen zu diesem Zweck. Sowohl in der Aushandlung einer Aufteilung der Elternzeit oder Auswahl von Betreuungsformen für Kinder als auch hinsichtlich der Gestaltung der Erwerbsbeteiligung von Müttern und Vätern wird immer wieder die Wirkungskraft normativer Leitbilder spürbar: Der Abgleich dieser Erwartungen mit der eigenen Geschlechterrollenidentität führt insbesondere bei Frauen häufig zu einer Anpassung ihres Verhaltens. So kann, trotz klarer selbstbestimmter Vorstellungen über die Ausgestaltung von Erwerbs- und Sorgearbeit in der Partnerschaft etwa auch eine antizipierte Schuld als berufstätige Mutter („Rabenmutter“) ein schlechtes Gewissen verursachen. Für Männer gilt dies nicht, da an sie keine kollektiven Erwartungen an eine Hauptverantwortung in der Sorgearbeit gestellt werden, während sie in den Betrieben hingegen konträren Erwartungshaltungen gegenüber stehen (siehe Kapitel 4.2).74

König resümiert daher, dass eine – wie auch immer geartete – partnerschaftliche Teilung von Arbeit nicht selbstverständlich, sondern vor dem Hintergrund von Wertvorstellungen, Leitbildern und Rahmenbedingungen auszuhandeln ist. Von Relevanz hierfür ist die Persistenz eines Teils der symbolischen Geschlechterordnung, nämlich „die geschlechtliche Kategorisierung der Sphären [Privates und Beruf; M. B.]“ (König 2012: 152), die trotz modernisierter Rollenbilder und Geschlechtsidentitäten fortbesteht. So hat es nach wie vor eine andere Bedeutung für Frauen als Frau im Privaten Sorgearbeit zu übernehmen, insbesondere in Vollzeit (sie entsprechen damit dem symbolischen, ideologisch verankerten Bild von Weiblichkeit), als für Männer. Wenn diese Sorgearbeit verrichten, müssen sie Strategien finden, um sich auch in der weiblichen Sphäre als Männer identifizieren und von außen als solche wahrgenommen werden zu können (bewusstes Schaffen von Freiräumen, Delegation von Arbeiten, Betonung anderer Arbeiten als der reinen Hausarbeit in der Rolle als Hausmann, etwa Ehrenamt oder Hausbau). Auch in der Sphäre des Berufs werden diese Kodierungen spürbar, wenn Frauen beruflicher Erfolg durch Anpassung an männliche Verhaltensmuster gelingt (insbesondere als Mutter, die stark weiblich attribuiert ist, wird ihnen dies nochmals erschwert). Dreh- und Angelpunkt aller Bemühungen um eine „Transformation der symbolischen Geschlechterordnung“ bleibt dabei die Tatsache, dass die Sphäre des Privaten gegenüber der des Berufs mitsamt den Personen, die sie ausfüllen, eine hierarchisch schlechter gestellte, deklassierte Sphäre darstellt. In der bewussten Auseinandersetzung mit der zu teilenden Haus- und Sorgearbeit jedoch wird deutlich, dass die Übernahme dieser Arbeiten jenseits traditioneller und unhinterfragter Geschlechternormen sichtbar und in ihrer Komplexität wertgeschätzt wird. Ebenso verdeckt der (in vielen Fällen durchaus zutreffende) Begriff der Doppelbelastung, dass die Übernahme von Sorgearbeit mitunter als angenehmer Kontrast zur Erwerbsarbeit und daher als lustvolle Aufgabe angesehen und gern verrichtet wird. Die veränderten Geschlechter- und Arbeitsteilungsarrangements entsprechen dabei nicht nur den Wünschen der Frauen, sondern durchaus auch der Männer. Des Weiteren ist erkennbar, dass die gelebte Alltagspraxis von den Vorstellungen beider Partner geprägt ist und hier (zwischen dem Leitbild der guten Mutter und der ökonomisch selbstständigen Frau) eher Frauen als Männer durch unvereinbare Anforderungen an sich selbst zur (Re-)Produktion der geschlechtstypischen Arbeitsteilungsmuster beitragen (vgl. König 2012). Schließlich bleibt daher jedoch auch festzuhalten, dass für beide Geschlechter „die Reproduktion der Arbeitskraft […] nicht mehr gewährleistet [ist]“ (König 2012: 94). Bewältigungsstrategien liegen aktuell einerseits in einem gegenseitigen Ermöglichen von Räumen zur Entspannung und Erholung, andererseits in der Delegation von Aufgaben an haushaltsnahe Dienstleistende und damit wiederum vorrangig an Frauen (vgl. ebd.). Viele „neue“ Geschlechterarrangements sind damit Geschlechterarrangements unter Frauen (vgl. Rerrich 1993; Hochschild 2000; König 2012). „Die Veränderung der geschlechtlichen Existenzweisen ist bei manchen Paaren also nur deshalb möglich, weil sich die Geschlechterverhältnisse in anderen sozialen Milieus nicht ändern.“ (König 2012: 94)

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
520 s. 34 illüstrasyon
ISBN:
9783954098064
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar