Kitabı oku: «Haushaltsnahe Dienstleistungen für Familien»
Mareike Bröcheler
Haushaltsnahe Dienstleistungen für Familien
Eine qualitative Studie über die Relevanz alltagsunterstützender Angebote für die Entlastung erwerbstätiger Eltern
Haushaltsnahe Dienstleistungen für Familien
Eine qualitative Studie über die Relevanz alltagsunterstützender Angebote für die Entlastung erwerbstätiger Eltern
Institut für Wirtschaftslehre des Haushalts und Verbrauchsforschung
Professur für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen
INAUGURAL-DISSERTATION
zur Erlangung des Doktorgrades (Dr. oec. troph.)
im Fachbereich 09 – Agrarwissenschaften, Ökotrophologie
und Umweltmanagement
der Justus-Liebig-Universität Gießen
vorgelegt von
Mareike Bröcheler
aus Kleve
Impressum
Mit Genehmigung des Fachbereichs Agrarwissenschaften, Ökotrophologie und Umweltmanagement der Justus-Liebig-Universität Gießen
Bibliografische Informationen der Deutschen Bibliothek
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Alle Seitenangaben in diesem Buch beziehen sich auf die Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe.
© Mareike Bröcheler, Gießen 2019 – Haushaltsnahe Dienstleistungen für Familien
1. Auflage 2020
Titelgestaltung: Dagmar Papic, Martina Stolzmann
Layout: Martina Stolzmann
E-Book: Mirjam Hecht
ISBN 978-3-95409-806-4
Druck: CPI – Clausen & Bosse, Leck
Inhalt
Haushaltsnahe Dienstleistungen für Familien
Impressum
Vorwort
1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielstellung der Arbeit
1.3 Aufbau der Arbeit
2 Alltag: Haushalts- und sozialwissenschaftliche Perspektiven auf die Arbeit von und in Familienhaushalten
2.1 Begriffsbestimmungen – private Haushalte und Familienhaushalte
Private Haushalte als System
Familienhaushalte
Funktionen und gesellschaftliche Relevanz privater Haushalte
Der (ökonomische) Wert der Hausarbeit
2.2 Haushalts- und sozialwissenschaftliche Theorien zur Arbeit des Alltags
2.2.1 Haushaltswissenschaftliche Theorien und Konzepte
2.2.2 Sozialwissenschaftliche Theorien und Konzepte
2.2.3 Nutzen der vorgestellten Theorien und Konzepte für den Forschungsansatz
2.3 Zwischenfazit: Alltagsmanagement zur Bewältigung der Arbeit des Alltags
3 Alltag in Familien – Leitbilder in Politik und Gesellschaft
3.1 Familie heute: Lebensentwürfe junger Menschen
3.1.1 Leitbilder für Frauen
3.1.2 Leitbilder für Männer
3.2 Wohlfahrtsstaatliche Leitbilder – Die Relevanz von Care-Regimen
3.2.1 Typen von Wohlfahrtsstaaten und Care-Regimen
3.2.2 Wohlfahrtsstaatliche Leitbilder für die Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit
3.3 Leitbilder der Familien- und Gleichstellungspolitik
3.4 Zwischenfazit: Alltag zwischen alten und neuen Leitbildern
4 Alltag in Familien – Muster der Alltagsorganisation
4.1 Geschlechtsdifferenzierte Arbeitsteilung im Alltag
4.1.1 Zeitverwendungsmuster und der gender care gap
4.1.2 Alte und neue Geschlechterarrangements
Charakteristika partnerschaftlicher Arbeitsteilungsmuster
4.2 (Un-)Vereinbarkeiten von Erwerbs- und Sorgearbeit in der Rushhour des Lebens
4.2.1 Auswirkungen der Belastungen in der Rushhour des Lebens
4.2.2 Beruflicher Wiedereinstieg von Frauen
4.3 Reformansätze für eine bessere Vereinbarkeit
4.4 Zwischenfazit: Balanceakt zwischen Erwerbs- und Sorgearbeit
5 Haushaltsnahe Dienstleistungen in Deutschland
5.1 Dienstleistungsgesellschaften
5.2 Dienstleistungsarbeit und Dienstleistungsberufe
5.2.1 Professionalisierungsbedarfe in sozialen Dienstleistungsberufen
5.2.2 Die SAHGE-Berufe – Erneuerte Forderung nach gesellschaftlicher Aufwertung
5.3 Haushaltsnahe Dienstleistungen – eine Definition
5.4 Angebot von und Nachfrage nach haushaltsnahen Dienstleistungen in Deutschland
5.4.1 Angebot: Von Dienstleistungsunternehmen bis zu Solo-Selbstständigen
5.4.2 Nachfrage: Merkmale der Nutzenden von haushaltsnahen Dienstleistungen
Einfluss von Milieus
Nachfragepotenzial
5.5 Bedarfe an haushaltsnahen Dienstleistungen
5.6 Subventionierung von haushaltsnahen Dienstleistungen
5.6.1 Förderung haushaltsnaher Dienstleistungen in Deutschland
5.6.2 Förderung haushaltsnaher Dienstleistungen in ausgewählten europäischen Ländern
Frankreich
Belgien
Schweden
5.6.3 Modellrechnungen zur Umsetzbarkeit in Deutschland
5.7 Zwischenfazit: Angebot und Nachfrage durch Subventionierungsmodelle zusammenführen
6 Private Haushalte als Arbeitgeber und Nutzer von haushaltsnahen Dienstleistungen
6.1 Akzeptanz haushaltsnaher Dienstleistungen
6.2 Charakteristika und Handlungslogiken des Arbeitsortes Privathaushalt
6.3 Studie „Privathaushalte als Arbeitgeber“
6.4 Zwischenfazit: Schlussfolgerungen für die Studie „Haushaltsnahe Dienstleistungen für Familien“
7 Forschungsdesign
7.1 Qualitative Sozialforschung
7.2 Qualitatives Leitfadeninterview
7.3 Grounded Theory
7.4 Details zur Studie
7.4.1 Datenerhebung und -analyse
7.4.2 Überblick über das Studien-Sample
8 Alltag mit haushaltsnahen Dienstleistungen – Eltern zwischen Be- und Entlastung
8.1 Alltagsarrangements in Familien mit Haushaltshilfe im Fokus
8.1.1 Vereinbarung von Erwerbs- und Sorgearbeit
8.1.1.1 Motivation zur Dienstleistungsnutzung
Präferenzen und Leitbilder im Konflikt
Entscheidungsfindung auf dem Weg zur Nutzung einer Haushaltshilfe
8.1.1.2 Arten der Entlastung durch haushaltsnahe Dienstleistungen
8.1.1.3 Zwischenfazit: Haushaltsnahe Dienstleistungen als Basis für Erwerbstätigkeit als Frau und Mutter
8.1.2 Die Rolle als Arbeitgeberin
8.1.2.1 Aufgaben als Arbeitgeberin
8.1.2.2 Ansprüche, Qualität und Zufriedenheit der Arbeitgeberinnen
8.1.2.3 Soziale Ungleichheiten am Arbeitsort Privathaushalt
8.1.2.4 Organisation von Haushaltshilfen als Neue Hausarbeit
8.1.2.5 Zwischenfazit: Die Rolle als Arbeitgeberin – vielseitig und anspruchsvoll
8.1.3 Arbeitsteilung und Arbeitsbelastung
8.1.3.1 Arbeitsteilungsmuster
8.1.3.2 Belastung und Überlastung
8.1.3.3 Zwischenfazit: Belastungen im Alltag trotz Arbeitsteilung zwischen Partner/innen und Dienstleistungen
8.1.4 Organisation der Kinderbetreuung
8.1.4.1 Familiäre und nicht-familiäre Netzwerke
8.1.4.2 Betreuung in außerplanmäßigen Situationen
8.1.4.3 Ausgeprägte Nachbarschaft
8.1.4.4 Zwischenfazit: Art und Umfang persönlicher Netzwerke beeinflussen Relevanz haushaltsnaher Dienstleistungen
8.2 Haushaltsnahe Dienstleistungen als Alltagsfundament
8.3 Theoretische Rahmung der empirischen Ergebnisse
8.3.1 Einordnung der empirischen Ergebnisse in die theoretischen Rahmenkonzepte
8.3.2 Theorie eines Alltagsmanagements mit haushaltsnahen Dienstleistungen in Familienhaushalten
9 Diskussion: Zur Relevanz haushaltsnaher Dienstleistungen für das Alltagsmanagement in Familienhaushalten
9.1 Arbeitsteilungsmuster zur Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit
9.2 Haushaltsnahe Dienstleistungen im Alltagsarrangement
9.3 Bedeutsamkeit haushaltsnaher Dienstleistungen in der Rushhour des Lebens
9.4 Kritische Würdigung und weiterer Forschungsbedarf
10 Schlussbetrachtung
11 Zusammenfassung
Literaturverzeichnis
Quellenverzeichnis
Anhang
1 Interviewleitfaden
2 Fragebogen I – Soziodemografie
3 Fragebogen II – Zeiterfassung / Zeitschätzung
4 Begleitprotokoll zu den Interviews
5 Information und Einwilligungserklärung für Teilnehmende
6 Transkriptionsregeln
Abkürzungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Tabellenverzeichnis
Zur Autorin und zu diesem Buch
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Vorwort
Die Idee zu dieser Arbeit entstand durch meine Arbeit im Projekt Kompetenzzentrum „Professionalisierung und Qualitätssicherung haushaltsnaher Dienstleistungen“ (PQHD), das mir den Einstieg in ein spannendes Forschungsfeld ermöglichte.1 Entlang der Entstehungs- und Arbeitsphasen haben mich zahlreiche Menschen zu diesem Vorhaben ermuntert, mich dabei begleitet und unterstützt.
Besonderen Dank möchte ich zuallererst meiner Doktormutter und Betreuerin Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe aussprechen. Den Weg in die Wissenschaft habe ich ihr zu verdanken. Seit meiner Zeit als Studentin verstand sie es, mich an Themen und Projekte heranzuführen, die mein Interesse gewinnen und jeweils nachhaltig Begeisterung in mir wecken konnten. Das stete Vertrauen, das sie mir und meiner Arbeit entgegengebracht hat, hat diese wesentlich getragen.
Ebenso danke ich Prof. Dr. Wencke Gwozdz für die Bereitschaft zur Übernahme der Zweitbetreuung unmittelbar nach ihrem Einstieg an der Universität Gießen. Ich danke ihr für ihre Unterstützung in den bereits fortgeschrittenen Arbeitsphasen, die ebenfalls zur Fertigstellung dieser Arbeit beigetragen hat.
Kern dieser Arbeit bilden die Alltagswelten der Familien, in die mir meine Interviewpartnerinnen Einblick gegeben haben. Ich bedanke mich ausdrücklich für die vertrauensvolle Beteiligung an diesem Projekt, für das sie sich trotz aller Arbeit des Alltags die Zeit genommen haben.
Danken möchte ich auch all meinen aktuellen und ehemaligen Kolleginnen im Institut und in der Arbeitsgruppe. Darunter vor allem Prof. Dr. Angela Häußler, Prof. Dr. Christine Küster, Dr. Sandra Obrem und Eva Regensburg, die mich bereits im Studium als Dozentinnen und später als Kolleginnen geprägt und unterstützt haben. Insbesondere danke ich außerdem Nina Klünder, die trotz der Arbeit an ihrer eigenen Dissertation immer ein offenes Ohr für mich hatte, für den steten Austausch und die fruchtbaren Diskussionen in allen Phasen dieser Arbeit. Zu zweit promoviert es sich einfacher als allein.
Gleichermaßen mentale Unterstützung verdanke ich meinen Scimento-Peers, die mir als ausgezeichnete Wissenschaftlerinnen und Frauen ein Vorbild waren und sind. Privat danke ich außerdem meinem Freundeskreis für die effizienten Regenerationsphasen, die wir zusammen verbracht haben.
Ich danke meinen Eltern und meinem Bruder, für die Ausdauer und den „stillen Support“ meiner Arbeit.
Schließlich danke ich Markus. Er hat immer an mich geglaubt und meine Arbeit moralisch ebenso wie grafisch unterstützt. Vor allem hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass sich für mich Beruf und Privates im Gleichgewicht befinden – die wohl entscheidende Voraussetzung dafür, dass ich diese Arbeit zu Ende bringen konnte.
1 Das Projekt war vom 01.05.2013 bis 30.06.2018 am Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen unter Leitung von Frau Prof. Uta Meier-Gräwe angesiedelt. Die finanzielle Förderung erfolgt durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).
1 Einleitung
Alltag prägt unser Leben. Alltäglich, also jeden Tag beschäftigen uns dieselben Aufgaben der Lebenserhaltung und Versorgung: Wir gehen einer Erwerbsarbeit nach, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen, stellen unsere Ernährung sicher, kümmern uns um unsere Gesundheit und Regeneration, ebenso wie um das Wohlergehen von Partnern und Partnerinnen, Kindern oder Angehörigen. Das definitionsgemäß ,,tägliche Einerlei“ („Alltag“ nach Duden 2018) ist keineswegs ein Selbstläufer, sondern bedarf aktiver Leistungen von Individuen und privaten Haushalten als Orten der alltäglichen Daseinsvorsorge (vgl. von Schweitzer 1991). Alltag herzustellen ist heute eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, insbesondere für erwerbstätige Eltern, die – zwischen Erwerbsarbeit und Familienleben, zwischen privater und öffentlicher Sphäre – den Alltag eines jeden einzelnen Haushaltsmitglieds „unter einen Hut bekommen“ müssen (vgl. Jurczyk, Rerrich 1993a; Meier-Gräwe 201Sa).
In Familienhaushalten beeinflussen der jeweilige Erwerbsumfang beider Eltern, Anzahl und Alter der Kinder sowie die Institutionen und Netzwerke zu deren Betreuung und Versorgung maßgeblich das Alltagsmanagement. Eine breite gesellschaftliche Zustimmung zu politischen Maßnahmen, wie etwa dem Ausbau institutioneller Kindertagesbetreuung, der Einführung des einkommensabhängigen Elterngeldes oder des Gesetztes zur sog. Brückenteilzeit, verdeutlicht den gesellschaftlichen Stellenwert einer gelungenen Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die viele Eltern allerdings nach wie vor nicht erreichen. Vielmehr ist für alle Eltern in der sog. Rushhour des Lebens eine enorme zeitliche Belastung durch Erwerbs- und Sorgearbeit charakteristisch. Deshalb verwundern die Ergebnisse verschiedener Befragungen nicht, dass sich Eltern heute zunehmend Unterstützung bei der Hausarbeit wünschen, die sie verstärkt als Belastung wahrnehmen. Neben den genannten familienpolitischen Maßnahmen tauchen in jüngsten Diskussionen daher haushaltsnahe Dienstleistungen als ein denkbares Mittel zur Förderung jener Vereinbarkeit (wieder) auf (vgl. Institut für Demoskopie Allensbach 2012; Destatis 201Sa; MFKJKS 2015; Bujard, Panova 2016; Leopold 2018). Da der 2017 erstmals für Deutschland veröffentlichte „gender care gap“ aufzeigt, dass Frauen durchschnittlich (in allen Haushaltstypen) immer noch mehr als anderthalb Mal so viel unbezahlte Hausarbeit leisten wie Männer, und dieser in Familienhaushalten zudem deutlich höher ausfällt, wird den haushaltsnahen Diensten ein insbesondere gleichstellungspolitisch bedeutsames Entlastungspotenzial zugeschrieben (vgl. BMFSFJ 2017).
1.1 Problemstellung
Hohe Erwerbs- und niedrige Arbeitslosenquoten sowie eine florierende Wirtschaft scheinen oberstes Ziel aller politischen Arbeit zu sein. Bildung und Qualifizierung sind auf eine erfolgreiche Integration aller Gesellschaftsmitglieder in den Arbeitsmarkt ausgerichtet. Gemeinhin rückt dabei zunächst die Tatsache in den Hintergrund, dass „keine menschliche Produktion möglich [ist], ohne dass die Natur schon produziert hat, und keine Erwerbsarbeit möglich [ist] ohne vorher geleistete Sorgearbeit“ (Biesecker 2014: 1). Diskussionen um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf scheinen hiermit zu brechen, weisen zugleich jedoch einen klaren Fokus auf die Sphäre der Erwerbsarbeit auf: Der Fachkräftemangel wird zum akuten Problem für viele Unternehmen und Arbeitgeber und lässt eine weitere Steigerung der Frauenerwerbsquote notwendiger denn je erscheinen. Dass es hierfür Angebote der Kinderbetreuung braucht, ist inzwischen im kollektiven Bewusstsein der deutschen Gesellschaft und Unternehmen angekommen (s.o.). Eine ganzheitliche Betrachtung der Vereinbarkeitsfrage jedoch sollte weiter gefasst werden. Seit einigen Jahren werden politische sowie wissenschaftliche Diskurse zur Erwerbsarbeit daher um den Aspekt der Care-Arbeit ergänzt.2 Dabei ist der Begriff ,,care“ (engl. für „sorgen, pflegen, sich kümmern“) in internationalen Debatten kein neuer, hat jedoch im deutschsprachigen Raum in den letzten zehn bis 15 Jahren wesentlich an Bedeutung gewonnen und wird hier inzwischen vorrangig mit „Fürsorge“ oder „Sorge“ übersetzt (ebenso findet aber auch der englische Begriff Verwendung).3 Kongruent zur Erwerbsarbeit entsteht daher der Begriff der Sorgearbeit, der auch im Rahmen dieser Arbeit vorrangig Verwendung finden wird4 und sich aus pflegerischen, betreuerischen, erzieherischen und hauswirtschaftlichen Tätigkeiten, die Menschen für sich und andere erbringen, zusammensetzt (vgl. Praetorius 2015; BMFSFJ 2017). Entscheidend ist, dass sie tagtäglich in privaten Haushalten stattfindet und dabei von wesentlicher gesellschaftlicher Relevanz ist:
„,Care‘ umschreibt alle Tätigkeiten, die im Zusammenhang mit der Umsorgung des Menschen stehen. Damit sind Haus- und Familienarbeit für andere und für sich selbst, die Erziehung von Kindern, die Pflege von älteren oder kranken Menschen angesprochen. Care beinhaltet auch Bildung, Erziehung und sozial emotionale Zuwendung. Im weiteren Sinne beschränkt sich Care nicht auf die unbezahlte Arbeit, sondern beinhaltet auch die bezahlte Sorgearbeit sowohl im privaten als auch im öffentlichen Raum (care worker, z. B. Altenpflegerinnen und -pfleger). Jane Jenson (1997) verweist darauf, unbezahlte Arbeit nicht als Synonym für Care zu verwenden, da auch private Fürsorgearbeit bezahlt sein kann, wie etwa die bezahlte Eltern- oder Pflegezeit. Zugleich ist Care aber nicht nur bloße Tätigkeit, sondern auch ein wesentlicher Teil und somit eine Form des gesellschaftlichen Lebens, also eine soziale Praxis.“ (Beckmann 2016: 3)
Der umfassenden Definition von Sorgearbeit zur Folge findet sich mitunter – und auch im Rahmen der vorliegenden Arbeit – eine zusätzliche Differenzierung zwischen Hausarbeit und (weiterer) Sorgearbeit, wenn unterschiedliche Charakteristika von mehr sachbezogenen, hauswirtschaftlichen Tätigkeiten (Reinigung von Wohnraum, Wäsche, Gartenarbeit) einerseits und den eher personenbezogenen Tätigkeiten (bspw. der Betreuung und Erziehung von Kindern) andererseits hervorgehoben werden sollen.
Da sich also die Erkenntnis durchzusetzen scheint, dass „wir nicht über die Erwerbsarbeit sprechen [können] ohne die Hausarbeit in den Blick zu nehmen“ (Allmendinger, Haarbrücker 2013: 52), sind insbesondere familien- und gleichstellungspolitische, haushalts- und sozialwissenschaftliche Diskurse zunehmend von dieser Maxime geprägt. Das Gutachten der Sachverständigenkommission zum Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung (2017) firmiert beispielhaft unter dem Titel „Erwerbs- und Sorgearbeit gemeinsam neu gestalten“ und trägt unter dieser Zielformulierung u. a. die Forderung mit, hierfür haushaltsnahe Dienstleistungen zu forcieren. Eine Förderung dieses Dienstleistungsmarktes soll den Zugang zu alltagsunterstützenden Diensten für unterschiedlichste Typen privater Haushalte, insbesondere der Familienhaushalte, ermöglichen und erleichtern (vgl. BMFSFJ 2017). Mit haushaltsnahen Dienstleistungen werden Tätigkeiten (der Hauswirtschaft ebenso wie der Betreuung von Personen) erfasst, die in privaten Haushalten von (haushalts)externen Personen gegen Bezahlung erbracht werden (vgl. u. a. Eichhorst, Tobsch 2008)5 – sie stellen damit erwerbsförmige Sorgearbeit dar.
Eine Thematisierung haushaltsnaher Dienstleistungen ist in familien-, gleichstellungs- und arbeitsmarktpolitischen, ebenso wie hauswirtschaftlichen und haushaltswissenschaftlichen Fachdiskursen bereits seit den 1990er Jahren, in den letzten fünf bis zehn Jahren jedoch verstärkt, zu beobachten. Dazu beigetragen haben einerseits gesamtgesellschaftlich die Herausforderungen, Alltag im Zuge sich verändernder Lebens- und Arbeitswelten sowie des demografischen Wandels zu gestalten; andererseits hat auf der Ebene wissenschaftlicher Politikberatung die in Folge europäischer wie nationaler Empfehlungen zur Förderung haushaltsnaher Dienstleistungen im Jahr 2013 vorgenommene Implementierung eines Kompetenzzentrums bewirkt, dass konkrete Konzepte und Strategien der ,,Professionalisierung und Qualitätssicherung haushaltsnaher Dienstleistungen“ (PQHD)6 ausgearbeitet und vorangetrieben wurden (vgl. Meier-Gräwe 2015b). Zahlreiche Diskussionen drehen sich dabei um eine (neben der vorhandenen steuerlichen Begünstigung von 20 %)7 zusätzliche Förderung in Form einer Nachfragesubvention mit Dienstleistungsgutscheinen, die sich im europäischen Ausland bereits etabliert hat (vgl. Eichhorst, Tobsch 2008; Reinecke, Gess, Stegner et al. 2011; Weinkopf 2015; Meier-Gräwe 2015b; BMFSFJ 2017 u. a.).
Unter der Schlagzeile ,,warum die Haushaltshilfe glücklich macht“8 berichteten Medien 2017 über die Erkenntnisse aus einer international angelegten Studie, die anschaulich darlegt, wie sich die Zufriedenheit von Menschen erhöht, wenn diese Geld für Dienstleistungen ausgeben, die ihnen Zeit verschaffen. Zudem steigt diese in einem größeren Maße, als wenn Personen (zusätzliches) Geld für materielle Güter oder Dienstleistungen ausgeben (vgl. Whillans, Dunn, Smeets et al. 2017). Der Frage, ob oder inwiefern sich positive Auswirkungen haushaltsnaher Dienstleistungen für die nutzenden Personen auch für den aufgezeigten Kontext der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ergeben, soll im Rahmen dieser Arbeit daher nachgegangen werden.
2 Plakativ verdeutlicht dies etwa die 2013 gestartete Initiative „Care.Macht.Mehr – Von der Care-Krise zur Care-Gerechtigkeit“ (www.care-macht-mehr.com, zuletzt abgerufen am 21.03.2019) oder der Aufruf zu einer „Care-Revolution“ (Winker 2015).
3 Da Fürsorge ein persönlicher und emotional besetzter Bereich ist, wird er gemeinhin nicht als Arbeit empfunden und als quasi natürliche Ressource der Gesellschaft angesehen. Kennzeichnend für diese Tätigkeiten ist ein asymmetrisches Verhältnis zwischen den zu versorgenden Personen (hilfsbedürftig und daher in dieser Hinsicht abhängig) auf der einen und sorgenden Personen (hilfeleistend) auf der anderen Seite. Im Kern geht es dabei stets um eine existenzsichernde Daseinsfürsorge für Menschen, die (nicht immer, aber meist) in private Haushalte integriert sind (vgl. Praetorius 2015: 51, ff.).
4 Mitunter wird jedoch synonym auch auf den englischsprachigen Begriff „Care“ (statt „Sorge“) zurückgegriffen werden, etwa wenn es um Quellen mit internationalem Bezug (etwa in der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung, siehe Kapitel 3.2) oder feststehende Begrifflichkeiten (Bsp. „gender care gap“, siehe Kapitel 4.1) geht, die eine zur Quelle analoge Verwendung des Begriffs sinnvoll erscheinen lassen.
5 Eine genaue Definition wird in Kapitel 5.3 dieser Arbeit vorgenommen.
6 Zum 01. Mai 2013 wurde das Kompetenzzentrum „Professionalisierung und Qualitätssicherung haushaltsnaher Dienstleistungen“ (PQHD) am Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen unter Leitung von Prof. Uta Meier-Gräwe als Projekt implementiert. Nach Beendigung der Projektlaufzeit an der Universität Gießen im Juni 2018 hat das Kompetenzzentrum „PQHD“ zum 01. Januar 2019 an der Hochschule Fulda unter Leitung von Prof. Christine Küster seine Arbeit wieder aufgenommen. Das Projekt wird getragen und finanziert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).
7 Details hierzu finden sich in Kapitel 5.6.
8 So auf www.diepresse.com, ähnlich bei www.SpiegelOnline.de.