Kitabı oku: «Gemeinsam Eltern bleiben», sayfa 4
2.Scheidungen – eine gesellschaftliche Realität
2.1Ehe und Scheidung im gesellschaftlichen Wandel
Nach wie vor wird in der Schweiz viel geheiratet. Die entsprechenden Zahlen blieben in den letzten Jahren praktisch unverändert. Wie die nachstehende Statistik zeigt, wurden pro Jahr etwas mehr als 40 000 Ehen geschlossen.
Heiraten und Heiratsverhalten 2008–201237

Doch auch Scheidungen sind eine verbreitete Tatsache. «Jede zweite Ehe wird geschieden» lautet eine verallgemeinernde Aussage. Die Statistiken bestätigen dies, weisen allerdings in den letzten Jahren grosse Schwankungen auf. Im Jahr 2010 erreichte die Scheidungsrate in der Schweiz mit 54,4% einen neuen Höchststand, das waren rund 22 000 Ehen. Die durchschnittliche Ehedauer bei Scheidung betrug 14,5 Jahre. 2012 wurden 17 550 Scheidungen registriert, was einer Scheidungsrate von 43,1% entsprach. Die grossen Unterschiede seit 2010 sind weitgehend durch eine neue statistische Erhebungsmethode bedingt.
Scheidungen und Scheidungsverhalten 2008 bis 201238

Anwalt Vincenzo Amberg, der unzählige Scheidungen abgewickelt hat, sieht diese als ein modernes Phänomen: «Die Auffassung von Ehe hat sich stark gewandelt, von etwas Lebensprägendem zu etwas Auflösbarem. Das hat auch mit dem Zerfall von religiösen und ethischen Werten und mit dem Aufkommen von Materialismus und Egoismus zu tun. Die Ehe wird heute eher als Wirtschaftsgemeinschaft angeschaut, was sich auch im Recht widerspiegelt.»
Trotzdem sind Scheidungen auch heute noch einschneidende Ereignisse. Wie unsere Elternporträts zeigen, verbergen sich dahinter oft persönliche Dramen. Die mit der Eheschliessung verbundenen Hoffnungen sind zerschlagen, das Vertrauen in den Partner zerstört, die gemeinsame Zukunft erscheint chancenlos. Es drängt sich eine Umorientierung auf, die psychologisch, organisatorisch und oft auch finanziell eine grosse Herausforderung darstellt. In dieser Zeit des grossen Umbruchs ist auch das Kindeswohl gefährdet. Das ist für alle Betroffenen eine enorme Belastung. Was Paare in einer solchen Situation besonders trifft, sind Vorwürfe, Kritik oder Anschuldigungen vonseiten ihres sozialen Umfelds. Fakt ist: Diese Menschen sind zwar gescheitert, doch sie beweisen mit ihrer Trennung und dem Neuanfang auch Mut. Dafür verdienen sie Respekt und Unterstützung.
In früheren Jahrzehnten wurden Scheidungen vor allem als nachteilige Erfahrungen beschrieben. Heute weiss man jedoch, dass sie nicht nur mit Gefährdungen verbunden sind, sondern auch Chancen beinhalten. Staub/Felder (2004) vermitteln einen Überblick über negative und positive Scheidungsfolgen.
Negative Scheidungsfolgen
Nach einer Scheidung wird das Leben in einer unvollständigen Familie und die damit gegebenenfalls verbundene gesellschaftliche Stigmatisierung als negativ erlebt. Kinder können vorübergehend an Verhaltensauffälligkeiten leiden (vgl. Staub/Felder 2004, S. 39–43). Im Übrigen unterscheiden sich die Belastungen der Kinder dadurch, wie hoch das Konfliktniveau vor und nach der Scheidung der Eltern ist. Am meisten profitieren Kinder, deren Eltern vor der Scheidung viele Konflikte hatten, nachher hingegen nur noch wenige.
Für viele Familien belastend sind zweifellos auch beengende finanzielle Verhältnisse. Oft reicht das Geld nach einer Trennung oder Scheidung kaum zum Leben. Das Armutsrisiko geschiedener Eltern und ihrer Kinder ist statistisch nachgewiesen. Kinder in Einelternhaushalten sind am stärksten von Armut betroffen, und das bedeutet für sie auch verminderte Lebenschancen.
Gemäss Studien von Walter Bien (2010, S. 6) «haben Scheidungs- und Trennungskinder in Deutschland häufig nicht nur mehr familiale Konflikte zu bewältigen als ihre Altersgenossen, sie sind auch häufiger von gesellschaftlichen Risiken wie Armut betroffen, die sie in vielfacher Weise in ihrer Entwicklung benachteiligen können». Wie Bien anhand einschlägiger Forschungen darlegt, «weisen Alleinerziehende mit mehr als 40% weit überdurchschnittliche Armutsraten auf.39 War das jüngste Kind bis zu drei Jahre alt, waren sogar mehr als die Hälfte der Elternteile von Armut betroffen» (ebd.). Um diese Not zu lindern, empfiehlt Bien, die Erwerbschancen für alleinerziehende Frauen zu verbessern und zügig mehr Angebote der Kinderbetreuung bereitzustellen.
Wie Alt/Lange (2010, S. 8) ausführen, ist Armut oft nicht nur die Folge, sondern wohl die Ursache von Trennungen. Finanzielle Schwierigkeiten führen häufig zu Konflikten, welche die Beziehung belasten. Je nach Schicht variiert dieses Risiko. «Das Trennungsrisiko ist offensichtlich stark mit der Zugehörigkeit zu einer niedrigeren Gesellschaftsschicht bzw. einer ökonomischen Notlage verknüpft. Während jedes zweite Kind aus der Unterschicht beziehungsweise aus der unteren Mittelschicht mit der Trennung der Eltern konfrontiert wird, gilt dies lediglich für knapp sieben Prozent der Kinder aus der Oberschicht.»
Auch die Kindesschutzexpertin Bettina Bannwart ist überzeugt, dass viele Konflikte bei Trennung und Scheidung finanzieller Natur sind. Sie kritisiert deshalb, dass die Revision der elterlichen Sorge von jener des Unterhalts abgespaltet wurde. «Das ganze Paket zusammen hätte Sinn ergeben, denn genau aus der Sicht des Kindeswohls braucht es die Regelung der Betreuung, der Entscheidungskompetenz und der finanziellen Absicherung. Wenn die Mutter zu wenig Geld hat zum Leben – was auch die Möglichkeit der sozialen Teilhabe tangiert –, so schadet das dem Kindeswohl. Das Kindeswohl betrifft nicht nur die Beziehungen, sondern auch die Frage, ob das Kind mit der Mutter zur Sozialhilfe muss, stigmatisiert wird und in Armut aufwächst. Die Forschungen sind vorhanden, die belegen, welche gravierenden Folgen es hat, wenn Kinder in Armut aufwachsen müssen. Die Politik muss dies unbedingt ändern.»
Jede Diskussion von Scheidungsfolgen muss sich deshalb zwingend auch mit der Frage der Existenzsicherung befassen.
Positive Scheidungsfolgen
Scheidungen können den Beteiligten aber auch positive Impulse geben. Als Erstes zu nennen ist die Chance zur Konfliktreduktion. Davon profitieren nicht nur die Eltern, sondern vor allem auch die Kinder. Diese erleben an ihren Eltern, dass sie Lösungen für ihre Probleme suchen und diese auch umsetzen. Unter Umständen pflegt der Vater nach der Scheidung auch eine bewusstere und engagiertere Beziehung zu den Kindern als früher als «Ernährer-Vater». Oft halten sich Väter währen der Ehe ja eher im Hintergrund und überlassen die erzieherische Verantwortung zumindest tagsüber ganz der Mutter.
Eltern sind nach der Scheidung eventuell auch eher in der Lage, sich unterschiedliche Wertvorstellungen zuzugestehen. Die Kinder können von unterschiedlichen Stilen im Umgang mit den Eltern profitieren.
Die Trennung der Eltern kann auch die Entwicklung des Kindes fördern. Wenn ein Kind erlebt, dass es eine gefürchtete Belastung gut bewältigt, kann sein Selbstwertgefühl wachsen. Es wächst an den scheidungsbedingten Herausforderungen. Als positive Scheidungsfolgen bei den Kindern werden häufig auch eine erhöhte Empathiefähigkeit und eine geringere Geschlechtsrollenfixierung erwähnt.
2.2Das Phänomen Scheidung enttabuisieren
Im Kanton Basel-Stadt betrug die Scheidungsrate im Jahr 2010 54%. Von zwei Ehen wurde also mindestens eine geschieden. Diese Zahlen sollten ein Anlass sein, unser Verhältnis zum Phänomen Scheidung zu überdenken. Scheidungen sind für alle Beteiligten schmerzhaft und daher bedauerlich. Und sie haben mancherlei Ursachen, private wie gesellschaftliche.
Rolf Besser, Anwalt und Mediator, sieht die Institution Ehe als ein riskantes Geschäft. «Viele Faktoren müssen funktionieren, die halt einfach oft nicht stimmen. Besonders in der Kleinkinderphase, in der man die Kinder ununterbrochen betreuen muss, sind Eltern in einer Weise gefordert, die ihre Beziehung auf die Probe stellt. Man müsste lernen, das Scheitern zuzulassen, ohne dass es zwingend einen Schuldigen geben muss.»
Jaqueline Fehr betont, wir seien die erste Generation, die mit dem Phänomen Massenscheidungen in Haushalten mit Kindern konfrontiert sei. «Früher hat man viele Konflikte innerhalb der Familie ausgetragen oder ausgehalten – mit allen problematischen Folgen für die Kinder. Heute organisiert man die Familie neu, mit vielen positiven, aber auch schwierigen Prozessen. Wir sind die Ersten, die solche Erfahrungen in so grosser Zahl machen und herausfinden müssen, wie man das am besten macht.» Fehr plädiert für mehr Toleranz im Umgang mit Scheidungen. «Eine wichtige Botschaft finde ich: Es ist normal. Es ist zwar ein singuläres Erleben, aber es ist tausendfach geteilt. Es ist normal, dass es Schwierigkeiten gibt, es ist normal, dass es wehtut, es ist normal, dass man nicht über das Problem hinaussieht, aber es ist auch normal, dass es nachher weitergeht.» Und Fehr ergänzt: «Man sollte sich immer bewusst sein, dass es Alternativen gibt zu dem, was bisher war. Man muss sich nur darum bemühen, sie zu finden. Es geht um die Neuorganisation der Familie.»
Die Gesellschaft muss lernen, mit Scheidungen toleranter umzugehen. «Ehescheidungen haben zugenommen und deren Akzeptanz in der Gesellschaft muss wachsen. Es lässt sich nämlich nicht folgern, Beziehungen seien generell schlechter geworden. Vielmehr sind die Ansprüche an Beziehungen gestiegen und damit auch die Bereitschaft, unbefriedigende Beziehungen aufzulösen» (Staub/Felder 2004, S. 13).
Praktiker wie Anwalt Vincenzo Amberg stellen fest, dass Nachscheidungsfamilien in der Regel recht gut funktionieren: «In vielen Fällen, und das ist erfreulich, funktioniert das Kontaktrecht picobello. Nicht selten hat die Mutter einen Freund, der Vater eine Freundin, diese Partner haben vielleicht selbst auch Kinder; das klappt häufig nicht schlecht. Sie treffen sich womöglich gar zu viert – es freut mich jeweils, wenn ich das sehe. Es ist eigentlich die Regel, dass es geht.» Amberg weist aber auch darauf hin, dass es eine Minderheit von Eltern gibt, bei denen es nicht klappt. Von dieser Minderheit müsse man reden, weil der Schaden, der den Kindern da zugefügt werde, immens sei.
2.3Ursachen von Paarkonflikten
Die Gründe für Konflikte in Paarbeziehungen sind vielfältig (Staub/Felder 2004, S. 19). Eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen einer Paarbeziehung ist der kompetente Umgang mit Stress. Forschungsresultate belegen zudem, dass ein direkter Zusammenhang besteht zwischen ineffektiven Kommunikationsmustern, unzureichenden Problemlösungsstrategien und der Scheidungshäufigkeit (Bodenmann 2001). Personen mit einer gering ausgebildeten Kommunikationsfähigkeit und einer geringen Fähigkeit zur Lösung von Konflikten haben ungünstige Voraussetzungen, eine tragfähige Partnerschaft aufzubauen. Auch gewalttätiges Verhalten und äussere Stressfaktoren belasten eine Beziehung. Die Gefahr, dass diese scheitert, ist unter solchen Umständen besonders gross.
Im Scheidungsfall nennen Betroffene meist ein bis zwei Gründe, die zur Auflösung der Partnerschaft geführt haben. Objektiv betrachtet führen aber immer mehrere Faktoren zur Scheidung. «Die Motive, welche Paare als Scheidungsgründe anführen, können nur als rhetorische Kunstgriffe verstanden werden, welche einer von Ambivalenz und gegenseitigen Anschuldigungen geprägten Situation ein Gefühl von Sinn und Ordnung aufdrängen. Scheidungsforscherinnen und -forscher vermuten, dass Ehepaare gewisse Verhaltensweisen und Qualitäten erst als problematisch definieren, wenn die Ehe bereits aufgegeben worden ist und dabei ist, auseinanderzubrechen» (Staub/Felder 2004, S. 31/32). Die Vorscheidungskonflikte haben vor allem die Funktion, die in der Partnerschaft vorhandenen Probleme sichtbar zu machen. Ist deren Lösung nicht möglich und eskalieren die Konflikte immer mehr und mehr, zerbricht die Partnerschaft.
Bis jetzt konnten Beziehungen mit einem totalen Bruch beendet werden. Neu stellt das Gesetz das Kindeswohl über die persönliche Freiheit. Man kann nicht mehr sagen: Ich will nichts mehr mit meinem Partner zu tun haben. Anwalt Reto Wehrli findet das richtig: «Das Gesetz sagt: Ihr habt gar keine andere Wahl. Streitet ihr, solange ihr wollt, doch ihr müsst einfach eure elterlichen Aufgaben erfüllen. Wegen der Kinder gibt es keinen Streit zu führen, da steht ihr in der Verantwortung, und zwar unabhängig vom Zivilstand.»
2.4Emotionale Bewältigung von Trennung und Scheidung
Wie Staub/Felder (2004) ausführen, geht eine Trennung meist von einem Partner aus. Derjenige, der den Beschluss fasst, ist in der Regel besser darauf vorbereitet als der andere. Oft hat er auch Schuldgefühle. Der verlassene Partner hingegen fühlt sich häufig verletzt und gekränkt, nicht mehr liebenswert und neigt zu depressiven Entwicklungen. Solche massiven Reaktionen sind verständlich. Wenn jemand traumatisiert und emotional überwältigt ist, will er meist auch wenig mit dem Partner, der ihn verletzt hat, zu tun haben. Oder die verlassene Person mobilisiert die letzte Energie, um den abtrünnigen Partner zu bestrafen. Wenn die Kinder beim verlassenen Elternteil leben, besteht die Gefahr, dass dieser das Besuchsrecht als Waffe gegenüber dem Partner, der ihn verlassen hat, missbraucht.
Die Trennungszeit ist für viele Paare anspruchsvoller als die Scheidung selbst, weil alles im Umbruch ist und aus dem Ruder laufen kann. Häufig trennen sich Eltern erst einmal und leiten ein Eheschutzverfahren ein, als ersten Schritt zur endgültigen Trennung. In dieser Phase regelt man vorerst das, was für die Dauer der Trennung geregelt sein muss – Wohnung, Kinder, Unterhalt. Oft gehen die Emotionen noch hoch und das Konfliktpotenzial ist gross. «Da kann viel Belastendes passieren», weiss Gerichtspräsidentin Andrea Staubli, «weil zum Beispiel die Wohnsituation wieder wechselt. Dann verengt sich oft auch der Blickwinkel, die Eltern versteifen sich auf etwas und verlieren dabei beispielsweise den Blick auf die Kinder. Wenn aber das Trennungsurteil vorliegt und man ein bis zwei Jahre später ins Scheidungsverfahren geht, läuft alles oft viel ruhiger. Man lebt bereits getrennt, und das Leben hat sich mit den Kindern neu eingespielt.»
Die Scheidung ist jedoch juristisch gesehen einschneidender, weil es um die Auflösung der Ehe geht. Da geht es auch um Fragen des Güterrechts und der Altersvorsorge. Das Gericht muss die finanziellen Massen auseinanderdividieren und die finanziellen Regelungen auf eine lange Zeitdauer ausrichten. Die Trennungsvereinbarung gilt in der Regel nur auf kurze Dauer, die Scheidungsvereinbarung hingegen bis die Kinder 18 Jahre alt sind oder ihre Erstausbildung abgeschlossen haben. Auch die Regelung der Unterhaltszahlungen für (meistens) die Frau bezieht sich häufig auf eine längere Zeitdauer.
Mit dem neuen Scheidungsrecht von 2000 hat man das Verschuldensprinzip abgeschafft, sodass vor Gericht keine Scheidungsgründe mehr ausgebreitet werden müssen. Das hat viele Vorteile. Gerichte müssen nicht mehr moralisieren, sondern den von einem Paar deklarierten Willen prüfen und legalisieren. Die Abschaffung der Verschuldensscheidung hat jedoch neue Probleme geschaffen. Die gesamte psychohygienische Aufarbeitung der schwierigen Erfahrungen ist nun aus dem juristischen Prozess ausgeklammert. Irgendwo muss die Verarbeitung der in der Partnerschaft erfahrenen Verletzungen und Enttäuschungen aber stattfinden, sonst schwelen die alten Konflikte endlos weiter. Darum gewinnen Verfahren, die nicht nur juristischen und finanziellen Aspekten Raum geben, sondern auch psychologischen (Mediation, Therapie, Beratung etc.), zunehmend an Bedeutung.
Die für dieses Buch befragten Fachleute sind unisono der Meinung, es lohne sich, in die Konfliktverarbeitung zu investieren und zwar möglichst früh. Wer durch die Trennung traumatisiert und vom Leben überfordert ist, tut gut daran, sich fachliche Hilfe zu suchen. Wie sonst soll es gelingen, sich mit dem Expartner zusammenzuraufen, um die elterliche Sorge weiterhin gemeinsam wahrzunehmen? Die Scheidung kann die Beziehung formell beenden, sie löst jedoch nicht die emotionalen Probleme. Wird sie unter Beizug von aggressiven Anwälten und Anwältinnen vollzogen und als Plattform gesehen, es dem Expartner «heimzuzahlen», werden neue Wunden aufgerissen, und der Graben zwischen den Partnern wird noch vertieft.
Es lohne sich, meint die Anwältin Luisa Bürkler, auf die gescheiterte Beziehung zu schauen und sich zu fragen, warum sie keinen Bestand hatte. Das erleichtere später das Eingehen einer neuen Beziehung. «Die Eheleute müssen versuchen zu verstehen, was sie am Partner am Anfang fasziniert hat. Sie sollten sich Gedanken machen, was ihr Verlust ist, was ihre Illusionen waren, inwiefern sie verblendet waren und eigene Wünsche in den anderen projiziert haben. Man muss dafür über Selbstreflexion verfügen, und wer diese Eigenschaft nicht hat, sollte bei einer neutralen Fachperson Hilfe holen.» Im Umfeld der Trennung sollten beide Partner versuchen, die Ursachen des Konflikts und der Entfremdung zu erkennen und aufzuarbeiten. «Oft kommt es allerdings vor», so Luisa Bürkler weiter, «dass der eine Partner sich bereits neu orientiert hat und gar nicht mehr auf die Probleme zurückkommen will. Dann muss man sich auch mit dieser Situation auseinandersetzen und versuchen, sie zu akzeptieren.»
2.5Einmal Streit – immer Streit?
Es wird oft argumentiert, dass Eltern, die in der Ehe oft Konflikte und Streit hatten, auch nach der Trennung weiterstreiten. Die gemeinsame elterliche Sorge erzeuge deshalb nur zusätzliche Probleme. Dieses Argument wurde auch im Vorfeld der Gesetzesrevision ins Feld geführt. Alt Nationalrat Reto Wehrli, Initiant der Gesetzesrevision, widerspricht: «Das ist Unsinn. Problematisch waren vielmehr die bisherigen Anreize – man konditionierte die Situation geradezu auf Streit. Es genügte dann, wenn einer der Eltern sagte: ‹Mit dir kann und/oder will ich nicht reden.› Und schon hatte man den Konflikt. Paare müssen sich künftig an einem anderen Standard orientieren, dem der gemeinsamen elterlichen Verantwortung. Und Paare, die das gut praktizieren, werden eine Vorbildfunktion erhalten.» Reto Wehrli plädiert für Unvoreingenommenheit: «Die persönliche Situation ist neu, und sie verdient eine neue Beurteilung. Es besteht eine Chance, dass die Beziehung entlastet wird. Vielleicht verstehen sich die Expartner nachher besser, weil ihre Elternschaft sie verbindet, die täglichen Spannungen aber weg sind.»
Genau das zeigen ausgewählte Beispiele der für dieses Buch porträtierten Eltern. Und auch Burschel (2011, S. 4) betont, manchmal könne die Trennung eine Wende zu Besserem einleiten. «Bemerkenswerterweise beschreiben einige Mütter die Trennung als Wende zum Positiven. Gab es vorher heftigen Streit, fühlten sie sich ausgelaugt und benachteiligt, so erleben sie nach der Trennung wieder einen harmonischen Umgang mit dem (Ex-)Partner, respektvolle Auseinandersetzungen und freie Wochenenden zur Erholung.»
Ob und wie gut es gelingt, mit dem Expartner weiterzukooperieren, hängt gemäss Alt-Kantonsrichter Rolf Vetterli stark von der Art des Umgangs ab: «Wichtig ist, dass man in der Situation des Abschieds, mit all den Kränkungen und den Verletzungen, dem anderen keine Forderungen stellt, sondern dass man, wenn man etwas möchte, dem anderen ein Angebot macht – Tit for Tat40 – das ist eine wichtige Erkenntnis.» Vetterli rät, diese Zeit als eine Lebensschule zu betrachten; das könne einem auch später nützen. «Im Ablauf der psychischen Trennung wechselt der Aufbruch der Gefühle sehr schnell von Schuldbewusstsein zu Rachebedürfnis, von Trauer zu Wut. Da muss man einfach durch, und man sollte in dieser Zeit auch keine Vereinbarungen treffen, sondern vorerst zuwarten.» Vetterli empfiehlt, Gespräche an einem neutralen Ort zu führen, evtl. im Beisein einer Drittperson und monatlich einmal einen Termin zu vereinbaren für ein Elterngespräch.
37Ab 2010: Neue Definition der ständigen Wohnbevölkerung, die zusätzlich Personen im Asylprozess mit einer Gesamtaufenthaltsdauer von mindestens zwölf Monaten umfasst.
38Ab 2011 basiert die Scheidungsstatistik nicht mehr direkt auf den Urteilen der Gerichte, sondern auf den im elektronischen Zivilstandsregister (Infostar) enthaltenen Eintragungen. Damit werden die Gerichte von der Lieferung der Daten an das Bundesamt für Statistik (BFS) befreit. Gemäss der Zivilstandsverordnung (ZStV) ist die Erfassung einer Scheidung von zwei Personen, die beide nicht das Schweizer Bürgerrecht besitzen, in Infostar nur dann obligatorisch, wenn die Daten der betroffenen Personen bereits erfasst sind. Trifft dies nicht zu, ist das Zivilstandsamt nicht verpflichtet, diese Scheidung zu erfassen. Dieser Wechsel der Datenquelle führt zu einem Bruch in der Reihe der Scheidungsstatistik, da nicht mehr alle Scheidungen von zwei ausländischen Personen ausgewiesen werden können.
39Gemäss DIW waren 2008 14% der Bundesbürgerinnen und -bürger armutsgefährdet. Ein Alleinstehender, der im Jahr 2007 weniger als 925 Euro netto im Monat zum Leben hatte, gehörte zu dieser Gruppe.
40«Tit for Tat» ist eine Redewendung, die mit «Wie du mir, so ich dir» (im Sinne von: Gleiches mit Gleichem vergelten) übersetzt werden kann.
