Kitabı oku: «Alle Liebe dieser Welt»

Yazı tipi:

Marie Louise Fischer

Alle Liebe dieser Welt

Roman

SAGA Egmont

Alle Liebe dieser Welt

Alle Liebe dieser Welt (Die Geschworene)

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof A/S

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1965 by Lichtenberg Verlag, Germany

All rights reserved

ISBN: 9788711718377

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

1

Der Himmel über München war bedeckt. Dicke graue Wolken schoben sich träge vorwärts. Auf der Zuschauerterrasse des Flughafens wehte ein scharfer Wind, riß an Mänteln, Röcken, Kopftüchern.

Ellen Krone zog den Knoten ihres goldfarbenen Seidentuches fester, schlug den Kragen ihres braunen Wildledermantels hoch. Sie warf einen besorgten Blick auf ihre Armbanduhr. Die Maschine aus Tokio-Hongkong-Karachi-Kairo-Rom hatte jetzt schon nahezu zwanzig Minuten Verspätung. Aber das mußte nichts zu bedeuten haben.

Obwohl Ellen Krone sich das wieder und immer wieder sagte, konnte sie nicht verhindern, daß ihr Herz heftig, fast schmerzhaft gegen die Rippen schlug. Sie grub die Zähne in die volle Unterlippe, ihre tiefblauen Augen waren weit und angstvoll geöffnet, die Hände, die sie in die Taschen ihres Mantels geschoben hatte, fest geballt.

Seit drei Wochen hatte sie ihren Mann jetzt nicht mehr gesehen, nicht einmal mehr gesprochen, denn die Telefonverbindungen mit Karachi waren schlecht; jede Anmeldung mit tausend Umständlichkeiten verbunden. Es war die erste Trennung in ihrer jungen Ehe gewesen, und Ellen Krone hatte darunter gelitten. Aber niemals so sehr wie in diesen letzten Minuten, da das Wiedersehen endlich in erreichbare Nähe gerückt war.

Sie holte tief Atem, es war ihr, als könnte sie dies quälende Warten, diese angstvolle Erwartung nun keine Sekunde länger ertragen. Vielleicht war es doch besser, sie ging nach unten, kaufte eine Zeitung, versuchte sich abzulenken.

Aber gerade in diesem Augenblick durchbrach ein Jet, noch winzig klein und sehr weit entfernt, die Wolkendecke, näherte sich in einem riesigen Bogen den Rollbahnen.

Das ist die Maschine, durchfuhr es Ellen Krone, das muß sie sein! Sie drängte sich nach vorn, ihre Hände umfaßten krampfhaft das eiserne Gitter.

Dann hatte das Flugzeug aufgesetzt, rollte auf das Flughafengebäude zu, kam zum Stillstand. Die Treppen wurden herangefahren, die Türen geöffnet. Peter Krone war unter den ersten, die die Maschine verließen.

»Peter!« rief Ellen Krone. »Peter!« – Sie wußte, daß der Wind ihr die Worte vom Mund riß, daß ihr Ruf vom Lärm der Motoren übertönt wurde, aber sie konnte sich nicht zurückhalten, mußte ihren Gefühlen Luft machen. Sie riß sich den seidenen Schal von ihrem dunklen, glänzenden Haar und winkte damit.

Aber ihr Mann sah sie nicht. Breitschultrig und aufrecht, eine sehr männliche Erscheinung in seinem kurzen, eng gegürteten Trenchcoat, schritt er in der Gruppe der Passagiere, die von einer Stewardeß angeführt wurde, über den betonierten Platz auf das Fluggebäude zu, das kantige Kinn vorgeschoben, das blonde Haar vom Wind zerzaust.

Ellen Krone wünschte so sehr, daß er zu ihr hochschauen, ihren Gruß erwidern würde. Aber er tat es nicht.

Sie schalt sich eine Närrin. Für ihn war eine Auslandsreise nichts Ungewöhnliches. Er benutzte seit Jahren Flugzeuge mit der gleichen Selbstverständlichkeit, wie andere Menschen in Omnibusse steigen. Bestimmt kam er gar nicht auf den Gedanken, daß sie seine Ankunft auf der Zuschauerterrasse erwartet haben könnte.

Jäh wurde sie von der Angst ergriffen, ihn zu verpassen. Sie drehte sich auf dem Absatz um, drängte sich zurück, öffnete die schwere Tür, lief über die Galerie, die Treppe hinunter, durch die Halle, an den Schaltern vorbei und zum Luftsteig A.

Aufatmend stellte sie fest, daß die gläserne Tür zum Zollraum noch geschlossen war. Sie öffnete ihre Handtasche, warf einen prüfenden Blick in den Spiegel auf ihr vom Wind sanft gerötetes Gesicht, fuhr sich mit dem Kamm durch die dunkelglänzenden Locken. Sie öffnete den Mantel, legte sich den goldfarbenen Schal um den Hals, knöpfte ihn wieder zu.

Als sie die Augen hob, kamen gerade die ersten Gepäckträger aus dem Zollraum, schoben die mit Koffern beladenen eisernen Karren vor sich her, dann folgten zwei Amerikanerinnen, ein Asiate mit gelbem Gesicht, hochstehenden Bakkenknochen, fröstelnd in seinem gutgeschnittenen Mantel – und dann er, ihr Mann, Peter Krone.

Sie sahen sich im gleichen Augenblick. Er blieb stehen, wandte sich ihr zu, lächelnd, braungebrannt, ein wenig erschöpft, mit ausgestreckten Händen. Die Umwelt versank, sie flog in seine Arme, klammerte sich an ihn.

»Endlich«, stammelte sie, »endlich …«

Er legte seine Hand unter ihr Kinn, hob sanft ihr Gesicht zu sich auf. »Sehnsucht gehabt?«

»Und wie!« erwiderte sie lächelnd unter Tränen, die sie nicht zurückhalten konnte.

»Ich auch«, sagte er und zog sie beiseite, um Passagieren und Gepäckträgern den Weg frei zu geben. »Hast du alle meine Briefe bekommen?«

»Viele«, sagte sie, »ob es wirklich alle waren, weiß ich natürlich nicht!« Sie tupfte sich mit ihrem Taschentuch die Tränen aus den Augen. »Ich habe dir jeden Tag geschrieben …«

»Ich weiß!« Er schob seinen Arm unter ihren Ellenbogen. »Und ich habe sie alle aufbewahrt …« Er klopfte mit der linken Hand auf seine Brusttasche. »Damit wir sie später einmal zusammen lesen können. Wenn wir beide alte Leute geworden sind.«

Sie lachte. »Daran denkst du schon heute?«

»Ja, und ich stelle mir das sehr schön vor.«

Sie traten nebeneinander auf den Vorplatz des Flughafengebäudes.

»Wo hast du den Wagen?« fragte er.

»Noch geparkt. Ich hole ihn.« Aber trotz dieses Vorsatzes konnte sie sich nicht so ohne weiteres von ihm trennen, stellte sich, obwohl sie selber durchaus nicht klein war, auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuß auf die Nasenspitze. »Bis gleich!«

Er sah ihr nach, wie sie – sehr rank und sehr schlank – zwischen den Reihen der parkenden Autos hindurchschritt, und seinen Mund umspielte ein leises Lächeln voller Zärtlichkeit.

Der Gepäckträger, der bisher geduldig gewartet hatte, rief ihn nun wieder in die Wirklichkeit zurück. Peter Krone entlohnte den Mann, wartete, bis Ellen vorfuhr, ausstieg und den Kofferraum des Zweisitzers öffnete. Er legte seinen großen Tropenkoffer hinein, auch seine Aktentasche. Ellen schloß ab.

»So, jetzt werde ich fahren«, sagte er, »gib mir die Schlüssel ….«

»Soll ich nicht lieber …?«

»Nein. Erst wenn ich am Steuer meines Wagens sitze, habe ich richtig das Gefühl, wieder zu Hause zu sein!«

Sie stiegen ein.

Als er die Bremse gelöst und in den ersten Gang geschaltet hatte, sagte er: »Übrigens, glaube nur nicht, daß ich mit leeren Händen komme … Ich habe dir etwas Schönes mitgebracht!«

»Was denn?«

»Ich zeig’s dir zu Hause. Versuch nur nicht zu raten. Das bekommst du doch nicht heraus.«

»Ist es so etwas Besonderes?« fragte sie erwartungsvoll.

»Ja und nein.«

Sie hatten den Parkplatz des Flughafengebäudes hinter sich gelassen und die Zufahrtsstraße zur Stadt erreicht.

»Ich habe auch eine Überraschung für dich«, erklärte sie strahlend.

»Ein besonders gutes Essen?«

»Das sowieso.«

»Einen Kuchen?«

»Nein, gib dir keine Mühe, du rätst es nie!«

»Dann spann mich nicht länger auf die Folter. Heraus mit der Sprache!«

»Erst wenn du mir sagst…«

»Na schön.« Er griff mit der Hand in die Hosentasche, holte einen kleinen Leinenbeutel heraus, warf ihn ihr in den Schoß. »Du mußt ihn öffnen«, sagte er, »aber vorsichtig… sonst rollen sie dir davon!«

Mit vor Erwartung zitternden Fingern löste sie den Knoten, der kleine Beutel war gefüllt mit schimmernden rosa Perlen.

»Wie schön!« rief sie, dankbar und begeistert.

»Perlen aus Cittagong«, sagte er, »Naturperlen. Aber sie müssen natürlich erst noch gelocht werden, bevor man sie verarbeiten kann!«

»Eine Kette«, sagte sie, »glaubst du, es wird zu einer Kette reichen?«

»Wenn nicht, bringe ich dir das nächstemal noch eine Handvoll mit!«

Ihr klares Gesicht verdunkelte sich. »Du hast doch nicht etwa vor, mich so bald wieder allein zu lassen?«

»Das liegt bei Gott und meiner Firma.«Er berührte mit seiner rechten Hand sanft ihre Knie. »Aber reg dich nicht unnötig auf, so bald wird es bestimmt nicht sein.«

»Hoffentlich«, sagte sie, »ich habe nämlich nicht geheiratet, um dauernd die Strohwitwe zu spielen.«

»Jetzt sag mir aber endlich deine Überraschung!«

Sie ließ sich ablenken. »Du«, sagte sie, »das ist wirklich was ganz Tolles. Ich bin als Geschworene für den Mordprozeß Carola Groß ausgelost worden! Ist das nicht großartig? Der interessanteste Fall des Jahres, und ausgerechnet ich …« Sie stockte mitten im Satz, denn es wurde ihr bewußt, daß er überhaupt nicht reagierte.

Sie warf einen raschen Blick auf sein Profil, sah, daß er die Lippen zusammengepreßt, das Kinn hart vorgeschoben hatte.

»Was ist denn?« fragte sie. »Hast du etwas dagegen, Peter?«

»Ja«, erwiderte er hart, »das gefällt mir ganz und gar nicht!«

Carola Groß kniete in ihrer Zelle im Untersuchungsgefängnis, fuhr mit der Hand unter die Matratze ihrer Pritsche und zog vorsichtig, ohne das Guckloch in der schweren Eisentür aus den Augen zu lassen, ihren kostbarsten Schatz hervor – einen kleinen Spiegel, den ihr ihr Mann, entgegen allen Vorschriften, ins Gefängnis gebracht hatte.

Sie ertastete ihn, zog ihn an sich, stand auf und warf, mit dem Rücken zur Tür, einen gequälten Blick hinein.

Seit mehr als einem dreiviertel Jahr saß sie schon in Untersuchungshaft, und diese Zeit der Isolierung und des bangen Wartens, der schlaflosen Nächte und der monotonen Tage hatte scharfe Spuren in ihr Gesicht gegraben. Ihre Haut war schlaff und grau geworden, die Winkel ihres schönen, jetzt so müden Mundes zogen sich nach unten, Falten hatten sich in ihr Gesicht gegerbt, die früher nicht gewesen waren, andere hatten sich verschärft. Ihr blond getöntes Haar wirkte glanzlos und ungepflegt, wuchs an den Wurzeln dunkel nach.

Carola Groß versuchte ein Lächeln, aber es wurde nur eine wehe kleine Grimasse daraus.

Früher hatte sie durch Gymnastik und Körperpflege, regelmäßige Besuche im Kosmetiksalon und beim Friseur ihre ursprünglich etwas farblose Hübschheit vertiefen und sich jugendlich erhalten können. Jetzt, nachdem ihr diese Möglichkeiten schon so lange versagt geblieben waren, sah sie älter aus, als sie war – eine Frau von zweiundvierzig Jahren, der das Leben nur Hoffnungen und keine wirkliche Erfüllung gebracht hatte – eine tief enttäuschte, gedemütigte Frau.

Sie schob den Spiegel wieder unter die Matratze, als sie draußen auf dem Gang einen Schlüsselbund rasseln hörte – keine Sekunde zu früh, denn schon erschien das Auge einer Justizbeamtin im Guckloch, die schwere Tür wurde geöffnet.

»Sie haben Besuch«, sagte die Beamtin kurz, aber nicht unfreundlich, »kommen Sie mit!«

»Mein Mann?« fragte Carola Groß in jäh aufflackernder Hoffnung.

Die Beamtin zuckte die Achseln. »Weiß nicht!«

Carola Groß folgte ihr durch den Gang, vorbei an der langen Reihe eiserner Türen, die Treppe hinunter, wieder durch einen Gang in das Sprechzimmer.

Dann stand sie ihrem Rechtsanwalt Dr. Herbert Suttermann gegenüber. »Guten Tag, gnädige Frau«, begrüßte er sie, »wie geht es Ihnen?«

»Danke«, sagte sie, »ich hatte gehofft, mein Mann …«

»Er wollte mitkommen, aber ich hielt es für besser …«

»Warum?«

»Weil ich noch einmal unter vier Augen mit Ihnen reden wollte!«

Der Justizbeamte, der die Begleiterin von Carola Groß abgelöst hatte, zog sich in eine entfernte Ecke des großen Raumes zurück.

»Die Verhandlung ist für übermorgen anberaumt«, sagte Dr. Suttermann.

»Ja, ich weiß!« Ohne es selber zu merken, rang Frau Carola Groß die Hände. »Und wie lange wird diese Zurschaustellung dauern?«

»So dürfen Sie es nicht ansehen, gnädige Frau«, mahnte der Rechtsanwalt, »in diesem Prozeß geht es um Ihr Schicksal! Zwar nicht um Leben und Tod, aber immerhin …«

»Wie lange wird es dauern?«

»Das hängt von den Umständen ab …«

»Ich hatte so gehofft«, sagte Carola Groß, »Sie würden mir diese Demütigung ersparen!«

»Es wäre besser für Sie … und für den Ausgang des Prozesses … Sie würden sich solche Sentiments abgewöhnen.«

»Glauben Sie, es ist einfach für mich, mich in aller Öffentlichkeit zu entblößen? Meine unglückliche Ehe, meine Eifersucht …« Sie schluchzte trocken auf. »Nein, ich kann nicht!«

»Sie müssen.« Dr. Suttermann legte seine Aktentasche auf den kleinen Tisch in der Mitte des Raumes. »Ganz davon abgesehen, daß diese Dinge längst allgemein bekannt sind. Dafür hat schon die Presse gesorgt.«

»Entsetzlich!« Carola Groß ließ sich auf einen der beiden Stühle sinken.

»Nein, keineswegs. Sie haben die Sympathien des Publikums auf Ihrer Seite … jedenfalls die Sympathien aller Ehefrauen, die schon einmal von ihrem Mann betrogen worden sind oder doch fürchten müssen, daß es passieren könnte …«

»Warum erzählen Sie mir das!«

»Damit Sie die Situation vollkommen klar sehen. Wenn Sie die Tat gestehen würden …«

»Aber ich habe es nicht getan!« Die Stimme der Frau überschlug sich. »Wie oft soll ich es Ihnen noch sagen? Ich habe es nicht getan, ich bin unschuldig!«

»Ich glaube Ihnen ja«, sagte Dr. Suttermann beruhigend.

»Nein, keiner glaubt mir … nicht einmal Sie!«

»Doch. Aber es ist meine Pflicht als Verteidiger, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Sie bei einem offenen Geständnis bestimmt mit mildernden Umständen rechnen können … wenn wir Glück haben, mit einer ganz unbedeutenden Freiheitsstrafe.«

»Aber ich kann doch nicht gestehen, was ich nicht begangen habe.«

»Das ist natürlich vollkommen richtig.« Dr. Suttermann setzte sich. »Bitte, regen Sie sich doch nicht auf. Ich werde alles daransetzen, einen Freispruch zu erreichen.«

»Das Gericht kann mich doch nicht verurteilen, wenn ich unschuldig bin!«

»Sie müssen versuchen, die Dinge realistisch zu sehen!« Der Anwalt schob seiner Mandantin ein Zigarettenpäckchen über den Tisch hinweg zu. »Die wahre Gerechtigkeit gibt es nur im Himmel! Der menschlichen Rechtsfindung sind Grenzen gesetzt. Es gibt leider Indizien, die gegen Ihre Schuldlosigkeit sprechen!«

Carola Groß zog sich eine Zigarette aus dem Päckchen, steckte sie zwischen die Lippen. »Aber ich lüge doch nicht!«

Der Anwalt gab ihr Feuer, zündete sich selber eine Zigarette an. »Das ist der springende Punkt. Wir müssen das Gericht von Ihrer Glaubwürdigkeit überzeugen, das heißt, Sie müssen jede Ihnen gestellte Frage wahrheitsgemäß beantworten, auch wenn Sie das Gefühl haben, sich damit zu belasten … verstehen Sie?«

»Ja …«

»Natürlich können Sie als Angeklagte … rein theoretisch gesehen … auch lügen. Aber jede Lüge, deren man Sie überführt, ist ein neuer Belastungspunkt – darauf muß ich Sie noch einmal aufmerksam machen. Halten Sie sich also streng an die Wahrheit.«

»Das verspreche ich Ihnen …«

»Sehr gut. Sollte der Staatsanwalt oder der Richter Ihnen eine Frage stellen, deren Beantwortung Sie in Konflikte stürzt, so bitten Sie darum, sich erst mit mir zu besprechen. Das macht zwar nicht den allerbesten Eindruck, ist aber immer noch besser als eine falsche Antwort.«

»Ich werde es mir merken.«

»Dann können wir wohl zu den Äußerlichkeiten übergehen. Haben Sie schon überlegt, was Sie während der Verhandlung anziehen wollen?«

Sie sah ihn verständnislos an. »Was ich … anziehen will?«

»Ja. Auch das ist wichtig. Sehen Sie, nicht nur die blanken Tatsachen sind für den Ausgang eines solchen Prozesses entscheidend, sondern auch andere, rein gefühlsmäßige Dinge. Denken Sie immer daran, daß nicht nur drei berufsmäßige Richter über Sie zu Gericht sitzen, sondern auch sechs Geschworene, also Laien, juristisch völlig unvorgebildete Menschen … sie sind in der Mehrzahl, und deshalb liegt letzten Endes die Entscheidung bei ihnen …«

»Und für diese Menschen soll ich mich hübsch machen?«

»Genau. Eine gebrochene, ungepflegte Frau kann man sich allzu leicht als Zuchthäuslerin vorstellen … und auch Sie selber werden mehr Vertrauen zu sich haben, wenn Sie gut angezogen und zurechtgemacht sind! Habe ich nicht recht?«

»Ich weiß, daß ich wie eine Vogelscheuche aussehe«, sagte Carola Groß bitter.

Der Rechtsanwalt zwang sich zu einem Lächeln. »Nun übertreiben Sie aber entschieden, gnädige Frau! Auf alle Fälle werde ich Ihnen morgen eine Friseuse schicken …«

»Das wäre wunderbar!«

»Na, sehen Sie. Und die entsprechende Kleidung werde ich aus Ihrem Haus holen lassen. Das Passendste ist wohl ein gutsitzendes Kostüm …«

»Mein kleines schwarzes?«

»Vielleicht ein bißchen trist … aber doch, ja. Mit einer blütenweißen Bluse … weiß ist immer gut! Passen Sie nur auf, Sie werden darin sehr hübsch wirken.«

»Darf ich Lippenstift benutzen?«

»Aber ja. Ein gutes, unauffälliges Make-up kann nicht schaden. Aber achten Sie darauf, daß Sie nicht zu attraktiv wirken … das wäre auch wieder unangebracht.«

»Nur keine Sorge, Herr Doktor«, sagte Carola Groß tonlos, »die Gefahr besteht bestimmt nicht!«

Aber als sie einige Minuten später in ihre Zelle zurückgeführt wurde, fühlte sie sich doch seltsam getröstet. Die Aussicht, nicht als arme Sünderin, sondern gut angezogen und gepflegt vor ihren Richtern erscheinen zu können, hob ihr Selbstgefühl.

Sie war entschlossen, sich mit allen Mitteln zu verteidigen. Heinrich, ihr Mann, sollte sehen, daß sie nicht das kleine Dummchen war, für das er sie immer gehalten hatte, sondern eine entschlossene Frau, die um ihr Recht und ihre Freiheit zu kämpfen verstand.

Beide, Ellen Krone und ihr Mann, hatten sich redlich bemüht, es nicht gleich in den ersten Stunden nach der langen Trennung zu einem Streit kommen zu lassen. Ellen hatte das Thema ihrer Berufung als Geschworene sofort fallenlassen, als das Mißbehagen ihres Mannes offensichtlich wurde, und auch Peter Krone war nicht mehr darauf zurückgekommen.

Aber über ihre erste Wiedersehensfreude war ein Schatten gefallen. Beide wagten es nicht mehr, sich natürlich zu geben, überlegten jedes Wort, bevor sie es aussprachen, und ihre vor kurzem noch so frische und unbefangene Freude hatte etwas Gekünsteltes angenommen.

Das Essen in ihrer kleinen Wohnung am Waldfriedhof, mit dem Ellen sich soviel Mühe gegeben und Ehre einzulegen gehofft hatte, hatte ihr jetzt selbst nicht mehr recht schmekken wollen. Plötzlich hielt sie es nicht länger aus.

Sie hatte das Tablett mit dem Kaffee ins Wohnzimmer gebracht, und während sie eingoß, Sahne und Zucker in die Tassen tat, konnte sie die Frage, die ihr auf dem Herzen brannte, nicht länger zurückhalten. »Wenn du mir nur sagen würdest«, begann sie, »warum es dir nicht paßt, Peter, daß ich Geschworene werde?«

Er lehnte sich in den Sessel zurück, sah sie an. »Verlangst du wirklich eine Erklärung von mir?«

»Ja«, erwiderte sie so sachlich wie möglich und versuchte, die Erregung, die in ihrer Stimme schwang, zu unterdrücken. »Du hast doch gewußt, daß ich dieses Jahr als Geschworene drankommen würde. Ich habe es dir gesagt, als ich die Mitteilung bekam … damals schienst du ganz damit einverstanden!«

»Damals«, sagte er und zündete sich eine Zigarette an, »konnte ich ja auch noch nicht ahnen, daß du am Mordprozeß Carola Groß teilnehmen würdest.«

Ellen Krone sah ihn aus großen Augen an. »Macht denn das einen Unterschied, Peter?« Sie unterdrückte den Impuls, sich neben ihn auf die Sessellehne zu setzen, nahm ihm gegenüber Platz. »Gib mir auch eine Zigarette, bitte, ja?«

»Entschuldige«, sagte er, reichte ihr sein Päckchen, gab ihr Feuer.

Sie nahm einen tiefen Zug. »Danke. Aber du hast meine Frage noch nicht beantwortet.«

»Begreifst du denn nicht«, sagte er ungeduldig, »wie ekelhaft mir der Gedanke ist, daß ausgerechnet du in eine solche Sache verwickelt werden solltest?«

»Ich bin nicht darin verwickelt, wie du dich ausdrückst«, erwiderte sie, »sondern ich muß helfen, ein gerechtes Urteil zu finden. Außerdem … alle Fälle, die vors Schwurgericht kommen, sind nicht angenehm. Mord, Totschlag, Notzucht … das hättest du doch wissen müssen.«

»Na schön, ich habe es gewußt. Aber ich habe es mir einfach nicht so vorgestellt.« Er nahm einen Schluck Kaffee, stellte die Tasse wieder ab. »Wenn du mich wenigstens etwas sanfter darauf vorbereitet hättest! Warum hast du es mir nicht nach Karachi geschrieben?«

»Es sollte doch eine Überraschung sein«, sagte sie hilflos.

»Eine feine Überraschung, das kann man wohl sagen.«

Sie sah ihn an, sein männliches Gesicht mit den klugen grauen Augen, bemerkte die angespannten Linien um seinen Mund.

»Peter«, sagte sie weich, »ich verstehe zwar deine Gründe nicht …«

»Wie solltest du auch«, erwiderte er.

Sie ließ sich nicht unterbrechen. »Aber wenn du so sehr dagegen bist«, fuhr sie fort, »werde ich versuchen, mich zu drücken.«

Er hob, wie von einer Last befreit, den Kopf. »Wie willst du das anfangen?«

»Ich werde morgen zum Gericht gehen und versuchen, dem Vorsitzenden meine Gründe klarzumachen! Daß ich jung verheiratet bin und daß du …«

»Nein, bitte, laß mich aus dem Spiel!«

Sie lachte. »Bildest du dir etwa ein, daß der Vorsitzende sich für dich interessieren könnte? Nur keine Angst, mir wird schon was einfallen, wie ich mich aus der Sache herauswinden kann! Bist du jetzt zufrieden?«

Er streckte, statt einer Antwort, die Hand aus, und sie ließ sich von ihm auf den Schoß ziehen, schlang aufatmend ihre Arme um seinen Hals.

»Peter, Liebster«, flüsterte sie, »ich bin ja so froh, daß wir uns ausgesprochen haben! Du mußt mir immer sagen, wenn dir etwas an mir nicht paßt, ja? Ich habe mir so fest vorgenommen, dich glücklich zu machen …«

Er bedeckte ihren Hals, ihren Nacken mit heißen Küssen, hielt sie fest, fast schmerzhaft umfangen. »Du bist ein Engel, Ellen … und ich könnte nicht ertragen, daß du in solchen Schmutz hineingezogen wirst … daß du überhaupt damit in Berührung kommst! Verstehst du das? Ich will dich doch beschützen! Sag mir, daß du mich verstehst!«

»Ja«, hauchte sie.

Und dann sprachen sie lange Zeit nichts mehr. Alles versank um sie, der graue Alltag, der bevorstehende Prozeß, das Schicksal der Angeklagten, es gab nur noch zwei Menschen auf der Welt: sie und ihn.

Landgerichtsrat Dr. Mergentheimer hatte sich gerade wieder einmal in die Akten zum Mordprozeß Carola Groß vertieft, als ein Justizangestellter in seinem Arbeitszimmer im Landgericht erschien und ihm Ellen Krone meldete.

»Die Dame ist Geschworene im morgigen Prozeß«, erklärte der Mann.

»Na und? Was will sie dann heute schon hier? Dann soll sie doch morgen kommen!«

»Soviel ich verstanden habe, möchte sie ablehnen!«

»Das ist der Dame aber reichlich spät eingefallen! Na schön, lassen Sie sie hereinkommen!«

Beim Anblick Ellen Krones, die gleich darauf ein wenig zaghaft in den kleinen, nüchternen Raum trat, verflog der Unwille des Landgerichtsrates augenblicklich. Er nahm seine Brille ab und betrachtete die junge Frau voller Wohlwollen.

Ellen Krone sah in ihrem leuchtend blauen Winterkostüm mit dem schwarzen Persianerkragen reizend aus, ein Lichtblick in der sachlichen Atmosphäre des Landgerichts. Der Anblick ihres schmalen, sehr aparten Gesichtes tat dem alten Herrn wohl.

»Bitte«, sagte er, »nehmen Sie Platz! Wie war der Name?«

»Ellen Krone …« Sie setzte sich, stellte die langen schlanken Beine brav nebeneinander und zog, als sie den Blick des Landgerichtsrates bemerkte, den Rock tiefer über die Knie. Verstohlen musterte sie den schweren Mann hinter seinem Schreibtisch, dem das schneeweiße, glänzende Haar und das runde Gesicht eine Milde verliehen, die in krassem Gegensatz zu seinen klugen, durchdringenden Augen stand.

»Und ich bin Landgerichtsrat Mergentheimer, Vorsitzender im morgigen Schwurgerichtsprozeß … aber das wissen Sie sicher schon, wie?«

»Ja. Gerade deshalb wende ich mich an Sie! Herr …« Sie suchte nach der passenden Anrede. »Herr Vorsitzender, ich … ich möchte Sie bitten, mich von meinem Amt zu entheben, es sind unvorhergesehene Umstände eingetreten, die …« Sie stockte, als sie spürte, daß sie sich mit ihrem langen Satz verheddern würde.

Landgerichtsrat Mergentheimer lehnte sich im Sessel zurück und sagte ermunternd: »Na, dann erzählen Sie mal, was Sie auf dem Herzen haben!«

Er ließ sie reden, ohne sie ein einziges Mal zu unterbrechen, aber gerade die Tatsache, daß der erwartete Widerspruch ausblieb, irritierte sie. Sie spürte selber, daß die Gründe, die sie vorbrachte, fadenscheinig waren und wenig überzeugend klangen. Ihre Stimme wurde immer unsicherer, schließlich verstummte sie ganz.

Landgerichtsrat Mergentheimer beugte sich vor, legte die Spitzen seiner sehr weißen, kräftigen Hände gegeneinander. »Nun mal ganz ehrlich … warum wollen Sie sich drücken?«

»Ich will mich nicht …«

»O doch! Sie sind weder Ärztin noch Hebamme, Krankenschwester oder Apothekerin, Sie sitzen auch nicht im Bundestag oder Landtag … wenn das der Fall wäre, hätten Sie Ihr Ablehnungsgesuch ja auch schon zu Beginn des Geschäftsjahres, nämlich seinerzeit, als Sie erfuhren, daß Sie zur Geschworenen bestimmt waren, eingereicht…«

Ellen Krones tiefblaue Augen glänzten vor Erregung. »Ich sagte Ihnen ja schon … das versuche ich ja die ganze Zeit zu erklären … mein Mann ist vorzeitig von einer Geschäftsreise zurückgekommen! Auch vor vierzehn Tagen, als ich die Mitteilung erhielt, daß ich gerade an diesem Prozeß teilnehmen sollte, wußte ich ja noch nicht …«

Jetzt unterbrach sie der Landgerichtsrat. »Wie alt ist Ihr Mann?«

»Fünfunddreißig Jahre …«

»Gesund?«

»Ja …«, sagte Ellen Krone verständnislos.

»Haben Sie Kinder?«

»Nein. Vorläufig noch nicht.«

»Na, dann werden Sie wohl sicher mit mir übereinstimmen, daß ein gesunder junger Mann wie Ihr Gatte ein paar Tage … länger wird der ganze Prozeß wohl nicht dauern … auch mal ohne Sie fertig werden kann!«

»Aber es ist möglich, daß er bald wieder fort muß! Er ist nämlich Ingenieur, Spezialist, und deshalb … deshalb möchte ich ihn nicht gerade jetzt, nachdem er eben erst wiedergekommen ist, allein lassen!«

»Als Mensch, liebe Frau Krone, verstehe ich Sie vollkommen, aber als Jurist kann ich diesen Grund nicht anerkennen. Versetzen Sie sich doch mal in die Lage des Gerichts! Woher sollen wir, buchstäblich von heute auf morgen, einen Ersatzgeschworenen bekommen? Und wie könnten wir ihn in der kurzen Zeit benachrichtigen?«

»Aber soviel ich weiß, gibt es doch immer Hilfsgeschworene, die …«

»Ja, aber wir brauchen sie für äußerste Notfälle. Es kann ja passieren, daß ein Geschworener mitten in der Verhandlung ernsthaft erkrankt … dann ist der Moment gekommen, wo der Hilfsgeschworene, der den Prozeß von Anfang an verfolgt hat, einspringen muß. Sie werden doch nicht verlangen, daß ich wegen Ihrer Ehe unter Umständen den ganzen Prozeß platzen lassen muß? Wir haben nämlich nur einen einzigen Hilfsgeschworenen zur Verfügung …«

»Sie könnten mir helfen«, sagte Ellen Krone verzweifelt, »wenn Sie es wirklich wollten, könnten Sie es bestimmt!«

»Nun, wenn ich ehrlich sein soll … all das, was Sie vorgebracht haben, leuchtet mir nicht ganz ein …«

»Aber …«

»Nun lassen Sie mich mal ausreden! Hand aufs Herz, Frau Krone: Ist Ihnen die Angeklagte bekannt?«

»Aus der Zeitung.«

»Nein. Ich meine persönlich.«

Ellen Krone schüttelte den Kopf.

»Vielleicht das Opfer? Diese Annabelle Müller?«

»Nein!«

»Sie haben also, wenn ich Sie recht verstehe, keinerlei persönliche Verbindungen zu irgendeiner der in diesen Prozeß verwickelten Personen? Sie fühlen sich nicht befangen? Bitte, überlegen Sie sich meine Frage gut, bevor Sie antworten!«

»Darüber brauche ich nicht nachzudenken«, erklärte Ellen Krone, »ich kenne niemanden von all den Leuten.«

»Sehr schön. Dann erwarte ich Sie also morgen pünktlich um neun Uhr … das heißt, möglichst schon eine Viertelstunde früher, weil wir um neun Uhr den Prozeß eröffnen wollen.« Landgerichtsrat Mergentheimer stand auf und reichte Ellen die Hand.

Sie zögerte einzuschlagen. »Aber mein Mann …«

Landgerichtsrat Mergentheimer lächelte. »… ist bestimmt zu beneiden. Doch Sie haben nicht nur Verpflichtungen Ihrem Mann, sondern auch der Allgemeinheit gegenüber!« Er wurde ernst. »Es ist immer eine schwere und verantwortungsvolle Aufgabe, über einen Menschen zu Gericht zu sitzen, ein Urteil zu sprechen. Gerade deshalb bin ich sehr froh, Sie morgen an meiner Seite zu wissen … eine kluge, aufgeschlossene junge Frau! Wer weiß, vielleicht kann gerade Ihre Stimme ausschlaggebend sein!«

Diesem Appell konnte Ellen Krone nicht widerstehen. Sie schlug in die ausgestreckte Hand ein. »Ich komme«, sagte sie, »also dann, bis morgen!«

Erst als sie wieder draußen auf der Straße stand, im lebhaften Verkehr des großstädtischen Vormittags, hatte sie das Gefühl, überrumpelt worden zu sein.

Was würde Peter dazu sagen?

Sie überquerte die Straße, beeilte sich, zu ihrem Mann zu kommen, der versprochen hatte, in der ersten Etage des Hotels »Königshof« auf sie zu warten. Sie hatte das Bedürfnis, ihren Bericht so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.

»Morgen erster Verhandlungstag im Mordprozeß Carola Groß«, gellte die Stimme eines Zeitungsverkäufers durch den Verkehrslärm am Stachus. »Die schöne Annabelle … Opfer einer eifersüchtigen Ehefrau?«

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
370 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711718377
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