Kitabı oku: «Ehebruch - Liebesroman»

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Marie Louise Fischer

Ehebruch - Liebesroman

Saga

Ehebruch – LiebesromanCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1980, 2020 Marie Louise Fischer und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726444834

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

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»Mutti, weißt du zufällig . . .«, rief Romana Jacobs temperamentvoll, als sie die angelehnte Tür zum elterlichen Schlafzimmer aufstieß; mitten im Satz aber erstarb ihre Stimme fast zu einem Flüstern: ». . . wo meine rosafarbene Bluse hingekommen ist?«

Alle Schränke waren geöffnet, die Schubladen der Kommode herausgerissen, Hemden stapelten sich auf einem Hocker, und aufgeklappte Koffer standen auf den Betten.

»Die habe ich gestern abend gewaschen«, antwortete Elis Jacobs, ohne aufzusehen, und legte sehr sorgfältig einen Stoß Herrenunterwäsche in einen der Koffer, »braucht nur noch gebügelt zu werden.«

Obwohl schon Mitte dreißig, wirkte sie mädchenhaft, eine kleine, zierliche Frau mit zarten Fesseln und schmalen Handgelenken. Sie hatte dunkelbraune, mandelförmige Augen mit langen, sanft gebogenen Wimpern, eine leicht gebogene Nase und einen festen Mund.

»Heißt das, daß ich sie nicht anziehen kann?« fragte Romana, die, anders als es ihr Name versprach, ein blondes, blauäugiges, zur Zeit ein wenig plumpes Mädchen war. Man hatte sie so getauft, weil sie krausköpfig und schwarzhaarig auf die Welt gekommen war und man erwartet hatte, daß sie sich, gleich ihrer Mutter, zu dem ausgeprägt romanischen Typ entwickeln würde, wie man ihn heute noch häufig im Land an der Mosel findet.

»Erst, wenn du sie gebügelt hast.«

»Ach, Mutti, mach du das doch. Du weißt, ich kann nicht bügeln!«

»Du solltest es endlich lernen. Außerdem habe ich, wie du siehst, alle Hände voll zu tun.«

Romana lehnte sich gegen den Türstock. »Ja, das wollte ich dich schon fragen . . . was soll das eigentlich?«

»Ich packe, wie du siehst.«

»Aber es soll doch erst Donnerstag losgehen, und heute ist . . .«

»Sonntag«, fiel ihr die Mutter ins Wort; »danke, das weiß ich selber. Heute habe ich Zeit und Lust zum Packen, also tu ich es. Dir kann ich es übrigens auch nur raten.«

»Ich bin doch nicht verrückt.«

Elis überhörte diese ungezogene Bemerkung und blickte ihre Tochter an. »Eigentlich gut, daß du da bist. Lauf doch mal zu Vati und frag ihn, ob er den dicken weißen Pullover nicht auf den Rücksitz legen kann. Mitnehmen muß er ihn unbedingt, aber im Koffer nimmt er zuviel Platz weg.«

»Was soll ich nun«, maulte Romana, »meine Bluse bügeln oder Vati fragen?«

»Erst Vati fragen und dann bügeln.« Elis lächelte dem jungen Mädchen versöhnlich zu. »Komm, sei nicht so, Romy! Wenn du die Bluse nicht unbedingt jetzt gleich brauchst . . . später bügele ich sie dir schon.«

Romanas Miene erhellte sich; sie gab ihrer Mutter einen flüchtigen Kuß. »Manchmal entwickelst du geradezu menschliche Züge!« Mit diesen Worten eilte sie aus dem Zimmer.

Elis nahm sich nicht die Zeit, ihr nachzusehen.

Wenig später schlenderte Peter, der jüngere Sohn, herein. »Du packst schon?«

Elis lächelte ihn an. »Meine Kinder scheinen heute ihren besonders hellen Tag zu haben.«

Der Junge glich ihr sehr, nur daß sein braunes Haar nicht glatt war wie das ihre, sondern leicht gelockt.

Jetzt errötete er leicht. »Ich gebe zu, es war keine sehr geistreiche Bemerkung.«

»Nimm’s nicht tragisch. Wenn wir immerzu geistreich sein wollten, käme überhaupt keine Unterhaltung zustande.«

»Da hast du auch wieder recht.« Peter lachte erleichtert; dann wurde er ernst. »Hallo, Vati.«

Dr. med. Hanns-Heinz Jacobs war auf der Schwelle erschienen, eine kräftige, breitschultrige Erscheinung, hochgewachsen, die den Türrahmen fast ausfüllte.

»Nanu?« sagte Elis. »Das Schlafzimmer scheint ja heute nachmittag eine magische Anziehungskraft auszuüben!«

»Ich muß mit dir sprechen, Elis.« Er war erst Anfang vierzig; doch sein blondes Haar war schon von silbernen Fäden durchzogen, was seinem Äußeren eine besondere Note gab.

»Jetzt gleich?«

»Ja, jetzt.« Hanns-Heinz trat auf Elis zu. »Verschwinde, Peter.«

»Ich wollte sowieso zu Othmar . . . ich darf doch, ja?« Peter nahm die Gelegenheit wahr, sich rasch zu verziehen.

»Was ist denn, Hanns-Heinz?« fragte Elis überrascht und sah zu ihm auf. »Ärgert dich die Sache mit dem Pullover? Hast du Angst, daß er schmutzig wird? Ich könnte ihn ja auch . . .«

»Nein, Elis, laß den blöden Pullover aus dem Spiel.« Er sah sich suchend um, entdeckte einen freien Platz auf dem mit Kleidungsstücken bedeckten Bett und setzte sich. »Wir sollten noch einmal in Ruhe über alles sprechen.«

»Ich wüßte nicht, was es da noch zu reden gäbe.«

Er nahm ihre Hand und zog sie zu sich. »Du weißt, ich halte gar nichts von dieser Reise!«

»Ja. Das hast du mir oft genug gesagt. Es paßt dir nicht, daß ich allein verreise. Zum erstenmal in unserer Ehe. Aber du brauchst ja nur mitzukommen.«

»Ich bin seit langem für die Segelregatta gemeldet . . .«

»Und mein Hotel in Montegrotto ist seit langem gebucht!«

»Mußt du denn unbedingt dahin?«

»Du selber hast mir Thermalbäder verschrieben.«

»Die könntest du auch in Köln haben.«

»Jeden Tag hin- und herfahren? Das wäre eine schöne Erholung!« Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien. »Das alles haben wir schon mindestens hundertmal durchgesprochen. Müssen wir denn unbedingt die alte Leier immer und immer wiederholen?« Er hielt sie unerbittlich fest. »Bis du zur Einsicht kommst.«

Ihr Handgelenk schmerzte, wenn sie zerrte, und sie gab es auf. »Bis ich mich deinem Willen füge, meinst du. Denn einzusehen ist es nicht, warum ich zu Hause bleiben soll, wenn du in die Schweiz fährst, Peter nach England reist und Romana vorhat, die Osterferien bei ihrer Freundin zu verbringen. Nein, Hanns-Heinz, gib es auf. Diesmal kannst du mich nicht umstimmen.«

»Der junge Kirst ist unerfahren . . . er vertritt mich zum erstenmal . . .«

»Du wirst ihn schon einarbeiten. Hanns-Heinz, bitte, das hat doch keinen Zweck. Komm mir jetzt nicht damit, daß Peter acht Tage vor uns zurück sein wird. Frau Stöber hat mir versprochen, sich um ihn zu kümmern. Sie wird ausnahmsweise auch Samstag und Sonntag kommen. Du weißt, wie zuverlässig sie ist . . . abgesehen davon, daß Peter sich auch mal allein versorgen könnte. Also Schluß der Debatte. Gib auf. Mich kriegst du nicht herum.«

Er ließ sie los, erhob sich jäh und begann, vor ihr auf und ab zu laufen.

»Verstehst du denn nicht, daß ich es hasse, dich ganz allein in einem internationalen Hotel zu wissen?!«

Ihre dunklen Augen wurden noch ein wenig größer. »Nein«, erwiderte sie ruhig, »das verstehe ich nicht. Das ›Esplanade‹ ist ein braves Kurhotel, und ich bin nicht allein. Helma wird doch bei mir sein.«

»Helma!« — Aus seinem Mund klang der Name wie ein Schimpfwort.

Jetzt war Elis wirklich erstaunt. »Ich dachte, du magst sie?«

»Ich habe sie geduldet . . . weil sie deine Freundin ist.«

»Ach, du Armer.« Elis lächelte. »Das muß wirklich ein gewaltiges Opfer für dich gewesen sein, mich alle paar Monate zu meiner Freundin zu lassen. Die du noch dazu überhaupt nicht magst. Dabei, wenn ich mich recht erinnere, hast du früher ganz schön mit ihr geflirtet.«

Er verzichtete darauf, es zu leugnen. »Sie hat mich animiert!«

»Die böse, böse Helma!«

»Ja, sie ist eine schlechte Person!« Er packte Elis bei den Schultern und schüttelte sie. »Eine Junggesellin . . . in ihrem Alter! Single nennt man das ja wohl heute. Ich möchte wetten, die schläft mit jedem.«

»Nein, das tut sie nicht.« Elis leistete keinen Widerstand, sondern verhielt sich passiv wie eine Puppe. »Helma ist meine beste Freundin«, erklärte sie mit Würde — obwohl ihre Lage alles andere als würdevoll war, »und ich werde nie etwas auf sie kommen lassen.«

»Sie hat schon immer einen schlechten Einfluß auf dich ausgeübt.«

Elis befreite sich aus seinem Griff, strich ihre Hemdbluse glatt und vergewisserte sich, daß sie noch im Rockbund steckte. »Das ist doch alles Unsinn, Hanns-Heinz«, sagte sie begütigend, »du steigerst dich da in etwas hinein . . . ich verstehe dich gar nicht. Nur wegen dieser drei Wochen, die wir getrennt verbringen werden.« Sie sah in sein Gesicht und sagte rasch: »Ich habe eine Idee! Ich lasse Montegrotto sausen . . . so wichtig sind die Bäder für mich ja nun auch wieder nicht . . .«

»Und bleibst zu Hause?« Er strahlte auf wie ein Junge.

»Wo denkst du hin! Ich werde dich nach Thun begleiten.«

Die Freude auf seinem Gesicht erlosch. »Aber du machst dir doch gar nichts aus dem Segeln!«

»Ich habe ja auch nicht gesagt, daß ich segeln will. Ich werde spazierengehen, warten, bis mein hoher Herr abends ins Hotel zurückkommt.«

»Ich weiß nicht.« Er ließ sich schwer auf das Bett fallen.

Sie setzte sich neben ihn. »Wäre das nicht schön? Wir beide endlich wieder allein? Ohne Kinder.«

»Ja, schön wäre es schon.« Er zog sie an seine Brust. »Sehr verlokkend. Aber . . .« Er sprach nicht weiter.

Sie kuschelte sich an ihn. »Was . . . aber?«

»Es wäre eine zu große Belastung für mich.«

»Eine Belastung?« Sie richtete sich so heftig auf, daß sie mit dem Kopf gegen sein Kinn stieß. Er gab einen Schmerzenslaut von sich.

Sie ging nicht darauf ein. »Wann hätte ich dich je belastet!?«

»Nicht du, Elis! Natürlich habe ich das nicht persönlich gemeint. Aber allein die Vorstellung, daß du dich langweilen könntest . . .«

»Du kennst mich doch! Ich langweile mich nie.«

»Hier zu Hause hast du ja immer genug zu tun. Aber in Thun würdest du dich langweilen. Dort ist wirklich nichts, aber auch gar nichts los. Und dann: ich kann dir nicht einmal versprechen, daß wir die Abende zusammen sein werden.«

»Wieso?« fragte sie ungläubig.

»Ich weiß, wie es bei solchen Regatten zugeht. Auch abends bleiben die Segler lieber unter sich. Es wird unentwegt gefachsimpelt . . .«

»Du willst behaupten, daß keiner der Segler . . . wahrscheinlich werden auch Seglerinnen dabeisein, wie? . . . daß also keiner von all diesen weiblichen und männlichen Sportfreunden mit Frau, Ehemann, Freund oder Freundin anreisen wird?«

»Das nicht. Unbelehrbare gibt es immer und überall. Ich sage nur, daß man einem Nicht-Segler nichts Gutes antut, wenn man ihn zu einer Regatta mitschleppt.«

Seine Ablehnung verletzte sie; dennoch brachte sie ein Lächeln zustande. »Immerhin bleiben uns die Nächte!«

»Elisabeth!« Immer wenn er sie mit ihrem ganzen Namen anredete, war das ein Zeichen von Entrüstung; sie selber hatte sich als Kind Elis genannt, und dabei war es bis heute bei allen, die ihr nahestanden, geblieben.

»Habe ich was Schlimmes gesagt?« fragte sie kokett. »Unter alten Eheleuten, wie wir zwei es sind, sollte man doch offen . . .«

»Ja, ja«, sagte er ungeduldig, »aber du weißt, daß ich Diskretion sehr viel mehr schätze als Offenheit . . . gerade weil ich als Arzt so sehr mit der Körperlichkeit der Menschen konfrontiert werde. Tatsache ist . . . da du das Thema nun mal angeschnitten hast . . . daß ein Mann nach einem Tag auf dem Wasser fix und fertig ist. Gerade das würde ich als Belastung bezeichnen . . .«

»Die Situation ist geradezu lächerlich!« unterbrach sie ihn. »Rekapitulieren wir doch mal: du wolltest die Osterferien zur Teilnahme an einer Segelregatta ausnutzen. Da die Kinder auch aus dem Haus sein werden, entschloß ich mich zu einer Kur in Montegrotto. In heißen Auseinandersetzungen habe ich dich zu überzeugen versucht, daß dies eine sehr gute Lösung ist. Ich bin schon beim Packen, da kommst du und machst wieder Einwände. Ich schlage dir vor, mich nach Montegrotto zu begleiten. Das lehnst du ab. Ich erbiete mich, Montegrotto sausenzulassen und mit dir zu kommen. Das willst du auch nicht. Wenn das nicht lächerlich ist, dann weiß ich nicht mehr, was ich denken soll. Mein lieber Hanns-Heinz, ich habe in all den vergangenen Jahren Rücksicht auf deine Wünsche genommen, auch wenn sie hin und wieder nicht berechtigt waren. Aber daß du jetzt verlangst, ich soll allein hier zu Hause sitzen, während ihr alle ausfliegt . . . das geht entschieden zu weit.«

»Wenn du unbedingt deinen Dickkopf durchsetzen willst . . .« Er stand auf; seine Miene war düster.

Sie lief zu ihm hin. »Verstehst du denn nicht, daß ich eine Erholung dringend notwendig habe?«

»Doch, schon, Kleines.« Er strich ihr gedankenabwesend über das Haar. »Aber mir passen die Umstände nicht.«

»Ich würde ja auch viel lieber mit dir zusammen sein!« Ihr stiegen Tränen in die Augen.

»Nun ja, diesmal ist’s nicht möglich«, sagte er rasch; »beißen wir also in den sauren Apfel.«

Sie reckte sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen. »Vielleicht wird eine kurze Trennung unserer Ehe ganz gut tun.«

Der große Aufbruch der Familie Jacobs fand in aller Frühe statt. Selbst Romana, die die Osterferien am Ort, nur wenige Straßen entfernt bei ihrer Freundin Claudine, verbringen wollte, war schon vor sieben Uhr auf den Beinen. Während Elis an gewöhnlichen Tagen ihre Familie morgens antreiben und zur Eile mahnen mußte, konnte es ihnen heute allen nicht schnell genug gehen. Peter trabte endlich, sehr vergnügt in seiner Pfadfinderkluft, den breitrandigen Hut keck aufgestülpt, die steile Gasse hinunter. Romana folgte ihm, nach flüchtigem Abschied, nur wenige Minuten später.

Elis und Hanns-Heinz saßen sich am Eßtisch gegenüber. Sie war noch im Nachthemd, über dem sie einen aprikosenfarbenen seidenen Morgenmantel trug, der bis zum Boden reichte. Aber es war kein gemütliches Frühstück. Hanns-Heinz langte kräftig zu und stürzte den Kaffee viel zu heiß hinunter. Dabei sah er alle Augenblicke auf seine Armbanduhr. Er war schon reisefertig und sah gut aus in seinem blauen, am Hals offenen Hemd, der hellen Wildlederjacke und den weißen Jeans, die er allerdings kaum zubekommen hatte.

»Warum bist du nur so nervös?« fragte sie. »Bei der weiten Strecke, die du vor dir hast, kommt es doch auf ein paar Minuten früher oder später bestimmt nicht an.«

Er sprang auf. »Das sagst du so! Aber ein guter Start entscheidet manchmal über den ganzen Tag.«

»Ich will dich gewiß nicht aufhalten.«

Er bückte sich nach der Serviette, die ihm vom Schoß gefallen war, und warf sie auf den Teller. »Und du? Hast du es dir nicht doch anders überlegt? Es wäre ein gutes Gefühl für mich . . .«

Rasch stand sie auf und legte ihm die Hand auf den Mund. »Bitte nicht, Hanns-Heinz! Wir wollen uns doch den Abschied nicht verderben.«

Er nahm ihre Hand und küßte die Spitze jedes einzelnen Fingers. »Du wirst mir sehr fehlen, Liebes!« Der Blick seiner Augen, deren Blau unter den weißblonden Brauen sehr intensiv wirkte, war beschwörend.

»Du mir auch!« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen.

Er nahm sie in die Arme, leidenschaftlich und besitzergreifend; sein Kuß hatte etwas Gewalttätiges. »Vergiß mich nicht«, sagte er, als er sie freigab.

Überrascht und atemlos sagte sie: »Hoppla, das bin ich ja gar nicht mehr von dir gewohnt.«

»Ich glaube, ich habe gar keine Lust mehr wegzufahren!« behauptete er; doch hastig, als fürchtete er, sie könnte zustimmen, fügte er hinzu: »Aber das ist natürlich alles Unsinn! Wir sind keine Kinder; ich muß jetzt los!«

Während er die Treppe zur Garage hinunterlief, öffnete sie die Haustür und trat hinaus, um ihn abfahren zu sehen und ihm noch einmal zuzuwinken. Über der Mosel lag noch ein leichter Dunst, aber es versprach ein schöner Tag zu werden. Einmal mehr freute sie sich, daß sie ihr Haus hier oben hingebaut hatten, an einen Südhang, der vor noch nicht allzu langer Zeit ein reines Weinbaugebiet gewesen war. Inzwischen war es ein Villenvorort geworden, und nur noch einzelne Flecken mit Rebenpflanzen zwängten sich zwischen die gepflegten Gärten. Ihr Vater hatte sie gewarnt: Die Patienten würden nicht daran denken, den steilen Aufstieg in Kauf zu nehmen. Aber er hatte nicht recht gehabt. Das helle, freundliche Wartezimmer schien nie leer zu werden.

Die Garagentür hatte sich geöffnet, und der Wagen rollte heraus. Hanns-Heinz Jacobs war ein methodischer Mann, der immer rückwärts einfuhr, um vorwärts starten zu können. Jetzt stieg er noch einmal aus, um das Tor zu schließen.

Elis beobachtete ihn und dachte, daß er allmählich darauf achten mußte, nicht zu dick zu werden; seine Bewegungen begannen, schwerfällig zu werden.

Er wußte, daß sie in der Haustür stand, und bevor er sich hinter das Steuer setzte, grüßte er zu ihr hinauf.

»Viel Spaß!« rief sie und »Gute Fahrt!«

Aber er hatte es wohl schon nicht mehr gehört, denn die Autotür war hinter ihm ins Schloß gefallen.

Im Gegensatz zu ihrer Familie hatte Elis mit Bedacht einen überhasteten Aufbruch vermeiden wollen. Jetzt ging sie langsam ins Haus zurück, bekämpfte erfolgreich den Zwang, das Geschirr zusammenzustellen und in die Küche zu bringen. Das konnte Frau Stöber später tun. Sie entschloß sich, noch eine Tasse Kaffee zu trinken. Die Zimmer waren erfüllt von einer ganz ungewohnten, aber sehr wohltuenden Ruhe. Elis hätte gern langsam und genußvoll die Zeitung gelesen. Aber heute war keine gekommen; es war Feiertag.

Obwohl sie keine Raucherin war, hatte sie jetzt Lust auf eine Zigarette. Sie hatte das Gefühl, in dieser schwebenden Stille etwas Besonderes tun zu müssen. Im Wohnzimmer nebenan mußten in dem Kästchen aus geschliffenem Achat noch Zigaretten sein. Sie ging hinüber, fand tatsächlich noch drei, nahm eine heraus und zündete sie sich mit dem silbernen Tischfeuerzeug an. Natürlich mußte sie husten, und natürlich schmeckte es ihr gar nicht; zu allem Überfluß war die Zigarette auch noch trocken geworden. Aber mit geradezu kämpferischer Entschlossenheit rauchte sie weiter. Als sie einen Schluck Kaffee genommen hatte, ging es schon ein bißchen besser.

Kaffeetasse und Untertasse in der rechten Hand, in der linken die Zigarette, schlenderte sie durch die Wohnung. Alles, was sie sah, gefiel ihr: das geräumige, aber überaus gemütliche Wohnzimmer, das Sofa mit den vielen farblich aufeinander abgestimmten Kissen zwischen hellem Beige und dunklem Braun, die goldgelben Vorhänge, der alte englische Mahagonischrank, der offene Kamin mit dem eingeschichteten Feuerholz.

Auf einmal wußte sie nicht mehr, warum ihr so viel daran gelegen hatte, mit ihrer Freundin Helma zu verreisen. Kein Hotelzimmer konnte auch nur annähernd so schön sein wie ihr Zuhause. Hier hätte sie sich jetzt einmal wirklich erholen können, die Bücher lesen, zu denen sie sonst nie Zeit hatte, den Fernseher einschalten, auch wenn der Film, der sie interessierte, erst elf Uhr nachts begann, Schönheitspflege betreiben, kurzum alles tun, wozu sie sonst keine Gelegenheit hatte.

Das alles erschien ihr sehr verlockend. Ihr kam der Verdacht, daß sie auf der Reise nach Montegrotto nur deswegen bestanden hatte, weil Hanns-Heinz so dagegen gewesen war.

Aber sie verscheuchte diesen Anflug von Selbsterkenntnis. So kindisch konnte sie unmöglich sein. Sie nahm den letzten Schluck Kaffee und drückte den Zigarettenstummel auf der Untertasse aus. Tausend gute Gründe sprachen dafür, ins Thermalbad zu fahren.

Fast auf den Glockenschlag neun Uhr klingelte es an der Haustür. Elis war inzwischen reisefertig und gerade dabei, Frau Stöber die letzten Anweisungen zu geben, von denen sie selber wußte, daß sie unnötig waren; die Zugehfrau arbeitete seit Jahren bei ihnen und wußte genau, was sie zu tun hatte. »Das muß meine Freundin sein!« rief Elis jetzt und reichte Frau Stöber die Hand. »Machen Sie’s gut und denken Sie daran: heute ist Feiertag! Räumen Sie nur das Gröbste auf, alles andere hat Zeit.«

Frau Stöber, klein wie Elis, im Gegensatz zu ihr aber überaus rundlich gepolstert, lächelte gutmütig. »Ich werd’ mich schon nicht übernehmen, Frau Doktor! Sie kennen mich doch!« Sie schüttelte ihrer Arbeitgeberin kräftig die Hand. »Eine gute Erholung wünsche ich Ihnen . . . und viel Vergnügen!«

»Danke, Frau Stöber. Das Vergnügen wird sich wohl in Grenzen halten.« Elis bückte sich, um ihre Reisetasche und ihren Koffer aufzuheben.

Frau Stöber kam ihr zuvor und wuchtete den Koffer hoch. »Der ist zu schwer für Sie, Frau Doktor!«

»Ich glaube, ich habe viel zuviel eingepackt . . . aber man kann ja nie wissen.«

»Ganz recht so . . . was man hat, das hat man!«

Elis war zur Haustür gelaufen und riß sie auf. Helma Herberger war noch dabei, ihren grasgrünen Flitzer zu wenden. Einige Augenblicke später schaltete sie den Motor ab und stieg aus. »Ich komme!« rief Elis.

Helma lächelte zu ihr auf. »Elegant wie immer!«

»Findest du?« Elis sah an sich herunter; sie trug eine der seidenen Manschettenblusen, von denen sie eine Unzahl besaß, einen Tweedrock, Perlonstrümpfe und handgenähte Schuhe; über dem Arm hatte sie einen hellen Nerzmantel und einen Regenmantel. »Ich habe mich nicht einmal geschminkt.«

Die Freundin hatte sich mit Tennisschuhen, Jeans und einem saloppen Pullover bequemer und — wie Elis insgeheim fand — zu jugendlich angezogen. Helma war eine große, etwas grobknochige Frau mit gebräunter, von allzu langen und allzu häufigen Bestrahlungen mit recht vielen Fältchen durchzogener Haut.

Elis kam die Treppe hinunter, und die beiden Frauen gaben sich die Hand. »Die neue Farbe steht dir gut«, sagte Elis anerkennend, »viel besser als das Schwarz. Das war zu kraß.«

Unwillkürlich strich sich Helma über das sehr gepflegte, kunstvoll verwilderte Haar, das sie häufig umfärbte; zuletzt hatte sie sich für Kastanienbraun entschieden.

»Kann ich dir etwas anbieten? Einen Kaffee vielleicht? Oder sollen wir gleich los?«

»Je eher, desto besser.« Helma ging um das Auto herum und öffnete den Kofferraum.

»Das ist Frau Stöber, du weißt schon«, machte Elis bekannt; »und das ist meine Freundin Helma Herberger, Rechtsanwältin in Köln.«

Da Helma mit Elis an gewöhnlichen Wochentagen nicht zusammenkam, war sie der Zugehfrau noch nicht begegnet. Sie nickte ihr zu, zündete sich eine Zigarette an und zeigte ihr, wo Platz im Gepäckraum war.

Frau Stöber wuchtete den Koffer hoch, wobei sie vor Anstrengung rot im Gesicht wurde.

Elis bettete ihre Mäntel sorgfältig auf dem Rücksitz und legte ihre Handtasche dazu.

Frau Stöber wartete, bis Elis sich wieder aufgerichtet hatte. »Also, gute Fahrt, Frau Doktor«, sagte sie dann.

»Ich schreib Ihnen eine Ansichtskarte!« versprach Elis, und bevor sie einstieg, mahnte sie noch: »Lassen Sie sich von Peter nichts gefallen!«

»Keine Sorge!« Frau Stöber stieg die Treppe hoch und verschwand im Haus.

Elis kurbelte das Fenster nieder und steckte den Kopf hinaus. »Kommst du, Helma?«

»Ich rauche nur noch meine Zigarette aus. Im Auto qualme ich nicht gern.«

»Sehr vernünftig«, sagte Elis; dabei konnte sie es kaum noch erwarten, daß die Reise endlich losging.

Sie kamen nur langsam voran, weil der Feiertagsverkehr sehr stark war. Die Straße schlängelte sich durch die zum Strom drängenden Berge, auf denen die Reben eben zu grünen begonnen hatten und von denen da und dort romantische Ruinen dunkel in den sanften blauen Frühlingshimmel ragten.

Aber die beiden Frauen hatten kein Auge für die Schönheit dieser Landschaft. Es drängte sie, rasch voranzukommen, und so berühmte und idyllische Weinstädte wie Boppard, St. Goar oder Bacharach, die sie durchfahren mußten, waren ihnen nur Hindernisse.

»Wir hätten doch lieber schon bei Metternich auf die Autobahn gehen sollen«, sagte Elis.

»Das ist mir inzwischen auch klargeworden«, sagte Helma friedfertig, »aber jetzt läßt es sich nicht mehr ändern.«

Sie quälten sich weiter durch den starken Ausflugsverkehr, bis sie hinter Bingen endlich auf die Autobahn Richtung Mannheim konnten. Von da an hatte Helma es leichter.

»Erzähl mir was!« bat sie.

Elis gab einen ziemlich humorvollen Bericht von dem Unmut ihres Mannes über ihre Reise und von seinen vergeblichen Versuchen, sie davon zurückzuhalten.

»Das Komischste war«, sagte sie, »als ich schon bereit war, aufzugeben und mit ihm nach Thun zu fahren, da wollte er das auch nicht. Er war geradezu ein bißchen erschrocken. Meinst du, daß er eine Freundin haben könnte?«

»Sicher«, gab Helma ungerührt zurück, »unmöglich wäre es nicht. Aber das muß es nicht sein. Vielleicht hatte er einfach Lust, mal auszuscheren. Sehnsucht nach einer Männergesellschaft . . .«

»Es sind auch Frauen mit von der Partie!«

»Aber das sind meistens Sportsweiber, die sich dem männlichen Ton anpassen. Ich finde seinen Wunsch, da alleine hinzufahren, ganz natürlich. Ihr seid sonst ja immer zusammen. Nicht daß ich das schlecht finde, im Gegenteil: es ist gut, daß du ihm in seinem Beruf hilfst. Es gibt kaum etwas, das mehr verbindet, besonders, wenn die erotische Anziehungskraft der ersten Jahre nachläßt . . .«

»Erlaube mal!« protestierte Elis.

»Du brauchst es gar nicht zuzugeben, ich weiß, wovon ich spreche.«

»Aber du warst nie verheiratet!«

»Aus gutem Grund. Wenn ich mit einem Mann ins Bett gehe, muß es spontan sein, bewußt, engagiert, leidenschaftlich . . . das alles ist aber, wenn das Miteinanderschlafen zur Gewohnheit geworden ist, nicht mehr möglich.«

Daraufhin schwieg Elis eine Weile; sie mochte nicht zugeben, daß Helma recht hatte, war aber zu ehrlich, um zu widersprechen. Endlich sagte sie: »Du weißt nicht, was Liebe ist.«

»Weißt du es?«

»Ja!« Elis warf den Kopf in den Nacken, daß ihre glatten dunklen Haare flogen. »Ein ganz starkes Zusammengehörigkeitsgefühl.«

»Das würde ich eher Freundschaft nennen.«

»Nenn es, wie du willst. Das, was Hanns-Heinz und mich verbindet, ist Liebe. Wir sind miteinander verwachsen.«

»Und doch unterstellst du, daß er dich betrügen könnte?«

»Das hätte mit unserer Liebe nichts zu tun. Selbst wenn er eine Freundin hätte, sie würde ihm nichts bedeuten . . . nichts im Vergleich zu mir und den Kindern.«

»Wie hübsch für dich, so sicher zu sein.«

Helma sagte es ganz freundlich, eigentlich gutmütig, und dennoch fühlte Elis sich durch diese Bemerkung verletzt. Es schien ihr Überheblichkeit herauszuklingen, ja sogar Verachtung.

Die beiden Frauen blieben stumm, bis sie das Autobahnkreuz Walldorf erreichten. Dort wechselten sie auf die E 4 über, die nach Basel führt.

»In Schaffhausen könnten wir Mittag essen«, schlug Helma vor; »dann sind wir schon hinter der Grenze.«

»Ich hab’ eigentlich keinen Hunger.«

»Wart’s ab.«

Tatsächlich mußte Elis zugeben, als sie später ein gutbürgerliches Restaurant am Marktplatz von Schaffhausen betraten, daß ihr eine warme Mahlzeit guttun würde. Die Speisenkarte war reichhaltig. Beide Frauen entschieden sich, ihre Ankunft auf Schweizer Boden mit Geschnetzeltem und Rösti zu feiern.

»Wenn du von hier ab fahren willst . . .«, begann Helma.

»Läßt du mich?!«

»Ja, sicher.«

»Das ist fabelhaft!«

Mit diesem Angebot Helmas war auch der letzte Rest von Mißstimmung bei Elis vertrieben. Elis hatte vor Jahren ihren Führerschein gemacht, aber nur zu selten Gelegenheit, selber hinter dem Steuer zu sitzen. Hanns-Heinz beanspruchte den Familienwagen für sich und ließ sie höchstens dann ans Steuer, wenn sie ausgegangen waren und er zuviel getrunken hatte.

»Also, wenn du jetzt fährst, kann ich mir ein Viertel roten Veltliner zum Essen bestellen . . . du bleibst gefälligst nüchtern.«

Elis lachte. »Was hältst du von mir?«

Das Lokal hatte Atmosphäre. Die Gewölbedecke war mit Szenen aus dem Schweizer Volksleben bemalt, Tische und Stühle waren rustikal, die Kellnerinnen, in weißer Bluse und weißer Schürze, adrett und höflich.

Elis war bald so gelöst, als hätte sie und nicht die Freundin Wein getrunken. »Ich war vorhin ein bißchen dumm«, gestand sie. »Du warst eingeschnappt.«

»Ja, stimmt. Gerade das nenne ich dumm. Unter Freundinnen sollte man nicht so sein.«

»Vielleicht war es auch meine Schuld«, bekannte Helma; »ich bin sehr für absolute Offenheit . . . zwischen uns beiden, meine ich. Zu wem könnte ich denn sonst noch offen sein? Aber man sollte dabei doch auf die . . . die Empfindlichkeit des anderen Rücksicht nehmen.«

»Und das hast du nicht getan?«

»Anscheinend nicht. Sonst wärst du doch nicht verletzt gewesen.«

Die »Saaltochter« räumte ab und brachte zwei Tassen Kaffee. Helma wartete, bis sie wieder allein waren, und zündete sich dann eine Zigarette an. »Du hast dir ein Bild von deiner heilen kleinen Welt gemacht . . . bitte, bitte, werd nicht schon wieder böse . . . vielleicht ist sie ja auch wirklich so heil, wie du glaubst. Ich kann es nicht beurteilen, und gerade darum steht es mir nicht zu, dich zu verunsichern.«

»Das wird dir nicht gelingen«, erklärte Elis mit Nachdruck.

»Ich verspreche dir, daß ich es in Zukunft tunlichst vermeiden werde . . . jedenfalls will ich es versuchen . . .«

Elis merkte, daß die Freundin noch nicht ausgeredet hatte. »Aber?« drängte sie. »Du wolltest doch noch etwas sagen?« »Vielleicht ist es mein Beruf, der mich ein bißchen skeptisch, ja vielleicht sogar zynisch gemacht hat. Ich wittere die Dämonen, die unter der Oberfläche bürgerlicher Wohlanständigkeit und Zufriedenheit lauern.«

Elis lachte. »Hübsch gesagt. Aber bei uns wirst du sie vergebens suchen.«

Am späten Nachmittag erreichten sie den Vierwaldstätter See und entschlossen sich, in Brunnen zu übernachten. Das Hotel, ein riesiger Kasten mit vielen Erkern, Balkonen und Terrassen, war um die Jahrhundertwende erbaut worden, vielleicht sogar noch früher. Es lag abseits vom Durchgangsverkehr am Ende einer langen Allee. Sie bekamen ein Doppelzimmer mit Blick auf den See, einen hohen Raum mit Parkettboden und schweren, soliden Möbeln.

Yaş sınırı:
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9788726444834
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