Kitabı oku: «Gisela und der Frauenarzt»

Yazı tipi:

Marie Louise Fischer

Gisela und der Frauenarzt

Roman

SAGA Egmont

Gisela und der Frauenarzt

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof A/S

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1955 by Andermann Verlag, Germany

All rights reserved

ISBN: 9788711718858

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

»Frau Müller, bitte!« rief Gisela Schmitt. Mit einem einladenden Lächeln blieb sie in der Tür zum Sprechzimmer des Frauenarztes stehen, ein schlankes achtzehnjähriges Mädchen im schneeweißen, kniefreien Kittel.

Dabei suchten ihre ausdrucksvollen braunen Augen den sehr besetzten Warteraum ab, um festzustellen, ob eine neue Patientin eingetroffen war. Sie entdeckte Ulrike Simons, die neben der Garderobe hockte, und erkannte sie sofort.

»Ulrike!« Mit ein paar raschen Schritten war sie bei der Fünfzehnjährigen. Ulrike hatte zu einer Gruppe gehört, die Gisela im vorigen Sommer in einem Ferienlager betreut hatte.

Ulrike wurde rot. »Du hier?« Sie trug Rock und Bluse und wirkte kindlich jung.

»Ja, wußtest du denn nicht, daß ich bei Doktor Burg arbeite? Schon seit einem Monat! Ich bin fertige Arzthelferin. Und du? Drückst du immer noch die Schulbank?«

»Klar! Ich will doch das Abi machen.«

»Na, dann viel Spaß.« Ulrike zog Block und Kugelschreiber aus der Kitteltasche. »Gib mir mal deine genauen Personalien. Bist du versichert?«

Während Gisela schrieb, überlegte sie, was Ulrike wohl zum Gynäkologen führen mochte. Offensichtlich war es ihr nicht angenehm, sie hier zu treffen.

»Ist er nett?« fragte sie jetzt nervös.

Gisela verstand sofort. »Ja, sehr. Du wirst schon sehen.

Ich rufe dich dann auf, wenn du an der Reihe bist. Es wird aber noch eine Weile dauern.«

Eilig kehrte sie in das Sprechzimmer zurück, denn Dr. Burg hatte es nicht gerne, mit einer Patientin allein gelassen zu werden.

Der Nachmittag verging, und allmählich leerte sich der Warteraum. Dr. Burg, der jüngste von drei Frauenärzten in der oberbayrischen Kleinstadt, nahm sich, wie immer, Zeit für jede seiner Patientinnen.

Gisela mußte auf Trab sein, aber nicht einen Augenblick vergaß sie Ulrike, die draußen immer noch auf ihre Untersuchung wartete. Sie konnte sich vorstellen, wie deren Nervosität immer mehr stieg. Sie war erleichtert, als sie sie endlich hereinrufen durfte.

Das Sprechzimmer war ein freundlicher kleiner Raum mit zwei Schreibtischen und einer Sitzecke. Auf dem Boden lag ein farbenfroher Teppich, an den Wänden hingen Reproduktionen guter Gemälde.

Dr. Hans Burg kam vom Waschbecken her und trocknete sich noch die schlanken, kräftigen Hände ab, ein drahtiger Mann Anfang dreißig, dessen braun gebrannte Haut einen starken Kontrast zu dem weißen Kittel bildete. Sein blondes, aus der Stirn gebürstetes Haar hatte die Neigung sich zu locken, und seine intensiv blauen Augen strahlten Willenskraft aus.

»Ulrike Simons, Herr Doktor«, stellte Gisela vor, »ich habe ihre Personalien aufgeschrieben.«

»Sie sind noch nie bei uns gewesen, nicht wahr?« fragte er mit einem Blick auf das Karteiblatt, das Gisela inzwischen ausgefüllt hatte, und warf das kleine Handtuch hinter sich in einen Drahtkorb.

»Nein!« Es fiel Ulrike sichtlich schwer, dieses kleine Wort herauszubringen.

»Kein Grund, nervös zu sein. Kommen Sie, setzen Sie sich.« Er wies ihr einen Stuhl neben seinem Schreibtisch zu und nahm selber Platz. »Ich hoffe, Sie haben einen Kalender über Ihre Regel geführt.«

»Das ist es ja gerade! Sie ist ausgefallen!«

»Und wann war die letzte Periode?«

»Am zweiten März!« Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.

»War diese Periode normal stark? Das heißt, war sie genau so lang und so stark wie die vorhergegangenen Blutungen?«

»Ja. Ich … ich habe keinen Unterschied bemerkt.« Ulrike verkrampfte die Hände im Schoß.

»Waren Ihre Blutungen sonst immer regelmäßig?«

»Ja.«

»Wie oft trat die Blutung auf? Alle achtundzwanzig, alle dreißig Tage oder öfter?«

»Nein, immer regelmäßig alle achtundzwanzig Tage. Sie kam höchstens manchmal einen oder zwei Tage zu spät.«

»Schade, daß Sie das nicht aufgezeichnet haben. Jedes Mädchen sollte unter allen Umständen einen Kalender über ihre Regel führen, das ist für die Diagnose des Frauenarztes immer wichtig«, erklärte Dr. Burg und notierte: »Periode alle achtundzwanzig bis dreißig Tage regelmäßig. Letzte Periode am zweiten März.«

Er hob den Kopf und blickte Ulrike prüfend an. »Haben Sie einen Freund?«

Ulrike errötete. »Ja … nein … so kann man das nicht sagen … ich habe …« Sie nestelte an ihrem Gürtel.

»Aber es könnte sein, daß Sie schwanger sind?«

Ulrike nickte stumm.

Gisela biß sich auf die Unterlippe. Das war es also!

»Fühlen Sie sich schwanger?«

»Nein. Ich weiß nicht.«

»Ich habe damit gemeint: erbrechen Sie am Morgen? Oder ist Ihnen manchmal schlecht?«

»Nein, nein, ich habe nur … wahnsinnige Angst.«

»Davor, daß Sie schwanger sein könnten?«

»Das darf nicht sein, Herr Doktor, ich kann kein Kind bekommen … ich …«

»Nur nicht aufregen! Vorläufig wissen wir ja noch nichts.« Dr. Burg blieb ganz gelassen. »Dann bringen Sie die junge Dame bitte mal nach nebenan, Gisela!«

Gisela schob sachte ihre Hand unter Ulrikes Arm und führte sie in den Nebenraum, in dessen Mitte der große Untersuchungsstuhl stand. Außerdem gab es eine Liege und einen Schrank, hinter dessen Glaswand Instrumente blitzten. Der Boden des Raums war blank und aus leicht zu reinigendem Kunststoff.

»Mach dich bitte frei«, sagte Gisela und fügte, als Ulrike ihr Blüschen aufknöpfen wollte, rasch hinzu: »Nein, unten rum. Den Rock kannst du anlassen, wenn du keine Angst hast, daß er zerknautscht. Den schieben wir dann einfach hoch.« Sie legte ein sauberes Tuch auf den Sitz.

Ulrike verschwand hinter den Wandschirm.

»Es ist alles so schrecklich, Gisela!« Ulrike zitterte, als sie barfuß wieder zum Vorschein kam. »Wenn du wüßtest, wie mir zumute ist!«

»Ich kann es mir lebhaft vorstellen!« Gisela half Ulrike auf den hohen Stuhl. »Du mußt die Beine spreizen … ja so … rutsch noch ein bißchen vor!« Sie legte die Beine der Patientin auf die beiden Beinhalter, die dreißig Zentimeter über dem Sitz angebracht waren.

Ulrike drehte das Gesicht zur Seite und schloß die Augen.

Dr. Burg zog sich, eintretend, hauchdünne Plastikhandschuhe über. Gisela reichte ihm den sogenannten gynäkologischen Spiegel, mit dessen Hilfe der Frauenarzt Scheideneingang und Scheide untersuchte.

Die Scheidenschleimhaut war blaßblau verfärbt. Das wies auf eine Schwangerschaft hin – sie ist sonst rosig. Dr. Burg rechnete im stillen nach: heute haben wir den achtzehnten April, das wären etwa sieben Wochen!

Vorsichtig schob er zwei Finger in die Scheide und fand den Uterus, die Gebärmutter, leicht vergrößert und aufgelockert. Im normalen Zustand ist sie derb und klein.

Zweifellos wies das Untersuchungsergebnis auf eine Schwangerschaft hin, aber es berechtigte ihn nicht, das der Patientin zu eröffnen, denn noch war ein Irrtum nicht ausgeschlossen.

Mit undurchdringlichem Gesicht richtete er sich auf. Auch Gisela, die ihn gespannt ansah, gab er kein Zeichen.

»Schon geschehen«, sagte er nur und verließ das Zimmer.

Die Untersuchung hatte nur wenige Minuten gedauert.

Gisela half Ulrike vom Untersuchungsstuhl.

Als Ulrike in das Sprechzimmer zurück kam, bat Dr. Burg sie, in der Sitzecke Platz zu nehmen.

Aber sie blieb stehen. »Also, was ist?« platzte sie heraus.

»Es wäre schon angebracht, wenn wir einen Test machen würden«, erklärte der Arzt ausweichend.

»Einen Test? Aber warum? Können Sie mir nicht sagen …?«

»Nicht mit absoluter Sicherheit.«

»Aber dann hätte ich mich ja gar nicht untersuchen lassen brauchen!«

Gisela, die im Wartezimmer nach dem Rechten gesehen hatte, kam herein und hörte noch Ulrikes Vorwurf; sie legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter.

»Das ist ein Irrtum«, erklärte Dr. Burg, »auch wenn Sie schon mit einem Testergebnis gekommen wären, hätte ich Sie untersuchen müssen. Das gehört dazu. Nur durch Untersuchung und Test zusammen erreicht man in diesem frühen Stadium ein ganz eindeutiges Ergebnis.«

»Ach so ist das.« Ulrike schluckte schwer.

»Sie bringen also morgen früh Ihren Urin vorbei, und wir lassen einen Pregnostikon-Test machen.«

»Zwei Stunden später hast du dann das Ergebnis«, sagte Gisela, als sie sie zur Tür führte.

»Aber da bin ich ja in der Schule!«

»Komm halt vorbei, wenn du Zeit hast!« Gisela lächelte Ulrike ermutigend zu. »Und reg dich nicht auf, das nutzt ja doch nichts. Also dann … bis morgen!«

Kurz nach fünf Uhr war die letzte Patientin verarztet, und Gisela blieb mit dem Doktor allein.

»Wenn Ulrike tatsächlich schwanger ist«, sagte Gisela nachdenklich, »das wäre eine Katastrophe für sie.« Sie öffnete das Fenster.

»Na, na!« Dr. Burg schlüpfte aus seinem Kittel.

»Wirklich! Sie kennen die Verhältnisse nicht. Ulrike lebt allein mit ihrem Vater. Und was für einem Vater! Seit seine Frau ihn verlassen hat, wegen eines anderen, ist er total verbittert. Er würde ihr nie verzeihen.«

»Ich werde mir diesen Herrn schon vorknöpfen!«

»Aber …«

In diesem Augenblick klang ein klarer, melodischer Pfiff von draußen. Gisela wußte, Was er bedeutete, aber sie drehte sich dennoch um und blickte hinunter. Die Praxis Dr. Burgs lag im ersten Stock, und so konnte sie Ini Hartmann, die Tochter des Professors, die auf der anderen Seite des kleinen Platzes zwischen den Kastanienbäumen stand, deutlich erkennen. Ini winkte mit dem Tennisschläger und wirkte sehr attraktiv in ihrem kurzen weißen Tennisröckchen, das ihre langen Beine betonte; das schimmernde blonde Haar fiel ihr bis über die Schultern.

Dr. Burg trat hinter Gisela. »Bin schon fast da!« rief er hinunter.

Es war fraglich, ob Ini ihn verstehen konnte, denn gerade fuhr ein Omnibus vorbei, aber darauf kam es ja nicht an.

Für Sekunden legte er seine warme, trockene Hand in Giselas Nacken. »Entschuldigen Sie mich, Mädchen!« Und fort war er.

Gisela wußte, er würde jetzt zuerst in die Klinik fahren und seine abendliche Visite machen. Danach aber würde der Abend Ini Hartmann gehören.

Sie wußte nicht, weshalb ihr das Herz so schwer war.

In ihrem Beruf als Helferin eines Frauenarztes kam Gisela oft mit ergreifenden menschlichen Schicksalen in Berührung, aber sie ließ es nicht zu, daß sie ihr Privatleben überschatteten.

Im Fall Ulrike Simons war es anders, weil das Mädchen so jung war und weil sie sie seit Jahren kannte. Ausnahmsweise konnte Gisela ihre Sorgen auch nach Feierabend nicht abschütteln und hatte das Gefühl, irgend etwas für Ulrike tun, ja, sie vielleicht warnen zu müssen.

Aber wie sollte sie das? Sie war mit Ulrike nie wirklich befreundet gewesen, hatte sie auch nie besucht. Was würde ihr Vater denken, wenn sie plötzlich bei ihnen aufkreuzte? Er war äußerst mißtrauisch, und wenn er wußte, daß sie als Helferin bei einem Frauenarzt arbeitete, würde er womöglich Verdacht schöpfen.

Gisela entschloß sich, bei Simons anzurufen. Aber als sie die knarrende, ablehnende Stimme von Ulrikes Vater hörte, wußte sie nicht, was sie sagen sollte, und legte den Hörer wieder auf.

Sie hätte eine Menge darum gegeben, wenn sie mit irgend jemandem über Ulrike hätte sprechen können. Gute Zuhörer hätte sie genug gehabt: ihre Mutter, ihren Vater, ihre verheiratete Schwester, ihre Freundinnen. Aber sie wußte, daß sie genauso unbedingt zum Schweigen verpflichtet war wie der Arzt selber und hatte sich bisher stets strikt an dieses Gebot gehalten.

Aber noch nie war es ihr so schwergefallen wie diesmal.

Dr. Burg hatte zwölf Betten in der Klinik Professor Hartmann, die fast immer belegt waren. Auch wenn seine Anwesenheit dort nachts notwendig wurde, weil es Schwierigkeiten bei einer Geburt gab – die komplikationslosen übernahm seine Hebamme Liselotte Stoltow –, war er jeden Morgen Punkt sieben Uhr zur Stelle, um Eingriffe oder Operationen durchzuführen. Dabei assistierte Gisela ihm nicht, sondern eine Schwester aus der Klinik.

Aber zwei Stunden später erschien auch sie dort, um an der Visite teilzunehmen, die Dr. Burg durchzuführen pflegte, bevor er in seine Praxis fuhr. Gisela interessierte sich sehr für diesen Ruundgang durch die Krankenzimmer, denn sie hatte ja alle Patientinnen kennengelernt, noch bevor sie eingeliefert wurden.

Aber am nächsten Morgen platzte sie, ganz im Gegensatz zu sonst, fast vor Ungeduld. Später rannte sie, kaum daß sie das Wartezimmer aufgeschlossen hatte, in das Labor und rief: »Grüß dich, Inge! Wie steht’s mit dem Schwangerschaftstest?«

Inge Fritze, Dr. Burgs medizinisch-technische Assistentin, war eine sehr dünne junge Frau von dreiundzwanzig Jahren. Das ungeschminkte Gesicht, das sie tagsüber zur Schau trug, wirkte farblos, und sie trug das lange blonde Haar einfach im Nacken zusammengebunden. »Sieh selber«, sagte sie gleichgültig.

Das ließ Gisela sich nicht zweimal sagen. Sie wußte natürlich, worauf dieser einfach durchzuführende chemische Test beruhte: auf der Wirkung der Chiriongonadotropine – ein Wort, das sie noch nie auszusprechen gewagt hatte, weil sie fürchtete, sich dabei zu verhaspeln. Jedenfalls waren das Stoffe, die nur im Urin der Schwangeren vorkamen, und zwar schon zehn Tage nach Ausbleiben der Periode.

Inge Fritze hatte den Urin in ein Reagenzgläschen geschüttet, das in einem hölzernen Halter steckte, und eine bestimmte chemische Substanz zugesetzt – jetzt sah Gisela, die das Gläschen betrachtete, daß sich der typische kreisförmige Niederschlag gebildet hatte.

»Also doch!« rief sie. »Verdammtes Pech!«

Die Hände tief in die Taschen ihres kniefreien weißen Kittels geschoben, stand Gisela da und blickte mit weit geöffneten braunen Augen auf das Reagenzglas.

»Betrifft’s dich etwa persönlich?« fragte Inge, die medizinisch-technische Assistentin.

»Das hätte noch gefehlt!« Mit einem Seufzer wandte Gisela sich ab und eilte zur Tür, wobei sie prüfte, ob das Band, mit dem sie während der Arbeit das dunkelbraune Haar aus der hohen, leicht vorgewölbten Stirn zu halten pflegte, auch fest saß.

Es blieb keine Zeit mehr, in den Spiegel zu sehen, denn sie wußte, daß ihr Chef sie schon brauchte.

Eine halbe Stunde später brachte Inge den schriftlichen Befund in das Sprechzimmer. Giselas Augen hingen an Dr. Burgs männlichem, braungebrannten Gesicht, als er ihn überflog. Sie hoffte, er würde sich äußern und ihr so Gelegenheit geben, Ulrikes Situation zu schildern. Aber er sagte kein Wort. Gisela war sicher, daß die ehemalige Schubkameradin Hilfe brauchte, doch sie wußte nicht, wie sie ihm das beibringen sollte.

Den ganzen Vormittag dachte sie immer wieder an Ulrike. Kurz nach ein Uhr – Gisela wollte das Wartezimmer gerade schließen – erschien Ulrike, abgehetzt, die Schulmappe unter dem Arm.

Gisela zögerte keine Sekunde, sie noch einzulassen.

»Also, was ist?« fragte Ulrike nervös.

»Immer mit der Ruhe«, sagte Gisela statt einer Antwort und führte sie in das Sprechzimmer.

Dr. Burg hatte seinen weißen Kittel schon abgelegt; er trug ein am Hals offenes blaues Hemd und eine graue Hose. »Kommen Sie, kommen Sie!« drängte er.

»Ich konnte nicht früher kommen«, entschuldigte sich Ulrike, »es tut mir leid, aber …«

»Schon gut«, schnitt ihr der Frauenarzt das Wort ab, »bitte, setzen Sie sich!«

Ulrike blickte von Dr. Burg zu Gisela. »Der Test! Was hat der Test …«

Dr. Burg drückte sie in einen der Sessel der Sitzecke und rückte sich einen Stuhl so herum, daß er sich selber ihr nahe gegenüber setzen konnte; er nahm ihre beiden Hände.

»Also, Mädchen, jetzt heißt es tapfer sein.«

Ulrike riß sich los. »Es ist also wahr?« rief sie entsetzt.

»Ja.«

Ulrike sprang auf. »Das ist schrecklich! Es ist ganz entsetzlich! Ich kann doch kein Kind bekommen!«

Gisela legte ihr die Hand auf die Schulter. »Bitte, Ulrike, das bringt’s doch nicht.«

Ulrikes verstörte Augen füllten sich mit Tränen. »Aber ich kann kein Kind bekommen. Du kennst doch meine Situation.«

»Kein Grund, herumzutoben. Setz dich und sprich mit dem Doktor!«

Ulrike gehorchte und zwang sich zur Ruhe. »Du hast ja recht!« Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen. »Es ist ja auch alles halb so schlimm. Heutzutage braucht man kein Kind mehr zu bekommen, wenn man nicht will.«

Als niemand ihr zustimmte, blickte sie zu Gisela auf. »Es ist doch so, nicht wahr? Der Paragraph zweihundertachtzehn ist doch abgeschafft, ich weiß es.«

»Jetzt erzählen Sie uns erst mal, warum Sie das Kind nicht haben wollen«, sagte Dr. Burg.

Wieder sah Ulrike Gisela an. »Muß ich das?«

»Ja.«

»Aber ich dachte … ich könnte … das ginge jetzt ganz einfach …«

»Ein Schwangerschaftsabbruch wird niemals eine einfache Sache sein«, erklärte Dr. Burg ernst, »er bedeutet das Ende eines werdenden Lebens und nicht nur das: Wenn man die hormonelle Umstellung im Körper der Schwangeren unterbricht, bedeutet das einen sehr schweren Eingriff. Deshalb müssen wir überlegen …«

»Aber es ist doch jetzt erlaubt! Die Fristenlösung …«

»… ist auf eine Verfassungsklage verschiedener Länder hin ausgesetzt«, stellte Dr. Burg richtig, »das bedeutet: Wenn das Verfassungsgericht in Karlsruhe das Gesetz über die Fristenlösung ablehnt, werden Ärzte, die jetzt, solange die Sache noch nicht entschieden ist, eine Schwangerschaftsunterbrechung durchgeführt haben, nachträglich zur Rechenschaft gezogen.«

»Aber das ist doch gemein!«

»Darüber kann man verschiedener Ansicht sein!« Dr. Burg fuhr sich mit der gespreizten Hand durch sein dichtes blondes Haar. »Ich jedenfalls bin nicht Arzt geworden, um derartige Eingriffe durchzuführen. Ich will Leben erhalten und nicht töten.«

»Aber Sie töten mich ja, wenn Sie mir nicht helfen!« rief Ulrike. »Sie bringen mich um! Begreifen Sie das denn nicht?«

»Brüll hier nicht rum!« mahnte Gisela und legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. »Aber sie steckt wirklich in einer furchtbar schwierigen Situation Herr Doktor!«

Ulrike riß sich los. »Ach, du hast keine Ahnung! Du weißt ja nicht, was mir passiert ist!«

»Na, wie wär’s, wenn Sie es uns erzählen würden«, schlug Dr. Burg vor.

»Ich schäme mich so!« Tränen begannen über Ulrikes Wangen zu laufen; sie versuchte, sie mit dem Handrücken abzuwischen.

Gisela versuchte, ihr das Geständnis zu erleichtern. »Du gehst doch mit Fred Liebermann?« sagte sie.

»Ich bin mit ihm gegangen.« Ulrike konnte vor Schluchzen kaum sprechen. »Aber seit mir das passiert ist, ist es aus zwischen uns. Er glaubt, weil ich nie mit ihm wollte, nicht das Letzte, ich hatte einfach Angst, und ich bin doch noch zu jung …«

»Sie hatten also zu diesem Fred keine intimen Beziehungen?« fragte Dr. Burg.

»Nein.«

Ulrike kam nicht gegen ihre Tränen an, und Gisela reichte ihr ein Papiertuch. Ulrike schneuzte sich heftig.

»Es war an einem Samstag«, berichtete sie, »ich war mit Fred zum Tanzen, in Wykersing beim Feuerwehrball, du weißt schon, Gisela. Aber länger als bis neun darf ich ja nicht dableiben, weil ich erst fünfzehn bin. Und mein Vater kontrolliert auch, wann ich nach Hause komme. Aber Fred sieht das nicht ein. Er hat das nicht eingesehen, und deshalb hat es Krach gegeben. Dann bin ich alleine raus. Ich wußte nicht, wie ich nach Hause kommen sollte, wir waren mit Freds Maschine da. Mit der sind’s ja nur zehn Minuten, aber zu Fuß wären es zwei Stunden gewesen. Und deshalb war ich ganz froh, als einer mich anquatschte. Er war mit dem Auto da und wollte mich heimbringen. Aber unterwegs …« Jetzt konnte Ulrike vor Schluchzen nicht mehr weiter sprechen.

»Hat er sich an dich herangemacht?« fragte Gisela.

»Er ist mit mir in den Wald gefahren. Ich habe mich mit Händen und Füßen gewehrt, geschrien habe ich, aber er hat mir die Hand aufs Gesicht gelegt, daß ich fast erstickt wäre. Er hat gedroht, er bringt mich um. Und er hätte es auch getan. Ich konnte mich einfach nicht gegen ihn wehren.«

»Er hat Sie vergewaltigt?« fragte Dr. Burg.

Ulrike nickte schluchzend.

»Und warum hast du es niemand gesagt?« fragte Gisela.

»Meinem Vater konnte ich damit nicht kommen. Ich war ja froh, daß er mich nicht gesehen hat. Und Fred habe ich es gesagt. Ich dachte, er würde zu mir halten, aber der … ganz wütend ist er geworden. Er hat mir nicht geglaubt, daß ich nichts machen konnte. Seitdem ist es aus zwischen uns.«

»Du hättest zur Polizei gehen sollen«, sagte Gisela.

»Ausgerechnet! Die hätten mir doch auch nicht helfen können!«

»Wer war denn der Mann?«

»Der Sattelmeier, der Jungverheiratete. Seine Frau hat damals ein Kind erwartet.«

»Großer Gott!« Gisela war jetzt so erschüttert, daß sie sich setzen mußte.

»Was würd’s mir denn nützen, wenn der vor Gericht käme? Und die ganze Stadt würde es erfahren?« Ulrike kämpfte mit ihren Tränen. »Ich wollte es mit mir allein ausmachen. Und ich habe doch nicht gewußt …«

»Eine Vergewaltigung«, sagte Gisela nachdenklich, »wäre das nicht ein Grund?«

»Eine sogenannte ethische Indikation«, stimmte Dr. Burg zu, »aber ich kann es trotzdem nicht machen. Nicht so einfach auf Ulrikes Erzählung hin. Wenn sie sofort gekommen wäre oder Anzeige erstattet hätte …«

»Glauben Sie mir etwa nicht?« rief Ulrike.

»Sie müssen doch verstehen, warum sie das nicht getan hat, Herr Doktor«, sagte Gisela.

»Das schon«, gab er zu, »aber ich kann es trotzdem nicht machen.«

Jetzt setzte Gisela alles auf eine Karte. »Ich glaube, Sie haben Angst, Professor Hartmann könnte es übelnehmen«, behauptete sie herausfordernd.

Dr. Burg blieb gelassen. »Übelnehmen? Das ist schwach ausgedrückt. Sie wissen genau, daß Professor Hartmann die Fristenlösung ablehnt und jede Schwangerschaftsunterbrechung an seiner Klinik streng untersagt hat. Und da erwarten Sie, ich soll den Helden spielen?«

»Also doch.«

»Es ist nicht der Hauptgrund, Gisela«, sagte er ruhig, »aber ein Grund ist es schon. Ich brauche die Betten an Professor Hartmanns Klinik. Wenn er sie mir aufkündigt, kann ich meine Praxis schließen.«

»Er braucht es ja nicht zu erfahren!« meinte Gisela.

»Ich werde niemand ein Wort davon verraten«, versprach Ulrike hoffnungsvoll.

Dr. Burg hob abwehrend die Hände. »Genug davon. Ich werde es mir überlegen. Mehr kann ich beim besten Willen nicht versprechen. Kommen Sie morgen wieder. Gisela gibt Ihnen einen Termin.«

Damit war das Gespräch beendet. Ulrike blieb nichts anderes übrig, als sich zu verabschieden.

Yaş sınırı:
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120 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711718858
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