Kitabı oku: «Glückliche Zukunft für Bettina»

Yazı tipi:

Marie Louise Fischer

Glückliche Zukunft für Bettina

SAGA Egmont

Glückliche Zukunft für Bettina

Glückliche Zukunft für Bettina

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)

represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1972 by F. Schneider, Germany

All rights reserved

ISBN: 9788711740033

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

lindhardtogringhof.dk

Lindhardt und Ringhof Forlag A/S, et selskab i Egmont

Ursel ist eifersüchtig

In der mit bunten Girlanden und Papierbändern geschmückten Aula der Handelsschule von Dortlingen, einer kleinen Schule in Westfalen, ging es hoch her; die Schüler und Schülerinnen feierten hier zusammen mit ihren Eltern den glücklichen Abschluß ihrer Schulzeit.

Von einem Tonband erklangen – zu Ehren der älteren Anwesenden – Wiener Walzermelodien, und die Herren wirbelten ihre Damen, so gut es der Platz erlaubte, über die Tanzfläche. Ringsum sah man nur lachende und vergnügte Gesichter, und auch Bettina Bürger strahlte. Jürgen Holbach, ihrem Partner, gelang es, sie trotz des Gedränges mit elegantem Schwung zu drehen.

Doch plötzlich verhielt sie mitten im Tanz und blickte über die Schulter zurück zu dem Platz, an dem eben noch ihre Schwester gesessen hatte. „Wo ist Ursel?“

Jürgen geriet durch diese unerwartete Störung ins Stolpern. „Bitte, Bettina, was hast du gesagt?“

Sie wandte ihm ihr helles, herzförmiges Gesicht mit dem vollen, schön geschwungenen Mund und den klaren, weit auseinanderstehenden Augen zu. „Ob du Ursel irgendwo gesehen hast!“

„Bestimmt!“ sagte er, bemüht, wieder in den Rhythmus des Tanzes zurückzufinden. „Noch vor ein paar Minuten, warum?“

„Ich sehe sie nirgends!“ Bettina blickte über Jürgens Schulter suchend in das Gewühl.

„Und wenn schon? Was soll’s?“ sagte Jürgen. „Sie kann sich ja nicht verflüchtigt haben!“

Die Musik klang aus; die Paare blieben stehen. Bettina wollte die Gelegenheit benutzen, sich auf die Suche nach Ursel zu machen.

Jürgen hielt sie fest. „Hör mal, Bettina“, sagte er bittend, „sei doch nicht so. Du kannst dich doch jetzt nicht einfach verkrümeln!“

„Bloß auf einen Sprung! Ich will sehen, wo sie steckt. Ich bin gleich wieder zurück.“

„Das kenne ich. Sobald man dich aus den Augen läßt, hat dich ein anderer geschnappt. Wenigstens den nächsten Tanz noch, Bettina!“

Es fiel Bettina schwer, der Versuchung zu widerstehen. Sie tanzte gut und leidenschaftlich gerne. Aber ihre Sorge um die Schwester war stärker. Geschickt löste sie sich aus Jürgens Armen, bahnte sich einen Weg durch die Tanzenden.

Jürgen versuchte ihr zu folgen, aber ehe er die Tür erreichte, war Bettinas blonder Schopf schon verschwunden.

Er stellte sich in die Nähe der Wand, zündete sich eine Zigarette an. Er war enttäuscht und verärgert, dennoch konnte er Bettina nicht böse sein.

Bettina begriff selber nicht, warum sie die Abwesenheit ihrer Schwester so beunruhigt hatte. Vielleicht kam es einfach daher, daß sie und Ursel, im Gegensatz zu den anderen, ohne ihre Eltern zur Abschlußfeier gekommen waren. Der Vater war verreist, und die Mutter hatte den kleinen Heiner, der mit einer Grippe im Bett lag, nicht allein lassen wollen. Bettina fühlte sich für die Schwester verantwortlich, obwohl sie sehr gut wußte, daß das eigentlich unsinnig war. Schließlich war Ursel fast ein Jahr älter als sie und durchaus imstande, auf sich aufzupassen. Trotzdem stieg Bettinas Unruhe von Sekunde zu Sekunde, während sie die Nebenräume absuchte, jeden, der ihr begegnete, nach Ursel fragte, ohne sie jedoch zu finden.

Möglicherweise war sie schon nach Hause gegangen. Aber ohne ihr etwas zu sagen? Auch das war unwahrscheinlich.

Auf gut Glück öffnete Bettina eine Tür, von der sie nicht ahnte, wohin sie führte – und sah ihre Schwester Ursel. Sie hockte auf einer kleinen Treppenleiter in einem Abstellraum. Bettina erkannte in dem schwachen Licht, das vom Flur in das dunkle kleine Zimmer schien, nur undeutlich ihren weißen Spitzenkragen und die dazu passenden großen Manschetten.

„Sag mal … bist du wahnsinnig geworden?“ fragte sie verblüfft.

„Laß mich in Ruhe!“ Ursels Stimme klang wütend und verzweifelt.

Bettina zog die Türe hinter sich ins Schloß, knipste das Licht an. Eine winzige Glühbirne an der sehr hohen Dekke der Kammer warf ihr Licht auf Ursels verweintes Gesicht.

„Ursel“, fragte Bettina, „ist was los?“

„Das fragst du mich?“

Bettina hob hilflos die Hände. „Aber, aber … habe ich dir was getan?“

„Nein. Du nicht. Du bist ja immer der reinste Unschuldsengel!“

„Ich weiß wirklich nicht, Ursel …“

„Nein, dir ist es bestimmt nicht aufgefallen, daß du mir alle Tänzer weggeschnappt hast, wie? Wie solltest du auch was dabei finden! Du bist es ja so gewohnt! Du bist die schöne, die begabte, die kluge Bettina! Du kannst verlangen, daß alles sich um dich dreht! Was interessiert es dich denn, wenn du mir mein ganzes Leben kaputtmachst?! Du, du bist so gemein … so gemein!“

Bettina holte tief Luft. „Ursel“, sagte sie eindringlich, „du weißt sehr gut, daß alles, was du jetzt redest, Unsinn ist. Ich habe dir nicht einen einzigen Tänzer weggeschnappt, das redest du dir ja bloß ein! Du hast genausoviel getanzt wie ich …“

„Ja, das habe ich. Das stimmt haargenau. Weil du jedesmal nur mit einem tanzen konntest. Und wer bei dir zu spät kam, hat sich dann gnädig meiner erbarmt. Glaubst du, das macht Spaß?“

Bettina wurde blaß. Sie spürte, daß die Vorwürfe ihrer Schwester nicht ganz unberechtigt waren. „Ursel!“ sagte sie. „Du weißt genau … ich kann doch nichts dafür!“

„Was interessiert es mich, ob du etwas dafür kannst! Ich habe es satt, verstehst du!“ Ursel griff sich mit der Hand an die Kehle. „Satt bis hierhin, immer nur in deinem Schatten zu stehen. Weißt du, wie sie in der Stadt von mir reden? Weißt du das? Für niemanden bin ich Ursel Bürger, nein! Bettinas Schwester nennen sie mich! Das ist nicht mehr zu ertragen.“

„Bildest du dir das nicht alles nur ein, Ursel?“ sagte Bettina. „Das ist doch furchtbar übertrieben. Du bist doch mindestens so hübsch wie ich …“

„Ich? Mit meiner Figur?“

Bettina versuchte zu lachen. „Da haben wir’s. Du hast Minderwertigkeitskomplexe, das ist es. Bloß weil du ein bißchen dicker bist. Jeder Mensch weiß, daß sich so etwas wieder gibt. Das liegt einfach, du weißt schon woran. Wie kann man nur daraus eine Tragödie machen?“

Ursel sprang auf und trat dicht an Bettina heran. „Ich übertreibe also. Ich mache aus einer Mücke einen Elefanten! Ja? Dann beantworte mir jetzt mal ganz ehrlich eine Frage: Wie kommt es, daß dein Zeugnis besser ist als meines?“

„Herrgott, Ursel! Als wenn das nicht ganz gleichgültig wäre, ob man …“

„Für dich vielleicht, aber für mich nicht. Mir ist es ganz und gar nicht gleichgültig, wenn ich ungerecht behandelt werde. Ich weiß genau, daß ich mindestens soviel gelernt habe wie du. Nein, noch viel mehr. Und trotzdem … bin ich etwa dümmer als du?“

„Bestimmt nicht!“ sagte Bettina prompt.

„Na also. Trotzdem hast du das bessere Zeugnis bekommen. Also warum? Ja, guck mich nur so an mit deinem Unschuldsblick. Bei mir zieht der nicht. Damit hast du die Lehrer eingewickelt, aber …“

Jetzt riß Bettina die Geduld. „Ursel!“ sagte sie aufgebracht. „Wie kannst du so etwas behaupten. Das geht nun wirklich zu weit. Noch nie habe ich versucht, mich irgendwo lieb Kind zu machen … noch nie!“

„Aber du bist es eben. Von Natur aus. Ich mache dir auch gar keinen Vorwurf. Ich sage dir nur klipp und klar. Ich kann es nicht länger ertragen. Ich halte das einfach nicht mehr aus. Immer und immer nur in deinem Schatten zu stehen. So, und nun weißt du Bescheid. Verschwinde und laß mich gefälligst in Ruh!“

„Willst du etwa hier bleiben?“ fragte Bettina. „Was versprichst du dir davon?“

„Hier habe ich wenigstens meine Ruhe. Niemand kann mich hier demütigen. Weiter will ich ja schon gar nichts mehr.“

„Du wirst dir dein Kleid schmutzig machen, Ursel.“

„Das ist mir egal!“ behauptete Ursel, aber dennoch blickte sie unwillkürlich besorgt an dem Rock ihres braunen kurzen Kleides hinunter.

„Du siehst so süß heute abend aus, wirklich! Bitte, bitte, komm doch mit zurück! Ohne dich ist es einfach langweilig!“

„Für dich etwa? Daß ich nicht lache! Du amüsierst dich prächtig, auch ohne mich.“

„Aber ich will mich nicht amüsieren, ohne daß du dabei bist, Ursel! Begreifst du das denn nicht? Glaubst du wirklich, ich könnte vergnügt sein … lachen und tanzen, wenn ich weiß, daß du hier in diesem stickigen Kämmerchen hockst? Für wie kalt hältst du mich eigentlich? Komm mit!“ bat Bettina noch einmal.

Ursel schüttelte den Kopf. „Nein! Ich habe genug.“

Einen Augenblick standen sie sich schweigend gegenüber. Bettina sah den Trotz um Ursels Lippen, sah ihre verdüsterte Stirn und wußte, daß die Schwester sich zu sehr verbissen hatte, um von sich aus noch zurückzukönnen.

„Glaubst du“, fragte Bettina ruhig, „wenn du heute abend allein gekommen wärst, glaubst du, daß es dann besser gewesen wäre?“

„Was fragst du mich? Bin ich schon einmal ohne dich irgendwo gewesen? Kannst du dich an irgendeine Gelegenheit erinnern? Na, siehst du. Nie. Selbst im Kindergarten waren wir immer zusammen. Woher soll ich dann wissen, ob …“

Bettina schnitt ihrer Schwester das Wort ab. „Na schön. Dann probiere es aus. Ich gebe dir die Gelegenheit dazu. Ich gehe jetzt nach Hause.“

„Du? Aber warum? Du brauchst doch nicht …“

Ehe Ursel ihren Satz zu Ende gesprochen hatte, war Bettina auf den Flur zurückgegangen und lief mit raschen Schritten zur Garderobe. Sie ließ sich ihren Mantel geben und verließ dann fluchtartig die Schule. Sie wollte nicht, daß Ursel sie einholte, sie wollte mit ihren Gedanken allein sein.

Als Bettina nach Hause kam, sah sie, daß im Wohnzimmer noch Licht brannte. Ein heller Strahl fiel durch die Spalte des nicht völlig geschlossenen Vorhanges in den Garten hinaus. Die Mutter war noch wach.

Ganz leise und vorsichtig schloß Bettina die Haustür auf, schlich auf Zehenspitzen die Treppe hinauf, bei jedem Schritt ängstlich lauschend. Aber nichts rührte sich im Haus. Aufatmend öffnete sie die Tür des niedrigen, geräumigen Zimmers im Dachgeschoß, das sie mit der Schwester zusammen bewohnte. Rasch zog sie sich im Dunkeln aus, schlüpfte unter die Bettdecke. Sie war froh und erleichtert, daß die Mutter nichts von ihrem frühen Heimkommen gemerkt hatte.

Ursel war eifersüchtig auf sie, so viel stand fest. Aber warum nur? Weil ihr Zeugnis ein wenig besser ausgefallen war als das der Schwester? Weil mehr Jungen sie zum Tanz aufgefordert hatten als Ursel? Was bedeutete das schon? Nichts. Gar nichts. Unter all den Jungen war keiner, für den sich Bettina wirklich interessierte. Sie wußte, daß das bei Ursel genausowenig der Fall war. Sie waren ja alle gleichaltrig, die meisten kannten sie von klein auf. War es nicht völlig gleichgültig, ob diese Jünglinge einen nett oder weniger nett fanden?

Warum war Ursel so verzweifelt gewesen? Bettina verschränkte die Hände hinter dem Kopf, starrte in die Dunkelheit und versuchte das Problem zu lösen. Es gelang ihr nicht. Ihr Gefühl sagte ihr, daß der Fehler bei ihr liegen mußte. Aber sie begriff nicht, was sie wirklich falsch machte. Sie wußte nur, daß sie Ursel von Herzen lieb hatte, und dennoch hatte aus der Stimme der Schwester beinahe Haß geklungen.

Bettina schauderte zusammen, als sie daran dachte. Wenn sie nur einen Menschen gehabt hätte, mit dem sie darüber sprechen konnte. Aber es gab niemanden. Ihr Bruder Bernd war ein Flegel und hatte bestimmt kein Verständnis für ihre Probleme. Heiner war noch viel zu klein. Und die Mutter? Plötzlich wurde Bettina klar, daß die Mutter, solange sie denken konnte, immer auf Ursels Seite gestanden hatte.

Der Vater, ja, der Vater war immer gerecht gewesen. Ob er sie lieb hatte? Wenigstens er?

Bettina konnte diese Frage nicht beantworten. Sie fühlte sich einsam, fast ausgestoßen. Ihr Verstand sagte ihr, daß sie übermüdet war, noch immer aufgeregt durch den Streit, verletzt durch Ursels Vorwürfe. Sie versuchte sich einzureden, daß jetzt in der Nacht alle Dinge anders und verzerrt aussahen. Aber dennoch krampfte sich ihr Herz zusammen vor Traurigkeit. Es war ihr, als wenn eine Zentnerlast auf ihre Brust drückte.

Bettina lag noch wach, als die Zimmertür vorsichtig geöffnet wurde und Ursel hereinhuschte. Auch sie zog sich aus, ohne Licht anzuknipsen. „Bettina“, rief sie leise, „schläfst du schon?“

Bettina schwieg. Sie hörte, wie Ursel sich auf nackten Sohlen ihrem Bett näherte, schloß die Augen.

Sie spürte den Atem der Schwester an ihrer Wange. „Bist du mir noch böse?“ fragte Ursel. „Du schläfst ja noch nicht. Ich weiß, daß du noch nicht schläfst! Bitte, sag doch ein Wort!“

Bettina öffnete die Augen nicht. Sie bemühte sich, tief und gleichmäßig zu atmen, wie eine Schlafende. Ganz nahe an ihrem Ohr hörte sie die Stimme ihrer Schwester: „Bettina, ich war gräßlich zu dir! Es tut mir wirklich leid!“

Bettina hob die Arme, legte sie im Dunkeln zart um Ursels Hals, küßte die Schwester zärtlich auf beide Wangen. „Wir wollen uns nicht mehr zanken, Ursel, ja?“ bat sie. „Es ist so dumm, und es tut so weh!“

Stellensuche

In der Samstagausgabe des „Westfälischen Anzeigers“ gab es acht Seiten Stellenangebote. Bettina und Ursel rissen sich die Blätter aus der Hand.

„Sieh dir das an, Mutti“, sagte Bernd, „wie die Hyänen!“

„Bettina, Ursel!“ mahnte Frau Bürger. „Legt die Zeitung aus der Hand. Sofort, wenn ich bitten darf! Nicht irgendwie, sondern wieder schön zusammengelegt. Ja, so ist es gut. Ihr wißt genau, beim Frühstück wird nicht gelesen.“

„Aber, Mutter“, versuchte Bettina zu erklären, „wir wollten doch bloß …“

„Schließlich ist es furchtbar wichtig für uns, daß wir eine gute Lehrstelle finden“, fügte Ursel hinzu.

„Aber das muß doch nicht in diesem Augenblick sein, wie?“

„Wenn wir nicht sofort schreiben, sind die guten Angebote futsch!“ behauptete Ursel schmollend.

„Vor Montag können eure Bewerbungen sowieso nicht dort sein. Es ist also ganz gleichgültig, ob ihr sie jetzt oder erst heute nachmittag schreibt. Aber da ihr es so eilig habt … von mir aus, bitte. Sobald der Frühstückstisch abgeräumt und das Geschirr gespült ist, könnt ihr euch ins Vergnügen stürzen.“

Frau Bürger nahm einen Schluck Kaffee, fügte hinzu: „Aber denkt bitte immer daran: Eure zukünftige Arbeitsstätte muß von hier aus täglich zu erreichen sein, verstanden? Bildet euch nur ja nicht ein, daß ihr nun erwachsen seid, um in die Welt hinauszuziehen. Wunschträume wie möblierte Zimmer oder dergleichen sind schon gestrichen!“

Bernd zögerte sein Frühstück so lange wie möglich hinaus, nur um die Schwestern zu ärgern. Er machte erst Schluß, als die Mutter endlich ein Machtwort sprach. In fliegender Eile deckten Bettina und Ursel den Tisch ab. Nie hatten sie so schnell gespült, abgetrocknet und aufgeräumt. Dann setzten sie sich mit Papier und Bleistift bewaffnet an den Wohnzimmertisch und nahmen sich den Zeitungsteil mit den Stellenangeboten heraus. Bernd schaute ihnen dabei über die Schultern.

Ursel schubste ihn mit dem Ellenbogen zurück. „Hast du wirklich nichts Besseres zu tun, als uns bei der Arbeit zu stören?“ fragte sie schnippisch.

„Bestimmt nicht! Ich habe mir gedacht, bei euch kann ich was lernen!“ Bernd lachte.

„Wenn du nicht sofort abhaust, rufe ich Mutter!“

„Na, na, na … man nicht so giftig!“ Bernd schwang sich rittlings auf einen Stuhl, schlug die Arme über die Lehne zusammen, legte sein Kinn darauf und betrachtete belustigt die Schwestern.

„Laß ihn doch, Ursel“, sagte Bettina besänftigend, „den wirst du nicht ändern.“ Sie zog die Zeitung etwas näher zu sich hin, blätterte um. „Lehrstellen kommen sicher ziemlich zuletzt … da, siehst du, hier sind sie schon!“ Sie tippte mit dem Bleistift auf eine bestimmte Anzeige. „Hier, da wäre schon was für uns!“ Sie las: „Kaufmännische Lehrlinge, in Klammern: auch weiblich, intelligent und anpassungsfähig, für chemisches Industriewerk gesucht …“ Bettina unterbrach sich. „Zu blöd, es steht nicht drin, wo das Industriewerk liegt, na, ich denke, wir schreiben auf alle Fälle mal dorthin. Was meinst du, Ursel?“

Ursel zuckte schweigend die Achseln.

Bettina bemerkte nicht die aufkommende Verstimmung der Schwester. Sie studierte eifrig weiter die Stellenangebote, machte Notizen, gab Kommentare dazu. „So“, sagte sie endlich, „fünfzehn habe ich gefunden, die für uns in Frage kommen. Bitte, überzeuge dich selbst, Ursel. Ich habe sie alle angestrichen. Eins klingt verlockender als das andere. Aber fünfzehn Angebote mit handgeschriebenem Lebenslauf loszuschicken, das scheint mir doch ein bißchen happig, wie? Wäre es nicht besser, wir würden noch mal sortieren?“

„Wie du willst“, sagte Ursel kurz.

Jetzt erst wurde Bettina aufmerksam.

„Sag mal, was ist eigentlich los mit dir, Ursel! Habe ich dir etwa schon wieder was getan?“

„Nichts. Gar nichts. Wie kommst du darauf?“ sagte Ursel, aber ihre Stimme klang durchaus nicht überzeugend.

„Du hast das gnädige Fräulein verletzt“, spottete Bernd, zog die Augenbrauen hoch und säuselte angeberhaft: „Ich bin sehr enttäuscht von dir, meine Liebe, etwas mehr Takt dürfte ich doch wohl erwarten.“

„Aber ich weiß gar nichts“, sagte Bettina verwirrt, „das ist doch alles Quatsch, Ursel. Oder habe ich wirklich wieder etwas falsch gemacht? Bist du mir böse, weil ich die Angebote vorgelesen habe? Bitte, hier ist die Zeitung, überzeuge dich selbst. Ich wollte dir doch nur Arbeit ersparen.“

Ursel schwieg und biß sich auf die Lippen. Sie machte keine Anstalten, einen Blick in die Zeitung zu werfen. Bernd grinste unverschämt.

„Bitte, geh raus, Bernd!“ sagte Bettina ärgerlich. „Laß uns allein! Du störst uns wirklich. Begreifst du das nicht?“

Bernd grinste noch breiter und rührte sich nicht von der Stelle.

Bettina übersah ihn und wandte sich an Ursel. „Bitte“, sagte sie, „bitte, hilf mir doch jetzt. Wir müssen die Angebote raussuchen, an die wir wirklich schreiben wollen. Ich kann das nicht allein entscheiden, wirklich nicht. Ursel. Wir dürfen doch nicht …“

Endlich tat Ursel den Mund auf. „Wir … wieso sagst du dauernd wir? Bildest du dir etwa ein, ich hätte Lust, meine Bewerbungen mit dir gemeinsam loszuschicken?“

„Ja, aber, Ursel, nein, jetzt versteh ich dich nicht“, sagte Bettina hilflos.

„Dann muß ich mich deutlicher ausdrücken!“ Ursel beugte sich vor. „Ich habe nicht die geringste Lust, mit dir im gleichen Betrieb zu arbeiten, daß du es nur weißt. Ich habe es satt, hinter dir zurückzustehen. Ich will endlich mein eigenes Leben leben. Schließlich sind wir ja keine siamesischen Zwillinge, oder?“

„Natürlich, Ursel, wenn du das so siehst“, sagte Bettina, „aber das hindert uns doch nicht daran, uns bei derselben Firma zu bewerben, nicht wahr? Wahrscheinlich nehmen sie ja doch nur eine von uns.“

„Sicher richtig. Und zwar dich! Und damit rechnest du doch wohl, wie?“

„Ursel, nein, wie kannst du …“

„Tu doch nicht so, so scheinheilig, wie du bist. Du weißt genau, daß dein Zeugnis besser ist als meines. Du weißt auch genau, daß du hübscher bist. Ich habe neben dir überhaupt keine Chancen. Du hältst mich wohl für einen Idioten, der das nicht begreift!“

„Ich halte dich für einen Idioten, der sich so was einredet!“ Jetzt wurde auch Bettina heftig. „Du mit deinen blöden Komplexen. Langsam habe ich aber wirklich genug davon! Ich habe keine Lust, mich dauernd mit dir herumzuzanken. Weshalb regst du dich auf! Wenn du dich nicht bei den gleichen Firmen wie ich bewerben willst, dann teilen wir die Angebote doch einfach auf. Es sind ja genug da.“

„Eine glänzende Idee“, sagte Ursel wild, „du die guten und ich die schlechten. So was konnte auch nur dir einfallen, Bettina!“ Sie schob ihren Stuhl zurück und sprang auf. „Danke. Vielen Dank für deine Almosen!“

Ursel drehte sich auf dem Absatz um und wollte aus dem Zimmer rennen, stieß dabei in der Wohnungstür fast mit der Mutter zusammen, die den kleinen Heiner, fest in eine Decke gewickelt, auf dem Arm trug.

„Was ist hier los?“ fragte Frau Bürger erstaunt. „Zankt ihr euch etwa? Hiergeblieben, Ursel! Ich will wissen, was vorgeht!“ Sie bettete den kleinen Heiner sanft auf der Couch.

„Das Übliche, Mutter“, sagte Bernd voller Schadenfreude, „die beiden liegen sich mal wieder in den Haaren. Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land!“

„Dich habe ich nicht gefragt“, sagte Frau Bürger unwillig. „Lauf, bitte, nach oben und hol Heiners Märchenbuch herunter. Und überhaupt, du könntest jetzt ein bißchen mit deinem kleinen Bruder spielen. Das ist eine bessere Beschäftigung als deine Schwestern gegeneinander aufzuhetzen.“

Bernd erhob sich und tippte sich, mit der Miene einer beleidigten Unschuld gegen die Brust. „Ich? Ich hätte sie aufgehetzt? Nein, das ist nun wirklich das Neueste. Jetzt soll ich auch noch schuld dran sein, daß diese beiden Zimtzicken sich nicht vertragen können!“

„Was war nun wirklich los?“ fragte Frau Bürger die Mädchen.

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