Kitabı oku: «Mit einer weißen Nelke»

Yazı tipi:

Marie Louise Fischer

Mit einer weißen Nelke

Roman

Saga Egmont

Mit einer weißen Nelke

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1977 by Goldmann Verlag, Germany

All rights reserved

ISBN: 9788711719107

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Der 17. April begann so trist an der Côte d’Azur, wie man das Wetter nur von London her kennt. Es regnete ununterbrochen. Der Himmel war mit schwarzen Wolken bedeckt.

Es war einer jener Tage, an denen Rémond Ferrandé, Inspektor der Sureté Nationale Section de Nice, rechte Hand des Commissaire d’Arondissement, besonders froh war, daß ihn seine Arbeit bei der politischen Polizei Frankreichs nicht mehr zum Straßendienst zwang. Er saß, in einen Berg Akten vertieft, in seinem kahlen Büroraum in der Rue Gioffre 45 in Nizza und hob nur selten den Kopf, um einen Blick auf den strömenden Regen vor den schlechtgeputzten Scheiben des Fensters zu werfen. Eine qualmende Zigarette hing ihm während der Arbeit unentwegt im Mundwinkel; wenn sie nahe daran war, ihm die Lippen zu verbrennen, ersetzte er sie durch eine neue.

Selbst als einer der beiden schwarzen Telefonapparate auf seinem Schreibtisch klingelte und er den Hörer abnahm, hielt er seinen Zigarettenstummel im Mund. Er sagte: »Ja, geht in Ordnung« und hängte ein.

Dann drückte er seine Zigarette im übervollen Aschenbecher aus und ging zur Tür. Noch ehe er sie erreicht hatte, wurde sie von außen geöffnet. Ein schlanker, breitschultriger Herr in Zivil trat ein.

»Monsieur le Commissaire«, begrüßte ihn der Inspecteur mit einem Augenzwinkern, »was für eine Überraschung. Ich möchte fast sagen, eine freudige Überraschung, Sie mal wieder bei uns zu sehen. Was gibt’s Neues in Paris?«

»Nun tun Sie mal nicht so, mein Lieber!« René Darrieux, Commissaire der Interpol, zog seinen regennassen Mantel aus, hängte ihn über einen Haken, stülpte seinen grauen Hut darüber und schüttelte sich. »Ich möchte wetten, daß Sie mich längst erwartet haben. Was für ein scheußliches Wetter ihr hier habt! Ich hatte gehofft, mich in der Sonne aalen zu können.«

Der Inspecteur schmunzelte. »Beim Angeln! Ich nehme doch an, Sie hoffen im allgemeinen Trubel fette Beute zu machen, wie?«

»Nun ja!« Commissaire René Darrieux rieb sich die langen, bräunlichen Hände. »Wenn ich offen sein soll, ich bin diesmal auf einen ganz besonderen Fisch aus! Raubfisch sozusagen. Ein Hecht im Karpfenteich.«

»Interessant. Schwimmt er etwa im politischen Gewässer? Spionage? Ich glaube zwar nicht, aber, bitte, nehmen Sie doch Platz, Monsieur le Commissaire.«

René Darrieux ließ sich auf dem unbequemen Holzstuhl gegenüber dem Schreibtisch nieder, kreuzte seine langen Beine übereinander, faltete die Hände um die Knie und erklärte: »Spionage, kaum. Obwohl dem Burschen eigentlich alles zuzutrauen ist. Alles außer Notzucht, und das auch nur deshalb nicht, weil er es nicht nötig hat. Anscheinend hat er ein ganz verteufeltes Glück bei Frauen.«

»Heiratsschwindler?« fragte Rémond Ferrandé und klopfte sich eine seiner geliebten schwarzen Zigaretten aus dem Päckchen, steckte sie sich in den Mundwinkel und streckte dann dem Commissaire der Interpol die Schachtel hin.

Der schüttelte den Kopf. »Danke, mein Lieber, immer noch nicht. Ich bin meiner Pfeife treu geblieben.« René Darrieux zog eine kurze Shagpfeife und einen ledernen Tabaksbeutel aus der Jackentasche und fragte: »Darf ich?«

»Aber selbstverständlich!«

Commissaire René Darrieux begann sich mit Bedacht seine Pfeife zu stopfen; dabei sagte er langsam: »Heiratsschwindel, das ist natürlich auch drin. Aber dabei hat er es nicht belassen, soviel steht fest. Hochstapelei kommt dazu. Der wahre Grund, weshalb wir so an ihm interessiert sind, ist der: Wir nehmen an, daß er das Haupt oder doch ein sehr wichtiges Glied einer Gangsterbande, einer internationalen Verbrecherbande ist, verstehen Sie? Überall, wo dieser Mann auftaucht, geschehen seltsame Dinge, Verbrechen, um das Kind beim Namen zu nennen. Es gibt nichts, was nicht auf seiner Liste steht – Diebstahl, Raub, Erpressung, ja, sogar Mord.«

»Beweise?« Rémond Ferrandé ließ sein Feuerzeug aufklicken und zündete sich seine Zigarette an.

»Ich wußte, daß Sie das fragen würden!« René Darrieux sah auf. »Wir haben Beweise für Straftaten, die genügen würden, ihn mindestens, na, sagen wir zwanzig Jahre hinter Gitter zu bringen. Die Beweise, die fehlen uns allerdings! Da haben Sie einen ganz wunden Punkt berührt, Inspecteur. Trotzdem, ich bin überzeugt, wenn wir diesen Mann erst haben, werden wir die Beweise finden. Es muß ein direkter Zusammenhang zwischen seinem Auftauchen und den Verbrechen bestehen. Es muß.«

»Und Sie nehmen an, daß er jetzt hier ist? Hier in Nice?«

»An der Gôte d’Azur. Soviel steht fest.«

»Nun, ich wünsche Ihnen von Herzen, daß Ihr Fisch anbeißt. Aber eigentlich scheint mir das kein Fall für die Sureté zu sein. Ich glaube, Sie arbeiten da doch besser mit der Brigade Police Mobile zusammen, Monsieur le Commissaire!«

»Habe ich auch durchaus vor. Nur bitte, widersprechen Sie mir jetzt nicht, cher Inspecteur. Ich weiß, wie empfindlich ihr Herren von der Sureté seid. Irgendwie spielt dieser Fall doch in eure Belange hinüber. Der Mann ist nämlich Ausländer, kein Franzose, das ist sicher.«

»Ach, dann können wir vielleicht Glück haben. Sie wissen, daß alle Fremden von uns ständig überwacht werden. Natürlich ist das nicht immer ganz einfach. An der Riviera überhaupt, und augenblicklich im Besonderen. Aber möglicherweise haben wir Angaben über diesen Mann vorliegen. Geben Sie mir seine Beschreibung, bitte!«

René Darrieux drückte den Tabak in seinem Pfeifenkopf mit seinem Daumen fest, sagte ohne Betonung, als ob er es von einem unsichtbaren Zettel abläse: »Alter: zwischen fünfunddreißig und fünfundvierzig, Größe: über ein Meter achtzig, Figur: schmalhüftig und breitschultrig, Haarfarbe: wechselnd, Schnurrbart: wechselnd. Besondere Merkmale: weiße Nelke im Knopfloch.«

Der Strand in der schönen Bucht von La Garoupe auf Cap d’Antibes war gesättigt vom Regen. Das Wasser in der Bucht war tiefgrau und ungewöhnlich bewegt, es prallte wild und mit weißem gischtigem Schaum gegen Klippen und Riffe. Wo die Bucht sich zum Meer hin öffnete, schienen Himmel und Wasser sich zu berühren.

Es war an diesem düsteren regnerischen Tag alles andere als gemütlich hier draußen, und dennoch war das Strandlokal ›Chez Keller‹ sehr gut besucht. Das Publikum bestand zum größten Teil aus Damen, sehr elegant gekleideten Damen zwischen dreißig und – nun, wir wollen nicht unhöflich sein – über dreißig. In der hintersten Ecke saß ein Paar, von dem man kaum annehmen konnte, daß es verheiratet war – ein dicklicher, nicht mehr junger Mann mit einem runden Gesicht und einer spiegelnden Glatze, Hand in Hand mit einem sehr jungen Mädchen in hellblauen Hosen, grauem Pullover, deren Haar zu blond und deren Mund zu rot geschminkt war. Die beiden streichelten sich verstohlen, warfen sich verliebte Blicke zu, flüsterten Koseworte. Sie sprachen englisch.

Niemand beachtete sie. Das Interesse der Damen galt einzig und allein dem Mann am Fenster, der die Aufmerksamkeit, die er erregte, gar nicht zu bemerken schien, sondern intensiv den ›Nice Matin‹ vom 17., dem heutigen Tag, studierte.

Keine der Damen, die diesen Mann fast mit ihren Blicken verschlangen, merkte, daß das Lächeln, das er hinter der Zeitung mit dem Ober wechselte, eine Nuance zu vertraulich war.

»Haben Monsieur le Baron schon gewählt?« fragte der Kellner mit gedämpfter, aber doch weithin vernehmbarer Stimme.

»Gaston! Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, daß Adelstitel in unserem Land ohne Bedeutung sind. Sollten Sie noch nicht bemerkt haben, daß wir in einer Republik leben?«

»Sehr wohl, Monsieur le Baron.« Gaston verbeugte sich leicht. »Pardon, Monsieur de Lima! Haben Monsieur le Baron, ich meine, haben Monsieur de Lima schon gewählt?«

»Ja, ich nehme nur eine Kleinigkeit. Zuerst eine klare Brühe, sagen wir Schildkrötensuppe, aber nicht aus der Dose, wenn ich bitten darf.«

Gaston notierte, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Dann Artischocken mit Sauce special!« Der Mann, der sich de Lima nannte, hob den Kopf und sah den Kellner fragend an. »Der Fischfang war wohl schlecht in den letzten Tagen, wie?«

»Miserabel.«

»Gut, dann nehme ich lieber Fleisch. Ein Filet mignon aux champignons, dazu Salat.«

»Gemischt?«

»Gaston! Das sollten Sie aber langsam wissen! Ich nehme nur Kresse und Sellerie! Zum Dessert kein Obst, nein, nur Käse, Roquefort passiert!«

»Sehr wohl, Monsieur de Lima. Haben Sie schon die Weinkarte gesehen?«

»Ja, eine Flasche Chablis, wenn ich bitten darf.«

Der Kellner überflog noch einmal seinen Notizzettel, tippte mit dem Bleistift an jede der Bestellungen, verbeugte sich mit einem halben Lächeln und verschwand in Richtung Küche.

Erst als der Kellner, die Weinflasche in der Hand, sich wieder dem so vielbeachteten Mann näherte, ließ dieser die Zeitung sinken und zeigte ein männliches, braun gebranntes Gesicht mit einem vollen Mund, energischem Kinn und sehr ausgeprägter Nase. In das dunkelblonde Haar hatte die Sonne schon einige helle Strähnen gebleicht. Die Augen waren so dunkel, daß man sie von weitem für schwarz halten mußte, erst aus nächster Nähe sah man, daß sie tiefblau waren. Er trug eine sandfarbene, sehr dezente Jacke über einem hellblauen sommerlichen Rollkragenpullover; im linken Knopfloch steckte eine weiße Nelke. Er warf unter langen Wimpern her einen Blick in das Lokal, der so flüchtig war, daß er unmöglich einen der Anwesenden wirklich bemerkt haben konnte. Dennoch schienen sich einige der Damen angesprochen zu fühlen, wie ihr Erröten verriet. Monsieur de Lima kümmerte es nicht. Er schaute schon wieder mit ausdruckslossem Blick auf das graue, gischtige Meer hinaus.

Gaston hatte die Weinflasche geöffnet und schenkte einen Schluck ein. Monsieur de Lima kostete und nickte zufrieden, worauf der Kellner das Glas vollschenkte.

Der Mann mit der weißen Nelke im Knopfloch nahm wieder den ›Nice Matin‹ auf und las:

»Der Kauf des Colliers, das die amerikanische Schauspielerin Barbara Hilten auf ihrer Hochzeit im Fürstentum Monaco tragen wird, wurde gestern abend endgültig mit dem Hause Cartier abgeschlossen. Es besteht aus drei Reihen gleich großer Diamanten, die in modernem Stil angeordnet sind. Dieses Kunstwerk französischer Goldschmiedekunst kostet 3,3 Millionen Franc.«

Diese Nachricht schien den Mann mit der weißen Nelke im Knopfloch nicht sonderlich zu interessieren. Erst als er die Schlagzeile las: »Internationale Gangster machen in Monte Carlo von sich reden!« zog er die Augenbrauen hoch.

Schwarz auf weiß stand im ›Nice Matin‹ zu lesen:

»Die bevorstehende Hochzeit der amerikanischen Schauspielerin Barbara Hilten und des griechischen Reeders Tankred Orsiris in Monaco hat Diebe und Gauner aus allen Teilen der Welt an die Côte d’Azur gelockt.«

Vier Tage vorher, am 13. April, war in Monaco folgendes geschehen:

Es war elf Uhr vorbei, als die Krankenpflegerin Margaret Bruno das Appartement ihres Schutzbefohlenen, eines Monsieur Alfons Dupon aus Paris, im zweiten Stock eines Luxushotels in Monte Carlo verlassen hatte und mit müden Schritten zum Lift ging, um in ihr Zimmer im fünften Stock hinaufzufahren.

Mademoiselle Bruno war nicht gerade guter Laune, im Gegenteil, sie war ärgerlich, enttäuscht, fast verbittert. Sie hatte sich darauf gefreut, die Hochzeitsfeierlichkeiten der Schauspielerin aus nächster Nähe miterleben zu dürfen. Sie hatte schon begeisterte Ansichtskarten ihren Freunden und Bekannten nach Paris geschickt, und jetzt auf einmal hatte ihr Monsieur Dupon erklärt, daß sie morgen im Laufe des Tages abreisen würden. Mademoiselle Bruno konnte nicht umhin, das für eine ausgesprochene Schikane zu halten. Schließlich hatte Monsieur Dupon so viel Geld, seine Unternehmungen liefen so gut, auch wenn er sich nicht darum kümmerte – warum konnte er dann nicht ihr und auch sich selber die aufregenden Tage in Monte Carlo gönnen?

»Wir beiden alten Nebelkrähen wären hier nur im Wege«, hatte er gesagt, als sie sich einen zaghaften Protest erlaubt hatte.

Nun, Monsieur Dupon war alt, das stimmte. Aber sie selbst – sie war noch eine Frau in den besten Jahren. Und von Nebelkrähe konnte wirklich keine Rede sein.

Mademoiselle Bruno seufzte tief, als sie den Lift verließ. Sie hätte so gerne Barbara Hilten in ihrem Hochzeitsstaat gesehen. Sie hätte so gerne zu Hause eine farbige Schilderung ihrer Eindrücke gegeben. Aber wenn Monsieur Dupon sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, das wußte sie aus Erfahrung, dann war nichts zu machen. So ging es einem eben, wenn man nicht zu den reichen Leuten gehörte, die das Geld unabhängig machte. Arme Leute durften keine speziellen Wünsche haben.

Ihr Zimmer mit der Nummer 517 lag ganz am Ende des Ganges. Hier oben war nichts von dem Glanz der unteren Räumlichkeiten zu spüren. Der rote Teppich war abgetreten, die Zimmer waren viel kleiner, sie lagen eng nebeneinander Tür an Tür.

Mademoiselle Bruno pflegte das fünfte Stockwerk immer die »Dienstbotenetage« zu nennen, aber tatsächlich war sie gar nicht unglücklich, daß sie hier untergebracht war. Von ihrem Fenster aus hatte sie einen herrlichen Blick über die Dächer von Monte Carlo, auf das blaue Meer hinaus, wo die weißschimmernden Luxusjachten verankert waren. Außerdem hatte ihr Zimmer kein Telefon, so daß Monsieur Dupon sie, wenn sie sich erst einmal getrennt hatten, nicht alle fünf Minuten mit irgendeinem Wunsch belästigen konnte.

Als Mademoiselle Bruno den Schlüssel im Schloß drehen wollte, merkte sie mit leichter Überraschung, daß die Tür nicht abgeschlossen war. Sollte sie das vergessen haben? Sie mußte versuchen, ihre Gedanken besser zusammenzuhalten. Monsieur Dupon hatte kein Verständnis für Nachlässigkeiten und Unachtsamkeiten seines Personals.

Sie öffnete die Tür. Drinnen brannte Licht, die kleine Nachttischlampe unter dem rosaroten Tuch, das sie selber darüberzulegen pflegte, um ihr Zimmer heimeliger zu machen.

Mademoiselle Bruno stutzte, trat dann, immer noch weit entfernt, irgendeine Gefahr zu wittern, entschlossen ein.

Sie prallte fast gegen den großen schlanken Mann, der, die Hände in den Hosentaschen, mitten im Zimmer stand, mit dem Rücken zum Licht.

Mademoiselle Brunos Augen weiteten sich vor Entsetzen, ihr Mund öffnete sich zu einem Schrei.

»Madame«, sagte der Fremde mit einer leichten Verbeugung, »entschuldigen Sie, Madame, habe ich die Ehre, mit Madame Durand zu sprechen?«

Seine Stimme klang ein wenig rauh, aber durchaus sympathisch.

Mademoiselle Bruno faßte sich sofort. »Nein«, sagte sie, »nein.«

Wieder verbeugte sich der Fremde. »Dann entschuldigen Sie bitte die Störung!« sagte er formell.

»Aber wie kommen Sie dazu, was fällt Ihnen ein?!«

»Guten Abend!« Der Fremde trat ruhig an ihr vorbei auf den Flur hinaus.

Mademoiselle Bruno blickte ihm nach, wie er gemächlich, die Türnummern auf beiden Seiten im Auge behaltend, den Flur entlang und auf die Treppe zuschritt. Dann verschwand er hinter der Biegung des Ganges.

Mademoiselle Bruno trat in ihr Zimmer zurück. Sie drehte den Schlüssel zweimal im Schloß herum, dann erst wagte sie aufzuatmen. Ihr Herz klopfte bis zum Halse. Sie hatte das Gefühl, einer großen Gefahr entronnen zu sein, schalt sich aber im selben Augenblick albern. Natürlich, es war nicht gerade angenehm, einem Fremden unverhofft im eigenen Hotelzimmer gegenüberzustehen, aber andererseits – der Mann hatte ihr ja nicht das Geringste getan, im Gegenteil, er war ausgesprochen höflich gewesen.

Hatte er wirklich nichts getan? Ein eisiger Schreck durchzuckte Mademoiselle Bruno. Vielleicht hatte er ihr etwas gestohlen?

Es war nicht viel, was sie besaß, und noch weniger hatte sie auf ihre Reise nach Monte Carlo mitgenommen. Ihre beiden traubenförmigen Perlenohrringe – sie waren echt, ein Erbe ihrer verstorbenen Mutter – trug sie in den Ohren. Das dünne Goldkettchen mit dem Rubinkreuz, das sie zur Kommunion erhalten hatte, hing um ihren Hals. Aber ihr Portemonnaie hatte sie, während ihrer Abwesenheit unter ihrer Wäsche versteckt, in dem schmalen Schrank gelassen. Sie fuhr mit der Hand unter die Wäscheteile, unter die sie das Portemonnaie gesteckt hatte, tastete blind, wühlte – nichts. Das Portemonnaie war fort. Sie warf die ganze Wäsche, Hosen und Hemden, Büstenhalter, Unterröcke und Strümpfe auf das Bett und räumte den Schrank vollständig aus. Es half ihr nichts. Das Portemonnaie war verschwunden. Sie suchte in der Kommode, im Nachttisch, in ihrem Koffer, aber das Portemonnaie war nicht da.

Mademoiselle Bruno war den Tränen nahe. Sechshundert Franken waren in dem Portemonnaie gewesen, das wußte sie ganz genau, nicht eben viel, aber für sie, eine Krankenschwester, die nur von ihrer Arbeit lebte, immerhin ein Betrag, den sie nicht mit leichtem Herzen verschmerzen konnte.

Wenn sie diesen Fremden doch nicht einfach hätte gehen lassen! Wenn sie ihn festgehalten hätte! Wenn sie wenigstens sofort die Hotelleitung alarmiert hätte!

Aber zu Selbstvorwürfen war es jetzt zu spät. Bestimmt hatte der Dieb das Hotel längst verlassen.

Wenn sie ihren Verlust jetzt meldete, würde sie damit höchstens Monsieur Dupon ärgern, der es nicht ertragen konnte, im Mittelpunkt der allgemeinen Neugier zu stehen. Mademoiselle Bruno war sicher, daß er ihr nicht einmal glauben würde, daß sie ihr Zimmer überhaupt abgeschlossen hatte. Noch nicht einmal die Polizei würde ihr glauben. Sie würden annehmen, daß sie ihr Portemonnaie irgendwo verloren oder verlegt hatte. Die Geschichte mit dem Unbekannten, der plötzlich vor ihr im Hotelzimmer gestanden hatte, klang auch tatsächlich zu unwahrscheinlich. Wie hätte sie es beweisen können? Sie konnte ihn ja nicht einmal beschreiben, denn sein Gesicht hatte während ihrer ganzen Unterhaltung immer im Schatten gelegen. Sie war viel zu aufgeregt gewesen, um sich irgendwelche charakteristischen Einzelheiten zu merken. Nur daß er groß und schlank gewesen war, das wußte sie, er hatte einen dunklen Anzug getragen, ja, wahrscheinlich einen Smoking, und – erst jetzt fiel Mademoiselle Bruno wieder ein, was von Anfang an merkwürdigerweise beruhigend auf sie gewirkt hatte – der Dieb hatte eine weiße Nelke im Knopfloch getragen.

Die Amerikaner Mr. und Mrs. Matheus Mac Closky bewohnten ein Luxusappartement im ersten Stock.

Sie weilten als persönliche Gäste der Filmschauspielerin Barbara Hilten in Monte Carlo, sie waren langjährige Freunde ihrer Eltern.

Das kleine Fürstentum Monaco bezauberte sie, sie fanden Monte Carlo einfach himmlisch, und sie wollten sich keine Sekunde des herrlichen Urlaubs in Europa, von dem sie noch ihren Enkelkindern erzählen würden, entgehen lassen. Sie besuchten in ihrer ersten Nacht an der Riviera das Spielkasino, durchstreiften dann mit einem Rudel befreundeter Amerikaner sämtliche Nachtlokale der Stadt und kamen erst in den frühen Morgenstunden in ihr Hotel zurück. Mrs. Mac Closky fühlte sich taumelig vor Müdigkeit und vom reichlich genossenen Champagner, sie brachte gerade noch die Selbstüberwindung auf, ihr Gesicht abzuschminken und sich auszuziehen. Ihren Schmuck fortzuschließen schien ihr entschieden zuviel verlangt.

Als sie unter die Daunendecke schlüpfte, wollte sie noch ein paar Worte über die Eindrücke des heutigen Abends sprechen, aber Mr. Mac Closky, Verleger und Zeitungsbesitzer in Philadelphia, erwies sich als noch viel weniger standfest als sie selbst – er schnarchte schon.

Das Ehepaar hatte keine Anweisung gegeben, geweckt zu werden, sie hatten die schweren Samtvorhänge vor die Fenster gezogen, damit kein Tageslicht eindringen konnte, und so kam es, daß sie erst gegen Mittag erwachten.

Mrs. Mac Closky knipste ihr Nachttischlämpchen an, streckte gähnend die weißen molligen Arme, sagte mit einem kleinen, fast wollüstigen Seufzer: »Oh, Matheus, ist es nicht wundervoll hier im alten Europa? Was für eine unvergeßliche Nacht! Die Musik, der Champagner und …« Sie stieß ihren Gatten in die Seite. »Warum sagst du denn nichts, Matheus!«

Mr. Mac Closky brummte etwas Unverständliches. Er war bei weitem nicht so gesprächig wie seine Gattin, und am frühen Morgen schon gar nicht.

Mrs. Mac Closky hatte auch gar keine Antwort erwartet, sie hatte sich nur vergewissern wollen, daß ihr Gatte wach war. Jetzt sprang sie mit beiden Beinen aus dem Bett, lief zu den hohen Fenstern und zog die Vorhänge zurück. »Wie schade!« sagte sie enttäuscht. »Jetzt müßte die Sonne scheinen!«

Da ihr Gatte auch auf diese Bemerkung nicht reagierte, tröstete sie sich selber. »Macht nichts, bei Barbaras Hochzeit scheint bestimmt die Sonne. Hast du auch so einen Bärenhunger, Matheus? Ich werde jetzt das Frühstück bestellen. Oder möchtest du lieber unten essen?« Wieder wartete sie eine Antwort nicht ab, sondern nahm den Telefonhörer auf und ließ sich mit dem Etagenkellner verbinden.

Wenig später – Mrs. Mac Closky hatte sich gerade ihren himmelblauen Morgenrock übergezogen – schoben zwei Kellner, der eine im schwarzen Frack, der andere in weißer Jacke, einen ovalen kleinen Serviertisch auf Rädern in das Zimmer und öffneten mit weißen Servietten glutheiße Silberschüsseln, in denen Spiegeleier, Speck und gebratene Nieren noch bruzzelten, gossen Grapefruit aus einer kristallenen eisumschichteten Karaffe in schimmernde Gläser, schoben Schüsselchen mit goldgelbem Honig und Quittenmarmelade zurecht und servierten Butterstücke auf Eiswürfeln.

Die Mac Closkys frühstückten mit gutem Appetit, sie ließen sich Zeit dabei, und ganz allmählich wurde auch Mr. Mac Closky gesprächiger und aufnahmefähiger. Er ging, während Mrs. Mac Closky sich die Kleidungsstücke, die sie anziehen wollte, zurechtlegte, als erster ins Bad. Mrs. Mac Closky wählte eine hauchdünne Perlonbluse, ein graues modisches Kostüm, dazu einen korallenroten kleinen Hut, der für sie den letzten Schrei bedeutete.

Sie hängte das Cocktailkleid, das sie am Abend zuvor getragen und ziemlich achtlos über einen Stuhl geworfen hatte, wieder sorgfältig auf einen Bügel und in den Schrank, nahm ihren Schmuck, ein Diamanthalsband und dazu passende Diamantohrclips vom Nachttisch, um sie in ihr Schmuckkästchen zurückzutun. Sie hatte es am Abend, bevor sie mit ihrem Mann und ihren Freunden das Hotel verließ, in den Schrank gestellt.

Aber es war verschwunden.

Ehe Mrs. Mac Closky das begriff, dauerte es eine ganze Weile. Sie wühlte, tastete, warf schließlich den ganzen Inhalt des Schrankes in weitem Bogen auf den Boden. Das Schmuckkästchen blieb verschwunden.

Mrs. Mac Closky schrie gellend. Dieser Schrei verschaffte ihr eine gewisse Erleichterung.

Sie rannte nebenan ins Badezimmer, wo ihr Mann ahnungslos unter der Brause stand. Das Geräusch des herabstürzenden Wassers hatte ihren Schrei übertönt. Mrs. Mac Closky drehte die beiden Hähne der Dusche ab, ungeachtet dessen, daß sie selber dabei einen Schwall warmen Wassers auf das wohlgepflegte aschblonde Haar bekam, sagte mit zitternder, aber immerhin bemerkenswert gefaßter Stimme: »Matheus! Mein Schmuck ist gestohlen!«

»Das bildest du dir doch nur ein!« erwiderte der Gatte ungerührt.

»Aber wenn ich dir doch sage …«

»Beruhige dich, Schätzchen, er ist wirklich nicht fort. Ich habe ihn ja noch eben auf deinem Nachttisch liegen sehen.«

»Aber ich meine doch nicht den, Matheus! Den anderen! Den in meinem Schmuckkästchen! Das ganze Schmuckkästchen ist weg. Verstehst du denn nicht!? Ich habe es gestern abend in den Schrank gestellt. Ganz hinten, hinter die Wäsche. Ich habe alles ausgeräumt. Er ist nicht mehr da!«

Jetzt war auch Mr. Mac Closky alarmiert. Er kletterte aus der Badewanne, schlang sich das große, vorgewärmte Badetuch um den Körper und stapfte ins Schlafzimmer zurück, wobei er eine Tropfspur bis zu dem sperrangelweit geöffneten, gähnend leeren Schrank hinterließ.

»Was sollen wir jetzt bloß tun? Was soll ich tun?« jammerte Mrs. Mac Closky.

»Hm«, sagte Mr. Mac Closky und griff mit seiner nassen Hand zum Telefon, »ich werde den Manager kommen lassen.«

Kaum eine halbe Minute später wurde an die Tür des Appartements geklopft, und Direktor Mercier trat ein. Er war ein schmaler, sehr gepflegter Herr, dessen glattes dunkles Haar schon schütter zu werden begann und deshalb besonders sorgfältig frisiert wurde. Als er den ausgeräumten Schrank und davor den nassen Mac Closky sah, der immer noch seine Blöße lediglich mit einem Badetuch bedeckte, trat in seine großen dunklen Augen ein nervöses Zwinkern.

»Wir sind bestohlen worden«, erklärte Mr. Mac Closky mit einer dramatischen Handbewegung.

»Ihre Anzüge?« fragte Direktor Mercier beunruhigt.

»Nein, natürlich nicht! Wie kommen Sie darauf?« Mr. Mac Closky wurde sich jetzt erst bewußt, in welchem Aufzug er sich befand. »Ach so«, sagte er, »nein, darum handelt es sich nicht. Der Schmuck meiner Frau ist gestohlen worden!«

»Er war in einem roten Lederkästchen«, fügte Mrs. Mac Closky aufgeregt hinzu. »Ich hatte es gestern abend in den Schrank gestellt! Hierhin! Als ich eben danach sehen wollte, war es weg. Der Schmuck und das Kästchen!«

»Das ist sehr bedauerlich, Madame!«

»Mehr haben Sie dazu nicht zu sagen?« rief Mr. Mac Closky empört.

»Ich kann nur noch einmal betonen, daß ich diesen Zwischenfall zutiefst bedaure, Monsieur«, sagte Direktor Mercier, »allerdings, ich kann Ihnen nicht verhehlen, Sie hätten entschieden klüger daran getan, Ihren Schmuck den Hotelsafes zur Aufbewahrung anzuvertrauen.«

»Wir konnten ja nicht ahnen, daß es in Ihrem Hotel von Dieben wimmelt!«

»Das, Monsieur, scheint mir nun doch übertrieben!« Monsieur le Directeur verlor nicht eine Sekunde die Ruhe. »Jedoch muß man bei dem Ereignis der vor der Tür stehenden großen Hochzeit unbedingt damit rechnen, daß … Die Hotelleitung trifft ganz gewiß kein Vorwurf. Wir haben die Anzahl unserer Privatdetektive schon seit Wochen verdoppelt. Übrigens darf ich doch wohl annehmen, daß der Schmuck versichert war?«

»Versichert? Aber selbstverständlich!« sagte Mr. Mac Closky.

»Das freut mich, das freut mich ungemein. Es wird Ihnen also kein Schaden entstehen, und somit denke ich …«

»Kein Schaden entstehen?« Mrs. Mac Closky, die bisher in bewundernswerter Weise Ruhe bewahrt hatte, verlor plötzlich die Nerven. »Was reden Sie denn da? Kein Schaden entstehen! Ja, wir werden die Versicherungssumme ausbezahlt bekommen, wenn wir Glück haben, aber was nutzt uns das? Was soll ich bei der Hochzeit von Barbara anziehen? Wie kann ich mich überhaupt unter die Gäste wagen? Ohne Schmuck? Genauso gut könnte ich nackt gehen! Keinen Schaden! Wie Sie es wagen können, so etwas zu sagen!«

»Beruhigen Sie sich, Madame«, sagte Directeur Mercier und fügte mit echt französischer Galanterie hinzu: »Ihre Schönheit würde ohnehin jeden Schmuck überstrahlen.«

»Oh«, sagte Mrs. Mac Closky und errötete tief. Sie war mollig und nicht mehr ganz jung, aber sie war nur zu gern bereit, dieses Kompliment als ehrliche Überzeugung zu nehmen.

»Ich werde selbstverständlich sofort die Police Monegasque verständigen, aber wenn ich mir eine Bitte erlauben darf: Die Hotelleitung und ich, wir wären Ihnen außerordentlich dankbar, wenn die unliebsame Angelegenheit diskret erledigt werden könnte. Sie werden verstehen, wir möchten verhindern, daß auch nur der kleinste Schatten auf die bevorstehende Hochzeit fällt!«

Obwohl Mr. und Mrs. Mac Closky strengste Diskretion – schon im Interesse ihrer »lieben Barbara« – versprachen, wußte eine knappe Stunde später das ganze Hotel vom Diebstahl des Schmuckkästchens. Mademoiselle Bruno und Monsieur Dupon, ein weißhaariger, spitzbärtiger alter Herr, saßen in der Hotelhalle beim Mokka, als auch zu ihnen diese Nachricht drang.

Ein amerikanischer Geschäftsfreund Monsieur Dupons war bei ihnen stehengeblieben und hatte es ihnen erzählt.

»Ein Dieb hier im Hotel?« sagte Monsieur Dupon. »Das scheint mir ganz unglaublich. Sehen Sie sich doch nur einmal um. Es wimmelt hier nur so von Privatdetektiven und Polizisten in Zivil!«

»Ja, es ist kaum zu glauben«, stimmte der Amerikaner zu, »aber die Tatsache steht ganz außer Zweifel. Die Mac Closkys würden so etwas nicht erfinden. Warum sollten sie auch?«

»Vielleicht war ihr Schmuck nicht der Rede wert!«

»Sie kennen die Mac Closkys nicht«, sagte der Amerikaner, »sie gehören zu den reichsten Leuten von Philadelphia. Matheus sagte mir, daß der Schmuck für sieben Millionen Franken versichert ist. Ich bin sicher, daß der alte Junge nicht lügt.«

»Sieben Millionen?« Monsieur Dupon zog die Luft durch die Zähne. »Alle Achtung. Dann scheint mir jemand ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Und Steuern braucht so ein Bursche ja auch nicht zu zahlen.« Er sah Mademoiselle Bruno an. »Was machen Sie denn für ein Gesicht? Ist Ihnen nicht gut?«

»Oh, doch, nur ich glaube, ich habe den Dieb gesehen!« platzte die Krankenschwester heraus.

»Sie? Nun machen Sie aber keine Geschichten!«

»Doch, Monsieur Dupon, ich habe ihn nicht nur gesehen, er hat mich auch bestohlen! Ganz bestimmt. Gestern abend, als ich in mein Zimmer kam …« Mademoiselle Bruno erzählte ihr Erlebnis.

»Warum haben Sie mir das nicht gleich gestern abend gesagt, Sie dumme Gans!« herrschte Monsieur Dupon sie an.

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
330 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711719107
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar