Kitabı oku: «Vergib uns unsere Schuld»
Marie Louise Fischer
Vergib uns unsere Schuld
Roman
SAGA Egmont
Vergib uns unsere Schuld
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)
represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1984 by Heyne Verlag, Germany
All rights reserved
ISBN: 9788711719244
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Der Schnee war krank.
Dort, wo die Trauergemeinde stand – dicht aneinandergedrängt wie eine Herde Schafe bei Gewitter, dachte Eduard Lechner, Redakteur des ›Volksblattes‹ –, war der Schnee unter den schweren, trampelnden Füßen zerstampft und hatte sich in trüben, graugelben Matsch verwandelt.
Der Vergleich mit der Schafherde gefiel Lechner. Schade, daß er ihn in seinem Artikel über die Beerdigung von Luise Holzboer nicht gebrauchen konnte. Unauffällig streifte sein Blick die Gesichter der Begräbnisteilnehmer; sie alle zeigten den gleichen leeren Schafsausdruck.
Der Pfarrer schwieg. Plötzlich waren die hellen Stimmen, das Jubeln und Kreischen der Kinder sehr nahe, die auf dem Hügel hinter dem Friedhof rodelten oder ihre Skier ausprobierten.
Eduard Lechner bemerkte, wie Bürgermeister Rollmann unruhig wurde und seinen Kopf in Richtung des Geschreis drehte. Viele folgten seinem Blick. – Ein unverzeihlicher Organisationsfehler, dachte Lechner, typisch für unsere Stadt.
Vier schwarzgekleidete Männer hoben den Eichensarg an. Die Gemeinde begann zu beten.
Lechner blickte in den Sucher seiner Kamera und drückte auf den Auslöser. Einmal, noch einmal und noch einmal. Eines der Bilder würde wohl gelingen. Er formulierte im Geiste die Unterschrift: ›Der kostbare Eichensarg mit der sterblichen Hülle von Frau Luise Holzboer wird, über und über mit Kränzen und Blumen beladen, in die Tiefe gesenkt.‹
Die Gemeinde betete noch immer.
Der Mesner reichte Pfarrer Scheurer eine Schaufel voll Erde. Der Pfarrer warf mit feierlicher und segnender Gebärde drei kleine Sandgaben auf den Sarg, der in der Tiefe der Gruft verschwunden war.
Der Kapellmeister der Feuerwehrmusikkapelle hob die Hände, und nach einem Mißton der großen Trompete setzten alle Instrumente fast gleichzeitig mit einem dröhnenden Choral ein.
Pfarrer Scheurer war zurückgetreten. Einen Augenblick stand der Meßdiener allein am Kopfende des Grabes, dann trat Wilhelm Holzboer, der für Lechner bisher nicht sichtbar gewesen war, ins Bild. Der Journalist stellte fest, daß er, wie immer, seinen dunkelgrauen, mit Pelz gefütterten Wintermantel trug; er hatte es also nicht für nötig befunden, sich schwarz zu kleiden. Lechner ärgerte sich einen Moment, daß er sich darüber wunderte. Er hätte Holzboer doch zur Genüge kennen müssen, um zu wissen, daß die Anschaffung eines schwarzen Mantels für eine Beerdigung in seinen Augen hinausgeworfenes Geld war.
In der behandschuhten Linken hielt Wilhelm Holzboer seinen schwarzen Zylinder, mit der Rechten griff er jetzt in die Erde auf der Schaufel, warf mit einer Gebärde, die herausfordernd wirkte, seine drei Gaben in die Gruft und wandte sich ab. Er trat zurück neben den Pfarrer, zögerte einen Augenblick, dann stülpte er seinen Zylinder auf den runden, kahlen Schädel, der von grauen Locken umkränzt war.
Ohne es zu wollen, war Eduard Lechner fasziniert von der starken Ausstrahlung dieser Persönlichkeit. Wilhelm Holzboer hatte das feste, runde Kinn vorgeschoben, die vollen Lippen zusammengepreßt. Der Ausdruck seiner Augen, die starr geradeaus blickten, war nicht zu deuten. Die buschigen Augenbrauen, die an der Nasenwurzel zusammengewachsen waren, gaben seinem Gesicht etwas Herrisches.
Was mochte in diesem Augenblick in Wilhelm Holzboer vor sich gehen? Bereute er seine Härte einer Frau gegenüber, die ihm jeden Wunsch von den Lippen abgelesen hatte, die ihm Sklavin, ja willenloses Werkzeug gewesen war? Trauerte er um den Verlust seiner Lebensgefährtin, mit der er doch über dreißig Jahre lang Tag für Tag, im Haus und im Geschäft zusammengewesen war? Klagte er sich an, daß er schuld an ihrem Tode war?
Eduard Lechner wußte, daß es so war. Doktor Vogelsang hatte es ihm in einer geschwätzigen Minute, erschüttert vom Tod seiner Patientin, durch einige schnell hinuntergestürzte Schnäpse gelockert, erzählt. Luise Holzboer hätte nicht zu sterben brauchen. Die Lungenentzündung, die ihren durch ununterbrochene Arbeit geschwächten Körper überfallen hatte, hätte nicht tödlich enden müssen, wenn die Patientin nicht vorzeitig aufgestanden wäre. Sie befand sich schon auf dem Wege der Besserung, Doktor Vogelsang glaubte sie über dem Berg, als er sie bei seinem nächsten Besuch mit hohem Fieber, fast schon in Agonie vorfand. Er hatte getobt, als er erfahren hatte, daß sie aufgestanden war. Jedenfalls behauptete er, getobt zu haben. Lechner, der wußte, wie sehr Doktor Vogelsang vor Holzboer zitterte, bezweifelte es. Wilhelm Holzboer hatte zwar nicht von seiner Frau verlangt aufzustehen, aber sie wußte, daß er kranke Menschen haßte, und Luise Holzboer war es gewohnt, auch seinen unausgesprochenen Befehlen zu gehorchen, und das hatte sie umgebracht.
Eduard Lechner schrak aus seinen Gedanken auf. Er hatte es versäumt, ein Bild von Wilhelm Holzboer am Grabe seiner Frau zu knipsen, und gerade das war es, was seine Leser sehen wollten.
Er schaute in seine Kamera. Eine schmale, schwarzgekleidete Gestalt, tief verschleiert, tastete sich sehr vorsichtig, Schritt für Schritt, über die aufgebrochene Erde zum Kopfende des Grabes: Juliane Holzboer. Er hob den Blick, ihr Gesicht war unter dem engmaschigen Schleier nicht zu erkennen.
Jetzt warf sie ihre drei Gaben Erde auf den Sarg. Ihre Bewegungen wirkten sicher und gelassen. Dann trat sie vom Grab zurück, einen Augenblick sah es aus, als würde sie stolpern – Eduard Lechner war schon auf dem Sprung, ihr zu Hilfe zu eilen, obwohl das ganz unsinnig war, weil er viel zu weit vom Grab entfernt stand – dann aber hatte sie sich wieder gefangen, trat noch einen Schritt zurück und stand jetzt wieder an der Seite ihres Vaters.
Mit raschen, gewandten Schritten trat Christiane Holzboer an das Grab. Auch sie war tiefschwarz gekleidet, aber ihr Gesicht war nicht verschleiert. Ihr helles, blondes Haar leuchtete unter dem schwarzen Hut, ihre Lippen glühten, obwohl sie sie offensichtlich nicht geschminkt hatte. Ihre langen Wimpern waren schwarz getuscht und ließen ihre hellen, blauen Augen ausdrucksvoller erscheinen.
Es war ein hübsches Bild, wie sie da am Grabe ihrer Mutter stand, und einen Augenblick stieg in Lechner der Verdacht hoch, daß sie wußte, wie hübsch dieses Bild war. Rasch und anmutig warf sie ihre Gaben Erde ins Grab, und Lechner knipste, noch bevor sie zu ihrem Vater und ihrer Schwester zurücktrat. Sie holte ein blütenweißes Tüchlein aus ihrer Handtasche, betupfte sich sehr vorsichtig und graziös die Augenwinkel.
Dann kam Wilhelm Holzboer junior an die Reihe. Lechner hatte ihn lange Zeit nicht gesehen, und er staunte, wie ähnlich der Junge seinem Vater geworden war. Seine noch kindlichen Züge zeigten keine Trauer, eher schien er zornerfüllt, als er jetzt die drei Handvoll Erde in die Grube warf. Auf wen mochte er zornig sein? Auf seinen Vater? Auf die Tote? Auf Gott, der ihm die Mutter genommen hatte?
Er trat zurück und stellte sich zu seiner Familie.
Da standen sie, die vier Holzboers, die Dynastie der kleinen süddeutschen Stadt Leuchtenberg. Man hätte erkennen können, daß sie von einem Fleisch waren, auch ohne ihre Gesichter zu sehen – sie hatten alle die gleiche charakteristische, sehr aufrechte Haltung, den gleichen steifen Nacken. Nebeneinander standen sie am Grab, ungebeugt und ohne sichtbare Trauer. Keiner von ihnen zeigte das leiseste Anzeichen von Schwäche.
Lechner, der die ganze Zeit durch den heißen Atem seines Hintermannes im Nacken irritiert worden war, wandte sich um, murmelte ein Wort der Entschuldigung, drängte sich durch die dichte Menge etwas rückwärts und hielt dann seine Kamera hoch über dem Kopf, um sie alle vier auf das Bild zu bekommen.
Die Feuerwehrmusikanten hatten den Choral beendet. Der Kapellmeister gab ein Zeichen, worauf sie begannen, ihre Instrumente wieder einzupacken. Die Menge geriet in Bewegung. Die einen drängten zum Ausgang des Friedhofs, die anderen nach vorne zum Grab. Langsam gingen sie an den Holzboers vorbei, drückten einem nach dem anderen die Hand. Sie machten den Holzboers ihre Reverenz, sie beugten sich vor der Macht des Geldes.
Eduard Lechner schoß noch ein paar Aufnahmen, dann klappte er seinen Fotoapparat zusammen, verstaute ihn im Lederfutteral. Die Beerdigung war vorüber. Es gab nichts mehr aufzunehmen und nichts mehr zu beschreiben. Aber er hatte einen Artikel im Kopf. Wenn die Fotografien nicht gewesen wären, hätte er überhaupt nicht zur Beerdigung kommen brauchen, denn er hatte schon vorher gewußt, wie sich alles abspielen würde. Die Wahrheit durfte er ohnehin nicht schreiben, denn die wollte niemand lesen. Ganz abgesehen davon, daß er schon morgen entlassen worden wäre, wenn er es wagen würde, Wilhelm Holzboer, den größten Inserenten des ›Volksblattes‹, in einem Zeitungsartikel anzugreifen und herauszufordern.
Er würde die üblichen Phrasen dreschen müssen, von der sozialen Haltung der Verstorbenen, ihrer Güte und Großzügigkeit, würde mit rührseligen Worten die tiefe Trauer der Hinterbliebenen beschreiben und behaupten müssen, wie schmerzlich der unersetzliche Verlust dieser Frau sie alle getroffen habe.
Die Wahrheit durfte er nicht schreiben, und es hätte auch keinen Sinn gehabt, denn jeder kannte sie sowieso. Jeder wußte, daß Luise Holzboer nichts weiter˂ gewesen war als das Echo ihres Mannes, liebenswürdig zu denen, die ihren Mann schätzten, noch ablehnender als er selber denjenigen gegenüber, die es wagten, sich ihm in den Weg zu stellen.
Jeder wußte, daß Wilhelm Holzboer nicht der willkommene Wohltäter der Stadt war, sondern ein verhaßter Usurpator, daß er die Mittel, die er gebraucht hatte, um sein Warenversandhaus ›Jedermann‹ zu gründen, aus einer üblen Manipulation gewonnen hatte. Er hatte es verstanden, ungeheure Mengen von Kleidungsstücken, aus billigem Material und schlecht verarbeitet, bis zum Moment der Währungsreform zu horten, um sie dann mit einem Schlag auf den Markt zu bringen und das ganze Gebiet südlich von München zu überschwemmen. Harte D-Mark waren damals, vor drei Jahren, der Lohn seiner »kaufmännischen Weitsicht‹ gewesen.
Aber wer hätte es gewagt, ihm einen Vorwurf daraus zu machen? Das ›Versandhaus Jedermann‹ stellte eine Macht dar, die halbe Stadt lebte davon. Spielte es eine Rolle, mit welchen Mitteln es gegründet worden war?
Eduard Lechner war der letzte, der es gewagt hätte, in das Geschäftsgebaren Wilhelm Holzboers hineinzuleuchten. Es ging ihn nichts an, und er hatte sich schon längst zu der Überzeugung durchgerungen, sich niemals um Dinge zu kümmern, die ihn nichts angingen.
Nach einem kurzen Zögern ordnete er sich in die Reihen seiner Mitbürger ein, die darauf warteten, dem mächtigen Wilhelm Holzboer ihr Beileid ausdrücken zu dürfen.
Die gleichtönenden Beileidsworte, die man ihm zumurmelte, drangen nicht bis zu Wilhelm Holzboers Bewußtsein. Mechanisch drückte er die Hände, die ihm gereicht wurden, seine Gedanken waren weit weg. Sie drehten sich, wie immer, um seine Geschäfte.
»Juliane, Kind – halt den Bürjermeister auf! Ich han noch mit ihm zu reden«, sagte er plötzlich. Seine Stimme klang laut und dröhnend. Er machte nicht den Versuch, seinen rheinischen Dialekt, der durch einen langen Aufenthalt in Berlin leicht verfärbt war, zu verleugnen, sondern übertrieb ihn noch, um den Einheimischen zu beweisen, wie wenig es ihn störte, daß sie ihn als ›Zuagroasten‹, als Fremden, anfangs bitter bekämpft hatten und ihn auch heute noch innerlich ablehnten.
»Ich, Vater?« fragte Juliane.
»Warum nich?« In Wilhelm Holzboers Stimme schwang gereizte Ungeduld.
Julianes Hände krampften sich zusammen, sie zitterte bei dem Gedanken, daß er es fertigbringen könnte, sich hier in aller Öffentlichkeit über ihr lahmes Bein lustig zu machen.
»Ich geh’ schon, Vater«, sagte ihr Bruder halblaut und löste sich aus der Gruppe.
»Wat hat er jesacht?« Wilhelm Holzboer dachte nicht daran, seine Stimme zu dämpfen.
»Helm wird’s ihm ausrichten, Vater«, erklärte Juliane.
»Dat is jut.«
Während Wilhelm Holzboer starr aufgerichtet dastand, Hände schüttelte und die Beileidsworte an seinem Ohr vorbeiklingen ließ, verfolgten seine Augen den Sohn, der sich entschlossen einen Weg durch die Trauergemeinde bahnte. Der junge Wilhelm ging, so rasch er konnte, aber die Menge, die teilweise immer noch zögernd zwischen den Gräbern herumstand, behinderte ihn.
Plötzlich verlor Wilhelm Holzboer die Geduld. »Kommt, Kinder … laßt uns jehen!« sagte er laut. Ohne sich um die Schlange der Leuchtenberger Bürger zu kümmern, die darauf warteten, ihm die Hand zu schütteln, bahnte er sich einen Weg zum Friedhofsausgang.
Unwillkürlich wich alles links und rechts zurück, so daß er ungehindert vorwärtsdrängen konnte. Seine Töchter folgten ihm, nach allen Seiten grüßend.
Wilhelm Holzboer erreichte den Bürgermeister erst außerhalb des Friedhofstores, wo er in Begleitung des Stadtbaurates vor seinem Dienstwagen stand und auf ihn wartete. Der junge Wilhelm hatte ihm die Botschaft seines Vaters schon ausgerichtet.
»Bürjermeister!« dröhnte Wilhelm Holzboers Stimme von weitem.
Die beiden Herren trennten sich, und Bürgermeister Rollmann kam Wilhelm Holzboer beflissen entgegen.
»Bitte, verzeihen Sie vielmals, Herr Holzboer«, begann der Bürgermeister sofort, »es ist mir sehr unangenehm …«
»Wat soll ich verzeihn?«
»Diesen Zwischenfall mit den Kindern. Ich weiß, der Lärm war außerordentlich störend, und ich werde …«
»Ah ba! Dat is doch janz ejal. Ich han ein janz anderes Hühnchen mit Ihnen zu rupfen, Bürjermeister …«
Bürgermeister Rollmann war irritiert. »Doch nicht hier, Herr Holzboer«, sagte er.
»Warum nich? Sie sind ’ne alter Fisimatentenmacher! Nu passen Se mal auf … ich han da ein Schreiben von der Friedhofsverwaltung jekriecht, wejen dem Grabmahl von der juten Luise. Diese Bunken wollen mir da doch wahrhaftig Vorschriften machen …«
»Wenn ich Ihnen das kurz erklären darf, Herr Holzboer«, unterbrach ihn der Bürgermeister, bemüht, das unangenehme Gespräch so schnell wie möglich zu beenden, »es ist nämlich so, daß es für unseren städtischen Friedhof eine Verordnung gibt, nach der einzelne Grabstätten, ich will nicht gerade sagen, genormt sein müssen, aber doch immerhin eine gewisse Höhe und eine gewisse Breite nicht überschreiten sollen. Diese Verordnung erstreckt sich auch auf die Ausstattung des Grabes, auf die Anpflanzung von Bäumen und dergleichen …«
»Und für wat soll dat jut sein?« unterbrach Wilhelm Holzboer ihn dröhnend.
»Man hofft, auf diese Weise dem Friedhof einen einheitlichen Charakter zu geben,es handelt sich dabei vor allem um ästhetische Gesichtspunkte, Herr Holzboer …«
»Dat is ’n dolles Ding. Man darf also in diesem Kuhkaff nich mal beerdigt werden, wie man will?«
»Soviel ich weiß, gibt es in allen Städten und auch in den Landgemeinden ähnliche oder gleichlautende Verordnungen über die Gestaltung der Friedhöfe.«
»Dann kann ich nur sajen – dat is ’ne schöne Demokratie, in der wir leben!«
»Es tut mir sehr leid, Herr Holzboer, wenn Sie das so auffassen …«
»Ja, so fasse ich dat auf, Herr Bürjermeister. Ich muß Sie doch dringend bitten, da einzuschreiten. Schließlich is et doch ’ne kleine Unterschied, ob da irgend ’ne Frau Piesepampel bejraben wird oder ’ne Frau Luise Holzboer!«
»Ganz gewiß, Herr Holzboer.«
»Und außerdem, dat soll ja auch ein Familienjrab werden, verstehen Se, so ’ne Art Jruft, und dann muß et doch auf jeden Fall wat Imposantes sein, dat werden Se doch verstehen, wat?«
»Ich verstehe Ihre Wünsche vollkommen.«
»Dat freut mich. Dann lassen Se sich jleich mal von meiner Sekretärin den janzen Vorjang jeben und jehen damit zum Friedhofsamt, und machen Se den Behörden’n bißchen Dampf unter den Hintern.«
»Ich werde tun, was in meiner Macht steht …«
»Dat möcht’ ich auch jehofft haben.«
Wilhelm Holzboer tippte grüßend mit der Hand an seinen Zylinder und nahm die tiefe Verbeugung des Bürgermeisters mit Genugtuung zur Kenntnis. Dann stapfte er durch den Schneematsch zu seinem Auto, in dem seine beiden Töchter inzwischen schon Platz genommen hatten.
»Wo steckt denn der Jung?« fragte er, als er sich ächzend in das Polster hatte fallen lassen.
»Er ist schon zu Fuß nach Hause gegangen, Vater«, erklärte Juliane.
»Dann fahren wir los. Ich han’ne Mordshunger.«
Das Haus, in dem die Familie Holzboer seit Jahren wohnte, war alt, düster und verbaut. Wenn man die Haustür öffnete, schlug einem ein modriger, unangenehmer Geruch entgegen, aber die Holzboers merkten es kaum noch.
AlEs war kurz nachs der junge Wilhelm in den dunklen Hausflur trat, mußte er daran denken, daß er als Kind fest davon überzeugt gewesen war, irgendwo in diesem Haus müßte eine Leiche versteckt sein. Er hatte oft das ganze Haus vom Keller bis zum Dachboden nach dieser Leiche durchsucht, von Hoffnung und Angst zugleich erfüllt, sie zu finden.
Manchmal, wenn er nachts aufwachte, hatte ihn der Gedanke an diese Leiche nicht wieder einschlafen lassen. Aber es gab keine Leiche in diesem Haus, heute wußte er es. Trotzdem konnte er über seine kindlichen Ängste nicht lächeln, denn der Geruch erinnerte ihn gegen alle Vernunft an Verwesung.
Wilhelm war froh, daß niemand ihm entgegenkam. Er hängte seinen Mantel rasch an den Garderobenständer, lief die Treppen hinauf in sein Zimmer, eine ausgebaute Dachmansarde. Dort warf er sich auf das weißlackierte Eisenbett, zündete sich eine Zigarette an und schloß die Augen.
Es war vorüber. Er versuchte, sich darüber zu freuen, daß alles vorüber war.
Mutter war tot, damit mußte er sich abfinden, und es hätte ihm auch nichts genützt, wenn sie noch lebte. Sie hätte ihn doch nicht begriffen. Vielleicht hatte sie ihn geliebt, ja, er war eigentlich sicher, daß sie ihn geliebt hatte, aber geholfen hatte sie ihm nie. Sie hatte es nicht gewagt. Sie hatte es nicht einmal verstanden, wenn er sich gegen irgendwelche Anordnungen des Vaters aufgelehnt hatte. Immer wenn er an die Mutter dachte, an die kleine, verarbeitete, ausgemergelte Gestalt mit dem farblosen, trockenen Haar, krampfte sich sein Herz vor Mitleid zusammen. Aber war sie wirklich zu bemitleiden? Jetzt, wo sie tot war, wo sie alles überstanden hatte, bestimmt nicht mehr.
Und früher? Vielleicht hatte sie es gerade so haben wollen, wie es war Vielleicht war sie sogar glücklich dabei gewesen. Sie hatte niemals geklagt, aber sie hatte auch selten gelacht. Nur manchmal, wenn der Vater plötzlich auf die Idee gekommen war, sie zu loben oder sich einen Spaß mit ihr zu machen, dann hatte ihr Gesicht gestrahlt. Vielleicht hatte sie ihn geliebt? Konnte man einen Mann wie den Vater lieben?
Wilhelm hörte das Knarren auf der Treppe. Unwillkürlich verbarg er seine Zigarette in der hohlen Hand.
Ohne vorher anzuklopfen, öffnete die Tante die Tür und steckte ihren Kopf in Wilhelms Zimmer. »Pappa is da, Jung’. Komm essen!« Mißbilligend schnüffelte sie den Zigarettenrauch.
»Schon?« fragte er zurück. Aber sie war bereits wieder verschwunden. Er hörte, wie sie die Treppe hinunterlief. Sie hatte Angst vor Vater wie alle in diesem Haus, außer ihm.
Er fürchtete seinen Vater nicht, er haßte ihn nur. Und das war viel besser so.
Das Eßzimmer war der größte Raum in dem alten Haus, der einzige, in dem sich die Familie vollzählig und regelmäßig zusammenzufinden pflegte. Das Zimmer war – wie alles im Haus, außer Christianes Stube – lieblos und ohne Geschmack eingerichtet. Die Holzboers schämten sich nicht, deutlich zu zeigen, daß sie nur hausten. Wilhelm Holzboer war es seit eh und je gleichgültig gewesen, wie der Schreibtisch aussah, an dem er arbeitete, oder das Bett, in dem er schlief, und alles andere interessierte ihn auch nicht. Die anderen aber hatten das Haus immer nur als Provisorium aufgefaßt. Es hatte keinen Zweck, sich darum zu bemühen, es wohnlich einzurichten, es war und blieb ein alter Rumpelkasten. Vor ein paar Jahren war eine Zentralheizung eingebaut worden, weil die Arbeit mit all den Öfen nicht mehr zu bewältigen war. Das war aber auch alles. Sobald das neue Firmengebäude stand, sollte ja sowieso ein neues Haus gebaut werden, ein Haus mit allen Schikanen, großen, gekachelten Badezimmern, einer Hausbar, einer Ölheizung, Perserteppichen und gotischen Madonnen. Die Frauen – Mutter, Christiane und die Tante,. ja sogar Juliane – hatten sich oft stundenlang über das neue Haus unterhalten, das alte interessierte sie nicht.
Als der junge Wilhelm eintrat, waren schon alle versammelt, und er bemerkte sofort, daß der Vater kurz vor einem seiner gefährlichen Jähzornausbrüche stand. Sein Kopf hatte sich gerötet, die Zornesader, die quer von der Stirn zur Nasenwurzel führte, war bedrohlich geschwollen.
Einen Augenblick glaubte Wilhelm, daß die Wut seines Vaters ihm galt. Er war bemüht, sich so geräuschlos wie möglich zu setzen, zwang sich, »Entschuldige, bitte« zu murmeln.
Niemand hörte es.
»Raus damit!« brüllte Wilhelm Holzboer. »Raus, sage ich euch!« Und er stieß mit einer wilden Bewegung die Schüssel mit dem Hühnerfleisch, die die Tante gerade auf seinen Platz gestellt hatte, von sich. »Ihr wollt mich wohl verjiften, ihr Bagage, ihr!«
»Bring das Fleisch hinaus, Tante«, sagte Juliane sehr ruhig. »Du hörst doch, daß Vater es nicht essen will.«
»Ja, aber …« Die Tante nahm hastig, als ob sie fürchtete, geschlagen zu werden, die Schüssel mit dem Hühnerfleisch fort und ging damit auf die Küchentür zu. »Ja, aber …« stammelte sie, »ja, aber… «
Wilhelm Holzboer leerte ein großes Glas Mineralwasser in einem Zug, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und goß sich gleich wieder ein.
Juliane hatte schon damit begonnen, aus der bauchigen Suppenschüssel Erbsensuppe in die Teller zu füllen, die vor ihr aufgestapelt standen. Sie reichte den ersten Wilhelm Holzboer hinüber.
Er wartete nicht, bis die anderen ihr Essen hatten, sondern begann sofort gierig zu löffeln. »Ätzesupp, dat is jut. Wer hat denn dat jekocht? Dat schmeckt ja jroßartich.«
»Frau Bärlein«, sagte Juliane und teilte weiter Suppe aus.
»Siehst du, Kindchen, dat is ’n Essen für ’nen Mann, der den janzen Tach schwer arbeitet. Kannste dat nich versteh’n? Mit so’nem jeschmacklosen Hühnerfleisch kannste doch keinen Hund hinterm Ofen vorlocken.«
»Das hatte ich auch nicht vor, Vater.«
»So, hattest du nich?« Er beobachtete sie lauernd über seinen Löffel hinweg.
»Nein, Vater.«
»Warum läßte mir dann so’n Zeuchs auf den Tisch stellen? Oder war et etwa die Tant’, die …«
»Nein, Vater, die Tante ist vollkommen unschuldig daran. Wenn du es für richtig hältst, dann kannst du mich ausschimpfen.«
»Dat han ich mir jedacht, Kind. Du kannst mich nich schnell jenuch im Jrab sehn, wat? Mach nich so’n Jesicht, sonst muß ich dir eine knallen! Denkt ihr, ich weiß nich, wat ihr euch wünscht? Ihr seht mich lieber dot als lebendich, alle miteinander!«
»Dann brauchte ich mir nicht soviel Mühe mit deiner Diät zu geben!«
»Diät! Wenn ich dat schon höre.«
»Doktor Vogelsang hat sie dir verordnet.«
»Dieser alte Idiot!«
Die Tante war zum Tisch zurückgekehrt und begann hastig, ihre Suppe zu löffeln. Niemand sagte ein Wort. Es war nichts zu hören als das Klappern der Löffel und das schlürfende Geräusch, mit dem Wilhelm Holzboer seine Suppe einsog.
»War et eine schöne Leich’?« versuchte die Tante ein Gespräch in Gang zu bringen.
»Dat kann man wohl sajen«, erklärte Wilhelm Holzboer selbstgefällig.
»Ich wunderte mich, dat ihr alle so schnell zu Hause wart.«
»Vater ist einfach gegangen«, sagte Christiane.
»Wat, Willem du bist jejangen?«
»Ja, wat denn sonst? Meinst du, es hätt’ mir Spaß jemacht, mich vor diesem Volk zum Popanz machen zu lassen?«
»Aber, Vater! Die Leute haben es doch gut gemeint. Es ist nun mal Sitte, daß man bei einer Beerdigung kondoliert«, erklärte Juliane.
»Pah, jlaub dat nich, dat die et jut jemeint haben. Die wissen janz jut … ich han mehr Jeld als die alle zusammen.«
»Ich fürchte, Vater, du hast die Leute schrecklich beleidigt, weil du so schnell gegangen bist«, sagte Christiane.
»Die und beleidicht? Die kann man jar nicht beleidijen, Kind.«
»Meinst du wirklich?«
»Ja, dat mein ich. Die leben ja alle von unserem Jeld.«
»Sicher, Vater«, sagte Juliane, »aber ich glaube, sie tun es nicht gerne.«
»Wer zwingt sie denn dazu? Ich etwa?«
»Ich will dir keinen Vorwurf machen, Vater …«
»Dat hätt’ noch jrad jefehlt. Ich will dir mal wat sajen, Kind, dat janze Volk hier is eine Begage! Denen is et janz ejal, ob du se mit dem Stiebei in den Hintern trittst, wenn se man bloß mit der Nase ins Jeld fallen.«
»Dat is aber doch schad’, Willem«, sagte die Tante, »so ’ne schöne Leich’. Bei uns zu Hause …«
Der junge Wilhelm, der bis jetzt lustlos in seiner Suppe gestochert hatte, unterbrach sie. »Könnten wir nicht zur Abwechslung mal von was anderem sprechen?« sagte er heftig.
Wilhelm Holzboer wandte sich ihm zu. »Wat soll dat heißen? Paßt et dir etwa nich, von wat wir reden?«
»Ich finde …«, begann der junge Wilhelm, aber er stockte mitten im Satz, Christiane hatte ihn unter dem Tisch heftig gegen das Schienbein getreten.
»Ärgere dich nicht, Pappa.« Sie benutzte das Kosewort aus der Kinderzeit mit der Betonung auf der ersten Silbe und lächelte ihrem Vater herzlich zu. »Wilhelm ist ein bißchen durcheinander von der Beerdigung und dem allem. Er redet nur so daher.«
»Dat will ich hoffen.«
»Es war ja auch überwältigend, nicht wahr, Pappa?« fuhr Christiane mit ihrem schönsten Lächeln fort.
»Dat jehört sich auch so«, sagte Wilhelm Holzboer befriedigt.
»Es war ein richtiges Volksfest«, redete Christiane weiter, um den Vater in guter Laune zu halten.
»Dat kann man wohl sagen. Und der Philipp Wispert mittendrin. Der hat sich wohl auch jedacht, er kann sich von meinem Jeld’nen juten Tag machen, wie?«
»Er wird bestimmt heute nachmittag wieder im Büro sein«, sagte Juliane.
»Dat möcht’ ich auch jehofft haben!« Wilhelm Holzboer stieß seinen leeren Teller von sich. »Und wat jibt’s jetzt Jutes?«
»’ne Schokoladenspeis, Willem«, sagte die Tante und stand auf.
»Her mit dem Zeuchs.«
»Vater, du weißt ganz genau …« begann Juliane.
»Dat stimmt!« unterbrach Wilhelm Holzboer sie. »Ich weiß janz jenau, wat mir schmeckt, und wat mir schmeckt, bekommt mir auch.«
»Doktor Vogelsang hat gesagt, Süßigkeiten sind Gift für dich.«
»Bleib mir vom Leib mit dem! Oder willste mich bös’ machen, Hinkebein?«
»Nein, Vater.« Julianes Stimme klang tonlos. Sie verteilte die süße Nachspeise auf die kleinen Dessertteller und duldete es regungslos, daß ihr Vater einen zu sich zog. Wilhelm Holzboer aß schmatzend und mit bestem Appetit.
»Hör mal, Pappa«, wagte Christiane einen Vorstoß, »kann ich wohl am Samstag frei kriegen?«
»Wo du dich vor der Arbeit drücken kannst …«
»Nein, ich hol’s nach, ganz bestimmt! Ich müßte bloß dringend nach München!«
»Wat willste denn da, Kind?«
»Ich habe gar nichts anzuziehen, Vater, nichts Schwarzes, meine ich, und in diesem Kaff hier ist wirklich nichts zu kriegen.«
Wilhelm Holzboer hob abwehrend die Hand, er starrte einen Augenblick wie geistesabwesend über sie hinweg, dann strahlte sein Gesicht auf, und er sagte: »Menschenskind, dat is ’ne Idee!«
»Darf ich?« fragte Christiane erfreut.
»Nu paßt mal auf, Kinder. Wat passiert, wenn plötzlich jemand stirbt? Man braucht schwarze Kledasch, und zwar schnell. Woher kriejen? In der Stadt jeht man ins nächste beste Kaufhaus, dat is klar. Aber aufʼm Land, in den Dörfern, in den kleinen Käsekaffs? Wißt ihr wat, dat kann ein jroßet Jeschäft werden. Wie wär’ et, Juliane, denk mal nach … wie wäre et, wenn wir ’ne Expreßabteilung für Trauerfälle bei uns anjliedern würden? Zwei Seiten im Katalog für Trauerkleidung von Mann, Frau und Kind, auf telejrafische Bestellung hin wird das Zeuchs sofort frei Haus jeliefert?«
»Ich fürchte, Vater …« begann Juliane.
Der Junge erhob sich brüsk. »Das ist ja zum Kotzen!« Er schmetterte seinen Löffel in den Teller, den er kaum angerührt hatte. Die Schokoladenspeise spritzte hoch.
»Wat fällt dir denn ein, Jung’?«
»Helm!« rief Christiane. »Benimm dich!«
»Setz dich sofort wieder hin!« befahl Juliane.
»Ach, laßt mich doch in Ruhe, ihr!« Der junge Wilhelm rannte aus dem Zimmer und warf die Tür hinter sich ins Schloß.
»Nu möcht’ ich bloß mal wissen, wat in den jefahren is!« sagte Wilhelm Holzboer mehr verblüfft als verärgert. »Könnt ihr mir erklären, wat der hat?«
Es war kurz nach Mittag.
Der junge Wilhelm Holzboer hatte sich umgezogen. Er trabte in Skihosen, schweren Winterschuhen und Rollkragenpullover, die Schlittschuhe an einem Riemen über die Schulter gehängt, zum ›Großen Loch‹ hinaus, dem Weiher vor der Stadt, auf dem die Schuljugend von Leuchtenberg im Winter Schlittschuh lief.
»Kaum, daß die Mutter unter der Erde ist …« sagte Frau Willkommner, die gerade eine Kundin aus dem Geschäft begleitet hatte und dabei einen neugierigen Blick auf die Straße warf.
»Wer?« fragte Zenzi, das Lehrmädchen.
»Wer schon! Der junge Holzboer natürlich.«