Kitabı oku: «Wenn das Herz spricht»

Yazı tipi:

Marie Louise Fischer

Wenn das Herz spricht

Roman

Saga Egmont

Wenn das Herz spricht

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof A/S

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)

represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1973 by Heyne Verlag, Germany

All rights reserved

ISBN: 9788711719268

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Die Angeklagte schluchzte.

Sie saß zusammengekauert auf der schmalen Holzbank, das Taschentuch vor die Augen gepreßt, ganz ihrem Elend hingegeben.

Der Vorsitzende und die beiden Schöffen waren aus dem Beratungszimmer zurückgekehrt. Die Anwesenden erhoben sich von den Bänken. Nur die Angeklagte blieb sitzen, blind und taub für alles, was um sie herum geschah.

Rechtsanwältin Dr. Thea Oslar trat auf sie zu und berührte leicht ihre Schulter. »Sie müssen jetzt aufstehen, Fräulein Liebnitz«, mahnte sie.

Die Angeklagte fuhr hoch und warf einen erschrockenen Blick durch den großen, hellen Verhandlungsraum. Drüben saß Staatsanwalt Dr. Hellmer, schlank, drahtig, ein kaum merkliches spöttisches Lächeln auf den Lippen. Er sah zu der jungen Verteidigerin herüber. Acht Monate Gefängnis hatte er beantragt. Wegen Unterschlagung, Paragraph 246 StGB.

Amtsgerichtsrat Dr. Meyerbaum hatte sein Barett schon aufgesetzt. Er wartete geduldig, bis sich das Mädchen ein wenig beruhigt hatte.

Dann sagte er: »Die Angeklagte wird freigesprochen. Die Kosten des Verfahrens werden der Staatskasse auferlegt. Und nun zur Urteilsbegründung …«

Der Richter setzte sich, und alle folgten seinem Beispiel. Während er mit monotoner Stimme die Begründung des Urteils aus seinen Notizen ablas, beugte sich die Angeklagte aufgeregt zu Thea Oslar hinüber. Ihre Tränen waren plötzlich versiegt.

»Ist es wirklich wahr?« flüsterte sie. »Bin ich tatsächlich …«

Thea Oslar nickte ihr zu und legte warnend den Finger auf die Lippen. Ihre kühlen grauen Augen leuchteten. Dies war einer der wenigen Momente in ihrer beruflichen Laufbahn, in denen sie glücklich war.

Unwillkürlich suchte ihr Blick den Staatsanwalt, Sie kannte Konrad Hellmer gut, sie hatten zusammen studiert. Er saß unbewegt da, die Arme übereinandergeschlagen, die Hände in die weiten Ärmel seiner Robe gesteckt. Mit hochgezogenen Augenbrauen hörte er dem Richter zu.

»… und deshalb mußte das Gericht den Hinweisen der Frau Verteidigerin folgen. Die Möglichkeit ist nicht von der Hand zu weisen, daß, allen Indizien zum Trotz, auch ein anderer als die Angeklagte die Unterschlagungen begangen hat. Wir konnten deshalb nicht umhin, den alten juristischen Wahlspruch in dubio pro reo gelten zu lassen: im Zweifel für den Angeklagten.«

Der Amtsgerichtsrat räusperte sich und trank einen Schluck Wasser. Dann sagte er: »Die schriftliche Urteilsbegründung folgt in Kürze. Ich denke, Fräulein Liebnitz, Sie nehmen das Urteil an?«

Das Mädchen sprang auf, suchte nach Worten. »Natürlich!« stieß sie endlich hervor. Im Zuschauerraum wurde leise gelacht.

»Und Sie, Herr Staatsanwalt?« wandte sich der Richter an Dr. Hellmer.

Mit kalter Stimme, ohne eine Miene zu verziehen, antwortete Hellmer: »Die Staatsanwaltschaft verzichtet auf weitere Rechtsmittel.«

»Die Verhandlung ist geschlossen.«

Amtsgerichtsrat Dr. Meyerbaum klappte die Akten zu.

Dr. Thea Oslar ging ins Anwaltszimmer.

Rasch schloß sie ihren Schrank auf, schlüpfte aus ihrer Robe und hängte sie sorgfältig auf den Bügel. Unter der Robe kam ein gutgeschnittenes hellgraues Kostüm zum Vorschein.

Ein paar Sekunden lang besah sie sich prüfend im Spiegel auf der Innenseite der Schranktür. Sie war blaß, wie meistens nach einer Verhandlung. Rasch zog sie mit dem Lippenstift die Konturen ihres vollen Mundes nach und fuhr mit dem Kamm durch das dichte dunkelbraune Haar.

Das Glücksgefühl, das sie vorhin beim Freispruch der kleinen Liebnitz empfunden hatte, war verrauscht.

Sie sah ihr Spiegelbild an und nickte ihm spöttisch zu. Gestatten, Dr. Thea Oslar, achtundzwanzig, seit einem Jahr im Dienste der Gerechtigkeit. Spezialistin für Bagatellfälle.

Sie schlug die Schranktür zu. Wenn ein Kollege hereinkam und sie so dastehen sah … was sollte er denken? Frauen hatten es hier ohnehin schwer, für voll genommen zu werden.

Thea Oslar warf einen Blick auf die Armbanduhr. Kurz nach zwölf. Zeit, etwas zu essen.

Sie ging mit raschen Schritten durch das Gebäude der Maxburg, in dem das Amtsgericht der Stadt München untergebracht ist. Draußen war es Frühling. Die Bäume und Büsche am Lenbachplatz zeigten das erste saftige Grün. Die Fontäne eines Springbrunnens schimmerte in allen Regenbogenfarben.

Sie stieß die gläserne Schwingtür auf und trat ins Freie.

»Hallo, Thea!«

Sie drehte sich um. Staatsanwalt Dr. Konrad Hellmer stand hinter ihr, jetzt in saloppem Tweedanzug, sportlich, unternehmungslustig. Bestimmt hatte er schon einige Zeit auf sie gewartet.

»Meine Gratulation«, sagte er und lächelte wieder sein mokantes Lächeln.

»Du warst ja heute ganz groß in Form.«

Sie gab ihm die Hand.

»Mach doch keine Witze, Konrad. Eine Pflichtverteidigung …« Dennoch tat ihr sein Kompliment gut.

»Du hast dich wie eine Löwin für dieses Mädchen geschlagen.«

»Weil sie unschuldig ist!« rief sie. Zugleich ärgerte sie sich über ihre heftige Reaktion. Daß sie es nie fertigbrachte, die abgebrühte Juristin zu spielen …

Konrad Hellmer lachte gutmütig. »Gott erhalte dir deinen Kinderglauben«, sagte er. »Gehen wir zusammen essen?«

»Meinetwegen. Wenn du versprichst, nicht wieder mit der alten Sache anzufangen.«

»Großes Ehrenwort.« Er faßte sie kameradschaftlich unter und ging mit ihr zum Parkplatz.

Die alte Sache … das war eine diskrete Umschreibung für die Liebeserklärungen, die Dr. Hellmer ihr immer wieder machte. Er wollte sie heiraten. Sie sollte ihren Beruf aufgeben. Sie sagte beharrlich nein, aber er gab die Hoffnung nicht auf.

»Warum hast du eigentlich auf die Berufung verzichtet?« fragte Thea Oslar, als sie ihren Wagen aufschloß. »Etwa, um mir einen Gefallen zu tun?«

»Um Himmels willen.« Er schüttelte den Kopf, setzte sich in den Wagen und zündete sich eine Zigarette an. »Es war ganz einfach die Abwägung der Interessen. Ich finde, dem Staat ist nicht damit gedient, daß so ein Fall auch noch in die zweite Instanz geht. Es macht einen Haufen Arbeit, kostet viel Geld … und was kommt am Ende heraus? Ein paar Monate mit Bewährung, allerhöchstens. Die Kleine ist durch den Prozeß und die moralische Wirkung meines Plädoyers genug gewarnt. Ich bin überzeugt, die macht so schnell kein krummes Ding mehr.«

Sie ließ den Motor an. »Du denkst über alle Menschen immer nur das Schlechteste, nicht wahr?«

»Nur im Dienst«, sagte er lächelnd. »Privat bin ich ausgesprochener Optimist. Zum Beispiel auch in deinem Fall.«

»Hast du mir nicht versprochen …«

»Bin ja schon still.«

Er lehnte sich in seinem Sitz zurück und sah während der ganzen Fahrt schweigend durch die Windschutzscheibe.

Nach dem Mittagessen fuhr Thea ins Büro.

Rechtsanwalt Dr. Schneider, ein Freund ihres verstorbenen Vaters, hatte sie voriges Jahr, nach ihrer Zulassung bei den Gerichten, als Sozius in seine Kanzlei aufgenommen. Ein guter Start, zweifellos. Sie besaß ihren eigenen, modern eingerichte= ten Arbeitsraum, verfügte von Anfang an über eine wohlrenommierte Adresse, einen eingearbeiteten Bürostab …

Aber die Fälle wurden davon nicht interessanter.

»Immer dasselbe«, sagte sie unglücklich, als sie Dr. Schneider am Abend in seinem Zimmer aufsuchte. »Pflichtverteidigungen, Ehescheidungen … Wenn es hoch kommt, darf ich mal ein Straßenmädchen verteidigen, das einem älteren Herrn die Brieftasche gestohlen hat.«

Dr. Schneider lächelte und sah wohlgefällig auf ihre schlanken Beine, die dicht vor seiner Nase herunterbaumelten. Sie hatte sich auf die Ecke der Schreibtischplatte gesetzt.

»Nur Mut, Thea«, sagte er. »Kleinvieh macht auch Mist.«

»Damit kannst du mich nicht trösten, Herbert.«

»Ich weiß. Du willst den Retter der Verfolgten spielen, den Engel der Unschuldigen … So haben wir alle mal gedacht, mehr oder weniger. Aber die Praxis sieht anders aus.«

»Das habe ich bereits begriffen«, sagte sie bitter.

Das Telefon klingelte. Dr. Schneider nahm den Hörer ab. »Ja, was gibt es, Frau Baumann?«

Frau Baumann war die Bürovorsteherin. Dr. Schneider hörte geduldig ihrem Wortschwall zu. Dann schüttelte er ärgerlich den Kopf. »Nein, nein, Frau Baumann«, sagte er. »Das wollen wir gar nicht erst einreißen lassen. Der Herr soll morgen wiederkommen. Wie heißt er? Thörwang? Nie gehört. Also bitte, sagen Sie ihm …«

»Vielleicht ist es dringend«, flüsterte Thea.

»Moment mal«, rief Dr. Schneider. Er legte die Hand über die Sprechmuschel und sah zu Thea auf. »Willst du den Fall übernehmen? Sag ja oder nein, mir ist es gleich. Ich muß jetzt wirklich nach Hause.«

»Wenn er einerstanden ist«, antwortete sie.

Er gab die Muschel wieder frei. »Frau Baumann … ich höre gerade, daß Frau Dr. Oslar noch Zeit hat. Wenn der Herr mit ihr reden will?«

Er lauschte wieder und sagte dann: »Na, schön.« Er legte den Hörer auf. »Ein neuer Klient für dich, Thea. Hoffen wir, daß es ein großer Fall wird.«

Der Spott war unüberhörbar. Sie schnitt eine Grimasse zu ihm hinüber und verließ das Zimmer.

Ohne es zu wissen, ging sie dem Mann entgegen, der ihr ganzes Leben verändern sollte.

Dr. Stefan Thörwang, stand auf der Visitenkarte. Chefchemiker bei den Ragusa-Werken.

Wenige Minuten später saß er Thea Oslar in ihrem Arbeitszimmer gegenüber. »Darf ich rauchen?« fragte er.

»Bitte sehr.«

Sie beobachtete, wie er mit einem schweren goldenen Feuerzeug seine Zigarette anzündete. Er rauchte rasch und gierig. Anscheinend wartete er darauf, daß sie die erste Frage stellen würde.

Sie tat ihm den Gefallen nicht. Prüfend sah sie ihn an.

Er sah gut aus. Schmales, männliches Gesicht, intelligente Augen von eigentümlich heller Farbe. Tadelloser Anzug. Sein Händedruck vorhin bei der Begrüßung war fest und sympathisch gewesen. In was für einer Klemme mochte dieser Mann bloß stecken?

Er entschloß sich ganz plötzlich zu reden. »Ich komme wegen einer sehr unangenehmen Geschichte«, begann er. »Wenigstens für mich ist sie sehr unangenehm …«

»Man kommt selten mit angenehmen Sachen zum Rechtsanwalt«, meinte sie trocken.

»Natürlich. Klar.« Er streifte nervös die Asche von seiner Zigarette. »Entschuldigen Sie die dumme Einleitung. Ich bin tatsächlich in eine höchst peinliche Situation geraten. Und auf eine Frau als Gesprächspartner war ich nicht gefaßt …«

»Wenn Sie das stört, können Sie sich immer noch einen Termin bei Doktor Schneider geben lassen.«

»Aber nein.« Nun war er ganz durcheinander. »Ich dachte nur … ich wollte Sie nicht kränken, ich meine … bitte, verstehen Sie mich richtig.«

»Um was handelt es sich denn?« fragte Thea Oslar ruhig.

»Ich werde erpreßt.«

Tausend verschiedene Möglichkeiten schossen Thea durch den Kopf. Aber sie sagte nur: »Ach …«

Er drückte die Zigarette aus. Mit einemmal war seine Unsicherheit wie weggeblasen. »Man will mich zwingen, ein Mädchen zu heiraten, das ich erst ein einziges Mal gesehen habe. Und das mir, nebenbei gesagt, nicht das geringste bedeutet.«

»Klingt ziemlich absurd«, warf Thea ein.

»Das ist es auch. Völlig absurd. Als ich diesen Brief bekam, war ich wie vor den Kopf geschlagen.« Er griff in die Jackentasche und zog einen aufgerissenen Umschlag heraus.

»Vielleicht erzählen Sie mir die Geschichte von Anfang an«, schlug Thea vor.

Thörwang räusperte sich und berichtete: »Anfang Februar war ich übers Wochenende zum Skilaufen nach Tirol gefahren. Allein. Am Sonntagabend gegen zehn Uhr kam ich über die Grenze bei Kufstein zurück. Ich hatte gerade die Kontrolle passiert und wollte Gas geben, als ein junges Mädchen auf mich zukam. Sie war im Skidreß, steckte den Kopf durchs Wagenfenster und fragte, ob ich sie nach München mitnehmen könne. Ich habe ja gesagt. Heute könnte ich mich deswegen ohrfeigen, aber damals fand ich nichts dabei. Sie tat mir leid, sie war blutjung, und sie wußte anscheinend nicht, wie sie sonst nach Hause kommen sollte …«

»… und Sie waren außerdem entzückt über die unerwartete Abwechslung während der Fahrt«, ergänzte Thea Oslar.

Er nickte. »Sicherlich. Die Kleine war nett, aufgeschlossen, offenbar auch gut erzogen. Sie hat mir sofort ihren Namen gesagt, Sigrid Wachenfels. Sie sei sechzehn Jahre alt und ginge noch zur Schule. Wir haben über dieses und jenes geplaudert. Der Straßenzustand war miserabel, ich mußte langsam fahren. Kurz nach eins kamen wir endlich in München an. Das Mädchen wurde nervös und sagte, ihre Mutter mache sich bestimmt schon Sorgen. Da habe ich sie noch bis vor die Haustür gebracht. Sie wohnt in der Nähe vom Max-Weber-Platz. Sie bedankte sich zum Abschied, und seitdem habe ich sie nie wiedergesehen.«

»Das war alles?« fragte die Rechtsanwältin. Es klang skeptischer, als sie eigentlich wollte.

»Das war alles«, bestätigte er. »Ich muß Sie bitten, Frau Doktor, mir das zu glauben.« Ein schwaches, etwas selbstgefälliges Lächeln huschte über sein Gesicht. »Zugegeben, ich bin kein Puritaner, man hat so seine Bekanntschaften. Aber ein halbes Kind … nein. Nicht mein Fall.«

Einen Augenblick lang war Thea Oslar unangenehm berührt. Aber dann sagte sie sich, daß diese Bemerkung ehrlicher und überzeugender war, als wenn er den Moralisten gespielt hätte.

»Wann kam der Brief?« fragte sie.

»Diese Woche, am Montag. Der Pförtner im Werk gab ihn mir in der Mittagspause. Bitte sehr.«

Sie nahm den Umschlag, prüfte Absender und Poststempel, zog schließlich den Briefbogen heraus. Fliederfarbenes Papier mit Wasserzeichen. Die Schrift zierlich und sauber.

Thea Oslar las: »Sehr geehrter Herr Dr. Thörwang, es fällt mir sehr schwer, diesen Brief zu schreiben. Als ich erfuhr, was Sie meiner Sigrid angetan haben, wollte ich sofort zur Polizei gehen. Aber wenn Sie auch bestraft werden, wie Sie es verdienen, meinem armen Kind kann das nicht helfen. Sie haben Sigrid vor acht Wochen auf die gemeinste Art verführt und danach nichts mehr von sich hören lassen. Aber so leicht, wie Sie sich das vorstellen, geht es nicht.

Sigrid erwartet ein Kind. Sie werden sie heiraten. Eine andere Möglichkeit werde ich als Mutter nicht akzeptieren. Ich weiß, Sie sind ein schlechter Mensch. Trotzdem verlange ich es von Ihnen, denn meine Tochter soll sich nicht wegen eines unehelichen Kindes ihr ganzes Leben verderben.

Ich erwarte Ihren Besuch am nächsten Sonntag, pünktlich um zehn Uhr. Die Adresse kennen Sie ja. Sollten Sie nicht bei mir erscheinen, sehe ich mich leider gezwungen, doch die Polizei einzuschalten.

Hochachtungsvoll …

Waltraud Wachenfels.«

Die Anwältin ließ den Brief sinken. »Der nächste Sonntag, das ist übermorgen. Warum sind Sie nicht früher gekommen?«

»Offen gestanden, ich habe die ganze Woche mit mir gekämpft, ob ich den Wisch nicht einfach wegwerfen soll. Einfach leugnen, daß ich ihn bekommen habe …«

»Auf die Gefahr hin, daß diese Frau zur Polizei geht?«

»Aber das kann sie doch nicht tun«, rief er verzweifelt. »Die ganze Geschichte ist ja von vorn bis hinten erfunden. Kein Wort stimmt!«

Thea Oslar nahm sich eine Zigarette. Thörwang ließ sein Feuerzeug aufspringen, bediente sich ebenfalls.

»Herr Doktor Thörwang«, sagte sie, »ich persönlich neige dazu, Ihnen die Geschichte abzunehmen, so wie Sie sie dargestellt haben.«

»Danke«, sagte er.

»Aber ich fürchte«, fuhr sie fort, »vor Gericht kommen Sie nicht so ohne weiteres damit durch. Da steht Aussage gegen Aussage. Wer weiß, wem das Gericht glaubt …«

»Um Himmels willen!« rief er impulsiv. »Ein Gerichtsverfahren … das müssen Sie verhindern. Egal, wie es ausginge, den Skandal kann ich mir nicht leisten.«

»Ich verstehe.« Sie war etwas enttäuscht. Hatte sie sich schon Hoffnung auf einen interessanten Prozeß gemacht?

»Wir sollten eine Detektei beauftragen«, meinte sie schließlich. »Ehe wir nicht mehr über das Mädchen wissen, können wir kaum etwas unternehmen. Ich vermute, sie hat sich vorher mit einem anderen Mann eingelassen. Das müssen wir nach Möglichkeit herausbringen. Auch die allgemeinen Familienverhältnisse, ihr Leumund, ihr Umgang interessieren uns in diesem Zusammenhang. Ich werde gleich morgen früh das Detektiv-Institut Lohmeyer verständigen.«

»Aber das hilft doch nichts«, entgegnete Thörwang. »Frau Wachenfels erwartet mich schon am Sonntag.«

»Schreiben Sie ihr, daß Sie Sonntag verhindert sind, und versprechen Sie Ihren Besuch für die nächste Woche. Sie dürfen sie nur nicht mißtrauisch machen, sonst läuft sie doch noch zur Polizei. Und dann ist unser Konzept verdorben.«

»Sie haben recht«, sagte er und stand auf. »Ich danke Ihnen vielmals, Frau Doktor. Sie sind eine sehr kluge Frau, wenn ich mir diese Bemerkung gestatten darf.«

Sie gab ihm die Hand. Er hielt sie eine Sekunde zu lange fest … oder bildete sie sich das nur ein? Seine seltsam hellen Augen blickten sie voll an. Einen Augenblick lang war sie verwirrt. Dann endlich ließ er ihre Hand los.

»Ich danke Ihnen«, sagte er noch einmal.

Er war längst gegangen, als Thea Oslar immer noch an ihrem Schreibtisch saß und nachdenklich auf die Teakholzplatte starrte.

Am übernächsten Sonntag, morgens gegen elf Uhr, stiegen Thea und Thörwang in der Nähe des Max-Weber-Platzes aus dem Wagen.

Thea nickte ihrem Klienten aufmunternd zu. Er war blaß und aufgeregt. »Unsere Chancen stehen nicht schlecht.«

Er nickte schweigend. Thea merkte, wie unsicher er war. Spricht unbedingt für ihn, dachte sie bei sich. Männer, die in so einer Situation den Helden spielen, taugen meistens nichts.

Das Haus, in dem Frau Wachenfels mit ihrer Tochter wohnte, war ein grauer, ziemlich alter Kasten. Im Erdgeschoß befand sich eine Bäckerei.

Sie klingelten.

»Bitte lassen Sie mich verhandeln«, sagte Thea, »und reden Sie selbst so wenig wie möglich. Ein einziges falsches Wort kann uns in Teufels Küche bringen.«

Er nickte wieder. Jetzt schnarrte der elektrische Türöffner. Sie gingen hinein.

Waltraud Wachenfels wohnte im dritten Stock. Thea wußte durch die Detektei, daß die Frau seit mehr als zehn Jahren geschieden war. Schuldlos, der Mann war kurz darauf ins Ausland gegangen. Sie arbeitete als Verkäuferin in einem Geschäft für Damenmoden. Anständige Frau, guter Leumund.

Thea hatte Mitleid mit ihr, bevor sie sie überhaupt kannte. Todsicher glaubte die Frau selbst an das, was sie in ihrem Brief geschrieben hatte.

Die Wohnungstür ging auf.

»Ja, bitte?« sagte Frau Wachenfels. Ihre blaßblauen Augen richteten sich erstaunt auf die junge Anwältin. Thörwang hielt sich verlegen im Hintergrund.

»Guten Tag«, sagte Thea. »Mein Name ist Dr. Oslar. Ich bin Dr. Thörwangs Anwältin. Dürfen wir eintreten?«

»Wenn Sie versuchen wollen, mir mit Geld den Mund zu stopfen …« Die Stimme klang schrill.

»Davon kann keine Rede sein«, erwiderte Thea kühl.

»Kommen Sie herein.«

Das Wohnzimmer verriet Geschmack und wenig Geld. Die Möbel waren gut, aber schon reichlich abgenutzt. Viel Kunstgewerbe, über der Couch ein handgeknüpfter Teppich.

»Nehmen Sie bitte Platz«, sagte Frau Wachenfels. Sie versuchte, gelassen und selbstsicher aufzutreten, aber es mißlang. Ihr hageres, etwas verkniffenes Gesicht zuckte.

»Ich glaube«, meinte Thea, »es ist besser, wenn Ihre Tochter an der Besprechung teilnimmt.«

»Nein!« rief Frau Wachenfels heftig. »Kommt gar nicht in Frage. Als wenn das Kind nicht schon genug mitgemacht hätte …«

»Mag sein. Aber ich muß leider darauf bestehen, daß Ihre Tochter mit hereinkommt. Schließlich geht es um ihr Schicksal.«

»Na bitte. Von mir aus.«

Frau Wachenfels drehte sich um, öffnete die Tür zur Diele und rief:

»Sigrid!« Als keine Antwort kam, verließ sie das Zimmer.

Thea und ihr Klient tauschten rasch einen Blick.

Dann kam die Mutter mit der Tochter herein. Sigrid war einen halben Kopf größer als Frau Wachenfels, blond, schon ziemlich entwickelt. Sie bewegte sich wie ein störrisches Fohlen.

Ob sie tatsächlich ein Kind bekommt? dachte Thea. Man sah noch nichts.

»Fräulein Sigrid«, sagte sie freundlich. »Sie wissen, daß wir Ihretwegen hier sind. Sie haben Ihrer Mutter gegenüber behauptet, Herr Dr. Thörwang hätte Sie seinerzeit …«

»Behauptet?« rief das Mädchen und riß die blauen, noch sehr kindlichen Augen auf. »Es ist doch wahr! Er hat mich unterwegs auf einen Rastplatz gefahren und dann gezwungen …«

Thea ließ sie nicht ausreden. »Gezwungen«, sagte sie. »Das wird ja immer schöner.«

Frau Wachenfels stellte sich vor ihre Tochter. »Mein Kind lügt nicht!« rief sie mit ihrer schrillen Stimme. »Merken Sie sich das.«

Thörwang wollte auffahren, bezwang sich aber.

»Sigrid war an jenem Wochenende auf einem Skiausflug, nicht wahr?« fragte Thea Oslar. »Wissen Sie, Frau Wachenfels, mit wem sie dort war?«

»Selbstverständlich.« Die Frau warf den Kopf zurück. »Mit drei Klassenkameradinnen. Ich kenne sie alle. Da gibt es kein Geheimnis.«

»Vielleicht doch«, sagte Thea vorsichtig. »Hat Sigrid Ihnen gesagt, daß auch zwei junge Männer mit von der Partie waren?«

»Wie bitte?« Frau Wachenfels schoß herum, starrte ihre Tochter an. Sigrids Wangen wurden puterrot.

»Leugnen Sie jetzt nicht, Sigrid«, sagte die Anwältin. »Dadurch werden die Dinge nicht besser. Ich habe genaue Erkundigungen eingeholt, Sie können mir nichts vormachen. Wie wäre es, wenn Sie jetzt endlich die Wahrheit sagten?«

Das Mädchen fing an zu weinen. »Ich habe alles gesagt.« Sie zeigte mit dem Finger auf Thörwang. »Er war es, er hat mich im Auto überfallen …«

Thea Oslar mußte sich zwingen, ruhig und freundlich zu bleiben.

Sie sagte: »In der Nacht von Samstag auf Sonntag, Sigrid, sind Sie in Tirol mit einem jungen Mann namens Michael Lohse zusammen gewesen. Eine von mir beauftragte Detektei hat das an Ort und Stelle ermittelt. Sie haben Doktor Thörwangs Namen nur angegeben, um die Sache mit Lohse zu vertuschen und einen Sündenbock zu finden. Ich verstehe Ihre Verzweiflung. Aber soll nun ein völlig Unbeteiligter dafür büßen, daß er Sie aus Gefälligkeit in seinem Auto …«

Das Mädchen schlug die Hände vors Gesicht. »Sie sind gemein!« schrie sie. »Sie sind ja so gemein!«

»Michael Lohse«, murmelte ihre Mutter. »Das ist doch der Junge, der sitzengeblieben ist und …«

Sie kam nicht weiter. Sigrid drehte sich um und rannte hinaus. Die Tür schlug krachend hinter ihr zu.

Ein paar Sekunden lang blieb Frau Wachenfels verstört mitten im Zimmer stehen. Dann lief sie der Tochter nach.

Thea und ihr Klient mußten eine Viertelstunde warten. Endlich kam Frau Wachenfels zurück. Ihr hageres Gesicht war grau, die Mundwinkel zuckten.

»Dieser Lohse war’s«, sagte sie dumpf. »Es ist furchtbar. Ich kann es noch gar nicht …« Sie brach ab, rang nach Worten. »Ich konnte das nicht ahnen. Ich habe wirklich geglaubt, daß Sie es getan hätten, Herr Doktor. Ich fürchte, ich muß mich entschuldigen …«

»Schon gut«, sagte Thörwang rauh. »Machen Sie sich darüber keine Kopfschmerzen. Sie haben jetzt genug andere Sorgen.«

»Alles Gute, Frau Wachenfels«, sagte Thea. »Und seien Sie nicht zu streng mit Sigrid. Dazu ist es jetzt zu spät. Sie müssen viel Geduld haben. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf …«

Das hagere, graue Gesicht wurde abweisend. »Vielen Dank. Ich weiß, was ich zu tun habe. Guten Tag.«

Sie gingen. Als sie wieder auf der Straße standen, atmete Thörwang tief auf.

»Scheußlich.« Er griff nach seinen Zigaretten. »Die Kleine tut mir leid, trotz allem.«

»Das ehrt Sie«, erwiderte Thea. »Ich finde, Sie haben sich sehr anständig benommen.«

»Danke.« Er lachte heiser. »Aber jetzt muß ich einen Schluck trinken. Darf ich Sie einladen?«

Seine hellen Augen blickten sie an. Irgend etwas in diesem Blick machte Thea Oslar plötzlich unsicher.

»Nein, danke«, erwiderte sie, ohne recht zu überlegen. »Ich bin verabredet.«

»Schade.« Seine Augen ließen nicht locker. »Aber vielleicht ein anderes Mal? Bitte, Frau Doktor … sagen Sie nicht gleich nein. Sie haben mir sehr geholfen, ich bin Ihnen so dankbar …«

»Die Rechnung geht Ihnen zu«, gab sie kurz zurück.

»Sie wollen mich nicht verstehen.«

»Vielleicht haben Sie recht.« Sie gab ihm die Hand. »Leben Sie wohl, Herr Thörwang. Alles Gute.«

»Auf Wiedersehen«, sagte er.

Sie wandte sich hastig um, ging zu ihrem Wagen und fuhr davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

Erfolgreich abgeschlossen. Erledigt. Vorbei.

Aber so schnell gab Thörwang nicht auf. Als Thea am nächsten Tag vom Amtsgericht in die Kanzlei zurückkam, stand auf ihrem Schreibtisch eine Vase mit sieben wundervollen Teerosen. Dazwischen steckte ein kleiner weißer Umschlag. Darin eine Karte, zwei Worte nur: »Danke. Thörwang.«

Eine jähe, verrückte Freude kam in ihr hoch. Sie erschrak selbst darüber. Nein, der Fall Thörwang mußte ein für allemal für sie erledigt sein.

Sie läutete nach der Bürovorsteherin. »Bitte, Frau Baumann, nehmen Sie die Blumen hier fort.«

Frau Baumann war platt. »Aber … warum denn das? Sind sie nicht herrlich?«

»Doch. Aber ich kann sie hier nicht brauchen.«

»Nicht?«

»Nein. Sie passen nicht hierher. Außerdem stört mich der Duft bei der Arbeit.«

»Aber ich kann sie doch nicht wegwerfen«, rief Frau Baumann.

»Sollen Sie auch nicht. Stellen Sie die Blumen draußen ins Waschbecken und nehmen Sie sie nachher mit nach Hause. Abgemacht?«

»Wie Sie wünschen, Frau Doktor. Und vielen Dank auch.«

»Schon gut.«

Frau Baumann rauschte hinaus. Thea fühlte sich irgendwie erleichtert, als sie die Rosen nicht mehr sah.

Dafür sah sie plötzlich wieder Stefan Thörwangs Augen vor sich. Diese seltsam helle, undefinierbare Farbe. Wie er sie angesehen hatte …

War er ihr wirklich sympathisch?

Sicherlich. Aber irgend etwas an ihm war ihr auch unheimlich, verwirrend. Sie wußte nicht, was.

Am nächsten Morgen waren wieder Blumen da. Wieder Teerosen, wieder sieben Stück. Diesmal stand auf der Karte: »Auf Wiedersehen! Stefan Thörwang.«

Die Blumen wanderten erneut zu Frau Baumann. Und die am Mittwoch und am Donnerstag ebenfalls. Die Stenotypistinnen in der Kanzlei fingen schon an zu tuscheln.

Dann, am Freitag, blieb Theas Schreibtisch plötzlich leer.

Sie war enttäuscht, obwohl sie es nicht wahrhaben wollte, Aber als Frau Baumann ihr um fünf Uhr nachmittags mitteilte, daß Dr. Thörwang sie am Telefon zu sprechen wünsche, war sie geradezu erleichtert.

»Hallo, Frau Doktor.« Seine Stimme klang warm und herzlich. »Wie ist es Ihnen die Woche über ergangen?«

»Vielen Dank für die Blumen. Ich weiß nur nicht, wie Sie dazu kommen.«

»Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen? Fahren Sie doch am Samstagnachmittag mit mir zum Chiemsee. Nein, bitte, sagen Sie nicht gleich nein, hören Sie mich erst mal an. Also, wir könnten ein Segelboot mieten, ich bestelle es heute noch, und wenn Sie vom Segeln keine Ahnung haben, dann bringe ich es Ihnen bei. Ich glaube, Sie können ein bißchen Wind und Sonne gebrauchen. Was halten Sie davon, wenn ich Sie Samstag mittag in Ihrem Büro abhole?«

»Nein«, erwiderte Thea Oslar zu ihrer eigenen Überraschung. »Nicht am Samstagmittag. Am Sonntagmorgen.«

Einen Augenblick blieb es still am anderen Ende der Leitung. Offenbar hatte Thörwang selbst nicht mit einem so schnellen Erfolg gerechnet.

Endlich sagte er: »Sie ahnen ja nicht, wie ich mich freue …«

Das Wetter war ideal zum Segeln. Strahlende Sonne, blankgefegter Himmel, kräftiger Wind.

Thea Oslar genoß es. Sie saß im Boot, das schnell durch die Wellen schoß. Thörwang steuerte und bediente das Segel.

Thea betrachtete ihn verstohlen. Sein männliches Gesicht, die zerzausten dunklen Haare, die hellen Augen. Seine schönen starken Hände hantierten geschickt mit dem Segel.

Er bemerkte ihren Blick und lächelte ihr zu, mit unverhohlener Zärtlichkeit und zugleich jungenhaft unbekümmert.

»Schön, was?« rief er.

Sie nickte begeistert.

In diesem Augenblick fegte plötzlich eine Bö heran. Die Jolle legte sich weit nach Lee.

Thea verstand nicht das kurze Kommando, das Thörwang ihr zurief. Aber sie legte sich instinktiv mit ihrem ganzen Körpergewicht auf die Luvseite.

Trotzdem neigte sich das Segel so stark, daß es fast die Wasseroberfläche berührte.

»Keine Angst!« schrie Thörwang. »Das werden wir gleich …«

Da geschah es auch schon. Die Jolle kippte um.

Thea Oslar spürte, wie das Wasser über ihr zusammenschlug. Einen Augenblick lang schien ihr Herz auszusetzen. Das ist das Ende … dachte sie.

Dann wurde sie hochgerissen. Sie erinnerte sich an die Retrungsregeln, die sie als Kind gelernt hatte. Nicht anklammern, Körper locker lassen. Nur mit den Füßen paddeln, um den Auftrieb zu beschleunigen.

Da hatte sie auch schon wieder Luft. Ihr Kopf kam über Wasser … und dicht vor ihr war Stefan Thörwangs erschrockenes triefnasses Gesicht.

»Alles okay«, würgte sie hervor und spuckte Wasser. »Sie können mich loslassen.«

Er tat es nicht. »Herrgott«, rief er und umklammerte ihre Schultern, »Herrgott, was bin ich für ein Idiot!«

»Ach was.« Sie machte sich los, und sie schwammen nebeneinander auf die Jolle zu, die kieloben im Wasser trieb.

Sie kletterten hinauf. Und plötzlich merkten sie, wie erbärmlich kalt ihnen war. Der Wind, vor wenigen Minuten noch freundlicher Spielgefährte, war plötzlich zum Feind geworden.

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
230 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711719268
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar