Kitabı oku: «Wichtiger als Liebe»

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Marie Louise Fischer

Wichtiger als Liebe

Saga Egmont

Wichtiger als Liebe

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)

represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1981 by Bertelsmann Verlag, Germany

All rights reserved

ISBN: 9788711719275

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Niemand außer Claudia Mennersdorfer konnte das Verlagshaus Togelmann schön finden. Sie tat es.

Es war ein Kasten mit quadratischem Grundriß, auf den sich zehn quadratische Stockwerde türmten; in den Augen der Elmroder war es ein Hochhaus. Daneben erstreckten sich, erdgeschossig, Druckerei, Packerei und Lagerhalle, so daß die Anlage alles in allem wie eine überdimensionale moderne Kirche wirkte, bei der das Verlagshaus den Turm bildete. Im obersten Stockwerk war die kleine Redaktion der neuen Zeitschrift »Blitzlicht« untergebracht, und »Blitzlicht« schrien von allen vier Seiten des Turms riesige Buchstaben in die Welt hinaus; von Beginn der Dämmerung bis Mitternacht flammten sie in regelmäßigen Abständen gen Himmel.

Hier arbeitete Claudia seit einem halben Jahr als Sekretärin in der Romanabteilung, und obwohl es ihr noch nicht gelungen war, einen Fuß in die Tür zur Redaktion zu schieben, war sie doch sicher, daß es ihr früher oder später gelingen mußte. Sie war sich ihrer überdurchschnittlichen Fähigkeiten bewußt, und Elmrode, eine kleine Stadt im Zonenrandgebiet, schien ihr gerade der richtige Platz, um vorwärts zu kommen. Menschen, die mehr vom Leben erwarteten als berufliche Erfolge, würden immer Redaktionen in München, Hamburg, ja sogar in Offenburg vorziehen.

Es war früher Morgen.

Claudia fuhr ihr kleines, kompaktes Auto auf den riesigen betonierten Parkplatz. Grund und Boden war am Rande von Elmrode billig gewesen und war es noch. Der alte Togelmann, Paul Togelmann senior, hatte ihn, als er aus den ersten Anfängen heraus war, großzügig eingekauft.

Wie immer war Claudia eine der ersten, die die Halle des Verlagshauses betrat. Es steckte keine Berechnung dahinter, sie wollte sich nicht durch besonderen Arbeitseifer beliebt machen, sondern es trieb sie einfach, morgens so früh wie möglich an ihrem Arbeitsplatz zu sein — Pech für ihre Freundin und Kollegin Elke Kramer, die nicht so mühelos aufstand, und deshalb den Weg von der Wohnung, in der sie zusammen lebten, meist zu Fuß machen mußte. Claudia brachte es nicht über sich, untätig zu warten, bis die andere fertig war.

Sie begrüßte Herrn Kaspar, den Pförtner, mit einem liebenswürdigen Lächeln und einer Bemerkung über den immer noch schönen Herbst. Er war ein unfreundlicher Mann, der sich gern aufplusterte und sich eine Macht anmaßte, die ihm nicht zustand. Aber Claudia wußte, daß er, den niemand außer dem alten Togelmann schätzte, für ein herzliches Wort besonders empfänglich war. Es befriedigte sie, daß sie ihm ein verzerrtes Lächeln entlockte.

Gnädig schloß er ihr den Lift 6 auf, dessen Benutzung eigentlich nur Mitgliedern der Redaktion zustand und der den Vorteil hatte, daß er ohne anzuhalten in den zehnten Stock hinauf glitt.

Oben angekommen hängte Claudia ihren gestrickten korallenroten Mantel, der gleichzeitig elegant und salopp wirkte, sorgfältig über einen Bügel in den Garderobenschrank und warf, bevor sie ihn schloß, einen Blick in den Spiegel.

Mit der Tatsache, daß sie nicht hübsch war, hatte sie sich seit langem abgefunden. Ihre Nase war zu groß, das Kinn zu energisch in dem schmalen Gesicht und ihre blauen Augen mit dem sehr intensiven, manchmal geradezu stechenden Blick waren zu klein. Aber sie hatte gelernt, das Beste aus ihrer Erscheinung zu machen. Sie pflegte ihre Augen kunstvoll zu ummalen, um sie größer scheinen zu lassen, und hatte sich angewöhnt, die Lider leicht zu senken, um nicht hart zu wirken. Das schwarze schulterlange Haar wusch und föhnte sie häufig, so daß es sich wie eine Woge um ihr Gesicht bauschte. Jetzt kämmte sie es, da es vom Wind ein wenig zerzaust war, noch einmal durch.

Dann trat sie einen Schritt zurück. Sie war groß, flachbusig, schmalhüftig und schlaksig und hatte in einer Zeit, die sie bei sich selber ihr »früheres Leben»nannte, mit Vorliebe sportliche Röcke, wenn nicht gar Hosen, Blusen und Pullis getragen. Noch bevor sie nach Elmrode kam, hatte sie ihren Typ ganz bewußt geändert und sich für die warmgetönten, weichen, fließenden Gewänder eines teuren italienischen Modehauses entschieden, eine Wahl, die ihr durch eine kleine Erbschaft erst ermöglicht worden war. Dazu trug sie elegante Pumps mit mittelhohem Absatz.

In dieser Aufmachung fühlte sie sich immer noch verkleidet, aber nicht sich selbst entfremdet, sondern angenehm verwandelt wie eine Schauspielerin in ihrer Bühnengarderobe. Sie schloß den Garderobenschrank und suchte ihren Schreibtisch auf, der nur durch einen halben Wandschirm und einen Kübel mit einer Zimmerlinde von den anderen Arbeitsplätzen getrennt war. Der große Raum wurde von Neonlicht künstlich erhellt. Die Redakteure hatten Kabinen entlang der Fenster mit Trennwänden, die so leicht gebaut waren, daß man schweigen mußte, wenn nebenan telefoniert wurde.

Bevor Claudia sich zeigte, überzeugte sie sich, daß die Hydrokultur ihrer Zimmerlinde feucht genug war; das gehörte nicht zu ihren, sondern zu den Aufgaben der Putzfrauen, die es damit aber nicht sehr genau nahmen. Claudia hätte es als deprimierend empfunden, ihre Pflanze dahinkränkeln zu sehen, wie sie es bei anderen schon mehr als einmal erlebt hatte. Sie steckte ihre große, welche Handtasche in den Schreibtisch und holte ein Kästchen mit Zigaretten heraus, das sie offen hinstellte. Den lederbezogenen Flachmann, den sie leicht schüttelte, um festzustellen, daß er noch halb voll war, verstaute sie wieder an seinem Platz. Es war ihr selbstverständlich geworden, für die Kollegen immer eine Zigarette, ein Bonbon, eine Kopfschmerztablette und — unter besonderen Umständen — auch einen Schluck Kognak bereit zu haben. Das förderte, wie sie glaubte, ihre Beliebtheit und trug ihr sehr rasch Gerüchte und Klatschereien als Gegenleistung zu, denn wortlos wagte sich niemand zu bedienen.

Während die anderen, einer nach dem anderen, eintraten und der Fernschreiber zu ticken begann, machte sie sich daran, einige schwierige Briefe, für die sie einen ausgeruhten Kopf hatte haben wollen, herunter zu hämmern.

Die Unterschriftenmappe unter dem Arm betrat sie die Kabine, offiziell »Büro«, unter den Angestellten nur »Kabäuschen« genannte, von Frau Elsbet Gottschalk, ihrer unmittelbaren Vorgesetzten.

Frau Gottschalk sah zum Fenster hinaus, als sie eintrat. Claudia, die der Meinung war, daß sie die Aussicht bewunderte — von ihrem Fenster aus konnte man die westlichen Höhenzüge des Harzes sehen, dessen Wälder sich herbstlich bunt zu verfärben begannen — grüßte und sagte munter: »Ein schöner Tag, Chefin, nicht wahr?«

Frau Gottschalk zuckte zusammen und wandte sich ihr zu. Sie war eine nicht mehr junge Dame mit vollem Haar, dessen weiße, leicht geblauten Töne ihre rosige Gesichtsfarbe sonst angenehm unterstrichen — aber heute wirkte sie grau, um Jahre gealtert, und ihre Falten zwischen Mundwinkeln und Nasenflügel schienen sich über Nacht vertieft zu haben.

»Ist Ihnen nicht gut?« fragte Claudia spontan und dann, als sie nicht sogleich eine Antwort erhielt: »Soll ich Ihnen eine Tablette bringen?«

»Nein, danke«, sagte Frau Gottschalk schwach.

Aus dieser Antwort schloß Claudia, daß sie über ihren Zustand nicht sprechen mochte und legte ihr wortlos die Unterschriftenmappe, die sie gleichzeitig öffnete, auf den Schreibtisch. Frau Gottschalk setzte ihre Brille auf, die sie an einer Kette um den Hals trug, und begann zu lesen. Es schien ihr schwerzufallen, denn sie bewegte dabei die Lippen — gewöhnlich pflegte sie die Briefe rasch zu überfliegen.

»Sie brauchen nur zu unterschreiben, Chefin, die sind ganz in Ordnung«, sagte Claudia munter, »ich stehe dafür gerade.«

»Aber das weiß ich doch!« Frau Gottschalk schraubte ihren dicken Füllhalter auf — Geschenk der Firma zum letzten Weihnachtsfest und Statussymbol — und versuchte ihre Unterschrift zu setzen. Aber ihre Finger gehorchten ihr nicht, und es wurde ein unleserlicher Krakel daraus. »Entsetzlich!« sagte sie.

»Das macht doch nichts!« tröstete Claudia. »Das Diktatzeichen steht ja oben.«

»Aber wie sieht das aus!«

»Wenn es Sie stört, lassen Sie mich unterschreiben … ›im Auftrag‹ oder ›nach Diktat verreist‹.«

»Das klingt so unhöflich.«

»Ach was, das ist allgemein üblich.« Claudia nahm das unterzeichnete Blatt, faltete es und steckte es in den Umschlag. Frau Gottschalk saß nur da, ohne umzublättern, versuchte das Zittern ihrer Hände unter Kontrolle zu bekommen und schwieg.

»Wenn Sie mich fragen«, sagte Claudia, »Sie brauchen eine Beruhigungstablette und Sie gehören ins Bett.«

»Ich bin nicht krank.«

»Einen gesunden Eindruck machen Sie jedenfalls nicht.«

»Es ist nur … meine Tochter …« Frau Gottschalks Stimme klang brüchig, »Sie wissen, daß meine Tochter verheiratet ist …«

»Ja«, sagte Claudia — wie jeder im Betrieb und wahrscheinlich in ganz Elmrode wußte sie, daß Frau Gottschalks Tochter mit einem Hemdenfabrikanten in Bielefeld eine gute Partie gemacht hatte.

»Sie erwartet ein Baby.«

Auch das war Claudia bekannt, aber sie sagte nichts.

»Ich weiß nicht, warum ich Ihnen das alles erzähle …«

Für Claudia war das ganz offensichtlich: Frau Gottschalk stand unter schwerem Druck und mußte einfach ein Ventil öffnen.

»Sie ist gestern abend in den Kreißsaal gekommen … in das Kreißzimmer, wollte ich sagen, sie ist natürlich Privatpatientin … und heute früh war das Baby immer noch nicht da!« Der letzte Satz war nicht laut gesprochen und hatte doch wie ein Aufschrei geklungen.

»Das will doch nichts besagen«, behauptete Claudia.

»Um sieben Uhr haben die Wehen begonnen, und heute morgen um neun ist immer noch nichts passiert … nach vierzehn Stunden!«

»Rufen Sie doch einfach noch mal an!«

»Das haben die nicht gern. Es ist ihnen lästig.«

»Na und? Nebbich.«

»Sie haben mir versprochen, mich sofort zu benachrichtigen.«

»Na also. Dann kann der Anruf doch jede Minute kommen.« Frau Gottschalk seufzte tief und blickte Claudia an, als würde sie sie jetzt erst wirklich wahrnehmen. »Das verstehen Sie nicht. Sie können nicht verstehen, wie einer Mutter zumute ist …«

»Wahrscheinlich nicht«, gab Claudia zu.

« … und Sie kennen meinen Schwiegersohn nicht. Er ist so sensibel. Ich fürchte, er steht’s nicht durch.«

»Frau Gottschalk, ich habe noch nie gehört, daß ein werdender Vater die Geburt nicht überstanden hätte.«

»Sie verstehen das nicht.«

»Wissen Sie, was ich an Ihrer Stelle tun würde?« sagte Claudia mit einem plötzlichen Einfall. »Mich in mein Auto setzen und schnurstracks nach Bielefeld fahren.«

»Aber das geht doch nicht! Gerade heute, wo wir die Konferenz wegen der Weihnachtsnummer haben.«

Claudia zählte bis drei, um sicher zu sein, daß ihre Stimme ganz gleichgültig klang und senkte die Lider, um sich nicht durch einen Blick zu verraten. »Ich könnte Sie ja vertreten.«

»Unmöglich!«

Diese heftige Ablehnung traf Claudia und kränkte sie, aber sie ließ es sich nicht anmerken. »Wie Sie denken«, sagte sie ruhig, »sonst kann ich wohl kaum etwas für Sie tun.«

»Fräulein Mennersdorfer, bitte, gehen Sie nicht … lassen Sie mich überlegen … Sie würden das wirklich tun?«

»Ihnen zuliebe«, sagte Claudia heuchlerisch, »ja. Ich könnte auch Protokoll führen … alle die Punkte berücksichtigen, von denen wir wissen, daß Frau Tauber sie gern unter den Tisch fallen läßt.«

Der Köder war zu saftig, Frau Gottschalk hatte ihn schon halb geschluckt, ehe sie es selber merkte. »Aber wie würde das denn aussehen?!« protestierte sie schwach. »Der Junior hat es nicht gern, wenn jemand ausfällt!«

Claudia stimmte mit dieser Auffassung Paul Togelmanns junior ganz überein; dennoch sagte sie: »Seien Sie doch ehrlich, Chefin! Ihre Anwesenheit bei der Konferenz würde doch ohne jede Effektivität sein. Sie sind doch heute außerstande zuzuhören, geschweige denn einen kreativen Anstoß zu geben.«

»Vielleicht …«

»Bestimmt sogar! Und Sie wissen das besser als ich.«

»Aber wie könnte ich mich entschuldigen?«

»Legen Sie dem Chefredakteur einfach ein paar Zeilen auf den Schreibtisch … daß Sie plötzlich erkrankt sind und ich Sie vertreten soll.«

»Das wäre eine Lüge und dann … er würde es mir übelnehmen.«

Es amüsierte Claudia, daß Frau Gottschalk solche Manschetten vor dem sehr viel jüngeren Mann hatte, aber sie ließ es sich nicht anmerken. »Dann rufen Sie ihn an!« riet sie, erkannte aber, kaum daß sie es ausgesprochen hatte, daß dies keine gute Idee war; Frau Gottschalk war nicht in der Verfassung, überzeugend zu argumentieren.

»Das kann ich nicht!« erklärte sie denn auch prompt.

»Dann rufen Sie den alten Herrn an oder, besser noch, fahren Sie hinunter und sprechen Sie mit ihm.« Nach einem Blick auf ihre elegante goldene Armbanduhr mit dem kobaltblauen Zifferblatt fügte sie hinzu: »Um diese Zeit ist er bestimmt längst im Verlag.«

»Soll ich wirklich?« fragte Frau Gottschalk noch, machte aber schon Anstalten aufzustehen.

»Aber ja doch. Ihm können Sie die Wahrheit sagen. Er wird die Situation bestimmt verstehen.«

In der Redaktion kursierte das Gerücht, daß Frau Gottschalk ihren Posten durch Protektion Paul Togelmanns senior bekommen hätte. Ihre berufliche Laufbahn — sie war in jungen Jahren Bibliothekarin gewesen, dann aber hatte sie eine lange Pause gemacht prädestinierte sie wohl kaum dazu. Es hieß, daß sie einige Jahre die Geliebte des alten Herrn gewesen war, der ihr, als sie nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes unversorgt dagestanden hatte, auf diese Weise hatte helfen wollen.

Frau Gottschalk, eine sehr harmlose Person, ahnte nicht, was und wie über sie geredet wurde, und so wurde sie durch Claudias Bemerkung irritiert. Fragend und erschrocken blickte sie auf. Aber Claudia, die schon fürchtete, zuviel gesagt zu haben, machte ein ausdrucksloses Gesicht.

Die Redaktionskonferenz sollte um zwei Uhr beginnen. Wenige Minuten davor betrat Claudia den Konferenzsaal, der eigentlich das Arbeitszimmer des Chefs, Paul Togelmann junior, war. Sein Vater hatte für die Redaktion vom »Blitzlicht« nur ein Stockwerk zur Verfügung gestellt, alle anderen waren dem juristischen Verlag »Togelmann & Sohn« verblieben, der das finanzielle Rückgrat des Unternehmens bildete. Der Senior wollte, daß die Zeitschrift, das Lieblingskind seines Sohnes, so kostenarm und bescheiden wie nur möglich gestartet wurde. Den Sohn aber verlangte es nach Repräsentation, und so hatte man sich darauf geeinigt, ihm einen großen Raum zu geben mit einem riesigen Fenster, das den Blick über Elmrode bis zu den Ausfallstraßen freigab. Um diese Pracht zu rechtfertigen, nahm etwa die Hälfte des Zimmers ein langer, rechteckiger Tisch aus Eichenholz ein, um den sich die Redakteure bei Besprechungen auf gepolsterte, mit grünem Leder bezogene Eichenstühle zu scharen pflegten. Togelmann junior thronte im anderen Teil an einem Schreibtisch, der ebenfalls aus dunkler Eiche und nicht sehr viel kleiner als der Konferenztisch war.

Heute jedoch war er noch abwesend. Claudia, die sich darüber informiert hatte, hätte sonst nicht gewagt, als erste zu erscheinen. So aber hatte sie sich zu eben diesem Vorgehen entschlossen. Es schien ihr besser, als durch einen späteren Auftritt Aufsehen zu erregen und womöglich provozierende Fragen beantworten zu müssen.

Als sie eintrat, einen Schnellhefter unter dem Arm, war Frau Hedda Tauber, die Sekretärin des Chefredakteurs, noch damit beschäftigt, Papierstöße und Schreibutensilien auf dem Konferenztisch zu verteilen.

Sie blickte auf und fragte scharf: »Sie wünschen?!« Frau Hedda Tauber war eine Frau von etwa fünfunddreißig Jahren, wegen ihrer unerbittlichen Strenge und ihrer scharfen Zunge allgemein gefürchtet, aber Ihrer Tüchtigkeit wegen unersetzlich; sie trug das dunkle Haar kurz geschnitten, hatte eine attraktive Figur und war immer, meist mit Röcken, Hemdblusen und Westen, tipp topp gekleidet.

Claudia mußte sich zwingen, dem durchbohrenden Blick der dunklen, glänzenden Augen standzuhalten. »Aber wissen Sie denn nicht?« erwiderte sie in sanftem Plauderton. »Frau Gottschalk hat sich entschuldigen lassen und mich mit ihrer Vertretung beauftragt.«

»Ach wirklich?« Frau Tauber tat nichts, um ihre Ungläubigkeit zu verhehlen.

»Doch!« behauptete Claudia und konnte nur hoffen, daß Frau Gottschalk sie trotz ihrer Aufregung vorgeschlagen und sie nicht einfach vergessen hatte.

Frau Tauber ließ sich durch ihre entschiedene Haltung beeindrucken. »Jedenfalls ganz gut, daß Sie da sind«, meinte sie, »dann können Sie gleich einen Kaffee kochen.«

Claudia hätte unter normalen Umständen nichts dabei gefunden, diesen Wunsch zu erfüllen, sie hatte das auch bei »Blitzlicht« oft genug getan, und es gehörte mit in ihr Programm sich angenehm zu machen. Aber jetzt durchschaute sie sofort den Trick, mit dem Frau Tauber sie auf die Ebene der Schreibkraft festnageln wollte.

»Der Chef und Herr Hilgers wünschen bestimmt gleich Kaffee!« fügte die Tauber hinzu.

»Das tut mir wahnsinnig leid, Frau Tauber, aber … unmöglich!« erklärte Claudia. »Ich muß mich noch vorbereiten. Der Auftrag kam so plötzlich. Aber ich könnte Fräulein Kramer bitten …«

»Die wird wohl auch anderes zu tun haben!«

»Schon möglich!« Claudia hatte den Tisch überschaut, nahm an seinem unteren Ende Platz und schlug ihren Schnellhefter auf.

Sie wußte, daß sie Frau Tauber gegen sich aufgebracht hatte, aber das hatte sie riskieren müssen. Die Chefsekretärin war ihr ohnehin nicht gewogen, und Claudia sah keine Möglichkeit, ihre Gunst zu gewinnen. Es hieß, daß Frau Tauber alle jüngeren weiblichen Kräfte im Haus ein Dorn im Auge wären. Also war es wohl besser, die Konfrontation zu wagen. Außerdem glaubte Claudia dem Gerücht, daß zwischen dem Chefredakteur und seiner Sekretärin eine latente Spannung bestand. Sie war ihm von seinem Vater empfohlen oder sogar aufgezwungen worden als eine Person, die das Geschäftliche beherrschte, aber auch, wie man munkelte, weil sie die Gewähr dafür bot, daß nichts in der Redaktion geschehen konnte, ohne daß es der alte Herr erfuhr.

Frau Tauber betrachtete Claudia mißbilligend. »Sie sind reichlich anmaßend, Fräulein Mennersdorfer!«

»Oh nein!« erwiderte Claudia fröhlich. »Das kommt Ihnen nur so vor! Was würden Sie denn tun, wenn man Sie bäte, Ihren Chef zu vertreten?«

Claudia entschied sich, daß es doch besser war zu stehen, wenn die anderen hereinkamen, und so erhob sie sich wieder. Da erschienen sie auch schon, einer nach dem anderen, in sehr kurzen Abständen.

Zuerst trat Frau Brehm ein, eine Frau in den Fünfzigern, ungeschminkt und streng frisiert. Sie wirkte wie eine Gewerbelehrerin und hatte einen männlichen, kräftigen, weit ausholenden Schritt. Frau Brehm war verantwortlich für Mode, Kosmetik und Handarbeiten. Sie begrüßte Frau Tauber und sah kalt über Claudia hinweg, ohne ihr freundliches Lächeln zu erwidern, das Claudia jetzt selber vorkam wie das Wedeln eines Hündchens.

Ihr auf den Fersen folgte breit, behäbig und selbstsicher Herr Anderson, der mit einem freundlichen »Hallo« grüßte und allen, auch Claudia, die Hand schüttelte. Er machte die Rezeptseite für »Blitzlicht«, aber da er hauptberuflich als Chefkoch im »Goldenen Hahn« fungierte, dem besten Restaurant in Elmrode, hatte er es nicht nötig, sich um Betriebsintrigen zu kümmern und tat es auch nicht.

Hinter ihm schob sich Hans Jürgen Hilgers, der politische Redakteur, durch die Tür. Er bewegte sich wie der schwergewichtige Mann, der er einmal gewesen war und schien vergessen zu haben, daß er längst abgemagert war. Der Hemdkragen schlotterte um seinen faltigen Hals, das Jackett um seinen schmalen Oberkörper, und die Hose wurde, weit über der Taille, von Trägern gehalten. Selbst seine Haut war ihm zu groß geworden; seine schlaffen Hängebacken reichten ihm bis zum Kinn. Nur seine Nase war noch mächtig, und seine kleinen Augen blitzten listig. Er war ein Mann Von profundem Wissen, und Claudia mochte ihn, weil er eine Fundgrube von Geschichten war. Als schwerer Säufer hatte er immer wieder durch Entziehungskuren versucht, Herr seiner Krankheit zu werden.

Claudias Anwesenheit entging seiner Aufmerksamkeit nicht. »Tag, Kindchen!« sagte er schmunzelnd. »Welch glücklicher Zufall bringt Sie in diese hehren Hallen?«

Claudia betete ihr Sprüchlein herunter.

»Da sieh mal einer an! Die gute Gottschalk in einer Seelenkrise!«

»So würde ich das nicht nennen«, verteidigte Claudia ihre persönliche Vorgesetzte, »es war einfach so …«

Hilgers winkte mit seiner großen schlaffen Hand ab. »Ersparen Sie uns Einzelheiten aus dem Nähkästchen, Kind!«

Kurt Schmidt, der sich an die Seite von Hilgers drängte, beachtete sie überhaupt nicht; er war ein junger Mann in Claudias Alter, wirkte aber immer noch eine Spur pubertär, was wohl von seiner unreinen Haut und dem schwachen, flaumigen Bartwuchs herrührte. »Ich ahne Fürchterliches!« sagte er. »Passen Sie auf, Hilgers, man wird eine sentimentale weihnachtliche Reportage von mir verlangen! Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen?«

Schmidt pflegte in Gegenwart des Chefredakteurs immer und bedingungslos auf dessen Seite zu stehen, bei anderen Gelegenheiten aber abfällige Bemerkungen über ihn zu produzieren, die er ihm dann brühwarm weitererzählte.

Hilgers wußte das wie alle anderen, und so blieb er stumm. Claudia konnte den Mund nicht halten. »Es gibt doch in der Weihnachtszeit immer Katastrophen«, sagte sie, »entgleisende Züge, Flugzeugabstürze. Man könnte doch die Hinterbliebenen interviewen nach dem Motto: das erste Weihnachten ohne ihre Lieben!«

Kurt Schmidt drehte den Kopf, als würde er eine Mücke suchen, von der er sich belästigt fühlte. »Hab’ ich da was gehört?« fragte er.

Hilgers zwinkerte Claudia zu. »Gar nicht schlecht, Kindchen!« Claudia bemühte sich, ein gleichmütiges Gesicht zu machen.

Zwei Fotografen eilten herein und stellten erleichtert fest, daß sie nicht die letzten waren.

Sämtliche Gespräche verstummten, als Paul Togelmann junior den Raum betrat. Nachdem er den Blick flüchtig über die Anwesenden hatte schweifen lassen, wobei er kurz auf Claudia verweilt hatte — mit einem Ausdruck der Irritation, bei dem Claudia fast der Herzschlag ausgesetzt hatte —, sagte er: »Ich bitte doch, Platz zu nehmen.«

Aber als einziger tat es Hilgers, der glaubte, sich als alter Herr das herausnehmen zu können. Außerdem hatte er das Privileg, vom jungen Chef geduzt und als »Onkel Hans« angesprochen zu werden, wie auch er ihn duzte und »Peter« nannte, den Vornamen, mit dem man ihn in der Familie anredete, um Verwechslungen zu vermeiden.

Die anderen setzten sich erst nach Togelmann junior.

Er war ein schlanker Mann Mitte dreißig, gut gebaut, mit einem schmalen Schädel, aschblondem Haar, gerader Nase und einem breiten, etwas schlaffen Mund. Die grauen Augen waren hell bewimpert und konnten blitzen, wenn er sich begeisterte, aber auch tödlich kalt blicken.

Jetzt sah er in die Runde und wartete darauf, bis auch der letzte Räusper und leiseste Huster verstummt war, dann eröffnete er das Gespräch. Wie immer gab er sich kameradschaftlich, fast kumpelhaft, tat so, als wären sie alle gleichberechtigt und gleichmäßig am Erfolg von »Blitzlich« beteiligt. Aber alle hatten die Erfahrung gemacht — Claudia wußte darum vom Hörensagen —, daß es sehr unratsam war, auf seinen Ton einzugehen. Sobald jemand mit der gleichen Lässigkeit antwortete, ging Togelmann junior auf Distanz.

Das A und O seiner Rede war, daß »Blitzlicht« zwar eine hervorragende Zeitschrift sei, in Anbetracht der geringen Mittel, die der Redaktion zur Verfügung stünden — ein Seitenhieb auf Papa —, daß sie aber noch besser, sehr viel besser werden müsse. Die Verkaufsziffern stiegen zwar in erfreulicher Weise, mußten aber noch sehr viel schneller und höher hinaufschnellen, wenn »Blitzlicht« endlich aus den roten Zahlen kommen sollte. Er dankte allen Anwesenden herzlich für die gute Zusammenarbeit und ihren Eifer, warnte sie aber davor, nachzulassen, sondern — Claudia hatte es schon nicht anders erwartet — erklärte: »Wir alle müssen unsere Anstrengungen noch steigern, uns geradezu selber übertreffen, um ein Blatt zu gestalten, das jeder Konkurrenz standhält!«

Claudia hatte das Gefühl, daß sie die einzige war, die zuhörte. Die anderen bemühten sich nur, interessierte Gesichter zu machen, aber ihre Augen blieben leer. Hilgers gähnte sogar einmal verstohlen, was ihm einen eisigen Blick des Chefs zutrug. Daraufhin wechselte der alte Mann schleunigst die Haltung und straffte die Schultern.

»Wir haben nicht das Geld, und wir verfügen auch nicht über die Routine eingefleischter Illustriertenmacher«, fuhr Togelmann fort, »aber wir sind auch noch nicht festgelegt. Wir gleiten nicht wie eine veraltete Straßenbahn auf ausgeleierten Gleisen dahin, sondern wir sitzen in einem rassigen Rennwagen, aus dem wir das Beste an Tempo, Glanz und Glamour herausholen wollen!«

Unwillkürlich blickte Claudia zu Hilgers hin, und er verriet ihr mit einem Wimpernzucken, daß auch er diesen Vergleich für ziemlich weit hergeholt, wenn nicht gar unzutreffend hielt. »Die Weihnachtsnummer muß etwas ganz Besonderes werden!« tönte Togelmann. »Darüber sind wir uns wohl alle einig. Sie ist unsere erste Weihnachtsnummer, das ist unsere Chance. Wir müssen sie so gestalten, daß unser Publikum sie frißt! Vorschläge?« Er blickte in die Runde.

Kurt Schmidt hob seinen Zeigefinger wie ein Schuljunge. »Da war doch voriges Jahr kurz nach Weihnachten dieser Unfall auf der B 6 kurz vor Nienburg. Erinnern Sie sich, Chef? Eine junge Familie wollte zu den Großeltern. Auf der eisig glatten Fahrbahn gab es einen Zusammenstoß. Der Vater und die kleine Tochter waren auf der Stelle tot. Die Mutter und zwei Söhne überlebten.«

Claudia traute ihren Ohren nicht.

»Na und?« fragte Togelmann. »Das klingt alles andere als festlich!«

»Ich dachte, ich könnte eine Reportage darüber machen, so etwa: ›Ihr erstes Weihnachtsfest nach dem schweren Unglück! Wie leben sie heute?‹«

Claudia war drauf und dran, ihren Anspruch auf diese Idee, die Kurt Schmidt so gewissenlos ursurpiert hatte, anzumelden. Aber die ausdruckslosen Gesichter ringsum verrieten ihr, daß keiner sich für sie einsetzen würde. Selbst Hilgers, den sie bisher fast als väterlichen Freund betrachtet hatte, sah durch sie hindurch. Kürt Schmidt, das wußte sie, würde glatt leugnen.

»Klingt gut«, sagte Togelmann.

Claudia schwor sich, nie wieder einen Einfall zwischen Tür und Angel fallen zu lassen.

Die Konferenz ging weiter. Für Claudia wurde sie zu einer Enttäuschung. Sie hatte sich vorgestellt, daß die Redakteure vor Einfällen nur so platzen würden. Aber alle verhielten sich sehr zurückhaltend, wenn nicht sogar vorsichtig. Togelmann schien nicht die Gabe zu haben, die Geister zu animieren. Die meiste Zeit redete er selber. Die anderen schienen lieber zu schweigen, als sich in Gefahr zu begeben, etwas Falsches oder Unerwünschtes zu sagen. Claudia selber hatte sich von Anfang an vorgenommen, nicht zu sprechen. Sie wußte, daß sie in diesem Kreis nur geduldet wurde. So blieb sie stumm, obwohl ihr manches ein- und auffiel. Aber sie beschränkte sich darauf, Notizen zu machen.

Als Frau Brehm ihren Vorschlag für die Weihnachtsnummer vorbrachte, hätte Claudia fast etwas gesagt. Sie öffnete den Mund, schloß ihn dann aber wohlweislich gleich wieder. Frau Brehm wollte Tips für ein festliches Sylvester geben: Abendkleider, Abendfrisuren, großes Make up. So weit so gut. Aber im Handarbeitsteil wollte sie zu einer bunten Decke für den Sylvestertisch anregen, sehr hübsch und sehr kompliziert, im Kreuzstichmuster.

›Wenn eine Frau damit vor Weihnachten beginnt‹, hätte Claudia beinahe gesagt, ›wird sie frühestens Ostern fertigt Aber den Herren gefiel diese Idee, und Claudia war froh, den Mund gehalten zu haben. Sie suchte Frau Taubers Blick, doch die Chefsekretärin stenographierte mit ausdruckslosem Gesicht.

Endlich wendete sich das Interesse ihrem Ressort zu. »Und was hat sich die Romanabteilung Schönes für die Weihnachtsnummer ausgedacht?« fragte Togelmann; er sah Claudia kurz an und fügte hinzu: »Oder lassen wir das besser für heute …« »Nein! Warum denn?« sagte Claudia. »Ich habe die Unterlagen da! Unser Roman geht Weihnachten in die fünfte Folge … es wird ein Höhepunkt der Story. Wir …« Sie verbesserte sich: »Frau Gottschalk hat an eine doppelseitige Zeichnung gedacht. Ich habe den Entwurf des Graphikers dabei … hier, bitte!« Sie stand auf und legte ihn vor Togelmann hin.

Der Entwurf zeigte eine Familienszene, die erstaunlich echt wirkte und die Frau Gottschalk und ihr sehr zugesagt hatte. »Ganz hübsch«, urteilte Togelmann säuerlich, »aber dann müßte die Folge selber noch stärker eingestrichen werden.«

»Noch stärker?!« rief Claudia entsetzt. »Wir haben ohnehin nur acht DIN A 4 Seiten!«

»Fünf!« berichtigte Togelmann.

»Aber das wäre doch ein Jammer! Der Text ist wirklich interessant … rührend und packend!«

»Sie scheinen nicht zu wissen, daß die Ausgabe ziemlich dünn werden wird. Bedauerlicherweise läßt das Interesse der Inserenten nach, sobald das Weihnachtsgeschäft gelaufen ist.«

»Natürlich weiß ich das! Aber ich sehe nicht ein, warum ausgerechnet unser Roman darunter leiden soll!«

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
360 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711719275
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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