Kitabı oku: «Die Grünen», sayfa 4
Aus Wassili Sinizyns Verhör
Ich habe schließlich das Recht, mit jedem zu sprechen, selbst mit Gott, wenn wir ihn einzufangen vermöchten und sich herausstellte, dass wir recht hatten: Es gibt keinen Gott. Ein vernünftiges Gespräch brachten wir nicht zustande. Ich war angetrunken, plapperte, was mir auf der Zunge lag, persönliche Erlebnisse. Er stammelte überhaupt nur einzelne Worte, doch in meinem Kopf verbanden sich diese auf wundersame Weise zu Sätzen und es sah fast so aus, als führten wir ein sinnvolles Gespräch.
Die Stadt durchritten wir unbemerkt und kaum hatten wir den Stab erreicht, erteilte ich zwei Befehle: »Blumen und Marja Petrowna«. Blumen bekamen wir, doch die Sache mit Marja Petrowna gestaltete sich derart, dass ich jetzt nur in jeglicher Hinsicht mein Bedauern äußern kann: wegen der Blumen, wegen dem Krieg, den wir, könnte man sagen, zu zweit mit Afanassi mit einem Lastwagen durchquert hatten, und der uns nicht umgebracht, sondern nur viel zu leicht verletzt hatte, wegen Mutter und Vater, die eines Abends miteinander geschlafen und mich dann in die Welt geschoben hatten. Ich bin schon seit je der festen Meinung, dass der wahre Vater und die wahre Mutter eines Menschen nicht im Entferntesten diejenigen sind, die wir von Kindesbeinen an kennen. Die wahren Eltern sind der Tag, die Stunde und der Augenblick, in dem der Mensch gezeugt wurde. Denn im nächsten Augenblick wäre bereits ein anderer Mensch gezeugt worden, der vielleicht genauso im Krieg Afanassi begegnete, Žemaitis aus der Erde zöge, Fedja Blumen holen ließe und die ganze verdrehte Sache mit Marja Petrowna, Marinuschka, durchgezogen hätte. Nur mit dem Unterschied, dass er es jetzt wäre, der dieses erniedrigende Verhör über sich ergehen ließe und nicht ich.
»Geh, Afanassi. Klopf an«, befahl ich. »Sag, wie es aussieht, haben wir den Krieg gewonnen. Mach nur nicht zu viel Lärm darum«. Dann befahl ich ihm zu gehen und winkte Fjodor zu mir. »Fedja, und du holst Blumen. Einen Strauß. Falls man Bezahlung wünscht, dann bezahl.«
»Was für Blumen, Genosse Komandir?«, fragte Fjodor und gab damit zu verstehen, dass dies nichts Neues für ihn war. »Falls man mich fragt?«
»Alle möglichen«, erwiderte ich. »Verletz mir nur niemanden«, warnte ich ihn und sah, dass Afanassi noch immer neben mir stand. »Und du, Afanassi, geh jetzt.«
»Schon zurück, Genosse Komandir«, rapportierte er.
»Und?«
»Wird nicht gehen.«
Diese Antwort klang so, als folgte sie der Frage: »Marja Golubkowa, Vatersname Petrowna, wollen Sie Wassili Sinizyn, Vatersname Iwanowitsch, zum Mann nehmen und ihn das ganze Leben lang lieben?« Und ihre Antwort lautete in etwa: »Zurzeit drücken mich die Schuhe sehr«.
Dieses »wird nicht gehen« passte so gar nicht zu unserer Heldentat vom Morgen. Es war zu klein.
»Geh schon«, schubste ich Afanassi. Wenn du drinnen bist, dann sag: »ich fürchte, Sie arbeiten umsonst so hart«. Ich packte ihn am Ärmel. »Sag das nicht. Sag, »hier will Sie jemand zum See fahren. Wird Sie baden. Sie werden ihm Kinder ausbrüten. Obwohl Sie nicht umsonst so hart arbeiten.«
»Wer ist das?«, fragte Afanassi verstört.
Ich gab ihm keine Antwort, denn in der Tür stand Marja Petrowna. Ich wollte einen Schritt in ihre Richtung gehen, doch das Gehen fiel mir schwer. Ich lehnte mich an den Wagen und beschloss, ihren Anblick aus der Ferne zu genießen.
Ich fragte mich in der zweiten Person: »Wassili, liebst du sie schon?« Und die dritte Person antwortete: »Er liebt schon.« Und die erste fügte an: »Und wie.« Alle drei Personen waren sich bezüglich Marja Petrowna einig und ich dachte bei mir, wie wenige Dinge es doch im Leben gab, die man ohne zu zweifeln annahm.
Ich lächelte. Sie faltete die Hände auf der Brust und ich folgte ihrem Beispiel. Ich sah das wunderbare Haus, in dessen Tür sie stand. Es war alt, grün, aus Holz. Marja Petrownas Dastehen mit auf der Brust gefalteten Händen tauchte es in ein helles Licht. Und ich bat das Haus um Verzeihung, dass Marja Petrowna nie mehr so würde dastehen können. Ich hielt einen besseren Ort für sie bereit. Das Haus wimmerte. Drinnen fand noch immer das Verhör statt.
Sie ging einen Schritt auf mich zu. Eine Haarsträhne fiel ihr ins Gesicht. Ich dachte, sie werde diese Strähne ergreifen und in ihr Ende beißen. Damit wäre alles gesagt gewesen. Die Entfernung, die uns noch trennte, würde ich weiter dahinschmelzen lassen. Doch sie strich ihr Haar zur Seite, so wie man ein Insekt verscheucht, trat zum Wagen und sah ihn so an, als ob sich dort die Seen befänden, in die zu waten ich ihr gleich vorschlagen würde.
»Sei gegrüßt, Žemaitis«, sagte sie.
Vielleicht nicht ganz das, was ich erwartet hatte. Ich hatte etwas Feierlicheres erwartet, doch als ich ihre Worte für mich übersetzte (»das ist er, der Sieg«, sagte in meinem Bewusstsein Marja Petrowna), da fand ich diese Worte treffend. Genau so eine Frau brauchte ich, die mir später sagen würde: »Da ist es, das Wasser, da ist er, der See, da ist er, wie klein er doch ist, gerade erst zur Welt gekommen, wir wollen ihn Iwan nennen, da ist es, das Alter, da schau nur, Wassiliok, wir haben gelebt.«
Deshalb fand ich auch ihre Frage »Warum nass?« passend. »Da, wie nass er doch ist«, übersetzte ich sie.
»Wir haben ihn gebadet«, erklärte ich.
»Trocknet ihn ab«, sagte Marja Petrowna.
Ich antwortete ihr:
»Haben wir. Wir hatten ihn zugedeckt. Und gerade erst abgedeckt.«
Sie wandte sich mir zu und streckte mir die Hand entgegen. Ich wartete darauf, dass sie sagen würde »Da, meine Hand. Du brauchtest sie.«
»Was ist, Marinuschka?«, ermunterte ich sie.
»Her mit der Waffe – und dann ab ins Bett. Morgen unterhalten wir uns. Und dass du mir nüchtern bist.«
Nüchtern war ich noch im selben Augenblick. Alle »Da ist er, der Sieg« und »Da ist sie, die Hand« verpufften aus ihrem Körper und verschwanden unwiederbringlich.
Beim Vertreiben derselben sagte sie noch:
»Morgen halte ich dir eine Standpauke.«
Und ich erwiderte bestimmt:
»Sie werden mir keine Standpauke halten.«
Sie packte mich am Futteral und ich drückte dort ihre Hand an mich. Für einen Augenblick sah es so aus, als ob sie in meinem Geldbeutel herumwühlen würde, ich sie dabei ertappt und gesagt hätte: »Schon bald wird es uns beiden gehören.«
Dann ließ ich zu, dass sie mir die Waffe wegnahm.
»Ab ins Bett«, sagte sie, während sie einen Schritt zurückwich.
Ich stand da, als würde ich mit einer Hand rauchen, während ich die andere zur Faust geballt ausgestreckte, mir jemand auf die ausgestreckte Hand hieb und riefe: »Gewonnen. Gewonnen.«
»Und was ist daran nicht in Ordnung.«
»Morgen«, sagte sie.
»Morgen sind wir bereits weit weg von hier«, sagte ich. »Sagen sie es mir jetzt.«
»Wozu hast du den hergebracht.«
»Ich dachte, ich zeige ihn Ihnen, dann weiter, wo immer hin«, erklärte ich. »Wahrscheinlich bekommen Sie nicht jeden Tag so einen zu Gesicht.«
Müdigkeit, vermischt mit irgendeiner unangenehmen Erinnerung trat in ihr Gesicht, das sich überhaupt seit dem Augenblick, als sie zur Tür herausgetreten war, nicht zum Guten verändert hatte.
»Manchmal jeden Tag«, sprach Marja Petrowna. »Dieser Žemaitis hat sich mehr um uns verdient gemacht als drei von deiner Sorte, Wassili, die für die Heimat gefallen sind, wenn man sie nebeneinander legt. Nur einen Orden, den wird er nicht bekommen. Obwohl ich ihm einen geben würde. Ab ins Bett!«
Jener schrie »Gewonnen. Ich« und ließ mich zu seiner eigenen Überraschung zu Boden gehen.
»Sie würden ihm also einen verpassen«, sagte ich, doch das war nicht für sie bestimmt. Offenbar ein Clown. Hat sich lächerlich gemacht. »Den nackten Oberschenkel darfst du berühren, wenn du willst, doch Spiritus habe ich keinen«.
All das sagte ich voller Wut (falls dies das treffende Wort ist), während ich den schlafenden Rapolas ansah, kam zugleich mit ausgestreckter Hand Marja Petrowna immer näher, denn plötzlich brauchte ich meine Waffe wieder. Mir schien, als hätte ich sie Marja nur zum Halten gegeben und jetzt, bei Bedarf, würde sie sie mir zurückgeben. Doch Marja dachte da anders. Sie wich noch mehr zurück und spannte mit einem Klicken den Hahn meines Revolvers.
»Ab ins Bett!« Die Waffe zielte auf mich.
»Ins Bett kann ich jetzt unter keinen Umständen«, erwiderte ich und wollte schon mit einem Satz neben ihr stehen. Doch mein Körper war nur zur Hälfte nüchtern, die Beine gehorchten mir noch nicht. Marja Petrowna schoss und ich fiel auf den Wagen. Sie hatte mir direkt ins Gesicht geschossen.
»Marja Petrowna, sie haben einen Menschen erschossen«, schrie Afanassi.
»Ich habe nicht getroffen, Afanassi«, sagte sie im Gehen.
»Was heißt hier – nicht getroffen?«
»Maul halten, sie hat nicht getroffen«, brachte ich ihn zum Schweigen. »Lass uns fahren.«
»Wohin, Genosse Komandir.«
»Irgendwohin«, gab ich zur Antwort.
»Und die Leichen?«
»Lad die Leichen aus?»
»Ich treffe nur selten«, war von der Tür her zu hören und das alte Gebäude brach in ein herzhaftes Lachen aus. Das Verhör dort war zu Ende.
»Lass Rapolas, wo er ist«, sagte ich, da ich sah, dass Afanassi auch ihn ausladen wollte. »Den laden wir später aus. Erst muss er umgebracht werden.«
»Unverletzt?«
»Man hat mich, Afanassi, so könnte man sagen, erschossen«, erwiderte ich.
»Stehen Sie auf, Herr Kommandeur«. Er rüttelte mich an der Schulter.
»Ich will nicht.«
Aus Afanassi Duschanskis Verhörprotokoll
Ich sah, wie aus verschiedener Entfernung auf Wassili geschossen wurde, aus Waffen verschiedenen Kalibers, verschiedener Art, mit unterschiedlichem Produktionsort und -zeit, doch das Ziel war immer dasselbe – Wassili Sinizyn. Ich habe auch gesehen, wie eine der Waffen traf.
»Schuld ist das ungarische Wetter. Schwül hier«, sagte er damals zu mir, als er neben mir zu Boden sackte.
Für einen Menschen, dem gerade in den Bauch geschossen worden war, sagte er ziemlich viel. Kurz darauf verlor er das Bewusstsein.
Ich habe nur nie eine Frau auf Wassili schießen sehen. Stimmt, die krummbeinigen Schönheiten aus der Medizinabteilung, denen vom Leichen- und Verletztenschleppen die Beine kaputtgegangen waren, schossen aus ihren Augen auf ihn. Wie allseits bekannt, ist diese Art von Schießen aber kaum gefährlich, obwohl für die dabei verwendeten Waffen dieselbe Vielfalt gilt: Kaliber, Produktionsort und -datum sind meist verschieden.
Als Marja Petrowna von der Tür anmarschierte, schien sie aus einer in Russland hergestellten Waffe schießen zu wollen, deren Schöpfer Vater und Mutter Golubkow waren.
Doch sie überzeugte sich schon bald davon, dass diese Waffe nur schlecht traf. Und wählte eine andere.
Als ich die Leichen vom Wagen lud, sagte Wassili:
»Lass Rapolas liegen. Den laden wir später aus. Erst muss er umgelegt werden.«
Doch er hatte dies bereits zuvor mit einem Blick gesagt. Als er seine Hand ausstreckte, um Marja die Waffe wegzunehmen. Ich weiß nicht, was zwischen ihm und Rapolas vorgefallen war, denn letzterer schlief friedlich, doch ich konnte mitverfolgen, was kurz darauf zwischen dem Kommandeur und Marja Petrowna vorfiel. Eine Stimme flüsterte mir, dass zwischen Rapolas und Wassili etwas Ähnliches vorfallen würde, deshalb musste man den einen ausladen. Doch Wassili gestattete mir das nicht:
»Erst muss er umgebracht werden.«
Damals dachte ich, dass die »halbe« Leiche auch irgendwie mitbeteiligt war. »Es ist besser, wenn ich ihn auslade«, sagte ich. Ich hatte ihn schon an den Waden gepackt. Doch auch er schaute mit schläfrigen Augen, was ich da auslade. Er ließ mir keine Gelegenheit, einen Fehler zu begehen.
Als ich aus dem Hof hinausritt, stand auf der Straße Fjodor. Mit Blumen. Wenigstens an Fedja werde ich vorbeireiten, ich hatte die Wahnvorstellung, dass alle, sogar die ausgeladenen Leichen, zu den Geschehnissen beitrugen. Wir hätten alle weitherum verstreuen sollen und dann unter vier Augen mit Wassili besprechen, was eigentlich los war.
Aber Fjodor rief noch auf der Straße so laut er konnte:
»Blumen, Herr Kommandeur. Alle möglichen Sorten.«
»Ich, Fjodor, wurde gerade erschossen. Man hätte auch dir dasselbe angetan. Gut, dass du zu spät kommst«, erwiderte Wassili auf dem Wagen liegend.
Fjodor stieg über ihn hinüber und setzte sich. In der Hand hielt er Blumen.
»Und wer – hat auf Sie?«, fragte er nach längerer Pause.
»Alle«, gab Wassili zur Antwort. »selbst Afanassi, auch der hat geschossen.«
Also ahnten Wassili und ich in etwa dasselbe, nämlich dass alle, auf die eine oder andere Weise, mitbeteiligt waren.
»Am meisten aber hat der Affe geschossen«, brüllte Wassili plötzlich hervor und ging mit geballten Fäusten auf Rapolas los.
»Sie bringen ihn um«, warnte ich Wasssili, doch aus der Art, wie er Rapolas’ Kopf im Wagen herumrollte und ihn an die Seiten schlug, war klar, dass er wusste, was er tat.
»Rapolas, ich habe mich nicht lächerlich gemacht. Deinetwegen haben sie mich umgenietet. Warum fahren wir nicht, Afanassi?«
Ich wollte, dass der Mensch, dessen Kopf an die Seiten des Wagens geschleudert wurde, seinem Schicksal an Ort und Stelle begegnet. Die Fahrt lenkt nur ab.
Doch dies wäre eine zu lange Antwort auf die Frage »Warum fahren wir nicht?«.
»Ich weiß den Weg nicht«, erwiderte ich, obwohl ich noch einiges andere nicht wusste.
Aus Wassili Sinizyns Verhörprotokoll
In meiner Kindheit wurde ich oft gefragt: »Wassili, ein graues Tier, es hoppelt, lange Ohren, feige …«
»Ein Kaninchen«, sagte ich die Hand aufhaltend.
»Nein, ein Hase. Und ein großes, krummbeiniges mit Pelz?«
»Ein Bär oder ein Petz«, schoss ich hervor.
»Nein ein anderer Bär. Du dachtest an den falschen. Und aus Metall, tief, man trägt damit das Wasser vom Ziehbrunnen ins Haus?«
»Ein Eimer.«
»Natürlich ein Eimer. Aber was für einer?«
»Irgendeiner, ein emaillierter, kann auch ein schwarzer sein.«
»Falsch. Ein weißer Eimer, die Farbe oben abgeblättert und der Henkel verbogen. Falsch geraten.«
Mir schien, die Abweichung in Bezug auf Jonas Žemaitis war in etwa gleich groß wie die meiner Kindheitsantworten.
Ich machte mir natürlich keine Illusionen mehr, dass da im Wagen der lag, von dem Lebedew sagen würde: »In Paris mag man Cognac.« Und nur weil meine Seen nicht sauber genug waren, hatte Marja Petrowna das Geschenk abgelehnt.
Ich war auch noch nicht so betrunken, dass ich gedacht hätte: »Jetzt haben wir ein Jonas-Žemaitis-Muster, wir sind nur nicht zufrieden mit diesem Exemplar, morgen stehen wir früher auf und fahren erneut durch die Gegend. Dann finden wir einen anderen unter einer Leiter.«
Ich spürte nur, dass mir dieser Krieg ein Rätsel aufgab: »Trank gern in Paris. Meinst du etwa, in Paris trinken wenige? … Und dennoch …«
»Jonas Žemaitis.«
»Noch zweimal raten.«
»Falsch geraten?«
»Genauer, bitte.«
Im Wagen lag das, was man nicht als absoluten Fehler bezeichnen konnte. Wir mussten nur erraten, welcher Teil dieses Krüppels uns beim Lösen des Rätsels behilflich wäre. Denn die Antworten »Bär« und »anderer Bär« sind sich sehr ähnlich, obwohl es auch andere gibt: zum Beispiel »brauner Bär«, »Bär ohne Vorderpranke«.
»Da, nimm dieses Papier und lies es«, sagte ich.
In einer Hand hielt ich Rapolas’ Kopf, in der anderen den Pass von Jonas Žemaitis. Ich hielt die beiden Dinge nebeneinander und fügte hinzu:
»Der Pass ist der richtige, du hast nur das Falsche gelesen. Afanassi fragt, wohin wir reiten wollen.«
Falls man die Frage »Groß, krummbeinig, mit Fell?« mit »Bär oder Hase« beantwortete, so wäre der Bär nicht zufrieden damit. Wenn man einem Bären begegnen wollte, so hätte man besser in einem Hasenbau auf ihn gewartet.
Im Pass interessierte mich nur ein Eintrag – Adresse.
»Ich werde ihn jetzt wie eine Flagge durch die ganze Welt mitschleppen«, sagte ich und zeigte dabei auf Jonas Žemaitis. »Ich werde seinen Namen berühmt machen, bis der andere es nicht mehr aushält. Auf die Blumen, Fedja, pass du gut auf. Mit oder ohne die – den Žemaitis werden wir Marinka aushändigen.«
Fjodor nickte zustimmend. Die Blumen hielt er fest umklammert. So, vielleicht ein wenig zu feierlich, setzten wir uns in Bewegung. Schon bald hatten wir die Stadt hinter uns gelassen.
Von Rapolas vernahm ich in der Folge nur einen missratenen Satz:
»Ein Weibsstück brauchst du, nicht Žemaitis.«
»Ich bring dich um, du Affe«, erwiderte ich.
Mehr sagten wir unser ganzes restliches Leben nicht zueinander.
Ich bin ihm für vieles dankbar, doch die Fresse polierte ich ihm trotzdem. Denn er war um mich herum getänzelt, so wie man auf netten Abenden tanzt, und hatte dabei immer wieder »Jožemaitis« gesagt. Und ich hatte mich, als ich denselben Tanz vor Marja Petrowna aufführte, damit lächerlich gemacht.
Als wir in den Wald fuhren, zuckte Žemaitis zusammen. Als ob ihn ein Schauer durchfahren hätte. Ich legte meine Hand auf seine Brust und ließ sie ziemlich lange da.
»Ich wurde von Lebedew selbst gesandt, um dir die Ruhe wiederzugeben«, sagte ich. »Da ist noch so ein Mensch, mit dem habe ich keinen Cognac getrunken, bin ihm nicht in Paris begegnet – eine große Stadt. Doch er existiert. Du wirst ihn unter einer Leiter finden. Lass nicht zu, dass man ihm wehtut.«
Er beruhigte sich.
»Genosse Komandir«, war von vorne zu hören. »Sie könnten wenigstens auf die Straße schauen. Beachte die Wegweiser«, sagt er, »Afanassi. Es gibt keine Wegweiser hier.«
»Es kommt ein Wegweiser«, sagte ich.
»Es kommt kein Wegweiser«, zischte Afanassi und spuckte um sich. »Und da ist niemand, den wir fragen könnten. Was in ihren Pässen steht, das ist nicht unbedingt … Und falls es auch im richtigen Leben so ist – dann ist da nicht unbedingt ein Wegweiser.«
Nach einer Weile fügte er an:
»Ein Fluss.«
»Sehe ich selbst«, erwiderte ich. »Nur waren wir schon mal hier, Afanassi.«
»Wie weiter?«, fragte er, als er angehalten hatte.
Weiter mussten wir auf der Straße fahren, die geradewegs oder mit auf Umwegen ins Dorf führte, das im Pass stand. Dort mussten wir auf einen Mann warten, der würde kommen, falls er noch lebte. Afanassi war ein erfahrener Fuhrmann, doch auch er brauchte wenigstens kleine Orientierungshilfen. Der Eintrag im Pass reichte nicht.
»Wo ist dein Zuhause?«, rüttelte ich Žemaitis durch und er öffnete die Augen. Ich wohne weit weg, sagte ich mit dem Finger auf mich zeigend. »Und du?«, zeigte ich auf ihn. Er sah meine Finger an.
»Bade ihn oder tu sonst was«, bat ich Afanassi.
»Wir haben ihn schon gebadet«, rief er mir wieder in Erinnerung.
Ich beugte mich über Žemaitis.
»Ich bin Wassili«, schrie ich ihm ins Ohr. »Wassiliok rief mich meine Mutter. Wie rief man dich? Laut? Mich rief man laut.«
Doch er tat keinen Wank.
Aus Afanassi Duschanskis Verhörprotokoll
Als wir endlich einer Menschenseele begegneten, schrie Genosse Komandir auch diese an. Als ob alle, die den Weg zu jenem Haus kannten, taub wären.
»Sag, was dir auf der Zunge liegt«, riet ich jenem in Gedanken und er hörte es. Er zeigte in irgendeiner Richtung. Und sprach in seiner Sprache. Wassili unterbrach ihn nur dann und wann. »Kommt ein Wegweiser?« »Ja.«, antwortete jener und fuhr unbeirrt fort mit seinem Vortrag. Ich wusste, es würde kein Wegweiser kommen.
»Es kommt ein Wegweiser.« Genosse Komandir klatschte in die Hände, als ob er mit jemandem gewettet hätte, dass dort ein Wegweiser wäre.
Nach einer Weile hielt ich an. Es ging nicht mehr weiter.
»Es geht nicht weiter«, sagte ich die Hände verwerfend. »Diesen Weg haben wir uns erst heute Morgen gebahnt.«
Wir standen etwa fünfzehn Schritte von einem Bunker entfernt. Daraus hatten wir die Leichen und Jonas Žemaitis hervorgezogen. Das war am Morgen gewesen. Die ersteren hatten wir ausgeladen, letzterer hatte auf geheimnisvolle Weise Wurzeln geschlagen. Wir führten ihn mit uns, als wäre er ein Soldat aus unserer Kompanie. Ich dachte, wie vernünftig es doch wäre, ihn jetzt wieder dahinein zu stecken.
»Ich würde sie, Genosse Komandir, überallhin fahren«, sagte ich nach dem Aussteigen. »Nur bei Rjasan. Als Kind habe ich die ganze Umgebung durchstreift. Mein Gedächtnis ist visuell.«
Wassili hörte mir zu und fragte sich, wie denn die Wälder der Rjasaner Gegend mit denen hier zu vertauschen wären.
»Oder wenn ich einen Pfahl einmal gesehen habe«, erläuterte ich Wassili unsere Möglichkeiten, »wenn Sie mich dann nachts aufwecken und mir ein Foto zeigen, dann erzähle ich Ihnen bis in alle Details, an welcher Straße dieser Pfahl steht, wer ihn damals noch sah, aus welcher Kompanie, welcher Division. Alles. Samt Namen.«
Ich verstummte, denn niemand hörte mir zu. Wassili stand auf, stieg vom Wagen, spazierte ein wenig herum und sagte bei seiner Rückkehr:
»Und jetzt hör mir zu …«
Einen Augenblick später hatten wir das erledigt. Wir ratterten mit Fjodor in vollem Karacho in die Stadt. Ach ja, schon nach dem ersten Ruck hielt ich noch einmal an.
»Und wohin mit dem?«, fragte ich und zeigte auf Žemaitis.
»Den wird Fjodor bewachen«, antwortete es aus dem Gebüsch. Geradeso wie die Blumen. Hörst du?«
»Ja, hab’s gehört«, meldete sich Fjodor. »Blumen und den hier.«
Meiner Meinung nach passten »Blumen« und »der hier« ganz schlecht zusammen.






