Kitabı oku: «Die Grünen», sayfa 5

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Zu ihm sind wir jetzt unterwegs.

Seid ihr schon einmal über die nächtlichen Dächer einer Stadt gefahren. Die Stadt schläft und ihr saust mit dem Fuhrwerk darüber. Das sage ich, denn meine Stadt, man könnte dazu auch Marktfleck sagen, insgesamt gerade mal 20.000, schläft jetzt. Und ihr Anführer, man könnte sagen Bürgermeister, vergnügt sich des Nachts und demoliert die Dächer.

Das sage ich, denn Tag ist Nacht und Nacht ist Tag. Wir haben uns bereits daran gewöhnt.

Wenn der Augenblick einträfe, wo alle unter der Erde sich schlafen legten. Zwanzigtausend Menschen in Hunderten von Bunkern, die sich ein zweites Litauen gegraben haben, würden schlafen gehen. Sogar Zigmas würde sich in die Ecke plumpsen lassen. »Heute drückt es mich zu Boden«, würde er sagen. Zwanzigtausend, gibt es denn irgendwo anders auf der Welt einen größeren Friedhof als diesen?

»Wie steht’s, Chef?«, fragt mich Molkerei.

Vielleicht gibt es den ja.

»Vielleicht«, antworte ich.

»Vielleicht ja oder vielleicht nein?«

»Vielleicht ja, Molkerei.«

Und der ganze Wagen bricht in schallendes Gelächter aus.

»Ich habe die Frage nicht gehört«, sage ich zu ihnen. »Wie lautete die Frage?«

»Wie lautete die Frage?«, wiederholt sie.

Sogar das Pferd will rechts abbiegen, zum Sir-Washington-Hof, als Kasperavičius sich prustend nach rechts beugt.

Es ist eben doch riskant, über 20.000 lebendig Begrabene nachzusinnen. Noch bevor der nächste Augenblick vorbei ist, bringen dich diese 20.000 zum Totlachen.

»Ich wiederhole«, sagt Molkerei.

Ich warte ungeduldig auf die Wiederholung der Frage, dann füge ich ein »vielleicht ja, Molkerei« hinzu und lache den ganzen restlichen Weg mit allen zusammen.

»Ich wiederhole, wenn Sie sich ausziehen.«

Vielleicht nein. Wie es scheint, habe ich ihre Frage erraten.

»Ziehen Sie sich aus?«

»Nein.«

Dann steht sie auf und verkündet im hin- und herwankenden Wagen, wobei sie sich an Mozūras Schulter festhält:

»Die versprochene Nummer fällt für heute aus. Wer will, erhält sein Geld zurück. Die anderen werden nicht enttäuscht werden. Chef, waren Sie schon in Italien?«

»Vor zwölf Jahren«, erwidere ich.

»Und haben Sie den Vesuv bestiegen?«

»Nicht einmal in seiner Nähe war ich.«

Sie plumpst zurück in den Wagen – gespielte Verwunderung.

»Eine Schande. Nur die Männer wissen nicht, wozu Gott Italien erschaffen hat.«

Sie sieht sich um und überprüft, ob das imaginäre Publikum kein Ei auf die Bühne geschleudert hatte.

»Unser lieber Anführer wird nun unsere Neugier befriedigen und uns erzählen, was er denn in Italien so machte, ohne ein einziges Mal auf den Vesuv zu steigen.«

Sie waren müde, über die Dächer der schlafenden Stadt zu fahren.

Sie müssen kurz aussteigen, um sich die Beine in irgendjemandes Vergangenheit zu vertreten.

Meine passt am besten.

»Das ist nicht Italien«, warne ich.

»Ist klar«, sagt Molkerei. »Ohne den Vesuv ist das nur irgendein Land.«

Der kleine, verstörte Punkt auf dem Stadtplan von Paris – das bin ich. Die braungebrannte Ausländerin im kurzen grünen Kleid – das ist sie. Elena. Mit ihrem Kinderbadeanzug wischte Vater viele Jahre lang jeden Morgen die in die Molkerei angelieferten Milchkannen trocken.

»Die Champs-Elysées, die Elysischen Felder«, sagte ich und zeigte mit dem Finger auf ein Schild an einem Haus. »Champs-Elysées vierzehn.«

»Unmöglich«, lautete die Antwort.

Wir wussten nicht, wann in Paris der Roggen geschnitten, das Gras gemäht wird, deshalb suchten wir zumindest nach ein paar Stoppeln des berühmtesten Feldes der Welt.

Im Innenhof goss eine ältere Frau Blumen, die noch welker als die älteste Dame von Paris aussahen, und fragte, was denn die Soldaten suchten.

»Les Champs-Elysées«, antwortete Elena.

»Die Soldaten haben sie gefunden«, erklärte die Frau. »Die Soldaten sind gerade in Les Champs-Elysées.

Ich trug die Militärakademieuniform. Ich hatte Urlaub und Elena – meine Schwester, Frau, nicht wichtig – eingeladen. Elena trug ein grünes Kleid und eine graue Jacke, ihr Kleid, das sagte ich ihr, war zu kurz. Sie war die Schwester, Frau, nicht wichtig eines Armeeangehörigen, sagen wir, dass beide Armeeangehörige waren. Doch das Beet, in dem Gurken wuchsen, die noch jämmerlicher waren als das zu Hause gelassene Badekleid Elenas, durfte sich nicht Elysische Felder nennen und das sagte ich der älteren Pariserin.

Die Pariserin richtete den Wasserstrahl auf uns, der die Gurken sowieso nicht gerettet hätte. Wir rannten aus dem Hof, dessen Fassade die Aufschrift »Les Champs-Elysées« schmückte, und wurden von den Worten der Alten eingeholt:

»Waterloo. Das ist das beste Feld für Soldaten. Von Paris aus nach Norden und immer geradeaus.«

Wenn das hier Waterloo wäre, was würde ich dann tun? Wenn ich eine Bombe mit Zeitzünder – meine zwanzigtausend Mann – aus dem Boden hervorziehen müsste – und sagen: Das ist Waterloo. Und Napoleon zitieren. Wäre ich dann Napoleon? Ich müsste sagen: Das hier ist Waterloo und das da ist Napoleon, wir müssen ihn besiegen. Wenn wir den besiegt haben, dann steht da einige Hundert Meter weiter noch einer. Auch den müssen wir … Dahinter folgen nochmals dreihundert Napoleons. Wenn wir gesiegt haben, dann sind wir frei. Dann würde man mich fragen, wer ich sei: »Derselbe Armeeangehörige, den eine gewisse Pariserin mit einem ganz normalen Aggregat zum Pflanzengießen nach Waterloo verscheucht hat.« Und alle riefen: »Hurra«. Hurra dem Soldaten, der die alte Pariserin herausgefordert hat.

»Sie sind vor einem Wasserstrahl davongelaufen?«, wundert sich Molkerei.

»So ein Strahl«, sage ich, »ist in Nichtkriegszeiten schlimmer als ein Maschinengewehr im Krieg.«

Sie lächelt mir zu. Sie sieht sie gern, die Dame mit Maschinengewehr in der Hand in Paris.

»Und die Kleider?«

»Wessen Kleider?«

Sie runzelt die Stirn.

»Krieg, Chef, nehmen Sie sich zusammen. Das hier ist Krieg und eine gar nicht so üble junge Frau fragt Sie, wie die Leute sich dort kleiden. Bin ich eine gar nicht so üble junge Frau?«

»Dort wird Mode gemacht«, gebe ich ihr zur Antwort.

»Bin ich nun gar nicht so übel?«

»Du bist die mutigste junge Frau«, vertrieb ich alle Zweifel.

»In den Arsch mit diesem Kompliment«, kommt Molkerei in Fahrt. »Stecken Sie es dahin, wenn es Ihnen gefällt. Mir tut das weh.«

Die schwierigste Sache – im Krieg Komplimente austeilen.

»Hier wäre Asphalt nicht schlecht«, sagt Kasperavičius.

Dieses »Asphalt wäre nicht schlecht« passt irgendwie dazu, dass Molkerei das mutigste von allen Mädels ist.

»Viel Asphalt«, fügt er an.

Doch es passt nicht dazu, dass wir noch immer über ein offenes Feld fahren. Und dass uns dies beunruhigt.

»Beton wäre besser«, sagt er zum Abschluss.

»Was tut er da?« Molkerei stupst mich in die Seite.

»Ich baue einen Flughafen«, sagt Kasperavičius, dreht sich zu ihr um und lächelt. »Ein vergleichsweise großes Feld.«

Dieses Feld würde noch nicht bald zu Ende sein. Wir mussten uns mit irgendetwas beschäftigen.

»Stimmt es, Kasperavičius, dass du einen Bomber hättest stehlen können?«, fragte Molkerei.

»Könnte ich.«

»Man sagt, fünf auf einmal.«

»Das wäre schon schwieriger.«

»Einen russischen Bomber.«

»Die russischen sind gut.«

»Also hättest du können oder nicht?«

»Das sind nur Gerüchte.«

Man erzählt, dass er aus einem Zug sprang, das ist die reine Wahrheit, und zu einem großen Feld kam, das ist frei erfunden. Zu einem wie diesem.

Er brach sich den Arm, wurde auf das Nebengleis geschleudert, und während der Güterzug hinter der nächsten Biegung verschwand, stand Kasperavičius der Legende nach auf und erblickte ein großes Feld vor sich. Das war im Osten Sibiriens. Auf diesem Feld standen fünf flugtüchtige russische Bomber und keine Menschenseele, die ihn am Abheben gehindert hätte. Kasperavičius schaute sich die Sache an und kehrte zu Fuß nach Litauen zurück.

Er brach sich den Arm, wurde auf das Nebengleis geschleudert, und während der Güterzug hinter der nächsten Biegung verschwand, stand Kasperavičius der Legende nach auf und sah vier stöhnende Männer hinter sich. Alles ehemalige Piloten. »Sind wir denn keine Litauer?«, hatte Kasperavičius noch im Waggon zu ihnen gesagt. Die anderen Sträflinge hatten sich abgewandt, diese vier ihm zugestimmt. Irgendwie hatten sie die Wachen entwaffnet und waren einer nach dem anderen auf dem Nebengleis gelandet. Nicht allen war die Landung gelungen. Die Beine des einen waren unterhalb des Knies abgetrennt, die des anderen oberhalb, beim dritten spritzte Blut aus dem Kopf. Den Vierten teilte der Zug in zwei Teile. »Juozas, gib uns den Rest«, baten alle vier. »Womit soll ich euch jetzt den Rest geben?«, erwiderte Kasperavičius, denn er trug keine Waffe.

Nach der dritten Legende sammelte er alle vier auf, teilte ihnen je einen Bomber zu, fragte per Funk: »Sind wir denn keine Litauer?« und ab ging’s. »Lasst uns landen«, fügte er an, als er weit unten Litauen sah. Doch der, dem das Blut aus dem Kopf spritzte, sah nicht mehr, wo er landen sollte, die Kabine war bereits voller Blut, der Zweigeteilte zeigte schon seit geraumer Zeit kaum noch Lebenszeichen, und die anderen zwei ohne Beine wälzten sich unter den Sitzen hin und her. »Juozas, hilf uns«, baten alle vier. »Womit könnte ich euch denn helfen«, erwiderte Kasperavičius. Weiß Gott, wo diese fünf Bomber jetzt sind.

Das einzig Wahre an diesen Legenden ist, dass Kasperavičius wirklich mit einem russischen Bomber hätte abheben könnte. Auch den Güterzug, aus dem er sprang, gab es – doch so einen weiten Weg zu Fuß zurückzulegen … Vereint man diese beiden Wahrheiten, so käme heraus, dass er vielleicht wirklich nach Hause geflogen ist.

»Die russischen sind gut.«

»Also könntest du oder nicht?«

»Das ist nur Geschwätz.«

Das Feld war noch lange nicht zu Ende und wir brauchten irgendeine Beschäftigung.

»Erinnerst du dich noch an den Grafen?«, quetschte ich nun Kasperavičius aus.

»Wie im Nebel.«

»Und das Flugzeug? War das ein Bomber?«

»Was für ein Bomber, Jonas? Eine ›Rumpler C.I‹, ist das für dich ein Bomber?«

Natürlich, die »Rumpler C« war kein Bomber. Wie konnte ich mich nur so täuschen.

»Eine ›Rumpler C.I‹«, wiederhole ich.

»Die ›C.I‹ ist ein Aufklärungsflugzeug. Wurde bis 1915 produziert.«

»Würdest du die stehlen können?«

»In so eine würde ich mich nie im Leben setzen.«

Ehrlich gesagt, es ist äußerst fraglich, ob das wirklich eine »Rumpler C.I« war.

Man erzählte sich, sie sei vom Meer her angeflogen gekommen. Ich aber meine, sie sei aus dem Nichts gekommen.

Solange die »Rumpler C.I« noch nicht da war, spielte das Orchester ganz ruhig, das Meer geriet allmählich in Wallung und der Graf hörte Mozart. 1915. Und da erschien an der Küste, da, wo von unserer Molkerei das Meer am besten erreichbar war, ein winziger Punkt. Und kam rasch näher. Wenige Augenblicke später verwandelte er sich in einen laufenden Menschen. Er rannte, also verging nicht viel Zeit und ich hörte auf zu denken: Da rennt halt ein Mensch. Ich erkannte meinen Vater.

Er war bereits ganz nahe, als der Graf ihm mit einer Handbewegung Einhalt gebot. Mit dieser Geste vermochte er alles anzuhalten und nur übrig zu lassen, was er brauchte. Das Orchester spielte weiter seinen Mozart und das Meer schäumte stärker. Alles andere hörte auf die Geste. Auch ich schlief in meinen Dünen ein. Ich träumte noch, wie das Meer das Orchester wegspülte.

Als ich aufwachte, flog das Flugzeug, von dem Kasperavičius sagt »Eine ›Rumpler C.I‹, ist das für dich ein Bomber?« in Richtung unserer Küste. Es flog leichtfüßig, spielerisch, paddelte mit den Flügeln auf und ab.

»In so eine würde ich mich nie im Leben setzen.«, sagt Kasperavičius noch dazu, obwohl er damals den Kopf in den Nacken geworfen, zum Himmel geblickt und alles andere vergessen hatte. Seine Füße standen in einer Pfütze, während vor ihm ein Baumstamm lag. Natürlich konnte er damals folgendes kaum verstehen: »Ein Aufklärer – eine ›Rumpler C.I‹. Aber warum bin ich ganz nackt?« Doch mit großer Wahrscheinlichkeit war das wirklich eine »Rumpler C.I«. Unter Einbeziehung von Juozas’ Flugzeugbegeisterung darf man annehmen, dass viele Jahre später der Pilot Juozas Kasperavičius das erste Bild in seinem Leben, an das er sich noch erinnert, nicht mehr genau rekonstruieren konnte und im Handbuch das Kapitel mit dem Titel: »Die deutsche Fliegerei während des Großen Krieges« aufschlug.

Als das Flugzeug vorbeigeflogen und das Orchester das Finale gespielt hatte, widerrief der Graf seine Geste. Alles erwachte wieder zu regem Leben und der Lebendigste in diesem Treiben war mein Vater. Als er beim Grafen ankam, fragte ihn dieser:

»Was ist?«

»Krieg«, sagte mein Vater und verhaspelte sich mehrmals dabei.

Das war ein ganz neues Wort.

Später gewöhnten wir uns daran.

»Vor dem Krieg war hier eine Wunde, in der Zwischenkriegszeit schloss sie sich, nach dem Krieg war sie wieder da. Jetzt, sieh nur, eitert sie«, sagt irgendjemand und zeigt dir seine Wunde. Und du empfindest nur deshalb Mitleid, weil die Wunde so lange nicht verheilt.

Ich habe nie vom Fliegen geträumt. Doch wenn ich die Möglichkeit hätte, so würde ich die »Rumpler C.I« wählen.

Ich stiege ein. Würde überprüfen, womit ich dort landen sollte, es nicht finden und abheben. Um sie wegzufliegen, zur Hölle damit, weg von unserem Strand, samt aller Gewöhnung, ohne Aufregung über den Krieg zu sprechen.

»Nirgendwo anders wird so geflucht wie im Krieg«, sagt die arme Friseurin.

»Woher willst du das wissen, Natalia?«

»Ich kenne die Männer. Sie führen genau deshalb Krieg. Wozu braucht ihr die Artillerie? Um die Ohren sein lassen?«

»Ja, stehen lassen.«

»Das werde ich, wenn Sie mir sagen, warum Sie wegen der Kanonen nach Fontainebleau gekommen sind.«

»Gibt es denn noch andere Gründe, nach Fontainebleau zu kommen?«

»Wegen Paris.«

»Paris ist kein Beruf, Nathalie.«

»Ich bin es schon müde, Ihnen immer wieder sagen zu müssen …« Sie runzelte die Stirn.

»Natalia, Paris ist nur eine Stadt. Damit bestreitet man nicht seinen Lebensunterhalt, kann es nicht studieren, keine Prüfung darin ablegen …«

»Sie haben mir nicht zugehört, Žemaitis.«

»Ich habe dir nicht zugehört?«, frage ich zurück, die Augen weit offen, ich sehe mich im Spiegel.

»Sie sind zum Übernachten nach Fontainebleau zurückgekehrt.«

Vielleicht hätte ich Elena sagen sollen: Lass uns nicht nach Fontainebleau zurückkehren, die Friseurin hat mir gesagt, wir sollten Paris in seiner Gänze einatmen? In Wirklichkeit sind wir aber gar nicht nach Fontainebleau zurückgekehrt. Wir haben in Paris übernachtet.

»Paris muss man nicht erlernen oder essen. Seien Sie mir nicht böse, Žemaitis, aber man muss es mit den Beinen umklammern und ganz langsam auf ihm landen. Manchmal ist es eine Frau, doch häufiger ein Mann. Das liegt in der Luft. Nicht böse?«

»Nein.«

»Monsieur Juvaly würde ich das niemals sagen«, fuhr sie nach einem Augenblick weiter, »doch Sie haben eine junge wundervolle Frau. Einem Mann, der eine solche Frau hat, kann ich alles sagen. In Paris gibt es viele solche Männer und sie sind für mich wie Schwestern.«

»Du kannst mir sagen, was du willst.«

»Ich habe Sie gefragt, ob Sie mir nicht böse sind, nicht um Ihre Erlaubnis. Es ist ein Glück, keine Ehre, so eine Frau zu haben.«

Jedes Mal beim Haareschneiden lege ich eine Prüfung ab. Die Fragen führen zwar immer in Richtung Paris, doch ist eine jede davon mit einer Unmenge subtiler Nischen und Tunnel gespickt. Natalias Pariser Welt war eine vollständige Psychologie, die mit Paris nicht das Geringste zu tun hatte.

»Wird sie noch einmal herkommen?«

»Nie mehr.«

»Vielleicht wird sie eines Tages, ihres Žemaitis überdrüssig, Sie hierher nach Fontainebleau bringen, damit die arme Natalia Ihnen das Haar zurechtmacht. Seien Sie sich da nicht so sicher.«

»Dann wirst du schon in Paris arbeiten«, gebe ich zur Antwort.

»Über die Arbeit in Paris habe ich schon mal gesprochen. Man kann dort eine Arbeit aufnehmen, wenn Paris ein Mann ist. Ist es aber eine Frau, so stellt sie dich ganz einfach vor die Tür. Fontainebleau ist nichts, deshalb ist es hier einfacher.«

Ihre Paris-Liebe war mit Paris-Hass vermischt. Und in den Fontainebleau-Hass passte das ganze Paris, das geliebte und das verhasste. Sie hasst Fontainebleau, denn sie liebt Paris, das sie hasst.

»Ein Monat noch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Schicksal mich noch einmal hierher verschlägt. Außer der Artillerie-Schule gibt es in Fontainebleau nichts.«

»Obwohl sie damit beinahe richtig liegen, haben sie etwas vergessen. In Fontainebleau gibt es auch noch einen Friseursalon.«

»Ja. Außer ich würde mich in Paris weilend daran erinnern, dass mein Kopf schon länger keine Schere mehr gesehen hat.«

»Wäre da nicht jener Zug Paris – Fontainebleau, so würde ich meinen: Sie wollen sich bei mir einschmeicheln. Meine Männer in Paris, denen ich alles erzähle, würden sich so einen Luxus nicht erlauben. ›Die liebe arme Friseurin Natalia‹, würden sie sagen, ›du glaubst doch nicht, wir würden unser halbes Leben dafür aufopfern, dich zum Zug nach Fontainebleau zu begleiten‹.«

»Hat das schon jemand gesagt?«

»Sie kennen Paris nicht, Žemaitis.«

Wenn sie sagt »sie kennen Paris nicht«, dann meint sie damit, »Žemaitis, du kennst das Leben nicht«.

»Ich habe nie darum gebeten. Nicht in Paris zu wohnen ist das eine, etwas ganz anderes ist, in Fontainebleau zu wohnen. Fontainebleau ist konkret. Besser, immer wieder Paris zu verlassen, als zuzugeben, nach Fontainebleau zu fahren.«

»Was hat dir denn dieses Fontainebleau zuleide getan?«

»Jedes Fontainebleau, Chartres, Étampes, Meaux hat ein Verbrechen an Paris begangen. Sie sind zu nahe. Um Städte wie Paris herum hat eine Wüste zu sein. Damit niemand sich fragte, wann sein Zug fährt.«

Einen Monat noch. In einem Monat würde ich das letzte Mal zu Natalie kommen, um mir anzuhören, worin sich meine Natalie von der Affen-Friseurin in Paris unterschied, Paris von Paris mit Fontainebleau, der Liebhaber einer schönen Frau von Monsieur Juvaly, eine Pariser Schere von einer gewöhnlichen, Žemaitis von einer Haubitze.

»Ein Monat noch, Natalia.«

»Sagten Sie schon, Žemaitis, und hätte ich nicht ihr Wunder am Perron aussteigen sehen, so würde ich Sie jetzt zum Teufel jagen. Was habe ich damit zu tun, dass Ihnen ein Monat bleibt? Sie lieben sie doch noch?«

»Ja, ich liebe sie.«

»Fertig.« Sie bläst mir die Haare vom Nacken. »Fünf Francs. Heute Abend habe ich frei. Ich fahre an die Seine, haben Sie Lust?«

»Ja.«

»Wenn ich nicht nach Paris fahren will, dann fahre ich an die Seine. Das ist natürlich nicht dasselbe.«

»Verstehe«, antworte ich.

»Vergessen Sie nicht, dass ein Wunder Sie besucht hat«, erinnert sie mich. »Nur deshalb nehme ich Sie an den Fluss mit. Heute Abend bin ich frei und Žemaitis, dessen Frau man nicht einmal zwanzig gäbe, begleitet mich an die Seine. Žemaitis würde mich ohne diese Frau höchstens mit den Augen begleiten und dafür noch eins mit der Schere übergezogen kriegen. Merken Sie sich das, Žemaitis, und warten Sie vor der Tür. Ich werde kommen.«

Bis zur Seine war es ein gutes Stück Weg. Ich hatte die Seine noch nie hier besucht – bei Fontainebleau. Die Dächer der letzten Häuser von Fontainebleau waren noch zu erkennen, während die Friseurin viel lebendiger geworden war. Noch nicht in Paris, doch Fontainebleau entkommen.

»Dieses Wasser, Žemaitis, hat Paris noch kein einziges Mal gesehen. Was meinen Sie, wann es wohl dort ankommt?«

»Ich studiere Artillerie«, sage ich und setze mich ins Gras an der Uferböschung.

Sie setzt sich neben mich und stützt sich mit den Füßen an einem weiter unten wachsenden Baum ab.

»Was für ein Baum ist das, Žemaitis?«

»Ich studiere Artillerie«, wiederhole ich.

»Und ich schneide Leuten wie Ihnen die Haare und muss nicht wissen, wer und wann mit dem Zug Paris – Fontainebleau ankommt. Was für ein Baum ist das?«

Ich muss nicht alle französischen Bäume kennen. Deshalb wähle ich die leichtere Frage:

»Dieses Wasser wird noch vor Mitternacht an Paris vorbeirauschen. Du hast früh Feierabend, Natalia.

Natalia steckt sich einen Strohhalm zwischen die Zähne und zeigt mir lächelnd ihre weißen Zähne. Zu der Zeit ist Molkerei erst 17, doch bedenkt man ihre überspannte Art, darf man annehmen, dass sie im selben Augenblick schon auf einer 2500 km entfernten Wiese liegt, ein Strohhalm zwischen denselben weißen Zähnen, zu den Wolken blickt und fragt, wann sie den Vesuv erreichen werden.

»In zehn Jahren sind Sie ein ausgemergelter Tattergreis«, meint Natalia plötzlich. »Zeit, das Wunder zu heiraten.«

»Wer zum Henker hat dir gesagt, dass ich dann ausgemergelt bin?«, frage ich sie mit ehrlichem Erstaunen.

»Der Krieg hat noch gar nicht angefangen und Sie fluchen schon. Ist es wahr, dass er bald beginnen wird?«

»Leeres Geschwätz.«

»Könnten Sie Paris angreifen?«

»Es wird keinen Krieg geben«, antworte ich. »Wer hat dir gesagt, dass Žemaitis ausgemergelt sein wird? Ich plane nichts dergleichen.«

Sie zieht die Schuhe aus und zieht das Kleid über die nackten Füße.

»Wenn alle aus allen Himmelsrichtungen wegen der Artillerie Fontainebleau wählen, dann bedeutet das, sie wollen Paris angreifen.«

Ihre nackten Füße und Paris verschmelzen. Der Versuch, ihr das Kleid von den Füßen zu wegzuziehen, würde einem Angriff auf Paris gleichkommen.

»Es wird keinen Krieg geben«, sage ich noch einmal. »Fontainebleau ist eine gute Artillerieschule. Das ist alles. Und Krieg war schon.«

Sie spuckt den Strohhalm aus und gibt damit zu verstehen, dass sie meine letzten Worte in keinster Weise überzeugt haben.

»Waren Sie schon mal in Italien, Žemaitis?«

Und kein einziges Mal auf den Vesuv gestiegen, Natalia-Molkerei.

»Woher hast du das?«, frage ich.

»Monsieur Juvaly hat gesagt, Sie hätten einen Ford gemietet. Außerdem riecht Ihr Kopf noch immer nach Feuchtigkeit. Offenbar sind Sie Gondola gefahren.«

Monsieur Juvaly hatte ich gesagt, ich würde nach Italien fahren.

»War ich.«

»Alle wollen wie die Wahnsinnigen Gondola fahren. Statt in Paris zu sitzen und die Beine in die Seine zu tauchen. Sie hat schöne Beine.«

»Wer?«

»Ihr Wunder. Etwas dünn, doch sie fallen nicht auf. Die Männer sind so unaufmerksam.«

Nathalie hebt das Kleid an und entblößt die Waden. Als ob man, kaum kommt man auf Frauenbeine zu sprechen, dies unbedingt illustrieren müsste.

»Wenn du die Blicke jener Kindsköpfe gesehen hättest«, sage ich.

»Kindsköpfe?« Natalia sieht sich um. »Wo sehen Sie die hier?«

»In Italien.«

Sie prustet laut.

»Aber das hier ist Frankreich«, erinnert sie mich.

»Wenn du damals ihre Blicke gesehen hättest, dann wüsstest du, es wird keinen Krieg geben.«

Sie wirft mir einen misstrauischen Blick zu.

»Žemaitis, wir sitzen an der Seine.«

»Ja«, sage ich, wir beide sehen einander an und lachen, ich wie ein Pferd, sie zurückhaltender. »Wir überholten eine Militärkolonne«, schließe ich mit zwei Worten. »Elena stemmte ihre Beine mit hochgeworfenem Rock gegen die Vorderscheibe. Ich sah die Blicke jener Italiener. Ich sagte ihr, so etwas mache man nicht. Und basta.«

Doch die Friseurin wartet auf etwas, deshalb sage ich noch einmal:

»Basta. Es wird keinen Krieg geben.«

Sie lächelt.

»Wenn ich meine zeige, versprechen Sie mir dann, Paris nicht anzugreifen?«

Für eine Antwort lässt sie mir nicht die Zeit.

»Greifen Sie Paris lieber an«, beschließt sie und zieht den Rock wieder bis zum Knöchel hinunter. »Da können Sie lange warten.« Doch plötzlich entscheidet sie sich anders und entblößt nicht nur ihre Beine sondern auch die Unterwäsche. »Dünn?«, fragt sie und prüft meinen Blick.

»Nein«, erwidere ich.

Das Komplimente-Verteilen fällt einem manchmal auch in Friedenszeiten schwer.

»Für Paris«, verkündet sie. »Wenn Sie angreifen, dann denken Sie daran, dass Paris in etwa so aussieht«, sie gibt sich einen Klaps auf den Oberschenkel. »Wenn Sie die Wahl haben, dann greifen Sie Fontainebleau an. Ich werde das zu schätzen wissen.«

In zwölf Jahren, Nathalie, werde ich ein ausgemergelter alter Mann sein und das einzige Haus angreifen, in dem ein Mensch mit einem dir wohlbekannten Namen wartet.

»Ich werde Fontainebleau wählen«, verspreche ich.

»Schießen Sie doch auch für mich wenigstens ein- oder zweimal, Žemaitis. Für die arme Friseurin, die mit unanständig hochgeworfenem Rock an der Seine saß. Wenn meine Beine auch nur eine einzige Kugel von Paris nach Fontainebleau abzulenken vermögen« – sie streckt das Bein, spannt die Muskeln und zielt mit den Zehenspitzen auf den Horizont – »könnte ich das ganze Leben lang nackt herumlaufen. Möchten Sie sich davon überzeugen?«

»Nein.«

»Da könnten Sie lange warten.«

Manchmal kommt es mir so vor, als verstünde Molkerei keinen Deut mehr vom Krieg als die Friseurin Natalia. Sie verhält sich unentwegt so, als säße sie im September 1938 an der Seine. Oder im August 1950. An der Seine ist es jetzt wieder ruhig.

Auch kommt es mir manchmal so vor, dass es eine Natalia gar nie gegeben hat. Die blutjunge Frau, die sich als Friseurin ausgab, sprach Französisch, dann kam der Krieg und sie gab sich als Molkerei aus. Der Krieg wird zu Ende gehen und sie wird in irgendeiner Sprache plappern, in einem Pflegerinnenkleid. Darauf wird sie als Friseurin von Fontainebleau arbeiten, Molkerei sein und mich so im Kreis herum bis ins Alter begleiten.

»Ich verstehe wahrscheinlich nicht allzu viel von diesen Flugzeugen«, sagt jetzt Molkerei zu mir, »doch was ist das für ein Ding, dass er sich da nicht reinsetzen will?«

»Eine ›Rumpler C‹«, gebe ich zur Antwort. »Mit nicht gerade bequemen Sitzen. Die Schrauben hinterlassen Abdrücke.«

»In den Arsch mit so einer Antwort, Chef. Und die Schrauben gleich mit.«

»Von diesen Affen verstehe ich vielleicht wirklich nichts«, sagte sie vor ungefähr einem Jahr. »Aber was für Worte in Anwesenheit eines Kindes?«

Das Kind war mein Sohn. Wir versuchten ins Gespräch zu kommen, dann rief Molkerei mich zu sich und sagte: »Was sind das für Worte«. Er fragte, wer ich sei. Ich sagte ihm, ich sei der Anführer von Affen. Er fragte, wozu das gut sei. Ich verstand ihn nur dürftig. »Können die Affen das nicht nicht selbst?«, fragte mich mein Sohn. »Das können sie nicht im Geringsten«, gab ich ihm damals zur Antwort. Er hatte alles begriffen. Wessen Anführer ich war und wo. Obwohl ich mir ein Märchen von kriegführenden Affen ausgedacht hatte. »Sie schießen hier manchmal«, sagte er. »Wer sind sie?«, fragte ich verstört.

»Falls ich per Zufall ein Kind von Ihnen gebären sollte«, sagte Molkerei damals noch, »dann würden sie dieses nur von fern zu Gesicht bekommen.«

Es war ein blaues Haus, zweimal jährlich brachte man mir den Sohn dahin. Er lebte bei einer Dame. Sie kamen von weit her. Um dieses Haus herum war eng gesehen nichts. Weit gesehen war da ein Wald, begrenzt durch einen Weg und einen See, noch weiter die Landstraße von einer Klein- zu einer Großstadt, noch weiter das Meer … Eine große Kugel, in deren Nachbarschaft eine kleine, letztere gänzlich unbewohnt. Würde man von ihr zur Erde hinabsehen, so wäre das blaue Haus wohl kaum zu erkennen. Also wollen wir lieber nicht so weit blicken. Wir standen in der Küche und Molkerei sagte:

»Er ist noch zu klein, um das zu verstehen.«

»Wie alt ist er?«, fragte ich.

»Achtzehn. Sie haben wahrscheinlich nicht gut zugehört. Ich habe nur gesagt, wenn ich zufällig von Ihnen ein Kind gebären würde. Falls ich zufällig …«

»Ich höre alles.«

Mein Sohn dürfte zwischen fünf und acht sein. Wahrscheinlich sollte man nicht so über seinen Sohn reden. Doch dazu war Molkerei da, um einen Blick auf ihn zu werfen und sofort festzustellen: er ist sieben Jahre, zwei Monate und drei Tage alt, hat heute noch nichts gegessen, bekommt meist Brei, Grießbrei, seltener Buchweizen vorgesetzt. Die Frauen interessieren ihn noch nicht.

»Sechs«, sagte sie nach längerer Pause. »Wenn wir nächstes Jahr herkommen, dann ist er schon sieben. Soll ich weitermachen?«

Ich wiederholte nur:

»Sechs.«

Diese Zahl sagte mir nichts. Ich dachte an mich, als ich sechs war: Vom Meer her näherte sich ein Flugzeug, im Sessel saß der Graf, das Orchester spielte Mozart, da war auch Elena, die Mutter dieses zukünftigen Kindes – sie zeichnete Kreise in den Sand. Ich selbst saß in den Dünen. Ich erinnerte mich an alles, was ich damals sah, doch an mich selbst damals erinnerte ich mich nicht.

»Ehrlich, Molkerei, wie ist der Mensch mit sechs?«

»Beinahe wie mit fünf«, erwiderte sie, »nur ein Jahr älter.«

Das war eine ausführliche Antwort. Zuvor war er vier, drei, zwei, schließlich genau wie man selbst. Jetzt war er so wie ich, nur sechs Jahre älter.

»Dann gehe ich zu ihm und sage ihm alles. So wie es ist.«

Sie versperrte mir den Durchgang zur Tür.

»Er weiß das schon«, sagte sie.

Ich sollte ein Codewort sagen, damit sie von der Tür wich.

»Soll ich nicht mehr hingehen?«, fragte ich.

»So waren Sie schon einmal dort.«

Wenn ich richtig verstand, gab es für jemanden, der fragte, wie alt das Kind sei, keinen Grund zum Hingehen. Denn das Kind wurde hergebracht, um sich insgeheim mit seinem Vater zu treffen.

»Und was mögen sie, wenn sie sechs sind?«

Offenbar das falsche Codewort, denn sie wich nicht von der Tür.

»Kommt drauf an, wonach Sie fragen. Katzen …«

Ich dachte bei mir, dass dies mein letztes Mal im blauen Haus war.

»Erinnert er sich an Sie?«, fragte Molkerei. »Ich meine, als Vater?«

Ihre Fragen und Antworten sprach sie wie beiläufig aus.

»Kommt drauf an, was man mit Erinnerung meint«, erwiderte ich. »Sag ihnen, dass wir gehen wollen.«

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