Kitabı oku: «Verhext»

Yazı tipi:

Markus Müller

Verhext

Phantastische Erzählungen

1. Auflage

Oktober 2015


Qindie steht für qualitativ hochwertige Indie-Publikationen. Achten Sie also künftig auf das Qindie-Siegel! Für weitere Informationen, News und Veranstaltungen besuchen Sie unsere Website:

www.qindie.de

Alle Rechte vorbehalten.

© 2015 Markus Müller

http://books.theunicorn.de

ISBN 978-3-7380-4414-0

Inhalt

Verhext

Kendras Auge

Nur ein Stein

Exsanguis

Glaswiesentänzer

Impressum neobooks

Verhext

»Hast du dafür eine Erklärung?«

Geno, oberste Magierin der Rhoki-Schwesternschaft, trommelte tatsächlich mit den Fingern auf die Tischplatte, eine für ihre Verhältnisse sehr unbeherrschte Geste. Offensichtlich war sie stinkwütend.

»Nein, Schwester. Ehrlich gesagt nicht.« Catya war eine hoch gewachsene junge Frau mit einem runden Gesicht, dickem rotem Haar, das ihr, genau wie ihre endlos langen Arme und Beine, stets im Weg war, und einem für gewöhnlich recht unerschütterlichen Gemüt. Unter dem Zorn ihrer obersten Lehrmeisterin war sie allerdings endgültig auf die Hälfte ihrer üblichen Größe zusammengeschrumpft und schien fast nur noch aus Haaren zu bestehen. Seit dem Frühstück von jeder einzelnen Hierarchiestufe des Tempels gesondert angeschrien zu werden, hatte ihrer Laune einen empfindlichen Dämpfer verpasst. Und jetzt auch noch Geno, ein Rüffel von allerhöchster Stelle. Jenseits davon gab es nicht mehr viel, außer vielleicht, dass Rhoki selbst vom Tala-Hán herabstieg, um sie anzubrüllen. Was für ein Tag.

»Eine Reklamation!« Die Tempelherrin spuckte das Wort förmlich aus, und es hallte bedrohlich von den nackten Wänden des Arbeitszimmers wider. »Und noch dazu bei einem einfachen Liebeszauber. Gütige Rhoki, das ist einfach unfassbar! Selbst die Novizinnen im ersten Jahr wissen, wie das geht.«

Die Initiationswochen, wenn Dutzende ausgelassener junger Mädchen damit begannen, die Grundlagen der Magie zu erforschen, waren jedes Mal eine schwere Zeit für die umliegende Bevölkerung. Die Stadtbewohner hatten sich zwar im Laufe der Jahrhunderte an Tentakelwesen in ihren Küchen und unerklärliche erotische Verwicklungen unter den Dienstboten gewöhnt, aber peinlich war es trotzdem noch oft genug. Noch peinlicher war allerdings eine Rhoki-Schwester, die überhaupt nichts zustande brachte.

»Nun, Schwester … das hier ist irgendwie ein besonderer Fall«, verteidigte sich Catya kleinlaut.

»Allerdings ist es das«, wütete Geno. »In den vierhundert Jahren, die es diesen Tempel jetzt gibt, ist so etwas noch nie vorgekommen. Ein Tempelzauber, der versagt! Wie stehen wir denn jetzt da?«

»Ich hab ja wirklich mein Bestes getan, Schwester«, erwiderte Catya, die sich trotz aller Furcht allmählich ziemlich ungerecht behandelt fühlte. »Aber dieser Gorn ist eine echt harte Nuss …« Für einen Augenblick wanderten ihre Gedanken zu Gorn en Derek, einem mürrischen Fleischklops mit feuchten Händen und farblosen Schweinsäuglein, der in diesem Moment draußen im Vorraum saß und die typische Miene eines unzufriedenen Kunden zur Schau stellte. Wahrscheinlich war er bereits damit geboren worden – ein Erbstück seines Vaters. »Und Twila … na ja, von Fräulein Hochnäsig mit dem hübschen Gesicht will ich gar nicht erst anfangen.«

»Genau dafür«, unterbrach sie Geno ungehalten, »sind Liebeszauber da! Wäre er ein hübscher junger Soldat und sie eine naive Milchmagd, dann bräuchte er unsere Dienste nicht.«

»Ja, Schwester. Ich wollte auch nur sagen, dass …«

»Deine Ausflüchte interessieren mich nicht, Catya. Und Gorns Vater auch nicht. Alles, was ihn interessiert, ist der Beutel mit Gold, den er uns überlassen hat, damit sein Sohn die Frau kriegt, die er haben will. Und er ist nicht der reichste Kaufmann der Stadt geworden, weil er sich bei Geschäften übers Ohr hauen lässt.«

Catya zögerte, wagte sich dann aber doch an das Unaussprechliche: »Und wenn wir es einfach zurück…«

»Das kommt überhaupt nicht in Frage!« Genos Tonfall wurde noch um einiges frostiger. Offenbar hatte sie nicht viel übrig für diese spezielle Form der Ketzerei. Sie lehnte sich über den Tisch nach vorne und bedachte Catya mit einem entschieden mordlüsternen Blick. »Wo kämen wir denn hin, wenn wir plötzlich anfingen, den Leuten ihr Geld zurückzugeben? Wir haben schließlich einen Ruf zu verlieren.«

»Ich weiß, Schwester. Ich wollte nicht …«

»Natürlich nicht. Das wäre ja auch noch schöner.« Die oberste Magierin lehnte sich wieder in ihrem Stuhl zurück und atmete tief durch. »Magie ist beileibe kein Kinderspiel, und ich weiß nur zu gut, dass die Göttin manchmal so ihre Launen hat …« Sie machte eine kleine, bedeutungsvolle Pause, und ihr Blick ergänzte die unausgesprochene Spitze: Zum Beispiel, als sie ausgerechnet dir diese Gabe verlieh. »… aber ein einfacher Liebeszauber? Du sollst doch nur der Natur ein wenig auf die Sprünge helfen, verdammt noch mal! So schwer kann das doch selbst in Anbetracht der Umstände nun wirklich nicht sein. Für gewöhnlich bedeutet einen Liebeszauber auf Menschen anzuwenden so viel wie Milch in einen Kuhstall zu tragen.«

»Für gewöhnlich ja, Schwester. Aber in diesem Fall …«

»Genug! Keine weiteren Ausreden mehr. Mach dich lieber wieder an die Arbeit. Der Tempel hat immerhin sehr viel in deine Ausbildung investiert und dir ein ziemlich freudloses Leben zwischen Misthaufen und argwöhnischen Hinterwäldlern erspart, wenn ich mich recht erinnere. Willst du es uns danken, indem du uns noch länger vor aller Welt blamierst? Wir waren angesichts deiner … Talente bislang sehr nachsichtig mit dir, aber irgendwann ist auch meine Geduld einmal zu Ende. Du weißt, was mit jenen passiert, die vor der Göttin versagen?«

Catyas Miene wurde düster. Niemand wusste genau, was mit den Versagern geschah, was einen Großteil des Schreckens ausmachte. »Ähm … nein, Schwester. Eigentlich nicht.«

»Dann solltest du besser dafür sorgen, dass du es niemals herausfindest.«

»Ja, Schwester.« Catya hatte sich schon lange damit abgefunden, für den Rest ihres Lebens von selbstgerechten und verbitterten alten Frauen herumgeschubst zu werden, so lange, bis sie schließlich selbst eine wäre. Etwas Erschreckenderes konnte sie sich kaum vorstellen, weshalb die teils recht kindischen Mythen der Schwesternschaft für sie keinerlei besonderes Entsetzen mehr bereit hielten. »Ich soll also einen zweiten Zauber versuchen?«

»Und einen dritten. Und einen vierten. So lange, bis diese verdammte Geschichte aus der Welt geschafft ist. Hier geht es um unseren Ruf. Welcher dir, da bin ich absolut sicher, genauso am Herzen liegt wie mir. Die Kosten«, fügte sie mit giftigem Blick hinzu, »spielen also in diesem Fall keine Rolle. Du kannst jetzt gehen.«

Die Kosten …

Catya konnte sich gerade noch ein abfälliges Schnauben verkneifen. Tempelmagierinnen waren perfekt ausgebildete Spezialistinnen, die all ihr Können und ihre ganze Kraft der Magie widmeten und dafür in etwa die gleiche Bezahlung erhielten wie eine Küchenmagd. Dennoch wog man ihre Arbeit in Gold auf, und natürlich wurden Zutaten und Opfertiere extra berechnet. Von dem vielen Gold sah man als einfache Auserwählte Rhokis allerdings nur selten jemals etwas wieder, außer in Form einer winzigen Kammer, drei kargen Mahlzeiten am Tag und einer kostenlosen Robe pro Jahr. Offenbar war der Tempel der Meinung, dies und die Gnade der Göttin seien Lohn genug.

»Ja, Schwester. Danke, Schwester.« Catya verbeugte sich und verließ dann so würdevoll wie möglich das Zimmer. Draußen im Vorraum war Schwester Kardy, Genos ewig mürrische Assistentin, wie üblich über einen Stapel Papiere gebeugt und schenkte der Welt im Großen und Ganzen nur wenig Beachtung. Wahrscheinlich hatte sie Catyas Existenz bereits in dem Augenblick vergessen, in dem sie die Schülerin durch die Tür in Genos Arbeitszimmer geschoben hatte.

Catya blieb kurz unter dem Türbogen stehen und betrachtete über Kardy hinweg ihren Kunden. Gab es irgendeine Hoffnung, diesen Widerling überhaupt mit einer Frau zusammenzubringen, die sich auch nur einen Funken Selbstachtung bewahrt hatte? Ihr Pragmatismus beantwortete diese Frage recht prompt: wahrscheinlich nicht. Und dennoch bestand ausgerechnet er darauf, die schönste Frau der bewohnten Welt rumzukriegen, notfalls unter Aufgebot sämtlicher magischer Tricks, die sein Vater sich leisten konnte. Etwas an dieser Gleichung weigerte sich aufzugehen, egal, wie man sie drehte und wendete. Was auch immer Magie unter Umständen zustande bringen mochte, irgendwo in ihr rührte sich die Gewissheit, dass es Dinge gab, die sich auch mit Zauberei nicht ändern ließen.

Ich fürchte, das ist eine Nummer zu groß für mich, dachte sie resigniert. Vielleicht sollte ich statt dessen versuchen, die Sonne im Norden aufgehen zu lassen?

***

»Und du bist sicher, dass das funktioniert?« Gorns ansonsten eher quäkende Stimme schwebte durch den nächtlichen Garten von Twilas Haus wie der Nachhall einer gewaltigen Glocke.

Catya spähte zu dem Balkon hinauf, hinter dem sie Twilas Schlafzimmer vermutete, und fuhr dabei abwesend mit den Fingern über die Brandblasen auf ihrem Handrücken, die sie sich bei der Anrufung des Gesangszaubers zugezogen hatte. An Tagen wie diesem war sie durchaus der Meinung, dass es manchmal vielleicht besser war, einfach auf Zauberei zu verzichten und bestimmte Probleme sich selbst zu überlassen. Aber Geno und das Gold in den Kellern des Tempels waren leider einhellig anderer Ansicht.

»Klar doch. Ich meine: Hör dich an! Die Götter selbst werden von den Bergen herab steigen, um dich singen zu hören.«

»Tatsächlich?« Gorns Miene verfinsterte sich. »Davon hast du aber nichts erwähnt, als … oh! Das war nur so eine Redensart, stimmt´s?«

»Ja.« Catya seufzte. »Würdest du jetzt bitte endlich anfangen? Der Zauber wirkt nicht ewig.«

»Ich hoffe nur, ihr gefällt das Lied. Hab zwei Tage gebraucht, eines auszusuchen.« Trotz all der geballten Magie gelang es ihm tatsächlich, seiner Stimme einen mürrischen Unterton zu verleihen.

Catya erschauderte bei der Erinnerung an den vergangenen Nachmittag. Gorn hatte darauf bestanden, dass sie sich seine Interpretation von »Rose des Westens« anhörte, bevor er sie an Twila ausprobierte. Noch nie in ihrem Leben hatte Catya ein achtloses »von mir aus« so abgrundtief bereuen müssen. Selbst die Tempelkatzen, die sich ansonsten nicht einmal durch Erdbeben, Feuersbrünste und wütende Dämonen von ihren Schlafplätzen vertreiben ließen, hatten erstaunlich schnell und entschlossen das Weite gesucht.

»Klar. Ist genau das Richtige.«

Wenn der Zauber auch nur halb so gut war, wie die Schriften versprachen, konnte er genauso gut eine Liste seiner Lieblingsspeisen vorlesen. Bei den beiden Schankmädchen der Tempeltaverne hatte es jedenfalls hervorragend funktioniert. Wahrscheinlich hämmerten sie noch immer gegen die Tür der Räucherkammer. Und die Ziegenhirtin, die unterwegs versehentlich seinen Gesangsproben gelauscht hatte, hatten sie mit einem Stock abwimmeln und schließlich in den Fluss schubsen müssen, um sie loszuwerden. Catya war wieder einmal heilfroh, dass der Urheber eines Zaubers immun gegen seine Wirkung war, sonst hätte sie einen noch erheblich mieseren Tag gehabt.

»Los jetzt! Du hast schon genug Zeit vertrödelt.« Sie schubste Gorn in Richtung Balkon und zog sich dann hinter ein dichtes Gebüsch mit wild duftenden Blüten zurück, das zwischen einer Handvoll Weidenbäumen wucherte. »Und denk dran, was ich dir gesagt habe.«

»Jaja, schon gut …«

Gorn begann zu singen. Seine Intonation war mehr als erbärmlich, aber die Magie tat ihren Teil: Catya hätte schwören können, dass selbst einige Blumen und Bäume sich unauffällig in seine Richtung neigten, um ja keine Note zu verpassen. Dieser Teil des Plans hatte also funktioniert. Jetzt musste Twila nur noch lange genug die Stimme hören, um dem Sänger hoffnungslos zu verfallen. Oder zumindest weit genug zu verfallen, damit Gorns Geld Gelegenheit bekam, Twilas Geld davon zu überzeugen, dass man es gemeinsam noch viel kuscheliger haben konnte oder etwas in der Art. Catya war bewusst, dass dies bereits das Äußerste war, das sie erwarten durfte. Wahrscheinlich konnte nicht einmal Rhoki selbst Twila dazu bringen, Gorn wirklich zu lieben, also musste eben ein billiger Trick genügen, eine Verzerrung der Wahrnehmung, die Twila lange genug den Kopf verdrehte, um Gorn in ihr Bett zu lassen. Und selbst, wenn sie ihn noch in der gleichen Nacht mit einem Kissen erstickte, konnte niemand mehr dem Tempel einen Vorwurf machen – so etwas fiel grundsätzlich nicht mehr unter die Garantie.

Kurz vor Ende der zweiten Strophe regte sich dann endlich etwas in Twilas Schlafzimmer. Ein Vorhang raschelte und gelbliches Licht sickerte nach draußen.

Dickfelliges Biest, dachte Catya. Hat jedenfalls einen gesunden Schlaf.

Twila trat mit einer Öllampe in der Hand und von einem seidenen Nachthemd umwölkt auf den Balkon hinaus. Selbst verschlafen und ungekämmt sah sie noch immer verdammt hinreißend aus, wie Catya zugeben musste. Langes elfenbeinfarbenes Haar floss in einer momentan etwas zerzausten Woge um ihre schlanke Gestalt, und ihre makellosen weißen Schultern leuchteten im Mondlicht mit ihren eisgrauen Augen um die Wette. Sie stellte die Lampe auf dem Geländer ab und wandte grazil den Kopf hin und her, um den Urheber des Gesangs ausfindig zu machen.

»Hallo?« flötete sie mit einer Stimme, die keinerlei Magie bedurfte, um wie ein Glöckchen zu klingen. »Ist da jemand?«

Catya hielt den Atem an und betete zu allen Göttern, die ihr auf die Schnelle einfielen. Dummerweise half es nichts, denn es passierte genau das, was eigentlich nicht passieren sollte: Der Gesang verstummte und Gorn trat in den Lichtschein. »Gefällt dir das Lied?« schnaufte er.

»Verdammt, das ist zu früh!« flüsterte Catya und trat gegen einen Stein. »Sing weiter, du Idiot! Verdammt, verdammt, verdammt …«

Twila zog eine Augenbraue nach oben und sah auf Gorn herab wie auf ein interessantes Insekt. »Du?« Diese eine Silbe genügte, um den Zauber endgültig zu brechen. Ihre Augen wurden schmal, die Mundwinkel sanken nach unten: Desinteresse hatte ein neues Gesicht. »Hast du vielleicht zufällig einen Barden oder so was gesehen?« Eiszapfen wuchsen aus jedem Wort. »Er müsste eigentlich ganz in der Nähe sein.«

»Ich habe gesungen!« Gorns Stimme hatte noch immer ihren Glockenklang, aber gegen den Rest von ihm und Twilas massive Skepsis war sie offenbar chancenlos.

»Ach so. Na ja … sehr nett.«

»Nett?« Gorns Enthusiasmus prallte scheppernd vor die unsichtbare Wand, die Twilas Hochmut mit einem einzigen Augenaufschlag quer durch den Garten gezogen hatte. Er sah sich Hilfe suchend zu Catya um. Die schnitt lediglich eine Grimasse, wandte sich achselzuckend ab und begann damit, ihre Stirn gegen einen Baumstamm zu schlagen.

Twila zog unterdessen mit einer abrupten Bewegung das Nachthemd über ihrem beeindruckenden Dekolleté zusammen. »Vielleicht lasse ich dich ja auf meiner Hochzeit singen. Gute Nacht.« Sie wandte sich ohne ein weiteres Wort ab und verschwand wieder in ihrem Zimmer. Der Vorhang fiel zu, das Licht dahinter verlosch, und ein verlegenes Schweigen senkte sich auf den Garten herab. Catya tauchte neben Gorn auf, finster wie ein Rachedämon, und musste sich beherrschen, um ihm nicht einen ordentlichen Klaps auf den Hinterkopf zu verpassen. »Was bei allen Göttern war denn das?«

»Äh … also ich …«

»Was hab ich dir gesagt?«

Gorn verzog seine Miene zu einem Abbild puren Trotzes und verschränkte die Arme vor der Brust. Seine Augen vermieden es geflissentlich, Catyas finsteren Blick zu kreuzen. Er sah aus wie ein schmollender Fünfjähriger. »Dass der Zauber wahrscheinlich eine Weile braucht, bis er wirkt«, brummelte er schließlich.

»Und?«

»…. murmelmurmel …«

»Wie war das?«

»… mich nicht zu früh sehen lassen, um nicht alles kaputt zu machen.«

»Ganz genau. Und jetzt sieh, was du angerichtet hast!«

»Ich? Ich kann doch nichts dafür!« knurrte Gorn. »Dein Zauber …«

»Mit meinem Zauber war alles in Ordnung, Freundchen!« Catya stieß ihm bei jedem Wort unsanft den Zeigefinger gegen die Brust. »Du hättest dich einfach nur an die Anweisungen halten müssen. Jetzt können wir nochmal von vorne anfangen. Schon wieder.« Sie wandte sich von ihrem schmollenden Klienten ab und stapfte wütend auf die Gartenpforte zu.

»Du könntest ruhig etwas netter sein«, maulte Gorn, während er hinter ihr her trottete. »Immerhin bin ich ein zahlender Kunde.«

»Leider. Und der schlimmste, den ich je hatte. So ganz allmählich gehen mir die Ideen aus.«

***

»Hey, Feuerhexchen!«

Catya fuhr erschrocken zusammen und verlor den Fokus für ihren Zauber. Magische Energie schoss ungebremst durch das Zimmer und manifestierte sich in einem kleinen Feuer, das unversehens die Vorhänge in Brand steckte.

»Verdammt, Lanía!« schimpfte sie. »Kannst du nicht wenigstens anklopfen? Jetzt sieh dir das an!« Sie sprang aus ihrem Lotus-Sitz auf und versuchte, mit ihrem Ärmel die Flammen zu ersticken.

»Nur keine Aufregung, Süße.« Lanía malte mit dem Finger eine einfache Rune in die Luft. Ein winziges Regenwölkchen huschte von der Decke herab und löschte zischend das Feuer, woraufhin sich beißende Rauchschwaden im Zimmer ausbreiteten. Catyas Augen begannen zu tränen. Sie riss das Fenster auf und bemühte sich, den Qualm mit bloßen Händen aus der Kammer zu schaufeln.

»Ich dachte, du hättest das inzwischen im Griff«, bemerkte Lanía, während sie versuchte, mit einem von Catyas ungewaschenen Leibchen den Rauch in Richtung Fenster zu wedeln.

»Ich habe es im Griff«, brummelte Catya, »ist nur die Energie, die manchmal nicht alles im Griff hat. Verdammter Feuerelementar.«

»Ich weiß. Du Glückspilz.«

Die meisten Magierinnen waren Erd- oder Wasserelementare und daher begrenzt in ihren Möglichkeiten. Die Erde und der Ozean waren als Pole einfach zu gewaltig und legten mit ihrem Gewicht der Magie natürliche Fesseln an. Echte Feuerelementare mit ihrem typisch chaotischen, schier unerschöpflichen Potential an Energie waren hingegen eine echte Seltenheit, nicht zuletzt, weil viele von ihnen nicht alt genug wurden, um überhaupt zur Magierin ausgebildet zu werden. Entweder brachte die Magie selbst sie um, oder sie wurden von wütenden Mengen mit Sensen und Heugabeln erledigt. Niemand mochte kleine Kinder, die Dämonen zu Hilfe riefen, wenn man sie ärgerte.

Soviel Macht erforderte allerdings auch umso mehr Kontrolle, und damit hatte Catya seit jeher gewisse Schwierigkeiten gehabt. Die meisten der Schwestern hielten sie angesichts der zahllosen Unfälle, die sie im Laufe der Jahre verursacht hatte, inzwischen für einen makabren, kostspieligen Scherz, den Rhoki sich mit dem Tempel erlaubte, um ihrer aller Geduld auf die Probe zu stellen. Für Catya selbst bedeutete es, ungefähr jeden dritten Tag mit versengten Augenbrauen schlafen zu gehen und in der ständigen Furcht zu leben, aus Versehen den ganzen Tempelkomplex in eine Pfütze geschmolzenen Gesteins zu verwandeln, nur weil sie eine Beschwörung falsch abgeschrieben hatte. Sie würde nie begreifen, wie jemand so etwas beneidenswert finden konnte und sah deshalb ihre Freundin scharf an: »Ist nicht gerade so, als würde das die Dinge leichter machen.«

»Jaja, mag sein. Trotzdem, ich wüsste schon gerne, wie sich das anfühlt, wenn die Magie wie von selber aus einem rausfließt. Diese Macht …«

»Wir können von mir aus gerne tauschen. Ich hab es inzwischen ziemlich satt, ständig Rauch einzuatmen und mir die Asche von irgendwelchen Bestandteilen meiner Umgebung aus den Kleidern zu klopfen.« Catya fuchtelte mit den Händen und fluchte, weil Lanía ihr die letzten Rauchschwaden genau ins Gesicht wedelte. »Gib das her, du machst es bloß schlimmer.« Sie riss ihr das Leibchen aus der Hand, sah es einen Moment ratlos an, dann warf sie es auf einen Haufen unter dem Fenster und ließ sich resigniert auf das Bett plumpsen. »Was machst du überhaupt hier? Keinen Unterricht?«

»Fällt aus. Schwester Loary gehört zum Tribunal für Berondil. Außerdem ist die Verhandlung offen für Schülerinnen ab dem dritten Jahr. Wahrscheinlich wollen sie uns mal wieder irgendeine Lektion erteilen.« Sie verdrehte die Augen. »Damit wir die Finger von den schlimmen Dingen lassen. Absolut albern. Aber Berondil auf der Anklagebank ist eine Schau für sich. Also, was ist? Kommst du mit?«

»Weiß nicht so recht … eigentlich hab ich noch zu tun.«

»Was machst du hier überhaupt?« Lanía betrachtete skeptisch das Durcheinander in dem kleinen Raum. Auf dem Bett hatte es sich eine Tempelkatze bequem gemacht und beobachtete die beiden aus halbgeschlossenen Augen. In einem kleinen Holzkäfig am Fuß des Bettes hockte eine große, graue Ratte. Hin und wieder richtete sie sich an den Gitterstäben auf und quiekte beleidigt. Der Rest des Durcheinanders bestand aus Büchern, Pergamenten und hin und wieder ein paar Stücken Unterwäsche, die in der restlichen Unordnung dahin dümpelten wie Treibholz.

»Bindungszauber«, seufzte Catya. »Dachte, wenn ich das hier hinkriege …«

Lanía begann zu lachen. »Ach du meine Güte! Bist du etwa immer noch mit diesem Gorn beschäftigt?«

Catyas erste Antwort bestand aus einem resignierten Schulterzucken. »Was soll ich machen? Derek hat dem Tempel einen Haufen Geld bezahlt, also besteht Geno darauf, dass ich alles tue, um seinen Sprößling ins Bett dieser hochnäsigen Schnepfe zu verfrachten. Es ist zum Auswachsen.«

»Und die Liebeszauber …«

»… haben alle versagt. Du weißt doch, wie´s ist: Die meisten wirken nur, wenn beide sich zumindest ansatzweise ausstehen können.«

»Na ja, Gorn und Twila kann man nicht gerade als Traumpaar bezeichnen«, gab Lanía zu, »da braucht es dann wohl etwas mehr, oder?«

Catya nickte. »Dachte ich auch. Und musste rausfinden: Selbst die wirklich guten Zauber haben ihre Grenzen.« Ihre Miene verfinsterte sich bei der Erinnerung an ihren jüngsten Rückschlag. »Kalis Glocke war meine letzte Hoffnung, und dieser Dummkopf hat´s tatsächlich geschafft, selbst das zu vermasseln.«

Lanía pfiff leise durch die Zähne. »Kalis Glocke? Das ist ein schweres Geschütz! Wusste gar nicht, dass Schülerinnen den benutzen dürfen.«

»Dürfen sie auch nicht. Musste geschlagene zwei Stunden auf einem Stuhl vor Kardys Schreibtisch rumsitzen, um die Sondergenehmigung zu kriegen.«

»Und der Zauber hat nicht funktioniert? Angeblich hat Salm der Rote damit die Königin von Breda rumgekriegt!«

»Angeblich«, wiederholte Catya. »Würde eher sagen, es waren die sechstausend bewaffneten Reiter und sein Keller voller geraubter Schätze, die sie überzeugt haben.« Sie schob resigniert ein paar Pergamente zusammen. »Falls die Magie weiter versagt, sollte ich das vielleicht als nächstes versuchen.«

»Du machst dir zu viele Sorgen, Süße.« Lanía lächelte, dann stupste sie Catya mit dem Ellbogen an und deutete mit dem Kopf zur Tür. »Komm schon, lass uns zu der Verhandlung gehen. Mitzuerleben, wie Geno die alte Hexe Berondil fertig macht, wird dich bestimmt aufheitern.«

»Berondil?« Catya betrachtete ein weiteres Mal missmutig die triefnassen, verkohlten Überreste ihres Vorhangs. »Was hat die überhaupt angestellt? Nicht, dass ich ihr nicht gönnen würde, was immer man mit ihr anstellt«, fügte sie grimmig hinzu.

Schwester Berondil war seit unzähligen Jahren die oberste Instruktorin für die ersten und zweiten Klassen. Abbilder ihres hageren Gesichts mit den bösartigen Augen und das Echo ihrer Stimme, die ausschließlich zum Verteilen von Schimpf und Tadel geeignet zu sein schien, geisterten durch die Alpträume zahlloser Generationen von Tempelschülerinnen.

»Böse Dinge! Sie soll einen Baron behext haben, damit er sich in sie verliebt, seine Familie enterbt und ihr alles vermacht.«

Catya stutzte. »Ach was? Wir reden hier von derselben Person, oder? Verbittert, humorlos, den Kodex unter dem Kopfkissen – Berondil eben?«

»Genau die. Ich hätte ja auch nicht gedacht, dass sie zu sowas fähig wäre.«

»Ich hätte nicht gedacht, dass sie so blöd wäre, sich erwischen zu lassen. Schätze, dafür wird sie sich wohl selber eine Sechs geben müssen.«

Lanía grinste von einem Ohr zum anderen. »Naja, wahrscheinlich wäre sie noch mal davon gekommen, wenn sie nicht ausgerechnet einen Leyon-ten-Zauber benutzt hätte. Das konnte Geno ihr natürlich nicht durchgehen lassen.«

»Leyon-ten?« Catya zog die Augenbrauen nach oben. »Im Ernst?«

»So lautet zumindest die Anklage.«

Catya runzelte die Stirn. Das war in der Tat verbotene Magie, und das aus guten Gründen. Einer davon hieß »Scheiterhaufen«. Der Leyon-ten war der individuelle menschliche Elementar, und die meisten Menschen mochten es aus verständlichen Gründen überhaupt nicht, wenn jemand daran herumpfuschte. »Heißt das, es hat funktioniert?«

»Natürlich. Ist ihr vollkommen verfallen, der liebe Baron.« Beide kicherten bei der Vorstellung, irgend jemand könnte ausgerechnet Berondil den Hof machen, Magie hin oder her. »Seine Frau hat natürlich ein Mordsgezeter veranstaltet«, berichtete Lanía weiter, »so lange bis der Tempel schließlich einer Untersuchung zugestimmt hat. Natürlich ist das Ganze ziemlich schnell aufgeflogen, und jetzt bekommt Berondil ordentlich eins übergebraten. Ich finde, das sollten wir uns auf keinen Fall entgehen lassen!«

Catya dachte einen Augenblick nach. Dann rutschte eine bestimmte Information aus Lanías Geplapper plötzlich an den richtigen Platz.

Sie hat einen Baron behext. Damit er sich in sie verliebt!

Nun, es konnte mit Sicherheit nicht schaden, sich die Verhandlung anzusehen. Vielleicht konnte sie dabei das eine oder andere lernen.

»Weißt du was? Hast wahrscheinlich Recht. Das mit dem Zauber gibt heute eh nichts mehr.« Sie öffnete die Tür, verscheuchte die Katze vom Bett und schob sie mit dem Fuß nach draußen. »Raus mit dir. Die Ratte brauche ich noch.«

Lanía grinste, während sie hinter der Katze aus dem Zimmer spazierte. »Warum tust du das? Vielleicht hätten sich die beiden ja verliebt, während du weg bist!«

»Sehr witzig.«

***

Der Beginn der Verhandlung war nicht mal halb so interessant, wie Lanía und Catya es sich versprochen hatten. Berondil selbst war stumm wie eine Statue und ließ die Verlesung der Anklage mit steinerner Miene über sich ergehen. Lediglich ihre Augen sprühten vor Hass, konzentriert auf Kardy, die als Anklägerin fungierte.

Einziger Lichtblick war der Auftritt der Baronin: fleischgewordene Entrüstung in teurem Pelz. Als sie und Berondil einander ansahen, hätte man glauben können, die Luft zwischen ihnen ginge jeden Augenblick in Flammen auf. Ansonsten jedoch war es wie jede andere langweilige Unterrichtsstunde auch. Ein Frage-und-Antwort-Spiel über den Kodex des Tempels und die Gesetze der Magie. Kardys und Genos Stimmen hallten abwechselnd durch den Versammlungssaal und brachen sich an den Nasen gipsköpfiger ehemaliger Magierinnen, deren Büsten in ihren Fensternischen zwischen dicken roten Vorhängen gemächlich verstaubten.

Lanía gähnte herzhaft, als Kardy damit begann, das Testament des Barons vorzulesen. »Bei Rhoki«, flüsterte sie dann in Catyas Richtung, »wie kann man nur so viel Zeug zu vererben haben? Das meiste davon würde ich gar nicht haben wollen. Was soll ein normaler Mensch schon mit einer Gemäldegalerie oder einer komplett eingerichteten Folterkammer anfangen?«

»Ich bin sicher, Berondil hätte schon eine Verwendung dafür gefunden.«

Etwas später kam mit einem Mal Bewegung in den Saal: Der Baron wurde aufgerufen! Er war ein gewaltiger Mann, dick wie ein Weinfass, eingehüllt in einen zerzausten Pelzumhang. Er galt als streitlustig und dem Wein mehr zugetan als dem Regieren, aber er verstand es immerhin, gut zu leben und den Rest der Welt an seinem Spaß teilhaben zu lassen, was ihn für die Bevölkerung irgendwie sympathisch machte. Seine roten Wangen leuchteten bis in die letzte Reihe und sein Schnurrbart zitterte, als er mit dröhnender Stimme seinen Namen verkündete: »Ich bin Baron Tardis en Bleda en Daylahád, Heerführer der Zwölf, Erbe des großen Hauses von Daylahán, und diese Verhandlung ist eine Farce! Ich liebe diese Frau mehr als mein Leben, und das hat nichts mit Hexerei zu tun.« Dabei deutete er auf Berondil und warf ihr einen zärtlichen Blick zu. Einige Mädchen in den hinteren Reihen begannen zu kichern.

»Um das herauszufinden, sind wir hier«, schnarrte Geno humorlos. »Setz dich bitte.« Sie wandte sich an Kardy: »Also?«

Kardy wartete, bis der Baron sich in dem viel zu kleinen Stuhl arrangiert hatte, dann begann sie mit ihrer Befragung: »Wie lange kennst du die Angeklagte schon?«

Tardis zupfte an seinem Bart und betrachtete sie mit einem giftigen Blick, als sei sie eine Art ungezogene Kammerzofe. »Ich würde es begrüßen, wenn du sie nicht als ›Angeklagte‹ bezeichnen würdest. Das klingt, als hätte sie ein Verbrechen begangen …«

Damit kam er bei Kardy genau an die Richtige: Sie setzte ihre weithin berüchtigte tadelnde Miene auf, unter deren Anblick angeblich sogar die Statue des Hundeköpfigen Hetor einmal verlegen mit den Füßen gescharrt hatte. »Beantworte bitte nur die Frage«, entgegnete sie. Ihr Tonfall hätte problemlos den Inhalt von Tardis´ Speisekammer durch einen langen, heißen Sommer gerettet.

Für einen winzigen Moment sah es beinahe so aus, als würde der Baron erneut lospoltern, doch nach etwa einer halben Minute stummen Ringens gegen Kardys Blick, der nachweislich selbst wilde Tiere und niedere Dämonen vergraulen konnte, gab er sich geschlagen: »Seit dem letzten Volghasmond. Sie kam zum Weihefest meiner Tochter, um sie für den Tempel zu prüfen.«

»Soso …« Kardy gestattete sich ein selbstgefälliges Lächeln, bevor sie mit ihrer Befragung fortfuhr: »Und warst du an diesem Tag zu irgendeinem Zeitpunkt mit ihr alleine in einem Raum?«

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺223,09

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
120 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783738044140
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi: