Kitabı oku: «Homer meets Harry Potter: Fanfiction zwischen Klassik und Populärkultur»

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Martina Stemberger

Homer meets Harry Potter: Fanfiction zwischen Klassik und Populärkultur


Umschlagabbildung: Sergej Amin

© 2021 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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ISSN 2626-0697

ISBN 978-3-89308-462-3 (Print)

ISBN 978-3-89308-007-6 (ePub)

Inhalt

  Intro „… the Aeneid was a fanfiction too“? Eine Frage der Definition Von Star Trek bis Harry Potter: Fanfiction zwischen Poetik und Politik „La vera storia di…“: Geschichte und Geschichten Von fluktuierenden Figuren und alternativen Welten: Fiktion, Transfiktion, Fanfiction „Das ist eine Riesensache…“: Kartographie einer literarischen Parallelwelt „I appologize for my English“: Fanfiction zwischen den Sprachen und den Kulturen „A Labor of Love“? Fanfiction als kollektive Praxis und sozialer Prozess Exkurs: Fanfiction in Zeiten der Corona-Krise „… women and queer folks“: Fragmente einer Fanfiction-Demographie Text und Paratext: Der fanfiktionale Pakt „these characters aren’t mine…“: Disclaimer & Copyright Die „letzte Schlacht zwischen Autor und Leser“: Jenseits von UGO2 Von der Subkultur zum Mainstream: Fanfiction heute Ein vernachlässigtes Massenphänomen: Fanfiction und Literaturwissenschaft Zwischen Vergil und Doctor Who: Fanfiction als kulturelles Spannungsfeld „Gibt es Proust-Fans?“ Von Klassikern und Fangirls „… un finale diverso“: Prequels, Sequels, (Un-)Happy Ends „What if the madwoman was not mad?“ Zur Ideologie der Narration „Virgil ended up cutting this part out…“: Von der Lust an der Leerstelle „Macbeth has a thing for Banquo…“: Klassik-Slash „Omaggio al mio classico preferito“: Fanfiction zwischen Hommage und Ikonoklasmus Von Deutschlektüren und anderem „Horror“: Fanfiction im schulischen Kontext Klassik und Kanon: Fanfiction als Text-Ökosystem Wider die Herrschaft der Dead White European Males? Fanfiction, Kanon und Gender Tolstoevskij & Co.: Kanon-Konfigurationen Ovid, Orlando, OuLiPo: Meta-Fanfiction und literarische Selbstreflexion Don Quijote & Buffy Summers: Crack, Crossover, Klassik-Crash „… betaing the world“: Fanfiction als Lebensphilosophie? (Conclusio) Quellenverzeichnis

Intro

„Nie wurde so viel gelesen und geschrieben wie heute“: Mit diesem starken Statement beginnt eine Deklaration der Autorengruppe Fiktion aus dem Jahr 2013, die sich mit der „digitalen Zukunft unserer Literatur“ und einer neuen Breitenkultur des „alltägliche[n] Schreiben[s]“ auseinandersetzt. Letzteres „lässt die Schwelle, auch selbst Gedichte, Geschichten und Romane zu verfassen, sinken. Fast jeder kann seine Texte weltweit anbieten und sich über sie austauschen. Wer damit größeren Erfolg hat, kann anschließend auch in traditionellen Verlagen reüssieren“, fügen die Autor*innen optimistisch hinzu (Bremer/Bußmann et al. 2013). Anstatt jener auditiv dominierten „Kultur des Hörens“, die Welsch (1996) heraufziehen sieht, führt die Digitalisierung derart mitten in eine medientechnisch aktualisierte „Ära Gutenberg“ zurück (Eco/Carrière 2011: 14). Geht in der Post-Romantik die Demokratisierung bezüglich der Leserschaft mit der Elitarisierung literarischer Produktion einher (Schlanger 2008: 118), so erscheint diese Arbeitsteilung zusehends obsolet; die Konfrontation mit – auch kanonisch-klassischer – Literatur verlagert sich hin zu kreativer Interaktion.

Höchst instruktiv hinsichtlich dieser neuen populären Lese- und Schreibpraxis ist die Fanfiction, die – Segment und Symptom einer generelleren Transformation der literarischen Kultur unserer Zeit – Anfang des 21. Jahrhunderts eine geradezu explosive Dynamik entfaltet; zu einer Expedition in diese bunte Parallelwelt lädt dieser Dialoge-Band ein.

„… the Aeneid was a fanfiction too“? Eine Frage der Definition

Fanfiction bezeichnet eine Form appropriativ-derivativer bzw. (so der präferable, da neutralere Terminus) transformativer Literatur, die, produziert von in sogenannten Fandoms – heute meist Online-Communities – interagierenden Fans, z. B. auf Romanen, Theaterstücken, Musicals, Filmen, TV-Serien, Comics, Anime/Manga oder Videospielen, z. T. aber auch auf der Geschichte realer historischer und zeitgenössischer Personen beruht. Wie weit ist der Begriff sinnvollerweise zu fassen? Dass Literatur- und Kunstschaffende – Profis wie Amateure – nicht ex nihilo arbeiten, sondern aus früheren Werken Inspiration schöpfen, ist ja alles andere als neu. Wenn Vergil mit Aeneas eine Nebenfigur Homers zum Helden seines eigenen Epos macht, tut er im Prinzip eben das, was Legionen von ano- bzw. pseudonymen Fanfiction-Autor*innen auf bescheidenerem Niveau betreiben. „Isn’t the Aeneid a Roman-based fanfic of The Iliad?“, fragt Jung (2019): „[…] isn’t that how all forms of literature progress through time?“

Gerade Vergil als früher Fanfic-Writer ist ein populärer Legitimationstopos: „I can only imagine the looks of people when someone would tell them that, technically, the Aeneid was a fanfiction too […]“, bedauert eine Autorin das Negativ-Image von „fanfiction just because it’s called fanfiction these days“ (zit. Aragon/Davis 2019: 52). Als „fanfiction based on fanfiction“ präsentiert eine andere ihre Aeneis-Reinterpretation (FloatingCowskull: Lavinia’s Stand, AO3, 25.02.2014): „These characters are over 2000 years old, and stolen [from] Virgil, who stole them from Homer […]“ (FFN, 10.09.2013). Verstehen wir Fanfiction als „a form of collective storytelling“, dann dürfen überhaupt die Ilias und die Odyssee als „the earliest versions of fan fiction“ gelten (Hellekson/Busse 2014: 6).

Für Eco (1990: 510) ist der Mensch ein „animale fabulatore per natura“, nach MacIntyre (1999: 216) „essentially a story-telling animal“; Iser (1993: 16) zufolge gehört „Fiktionsbedürftigkeit“ zu unserer anthropologischen Ausstattung. Der Mensch wäre also ein Geschichten erzählendes und erfindendes, aber auch nach-erzählendes und nach-erfindendes, kurz: ein fanfiktionales Tier. „Fandoms are just a basic, human response to stories“, betont Coppa (zit. Drozd 2018), Herausgeberin einer Anthologie von Fanfics als Folk Tales for the Digital Age (2017); insofern ist die heutige Online-Fanfiction eine neue Ausdrucksform jener zutiefst menschlichen, identitäts- und kulturstiftenden Leidenschaft, „the same story over and over in different ways“ zu erzählen (Hutcheon 2006: 9) – und in diesem Nach- und Umerzählen alter Geschichten auch aktuelle Problematiken zu verhandeln; als Form von „recursive literature“ (Tosenberger 2014) bzw. postmodernes Mythos-Surrogat bietet sie Einblicke in individuelle wie kollektive Prozesse narrativer Weltkonstruktion.

Auch wenn sich „many, perhaps all, literary and cultural artifacts as fan works and their producers and receivers as fans“ im weitesten Sinne interpretieren lassen (Kahane 2016), ist es natürlich wenig ergiebig, einfach die gesamte Literaturgeschichte – beginnend mit der Ilias, der Odyssee und der Aeneis – unter Fanfiction einzuordnen. Allzu restriktiv definiert umgekehrt der Enzyklopädie-Gigant Larousse, der die Fanfiction erst 2017 lexikalisiert, und zwar als „von einem Fan im Internet angebotene Erzählung, die eine bereits existierende Fiktion (Roman, Manga, Film, TV-Serie, Videospiel) fortsetzt oder eine Variation davon darstellt“.

Fanfiction auch im engeren Sinn gibt es schon vor dem Internet-Zeitalter; bis heute aktive Communities bilden sich um das Werk Jane Austens und Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes. Der Begriff wird im Zusammenhang mit den Science-Fiction-Fankulturen der 1930er Jahre gebraucht, wobei „fan fiction“ hier nicht die transformative Dimension der Texte, sondern „original fiction by amateur writers“ (Jamison 2013: 74), alternativ auch „fiction about fans and fandom“ (Andy Sawyer, ibid.: 77) bezeichnet.

Der Beginn der Media-Fanfiction nach heutigem Verständnis, d. h. „in the sense of amateur-authored stories set in an already created universe“ (ibid.: 84), kann in den späten 1960ern verortet werden – und erscheint v. a. mit einer TV-Kultserie jener Zeit assoziiert: Star Trek alias Raumschiff Enterprise, deren frühe Staffeln in den USA in den Jahren 1966 bis 1969 herauskommen. Dabei gilt es die Geschichte des Genres auch kulturspezifisch zu betrachten; in Russland ist das Gründungswerk der Fanfiction vielmehr The Lord of the Rings bzw. Vlastelin kolec: „Fandom-wise, Lord of the Rings was for Russians what Star Trek was for Americans“, wie Prassolova (2007) konstatiert. In Deutschland wiederum ist der Erfolg von Anime und Manga in den 1990ern für die Popularisierung des einstigen „niche phenomenon“ zentral (Cuntz-Leng/‌Meintzinger 2015).

Von Star Trek bis Harry Potter: Fanfiction zwischen Poetik und Politik

Rund um Star Trek entwickelt sich ein Fandom mit eigenen Magazinen – den Fanzines (angefangen mit den legendären Spockanalia), die, postalisch oder bei eigenen Fan-Conventions vertrieben, von der Reichweite her klarerweise nicht annähernd mit der heutigen Internet-Fanfiction zu vergleichen sind. Und dennoch: Auf Star Trek gehen mancherlei nach wie vor gebräuchliche Kategorien der Fanfiction zurück. Diese verfügt über ein elaboriertes internes Organisationssystem, ihren eigenen Jargon – der, für Uneingeweihte obskur, zugleich eine Initiations- und Identifikationsfunktion erfüllt – sowie ihre eigenen Subgenres, darunter der sogenannte Slash: Kirk/Spock oder auch nur knapp K/S – so markiert wurden (und werden) Stories, in denen die Star-Trek-Protagonisten ein mehr als freundschaftlich-kollegiales Verhältnis verbindet. Der nach jenem Interpunktionszeichen benannte Slash, bei dem im Ausgangstext nicht – jedenfalls nicht explizit – vorhandene männlich-homosexuelle Beziehungen ausgestaltet werden, erfreut sich bis heute extremer Popularität – und wird ganz überwiegend von weiblichen Autoren für weibliche Leser verfasst: „Pornography By Women For Women, With Love“, titelt Russ 1985.

Zum Slash (signalisiert auch als M/M) gehört – im Rahmen einer symptomatischen Asymmetrie markierter Terminus – der Femslash (bzw. Femmeslash); ein Beispiel für „Roman femslash in epic poem format“ (so selbstironisch die Autorin) bietet die eben zitierte Aeneis-Fic, die die latinische Prinzessin Lavinia – bei Vergil passives Objekt väterlicher Verheiratungspläne – ins Zentrum des Geschehens rückt und sie weder mit ihrem ursprünglichen Bräutigam Turnus noch mit dem seinen Rivalen im Zweikampf tötenden Heros Aeneas, sondern mit Turnus’ Schwester Juturna vereint. Führt eine Fic derart zwei (oder auch mehr) im Ausgangswerk nicht liierte Figuren gleichen Geschlechts zusammen, wird der betreffende Text ‚geslasht‘ (slashed, slashé, slashato…): der Slash, auch ins Russische als слэш oder слеш transliteriert, hat sich im internationalen Fanjargon sowie quer durch alle erdenklichen Fandoms etabliert.

Zwar kennt die Fanfiction sehr wohl ein mit dem Kürzel PWP bezeichnetes Subgenre ‚Porn Without Plot‘ (zunächst dechiffriert als ‚Plot? What Plot?‘); doch handelt es sich bei Slash und Femslash um keine müßige pornographische Spielerei: Die Fankultur, die insgesamt „from a position of cultural marginality and social weakness“ operiert (Jenkins 1992: 26), formiert sich auch als Forum für minoritäre Stimmen, die sich im Mainstream weder zu Star-Trek-Frühzeiten noch heute adäquat repräsentiert sehen. „I began writing because as a queer woman I couldn’t find any representation in literature. Just the fact that I could be gay in this space is what mainly kept me going“, erklärt eine indische Autorin den Reiz eines auch in puncto Gender fluiden Genres (zit. Sarangan 2019). „For me, fanfic is partially a political act“, betont ein anderer Fan: „MGM [d. h. die US-Filmproduktions- und -vertriebsgesellschaft Metro-Goldwyn-Mayer] is too cowardly to put a gay man in one of their multimillion-dollar blockbusters? And somehow want me to be content with the occasional subtext crumb from the table? Why should I?“ (zit. Grossman 2011).

Wie politisch Fanfiction, speziell Slash auch heute noch sein kann, zeigt ein Blick über den westlichen Kontext hinaus. In Russland bietet der Slash angesichts einer weit verbreiteten und von offizieller Seite favorisierten Homophobie ein kreatives Ventil: Eifrig wird neben diversen fiktiven und historischen Figuren auch die zeitgenössische Politprominenz geslasht, im Rahmen lustvoll transgressiver Fics, die pikante Pairings à la Putin/Medvedev, Putin/Naval’nyj (etc.) variieren; über die einschlägigen Sites hinaus funktioniert Slash als „discursive device“ in der Debatte über LGBT-Agenden (Rajagopalan 2015).

Sehr viel drastischer gestaltet sich die Situation in der Volksrepublik China: Hier gab es mehrfach, so im Jahr 2014, exemplarische Repressionswellen gegen Slash-Autorinnen; Ende Februar 2020 wurde der Internetzugriff auf eines der größten internationalen Fanfiction-Portale blockiert (Romano 2020a). Die westliche Berichterstattung über „China’s Insane Witch Hunt For Slash Fiction Writers“ (Tang 2014) ist freilich von einer gewissen Hypokrisie geprägt; besagte Slash-Affäre wird diskursiv instrumentalisiert, um „human rights issues in China in ways that clearly separate ‚us‘ from ‚them‘“ zu framen (Hampton 2016: 237), unter Ausblendung dessen, dass auch einige der okzidentalen Sphäre angehörige Staaten zeitweise eine sehr restriktive Linie gegenüber tatsächlich oder vermeintlich pornographischer Fanfiction verfolg(t)en: Dies betrifft Kanada (ibid.: 236) und besonders Australien, das sich nach einer größeren Kampagne 2007 – samt „mass deletion of fanfic blogs“, u. a. Harry-Potter-Slash – mit dem Projekt einer neuen Internet-„filter policy“ auf ein Zensurlevel mit „states such as Iran and Saudi Arabia“ zu begeben drohte (McLelland 2010).

„La vera storia di…“: Geschichte und Geschichten

International betrachtet stellt Fanfiction derart bis heute ein Politikum dar; das Genre wirft auch anderweitige juristische wie ethische Problematiken auf. Ganz besonders gilt dies für die lange Zeit in der Fan-Community selbst tabuisierte sogenannte RPF (Real Person Fiction oder Real People Fiction) und speziell den Real Person Slash (RPS) bzw. Real-Life Slash (RLS). Wenig überraschend beschäftigt RPF sich oft mit Sportstars (Sportfic), Schauspieler*innen (Actorfic), Boybands (Bandfic) etc.; zum Bestseller schafft es Anna Todds Zyklus After rund um Harry Styles, Sänger der Boygroup One Direction: Die ursprüngliche RPF erreicht auf der Plattform Wattpad bis 2014 über eine Milliarde Aufrufe, wird daraufhin als Romanserie in mehr als 40 Ländern herausgebracht und 2019 verfilmt.

RPF wird aber auch zu hochkanonischen ‚Celebrities‘ aus der Kultur- und Literaturgeschichte verfasst, beginnend wiederum mit Homer, den Fanfic-Autorin Scytale gemeinsam mit Euripides und Catull einen klassischen „Gender Change“ vollziehen lässt (The Other Muses, AO3, 16.02.2020). La vera storia di Publio Virgilio Marone verspricht Afaneia auf dem italienischsprachigen Portal EFP (27.04.2011); in der Kategorie ‚18th Century CE RPF‘ erwarten die interessierte Leserin zahlreiche Stories zu Goethe & Schiller, bevorzugt als literarisches Liebespaar: „Was wäre gewesen, wenn Johann doch eines Tages einfach mit Friedrich nach Italien durchgebrannt wäre?“ (SwanFloatieKnight: Kennst du das Land…, AO3, 13.04.2019). ‚Schoethe‘-Fic wird nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch, Russisch oder Mandarin publiziert.

Gerade unter RPF figurieren auch mancherlei Texte, die gegen mehr als nur den guten Geschmack verstoßen, etwa Mein-Kampf-Slash; dies nicht auf den deutschsprachigen Sites (die auf dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag basierende virtuelle Hausordnung des Portals FanFiktion.de enthält eine eigene Klausel zum Thema „Rassismus, Nationalsozialismus“); anderswo geht es diesbezüglich weniger streng zu. Unweigerlich hat jene digitale Demokratisierung, an der die Fanfiction partizipiert und von der sie profitiert, ihre Schattenseiten. In dieser literarischen Parallelwelt finden sich auch „die ungeheuerlichsten Texte, die man sich vorstellen kann“; so Setz (2015), der sich auf das Terrain der „Anne-Frank-Fanfiction“ vorwagt: „Wer Narrenfreiheit sehen will, dem fliegt sie hier um die Ohren.“

Mit neuer Virulenz stellt sich in diesem populärkulturellen Kontext die Frage nach der gesellschaftlichen Konstruktion von Geschichte und Geschichten. Kontrovers diskutiert wurde eine britische Enquete aus dem Jahr 2008, der zufolge fast ein Viertel (23 %) der interviewten 3 000 Teenager Winston Churchill – Star eines eigenen RPF-Corpus – für eine fiktive Figur hielt, bei Richard Löwenherz mit 47 % beinahe die Hälfte; von einer Mehrheit als historisch real betrachtet wurden dagegen König Arthur (65 %) und Robin Hood (51 %) (Simpson 2008). Während der Historiker Correlli Barnett „a complete lack of common sense and respect for our greatest heroes of the past“ anprangert (zit. Camber 2008), frohlockt die Sherlock-Holmes-Community, deren Held immerhin 58 % der Respondent*innen als authentische geschichtliche Figur galt (Simpson 2008).

Von fluktuierenden Figuren und alternativen Welten: Fiktion, Transfiktion, Fanfiction

Das Ganze ist nicht nur eine Frage historischer Unbildung. Ivan Gončarov, Schöpfer des ikonischen Oblomov, meditiert über jene von Don Quijote, Hamlet, Lady Macbeth, Don Juan & Co. bevölkerte „Welt schöpferischer Typen“, die „gleichsam ihr eigenes besonderes Leben“ besitzt (1955: 104). Wie ist der Status derartiger durch die Literatur-, Theater-, Musik- und Filmgeschichte irrlichternder Gestalten zu fassen? Saint-Gelais (2011: 373–383) spricht von der „émancipation transfictionnelle“ literarischer Held*innen gegenüber Autor*in wie Ausgangswerk, Eco (2011: 94) von „‚fluktuierende[n]‘ Figuren“:

Wie viele Menschen, die über das Schicksal Anna Kareninas im Bilde sind, haben Tolstois Roman gelesen? Und wie viele von ihnen kennen Anna nur aus Filmen […] oder TV-Serien? Ich weiß keine genaue Antwort, aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass viele fiktive Personen außerhalb der Partitur „leben“, in der sie zur Welt gekommen sind, und sich in einer Zone des Universums bewegen, die sich schwer eingrenzen lässt.

Auch Fanfiction beruht sehr häufig nicht exklusiv auf einem konkreten Werk (wie z. B. Tolstojs Roman), sondern auf einem ganzen intertextuell-intermedialen Konglomerat, das sich rund um den jeweiligen Quell- oder „urtext“ (Sandvoss 2007: 23) entfaltet. Selbst eine „brava classicista“, deklarierter Homer-Fan, gesteht zugleich ihre ‚Verliebtheit‘ in Wolfgang Petersens Hollywood-Troy (2004) samt ‚Achilles‘ Brad Pitt (Elefseya, EFP, 07.04.2009), während ein Kollege anlässlich der Publikation seiner Fic, „esorcismo mentale“, mit Pietro Loprienos Il ritorno di Ulisse (2010) abrechnet und den klassischen Kanon gegen „quell’oscenità televisiva“ verteidigt (Lusio: Kαι σ 'αγαπώ… [Und ich liebe dich…], EFP, 30.12.2014, Kommentar: 11.03.2015).

In der Fanfiction ergänzt den ‚Canon‘ – als „the collection of texts considered to be the authoritative source for fan creations“ (Busse 2017: 101) seinerseits ein Konstrukt – der damit dynamisch interagierende ‚Fanon‘, der nachträglich fan-kanonisierte Elemente der Handlung, Figurencharakteristik etc. umfasst: So entsteht das heute etablierte Bild Sherlock Holmes’ – mit Deerstalker-Mütze, Inverness-Mantel, Pfeife und einem souveränen ‚Elementary!‘ auf den Lippen – erst im Zuge der Bearbeitungsgeschichte von Conan Doyles Werk.

Unter AU (Alternate Universe) finden sich Fanfics, die von der kanonischen Diegese des Ausgangstextes abweichen, z. B. die Figuren beibehalten, diese aber in einen anderen historischen oder kulturellen Kontext versetzen. So etwa, wenn die Autorin einer „Aeneid High School AU“ Vergils als „a former team captain of the Trojan High football team“ reinkarnierten Helden auf die Suche nach einer neuen Heimstatt schickt, nachdem seine Schule „by the deceitful Greek football team“ in Brand gesetzt wurde (puppo530: AENEID HIGH, AO3, 13.03.2016); oder auch, wenn „Elissa Dido, Captain of the Carthage“ im Rahmen eines „space!AU“ ins Weltall reist und ebendort voll intermedialer Ironie den „stories of daring adventure and perilous travel“ des geflüchteten „Captain Aeneas“ lauscht: „There might […] be quite a profitable career for him on some planet where they liked that sort of thing. A weekly holovid show, perhaps, or a series of movies“ (misura: Trouble Any Which Way, AO3, 05.05.2013).

Bei aller gelegentlichen Naivität handelt es sich hier um ein komplexes literarisches System mit seiner eigenen Poetik, Publikations- und Rezeptionsetikette, inklusive standardisierter Triggerwarnungen (Major Character Death, Graphic Depictions of Violence, Underage, Rape/Non-Con). Stories werden nach Fandoms kategorisiert, neben den drei Hauptrubriken Gen (General Audience, d. h. ohne speziellen amourös-erotischen Fokus), Het und Slash konkret nach Beziehungskonstellationen (Pairings), sexueller Explizitheit samt korrespondierenden Altersgruppen; thematisch nach dem Grad der Übereinstimmung mit dem Ausgangswerk (Canon, AU) und Subgenres wie Angst, Drama, Fluff (d. h. leichte Wohlfühl-Happyfic), Humor, Hurt/Comfort, Romance; formal nach ihrer Machart (Crossover, Songfic etc.) und Länge: Beliebt sind Kurzformen wie Drabbles (Texte von exakt 100 Wörtern, praktiziert auch als Double-, Triple- und Quad-Drabble), Vignettes, alternativ Flashfics oder Ficlets (üblicherweise bis ca. 1 000 Wörter), One-Shots bzw. Standalones (kurze, aus einem einzigen Kapitel bestehende Fics). Dergleichen funktioniert in der Fanfiction deshalb so gut, weil es sich hier um eine überaus voraussetzungsreiche, mit dem jeweiligen Kanon und Fanon bzw. dem „fan text“ – d. h. dem gesamten „discursive universe generated by the source text“ (Busse 2017: 107) – vertraute Leser*innen adressierende, allusiv ‚komprimierte‘ Form von Literatur (Stasi 2006: 122), ein zugleich populäres und hochgradig palimpsestuöses Genre handelt.

Mit dieser plastischen Metapher des Palimpsests betitelt Genette sein Referenzwerk zur Transtextualität – kurz definiert alles, was einen Text „in eine manifeste oder geheime Beziehung zu anderen Texten bringt“ (1993: 9); mit den Subkategorien u. a. der Intertextualität (Zitate, Allusionen oder auch Plagiate) und der Hypertextualität, bei der ein Text – der Hypertext – ein früheres Werk – den Hypotext – auf spielerische, satirische oder ernsthafte Weise transformiert oder imitiert. Auf der Odyssee als Hypotext basieren so unterschiedliche Hypertexte wie Vergils Aeneis und James Joyces Ulysses – sowie von allen drei Werken inspirierte Fanfics, in denen z. B. Joyces Homer-Hypertext seinerseits zum Hypotext und im Rahmen des einen oder anderen Crossover mit Shakespeares Hamlet (chaos_harmony: Aeolus, AO3, 14.03.2012), Sherlock (Kalypso: Ulysses Holmes, AO3, 16.06.2012) oder auch – With Deepest Apologies to James Joyce (lynnmonster, AO3, 31.03.2008) – mit Harry Potter kombiniert wird. Als hypertextuell generiertes Genre illustriert auch und gerade die Fanfiction, wie sehr ein Text zur Entfaltung der vollen „‚palimpsestuousness‘ of the experience“ (Hutcheon 2006: 172) der ko-kreativen Kompetenz der Leserin bedarf.

Am anderen Extrem der Fanfic-Skala finden sich Online-Epen, die zumindest quantitativ jederzeit mit Joyces voluminösem Roman rivalisieren können. Im Durchschnitt sind die in literarischen Fandoms publizierten Texte umfangreicher als jene in anderen Kategorien (Aragon/Davis 2019: 85); eine der bisher längsten Fanfictions beruht allerdings auf dem Nintendo-Computerspiel Super Smash Bros.: Die von einem US-Teenager mit mexikanischem Background verfasste Mega-Fic The Subspace Emissary’s Worlds Conquest (AuraChannelerChris, FFN, 05.03.2008) zählt bis zum letzten Update (12.06.2018) über vier Millionen Wörter und ist damit deutlich mehr als drei Mal so lang wie Marcel Prousts Romanzyklus À la recherche du temps perdu und mehr als sechs Mal so lang wie Lev Tolstojs Krieg und Frieden (Romano 2020b). Getoppt wurde dieses Monsterwerk von der ebenfalls auf einem Computerspiel – der japanischen Kantai Collection – basierenden Fic Ambience: A Fleet Symphony (Hieda no Akyuu, FFN, 09.05.2014; Update: 16.04.2019), die aktuell 443 Kapitel und über viereinhalb Millionen Wörter erreicht.

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