Kitabı oku: «Reisen in Westafrika»
Mary Henrietta Kingsley
(1862-1900) wurde in London geboren. Auf ihren insgesamt drei Reisen ins westliche Afrika trat sie als Händlerin auf, lernte das Handelsenglisch der Einheimischen, entdeckte der Fachwelt noch gänzlich unbekannte Fischarten und lernte die Lebensweise der Einheimischen kennen. Sie revolutionierte das Bild des primitiven Schwarzen, trat gegen den Sklavenhandel und für die Rechte der afrikanischen Ureinwohner ein. Ihre Erlebnisse und Erkenntnisse teilte sie in öffentlichen Vorträgen und schriftlichen Aufzeichnungen mit. Sie starb 1900 in Südafrika an Typhus.
Niels-Arne Münch
(geb. 1972) ist Sozialwissenschaftler und arbeitet seit 2005 als freier Lektor, Übersetzer und Lehrer für kreatives Schreiben. Er lebt mit seiner Familie in Göttingen.
Magdalena Köster
hat die Deutsche Journalistenschule in München besucht und bei der Süddeutschen Zeitung und der Abendzeitung gearbeitet. Heute lebt sie als Freie Journalistin in München und ist als Autorin und Herausgeberin tätig.
Zum Buch
»Ein Leben in der Tretmühle, wie es eine ordentliche Gesellschaftsdame in London führt, würde mich umbringen.«
Mary Kingsley
Kaum hat sie das Geld zusammen und ihre Ausstattung verbessert, sitzt Mary Kingsley gänzlich unsentimental an Weihnachten 1894 erneut auf einem Frachter Richtung Westküste – es ist ihre zweite Afrikareise. Sie reist auf einfachste Art, ist zu Fuß oder auf einheimischen Booten unterwegs, schläft in Hängematten oder auf Holzbrettern. Das kleine Budget und die Begabung Kingsleys, auf jeden Einheimischen zuzugehen und sich von jeder Stammesfrau die Welt erklären zu lassen, trugen wesentlich dazu bei, dass die Engländerin einen weitaus besseren Einblick in die afrikanische Lebenswelt bekam als so mancher Anthropologe. Die Westküste und deren Bewohner besser kennen zu lernen, mehr über deren Opferriten, Fetischverehrung und Geistergläubigkeit zu erfahren, von ihrem Umgang mit der Natur und den Tieren zu profitieren, war Mary Kingsley entschieden wichtiger als den afrikanischen Kontinent einmal quer zu durchreisen.
»Lieber möchte ich reisend sterben, als strickend und von einer Horde lärmender Kinder umringt leben. Und da es um meine Strick- und Handarbeitskünste ohnehin nicht gut bestellt ist, widme ich mich lieber der Erkundung und Kartographie Afrikas, allen Widerständen zum Trotz.«
Mary Kingsley
Über ihre zweite, annähernd zwölf Monate lange Reise durch die heutigen Länder Nigeria, Kamerun und Gabun berichtet Mary Kingsley in dem vorliegenden Buch. Es ist der faszinierende Reisebericht einer Frau, die offiziell über Fish & Fetish forschte, sich aber für alles interessierte, was ihr unterwegs begegnete. In ihren lebendigen Beschreibungen macht sie uns mit den religiösen Bräuchen der einzelnen Stämme bekannt, geht auf Besonderheiten in Geographie, Botanik und Architektur ein. Statt Theorien zu verbreiten, zitiert sie ihre Gesprächspartner und nimmt sich am liebsten selbst auf den Arm.
DIE 100 BEDEUTENDSTEN ENTDECKER

Mary Henrietta Kingsley
Mary Henrietta Kingsley
Reisen in Westafrika
Durch Französisch-Kongo,
Corisco und Kamerun
1895
Neu übersetzt
von Niels-Arne Münch
Mit einem Vorwort von
Magdalena Köster

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.
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Alle Rechte vorbehalten
2. Auflage 2014
Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2014
Der Text wurde neu übersetzt
nach der Ausgabe London, 1897
Übersetzung: Niels-Arne Münch, Göttingen
Lektorat: Dietmar Urmes, Bottrop
Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH
nach der Gestaltung von Nele Schütz Design, München
Bildnachweis: Photographie von Mary Kingsley, ca. 1895
eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main
ISBN: 978-3-8438-0390-8
www.marixverlag.de
INHALT
VORWORT
von Magdalena Köster
EINFÜHRUNG
Über die vielfältigen Gründe der Autorin, sich auf eine weite Reise zu begeben
KAPITEL I
Von Liverpool nach Sierra Leone und zur Goldküste
KAPITEL II
Fernando Po und die Bubi
KAPITEL III
Entlang der Küste
KAPITEL IV
Der Ogowé
KAPITEL V
Die Stromschnellen des Ogowé
KAPITEL VI
Lambaréné
KAPITEL VII
Von Kangwe zum Nkonié-See
KAPITEL VIII
Vom Nkonié-See nach Esoon
KAPITEL IX
Von Esoon nach Agonjo
KAPITEL X
Handel im Busch und die Sitten der Fang
KAPITEL XI
Den Rembwé hinab
KAPITEL XII
Fetisch – Einführung
KAPITEL XIII
Fetisch – Tod und Hexerei
KAPITEL XIV
Fetisch – Begräbnis und Trauer
KAPITEL XV
Fetisch – Geister und Götter
KAPITEL XVI
Fetisch – Geheimgesellschaften
KAPITEL XVII
Der Große Kamerunberg – Vorüberlegungen
KAPITEL XVIII
Der Große Kamerunberg – Aufstieg
KAPITEL XIX
Der Große Kamerunberg – Südostkrater
KAPITEL XX
Der Große Kamerunberg – Abstieg
VORWORT
Als Mary Kingsley 1862 im Norden Londons zur Welt kam, war Großbritannien noch unangefochten Welt- und Seemacht. Angeregt durch die politischen Diskussionen in ihrer Familie, verfolgte sie von Kindheit an die Bestrebungen der europäischen Kolonialstaaten, die jeweilige Macht auf dem »Schwarzen Kontinent« zu erhalten oder möglichst noch auszubauen. Der »Wettlauf um Afrika« war in vollem Gang. Großbritannien verabschiedete sich von der Idee der informellen militärischen und wirtschaftlichen Übermacht und erstrebte eine direkte Einflussnahme auf die inneren Angelegenheiten afrikanischer Staaten. Vor allem Kolonialminister Joseph Chamberlain trat für einen neuen Imperialismus ein und entwarf das Bild eines Herrschaftsbereichs von Kapstadt bis Kairo, der – ganz britisch – mit einer transkontinentalen Eisenbahnlinie verbunden werden sollte.
In diesen Jahren des europäischen Gerangels um Macht und Bodenschätze machten sich nicht nur viele Männer auf der Suche nach Arbeit oder Abenteuer in die Kolonien auf, auch Frauen ließen sich von dieser Aufbruchstimmung anstecken. Lehrerinnen, Gouvernanten und Krankenschwestern waren überall gefragt, aber einige wagten es sogar, ganz allein zu reisen und ethnologische oder botanische Studien zu betreiben. Vor allem in Großbritannien gab es einen richtigen Boom, angefeuert vom ersten »Handbuch für weibliche Reisende« (L. C. Davidson: »Hints to Lady Travellers at Home and Abroad«, 1889). Die Frauen erkannten die Chance, auf diese Weise dem ereignisarmen Londoner Salonleben und den Konventionen ihrer Heimat entfliehen zu können. Beiträge in Frauenzeitschriften feuerten die noch Unentschlossenen an. »Frauen können genauso reisen wie Männer, wenn sie es nur richtig anstellen.«
Auch Mary Kingsley blätterte regelmäßig im Atlas, schließlich war sie umgeben von Menschen, die geradezu süchtig danach waren, in der Welt umherzuziehen. So wird Mary eine große Reisende und begnadete Autorin werden, die die afrikanische Goldküste abfährt, durch die Sümpfe des Hinterlands von Gabun wandert und im Auftrag des Britischen Museums seltene Fische im Fluss Ogowé fängt. Sie wird auf primitivste Weise in den Dörfern der einheimischen Stämme nächtigen und sich wilde Abenteuer mit Leoparden, Elefanten und Flusspferden liefern. »Mary Kingsley lebte lieber in den Byways statt auf den Highways«, fasste die »Times« den Reisestil Kingsleys zusammen. Sie wird hochgelobte Bestseller wie dieses hier neu übersetzte Werk »Reisen in Westafrika« schreiben, eine viel begehrte Gesprächspartnerin und Vortragende werden und sich wegen ihrer eigenen Ansichten zur Kolonialpolitik mit den heimischen Politikern anlegen. Doch vor dieser glücklichen Lebensphase steht erst einmal eine einsame Kinder- und Jugendzeit in einem problematischen familiären Umfeld.
Ihr Vater, George Kingsley, stammte aus einer bekannten englischen Familie begabter Menschen, in der alle Männer studieren konnten und das Leben genossen. Allesamt vielseitig interessiert und gebildet, hieß es schon von Großvater Charles, »er besaß jedes Talent, ohne es zu nutzen«. Großmutter Mary Lucas war als Tochter eines Richters in der vierten Generation von Plantagenbesitzern auf Barbados aufgewachsen und selbst schon viel gereist, eine kluge und tüchtige Frau, die vier Kinder aufzog und als eigentliches Familienoberhaupt fungierte. Charles, ihr ältester Sohn, lehrte später Geschichte an der Universität Cambridge, hatte ein wichtiges Kirchenamt inne und schrieb neben anderen das bis heute überaus erfolgreiche und verfilmte Kinderbuch »The Water-Babies«. Er galt als schwieriger Mann mit »dunklen Vorlieben«. Auch sein Bruder Henry und die Jüngste, Charlotte, hatten Erfolg als Autoren, aber keiner von ihnen war für ein bürgerliches Leben geschaffen. Über ihren Onkel Henry schrieb Mary Kingsley später, er habe sich nach seiner Rückkehr vom Goldschürfen in Australien am liebsten Pfeife rauchend unter einem Baum gelümmelt und haarsträubende Geschichten aus dem australischen Busch erzählt. »Er verschleuderte seine brillanten Möglichkeiten, ohne glücklich zu werden.« Henry starb mit 46 Jahren an Krebs und hinterließ eine Witwe, die später auf Marys finanzielle Unterstützung angewiesen war.
Der zweitälteste Sohn, Marys Vater George, hatte schon mit Anfang Zwanzig sein Medizinstudium abgeschlossen, zog dann aber jahrelang durch Europa und Deutschland und übersetzte Heinrich Heine ins Englische. Als 1862 die Haushälterin der Familie, Mary Bailey, von ihm schwanger wurde, muss es zum großen Streit gekommen sein. Er solle die Frau sofort heiraten, hieß es. Gleichzeitig nahmen ihm anscheinend einige Familienmitglieder die nicht standesgemäße Ehe ziemlich übel und ließen das auch seine Tochter später immer wieder spüren. George selbst nahm die Bindung recht locker. Kaum war seine Tochter Mary am 13. Oktober 1862 geboren, ging er auf das Angebot des Earl of Pembroke ein, ihn auf einen langen Törn durch den Südpazifik zu begleiten. Auch die Geburt eines zweiten Kindes, Charles, hielt ihn nicht von weiteren Weltreisen ab. Zurück blieb eine überforderte Ehefrau mit einer Neigung zu nervösen Zusammenbrüchen und Depressionen, die durch seine abenteuergetränkten Briefe noch verstärkt wurden. Entweder hatte er gerade ein Segelunglück überlebt, war in einen Waldbrand geraten oder stand so nah vor einem Grizzlybären, dass er »genauestens seine rosa Zunge betrachten konnte, mit der er sich die Lippen leckte«. Mary Kingsley schrieb später zu dieser ständigen Aufschneiderei: »Ich war oft irritiert darüber, wie mein Vater seine Aufgabe, sich um Frau und Kinder zu kümmern, mit seiner fürchterlichen Gewohnheit vereinbarte, Grizzlybären in irgendwelchen Indianergebieten zu schießen.«
Während seiner langen Abwesenheiten klappte Mary Bailey alle Fensterläden zu, schloss sich und die Kinder buchstäblich im Haus ein, stets ängstlich um die Rückkehr ihres Mannes besorgt. »Ich war Mutters erster Offizier von dem Tag an, als ich ein Staubtuch halten konnte«, erinnerte sich Mary Kingsley. Sie war auch der »handyman« in der Familie, musste sich um alles kümmern, was schief lief oder kaputtging. Das Buch »The English mechanic« stets in der Hand, machte sie sich daran, einen Rohrbruch zu reparieren, versuchte sich allerdings auch mit ein wenig Schießpulver an einer Landmine, mit der sie dann den Garten verwüstete. In den langen schlaflosen Nächten der Mutter saß sie neben ihr und las alles, was sie in die Finger bekam, beschäftigte sich mit orientalischen Sprachen genauso wie mit Elektrotechnik und Physik. Ihr Bruder Charles war ihr keine Hilfe, im Gegenteil. Auch er war von fragiler Gesundheit und ahmte zeitlebens den Lebensstil seiner Onkel nach. »Ich sah wenig von der Außenwelt und achtete auch nicht drauf«, schreibt Mary Jahre später. »Ich wusste als Kind nicht, wie und was man spielt, aber ich hatte eine große unterhaltsame Welt für mich allein. Das waren die Bücher in Vaters Bibliothek.« So hat sich Mary Kingsley weitgehend selbst gebildet, nur ein Deutschkurs wurde einmal für sie bezahlt. Und das hatte Gründe: George Kingsley beschäftigte sich zeitlebens mit Opferriten einzelner Völker, und sehr viel Forschungsmaterial lag nur auf Deutsch vor – seine Tochter war ihm beim Ordnen und Übersetzen »ein wertvoller Gehilfe«.
Der gut aussehende, vitale und so häufig abwesende Vater wurde von ihr gleichermaßen angehimmelt wie gefürchtet. Wie sie später erzählte, besaß er ein sehr aufbrausendes Temperament, und so manches Mal sei ihr bei seinen Besuchen ein Buch an den Kopf geflogen. Aber sie lässt sich nicht alles gefallen, tritt ihm entgegen, wenn er sie anschreit, nur weil sie seine Hemden noch nicht gestärkt hat oder sein Arbeitszimmer saubermachen will. Dann flucht sie zurück, wie er es ihr vorgemacht hat. Er läuft tobend durchs Haus – »wo hat dieses Kind nur diese Sprache her?« – und schubst sie die Treppe herunter.
Erst ab 1888 zwangen rheumatische Fieberschübe und Herzprobleme George Kingsley zu mehr Sesshaftigkeit. Mary Bailey litt inzwischen unter vielfältigen körperlichen Erkrankungen. Noch einmal musste die Tochter alle eigenen Interessen zurückstellen und beide Eltern pflegen. Im Februar 1892 fand sie ihren Vater tot im Sessel sitzend. Er wurde 66 Jahre alt. Sechs Wochen später folgte ihm seine Frau, deren Alter nicht bekannt ist. In einem Buch mit Aufzeichnungen George Kingsleys, welches Mary Kingsley später herausgab, schrieb sie: »Die Krankheit, an der meine Mutter letztlich starb, ist auf seine Art, das Leben zu sehen, zurückzuführen.«
Dennoch wird Mary Kingsley ihren Vater später immer wieder verteidigen, vor allem, nachdem sie selbst ihre »Reiselust« über Jahre in Afrika ausgelebt hat. Sein Verhalten sei sicher nicht immer in Ordnung gewesen, »aber er liebte nun mal die leuchtenden Augen der Gefahr«. Ihrem Verleger gestand sie später, sie verabscheue »den Humbug und die Scheinheiligkeit« ihrer Onkel, aber dann verklärte sie ihre Verwandten auch wieder als geborene Abenteurer.
Nach der Bestattung der Eltern flüchtete Mary vor den »Schatten des Todes«, die über ihrem Zuhause lagen, und erholte sich auf den Kanarischen Inseln. Ihre Bilanz war ernüchternd. Sie war dreißig Jahre alt und hatte sich bisher nur um andere Menschen gekümmert. Ihre Bildung erschien ihr lückenhaft, ihre Freundschaften mager und über die Liebe hatte sie nur gelesen. Vielleicht gingen ihr auch die Worte ihrer Landsmännin, der Krankenpflege-Reformerin Florence Nightingale über das Schicksal tatenloser junger Frauen durch den Kopf: »Mit 17 voller Ambitionen und Träume, mit 30 verdorrt, gelähmt und ausgelöscht.«
Mary Kingsley aber war frei, nachdem sogar ihr lethargischer Bruder zu Buddhismus-Studien nach Asien aufgebrochen war. Nun wollte auch sie reisen. »›Geh und lerne die Tropen kennen‹, ging es mir durch den Kopf«, erinnerte sie sich später. Ein genauer Blick in den Atlas machte ihr klar: Leisten konnte sie sich am ehesten eine Passage nach Westafrika. Außerdem hieß es in dem Buch »Die geographische Verbreitung der Tiere« (Alfred R. Wallace: The Geographical Distribution of Animals), dort treffe man besonders viele Arten an. Und was vor allem dafür sprach: An der »Westküste« war bisher niemand aus ihrer Familie gewesen. Sie ließ sich auch nicht von konservativen Meinungsmachern aufhalten, die aufmüpfige Frauen mit stets neuen Sprüchen an den heimischen Herd fesseln wollten.
»Eine Lady als Forscher, ein Reisender in Röcken? Lasst sie die Babys hüten und unsere zerschlissenen Hemden säumen, aber sie können und sollen niemals Geografen sein.« Die »Times« setzte noch eins drauf und kolportierte, weibliche Globetrotter seien die »Plage des 19. Jahrhunderts«.
Gerade mal dreihundert Pfund standen Mary Kingsley für ihre Reise zur Verfügung (zum Vergleich: Der Afrikaforscher David Livingstone war ein paar Jahrzehnte vor ihr mit 50 000 Pfund unterwegs, der Autor Henry Morton Stanley bekam für seine Suche nach dem verschollenen David Livingstone allein 12 000 Pfund Vorschuss von einem Zeitungsverbund).
Als Mary Kingsley im August 1893 an Bord des Frachters Lagos kletterte, ging ein Raunen durch die Besatzung und Passagiere. Eigentlich war Mary Kingsley eine hübsche junge Frau, die von einer Zeitzeugin als sehr zierlicher Typ, mit hellen zusammengesteckten Haaren, hoher Stirn und strahlend blauen Augen beschrieben wird. Aber sie war der Meinung: »Du hast kein Recht, in Afrika in Kleidern herumzulaufen, für die du dich zu Hause schämen würdest«, und so zog sie monatelang klaglos in einem langen wollenen Rock durch den Busch, so schwarz wie die meisten ihrer Blusen, die kleine Handtasche und das alberne Hütchen auf dem Kopf.
Das Beste an ihrer bescheidenen Ausstattung war der neu erstandene wasserdichte Seesack mit festem Griff, in dem die Reisende Bettlaken, Wäsche, Stiefel, Bücher und einen Revolver (den sie allerdings nie benutzen würde) aufbewahrte. Später stopfte sie noch so manches Handelsgut dazu – wollte Mary Kingsley mit der Bevölkerung doch unbedingt ins Tauschgeschäft kommen. Sie mochte den Einheimischen nicht ohne jeden Grund gegenübertreten und deren Misstrauen schüren. Wenn sie jedoch mit Angelhaken oder Blusen handele, würde ihr das sicher die Türen öffnen. Später beschreibt sie den Blusenverkauf an einige Häuptlinge so: »Sie trugen sie mit nichts anderem als ein wenig roter Farbe und ein paar Leopardenschwänzen«.
Noch wichtiger als der Handel waren ihr jedoch der Auftrag und die Spezialbehälter des Britischen Museums zum Sammeln und zur sicheren Aufbewahrung von Fischen und diversem Getier. Auf diese Aufgabe war sie stolz. Denn nichts sorgte sie so sehr, wie als »frivole Frau« à la Mary French Sheldon angesehen zu werden, die »ohne wichtige Aufgabe herumreiste«.
Sheldon war einige Jahre vor ihr durch Ostafrika gereist, auch ganz allein, aber mit insgesamt 138 einheimischen Trägern, Köchen und Übersetzern. Allein 70 Männer wurden von ihr mit Gewehren ausgestattet. Das Auftreten der jungen, reichen Amerikanerin, die sich reichlich versnobt mit einer Sänfte durch den Urwald tragen ließ (um sich durch diesen Showeffekt aber auch Respekt zu verschaffen), hatte für einen Aufruhr in der englischen Presse gesorgt. Sehr viel verbundener fühlte sich Mary Kingsley da ihrer Landsmännin Isabella Bird, die zeitgleich mit ihrer Abreise als erste Frau in die »Royal Geographical Society« aufgenommen worden war. Ein Novum, das natürlich auch für Diskussionen sorgte. Bird hatte damals bereits jahrelang Feldstudien in Süd- und Ostasien betrieben, und – wie im 19. Jahrhundert nicht unüblich – die Köpfe japanischer Inselbewohner vermessen.
Das kleine Budget und die Begabung Kingsleys, auf jeden Dorfbewohner zuzugehen und sich von jeder Stammesfrau die Welt erklären zu lassen, trugen wesentlich dazu bei, dass die Engländerin einen weitaus besseren Einblick in die afrikanische Lebenswelt bekam als so mancher Anthropologe. Sie hatte sich schon zu Hause intensiv mit Afrika und seinen Einwohnern beschäftigt, Kontakte zu europäischen Anthropologen aufgenommen und war wild entschlossen, alles über die einheimische Bevölkerung herauszufinden. Sie reiste auf einfachste Art, war zu Fuß oder auf einheimischen Booten unterwegs, lernte allein zu paddeln und navigieren, aß klaglos alles, was gerade zu haben war, schlief in Hängematten, auf Holzbrettern oder einem zusammengeschusterten Lager aus abgebrochenen Zweigen.
Die Westküste und deren Bewohner besser kennen zu lernen, mehr über deren Opferriten, Fetischverehrung und Geistergläubigkeit zu erfahren, von ihrem Umgang mit der Natur und den Tieren zu profitieren, war Kingsley entschieden wichtiger, als den afrikanischen Kontinent einmal quer zu durchreisen und ein Land nach dem anderen abzuhaken. Es ging ihr nicht um das »Schneller, Weiter, Höher«, wie es bis heute für so manche Entdecker typisch ist, sondern vielmehr um das sinnliche Erleben, um die Menschen und ihr soziales Miteinander. Schon hundert Jahre früher, 1792, hatte dies die englische Schriftstellerin Mary Wollstonecraft unterstrichen: »Wenn ein Mann auf Reisen geht, hat er in der Regel das Ziel vor Augen, eine Frau denkt mehr an unvorhergesehene Ereignisse, seltsame Dinge, die ihr unterwegs begegnen können.«
Sehr kritisch stand die Reisende den zahlreichen Missionaren gegenüber, die alles daransetzten, die »Ungläubigen« von ihrem Gottesbegriff zu überzeugen. Afrika solle stattdessen Missionare nach England schicken, damit man dort von deren Humor und Freude profitiere, provozierte Kingsley. Den Weißen, die sich über betrunkene Wilde aufregten, las sie die Leviten: »Sie werden in Westafrika in einer Woche nicht so viele Betrunkene treffen wie in ein paar Stunden in der Vauxhall Road«.
Als Mary Kingsley nach fünf Monaten in Sierra Leone, Ghana, Kongo und Gabun Anfang 1894 von Libreville wieder zurück nach England fährt, ist für sie von höchster Priorität, so schnell wie möglich erneut aufzubrechen. »Ich hab mir schon Methoden überlegt, wie ich in London mit dem Geld haushalte. Kein Theater, keine extra Omnibusfahrt oder Kleidung, bis ich wieder den schweren scharfen Geruch des Landes rieche, sehe, wie der blaue Ozean sich in einer scharfen Linie kakaofarben färbt und ich die Musik des Donners an den Sandbänken des Bonny höre.«
Das Leben der britischen Oberschicht stößt sie regelrecht ab. »Ein Leben in der Tretmühle, wie es eine ordentliche Gesellschaftsdame in London führt, würde mich umbringen«. Kaum hat sie das Geld zusammen und ihre Ausstattung verbessert, sitzt sie gänzlich unsentimental an Weihnachten 1894 erneut auf einem Frachter Richtung »Westküste« und nutzt die Wochen auf dem Wasser, um von ihrem geschätzten Bekannten, Kapitän Murray, weitere Überlebenstipps für Afrika zu erhalten.
Das Britische Museum war mit der Ausbeute der ersten Reise sehr zufrieden gewesen und unterstützte sie nun mit einem annehmbaren Betrag und besserer technischer Ausrüstung. Die Utensilien zum Sammeln – unter anderem 15 Gallonen Spiritus – sollten sich lohnen. Kingsley hatte sich im Selbststudium inzwischen sehr viel über Ichthyologie, die Fischkunde, beigebracht und genaue Vorstellungen, an welchen Stellen des noch unerforschten Flusses Ogowé und seiner Nebenarme in Gabun interessante Beute zu vermuten war. Am Ende wird sie 65 Fischarten und 18 Reptilien im Gepäck haben. Gleich drei Fische waren der Fachwelt noch gänzlich unbekannt und wurden nach ihr benannt (etwa Ctenopoma kingsleyae). Rund hundert Jahre später sollte ein internationales Team von Biologen im Auftrag der National Geographic Society auf den Spuren Mary Kingsleys den immer noch weitgehend unbekannten Ogowé abfahren, um die damals entdeckte Fischwelt erneut abzugleichen und vor Ort ein Fischmuseum zu gründen.
Über diese zweite, annähernd zwölf Monate lange Reise durch die heutigen Länder Nigeria, Kamerun und Gabun berichtet Mary Kingsley in dem vorliegenden Buch. Es ist der faszinierende Reisebericht einer Frau, die offiziell über »Fish & Fetish« forschte, sich aber für alles interessierte, was ihr unterwegs begegnete. In ihren lebendigen Beschreibungen macht sie uns mit den religiösen Bräuchen der einzelnen Stämme bekannt, geht auf Besonderheiten in Geographie, Botanik und Hausbau ein. Anschaulich beschreibt sie die Art, wie Bananen und Süßkartoffeln gekocht werden, sowie das Material und die Haltbarkeit der handgearbeiteten Tontöpfe, Körbe und Fangnetze. Statt Theorien zu verbreiten, zitiert sie ihre Gesprächspartner und nimmt sich am liebsten selbst auf den Arm. Selbstironie war ihr Markenzeichen!
Das Schreiben aber scheint ihr schwergefallen zu sein. »Ich will lieber ein 200-Tonnen Schiff durch einen Bach schleusen als irgendein Buch zu schreiben«, bekannte sie nach ihrer Rückkehr gegenüber ihrem Verleger in London und nannte ihre Aufzeichnungen einen »Sumpf von Wörtern«. Eine Kritikerin aber bezeichnete das Buch später als »eine der wunderbarsten Aufzeichnungen weiblichen Schneids … auf 730 Seiten kein einziger trockener Absatz«.
Über den Handel mit Elfenbein und Gummi hatte sie schon auf der ersten Reise viel erfahren. Sie wusste, dass sie oft ein wenig lächerlich wirkte, wenn sie den Händlern zurief: »It’s only me« – Ich bin’s bloß. Die amüsierten Händler nannten sie wegen ihres altmodischen Aufzugs oft »unsere Tante«, die Schwarzen »only me«, aber sie ließen nichts auf diese ebenso witzige wie bescheidene Engländerin kommen, die ihr schrulliges Image wohl auch bewusst pflegte. Außerdem war sie inzwischen Expertin für Handelsenglisch, ein krudes Gemisch aus Englisch und den Sprachen der Stämme, und liebte es, zu feilschen und zu handeln. Angelhaken gegen Unterkunft, Tabak gegen Essen, Blusen gegen Transport. »Sie beschwindeln ja die armen Menschen«, scherzten manche Händler ob ihrer Geschäftstüchtigkeit.
An einer seichten Stelle des Ogowé bringt sie sich heimlich das Paddeln bei und beschreibt herrlich, wie schnell das fünf Meter lange Kanu in die Strömung gerät und auf die Felsen zusteuert. Doch sie gibt nicht auf, kniet sich hin, wechselt vom Bug ins Heck, dreht sich im Kreis, bekommt das Boot unter Kontrolle, pitschnass klettert sie vor den lachenden Schwarzen ans Ufer und wird ihre Fertigkeit, »ein Kanu zu lenken«, später zu ihren größten Errungenschaften zählen.
Ihr Lieblingsstamm sind die Fang, die zu den Bantu-Völkern gehören und als Kannibalen gelten. Sie hält sie für die intelligentesten Menschen der Westküste und durchquert mit einer ausgewählten Truppe von ihnen den strapaziösen Urwald zwischen Ogowé und Rembwé. Wann immer sie einen der Sümpfe durchwaten, muss sie ertragen, dass die Männer ihre Hüfttücher »auf skandalöse Weise schürzen«. Das übersteht sie genauso wie den tiefen Sturz auf die angespitzten Pfähle einer Großwildfalle, denn – dank ihres »guten festen Rocks« – wird sie nicht verletzt. Mehrmals versinkt sie wie alle anderen in den Mangrovensümpfen, gegenseitig zieht man sich heraus und hat erst einmal damit zu tun, die bis zum Hals klebenden Blutegel loszuwerden. »Es sah sehr lustig aus, wie wir uns gegenseitig salzten.«
Ganz lakonisch berichtet Kingsley auch über die Übernachtung in einer Häuptlingshütte der Fang. Schlaflos, da sie einen »strengen Geruch, eindeutig organischen Ursprungs« aus einem Beutel vernimmt, schüttet sie sich dessen Inhalt vorsichtig in den Hut: »Es handelte sich um eine menschliche Hand, drei große Zehen, vier Augen und andere Teile des menschlichen Körpers. Die Hand war frisch, die anderen Dinge schrumpften bereits.«
Etliche Male gerät sie in echte Gefahr, als sie etwa plötzlich einer Elefantenherde so nah gegenübersteht, dass ihr die ausgeprusteten Schlammbrocken um die Ohren fliegen. Da hilft nur eine Stunde regungsloses Verharren. Ein Flusspferd, das ihr auf einer Sandbank entgegentrabt, attackiert sie mit ihrem Regenschirm, ein Krokodil am Bootsrand schlägt sie mit dem Paddel in die Flucht. Bei solchen Gelegenheiten, gibt sie zu, »stellten sich mir die Nackenhaare auf« und wann immer es richtig brenzlig wurde, »hatte ich einen strengen Salzgeschmack im Mund.« Während die Begegnungen mit Gorillas eher Abscheu in ihr hervorriefen, war sie von den eleganten Leoparden begeistert – »die schönsten Tiere, die ich jemals gesehen habe.« Und das, obwohl sie einem dieser »dreisten« Tiere einen Wasserkrug an den Kopf werfen musste und wegen eines anderen »gefühlte zwölf Monate« hinter einem Felsen ausharrte.
Krönung der in diesem Buch beschriebenen Reise war ihre Besteigung des »Mungo«, auch »Thron des Donners« genannt, mit 4000 Metern die höchste Erhebung Westafrikas. Der heutige Kamerunberg ist ein aktiver Vulkan, der zuletzt im Jahr 2000 ausbrach. Der Gipfel war erst 24 Jahre vor Mary Kingsley erstmals von einem Briten und einem Deutschen bestiegen worden, sie aber war die erste Frau, der das jemals gelang. Es war eine zähe und riskante Eroberung, die sie an ihre Grenzen brachte. Ihre einheimischen Begleiter waren nichts als »Hasenfüße«, die sich beim ersten Tornado aus dem Staub machten, sie selbst stürzt mehrmals ab, wird vom Regen vollkommen durchnässt und holt sich einen schweren Sonnenbrand. Endlich wieder im Tal, kann sie sich die Haut in Fetzen vom Gesicht ziehen. Sie wäscht sich im Fluss, klopft ihren Rock aus und seufzt: »Was ist das Leben ohne ein Handtuch.«
Als die Reisende im Dezember 1895 in Southampton über die Reling schritt, pittoresk von einer lebenden Eidechse und einem Affen begleitet, warteten bereits einige Reporter auf sie. Auf die Frage, warum sie nach Afrika gegangen sei, meinte sie strahlend: »Welch eine Frage! Wer würde angesichts all der Schönheit und all des Zaubers nicht Afrikas Zwillingsbruder, die Hölle selbst, besuchen!« Und schon lenkte sie von ihrer Person ab und verwickelte die Zeitungsleute in einen Diskurs über Afrika. Auf ihren Reisen nutzte sie die Möglichkeiten des britischen Empire und nahm den Schutz dieser Autorität gern in Anspruch, zu Hause aber legte sie sich völlig vogelfrei mit der Politik an.