Kitabı oku: «Lombok», sayfa 3
Kapitel 3. Am Strand von Marathon
»Und, hast du was?« Sie konnte kaum noch stillsitzen.
»Leider nein.« Der alte Kybernetiker schüttelte den Kopf. Es war knapp ein Jahr, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, damals war sie stolz nach Mariafels aufgebrochen, als jüngster Zögling des Elitestifts seit dessen Bestehen. Jetzt war sie wieder hier. Es kam ihr gleichzeitig weniger und mehr vor als ein Jahr. Und ihr väterlicher Freund schien das zu bestätigen. Sein Haar und sein Bart waren bereits von grauen Strähnen durchzogen. Der leidende Zug in seinen hageren, asketischen Zügen war einer Gelassenheit gewichen, für die Weisheit vielleicht nicht einmal das falsche Wort war. Seine schmale, hoch aufragende Gestalt hatte etwas Entrücktes bekommen. Aus dem Programmierer war endgültig ein Philosoph geworden.
»Gar nichts?!« Jennifer wollte es nicht glauben.
Laertes sah sie schweigend an. Sie sah, dass er nachdachte. Nicht über die Sache, sondern über die Art, wie er sie ihr schmackhaft machen sollte.
»Dieser Jeremy«, begann er behutsam.
»Ja?«
»Es sieht aus, als habe er nie existiert.«
»Aber er hat existiert«, brauste sie auf. »Er existiert! Ich habe fast ein Jahr mit ihm zusammen gelebt und gearbeitet.« Sie sah den Freund an. »Ich habe mit ihm geschlafen.«
»Das will ich gerne glauben.« Laertes schmunzelte nachsichtig. »Ich will dich ja nicht der Lüge zeihen. Aber hier drin« – er deutete auf das Tablet, an dem er über eine Stunde lang gesessen hatte –»hier drin existiert er nicht.«
»Wenn ihn jemand findet, dann du!«
»Genau das meine ich. Er existiert in der realen Welt, zweifellos. Aber in dieser Welt, auf die ich Zugriff habe, existiert er nicht.«
»Wie kann das sein?!«
Laertes legte die langen, schmalgliedrigen Hände ineinander, mit denen er die holografischen Menüs seiner Suchalgorithmen bearbeitet hatte wie ein Klaviervirtuose sein Instrument.
»Ich will keine Verschwörungstheorien in die Welt setzen«, sagte er in seiner behutsamen Art, »aber ich kann es mir eigentlich nur so erklären, dass er bewusst und äußerst professionell aus allen Systemen entfernt wurde.«
»Sie haben ihn verschwinden lassen.« Jennifer sprang von dem weißen Naturledersofa, auf dem sie mit untergeschlagenen Beinen gesessen hatte, und ging nervös im großen Salon auf und ab. Sie trug nur eine Boxershorts und ein Bikini-Oberteil. Der Frühsommer war bereits sehr heiß. Ihr dunkelblondes, schulterlanges Haar wischte über ihre nackten, schweißglänzenden Schultern. Sie hatte immer wieder versucht, es zu einem Pferdeschwanz zusammenzufassen. Aber das hatte nie länger als ein paar Minuten gehalten. Sie konnte ja doch nicht stillsitzen. Ihre braunen Augen glitzerten angriffslustig.
»Du hast gemeint«, sagte Laertes, »seine Familie sei sehr – einflussreich.«
Jennifer hielt auf ihrer erregten Wanderung inne und starrte ihn an.
»Auf alle Fälle haben sie Geld.«
»Das meine ich.«
»Ich weiß nicht, was sie genau machen. Ehrlich gesagt, haben wir uns über alles mögliche unterhalten, aber nicht über unsere Familien. Immerhin besitzen sie dieses Chalet. Und auch sonst ...«
»Das genügt schon«, sagte Laertes, wobei er offen ließ, ob er Jennifer Auskunft oder die Erwähnung des Vermögens meinte. »Es ist eine andere Art von Einfluss, als ihn beispielsweise dein Vater hier in Pensacola und in der Union hat ...«
Jennifers Miene nahm einen lauernden Ausdruck an.
»Aber es ist auch ein Einfluss, vermutlich ein mächtigerer und weiterreichender.«
»Geld regiert die Welt«, sagte sie voller Verachtung.
»Geld ermöglicht es, die Welt zu verlassen, zumindest diese hier.« Er deutete wieder auf sein elektronisches Gerät.
»Auch die wirkliche?« Sie nahm im Vorübergehen die Kanne mit der selbstgemachten Limonade von der Anrichte und goss ihnen beiden nach. »Meinst du, sie haben ihn auf eine der Kolonien gebracht.«
Laertes seufzte schwer. Sie konnte spüren, wie etwas in ihm aufbrach. Er versuchte es für sich zu behalten. Aber sie kannte ihn und seine Geschichte gut genug, um zu wissen, dass das ganze ihn nicht kalt ließ.
»Das ist Spekulation, Jennifer«, sagte er mit einem Ausdruck von Qual in den ausgezehrten Zügen. »Und diese Spekulation wird dich auffressen, wenn du erst einmal anfängst dich ihr hinzugeben.«
»Ich soll ihn mir aus dem Kopf schlagen«, sagte sie düster und ohne den Satz in Frageform zu kleiden.
»Ich denke, das ist es, worauf es hinausläuft.« Er sah sie offen an. Seine Augen schimmerten ein wenig. Sie wusste nicht, ob er in diesem Moment noch an sie und Jeremy dachte – oder an die Verlobte, die er vor über zwei Jahrhunderten irdischer Zeit zurückgelassen hatte.
»Okay ...« Sie legte die Hände aneinander und zupfte mit den Fingerspitzen an ihren Lippen. »Das klingt zunächst einmal sehr logisch und vernünftig ...«
»Du bist ein starkes Mädchen«, sagte Laertes. »Du wirst es schaffen. Im Augenblick denkst du natürlich nicht so, aber es gibt jede Menge attraktiver junger Männer da draußen, gerade hier in Pensacola.«
Sie erwiderte seinen Blick und nickte. Dann nahm sie ihre Wanderung wieder auf.
»Weißt du«, sagte sie nach einer Weile, »das Seltsame ist, dass ich, dass wir beide das die ganze Zeit geahnt haben. Dieses gemeinsame Jahr – diese acht Monate –, unsere gemeinsame Nacht, unsere Flucht ... – uns war immer klar, dass das keine Zukunft haben würde.«
Laertes ließ sie ausreden.
»Bereust du es«, fragte er dann.
»Keine Sekunde«, antwortete Jennifer, ohne zu zögern. »Natürlich wäre es schön, ihn jetzt hier zu haben, gemeinsam auf die Akademie zu gehen.« Sie unterdrückte ein Schluchzen und zog die Nase hoch. »Herrgott! Aber bereuen tue ich es nicht. Wir hatten unsere Zeit.« Sie sah den Philosophen verzweifelt an. »Es war Gegenwart, weißt du?! Es war Realität.«
Er hielt ihren Blick aus, obwohl seine Züge noch härter wurden.
»Und jetzt ist es Vergangenheit.«
Er nahm ihre Hände und hielt sie lange in den seinen. Dann küsste er sie auf den Handrücken.
»Du bist ein tapferes Mädchen, Jennifer. Dein Vater kann stolz auf dich sein.«
Sie nahm ihre Hände wieder an sich, als seien sie ein Geschenk, das er ihr überreicht hatte. Ein trotziges Lachen wand sich zwischen ihren Tränen durch.
»Was hat er gesagt?«, erkundigte sich Laertes vorsichtig.
»Er war großartig.« Jennifer trocknete sich die Augen ab. »Er hat mich am Flughafen abgeholt. Wir sind hier hergekommen, mein Zimmer war hergerichtet, wir haben eine Kleinigkeit gegessen.«
Gemeinsam sahen sie zur offenen Terrassentür hinaus. Jennifers Vater saß unten im Garten in einem Teakholzstuhl und las in einem Buch. Natürlich war es zu weit entfernt, um etwas erkennen zu können, aber wenn sie hätten raten müssen, hätten sie wohl beide darauf getippt, dass es sein geliebter Livius war.
»Dann sind wir ein Stück am Strand gegangen«, fuhr Jennifer fort. »Die Sonne ging draußen über dem Golf unter. Das Meer war wie Blut. So muss es am Strand von Marathon ausgesehen haben, nach der Schlacht. Er ritt sein Steckenpferd. Salamis, Gaugamela, Cannae.«
Beide lachten. Ashs Vorliebe für alte Geschichte hatte in letzter Zeit etwas Manisches angenommen.
»Dass der Sieg gegen die Sineser nur dem Ersten Punischen Krieg entspricht. Du kennst das ja.«
»Ja, ich kenne es.« Laertes schmunzelte. »Er hat mir seine Theorie ein oder zweimal auseinandergesetzt.«
»In Wirklichkeit war es vermutlich einige tausend Mal«, lachte Jennifer.
»Und jedes mal sage ich: Lass das den Rogers nicht hören! Wie stolz ist er auf seinen Triumph vor Persephone.«
Jennifers Miene, die sich gerade wieder aufgeheitert hatte, gefror.
»Entschuldige«, stammelte ihr väterlicher Freund. »Das war gedankenlos von mir.«
»Es ist schon gut.« Sie legte ihm begütigend die Hand auf die Schulter. »Wir müssen auch das irgendwie verwinden. Auch wenn es mit der Zeit sonderbarerweise eher schwerer wird als leichter.«
»Die Zeit heilt keine Wunden«, sagte er. »Sie reißt sie nur immer noch tiefer auf.«
»Warum ist das so?«
»Ich weiß es nicht. Die Dinge – die Verluste, die Fehlentscheidungen – sinken in uns ein. Sie vergiften uns, sie werden ein Teil von uns. Es ist sinnlos, sich dagegen wehren zu wollen.«
»Ja, das ist wohl so.«
»Andererseits ist es ja auch gut«, sagte der Philosoph. »Wäre es besser, wenn wir alles vergessen würden?«
»Ich weiß, was du meinst.« Jennifer hob den Blick zur Stirnseite des Salons, wo vier Portraits nebeneinander hingen. Ihr Bruder Alwyn in der Galauniform der Union. Eine schwarze Banderole lief über die Ecke des Bildes. Daneben ihre Mutter Beth, ebenfalls mit Trauerflor. Außerdem die Zwillinge Donnan und Garth. »Aber manchmal denke ich, das Vergessen wäre eine Gnade. Zumindest für ihn.« Sie nickte zum Garten hinaus.
»Die Erinnerung ist es, die uns zu Menschen macht«, erklärte Laertes steif. »Wir müssen die Toten in uns tragen.«
Jennifer sah lange vor sich hin, während sie mit den Zehen an den Fransen des tiefen Teppichs herumzupfte.
»Nachdem Mama gestorben war, ist für Papa eine Welt erloschen.« Ihr fielen wieder Tränen aus den Wimpern. »Was ist das auch für ein Wahnsinn! Er nahm sich eine so viel jüngere Frau und musste dann zusehen, wie sie vor ihm ging. Wir können zwischen den Sternen herumfliegen, aber gegen den Krebs können wir nichts machen. Sie ist innerhalb von ein paar Wochen weggestorben ...«
Laertes streichelte ihren Arm. Er ließ den Blick traurig durch den großen Salon schweifen, wo sie so viele wunderbare Abende verbracht hatte und einige sehr schlimme.
»Hast du noch Kontakt zu deinen Brüdern?«, fragte er.
Jennifer schüttelte den Kopf. »Nach Mamas Tod sind sie an die Westküste gezogen. Sie haben den Kontakt abgebrochen. Es war ihnen hier im Haus zu trostlos. Sie meinten, es sei besser so, auch für Papa und mich. Aber das war vermutlich nur Selbstschutz und Feigheit.«
»Man kann sie doch bestimmt ...«
»Wenn wir wollten, konnten wir sie sicher ausfindig machen.« Sie lachte. »Anders als Jeremy werden sie nicht völlig von der Bildfläche verschwunden sein. Aber wozu? Sie haben sich von uns losgesagt. Das müssen wir akzeptieren.«
»Jetzt hat er nur noch dich«, sagte Laertes mit einem Blick zu dem Lesenden unten im Garten.
»Ja, und ich enttäusche ihn maßlos.«
»Da darfst du so nicht sagen.«
»Er macht all seinen Einfluss geltend, um mich nach Mariafels zu bringen, obwohl er unter der Trennung und unter der Einsamkeit hier sehr gelitten hat. Und ich – schmeiße die ganze Sache nach acht Monaten!«
»Wenn er dir keine Vorwürfe macht, brauchst du es auch nicht tun.«
»Das ist lieb, Laertes, aber es hilft mir nicht weiter.«
»Ich kenne ihn, und zwar zweihundert Jahre länger als du. Ich denke, dass er trotzdem stolz auf dich ist. Ich glaube, er ist zufrieden damit, wie es gekommen ist.«
Jennifer sah ihn an.
»Du meinst, es war ein Test?«
»Vielleicht nicht in diesem – technischen Sinne, aber ...«
»Er hat es darauf angelegt, dass ich ausbüxe? Meinst du, er schätzt mich so ein?«
»Er ist dein Vater, er liebt dich über alles. Er wollte dir eine Möglichkeit geben, dich zu bewähren.«
»Aber ich habs versaut.«
»Vielleicht sieht er das gar nicht so.«
»Das ist mir zu abstrakt.«
»Vielleicht wollte er einfach sehen, wie du dich in dieser Situation verhältst. Du hast dich für dich entschieden, für die Freiheit, gegen die Bevormundung.« Laertes lächelte, als sein Ton ungewollt pathetisch wurde. »Für die Liebe, gegen die Erziehung. Für den Augenblick, gegen die Vernunft!«
»Und das ist – gut?«, fragte sie skeptisch.
»Beantworte es dir selbst.«
Er erhob sich, leerte im Stehen seine Limonade und brachte das Glas in die Küche. Er hatte viele Jahre im Haus gelebt und kannte sich aus.
»Wie geht es weiter?«, fragte er, als er zurückkam.
Jennifer schob den energischen Unterkiefer vor. »Den Sommer über bleibe ich hier und helfe Papa. Und im September, wenn das neue Trimester anfängt, gehe ich auf die Akademie.«
»Dann bist du nicht dauerhaft in Ungnade gefallen.«
»Papas Arm reicht immer noch sehr weit.«
»Du bist sein Mädchen!« Laertes küsste sie auf die Stirn. Dann ging er in den Garten hinunter, um sich von seinem alten Freund zu verabschieden.
Jennifer betrachtete eine Weile die Blumen, die Laertes ihr zu ihrem siebzehnten Geburtstag mitgebracht hatte. Sie richtete schweigend das Abendessen. Ihr Vater kam über die Terrasse ins Haus, roch an den Blumen und nickte zufrieden in Richtung des gedeckten Tisches. Er sah sie forschend an. Sie schüttelte den Kopf. Dann setzten sie sich zum Essen.
Kapitel 4. Das Zelt
Ladana schlief. Norton deckte sie mit dem nachtblauen Laken zu, das sie von der Oberseite des Futons gelöst hatten, eine dünne, thermoaktive Decke, die dem Material nach der sensoriellen Unterkleidung glich, die man unter den Anzügen trug. Die Wäsche selbst war malerisch in der Kuppel des Zeltes verteilt, das in dieser anarchischen Unordnung beinahe wohnlich wirkte. Norton genoss das Gefühl von Freiheit. Es war nicht nur die Stunde mit Ladana – auch wenn es eine verdammt gute Stunde gewesen war –, sondern auch das Gefühl, einmal nicht unter Beobachtung zu stehen. Erst jetzt, da sie die Überwachung für eine Weile abgeschüttelt hatten, merkten sie, wie diese ihr Leben während der letzten Tage geprägt und beeinträchtigt hatte. Sie waren nie wirklich frei gewesen. Keines ihrer Worte, keine ihrer Bewegungen, die nicht von der Tatsache determiniert waren, dass ihnen die INSTRUCTOR über die Schulter schaute. Das hatte er in dieser Schärfe bei früheren Einsätzen nie so empfunden, und auch jetzt stellte er erst im Nachhinein fest, wie es ihn belastet hatte. Es erdrosselte das ganze Selbstgefühl!
Sie durften es nicht übertreiben. Das Mutterschiff war weit weg. Es stand nicht zu befürchten, dass man ihnen jemand auf den Hals hetzte. Doch jede Minute, die sie offline verstreichen ließen, erhöhte nachher den Rechtfertigungsdruck.
Er berührte Ladana an der Schulter, der nackten, olivfarbenen, unendlich zarten Schulter, und weckte sie. Den Finger auf dem Mund, tastete er nach der Holo-Steuerung. Nachdem sie durch ein schlaftrunkenes Nicken zu verstehen gegeben hatte, dass sie bereit für den nächsten Akt der Komödie war, ging er auf passiven Stream.
Gähnend kroch Ladana vom Futon herunter und begann sich anzuziehen. Auch Norton streifte gedankenverloren das Unterzeug über, während er versuchte, aus der Kakophonie schlau zu werden, die plötzlich aus der Lokalen auf sie einbrandete.
Ein Stimmengewirr, wie sie es selbst bei ihren ausgelassenen abendlichen Ringschaltungen nicht hinbekommen hatten. Da war Rogers, da war der Wachhabende, da waren Mitglieder anderer Teams. Schreie! Dann wieder in Kommandoton gebrüllte Anweisungen, die nur aus Standardbefehlen bestanden und in dem Durcheinander kaum zu verstehen waren.
»Da ist was passiert«, entfuhr es Ladana.
Sie hatte die graue Unterwäsche angezogen und mühte sich damit, wieder in den klobigen Exkursionsanzug hineinzukommen.
»Scheiße!« Norton presste die Lippen aufeinander.
»Team 10«, hörten sie immer wieder. »Team 10, sind Sie vor Ort!«
»Positiv!« Das war die Stimme von Douglas Arch, dem Leiter der übernächsten Mannschaft.
»Und wie sieht es aus?«
»Beschissen, würde ich mal sagen!«
»Verluste?«
»Das Fahrzeug auf alle Fälle!«
»Die Mannschaften«, dröhnte General Rogers dazwischen, dass Ladana und Norton zusammenzuckten. »Was ist mit den Leuten!«
»Sind draußen«, war eine von Anstrengung verzerrte Durchsage zu vernehmen.
»Was ist denn mit Team 12?«, schrie Rogers. »Die waren doch am nächsten dran!«
»Immer noch offline«, sagte der Wachhabende. »Angeblich Probleme mit atmosphärischen Störungen.«
Sie wechselten einen betroffenen Blick. Dann ließ Norton die Lokale auch auf aktivem Modus online kommen. Er holte tief Luft, ehe er sagte: »Hier Team 12, wir haben wieder Kontakt. Was ist denn da draußen los?«
»Willkommen zurück«, knirschte der Wachhabende in triefendem Sarkasmus. »Ist Ihr – Sandsturm vorbei?«
»Es sieht gut aus«, antwortete Norton flau, während er sich so schnell wie möglich anzog. »Wir können versuchen, wieder in den Stallion ...«
»Schwätz kein dummes Zeug, Frank«, donnerte Rogers. Dann wandte er sich an den Wachhabenden: »Und Sie behalten Ihre Verdächtigungen zurück. Das klären wir später!«
»Aye, Sir«, kam die zusammengefaltete Stimme des Offiziers.
»Ich brauche jetzt jedes Team«, fuhr Rogers fort. »Frank, wo seid ihr?«
»Die Koordinaten müssten kommen.« Norton pingte den Stallion an und gab dessen deutlich leistungsstärkeren Feed wieder frei, den er unterbunden hatte, als sie ins Zelt gegangen waren.
»Kommt«, bestätigte Rogers. »Passt auf. Es hat einen Zwischenfall gegeben!«
»Was ist passiert?«
»Team 11.«
»Scheiße. Kurtz?!«
»Wer sonst.« Der Veteran gestattete sich ein trockenes Lachen. »Sie sind auf instabilen Untergrund geraten, im Umfeld einer Fumarole, hohles, heißes Gestein und giftige Dämpfe, und mit dem ganzen Fahrzeug eingebrochen.«
»Wir sind unterwegs.«
»Das möchte ich euch geraten haben!«
Bis sie vor Ort waren, war die Situation unter Kontrolle. Team 10 war vor ihnen eingetroffen und hatte den Verunglückten geholfen. Allerdings konnten sie nur noch zusehen, wie der Stallion immer tiefer im Trichter der eingestürzten Fumarole versank, von den Explosionen seiner krepierenden Aggregate zerrissen wurde und dabei feierlich ausbrannte. Immerhin hatten Kurtz und sein Begleiter rechtzeitig aussteigen können. Jetzt standen sie betreten vor dem kathedralengroßen Hohlraum, an dessen Grund Ausrüstung im Wert mehrerer Millionen in Flammen aufging.
»Was ist passiert?«, fragte Norton, als sie ausgestiegen waren.
»Fumarole«, sagte Kurtz nur.
»Hast du sie nicht gesehen?«
»Gesehen schon, aber falsch eingeschätzt.«
»Was kann man da falsch einschätzen?«
Kurtz grinste sein verschmiertes Rabaukengrinsen. So hatte er an der Kompaniebar von Pensacola schon von mehr als einem Missgeschick berichtet. Aber nun waren sie hier auf einer einigermaßen abgelegenen Welt, wo man ohne Schutzanzug nicht überleben konnte und mit Anzug nur ein paar Tage.
»Ich habe gedacht, ich kann das Feld am Rand schneiden. Die Luftreifen ..., wir waren ziemlich schnell.«
»Aber auch ziemlich schwer«, warf Douglas Arch von Team 10 ein, der in Rekordzeit zur Stelle gewesen war. Ohne ihn hätten die Verunglückten es nicht mehr geschafft, rechtzeitig aus dem Trichter herauszukommen. Sie wären in ihrem Fahrzeug verbrannt.
Ein sattsam bekanntes Knistern verriet ihnen, dass sie auch jetzt nicht allein waren.
»Sie haben sich schon öfter verschätzt, Kurtz«, sagte Rogers auf der INSTRUCTOR. »Aber diesmal war es Ihr mit Abstand kostspieligster Schätzfehler.«
»Das ist mir bewusst, Sir«, erwiderte Kurtz.
Norton tauschte einen Blick mit Ladana, die neben ihnen im knöcheltiefen Sand stand. So kannten sie den Kameraden gar nicht, der in Pensacola den Ruf eines Draufgängers hatte und für gewöhnlich auch kein Blatt vor den Mund nahm.
»Ich übernehme die volle Verantwortung für diesen Vorfall«, sagte er noch.
»Etwas anderes wird Ihnen auch nicht übrig bleiben.« Rogers klang jetzt schon beinahe wieder so jovial, wie er bei seinen Vorlesungen war. »Okay. Ich vermute einfach mal, eine Bergung von Stallion 11 hat wenig Sinn.«
»Sie würde umfangreiche Absicherungsmaßnahmen und schweres Gerät erfordern«, sagte Kurtz. »Und am Ende doch nur ein paar Tonnen Schr...«
»Lassen Sie gut sein, Mann!«, fuhr Rogers ihm übers Wort. Er schien einen Moment zu überlegen und sich halblaut mit den anderen Offizieren zu besprechen. Dann war er wieder in der Leitung. »Kurtz, Sie werden einen Bericht aufsetzen. Arch, Sie werde ich für den Stern der Union vorschlagen. Sie haben beherzt und schnell reagiert. Frank, über euren Fall unterhalten wir uns, wenn ihr hier seid.«
»Hier?« Norton sah die anderen entgeistert an.
»Ihr habt richtig gehört«, erklärte der General. »Wir brechen die Aktion im gesamten Sektor IV ab. Team 10, 11 und 12 kommen zurück zur Basis, und zwar sofort. Das ist ein Befehl.«
Sie bestätigten, bekamen aber keine Antwort mehr. Nur das grüne Symbol der Lokalen blinkte drohend am oberen rechten Rand ihres Sichtfeldes und informierte sie darüber, dass die INSTRUCTOR nach wie vor online war.
Zu sechst standen sie im Sand. Rechts und links neben ihnen warteten die beiden verbliebenen Fahrzeuge darauf, die Mitglieder der drei Teams zum Mutterschiff zu bringen. Vor ihnen klaffte der Krater, den das tonnenschwere Gespann aus Stallion und Anhänger in den unterhöhlten Grund gerissen und durch die Explosion seiner Generatoren noch vergrößert hatte. Blauschwarzer Rauch fädelte heraus und gab dem eitergelben Dampf der Fumarole eine eigene Note. Er war wie eine Kontur, die ein safranfarbenes Aquarell umrandete und abschloss.
Sie verteilten sich auf die Fahrzeuge und fuhren los. Da sie jetzt genaue Zielkoordinaten hatten, das Gelände kannten und keine Stopps mehr einlegten, bewältigten sie den Weg, für dessen Erkundung sie mehrere Tage benötigt hatten, in wenigen Stunden. Noch in der geheimnisvoll glimmenden und glosenden Nacht von Tawri, die wie ein vulkanisches Spektakel aufgemacht war, langten sie bei dem Enthymesis-Explorer an, der als geduldiges Leittier, dreihundert Meter lang, den kantigen Schädel wie in einem Schlaf gesenkt, in seiner großen Kuhle stand und wartete.
Sie brachten die beiden Stallions in die Ladebucht und bestiegen den Frachtraum über die hintere Rampe. Dort hatte man die Feldliegen der Rekruten inzwischen beiseite geräumt und an der Backbordseite gestapelt, so dass das Deck erstaunlich groß wirkte. Es war erfüllt von den Mannschaften und Offizieren, die auf dem Mutterschiff geblieben waren, um den Betrieb der Zentrale aufrecht zu erhalten und die Außenteams zu koordinieren.
Die sechs Rückkehrer passierten das Spalier der Kameraden, die ihre Häme auf Kurtz herabregnen ließen, Arch und seinem Partner auf die Schulter klopfte und Norton und Ladana mit spitzen Bemerkungen und hochgezogenen Augenbrauen weiterstießen.
Sie ließen das über sich ergehen und beeilten sich, das Schott zum Hauptkorridor zu erreichen, wo es zu den Duschen ging. Wenige Schritte, bevor sie den Durchgang erreichten, kam ihnen General Rogers entgegen. Seine Reaktion glich der der übrigen Etappenschweine aufs Haar. Er schoss einen väterlichen Spott auf Kurtz und seinen Begleiter ab und dankte den beiden Männern von Team 10 für ihr beherztes Eingreifen. Die beiden marschierten mit stolzgeschwellter Brust in Richtung der Gemeinschaftsnasszellen, während die Kadetten von Team 11 sich wie zwei geprügelte Hunde davonschlichen.
Ladana und Frank wurden von dem Kriegshelden abgefangen. »Ihr kommt mit mir.«
Ohne auf das Gejohle der anderen Rekruten einzugehen, drehte Rogers sich um und stiefelte wieder nach vorne. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.
Der General führte sie in eines der kleinen Besprechungszimmer, die es vorne auf der INSTRUCTOR zwischen Labor, Med-Station und Brücke gab. Er ließ die Tür hinter ihnen zugleiten, bot ihnen zwei Plätze hinter dem Tisch an und setzte sich selbst an die gegenüberliegende Seite.
»Also«, sagte er ohne weitere Umschweife. »Was ist passiert.«
Frank holte tief Luft. Während der Fahrt hatten sie halblaut verabredet, dass er das unausweichliche Gespräch an sich ziehen sollte. Wenn es nicht anders ging, sollte er sich als »Täter« hinstellen, die Verantwortung übernehmen und versuchen, Ladana als »Opfer« dastehen zu lassen, damit sie von Konsequenzen verschont blieb.
»Es gab einen Staubsturm«, sagte er mit fester Stimme. »Wir waren gerade dabei, das Zelt zu testen. Es erschien uns sicherer, dort zu bleiben und abzuwarten, statt durch den Sturm zum Stallion zurückzukehren. Dabei ist die Kommunikation zusammengebrochen.«
Er zwang sich, Rogers’ Blick und seinem Schweigen standzuhalten.
Der Held von Persephone sah ihn lange an. Er sagte keine Wort und rührte sich nicht.
Frank bemerkte, wie er anfing zu schwitzen und wie ihm das Stillsitzen immer schwerer wurde.
»Haben Sie etwas hinzuzufügen oder zu ergänzen, Rekrutin Zol?«, fragte Rogers endlich.
»Mein Teamleiter hat alles korrekt dargestellt«, sagte sie förmlich.
»Und was haben Sie in diesem – Zelt gemacht?«, erkundigte sich der General.
Aus dem Augenwinkel nahm Norton wahr, wie Ladana rot wurde. Er beeilte sich, das Wort wieder an sich zu ziehen. »Wir haben die Instrumente geprüft, die Selbsttests durchgeführt, die Standardroutinen gefahren.«
»Und dann? Wenn mich nicht alles täuscht, ist man damit in zehn Minuten fertig. Sie waren aber mehr als eine Stunde offline.«
»Dann haben wir gewartet, dass der Sturm sich legt oder soweit nachlässt, dass wir das Zelt verlassen und ins Fahrzeug zurückkehren können.«
»Das Seltsame ist«, führte Rogers nachdenklich aus, »dass keines der anderen Teams etwas von diesem Sturm bemerkt hat, auch unsere Sensoren hier auf der INSTRUCTOR übrigens nicht.«
»Es muss eine lokale Sache gewesen«, improvisierte Norton. Er hatte sich die ganze Nacht lang damit beschäftigt, sich das unvermeidliche Verhör zurechtzulegen. Aber jetzt wich er doch von seinem inneren Script ab. »Eine Art Staubteufel.«
»Ein Staubteufel?« Rogers sah ihn ungläubig an.
Er musste aufpassen, in dem Veteranen nicht das Gefühl aufkommen zu lassen, dass er ihn zum Besten hielt. Bis jetzt hatte er immer alle Sympathien des knorrigen Texaners genossen. Das konnte sich schlagartig ändern, wenn dieser sich von ihm verscheißert fühlte.
»Ein lokales Phänomen«, schob er rasch nach. »Vielleicht auch ein Fallwind. Wir waren im Rücken des Randgebirges, das das Mare Inconcussum nach Süden abschließt, und ...«
Rogers brachte ihn mit einer barschen Handbewegung zum Schweigen. »Ersparen Sie uns das, Rekrut Norton.«
Die Miene des Generals schillerte zwischen Verdruss und Amüsement.
»Ich glaube, der einzige Wirbelwind, den es da draußen gab, ist diese Kadettin mit den bezaubernden Mandelaugen.«
Ladana wandte den Blick ab. Norton bemerkte, wie sein Mund trocken wurde. Sollte er auf seiner Version bestehen und einer technischen Überprüfung ins Messer laufen? Sie hatten zwar an den Planen gerüttelt und auf die Sensoren eingedroschen, bis Teile des Systems tatsächlich zusammengebrochen waren, aber einer internen Untersuchung, die auch alle möglichen anderen Daten zu einem komplexen Crosscheck heranzog, würde ihr aus dem Stegreif geborenes Vorgehen nicht standhalten.
»Sie können von Glück sagen«, fuhr Rogers in milderem Ton fort, »dass bei Team 11 keine Personen zu Schaden kamen. Psychologisch kommt ihnen außerdem zupass, dass Kurtz einen einschlägigen Ruf genießt. So ist es nur ein Gespann, das wir verloren haben. Das Nur in Anführungszeichen. Wir haben den Materialwert noch nicht beziffert, da wir erst nachsehen müssen, welche Systeme Team 11 im einzelnen auf seinem Hänger hatte. Ich schätze, dass wir irgendwo zwischen anderthalb und zwei Millionen herauskommen. Steuergelder. Für die viele Bürger der Union an sehr vielen Morgen aufstehen und zur Arbeit gehen müssen.«
Er ließ die Blicke zwischen den beiden hin und her gehen, die versuchten, der Befragung standzuhalten. Aber ihre Fassung bröckelte von Minute zu Minute.
»Drauf gekackt«, sagte der General. »Diese Mission schlägt insgesamt mit einer halben Milliarde zu buche. Da ist ein Stallion zu verkraften. Verlust gibt es immer, und letztlich sind es Vorfälle dieser Art, wegen denen wir das Ganze überhaupt machen. Genauer gesagt: Die Frage, wie man mit solchen Zwischenfällen umgeht.«
Er sah Norton direkt ins Gesicht.
»Was ich dagegen nicht hinnehmen kann, ist die Subordination, die meiner Meinung nach in diesem Falle vorliegt.«
»Sir?«
»Nix Sir. Lassen Sie mich ausreden!« Von einem Moment zum Nächsten wurde Rogers dunkelrot. Seine cholerischen Ausbrüche waren im Ausbildungsbataillon gefürchtet. »Ich habe mit den Wachhabenden gesprochen, die Sie während der vergangenen Tage betreut haben. Anscheinend haben Sie wiederholt den Wunsch nach Privatsphäre geäußert, als ob die Lokale zur Bespitzelung da wäre! Tatsächlich ist das eure Lebensversicherung in Einsätzen wie diesen. Kurtz und sein Kumpel wären jetzt tot und verbrannt, wenn der Kontakt zur Zentrale und zu den anderen Außenteams nicht störungsfrei und in Echtzeit gewährleistet gewesen wäre.«
Er atmete einige Male durch, wobei sich seine Gesichtsfarbe allmählich wieder normalisierte. Nur an seiner linken Schläfe pochte eine Ader noch in gefährlich aussehendem Violett.
»Jedenfalls: Wenn ich nun also zwei und zwei zusammenzähle und Sie mir so anschaue. Sie sind jung, sie waren mehrere Tage zu zweit da draußen unterwegs. Rekrutin Zol ist ein hübsches Mädchen, das man ...«
»General Rogers, Sir!« Norton nahm allen Mut zusammen, den die Erosion seines Selbstvertrauens übrig gelassen hatte. »Rekrutin Zol hat mit der ganzen Sache nichts zu tun. Mir als Teamleiter obliegt die alleinige Verantwortung für den – Vorfall. Ich bedauere zutiefst die Gefahr, in die die Kameraden von Team 11 durch unser – Versäumnis geraten sind, und den entstandenen Sachschaden. Aber ...« Plötzlich wusste er nicht weiter.
Rogers hatte seine Eingabe interessiert angehört.
»Wie ritterlich«, sagte er schmunzelnd. Und nach einer Pause setzte er noch hinzu: »So kenne ich dich gar nicht!«
Er zwinkerte Ladana zu, die darauf ebenso wenig einging wie Norton auf die letzte Bemerkung.
»Okay, Schwamm drüber. Es liegt in Niemandes Interesse, dass die Sache hochkocht. Die Flottenleitung braucht es nicht zu erfahren, und unsere Partner in der Industrie, die diese Exkursion mit Sachmitteln in einem Wert von einhundert Millionen unterstützen, auch nicht.«