Kitabı oku: «Lombok», sayfa 4
Der Sieger von Persephone erhob sich zu seiner ganzen imponierenden Gestalt von einem Meter siebzig. Obwohl er alles andere als ein alter Mann war, ging er leicht nach vorne gebeugt.
Ladana und Frank beeilten sich, ebenfalls aufzustehen und Haltung anzunehmen.
»Ihr bleibt für den Rest der Mission an Bord der INSTRUCTOR«, sagte Rogers. »Wir werden etwas finden, wo ihr euch nützlich machen könnt. Am besten wohl in der Zentrale. Dann werdet ihr sehen, wie anstrengend und verantwortungsvoll die Tätigkeit dort ist.«
Er sah sie an. Sie nickten stumm.
»Wegtreten!«
Teil II. Pensacola
Kapitel 5. Die Akademie
»In Ordnung.« Der Vorsitzende sah auf die Uhr. »Lassen wir es damit gut sein.«
Er erhob sich und ging ein paar Schritte in den Raum hinein. Es war ein weder besonders großer, noch besonders wohnlicher Seminarraum. Die anderen Mitglieder der Prüfungskommission behielten ihre Plätze an der Längsseite des Raumes ein.
Sie schaltete das Whiteboard ab, auf dem sie ihre Ausführungen mit interaktiven Grafiken illustriert hatte.
Sie befanden sich in der zwanzigsten Etage des Portalgebäudes der Akademie, das einem Enthymesis-Explorer nachempfunden war. Aus der stattlichen Höhe von fünfzig Metern ging der Blick über den Campus der Akademie der Union in Pensacola. Wohnheime, Bibliotheken, Lesesäle, Institutsgebäude, Sportstätten, Cafés. Dazwischen weite, gepflegte Rasenflächen, alte Bäume, Blumenrabatten. Ab und zu sah man im Hintergrund ein startendes oder landendes Schiff. Die Fenster waren schalldicht. Im Freien hätte man das verzögerte Röhren und Dröhnen gehört, das die Nähe des großen Raumhafens verriet.
»Zum Abschluss noch ein wenig Geschichte«, sagte der Vorsitzende. »Was wissen Sie über die Schlacht von Persephone?«
Auch darauf war sie vorbereitet.
»Die Schlacht von Persephone war das entscheidende Aufeinandertreffen der Flotten der Union und des Sinesischen Kaiserreichs im Ersten Sinesischen Krieg. Sie wurde zugunsten der Union entschieden. Persephone ist der zweite Mond des Gasplaneten Hades im Tartaros-System.«
Jennifer sprach leise und sehr schnell, als lese sie von einer imaginären Tafel ab.
»Wie wurde die Schlacht entschieden«, hakte der Vorsitzende nach.
»Durch den Einsatz von Antimaterie-Torpedos.«
»Wer ordnete diesen an.«
»General Randolph Valerian Rogers.«
»Dann war er der Oberkommandierende vor Persephone?« Die Stimme des Vorsitzenden pendelte suggestiv und behielt sich die Möglichkeit vor, dass es sich um eine Fangfrage handeln könnte.
»Eigentlich nicht«, erklärte sie. »Oberkommandierende war Tseten Zöchren, und Kommandant der MARQUIS DE LAPLACE war ursprünglich Alexander Wiszewsky. General Rogers zog das Kommando mithilfe einer Sondervollmacht der Geheimen Front an sich.«
Ihr entging nicht, dass die drei Beisitzer erstaunt die Köpfe zusammensteckten, aber sie hielt den Blick fest und selbstbewusst auf den Vorsitzenden gerichtet.
»Warum hat er das getan?«, fragte dieser.
»Wiszewsky weigerte sich, die Antimaterie-Sprengköpfe freizugeben.«
»Mit welcher Begründung?«
»Die MARQUIS DE LAPLACE sei ein ziviles Schiff. Zudem handele es sich um Prototypen, deren Einsatz zu militärischen Zwecken nicht mit den Statuten der Union vereinbar sei.«
»Der Rest ist Geschichte.« Der Vorsitzende lächelte zufrieden. »Können Sie uns erzählen, wie es weiterging?«
»Die Union trat mit den Sinesern in Verhandlungen ein. Sie fanden auf der Randwelt Lombok statt. Für die Union saßen unter anderem der Kanzler der Zivilregierung, General Rogers, Andrew Wheeler und Tseten Zöchren am Verhandlungstisch.«
Sie ließ eine Pause entstehen, aber der Vorsitzende der Prüfungskommission gab ihr durch eine Geste zu verstehen, dass sie ruhig ein wenig ausführlicher werden könne.
»Die Verhandlungen waren zäh und zogen sich über Monate hin«, erzählte sie. »Die Sineser wollten keinerlei Zugeständnisse machen. Die Unionsseite drohte damit, die Kampfhandlungen wieder aufzunehmen und den Krieg mithilfe der Antimaterie-Technologie bis nach Sina, der Zentralwelt des Imperiums, zu tragen. Daraufhin gaben die Sineser nach. Sie verlangten die Ächtung der Antimaterie-Systeme. Nach endlosem Pokern und zahlreichen Marathonsitzungen willigte die Union ein. Für das Abschlussprotokoll stimmte auch Rogers zu. Er soll allerdings unter der Hand verlautbart haben, er habe diese Waffe einmal eingesetzt und er werde es wieder tun, wenn es nötig sei.«
Ein amüsiertes Murmeln lief durch die Reihe der Beisitzer. Auch der Vorsitzende schmunzelte vor sich hin. Dann sah er Jennifer wieder aufmunternd an.
»Die entsprechende Ächtung der sinesischen Annihilatoren wurde hingegen nicht in die Erklärung aufgenommen. Die Sineser verweigerten alle Aussagen zu diesem System. Sie stritten ab, etwas derartiges eingesetzt oder überhaupt entwickelt zu haben. Alle Spekulationen der wissenschaftlichen Elite der Union, dass es sich bei dem auf Persephone entdeckten, aber später vernichteten Exemplar um einen nicht einsatzbereiten Prototypen gehandelt habe, gingen daher ins Leere.«
»Was waren die Ergebnisse von Lombok?«
»Es war ein Vertragsfrieden, ein klassischer Formelkompromiss. Die beiden Seiten steckten ihre Interessensphären ab und einigten sich auf eine Demarkationslinie. Diese entspricht im wesentlichen dem Frontverlauf auf dem Höhepunkt des Krieges vor Persephone. Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen wurde vereinbart, um die Einhaltung der Abmachung zu kontrollieren und zu einem gut nachbarschaftlichen Auskommen in der Galaxie zu finden, aber bis heute wurde davon nichts umgesetzt.«
Der Vorsitzende nickte. Er warf einen Blick zu den Beisitzern, aber diese deuteten an, keine weiteren Fragen zu haben.
»Sie haben das erschöpfend referiert«, sagte er daraufhin. »Kommen wir von der Anamnese zur Analyse.«
Sie machte einen Schritt nach vorne, als habe sie die ganze Zeit nur auf diesen Moment gewartet.
»Wie schätzen Sie die Resultate von Lombok ein?«, fragte der Vorsitzende.
»Es gibt Stimmen, die sich sehr unzufrieden äußerten«, erklärte sie. »Ihr Tenor war, angesichts des militärischen Triumphs von Persephone hätte die Verhandlungsführung der Union mehr herausschlagen müssen.«
»Was zum Beispiel?«
»Reparationen, Gebietsabtretungen oder eine Offenlegung der Annihilator-Technologie.«
»Wer zählte zu diesen Stimmen?«
»Große Teile der militärischen Führung. Hinter vorgehaltener Hand, wie bereits gesagt, auch General Rogers selbst. Man sagte, das Opfer der Soldaten, die vor Persephone gestorben waren, sei am Verhandlungstisch verraten worden.«
»Wer noch?«
»Es gab – und gibt bis heute – Vereinigungen, die sich der Union nicht angeschlossen haben, etwas die Amish. Sie vertreten die Auffassung, die Vereinbarung von Lombok sei von einer Kommission ausgehandelt worden, die sie nicht autorisiert hätten. Deshalb sehen sie sich auch nicht verpflichtet, sie einzuhalten. Das gilt in diesem Fall etwa für die Frage der Demarkationslinie und der Interessensphären. Die Amish beanspruchen für sich, prinzipiell alle unbesiedelten Welten der Galaxis mit ihren Minenkolonien erschließen zu wollen.«
»Und?« Der Vorsitzende grinste listig.
»Die Amish lehnen sämtliche Technologie ab. Sie verfügen über keine eigene Raumfahrt. Allerdings gibt es inzwischen genügend private Kurierdienste, die auch interstellare Routen anbieten.«
»Nun habe ich gefragt, wie Sie das Ganze einschätzen. Zum Beispiel haben Sie vorhin vom Ersten Sinesischen Krieg gesprochen. Gab es denn noch weitere?«
»Es gibt Stimmen«, begann sie. Dann setzte sie hinzu: »Denen ich mich auch anschließen würde, die behaupten, man sei mit Sina nicht hart genug umgesprungen. So sei die Herausgabe der Annihilator-Technologie eigentlich zwingend, da Sina so einen Trumpf in der Hinterhand habe, den es jederzeit ausspielen könne.«
»Fürchten Sie, dass es wieder zum Krieg kommt?«
»Die Gefahr sehe ich allerdings.« Sie musste im Stillen schmunzeln, als sie das Ceterum Censeo ihres Vaters vortrug. »Um es mit einer historischen Analogie zu sagen: Persephone war nur der Erste Punische Krieg. Rom hatte damals zwei weitere auszufechten.«
Der Vorsitzende wiegte nachdenklich den Kopf. »Hoffen wir, dass uns das erspart bleibt.«
»Sina ist gedemütigt, aber nicht besiegt«, sagte sie noch.
»Das ist allen Beteiligten klar«, sagte der Vorsitzende. »Aber was wäre die Alternative? Den Krieg ins sinesische Herzland zu tragen? Sina zu vernichten, wie es Rom am Ende mit Karthago getan hat? Das wäre ein Kampf von völlig anderen Dimensionen. Ein Krieg, der die ganze Galaxie umfasst, eine Schlacht, neben der Persephone sich wie ein Strandspaziergang ausnimmt.« Er winkte ab. »Das soll im Augenblick nicht unsere Sorge sein.«
Einer der Beisitzer meldete sich.
»Eine Frage hätte ich noch an die Kandidatin.«
»Bitte«, sagte der Vorsitzende.
Sie wandte sich dem Tisch an der Längsseite des Raumes zu. Sie legte die Hände wieder ineinander, mit denen sie während der letzten Fragen etwas zu erregt gestikuliert hatte, und achtete darauf, gerade zu stehen.
»Kehren wir noch einmal auf das Schlachtfeld von Persephone zurück«, sagte der Beisitzer. »Was geschah, nachdem die Waffen schwiegen?«
»Man suchte das gesamte Gebiet im Orbit über dem Mond Persephone und auch die nähere Umgebung des Gasplaneten Hades ab, fand aber nichts mehr, das man auswerten konnte. Vermutlich hatten die Sineser Hyperraumsender in den Wracks ihrer zerstörten Schiffe zurückgelassen, am ehesten wohl in Gestalt ihrer Tloxi-Androiden, aber man konnte nichts dergleichen nachweisen. Das Flaggschiff der Sinesischen Flotte, die schwer beschädigte Yamato, war eines Tages verschwunden. Sie muss es, trotz angeschlagener Systeme, geschafft haben, in den Hyperraum zu entkommen. Was man sonst fand, gab den einen oder anderen technologischen Aufschluss, auch einige Erkenntnisse zu Sprache und Kultur der Sineser. Aber es war nichts wirklich Relevantes. Schließlich überließ man das gesamte Tartaros-System sich selbst. Es ist heute Niemandsland zwischen den beiden Machtblöcken.«
Der Beisitzer nickte. »Ihr Wissen ist beeindruckend!«
»Eine letzte Frage.« Der Vorsitzende zog die Prüfung wieder an sich. »Die Einserfrage, wenn Sie so wollen. Was geschah eigentlich mit Alexander Wiszewsky?«
Ein Murmeln ging durch die ganze Kommission, und auch sie konnte sich ein Zucken der Mundwinkel nicht verbeißen.
»Er verließ die MARQUIS DE LAPLACE noch während der Schlacht«, führte sie aus, wobei sie permanent mit einem Grinsen zu kämpfen hatte.
»Wie das?«, fragte der Vorsitzende, dem ihre Heiterkeit nicht entging und der sich dadurch animieren ließ, mit der seinen nicht mehr hinter dem Berg zu halten. Im Seminarraum machte sich eine spöttische Ausgelassenheit breit.
»Er bestieg eine Rettungskapsel«, sagte sie. »Hinterher redete er sich darauf heraus, eine Erschütterung des Schiffes infolge von Feindeinwirkung habe zu einer Fehlfunktion des Systems geführt. Aber ein Abgleich der Protokolle hat nichts in dieser Richtung ergeben.«
»Warum ist das relevant?«, fragte der Vorsitzende.
»Dann wäre es unerlaubtes Entfernen von der Truppe und Feigheit vor dem Feind!«
»Und? Was ist Ihre Einschätzung?«
»Wiszewsky argumentierte, er sei ohnehin durch Rogers seiner Funktion als Kommandant der MARQUIS DE LAPLACE enthoben worden, die im übrigen ein ziviles Schiff sei.«
»Kam er damit durch?«
»Er zog sich später, wohl auf Anraten seiner Anwälte, auf die Sprachregelung zurück, er habe einen Blackout gehabt.« Sie grinste und forschte gleichzeitig in den Gesichtern der vier Kommissionsmitglieder, die ihr aufmerksam und amüsiert zuhörten, ob sie sich noch einen Schritt weiter vorwagen könne. »Die Rückfrage des Richters, ob er einen Blackout gehabt habe oder sein Schiff, war jahrelang ein geflügeltes Wort an den Kompaniebars der Union.«
»Ich erinnere mich daran.« Der Vorsitzende tauschte einen Blick mit seinen Kollegen. Dann wurde er wieder ernst. »Wann fand diese Verhandlung statt?«, fragte er lauernd.
»Mehr als fünf Jahre nach der Schlacht!«
»Warum?«
»Weil Wiszewsky ...« – sie musste wieder grinsen –,»er war fünf Jahre lang in Hibernation, auf der Rettungskapsel.«
»Wie das?«
»Er hatte einen extrem exzentrischen Kurs programmiert, deshalb versuchte er sich ja später auf eine Fehlfunktion herauszureden. Es dauerte demnach eine Weile, bis er gefunden wurde. Aber er war ja in Tiefschlaf, insofern konnte nichts geschehen.«
»Halten Sie diese Version für glaubwürdig?«
»Es gibt Stimmen«, sagte sie vorsichtig, »die behaupten, man habe ihn bewusst einige Jahre durch den Raum treiben lassen. So fiel seine Aufbringung und Wiederbelebung verblüffend genau mit dem Ausscheiden Vizeadmiralin Doina Gobaidins zusammen, die seine Stellvertreterin auf der MARQUIS DE LAPLACE gewesen war und das Kommando kommissarisch innehatte, solange er – vermisst war.«
Wieder schmunzelten Prüfling und Prüfer in hämischem Einverständnis vor sich hin.
»Und jetzt?« Der Vorsitzende brachte die Frage nur mit unterdrücktem Prusten heraus.
»Alexander Wiszewsky verlangte volle Rehabilitierung. Sie wurde ihm erteilt. Er ist jetzt Commodore und Oberkommandierender der neuen MARQUIS DE LAPLACE.«
»Was noch?«
»Wegen der fünf Jahre verlangte er eine Entschädigung. Aber zum einen konnte er nicht nachweisen, dass man ihn vorsätzlich so lange in der Kapsel durch den Raum trudeln ließ. Zum anderen, argumentierte der Anwalt, der die Seite der Union vertrat, war er ja in Hibernation. Er ist nicht gealtert, die fünf Jahre sind für ihn gar nicht vergangen.« Sie zog die Lippen kraus. »Er ist so jung und dynamisch wie eh und je.«
»Der arme Alexander«, sagte der Vorsitzende in abschließendem Ton. »Das hat er wirklich nicht verdient.«
Im Seminarraum trat Stille ein. Alle schmunzelten vor sich hin. Die Sonne stand hell zu den großen Fenstern herein. Draußen leuchtete ein warmer Spätsommertag über dem Campus.
»Wenn keine weiteren Fragen sind, würde ich Sie bitten, einen Augenblick draußen zu warten.«
Sie verließ das Zimmer und ging draußen auf dem langweiligen Gang hin und her. Die Konzentration fiel von ihr ab. Plötzlich fühlte sie sich müde und zerschlagen. Im Geist ging sie das Gespräch noch einmal durch. Hatte sie sich hinreißen lassen? Am Ende war der Ton sehr locker und vertraulich geworden. Die Prüfer hatten eingestimmt, aber gerade das konnte eine Falle gewesen sein. Die Union war ihrem Selbstverständnis nach eine zivile Institution, aber nicht nur ihre Geschichte, sondern auch ihre Organisationsstruktur und ihre Umgangsformen waren militärisch geprägt.
Man rief sie wieder hinein. Der Vorsitzende hatte seinen Platz an dem Tisch an der Stirnseite wieder eingenommen. Die anderen saßen an der Längsseite. Sie versuchte in den Mienen der Personen zu lesen. Aber dort fand sie nur die gleiche freundliche Undurchdringlichkeit wie vor der Prüfung. Ein höfliches Lächeln, das absolut nichts verriet.
»Eine Frage habe ich noch«, sagte der Vorsitzende. »Rein interessehalber, die Prüfung ist vorbei.«
»Bitte sehr.« Sie versuchte so locker und aufgeschlossen wie möglich zu wirken, dabei war sie jetzt angespannter als während des ganzen Gesprächs.
»Sie haben alles umfassend und flüssig referiert. Es klang manchmal beinahe, als wären Sie dabei gewesen. Wie haben Sie sich dieses Wissen so zueigen gemacht.«
»Ich kenne Leute, die dabei gewesen sein«, sagte sie ausweichend.
»Wie darf ich das verstehen? Sie sind sehr jung.«
Sie wand sich. Die Prüfung selbst war anonym abgelaufen. Das war ihr recht so. Sie wollte nicht als Tochter ihres Vaters wahrgenommen werden.
»Sprechen Sie frei«, sagte der Vorsitzende freundlich. »Der offizielle Teil ist vorbei, das Protokoll ist geschlossen. Es interessiert uns einfach. Wir haben, das darf ich jetzt schon sagen, in all den Jahren keinen Kandidaten gehabt, der sich so souverän gezeigt hat wie sie.«
Sie atmete durch. Da war ja auch noch die Sache mit Mariafels! Aber irgendwann musste sie ihre Identität sowieso offen legen.
»Ich habe schon als Kind bei Laertes auf dem Schoß gesessen«, sagte sie. »Dem Chefprogrammierer ...«
»Wir wissen, wer Laertes ist«, warf der Vorsitzende erstaunt ein.
»Ich bin mit General Rogers ...« Beinahe hätte sie gesagt: rumgehangen. »Er hat mir Schießen beigebracht. Alexander Wiszewsky war häufig zu Gast in meinem Elternhaus.«
»Jetzt werde ich aber doch neugierig«, sagte der Vorsitzende. »Diese Prüfungen haben anonym durchgeführt zu werden, um ohne Ansehen der Person zu einem objektiven Urteil zu kommen. Aber da wir unser Urteil bereits gefällt haben, darf ich Sie mit Einverständnis meiner Kollegen glaube ich bitten, und ihren Namen zu nennen.«
»Jennifer Ash.«
Vier Augenpaare richteten sich auf sie.
»Die Tochter von Franklin Ash?«, fragte der Vorsitzende.
»Ja.«
Die Prüfer nickten einander zu. Der Vorsitzende hatte ein Glitzern in den Augen, als habe er gerade eine Wette gewonnen.
Er stand auf und kam um seinen Tisch herum. Auch die Beisitzer erhoben sich. Er trat auf Jennifer zu und reichte ihr die Hand.
»Willkommen bei der Union.«
Sie nahm die Hand und schüttelte sie. »Herzlichen Dank, General Hower.«
Der Vorsitzende stutzte.
»Ich erkenne es, wenn eine Koryphäe vor mir sitzt«, sagte sie leichthin.
Kapitel 6. Trimester
Es war ein sonniger und warmer Tag im September. Die schwüle Hitze des Hochsommers hatte nachgelassen. Seit einer Woche war es im Freien wieder angenehm. Im August war die Versuchung nahe, in einer Sauna Zuflucht zu suchen.
Frank Norton betrat, vom Block mit den Wohnheimen kommend, den Teil des Campus, der den Lehrgebäuden vorbehalten war. Teils schmucklose, teils futuristische Architekturen, die Seminarräume, Hörsäle, Labors und Arbeitsplätze enthielten.
Auf der großen Kiesfläche des Vorplatzes war schon einiges los. Mit einer gewissen Feierlichkeit trafen die Kadetten der Akademie zum neuen Trimester ein. Zwei Monate Ferien lagen hinter ihnen. Jeder hatte sie auf seine Weise genutzt oder auch nicht. Jetzt ging ein Ruck durch das Kollektiv angehender Piloten, Planetologen, WOs und Triebwerksingenieure.
Einer der ersten, der ihm ins Auge stach, war Kurtz. Er war mit einem schicken Sport-Scooter vorgefahren und ließ sich ausgiebig bewundern. Nachdem das Interesse abgeklungen war, steuerte er den Scooter in eine Parkbucht und stieg aus. Norton wartete auf ihn.
»Nicht schlecht«, sagte er anerkennend.
»Danke!« Kurtz nahm den Helm ab. Er war unrasiert, das Haar stand in alle Richtungen, und vom Frühstück hatte er noch ein paar Krümel in den Zähnen hängen.
»Hattest du nicht eine B 2?« Norton erinnerte sich dunkel, dass der Kamerad früher ein anderes Modell gefahren hatte. Oder war es nur umgespritzt? Er kannte sich mit diesen Dingen nicht besonders gut aus. Seine Interessen lagen anderswo.
»Hatte ich.« Kurtz grinste. »Das ist eine B 3, Serie Cruiser!«
»Wow.« Norton gab ihm mit einer Geste zu verstehen, dass er Cornflakes zwischen den Zähnen hatte. »Was ist mit der B 2 passiert?«
»Was soll passiert sein?«, fragte Kurtz. Er fuhr sich mit der Zunge über die Zähne und rieb die Krümel weg. »Hab sie an einen Baum gesetzt.« Die wegwerfende Handbewegung besagte, dass er sich nichts aus solchen Lappalien machte. »Es war spät geworden, ich hatte ein paar Qatletten zu viel ...«
Norton fragte sich wieder einmal, was für einen Background der Mann hatte. Über seine Familie war wenig bekannt. Kurtz sprach nicht darüber. Aber er musste über unerschöpfliche Geldmengen verfügen. In den letzten Jahren hatte er einen halben Fuhrpark zu Schrott gefahren.
»Führst du eigentlich Buch?«, fragte er laut.
»Das nicht direkt.« Kurtz wand sich. Einerseits genoss er den Ruf des Chaoten, der ihm in Pensacola vorauseilte, andererseits war er aber auch nicht direkt stolz auf jeden Bruch, den er baute. »Es sind jetzt zehn oder zwölf. Je nachdem, ob man nur die privaten nimmt oder auch die, äh: dienstlichen.«
»Die im Dienst musst du wenigstens nicht bezahlen«, lachte Norton. »Der Stallion hätte dir sonst das Genick gebrochen.«
Kurtz zog eine Grimasse. Daran wollte er jetzt definitiv nicht erinnert werden.
»Wie bist du eigentlich aus der ganzen Nummer rausgekommen?«, fragte Norton noch.
»Rogers hat sehr gut reagiert«, sagte Kurtz mit unverhohlener Dankbarkeit. »Er hat sofort erkannt, dass wir die ganze Sache am besten zur heroischen Seite hin ausschlachten. Es war ein Unfall, wie er auf einem unerschlossenen Planeten vorkommen kann. Arch hat den Verdienstorden abgesahnt. Den will ich ihm auch von Herzen gönnen.«
»Er hat euch den Arsch gerettet.«
»Das kann man wohl sagen. Fünf Minuten später ist die Energiezelle explodiert. Wenn er nicht zur Stelle gewesen wäre, stände ich jetzt nicht hier.« Sein Blick bekam etwa Stechendes. »Du hast ja die kleine Zol gevögelt!«
»Lassen wir die alten Geschichten.« Norton lachte angestrengt.
Kurtz horchte auf. »Was ist aus euch geworden?«
»Ach.« Er winkte ab. »Sie war natürlich nicht begeistert, noch vier Wochen Innendienst auf der INSTRUCTOR schieben zu müssen. Diese Zwölfstundenschichten in der Zentrale sind kein Zuckerschlecken, sag ich dir.«
»Ja, ihr hattet jeden Tag noch schlechtere Laune«, erinnerte sich Kurtz.
»Aber als wir dann wieder hier waren und sie erfahren hat, dass sie den Trip nicht als Pflichtleistung angerechnet kriegt, wurde sie richtig sauer. Und natürlich war jetzt ich an allem Schuld.«
»Dabei hat sie es doch genauso gewollt«, grinste Kurtz. »Nicht wahr?!«
»Das spielt jetzt auch keine Rolle mehr.«
»Ihr hattet die Nummer eures Lebens. Schade, dass Rogers Stillschweigen angeordnet hat. Aber unter der Hand macht die Sache natürlich trotzdem die Runde. Ihr seid die Helden der Kompaniebar.«
»Na, ich weiß nicht.«
»Und ihr habt trotz allem Glück gehabt. Rogers hätte euch auch ein Diszi anhängen und euch von der Akademie schmeißen können.«
»Schwamm drüber«, sagte Norton müde. »Vorbei ist vorbei.«
»Was ist mit dir?«, erkundigte sich Kurtz. »Dir fehlt der Nachweis jetzt ja auch.«
»Ich war sowieso außer Konkurrenz dabei. Die Übung war nicht für mein Trimester. Ich bin nur mit, weil mir hier die Decke auf den Kopf gefallen ist.«
»Du meinst, weil du Ladana ...«
Norton hob die Schultern. »Statt drei Trimestern bin ich jetzt eben vier hinter dem Plan.«
»Chaot!«
»Das sagt der Richtige!«
»Da kommt sie!« Kurtz deutete den Kiesweg hinunter, der von der Frühstücksmensa zum Hörsaal führte. Ladana war in Begleitung einer anderen Kadettin. Auf die Entfernung waren sie kaum voneinander zu unterscheiden. Beide waren klein und zierlich und hatten dichtes schwarzes Haar. Als sie näher kamen, erkannte Norton, dass die Andere einen milchweißen Teint und strahlend blaue Augen hatte, im Gegensatz zu Ladanas olivenfarbener Haut und exotisch geschnittenen Lidern. Beide trugen die weiße Uniform der Union, die ihnen sehr gut stand.
Als sie auf sie aufmerksam wurden, kamen sie zu ihnen. Ladana bedachte Norton mit einem kühlen Blick.
»Hallo Frank.«
»Hallo Ladana«, sagte er.
Sie wandte sich von ihm ab und schenkte Kurtz ihr strahlendstes Lächeln. »Ist das deine B 3?«
»Yep«, sagte er flott. »Neuanschaffung. Ein Cruiser!«
»Schick.«
Sie sah zwischen den beiden Männern hin und her und setzte eine tadelnde Miene auf, als diese nur ihre Begleitung anstarrten.
»Okay Jungs«, sagte sie. »Bevor euch die Augen rausfallen: Darf ich euch meine Freundin Svetlana Komarowa vorstellen?«
Sie begrüßten die Kadettin.
»Komarowa?«, fragte Kurtz. »Ist Russland neuerdings in der Union?«
»Ich bin Weißrussin«, sagte das Mädchen mit rollendem R. »Ich besuche die Akademie mit Unterstützung der Europäischen Liga.«
»Hinreißender Akzent.« Kurtz schaltete sofort den Charmeur ein.
»Danke!«
»Wir müssen.« Ladana zog ihre Freundin weiter. »Die Vorlesung fängt gleich an.«
»Bis jetzt habe ich niemand gesehen«, meinte Norton mit einem Blick zu der Traube von Kadetten, die sich immer noch auf dem Vorplatz des Gebäudes die Zeit vertrieb.
»Akademisches Viertel«, sagte Kurtz.
»Trimester-Anfang«, stimmte Norton zu. »Da kann das Viertel schon mal eine halbe Stunde dauern.«
»Ich dachte, wir sind hier auf der Akademie der Union«, staunte Svetlana. »Das hatte ich mir, ehrlich gesagt, etwas straffer vorgestellt. Militärischer!«
»Kommt immer drauf an«, erwiderte Kurtz.
»Worauf?«
»Wer gerade dran ist. Manche halten es eher lax, bei anderen geht es zu wie auf dem Truppenübungsplatz.« Er zog den Mundwinkel schief. »Die Union ist eben immer beides. Zivil und militärisch.«
»A propos«, schaltete sich Norton ein. »Was steht denn heute auf dem Plan?«
»Das glaube ich jetzt nicht«, sagte Ladana streng. »Willst du uns weismachen, du hast die Ankündigung nicht gelesen?«
»Ich hatte anderes zu tun.«
»Das kann ich mir schon denken.«
»Also? Mach’s nicht so spannend.«
»Heute liest Alexander Wiszewsky zur Befehlsstruktur der Unionsflotte«, erklärte Ladana. »Unter besonderer Berücksichtigung der Abläufe auf der MARQUIS DE LAPLACE.«
»Wiszewsky ist hier?« Norton bildete sich ein, dass er sich das gemerkt hätte, wenn er es irgendwo gelesen hätte. Offenbar hatte er den Trimesterplan nicht einmal oberflächlich durchgesehen.
»Das ganze Trimester«, strahlte Svetlana. »Die MARQUIS DE LAPLACE wird im Uranus-Orbit gewartet und überholt. Sie bekommt ein neues Wohnmodul. Solange hält er eine Vorlesungsreihe.«
»Klingt – spannend.« Norton kratzte sich am Kopf. »Ich wusste gar nicht, dass er noch aktiv ist!«
»Und wie«, rief Ladana aus. »Biologisch ist er nicht einmal vierzig.«
»War er nicht schon beim ersten Sternenflug dabei gewesen?«
»Schon, aber auf diesem Flug war er immer wieder in Hibernation. Und auch später das eine oder andere Mal.«
»Damit er frisch bleibt«, knurrte Norton.
»Purer Neid.« Ladana lachte. »Wiszewsky sieht immer noch blendend aus.«
»Woher weißt du das?«
»Manchmal machst du mich echt fertig, Frank Norton. Wiszewsky gibt seit einer Woche, seit die MARQUIS DE LAPLACE eingetroffen ist, ein Interview nach dem anderen. Der Akademiekanal ist voll davon.«
»Warum sollte mich das interessieren?«
»Hörst du eigentlich, was ich hier die ganze Zeit rede? Alexander Wiszewsky ist der Kommandant der MARQUIS DE LAPLACE. Aktuell der ranghöchste Offizier der Union im aktiven Dienst. Eine der wichtigsten Persönlichkeiten unserer Zeit.«
»Und er sieht gut aus.« Norton gluckste. »Verstehe.«
»Da kommt er«, zischte Svetlana.
In der Gruppe der wartenden Kadetten entstand Bewegung. Sie bildeten eine Gasse. Dann erkannte Norton einen groß gewachsenen Mann mit blonder Fönfrisur. Er war tatsächlich eine strahlende Erscheinung. Sein ebenmäßiges Gesicht und seine stolze Figur hätten zu einem Dressman gepasst. Seine Aura war selbstbewusst und ein winziges Bisschen arrogant. Mit dem freundlichen und professionellen Lächeln eines Präsidentschaftskandidaten schritt er die Reihe der Kadetten ab, die ihn ehrfürchtig anstarrten. Er trug die Galauniform der Fliegenden Crew der Union. Seine Brust glitzerte vor Orden.
Hinter ihm gingen General Rogers, der einen Kopf kleiner war und deutlich älter wirkte, obwohl er derselben Generation angehörte, und General Hower, der amtierende Direktor der Akademie.
Sie beeilten sich, in den Hörsaal zu kommen. Bis sie sich durch die Tür gedrückt hatten, war das Auditorium Maximum bis auf den letzten Platz belegt. Die ersten fünf Reihen wurden ausschließlich von Kadettinnen eingenommen, die an ihren Haaren zupften und einander versicherten, dass ihr Make up richtig saß.
Ladana und Svetlana waren im Gedränge verschwunden. Sie tauchten plötzlich ebenfalls ganz vorne auf. Irgendwie hatten sie es geschafft, sich Plätze in der ersten Reihe zu sichern.
Norton stöhnte. Er ließ sich von Kurtz zu einer der wenigen freien Flächen ganz hinten lotsen. Dort standen sie vor der Wahl, ob sie sich auf den Boden oder auf die Fensterbank setzen sollten. Norton entschied sich für ersteres. Er wartete die Begrüßungen Rogers’ und Howers ab und startete dann das Musikprogramm seiner neuen Innenohr-Implantate.
Jetzt war sie Kadettin der Union! Das Trimester begann, und nach ein paar Tagen war es, als hätte es nie ein anderes Leben für sie gegeben. Es war ihrem Vater gelungen, die Episode Mariafels aus ihrem offiziellen Curriculum vitae herauszuhalten. Das hatte ihn einige Telefonate und mehrere Abendessen gekostet. Nun war der Schein wiederhergestellt. Der Fehltritt verbaute ihr nicht eine Karriere in den Reihen der Fliegenden Crew.
Auch ihr kam die Zeit auf dem Elitestift schon fern und irreal vor. War sie wirklich dort gewesen? War es wirklich Gegenwart gewesen? Jeremy ...
Sie zwang sich, diese trübsinnigen Gedanken zu verbannen und sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Es gab eben immer wieder eine Gegenwart. Pensacola war ihre zweite Chance, die Möglichkeit, den Fehltritt wettzumachen und noch einmal ganz von vorne anzufangen. Mit siebzehn Jahren war sie auch jetzt wieder die Jüngste, nur dass es jetzt eben nicht mehr Zögling, sondern Rekrutin hieß.
Sie hatte ein Zimmer im Wohnheim, direkt auf dem Campus. Es war zwar bis nach Hause nur eine halbe Stunde mit dem Scooter, aber ihr Vater hatte darauf bestanden, dass sie in der Akademie wohnte. Das war jetzt ihr Leben. Nur am Wochenende fuhr sie für eine oder zwei Nächte zu ihm an die Küste.
Anfangs tat sie sich schwer, neue Freunde zu finden. Kein spektakulärer Auftritt wie in Mariafels, wo Jeremy sich ihr am ersten Tag unauslöschlich präsentiert hatte. Aber es gab auch keine anderen Kommilitonen, zu denen sie rasch eine solche Vertrautheit aufbauen konnte wie zu Bethine, Herb und Mathis. Hier gab es keine Gruppen von fünf oder sieben Gleichaltrigen, sondern Hunderte von neuen Rekruten in jedem Trimester. Insgesamt waren es in Pensacola mehr als zehntausend. Mariafels war familiär und verschlafen gewesen, ruhig und abgeschieden, aber auch elitär und ungeheuer konzentriert. Sie begann sich dorthin zurückzusehnen. Immer wieder ertappte sie sich dabei, wie sie dem vorschnell beendeten Kapitel und der vertanen Chance nachtrauerte. Das blockierte sie, lenkte sie von dem neuen Stoff ab, der in ungeheurer Dichte auf sie einprasselte, und verhinderte, dass sie wieder Anschluss fand.
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