Kitabı oku: «Der Hauptstadtflughafen», sayfa 3
»Nein, willst du da mit?«
»Ja, die ersten Male schon, leite mir den Termin bitte weiter.« Mehr hat er erstmal nicht für mich, die anderen Dinge auf seinem Schreibtisch muss er selbst erledigen.
Ich hocke mich also wieder an meinen Arbeitsplatz. Es ist bewölkt heute, ein drückender Tag. Draußen fahren zwei Flughafenmitarbeiter auf ihren Aufsitzrasenmähern die Flughafenstraße hinunter. Es sieht aus, als würden sie sich ein Rennen liefern und dabei halten sie hinter sich den ganzen Verkehr auf. Ich nehme die Vorlage wieder zur Hand und überlege mir einige mögliche Verbesserungen für den Termin um drei Uhr heute Nachmittag. Pünktlich um 12:30 Uhr holt uns Herr Lackner zum Mittagessen ab.
Bei der Gelegenheit richtet er das Wort an mich: »Sie wissen ja, dass ich die Kommentardateien für die Monatsberichte weiterbearbeite und dabei ist mir aufgefallen, dass Sie das Eurozeichen verwenden. Wir aber schreiben hier immer ›EUR‹, das können Sie nicht wissen.«
»Doch, das weiß er, ich habe es ihm gesagt!« Frau Moori ist hinter ihrem PC aufgewacht.
Torsten betritt das Büro: »Gehen wir essen?« Wir gehen.
Der Nachmittag zieht sich, das Essen in der Kantine war schwer und fettig und mit reichlich »Grundsoße dunkel«. Draußen ist es noch immer drückend und schwül. Thema beim Mittagessen waren Autos, und Frau Moori hat das Thema gleich mitgenommen.
»Mein Freund und ich haben uns damals für einen Skoda entschieden, ein sehr schönes Auto, ein Kombi.«
Ich schaue aus dem Fenster.
»Bei der Farbe haben wir uns für dunkelgrün entschieden, metallic. Weil, das ist nicht so empfindlich und sieht trotzdem gut aus. Also besser als schwarz. Oder … weiß. Oder silber, das fährt ja wirklich jeder!«
Ich schaue immer noch aus dem Fenster, weiter hinten fährt ein Follow-me-Fahrzeug über den Vorfeldbeton.
»Leider haben wir nur den kleinen Motor, aber damals dachten wir, das sei ausreichend.« Frau Moori macht eine kleine Pause und schaut auch aus dem Fenster. »Das ist auch ausreichend, aber etwas mehr Anzug braucht das Auto schon.«
Ja, dieser Skodamotor ist schon einer, zu klein und doch ausreichend. Ich fühle mich müde.
»Das Auto ist nicht so gewöhnlich wie der Golf, der fährt ja überall herum. Das wollten wir nicht. Der Skoda ist selten. Also, so selten jetzt auch nicht, aber schon etwas. Trotzdem gibt es noch genug davon, wegen Ersatzteile und so ist das wichtig.«
Es ist möglich, Menschen zu Tode zu reden, ich weiß das sicher.
»Komischerweise war es nicht so einfach, Schonbezüge für den Wagen zu bekommen. Wir wollten Lammfell haben, das ist im Winter sehr angenehm.«
Ich schaue noch immer aus dem Fenster.
»Hörst du mir überhaupt zu?«
Ich reagiere nicht.
»Hallo, hörst du mir zu?«
Ich tue aufgeschreckt: »Hm? Was?«
Frau Moori steigt wieder ein, »Ich erzähle gerade von unserem Auto, dem Skoda? Kombi? Naja, ich sach, wir sind sehr zufrieden, ein schönes Auto.«
Frau Moori schaut aus dem Fenster und ich überlege genervt, seit wann wir uns eigentlich duzen.
Vom Schreibtisch gegenüber redet es in meine Gedanken hinein: »Die Lammfell-Schonbezüge haben wir dann doch noch bekommen, und zwar bei einem Volkswagen-Händler bei uns um die Ecke am Adlergestell. Der ist sehr freundlich und wahrscheinlich werden wir da unser Auto wieder in die Inspektion bringen. Die letzten Jahre waren wir bei der Werkstatt in Schönefeld, aber jetzt sind die pleite. Schade, die waren billig.«
Ich krame meine Unterlagen zusammen, murmle, »Frau Moori, ich hab’ einen Termin, wir sehen uns später«, und schließe die Bürotür hinter mir, bevor Frau Moori reagiert.
Es ist 13:30 Uhr, ich sitze im Auto und beschließe eine Fahrt nach Alt-Schönefeld auf der Suche nach einem Kaffee. Die Fahrt ist kurz und führt im Bogen über eine Brücke über die Eisenbahnschienen. Von hier oben kann ich gut erkennen, wie sehr das Örtchen auf den neuen Flughafen eingestellt ist. Riesige Flächen sind als Gewerbegebiete ausgewiesen und verkehrlich erschlossen, aber außer der Post, dem Holiday Inn und viel Unkraut hat sich noch niemand hier angesiedelt. Das Holiday Inn ist kühl und scheint verlassen, trotzdem bekomme ich meinen Kaffee und eine Zeitung.
Pünktlich um drei Uhr stehe ich bei Claudia Lässer im Büro. Es war gar nicht so einfach, hierher zu kommen, das Gebäude ist am anderen Ende des Flughafengeländes und nur zu Fuß zu erreichen. Zwei Sicherheitstüren können nur durch telefonische Anmeldung überwunden werden und bremsen den Besucher weiter aus, zwei Mal klingele ich mir einen wunden Finger, bevor jemand reagiert und mich herein lässt. Wenn das Sekretariat nicht besetzt ist, kann man versuchen, mit dem Handy im Gebäude jemanden zu erreichen oder einfach warten, bis irgendjemand herauskommt. So jedenfalls erläutern mir das meine Kollegen später. Frau Lässer ist dankbar für meine Hilfe mit der Berechnung der finanziellen Auswirkungen ihrer GF-Vorlage, sie ist in meinem Alter.
Sie hat die Vorlage schon wieder weitgehend überarbeitet und erläutert dazu: »Weißt du, das Problem ist einfach, dass so viele in der Sache mitreden und jeder seine eigenen Vorstellungen hat. Das muss dann alles so eingearbeitet werden, dass nicht wieder irgendeiner unzufrieden ist, die Geschäftsführung nimmt nur Vorlagen an, mit denen alle Bereiche einverstanden sind.«
»Das kann ja nicht sein«, werfe ich ein. »Das liefe ja dann auf den kleinsten gemeinsamen Nenner hinaus.«
»Doch, so ist es aber. Glaube mir, ich bin seit zehn Jahren hier. Das ist gar nicht so einfach, ich schreibe schon den ganzen Tag an dieser Vorlage herum.«
Ich bin beeindruckt.
»Aber die Wirtschaftlichkeitsrechnung ist unverändert, sollen wir die durchgehen?«, schlägt sie vor.
Also gehen wir meine Anmerkungen durch. Nach einer Stunde sind wir damit fast fertig, als Claudias Chef das Büro betritt. Claudia stellt uns vor und erläutert, dass wir gerade durch die GF-Vorlage »Entwicklung Baufeld Ost« gehen.
»Ah, ja, Baufeld Ost, dazu habe ich gestern Abend noch mit Nummer 7 gesprochen, da fehlten ja nur noch die Zustimmungen von Zentralcontrolling und Buchhaltung und Nummer 7 hat gesagt, das geht in Ordnung. Also, das hat sich erledigt, das ist durch. Aber was anderes, Frau Lässer, können Sie mir eben die Unterlagen ›Selchow‹ heraussuchen? Super eilig, ich habe jetzt einen Termin beim Chef. Reichen Sie es einfach rein, ja?« Und weg war er.
Immerhin ist es jetzt schon fast vier Uhr, ich kann nach Hause fahren. Das hätte ich mal gleich nach dem Mittagessen tun sollen.
Donnerstag, der elfte Arbeitstag
Was ist schlimmer, keine Arbeit oder sinnlose Arbeit? Das erste ist anstrengend, das zweite ist deprimierend.
Ich erreiche den Flughafen kurz nach neun, die Kollegen sind alle schon da. Diejenigen von meinen Kollegen, die Tarifmitarbeiter sind und der Zeiterfassung unterliegen, kommen möglichst früh und gehen möglichst spät. Für die Überstunden gibt es Aufschläge und für jeweils acht Stunden gibt es einen Gleittag und die Kollegen sparen die Zeit für die Anfahrt und die Abfahrt zum Flughafen. Der Rest der Mitarbeiter kann kommen und gehen, wann er will, sofern die Arbeit gemacht ist. Soweit jedenfalls die für mich günstige Interpretation meines außertariflichen Arbeitsvertrages.
Ich betrete mein Büro. »Guten Morgen, Frau Moori!« Es folgt der feuchte Handschlag.
Ich fahre meinen PC hoch und gehe Hände waschen. Heute liegt nichts an, kein Termin und bisher auch keine E-Mail. Ich surfe erstmal die Seite der FAZ an, anschließend lese ich online DIE ZEIT.
Frau Moori lehnt sich weit zurück und verschränkt die Finger hinter dem Kopf: »Wie war es gestern im Bereich Liegenschaften?«, erkundigt sie sich.
»Gut, ich habe mit Frau Lässer die GF-Vorlage durchgesprochen.«
»Hast du die Meyer schon getroffen?«
»Nein, morgen haben Torsten und ich einen Termin mit ihr.«
»Da kann ich dich gleich warnen.« Frau Moori zieht die Stirn bedeutungsvoll hoch. »Weil die Frau Meyer ist eine falsche Schlange, eine ganz miese Person ist das. Aber ich will da nicht vorgreifen. Du wirst schon selbst sehen!«
Ich muss irgendwas tun, ich werde sonst irre. Ich google »Fortbildung« und komme nach einigen Links auf die Homepage der Fernuni Hagen.
»Willst du gar nicht wissen, wie ich bei der Meyer zu der Einschätzung komme?« Frau Moori lässt nicht locker.
»Nein, ich finde deinen Vorschlag sehr vernünftig, dass ich mir selbst ein Bild mache.«
Frau Moori ist zufrieden, »Ja, das ist er.«
Sie wendet sich wieder ihrem PC zu und ich informiere mich über die Uni Hagen.
Nach zwei Minuten setzt Frau Moori wieder an: »Eins noch, wegen der Meyer, ja? Also, ich will dir eins sagen, du kannst nur auf ihrer Seite sein oder auf meiner, nur, damit das klar ist.«
Ich kann so nicht arbeiten. Frau Moori sitzt auf ihrem Bürostuhl weit zurückgelehnt, die Arme verschränkt.
»Ist das klar?«, hakt sie nach.
Ich weiche aus. »Ich habe es gehört.« Sie ist zufrieden.
»Weil«, Frau Moori verschränkt die Finger hinter dem Kopf, »das war damals so, dass … «
»Du, ich muss eben zu Torsten rüber«, unterbreche ich sie und laufe in das angrenzende Büro. Torsten sitzt an seinem PC, er steht auf und begrüßt mich mit Handschlag.
Wir sprechen über die GF-Vorlage. Torsten weiß auch nichts von einer Entscheidung durch seinen Chef, Nummer 7. Für mich jedenfalls ist die Sache erledigt. Ich gebe Torsten die Unterlagen zurück. Er schaut kurz darauf, locht den Kram, greift sich zielgerichtet einen schon sehr schwangeren Ordner und heftet die neuen Seiten dazu. Dann wendet er sich mir zu und es folgt etwas Smalltalk. Nach etwa einer Stunde verlasse ich das Büro ohne Aufgaben zum Flur hin und beschließe einen Spaziergang über das Gelände. Es ist später Vormittag, es ist angenehm und noch nicht so heiß.
Ich denke über Nummer 7 nach. Er ist Bereichsleiter und Chef von Torsten. Er ist Diplom-Mathematiker und über eine große Beratungsgesellschaft zum Flughafen gekommen. Und seitdem kommen viele Aufträge vom Flughafen an die Beratungsgesellschaft zurück. Mein Bewerbungsgespräch bei ihm war, wie bei den Beratern üblich, eine Fallstudie. Das läuft dann so ab, dass der Bewerber mit Informationen zugeschüttet wird, Wichtiges von Unwichtigem trennen muss, um anschließend eine Entscheidung zu fällen. Alles keine Atomphysik, besonders, wenn sich ein Absolvent der Wirtschaftswissenschaften mit einem in wirtschaftlichen Themen nur leicht bewaffneten Mathematiker unterhält. Die Berater der großen Gesellschaften sind sicher mehrheitlich keine Dummköpfe, aber sie sind in der Regel jung und weit über jedes gerechtfertigtes Maß hinaus selbstbewusst. Ich bin sicher, dass ich in meinem Unternehmen als obersten kaufmännischen Leiter keinen Biologen einstellen würde. Auch keinen Logopäden. Und eben auch keinen Mathematiker, egal, ob er von irgendeiner Beratung kommt oder direkt vom Imperator höchstpersönlich. Nummer 7 werde ich erst bei seinem Abschied wieder sehen.
Der Chef von Claudia Lässer kommt mir entgegen: »Na, unterwegs zum Termin?«
»Nein, ich gehe spazieren!« Er lacht.
Ich muss das nächste Mal einige Unterlagen mitnehmen, das ist in meiner Situation wichtig.
Freitag, der zwölfte Arbeitstag
Es ist 9:10, ich betrete das Büro, Austausch von Grußformeln, Händedruck feucht, PC hochfahren, Hände waschen.
Die Reinigungskraft kommt, ich laufe zu Torsten ins Büro. Es gibt nichts Neues und auch keine Information, was bei der GF-Vorlage beschlossen wurde.
Zurück in meinem Büro, immer noch »Situation rot« bei Frau Moori, schlechte Laune auf hohem Niveau. Frau Meyer ist anscheinend ihre Erzfeindin, der Termin mit ihr ist heute um 14 Uhr. Frau Moori sabbelt halb zu mir, halb vor sich hin über das Schlechte im Leben und in Frau Meyer. Ich bemühe mich, nicht hinzuhören. Mit dem Fernstudium komme ich nicht weiter, nichts hat mich so richtig angesprochen. Vielleicht sollte ich eine Doktorarbeit schreiben? Andererseits sehe ich darin keinen wirklichen Mehrwert. In meinem Jahrgang ist der Doktor oft so etwas wie der Geländewagen unter den Titeln, ein kleiner Egobooster, dabei oft sinnlos und meistens schlecht verarbeitet. Die Deutschen lieben den Titel, aber der Rest der Welt belächelt uns dafür. Außer – natürlich – Österreich. Ich suche weiter, aber ich kann nicht abstreiten, dass mir sehr langweilig ist.
Auf Arbeit für das Nichtstun bezahlt zu werden, ist eine Situation, die sicher für viele einem Ideal nahe kommt. Dahinter steckt die Idee, dass tun kann, was will, wer nichts hat, was er tun muss. Und diese Vorstellung ist falsch, weil in einer Büroumgebung diese Freiheit nicht gegeben ist. Der nicht ausgelastete Mitarbeiter kann nicht anfangen, im Büro seine Modelleisenbahnanlage aufzubauen oder Ölgemälde zu pinseln. Wer keinen Ärger mit seinem Chef haben will, sollte möglichst acht Stunden am Tag beschäftigt aussehen. Das schränkt den Raum der Möglichkeiten gewaltig ein.
Ich schaue hoch zu der Wanduhr über der Tür. Sie scheint stehen geblieben zu sein, es kann doch nicht erst halb zehn sein. Ich gleiche das mit meiner Armbanduhr ab: Doch, es stimmt, es fehlt noch eine halbe Stunde bis zehn Uhr. Aber anscheinend gibt es Probleme mit dem Sekundenzeiger! Er kommt nicht vom Fleck! Ich beobachte ihn. Er springt eine Einteilung weiter und steht dann da wie angewurzelt und zeigt genau auf die Nummer vier. Es vergeht viel Zeit, viel zu viel Zeit. Müsste er nicht längst die nächste Einteilung genommen haben? Da, endlich! Der Sekundenzeiger ruckt vor, zittert kurz und zeigt nun auf den unteren Bereich der vier. Wie lange soll das denn dauern, bis wir die fünf erreichen, in dem Tempo? Der Zeiger ruckt weiter, zittert wieder und bleibt stehen. Das sind mindestens anderthalb Sekunden. Hat das Universum Probleme, die bleischwere Zeit durch die Gegenwart hindurchzuziehen?
Ich schaue von der Uhr wieder auf, aber außer mir scheint niemand die Zeitlupe zu bemerken. Vom Schreibtisch gegenüber kommt das Hintergrundmurmeln, irgendwelcher Text, dumpf und monoton, wie in einer fremden Sprache und durch schwere Vorhänge gesprochen.
Ich stecke mein Portemonnaie ein und schaue bei Karl im Büro vorbei. Er sitzt tatsächlich alleine, das Büro ist etwas dunkel, vor seinem Fenster stehen hohe Bäume.
»Hey Karl! Ich will eben einen Kaffee aus der Kantine holen, kommst du mit?«
Karl lächelt. »Klar! Danke, dass du an mich gedacht hast.«
Karl schließt hinter uns sein Büro ab, dann schlägt er vor: »Lass uns doch ins Terminal laufen, da ist nicht so viel los, der Kaffee ist besser und wir bekommen etwas frische Luft?«
Da bin ich dabei. »Steckt ihr auch im Monatsabschluss im Moment?«, eröffne ich das Gespräch, während wir unsere Schritte den Gang entlang Richtung Norden lenken.
»Also ich nicht so, ich erstelle ein Mal jährlich die Nebenkostenabrechnung für die Mieter, für den Jahresabschluss. Mit den Monatsabschlüssen habe ich nicht so viel zu tun.«
»Wieso werden denn die Nebenkostenabrechnungen bei euch erstellt, die Mieter sind doch im Bereich Liegenschaften oder nicht?«
»Das ist witzig, dass du das sagst. Früher habe ich auch so gedacht, zumal ich ja auch gar keinen richtigen Einblick in die Mietverträge habe. Ich erstelle das also irgendwie und dann kommt aus dem Bereich Liegenschaften ein ganzer Stapel zurück mit Anmerkungen, was sich alles geändert hat, welche Mieter längst ausgezogen sind und so. Total ineffektiv.«
»Was meinst du damit, früher hättest du auch so gedacht?«
Wir sind am Ende des Ganges angekommen, Karl stemmt die schwere Tür zum Parkplatz auf und wir treten ins Leben hinaus.
»Ich habe irgendwann vorgeschlagen, das anzupassen. Aber das war nicht gut, meine Chefin hat mich dann gefragt, ob ich meine Arbeit nicht machen wolle. Und ob ich denke, dass es an mir sei, Aufgaben aus ihrer Abteilung in einen anderen Bereich zu verschieben.«
Karl schweigt und schaut vor sich hin. Schließlich fährt er fort, er wirkt etwas traurig: »Weißt du, das hier ist nur ’n Job.«
Wir schweigen beide eine Weile, bevor er fortfährt.
»Lass uns über etwas anderes reden: Was machst du, wenn du nicht hier bist?«
Vor dem Terminal steht ein Segafredo-Kaffee-Kiosk. Da gibt es nicht nur sehr guten Kaffee, sondern auch Muffins und Sitzplätze in der Sonne. Ein sehr guter Ort für die Frühstückspause.
Später an diesem Tag, um kurz vor zwei, machen Torsten und ich uns auf den Weg zur Frau Meyer. Frau Meyer sitzt im selben Bürogebäude wie Claudia Lässer, das ist vom Hauptgebäude etwa zehn Minuten zu Fuß. Wir verlieren noch einige Minuten an den Gegensprechanlagen der beiden Sicherheitsschleusen, bevor schließlich jeweils der Summer geht, die Verwaltung der Liegenschaften ist gesichert wie ein Geheimbund. Frau Meyer begrüßt Torsten herzlich und mich etwas reserviert. Ich darf wieder vortragen, wer ich bin und woher ich komme, anschließend äußert Torsten, wie sehr er erleichtert ist, mit mir die Unterstützung gefunden zu haben, die seine Abteilung so dringend braucht. Frau Meyer steigt ein und klagt minutenlang über ihre Arbeitsbelastung, wir hören geduldig zu. Anschließend gibt es etwas loses Geplänkel zwischen Frau Meyer und Torsten über dieses Projekt oder jenes Vorhaben. Ich streue einige Fragen ein, habe aber keine Ahnung, worum es geht und wann ein neues Thema beginnt. Bald ist eine Stunde um und Torsten und ich befinden uns auf dem Rückweg ins Hauptgebäude. In meinen Augen ist die Situation gegenüber vor zwei Stunden unverändert. Außer natürlich, dass ich nun einige wirre Notizen bei mir habe.
Torsten aber ist zufrieden: »Solche Gespräche müssen wir einfach regelmäßig mit den Bereichen führen, um auskunftsfähig zu sein und konkret die Transparenz der Ergebnisse sicherzustellen.«
Ich stimme ihm zu und setze nach: »Torsten, was mir noch nicht richtig klar ist, die Frau Meyer macht den Monatsabschluss und alle anfallenden Controllingaufgaben aus dem Bereich. Was ist dann meine Aufgabe, soll ich ihre Arbeit kontrollieren, die Zahlen überprüfen?«
»Nein, aber du musst wissen, was dahintersteckt, was sie meint mit dem, was sie schreibt.«
»Wenn es darum geht, auskunftsfähig zu sein, um Fragen beantworten zu können, dann ist die Frau Meyer das doch schon. Wer immer etwas wissen will, fragt einfach Frau Meyer.«
Das will Torsten so nicht gelten lassen. »Das stimmt zwar, aber Frau Meyer arbeitet für den Bereich und ist damit nicht unabhängig.«
»Einverstanden, aber ist es dann nicht besser, ich erstelle den Monatsabschluss und kümmere mich um die Controllingaufgaben? Dann ist er unabhängig und ich bin auskunftsfähig und wir haben keine Doppelarbeit.«
»Ja, so war es ja mal«, erläutert Torsten, »aber es ist geändert worden. Und jetzt ist es eben so.«
Torsten wirkt etwas genervt, er wechselt das Thema. Er hat zwei Kinder und seine Frau arbeitet nicht.
Zurück in meinem Büro lasse ich mich in meinen Stuhl fallen. Frau Moori hat die übliche Haltung eingenommen, weit zurückgelehnt, die Finger hinter dem Kopf verschränkt.
Es dauert nicht lange bis zu ihrem ersten Kommentar: »Und? Habt ihr wichtige Strategiegespräche mit Frau Meyer geführt, während ich hier die Arbeit gemacht habe?«
Ich packe wortlos meine Sachen zusammen und fahre nach Hause.
Die dritte Woche
Montag, der 13. Arbeitstag – »The Door Incident«
Es ist kurz vor neun, ich habe das Gelände des Flughafens erreicht, das Auto geparkt und den Motor abgestellt. Es nützt nichts, der nächste Schritt ist der Gang ins Büro. Acht Stunden erweitertes Schlafen, bevor gegen fünf mein echtes Leben beginnt. Leider bin ich dann vermutlich wieder müde und gereizt vom Nichtstun. Ich betrete mein Büro, Frau Moori ist schon da, feuchter Händedruck und launige Bemerkung, sie scheint heute gut drauf zu sein. Ich fahre den PC hoch und gehe Hände waschen. Zurück auf meinem Bürohocker habe ich mich kaum hingesetzt, da kommt Torsten ins Zimmer und wünscht uns einen guten Morgen. Er läuft hinüber zu Frau Moori, es folgt der Handschlag. Torsten lässt sich nichts anmerken, aber ich kann die Feuchtigkeit schmatzen hören. Jetzt bin ich dran und ja, Torstens Hand ist noch feucht. Toll, da kann ich gleich wieder Hände waschen gehen.
Mein Chef geht in sein Büro zurück: »Ich lasse unsere neue Tür gleich mal offen, ja?«
Frau Moori ist damit nicht einverstanden, sie läuft hinterher und steht nun in der Tür zu Torstens Büro: »Das ist ja nicht dein Ernst, oder? Wir wollen doch hier nicht die Tür dauernd offen stehen lassen!«
»Das hatten wir doch besprochen! Verbesserung der Kommunikation in der Abteilung, erinnerst du dich?«
»Ja, klar, Verbesserung, super. Aber so will ich das nicht, weil, ich will dir nicht beim Tippen deiner E-Mails zuhören! Ich mache die Tür zu.«
Torsten hält dagegen: »Nein, lass die Tür offen.«
Frau Moori kümmert sich nicht um die Aufforderung und zieht die Tür zu. Ich bin mehr als gespannt und … es passiert nichts. Frau Moori setzt sich wieder an ihren Schreibtisch, sie hat einen hochroten Kopf aber dafür dieses Gefecht klar für sich entschieden. Damit dürfte geklärt sein, wer nach Punkten Chef der Abteilung ist. Ich bin gar nicht überrascht, als Frau Moori nach wenigen Minuten von ihrem PC abrückt und die Arme auf dem Bauch verschränkt. Ich bin erfahren genug und weiß, in wenigen Sekunden geht das Wort an mich.
»Du willst doch die Tür auch nicht dauerhaft offen haben, oder etwa doch?«
Es ist halb zehn und den Tag kann ich an den Nagel hängen.
Dienstag, der 14. Arbeitstag – Das Rauschen
Der Dienstag verläuft wie der Montag und der Mittwoch wird verlaufen wie der Dienstag und diese Woche wird sein wie die letzte war und die nächste sein wird. Im Kleinen werden die Dinge anders sein. Die Stelle, an der mir auf dem Weg zur Arbeit morgens der weiße Golf mit der schwarzen Motorhaube begegnet, das Essen in der Kantine, die Gespräche mit den Kollegen. Im Großen werden die Dinge auch anders sein, das Leben außerhalb des Flughafens zieht weiter, wie die Jahreszeiten eben auch. Und dennoch, in der so wichtigen Größe dazwischen wird mein Leben für die nächsten 18 Monate sein wie ein schlechter Traum, ein vollkommen weißer Raum, zu großen Teilen vollkommene Monotonie, Langeweile und Gleichförmigkeit. Ein Leben wie weißes Rauschen im Bewegtbild, es ist da, es ist nicht richtig, es ist monoton. Es bewegt sich und doch ist es vollkommen sinnlos. Zunächst ist das nicht weiter verdrießlich, es rauscht und es flimmert. Die Zweifel kommen zuerst. Was soll das sein? Was ist daraus zu machen? Was soll daraus zu machen sein? Aber das Rauschen farblos. Und das Flimmern schwarz und weiß. Es dauert an und es ist nicht abzuschalten. Für acht Stunden am Tag. Es rauscht. Jeden Tag. Es flimmert. Jede Woche. Monotonie und Langeweile, jeden Tag und jede Woche und jeden Monat. Es rauscht und es flimmert. Und es tötet. Die Begeisterung stirbt als erste, und an dieser Stelle, in der dritten Woche meiner Arbeit beim Flughafen, starb meine Begeisterung. Die Neugier hält sich etwas länger, aber eingelullt in das Rauschen wird auch sie nicht überleben. Das Interesse ist nicht so weit von der Neugier entfernt und wird bald folgen. Mit einigem Abstand und schließlich zuletzt stirbt der Mitarbeiter und mit ihm stirbt, was noch an Motivation und Antrieb es bis hierher geschafft hat. Das ist die innere Kündigung, der Mitarbeiter versinkt im Rauschen und wird selbst zu weißem Rauschen. Die letzte Stufe werde ich nach etwa sechs Monaten erreicht haben, um Weihnachten herum.
Am Dienstag findet wieder unsere interne Controllingrunde statt. Torsten hat Kaffee gekocht. Wir sitzen zusammen, eine Agenda gibt es nicht und ein Protokoll auch nicht. Torsten erzählt, anschließend sind wir der Reihe nach dran. Herr Lackner hat einen validen Punkt und fragt, wie wir mit der Planung dieses Jahr umgehen wollen. An der Stelle setzt die Querbeet-Diskussion ein. Jeder ruft herein, unterhält sich mit seinem Sitznachbarn über einen Teilaspekt, während der Beitrag eines Kollegen noch nicht beendet ist. Es gibt keinen für mich erkennbaren roten Faden. Am Donnerstag setzen wir uns wieder zusammen und wiederholen die Besprechung, weil niemand mehr weiß, was besprochen und beschlossen wurde. Eine Agenda gibt es auch für das Wiederholungsmeeting nicht und ein Protokoll auch nicht.
Am Freitagvormittag bekomme ich eine Terminanfrage von Karl, im Betreff steht »Feinabstimmung interne Verrechnung« und zum Treffpunkt steht da »Am üblichen Ort«. Also finde ich mich zur angegebenen Zeit im Segafredo vor dem Terminal ein. Karl sitzt schon da und hat für mich einen Kaffee mitbestellt. Außerdem hat er Hans mitgebracht, ein Kollege vom Flughafen und ein alter Schulfreund von ihm.
Privat suche ich eine Form der Weiterbildung, die ich möglichst online machen kann. Und natürlich noch immer nach einer Wohnung. Obwohl ich schon gar nicht mehr weiß, was ich eigentlich hier will. Die möblierte Zwischenlösung jedenfalls müssen wir Ende Juli räumen, sie ist nicht mehr verfügbar. Ein mieser Job und kein Zuhause, ein echter Tiefpunkt.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.