Kitabı oku: «Das hohe Licht»
Max Geißler
Das hohe Licht
Saga
Es war Anfang April und über Santa Ferrara am Berge stürzten aus allen Gipfelrunsen noch Ströme von Silber: der letzte Schnee, der in den Schatten der Schroffen sich verborgen hatte. Bis an die Mauern der Bergwiesen wagte der Schnee sich um diese Zeit, bis an die Mauern, die die Ältesten in Santa Ferrara hatten aufrichten helfen: übereinandergelegte Steine, an den Hängen zusammengelesen.
Stundenweit wanden sich diese Mauern am Berg empor, von den Tälern anzusehen wie graue Schlangen. Und zwischen ihnen dehnten sich die Weideflächen, über deren sanften Teppich hin die kleinen grauen Bergkühe läuteten. Die Granaten blühten um die Mauerbreschen von Santa Ferrara; und die Passifloren an den Häusern ließen aus dem Rankengewirr ihre Sterne leuchten. Als wolle das Regelmaß ihrer Schönheit mit der Glut in den Feuerbechern der Granaten wetteifern!
Die Häuser waren niedrig, hatten beinahe flache Dächer aus grauen Pfannen, die einmal rot gewesen sein mochten, und der Kalk zwischen den Steinen der Wände war verwittert. Fledermäuse flatterten in die klaffenden Risse, sobald der Tag über die Gipfel der Gebirge stieg.
Diese Häuser standen in Grüppchen von dreien und vieren beisammen – wie die Schmuggler in der Bergeinsamkeit. Ringsherum grünten die Weiden; da und dort wölbte eine Edelkastanie ihr mächtiges Laubdach; ihre Wurzeln tranken aus einem rauschenden fußbreiten Bergwasser.
Und allenthalben an den niedern Mauern entlang schlängelten sich Pfade ... Höher hinauf durch ellenhohes Arvengestrüpp oder halmlanges dürftiges Buschholz. Über Schroffen und Felsplatten – allenthalben schlängelten sich Pfade. Die waren nicht getreten, damit auf ihnen zwei Menschen nebeneinanderschreiten konnten. Sie liefen zu hundert Häusern diesseits und jenseits der Grenze zwischen Welschland und Tirol und liefen doch alle zu einem Ziele. Es waren die Wege der Schmuggler.
Die Leute von Santa Ferrara besaßen kaum eine der grauen Kühe, die um ihre Hütten auf die Weide gingen; die grünen Flächen gehörten den Gemeinden in halber Höhe des Berges. Nur ein paar Ziegen hatten die in Santa Ferrara; die kletterten noch höher als die Schmuggler und kamen von selbst heim, wenn das Ave aus den Dörfern emporklang oder wenn die vollen Euter ihnen beschwerlich wurden. Noch höher als die Ziegen aber hausten zwei Menschen. Die alte Finotti drüben in der Kapanne am Saume des Himmels und der Einsiedler, der nicht einmal eine Kapanne hatte. Die Nonna Finotti – mit der die Geschichte vom hohen Licht anhebt ... die Nonna Finotti, die auch durch das Ende dieser Geschichte gespenstet – die Alte blieb immer die gleiche. Jahrzehntelang. Darüber wurde sie allgemach Stein. Der Einsiedler aber, der in der Felsenhöhle hauste, wechselte. Einer starb; einer fand einen besseren Platz zur Buße für seine Sünden, ein dritter wollte plötzlich erkannt haben, das Weltleben sei ein dem lieben Gott gefälligeres Werk als dies himmelblaue Dasein auf dem Grate des Berges, auf dem immer im Juni der letzte, im August der erste Rauhreif des Jahres ihm auf die Kutte fiel. Dann kam ein Bergbruder, der Fra Girolamo – etliche sagten: der Teufel hätt’ ihn geholt; denn er hätt’ ihm eines himmelschönen Weibes wegen die Seele verpfändet. Und sei endlich in die Felsenhöhle geflohen in der Meinung, dort fänd’ ihn keiner. Eines Tages jedoch hing die braune Kutte am Einschlupf zum Nest im Gestein, der Bergbruder aber war nicht mehr drinnen ... und dennoch schreitet diese Kutte, die der Teufel verschmähte, da er ihres Bewohners sich sicherte, mitten hin durch die Geschichte vom hohen Licht ...
Nestweise zusammen standen die Häuser dieses wunderlichen Gemeinwesens am Berge. Nestweise hielten auch die Bewohner von Santa Ferrara zueinander. Und jedes Nest hatte seine Geheimnisse.
Die Menschen in dem einen kümmerten sich nicht sonderlich um die im anderen. Sie konnten ja nicht einmal den Schein des nachbarlichen Herdfeuers sehen, wenn sie die Köpfe aus den Türen ihrer Häuser steckten. Sie hatten alle genug zu tun mit sich selbst: mit ihren geschmuggelten Waren, mit ihren Pascherplänen, mit ihrer Wachheit und mit ihrem Haß gegen die Zöllner. Die Mädels mit ihrer Liebe.
Der Schein der Herdfeuer von Santa Ferrara erlosch selten. Auch des Nachts ließ er durch den Hauch eines Mundes sich von neuem beleben; denn unter dem Häuflein Asche auf der Herdstatt glomm die Glut heimlich fort über den Abend hinaus, damit sie aufflamme, wenn einer der Männer von Santa Ferrara, im nächtlichen Dunkel von den Grenzwächtern verfolgt, Schutz an einem solchen Herdbrande suchte.
Am laurigsten mußte das Feuer der Schenke zum hohen Licht unter seiner grauen Zudecke schlafen.
Fast regelmäßig um Mitternacht aber ging es auch an in einer kleinen verfallenen Kapanne ganz oben am Berge. Um dies gottverlassene Haus lief der Sturm dreihundert Nächte im Jahr. Und in der Kapanne an den Säumen der Erde saß die Mutter des Weinwirts von Santa Ferrara.
Ihr Mann war ein Schweinhirte gewesen dem Namen nach; ein Schmuggler aber seiner Art nach. War er gleich der wildeste gewesen, so war sein altes Leben doch auf dem Kastanienlaube im Winkel der Kapanne versickert in die blaue Stille des Todes. Er hatte geschmuggelt Tabak, Salz und Kaffee; er hatte geschmuggelt seine Seele in die ewige Seligkeit; und er hätte auch sein erschmuggeltes Silber mit durch das Rosenrot des Abendhimmels gepascht – aber die Wege dort oben sind ja mit goldenen Kronen und Doppelkronen gepflastert ...
So blieb das irdische Geld in den Händen seines Sohnes Alberto. Und Alberto Finotti kaufte die Schenke von Santa Ferrara, schmuggelte aus ererbtem Recht, und ließ sein Weib Albina das Herdfeuer hüten.
Droben in der Kapanne, die so nahe der Grenze des Himmels lag, lebte die Nonna indes ihr wunderliches Traumleben weiter. Wenn sie einer fragte: »An wen glaubst du, Nonna Finotti?« dann sagte sie: »An das Lotto und an die Madonna; denn ich bin eine gute römisch-katholische Christin –« Sie sagte das ganz mechanisch und in einer abgegriffenen Formel; an den Sinn ihrer Rede dachte sie längst nicht mehr.
Das Lotto war ihr Anker auf der Sturmfahrt durchs Leben gewesen. Wenn es wild wurde um sie her, dann warf sie diesen Anker aus und kam darüber zur Ruhe. Das Lotto hatte ihr die Mitgift gespendet, ohne die sie niemals eines Mannes Weib geworden wäre; dem Lotto dankte sie ihrer Meinung nach alles Glück; das Lotto hatte sie vor Sünde bewahrt – dereinst würde sie ihm also auch den Himmel danken. Und dem Lotto dankte sie zuletzt die Silberstücke, die in dem laubgefüllten Bettsack steckten, auf dem sie schlief.
Großmutter Finotti hatte das Schlafen in den Tag verlegt; denn um die blauschwarze Mitternacht hatte sie ihre Gesichte: um die blauschwarze Mitternacht oder in den Rinnsalen des Mondlichts stiegen die Frauen und Mädchen aus den Dörfern zu ihr empor und ließen die Glücksnummern der nächsten Ziehung sich verraten.
Oder sie hockten bei ihr am Herdfeuer und ließen sich eine ›Caraffe‹ brennen. Dazu begoß die Sibylle ein Stück weiße Lammwolle oder die seidigen Köpfe des Moorgrases mit dem Safte aus neunerlei Kraut. Ein schwelender Qualm von wunderlichen Farben stieg empor und ließ die übernächtigen Augen ihre Sehnsucht sehen.
An den Sparren des Kapannendachs hingen Beutlein mit Vierblättern, jungen Kindszähnen, Schnüren, die in Schneckenschleim silbrig geworden waren, und getrocknete Eidechsen mit zwei Schwänzen ... Wer wundert sich also, daß vor Großmutter Finottis zitterigen Fingern der Vorhang vor der dunkelblauen Zukunft und selbst vor der schimmernden Ewigkeit sich auftat?
Ihre Hände waren wie getrocknete Kastanienblätter; ihr Gesicht war gedörrt in der Sonne von sechsundsiebzig Bergsommern; ihr Haar war vermodert in fünfundsiebzig Felsenwintern, in denen Schnee und Regen darübergeronnen waren. Und dem späten Brand ihres Herzens gab alles Unkraut des Aberglaubens ein wunderliches Licht und leuchtete bis hinauf in ihre Augen.
Einmal um Mitternacht fanden sie die Alte an ihrer Herdstatt sitzen und ins Feuer starren. Ihre Augen waren groß und hell wie Morgensterne – aber es war der Schein des Brandes vom Herd, der darin so leuchtete ... Etliche sagten: es wäre die Ewigkeit, die in Nonna Finottis Augen schiene.
Eine Stunde zuvor war sie gestorben und saß nun noch immer, als starre sie hinüber in die andere Welt.
In die Kapanne am Saume der Erde, die da droben so recht ein Schemel seiner Füße war, hat danach keiner sein Dasein verpflanzen wollen als Enrico Capobianco, der Roßhirt. Der Kerl sah aus wie eine Kröte, die der Nixenkönigin Silberhaar sich aufgesetzt hat. Und maß knapp seine sieben Spannen – das heißt: war eine länger als ein Zwerg, und war doch nicht zu klein, der ganzen Geschichte vom Berg eine Zeitlang voraufzulaufen als ein Hauptmann. Enrico Capobianco, der Himmelspförtner mit dem Wollgrasschopf, den Stielaugen und dem Gesicht, in dessen Mitte der Mund hing wie die Kreuzspinne im Netze! Capobianco, der hernach die sternschöne Liebe in seinem Herzen trug ... das einzige, das an dem Männlein nicht vermodert war. Und dies selbige Herz zerbiß ihm die bleierne Schlange.
Und in derselbigen Mitternacht, in der die Ewigkeit in den Augen der Wahrsagerin vom Tore des Himmels stand, fingen die Zöllner den Schmuggler und Weinwirt Alberto Finotti vom hohen Lichte zwischen den Felsen.
Die Mädchen, die zu der Sibylle gekommen waren, hörten die Gewehre brüllen durch die Bergspalten – es war, als lösten sich die Steinblöcke, knatterten die Wände hinab und stürzten unten aufjauchzend durcheinander .. Schmuggler und Zöllner ließen ihren Haß durch die Mondnacht fahren aus den feurigen Mündern ihrer Flinten. In tausend Runsen gefaltet lag die Nacht. Und die tausendfältige Nacht schuf aus jedem Knall eine Salve, aus jedem Gewehr ein Heer.
Auch Alberto Finotti haben sie von der Kapanne aus im Vollmondlichte gesehen: wie er emporgeprallt ist mit dem Stahlstück im Herzen, wie er droben auf den Steinschroffen gestanden ist und den Stutzen geschwungen hat ...
Aber nur einen Augenblick blieb dieses Bild stehen im Silber der Nacht. Dann stürzte der Leib des verwegensten aller Schmuggler mit gallebitterem Fluch in die Kluft.
Und die Kugeln der Zöllner sangen ihm das Sterbelied.
Die Bergfalken kreisten danach tagelang über jener Stelle, an der ein Wald von zackigen Steinschroffen ragte.
Vielleicht haben sie dem Toten das Fleisch von den Knochen genagt.
Seine Leiche hat niemals geborgen werden können.
So sind sie in einer Nacht gestorben: droben vor den Toren des Himmels die Nonna, die dem lieben Gott ins Handwerk pfuschte; und ihr Sohn, der Wirt vom hohen Licht in Santa Ferrara. Der war auch schon grauhaarig gewesen; aber das Alter hing nur so außen um ihn herum: er hatte Sehnen wie ein Luchs und ein Herz von Wildfeuer.
In diesen Tagen kam ein Zara vom Berg – es war der Großvater jener Beatrice Zara, der Eifersucht und Liebe das Herz fraßen. Der war auf der Fährte Finottis gestrichen; denn er meinte: Alberto Finotti habe Winkel zwischen Himmel und Erde gewußt, in denen er geschmuggelte Waren verbarg. Nun hatte der Tod vor die Schlupflöcher sich gestellt.
Aber entweder hatte Zara keinen guten Wind gehabt, oder Finottis Vorratskammern im Reiche, da die weißen Sommerwölklein als einzige Blumen blühten, gehörten ins Märchen.
Dieser letzteren Ansicht konnte der alte Zara nicht sein. Ja, so sicher war er seiner Sache, daß er in der Hoffnung auf zukünftige Schätze den Blick bei Tag und Traum zum Gipfel des Berges richtete. Und ein Auge, das ihm ein wenig scheel im Kopfe stand, hätte sich verschoben vom Schielen nach den ungehobenen Schätzen, sagten die Leute um diese Zeit, die des scheelen Zara Unrast erkannten.
An einem jener Tage kam er vom Berg und trug die braune Büßerkutte des verlorengegangenen Fra Girolamo hernieder. Bei der Pforte der Höhle hatte sie gehängt, am Stein – weiß Gott, wo der Bruder hingekommen war, der einst in der braunen Hülle gehaust hatte.
Die Witwe Albina Finotti aber schleppte seit jenen Tagen ein Fieber durch ihr Leben; das glühte ihr das Mark aus den Knochen, das brannte ihr das Herz zur Schlacke; davon wurden ihr die Augen heiß und trocken und sahen aus, als wüßten sie nicht mehr, wozu sie da wären.
Mit ihrer Tochter Merceda, einer wilden, schwarzen Bergkatze von sechzehn Jahren, hielt Albina Finotti das Haus instand.
Es war, als wäre durch den Tod Finottis dort gar keine Lücke gerissen ... Merceda schaltete und waltete für Vater und Mutter zugleich. Alles im Hause hielt sie blank: die Kupferpfannen, die Tische, die Fenster, ihr Herz und ihre Augen. Und der Wein war besser denn je. –
Innerhalb der kleinen Häusergruppe, zu der die Weinschenke gehörte, ward in den Sommernächten nicht selten so lange geplaudert, bis die Sterne zu höchst auf ihrer Bahn standen. Etliche Frauen fanden um diese Zeit vor dem Anwesen der dicken Lora Zara sich ein, setzten sich auf die Steinstufen vor der Haustür und schwätzten halblaut und wichtig, bis Frau Lora zu ihnen heraustrat. Dies Haus stand der Rückwand der Schenke gegenüber; die Häuser der ganzen Gruppe aber bildeten beinahe ein geschlossenes Viereck: sie lagen etwa wie die Gebäude eines Bauerngutes im Flachland, und der Platz, zu dem die Türstiegen Lora Zaras herabführten, war der gemeinsame Hof für alle Bewohner.
In einer Juninacht erwachte Lora Zara an ihrem Herde, wo sie eingeschlafen war – die dicke Lora konnte sogar im Stehen schlafen – und trat heraus in den Mondschein.
Da hockten wahrhaftig noch zwei der Nachbarinnen auf der Stiege und ließen die Fäden durch ihre harten Finger laufen. Die Spindeln klapperten von Zeit zu Zeit einmal auf den Steinen; und ein paar Worte fielen durch ihre Zähne.
Wenn Lora Zara da war, konnten die andern das Reden sich sparen.
»Mercedaaa!« rief sie nach der Schenke hinüber. Der Name flog an die Hauswand wie ein Stück Glas. Aber die Türe blieb verschlossen.
»Eh,« sagte Lora Zara zu den beiden Frauen, »es steht schlecht um Albina Finotti.«
»Sie wird sterben!« sagte die eine gleichgültig.
»Gott sei ihr gnädig!« sagte die andere und legte die Hände ineinander.
Lora Zara aber setzte sich auf die Schwelle und lehnte sich seitlich gegen den Türstein. Sie hockten dort wie die Nachteulen. Der halbe Mond schien ihnen in die Gesichter, und von rückwärts umflatterte sie zeitweilig ein goldener Vogel: der Schein, den das niedergehende Herdfeuer verloren hatte. Manchmal warfen sie einen Blick hinüber zur Osteria – ob Merceda Finotti denn nicht kommen wollte, ihnen zu berichten, wie’s um die Kranke stand.
Man wußte: in den Fieberanfällen dieser Tage erzählte Albina Finotti von dem Grab in den Schroffen und starrte mit heißen Augen empor zum Gebirge.
Merceda hatte in Haus und Schenke schon alle Pflichten der Mutter übernommen: sie arbeitete am Tage und wachte in der Nacht und ruhte auf ihrem Lager mit halbwachen Sinnen, zu jeder Frist bereit, die Wünsche der Kranken zu erfüllen oder den eiligen Schritt des Paschers zu vernehmen, der im nächsten Augenblicke durch das verabredete Zeichen an der Tür Einlaß forderte.
Seit das Leben Albina Finottis nach der Meinung der Leute von Santa Ferrara nur noch nach Tagen zu zählen war, sprach man am Berge von nichts anderem als von dem Schicksale der Schenke; denn diese Schenke war ein Teil des Schicksals der Schmuggler. Unter dem Keller oder im Gemäuer des Grundes befanden sich Höhlen mit Zugängen, die nur den Wissenden sichtbar waren. In dieser Schenke waren im Laufe der Jahre Lasten geschmuggelter Waren verborgen worden. Und wer auf seinem Paschgang erst einmal unter dies Dach gelangt war, der hatte nicht mehr zu fürchten, daß ihm die Häscher etwas anhaben konnten. –
Weil Merceda auf den Ruf der dicken Lora nicht erschien, ward die Rede der Frauen auf der Stiege zum Flüstern.
»Schläft Merceda Finotti?« fragte Lora Zara.
»Sie arbeitet. Siehst du nicht das Licht durch den Türspalt rinnen?«
»Sie arbeitet!« lachte Lora und schüttete den ganzen Hohn ihres Herzens in dies Lachen – »sie arbeitet! Warum ist sie dann schön? ... Nun ja, sie wird eine wie ihr alle! Und wenn sie heiratet, läßt sie sich von ihrem Manne für ihre Arbeit schlagen. Warum laßt ihr euch von euern Männern schlagen? He? Warum seid ihr dürr und seid alt vor der Zeit? Ihr lauft im Joche wie die Zugkühe und plagt euch wie die Muli! Das ist es!«
»Oh, oh,« seufzte die lange Nachbarin – um ihre Augen und ihren Mund hatten die Falten sich verfitzt wie graue Haare – »was sollen wir denn tun?«
Und Lora schlug die flache Hand auf ihren fetten Schenkel –
»Santa Madonna, seht ihr nicht meine Schönheit? Seht ihr nicht mein Fleisch?«
»Oh, welch’ schönes Fleisch,« bekannten die beiden andern voll Neid.
»Schöner denn Butter!« schätzte Lora. Und wenn Carlo Zara in dieser Nacht daheim gewesen wäre, er hätt’ es ihr mit stolzen Augen bestätigt.
Carlo Zara war der dicken Lora Ehemann. In den Beinen war er ein Storch und im Gesicht ein Schneider.
Unter allen Frauen am Berge war Lora Zara die einzige, die nach dem Tod Albina Finottis nicht in der Weinschenke als Padrona herrschen wollte. Sie scheute die Arbeit. Und der Gedanke, in den Nächten mit wachen Ohren schlafen zu müssen, schuf ihr Pein.
Deshalb hörte Carlo Zara seit einiger Zeit mit heimlichem Groll zu, wenn die Nachbarn bei ihren abendlichen Zusammenkünften oder die Frauen am Tage schon rechneten, was die Schenke wert wäre; oder wenn sie berieten, welcher der beste Wirt, welche die rührigste und verschwiegenste Padrona im hohen Lichte sein würde ... Denn daß Merceda Finotti mit ihren sechzehn Jahren daran denken könnte – ach, das war ja unmöglich! ...
Während die drei Frauen in der anrückenden Mitternacht noch über diese Dinge sprachen, tat die rückwärtige Tür der Schenke sich auf, und ein flammenroter Schein wehte heraus in die Nacht. Gleich darauf trat eine dunkle Gestalt in das goldene Feld der geöffneten Pforte. Das war Merceda Finotti.
Einen Augenblick verzog sie auf der Schwelle, als wollte sie ihr Auge an das andere Licht der Mondhelle gewöhnen. Dann schritt sie herab. Schlank und ruhig – längst war nichts Kindhaftes mehr an diesem Mädchen. Ihre Pantoffeln klappten über die Steine – stolz und gemessen war ihr Schritt. Die Augen der Frauen hingen an ihr – nicht, um ihr das ungesprochene Wort über Albina Finottis Befinden von den Lippen zu lesen, nein, sie sahen das Wunder ihrer braunen Schönheit. Die war herber als die aller Mädchen vom Berge.
So schritt sie über den Platz zwischen den Häusern, trat ganz dicht an die Frauen heran und sagte: »Albina Finotti ist in dieser Stunde gestorben. Ich habe ihr die Hände ineinander gelegt, und ich habe ihr die Augen zugedrückt.«
»Oh Madonna!« schrien die Frauen und sprangen empor. Lora Zara aber blieb an ihrem Platz und murmelte ein kurzes Gebet.
Dann gingen sie alle hinüber in die Schenke.
In der dumpfen Kammer neben der Küche lag die Frau in ihrem letzten Schlafe. –
Noch nicht drei Stunden ruhte Albina Finotti im Grabe, da reichten in der Schenke von Santa Ferrara die Bänke und Stühle nicht zu für die Gäste, die Mercedas Wein trinken wollten.
Auch Frauen waren gekommen, darunter etliche, die Merceda noch nie gesehen hatten. Aber von ihrer ernsten Schönheit wußten sie alle: denn die machte die Männer zu Narren.
Manche dieser Frauen dachten, Merceda müsse dick sein; denn Schönheit ohne Fett – es wäre ja nicht zu glauben gewesen! Sie dachten: Merceda müsse Augen haben, dunkel wie die Dämmerung und verheißungsvoll wie eine sinkende Frühlingsnacht. Augen, deren Strahlen Netze schössen, die Herzen der Männer zu fangen. Nun sahen sie zwei klare Augen. Nun sahen sie die überlegene Ruhe, die jede Bewegung dieses schlanken, jungen Frauenleibes trug. Nun hörten sie den sichern Klang ihrer Stimme und sahen sie in dem Haus am Berge walten – so aufrecht und so voll von dem Bewußtsein ihrer Pflicht, daß kaum ihre Augen verrieten, wieviel Leid in den vergangenen Wochen sie gesehen hatten.
Etliche, denen vor anderen an dem Besitze der einträglichen Schenke von Santa Ferrara gelegen war, sprachen es an diesem Nachmittage zum erstenmal im Beisein Mercedas aus und sagten’s ihr ins Gesicht: ein Mädchen von sechzehn Jahren könne keine Weinschenke besitzen, sie solle verkaufen und fortgehen.
Aber sie vermied ein Gespräch über diese Dinge. Oder sie tat, als ginge sie keine dieser Reden an.
Man nannte Kaufsummen; man überbot sich gegenseitig im Preise; man ließ Merceda braune Geldscheine sehen, um sie zu locken ... »Heilige Mutter Gottes, was will das mit ihr werden?« schrien die Weiber neidisch sie an. Und taten, als sollte einst mit ihnen gerechnet werden am großen Gericht, weil sie das junge Ding hätten verderben lassen in Schmach und Schande.
Aber Merceda zog kaum die Achseln.
Sie trug in gleichmütigem Stolze herzu, was man von ihr verlangte, und ließ die großen Kupferstücke dafür in ihre Tasche klirren.
Nur wie sie die Lippen warf – das konnte verraten: ihr Herz verachtete die Kauflustigen mit ihrer aufdringlichen Eigensucht. Die hockte hinter allen Gläsern, die saß laurig auf allen Schemeln und wollte Merceda Finotti hinausdrängen aus dem, was sie ererbt hatte ... äh, wie sie die verachtete!
Andere aber – die Listigen – setzten den Wert der Schenke herab. Warum? Sie sei als Schlupfwinkel der Schmuggler gefährlich, wie ein Pulverfaß in der Nähe des Herdbrandes.
Währenddem hockten die Weiber draußen auf der Stiege, plärrten zwischen die Gespräche der Männer wie die Truthühner und ließen das schweigsame stolze Mädchen dabei kaum aus den Augen.
Etliche aus den tiefer gelegenen Berghöfen waren nur aus Neugier gekommen und dachten nicht daran, die Schenke zu kaufen. Diese fanden Merceda Finotti noch viel schöner und gefährlicher und bliesen ihre Bewunderung in das Feuer der Eifersucht, das in einigen Frauen brannte. Und in allen Mädels, die einen Liebsten unter den Schmugglern hatten – oder unter den Zöllnern ...
»Schlank wie eine Zeder und schmiegsam wie eine Schlange,« sagte eine, biß sich die Lippen und schlug mit der Spitze ihres Pantoffels erregt die Steine unter ihren Füßen. Ihr Mann hatte schon manche Nacht in der Schenke von Santa Ferrara beim Weine verbracht ... natürlich wegen jener schwarzen Felsentaube! Sie taten alle, als gäb’s keinen anderen Grund, im hohen Lichte zu sitzen.
So ärgerten sich an diesem Tage, die gekommen waren, Albina Finotti den letzten Dienst zu erweisen. Es ärgerten sich die Alten, daß sie zu alt waren für die Wachsamkeit, die die Bergschenke von ihrem Wirte forderte. Es ärgerten sich die Jungen, weil nicht jeder von ihnen der einzige war, der Merceda schön fand.
Natürlich rechnete jeder der Jungen: Merceda wird nicht daran denken, die Schenke allein zu führen – sie muß einen Mann nehmen!
Und der, den sie wählte, der hatte hinfort nicht nötig, nach jeder Tombola die getäuschten Hoffnungen auf ein Terno zu Grabe zu tragen; denn er hatte im Lotto des Lebens sein Terno gewonnen: Merceda Finottis Maienblüte, die Osteria zum hohen Licht, und all das Geld, das die Schmuggler darin hängen ließen ... Donnerwetter, dies Geld! Alle Himmel, dieser sechzehnjährige wilde Mädchenleib!
In der Nacht, die dem Begräbnistage folgte, trugen die meisten einen zähneknirschenden Ärger vom Berge.
Etliche der ärmsten Burschen aber jauchzten ihre Freude über die Hänge, als wollten sie die Felsen wachrufen – Merceda Finotti war nicht durch Geld kirre zukriegen, ihr Nest zu verhandeln! Wer den heißen Brand der Liebe in ihr anblies – der war’s! Und der hatte sie und alles!
»Sie und alles!« Der am lautesten jauchzte, war der Francesco Cerulli.
Cerulli?
Nun, er war einer von den vielen. Berghirt. Die Sonne brannte ihm die Locken, und seine Augen flogen immer um Merceda Finotti herum als ein paar goldene Zitronenvögel um eine Wildrose. Er lachte Santi Praga aus und beneidete ihn; er faßte ihn und schwur, gemeinsame Sache mit ihm zu machen ... alles in drei Minuten; und an allem war die Merceda schuld, aus der kein Mensch klug werden konnte! Francesco Cerulli ... das war auch der, der eines Morgens ins hohe Licht gekommen war –
»Merceda!«
»Eh?«
»Mir hat geträumt, Merceda Finotti.«
»Was geht’s mich an?«
»Man sagt, du hättest das Träumedeuten gelernt« ...
»Ich?«
»Natürlich; denn die Nonna am Berge war deine Großmutter.«
»Ihr seid allesamt Narren!«
»So hör’ zu, und sag’ mir, was einer dabei sich denken soll.«
»Rede!«
»Es war ganz früh am Tage, da schritt ich zu Berge und das hohe Licht war ein einziger Rosenbusch geworden und blühte; und blühte, als wären die zehntausend Blumen eine einzige Rose. Ich stand lange dabei und wunderte mich über die Rosen. Da streckte sich ein Ast aus, der hatte einen sehr scharfen Dorn an seiner Spitze. Und der scharfe Dorn wuchs mir mitten durchs Herz ... Ist das nicht ein recht wunderlicher Traum?« fragte Cerulli.
»Kaum wunderlicher als die Gedanken, mit denen du eingeschlafen sein wirst. Bildest du dir wirklich ein, ich ließe mich von dir liebhaben?«
An diesen Traum hat Merceda Finotti ihr Lebtag denken müssen; denn er erfüllte sich fast buchstäblich.