Kitabı oku: «Ignaz Serbynski»
Max Kretzer
Ignaz Serbynski
Eine polnische Geschichte
Saga
Ignaz Serbynski
© 1918 Max Kretzer
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711502938
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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Ignaz Serbynski
Es war im Anfang Herbst, an einem Sonntag Nachmittag. Lustiger als sonst ging’s im Wirtshaus des Dorfes zu. Sogar bis zu der Stelle, wo die Dorfstrasse eine Biegung machte und der Weg zum Schloss rechts seinen Anfang nahm, schallt das Jauchzen der Burschen und die gleichmässigen Töne des Krakowiáka) hinüber.
Eines reichen Bauern einzige Tochter, die im ganzen Dorfe und noch darüber hinaus in dem Rufe eines braven und fleissigen Mädchens stand, hatte endlich einem der zahlreichen Freier, die bei ihrem Vater aus- und eingingen, den Vorzug gegeben. Am Vormittag war in der Dorfkirche die Trauung gewesen, und jetzt sollte die Hochzeit gefeiert werden — eine Hochzeit, wie sie seit langer Zeit nicht gewesen und von der sich die Burschen viel versprachen.
Von nah und fern waren die Alten und Jungen eingeladen, den ganzen Tag schon dauerte das Vorfahren der Britschken und anderen Wagen, und noch immer wollte es kein Ende nehmen, zum grossen Ärger der jungen Burschen, die mit Sehnsucht der Zeit entgegenharrten, wo sie endlich ihre Befriedigung in den zahlreich aufgetischten Speisen und dem in kleinen Fässern aufbewahrten Wutki finden würden, denn an Speisen und Trank hatte es der Vater der Braut nicht fehlen lassen.
Schon vor acht Tagen waren die Vorbereitungen getroffen worden. Es fehlte auch nicht ein Stück von dem landesüblichen Rind- und Federvieh, uugeachtet der Unmassen von Gemüsen, die in grossen irdenen Schüsseln auf einer grün angestrichenen, mit zierlich ausgeschnittenen Papierstreifen dekorierten Bank zum Auftischen bereitstanden und manchen sehnsüchtigen Blick des jungen Volkes auf sich zogen. Ein Fass Wein sogar hatte der Hochzeitsgeber aus der Stadt mitgebracht. Damit wollte er aber, allem Anschein nach, seinen Gästen eine Überraschung bereiten, denn er hatte das Fässchen verstohlen in einer Ecke untergebracht und mit einem Tuche bedeckt. Alles in Allem, es sollte eine Prachthochzeit werden, wie der Alte fich schmunzelnd ausdrückte, von der man noch jahrelang reden sollte.
Auf allen Gesichtern war die Freude zu lesen, und diese Freude schien um so erklärlicher, seitdem es bekannt geworden, dass die „gnädige Herrin“ vom Schlosse, die schöne Ludovika, die es mit jederman von Herzen gut meinte und viel Not und Elend milderte, den Entschluss gefasst hatte, auf kurze Zeit dem Feste beizuwohnen und ihr Scherflein als Hochzeitsgeschenk beizusteuern. Daher auch der grosse Korb mit Herbstblumen, die, zu zierlichen Sträusschen gewunden, dort auf einem Schemel ihren Platz gefunden, und womit die Mädels das gnädige Fräulein zu schmücken gedachten.
Eben hatte wieder eine jener einfachen, aber gerade um so mehr zum Herzen dringenden Melodien begonnen und einige der Burschen rüsteten sich zum Tanze, um zu probieren, wie sie lachend meinten, denn es war noch lange nicht Zeit dazu.
Man muss den traurig-ernsten Melodien der Poler gelauscht haben, um zu begreifen, wie sich jedes Polenherz höher hebt beim Klange der geliebten Töne.
Während sich einige der Anwesenden lustig herumdrehten, ein anderer Teil, namentlich die Alten, in ein Gespräch mit den noch immer ankommenden Gästen einliess, nach diesem und jenem fragte, hatte sich plötzlich ein Teil der übrigen Nichttänzer um einen Burschen versammelt, der in aller Hast hereingestürzt war und augenscheinlich eine wichtige Nachricht mitgebracht hatte.
„Was gibt’s Neues im Schloss, Joseph, wann wird das gnädige Fräulein kommen? Wie steht’s mit dem alten Grafen? Ist ihm schon besser?“ ertönten verschiedene Stimmen dem Eintretenden wirr entgegen, der sich im ersten Augenblick gar nicht fassen konnte ob dieser Bestürmung. Endlich hatte sich der Sturm soweit gelegt, dass er zur Sprache kommen konnte.
„Mit dem Besuche des gnädigen Fräulein wird es wohl vorläufig keine grosse Eile haben und was das Neue auf dem Schlosse betrifft, so kann ich nur sagen, dass da oben Besuch angekommen ist, und wir bald einen neuen Herrn bekommen werden. — Wen würdet ihr wohl raten,“ fuhr er nach einer Pause in seiner Rede fort, als einige lose Zungen ihn unterbrechen wollten — „wenn ich es euch aufgeben würde, he?“
Ein schlaues, selbstbewusstes Lächeln glitt über die Züge Josephs, als er sah, wie Einer den Anderen im Erraten zu übertreffen suchte. Endlich wurde auch diesen die Zeit zu lang, sich mit nutzlosem Mühen abzugeben.
„Immer frei heraus mit der Sprache, Joseph — wir kommen zu wenig zur gnädigen Herrschaft — wir können es nicht raten; erzähle du es uns selber,“ klanger wieder einige Stimmen durcheinander.
Unterdessen hatte sich die Gruppe um Joseph immer mehr vergrössert. Die Musik war verstummt, so dass eine lautlose Stille eintrat.
„Nun, wenn ihr doch ’mal so dumm seid, es nicht zu erraten,“ begann der Sprecher wieder — „trotzdem nichts leichter wäre als das, wenn ihr nur ein wenig nachdenken wolltet, so will ich es euch denn sagen. Wer sollte es denn anders sein, als der Vinzent, der Bruder von Ignaz Serbynski — ihr kennt ihn ja alle — der Jugendgespiele der jungen Herrin, das grosse „Genie“, wie ihn sein Vater, der alte Schulmeister, nennt, trotzdem ich wirklich nicht weiss, woher er sein Genie haben sollte,„ fügte er spöttisch hinzu; „hat er uns doch das letztemal, als er im vorigen Jahre zum Besuch hier war, so scheel angesehen, als ob er uns gar nicht mehr kenne, trotzdem er nicht besseren Blutes ist als wir.“
„Glaubt es ihm nicht, er will uns ’was weiss machen,“ liess sich eine dünne Stimme aus dem Haufen vernehmen. „Der Joseph konnte den Vinzent schon von jeher nicht leiden. Wie sollte auch der arme Student dazu kommen, unsere reiche Herrin zu heiraten, die es ja stets so gut mit uns meinte; fragt ihn nur, ob er selbst es gehört und gesehen hat, da wird der Ochse am Berge stehen.“
Gelächter folgte diesen Worten, und ein Teil der Burschen schien bereits dem Sprecher beistimmen zu wollen. Der Joseph war wegen seiner Tücke und vielen Lügen im ganzen Dorf bekannt. Aber er schaute sich jetzt doch drohend im Kreis umher, als wollte er den ausfindig machen, der es gewagt hatte, ihn öffentlich einen Lügner zu nennen. Seine Augen blitzten, dann rief er laut mit schlecht verhehltem Ingrimm:
„Ich freilich war nicht dabei, aber die Hedwig, bei der mein Vater Pate gestanden und die heute im Schlosse war, um ihre Schwester, die Marianne, zu besuchen, hat es mit eigenen Augen gesehen, wie der Vinzent unsere Herrin umfasst hielt und geküsst hat; sie hat auch gehört, wie dann die gnädige Panna gesagt, sie wollten nun gleich zu ihrem Vater gehen und um seinen Segen bitten. Wollt Ihr es nun glauben, he? Möchte doch den sehen der da noch ein Wort zur Gegenrede hat.
Die Worte waren mit so vielem Ernst und Nachdruck gesprochen, dass es diesmal still blieb. Das Gelächter war verstummt.
In ihre Unterhaltung vertieft, hatten die Burschen nicht bemerkt, wie die Tür hinter ihnen sich geöffnet hatte und ein hochgewachsener junger Mann, der sich durch bessere, städtische Kleidung und hohe Reiterstiefel von den Versammelten unterschied, eingetreten war und mit verschränkten Armen, den grossen Blick fest auf den Sprecher gerichtet, die letzten Worte Josephs vernommen hatte. Jetzt drängte er sich durch den Haufen, und krampfhaft den Arm des Burschen erfassend, dass dieser eine Bewegung machte, als empfinde er einen stechenden Schmerz, schrie er ihn leidenschaftlich an: „Das ist eine gemeine Lüge!“
Die Bauern traten zurück, und fast wie aus einem Munde ertönte es im Kreise: „Ignaz Serbynski —“
Ignaz Serbynski hielt noch immer des Burschen Arm.
„Das kann nicht war sein, das darf nicht wahr sein, schon um ihrer selbst willen, verstehst du?“ fuhr er fort. Seine Augen funkelten dabei unheimlich. Er machte den Eindruck eines Menschen, den eine plötzliche Nachricht in eine fürchterliche Aufregung versetzt hat.
„Lass mich los, bist du denn toll geworden?“
Joseph rief es und versuchte sich loszureissen, aber er bedurfte dieser gewaltsamen Anstrengung nicht — Ignaz liess freiwillig von ihm ab. Einen Augenblick blieb er noch stehen, das Haupt etwas geneigt, das Gesicht mit den Händen bedeckt. Seine Brust hob und senkte sich schwer. Er schien einen inneren Schmerz gewaltsam unterdrücken zn wollen. Dann plötzlich drehte er sich um und schritt, ohne noch einen Blick auf seine Umgebung zu richten, ebenso still, wie er hereingetreten, der Türe zu, die hinter ihm ins Schloss fiel.
Keiner trat ihm in den Weg, niemand hinderte ihn.
Eine Minute herrschte eine feierliche Stille in dem Tanzsaal. Einer sah den andern an, als wolle er diesen zuerst sprechen lassen. Alle hatten ihren Augen nicht getraut. Hatten sie recht gesehen? War das der Ignaz, von dem im ganzen Dorf die Rede ging, er könne keinem Kinde etwas zuleide tun, den sie da vor sich gehabt hatten? Der Vorfall erschien noch jedem wie ein Rätsel.
Erst nachdem schon längst durch die geöffneten Fenster die Tritte des Davongehenden verhallt waren, entstand die alte Bewegung in dem Haufen.
„Hol’ mich der Kuckuck,“ begann die dünne Stimme von vorhin wieder, „aber sehen möchte ich doch denjenigen, der da sagen wollte, es gibt noch einen tolleren Menschen auf der Welt, als den Ignaz. Sieht es doch gerade aus, als ob er selber sich in die Herrin vergafft hätte.“
Jeder war zu froh, dass endlich die Stille, welche auf allen Gemütern lastete, unterbrochen wurde, als dass er nicht bei den letzten Worten in das allgemeine Gelächter, das ihnen folgte, mit eingestimmt hätte. Und als nun gar der Joseph, welcher sich von seinem Schrecken wieder erholt hatte, die Musikanten zum Spielen aufforderte und selbst den Reigen begann, da war der Vorfall bald vergessen, und wenn zufällig ein Fremder das Wirtshaus betreten hätte, er würde nichts davon wahrgenommen haben, dass vor wenigen Minuten noch alle, die sich jetzt lustig im Kreisc drehten, ernste Gesichter gemacht hatten, und schon im Geiste durch eine Rauferei des Fest getrübt sahen.
Ignaz war der jüngste Sohn des Schullehrers Serbynski, eines zwar schon alten, aber doch immer noch rüstigen Mannes, der wegen seiner Rechtschaffenheit und übertriebenen Höflichkeit im ganzen Dorf beliebt und von jedermann geachtet ward. Wie es eigentlich gekommen, dass der Graf sich seines Bruders Vinzent so freundlich angenommen, dass er ihn fast wie einen Sohn behandelte, und ihn später sogar auf die Universität nach Warschau schickte — er wusste es eigentlich selbst nicht mehr genau, nur dunkel tauchte in seiner Erinnerung auf, dass eines Tages, vor Jahren, an einem schönen Sommertage, er und sein Bruder Vinzent mit den anderen Burschen des Dorfes an dem Bache, der sich dort unten in der Niederung hinschlängelte und sein klares Wasser zum Betriebe einer Mühle auf deren mächtiges Rad ergoss, zum Spielen versammelt waren. Da traf es sich, dass die kleine Ludovika in Begleitung ihrer Mutter einen Spaziergang durchs Dorf machte und hinten am Bach Vergissmeinnicht pslücken wollte. Dabei tat das kleine Mädchen einen Fehltritt und stürzte, laut aufschreiend, von einem Vorsprung des Ufers ins Wasser. Der Vinzent war der erste, der schnell den Abhang hinunter eilte und in den Bach sprang. Eine Strecke schon hatte der Strom das kleine Mädchen mit fortgerissen — jetzt, höchstens noch fünf Schritte, und die Kleine wäre unter das Rad der Mühle gekommen — da tat der Vinzent einen mächtigen Satz, erfasste mit knapper Not das Töchterchen der laut aufschreienden Gräfin und trug es ans Ufer. Viel Nachteiliges ausser einem Schnupfen hatte die Kleine nicht davongetragen, wohl aber die Mutter, welche dabei so heftig erschrocken war, dass sie schwer erkrankte und bald darauf starb, ohne jedoch nicht in ihrem letzten Willen noch kund zu tun, dass der Vinzent fortan mit der kleinen Ludovika zusammen erzogen und er, Ignaz, sowie seine Eltern in allem unterstützt werden sollten.
Seit jener Zeit gehörte der Vinzent fast gar nicht mehr zum Dorfe. Er blieb grösstenteils auf dem Schlosse, bekam schöne Kleider und die Diener mussten dem ehemaligen Bauernburschen ebenso gehorchen, wie der kleinen Herrin.
Mit den übrigen Buben im Dorfe verkehrte er gar nicht mehr; höchst selten besuchte er sogar seine Eltern. Nur mit Ignaz wurde eine Ausnahme gemacht. Er konnte, so oft er wollte, zum Herrenhause heraufkommen; er durfte mit Vinzent und Ludovika zusammen Unterricht nehmen oder sich am Spiel beteiligen; öfters kam es sogar vor, dass er eine ganze Woche hindurch als Gast im Schlosse blieb. Das behagte ihm aber trotz alledem doch nicht; er war an die Stubenluft nicht gewöhnt. Am liebsten war es ihm immer, wenn er sich im Wald und auf dem Felde mit den Bauernjungen herumtummeln konnte, um tolle Streiche auszuführen, wozu sein Bruder nie zu bewegen war.
Der alte Graf, der seit Jahren, schon vor dem Tode der Gräfin, an der Gicht litt, und deshalb den grossen Lehnstuhl am Eckfenster den Tag über nicht verliess, hatte seine Freude an der geschwisterlichen Verehrung, die die jungen Leute zueinander hegten, und welche sich von Tag zu Tag zu steigern schien; es war dies eine Wohltat auf seine alten Tage, denn über die Glückseligkeit und Liebe, die ihn umstrahlte, vergass er seine körperlichen Schmerzen.
So waren die Jahre vergangen.
Nichts störte das frohe Familienleben dieser vier glücklichen Menschen, die, unbekümmert um die Aussenwelt, nur ganz allein ihren häuslichen Neigungen zu leben schienen.
So nahte denn auch die Zeit immer mehr heran, wo der Vinzent nach Warschau sollte; eine dumpfe Schwüle lag zum ersten Male auf sämtlichen Gemütern. Gab es überhaupt eine Trennung für Menschen, deren Seelen eins waren? Aber was half es? Der Tag war ja da. Der Wagen hielt vor der Türe; die Koffer waren bereits aufgeladen, jetzt nur noch ein kräftiger Händedruck, ein „Gott mit dir“ des alten Grafen, und Vinzent war bereits die Treppe hinunter. Ignaz und Ludovika begleiteten ihn. Am schwersten wurde es der letzteren ums Herz.
Immer wieder fiel sie Vinzent um den Hals und küsste ihn.
Endlich aber riss sich Vinzent mit Gewalt los und wandte sich an Ignaz. Und damals freilich wusste dieser noch nicht, was es bedeuten solle, als sein viel klügerer Bruder ihm zum Abschied die Hand reichte und sagte, er solle über Ludovika wachen und ihr ein getreuer Beschützer sein, denn er fordere sie dereinst als sein Eigentum zurück. Dann noch ein „Lebewohl“, und fort rollte der Wagen.
Und warum sollte Ignaz auch an diese Worte denken? Konnte man es ihm verargen, wenn dieser freundschaftliche Zwang sich allmählich in eine leidenschaftliche Liebe verwandelte?
Ja, er, der arme Bauer, liebte die reiche Ludovika heiss und leidenschaftsvoll. Er wusste es selbst nicht, wie es gekommen.
Eines Abends trennte er sich noch von Ludovika, wie ein Bruder sich von seiner Schwester trennt, und am anderen Morgen — da durchlief ein Zittern seinen Körper, als er Ludovika zum Grusse die Stirn küsste, da fühlte er, dass er sie liebe mit jeder Empfindung seines Herzschlages, und daher nimmer von ihr lassen könne.
Kein Tag verging jetzt, wo Ignaz nicht in dem trauten Eckzimmer mit dem alten Grafen, dem er als lieber Gast stets willkommen war, und mit Ludowika zusammen war.
Wohl hatte er in der letzten Zeit bemerkt, dass Ludovika nicht mehr das unbändige, sich ganz seiner unschuldigen Freude hingebende Kind von früher war, sondern viel ernster und nachdenkender geworden, ja, sie konnte sich manchmal so in Gedanken vertiefen, dass sie eine an sie gerichtete Frage ganz unbeantwortet liess, und erst nach einer Wiederholung derselben eine ganz falsche Antwort gab — aber was machte er sich daraus?! Dafür gab es ja auch wieder Tage, an denen sie so heiter und lustig wie früher war, bis zur Ausgelassenheit trieb sie es sogar öfter. In solchen Augenblicken erfasste ihn die Leidenschaft mit aller Macht, dann flammte sein Auge in verzehrender Sehnsucht — er war dann nicht mehr der arme Bauer, nein, dann war er der vom Gefühl einer heissen Liebe ganz durchdrungene Mann, der seinen Stand vergass und sich glücklich fühlte in ihrer Nähe.
Wohl war es ihm auch nicht entgangen, dass ihre Hand bei jedesmaliger Begegnung in der seinen zitterte, dass sie sich seinen Umarmungen sanft zu entziehen suchte — aber er schrieb dies mehr dem Erwachen der jungfräulichen Selbstwürde als einer bestimmten Zurückstossung zu.
Heute nun, wo es unten im Dorfe lustig hergehen sollte, war wieder ein solcher Tag, wo Ludovika fröhlicher als je war. Heute liess sie es sich auch ruhig gefallen, als er, wie gewöhnlich, zum Grusse sie heftig umarmte. Ja, den Kuss, um den er leidenschaftlich bat, verweigerte sie ihm nicht. —
Wer war glücklicher als er? Laut aufschreien hätte er mögen vor Freude; in alle Welt hätte er hinausstürmen und ihr sein Glück verkünden mögen — o, der Tor hatte ja noch keine Ahnung, dass diese Herzlichkeit sich doch nur unter dem Scheine übermütiger Freude barg — wie sollte er auch, wusste er ja doch nicht, dass sein Bruder Vinzent heute morgen geschrieben, er würde von der letzten Eisenbahnstation im Schlosse eintreffen. Ludovika wollte Ignaz eine Überraschung bereiten, deshalb hatte sie es ihm verschwiegen.
Und als er nun, glücklicher als sonst, das Herz bis zum Überströmen voll von Seligkeit, nachdem er noch einmal bei seinen Eltern eingekehrt war, das Wirtshaus betrat, da traf es ihn wie ein Dolchstoss, als er ganz unbemerkt das Gespräch der Burschen mit anhörte, da wollte er umsinken vor verbissenem Schmerz, da hatte er bloss noch den Mut, mit Aufbietung seiner letzten Kraft den Haufen der Schreier zu durchbrechen und — sich doch nur dem Spotte der Burschen auszusetzen, denn noch schallte ihm das Gelächter von drinnen in die Ohren, als die frische Herbstluft seinen glühenden Kopf kühlte. Und glühend heiss war seine Stirn, dass sie ihm zu zerspringen drohte.
O, dass er so wahnsinnig sein konnte, sich mit Hoffnungen, mit den süssesten, berauschendsten Hoffnungen zu tragen. Vor einigen Minuten noch schwelgte er in seinem Glück, und jetzt diese Gewissheit. War es denn aber auch wirklich wahr, was er da eben vernommen? Noch wollte er es nicht glauben. Aber die Gewissheit, die er noch nicht zu fassen vermochte, sollte ihm bestätigt werden.
Mechanisch hatte er, ohne darauf zu achten, einen Fusssteig, der sich hinter der Dorfstrasse entlang schlängelte und nur von den Einwohnern benutzt wurde, eingeschlagen. Er hatte eben das letzte Haus hinter sich, und wollte in den Weg, welcher zum Schlosse führte, einbiegen — da schlugen Stimmen an sein Ohr. Von unseliger Ahnung gebannt, blieb er stehen. Längs des Weges zog sich eine mannshohe Akazienhecke, die noch dicht genug war, ihn vor den Blicken der Vorübergehenden zu schützen. Hinter diese trat er und lehnte sich an den Stamm einer jungen Weide.
Eine Weile stand er so da, den glühenden Kopf in die Hand gestützt, um die Ankommenden, wahrscheinlich verspätete Hochzeitsgäste, Gesinde vom Schloss, vorüber zu lassen. Jetzt machten sie halt, und eine Mädchenstimme sagte: „Hier lass uns ausruhen, Vinzent; hier kannst du mir ganz ungestört von Deinen Erlebnissen in Warschau erzählen.“
Ignaz erhob den Blick. Er musste sich an den Baum halten, um nicht umzusinken. Ludovika war die Sprecherin. Und als er nun gar sehen musste, wie sie seinen Bruder zu sich auf die einfache Holzbank zog, da bekam sein Herz einen Stoss; er wollte hervorspringen, sie beide zur Rechenschaft ziehen: aber er kam nicht dazu, es lag ihm wie Blei in den Füssen, er konnte keinen Schritt tun.
Und sein Bruder war es in der Tat. Er erkannte ihn auf den ersten Blick, trotzdem er sich sehr verändert hatte, denn zu dem kleinen Schnurrbart hatte sich ein kräftiger Vollbart gesellt, die ganze Gestalt war kräftiger und männlicher geworden.
Worte sind zu schwach, um die seelischen Qualen beschreiben zu können, die Ignaz ausstand, als er hören musste, wie Ludovika, in der er noch vor wenigen Stunden sein ganzes Lebensglück erblickte, eng an seinen Bruder geschmiegt, nicht genug Worte fand, um die Sehnsucht zu schildern, die sie nach Vinzent empfunden, und wie er nur allein der einzige sei, mit dem sie durchs Leben wandeln könne, und wie schön sie sich das Dasein ausmale an der Seite „ihres“ Vinzent. Wie sie dann das Schloss dem Gutsinspektor Szymonowski zur Aufsicht überlassen und in einer grösseren Stadt sich ein Haus kaufen und mit dem alten Grafen dorthin ziehen wollten, wo sie dann ganz ungestört ihrem häuslichen Glücke sich hingeben könnten. Und als sie nun gar zum Schlusse sagte, für seinen Bruder Ignaz und die Eltern würden sie dann schon zur Genüge sorgen — da schnitt es ihm tief ins Herz, da überkam ihn ein so namenloses Weh, dass er sich nur mit Mühe vor dem lauten Aufschreien bezwingen konnte.
Also wie einen, dem man das Gnadenbrot gibt, wollte sie ihn behandeln: das also sollte der Lohn sein für den Jugendgefährten, der ihr sein höchstes Gut, was er besass, sein Herz, geschenkt hatte.
In diesem Augenblick, dem unglücklichsten seines Lebens, hätte er gewünscht dass die Erde sich öffnen und sie alle drei verschlingen möge.
Erst, als er sah, dass Vinzent und Ludovika in die Dorfstrasse einbogen, liess er sich erschöpft auf die Bank nieder. Ein Zwiespalt mit sich und der ganzen Welt gewann in ihm die Oberherrschaft. Abgerissene Laute der Musik im Wirtshaus drangen an sein Ohr, und plötzlich sprang er wild auf, wie jemand, der es nicht ertragen kann, wenn man scherzt nnd lacht, sich lustig im Kreise dreht, wo ihm das Herz blutet. Jetzt öffnete sich vielleicht gerade die Tür, und unter den fröhlichen Grüssen aller treten sie herein, sie, die er binnen weniger Minuten hassen gelernt hatte, trotzdem er in seiner leidenschaftlichen Hingerissenheit noch nicht Zeit gehabt hatte, über das Warum nachzudenken.
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