Kitabı oku: «Pardona 3 - Herz der tausend Welten», sayfa 2

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Kaschmallarun war auf alle viere gesunken und hatte begonnen, Blut zu erbrechen. Er versuchte, von Amadena weg zu kriechen. Sie ging unbeeindruckt hinter ihm her und berührte ihn sanft mit der Hand an der Stirn, löschte gnädig für eine Weile seinen wachen Geist aus. Der Troll sank augenblicklich zusammen wie ein gewaltiger Sack und blieb regungslos auf dem Waldboden liegen. Sie selbst ließ sich nieder, um zu denken, zu meditieren. Sie sang zu ihrem eigenen Körper und der Welt und schützte sich vor Unbill und Wetter. Ihre Knochen erinnerten sich, den Dämon Maruk-Methai in sich getragen zu haben, dessen immense Macht sie hierhin zurück gebracht hatte. Er war gewichen, kaum dass sie die 3. Sphäre betreten hatte, aber sie schmeckte seinen Namen auf ihrer Zunge und wusste, wenn sie rief, würde er eilen.

Sie versenkte sich in langsame, planvolle Gedanken, ordnete das, was sie in Agonie und ohne eine Möglichkeit, es festzuhalten, in ihren Geist eingeschrieben hatte: Geheimnisse und Namen, Chaos und die darin verborgenen, erzwungenen Regeln.

Ihre Zeit in den Niederhöllen hatte sie nicht wie Acuriën in einer Zwischenwelt verbracht, an einem Un-Ort, an dem der fenvar als Fremdkörper in der 7. Sphäre gefangen war und die Grauen und den Wahnsinn zwar erleben musste, aber immer wieder vergessen und übersehen werden konnte. Nein, sie war direkt mit den stärksten Kräften der Niederhöllen in Kontakt geraten. Die Dämonen der Niederhöllen verzehrten sich nach ihrer Seele. Sie hatte die Elemente verdorben, die Schöpfung nach ihrem Willen verändert, Liebe und Zuneigung geheuchelt und die anderer ausgenutzt, Rache geübt und das Blut Ahnungsloser und Unschuldiger vergossen, verbotenes Wissen gesammelt und ihren Hort an Macht gemehrt – sie hatte in den Augen der Schöpfung jede Sünde begangen und die Wesenheiten der Niederhöllen, die Inbegriffe von Sünde, besaßen alle einen Anspruch, ein Verlangen, nach ihrer Seele.

Im Laufe der Zeit lernte Amadena die verschiedenen Domänen kennen. Während andere Wesen schon nach Augenblicken am Wahnsinn zerbrochen wären, hielt Amadena stand und entwickelte ein kühles, distanziertes Interesse an den Foltermethoden und den Myriaden Ungeschaffener, deren Blick auf sie fiel. In den Erinnerungen, die Acuriën von Amadena erhielt, waren es am Ende sogar die Dämonen, die sich vor ihr fürchteten und die sie immer weiter zum nächsten Erzdämon reichten, in der Hoffnung, dieser könnte sie endlich brechen oder – noch besser – sie würde diesen stürzen und somit die Gelegenheit für eine Ausweitung der eigenen Macht schaffen.

Nach all diesen Jahren war Amadena zu einer Expertin für das Chaos der Niederhöllen geworden, sofern dies einem fleischlichen Wesen überhaupt möglich war. Nicht nur hatte sie in ihrem Geist eine Bibliothek aller ihr bekannter Dämonen, ihrer Stärken, Vorlieben und Schwächen hinterlegt, sie hatte auch Wissen von diesen Dämonen erlangt, das diese seit Äonen über die Schöpfung gesammelt hatten, Wissen über die Natur der Sphären, die Wunden, die ihnen von den Dämonen beigebracht worden waren und über das unerreichbare Herz all dieser Welten. Ihre Zeit in den Niederhöllen hatte sie nicht nur stärker gemacht, sondern auch gefährlicher und mitleidloser.

All diese Erinnerungen teilte sie mit Acuriën. Ob sie echt waren oder eine Wahnvorstellung, das konnte er nicht sagen. Ihre neue Perspektive war Amadena jedoch dienlich bei dem, was sie nun vorhatte.

In ihrer langen Meditation stimmte sie sich auf die 3. Sphäre ein, die sie nun in ihrer Gesamtheit erfasste. Es gab gewaltige Reiche jenseits Aventuriens, aber sie hatte sich bisher ganz im Sinne ihres Gottes auf diesen Kontinent konzentriert – mit dem Ziel, die fey zu verderben und zu verführen, nach deren Vorbild sie erschaffen worden war. Nun rückten die anderen Länder in ihren Blick. Myranor im fernen Westen, das Land der Riesen im Osten, das vor Leben strotzende Uthuria im Süden und mehr. Über all diese Orte hatte sie unermessliches Wissen erlangt. Bis zum letzten Augenblick in den Niederhöllen hatte sie die ankommenden Seelen der Verdammten beobachtet und erfahren, woher sie gekommen und an was sie zugrunde gegangen waren. Nun griff sie mit ihrem Geist hinaus in die Welt, um die Lücken in ihrem Bild zu vervollständigen. Ihre Seele schwebte über den Wolken, zwischen den Wogen und unter den Wurzeln, um alte Werkzeuge, Verbündete und Schöpfungen aufzusuchen und zu erfahren, was seit ihrem bedauernswerten Verschwinden geschehen war – und sie war zufrieden.

Ihr Vater, der Gottdrache Pyrdacor, war gefallen. Er war das wichtigste Werkzeug des Namenlosen in dieser Welt gewesen, doch seine Hybris hatte ihn irgendwann nutzlos gemacht. Die Götter in Alveran hatten ihren Kettenhund losgeschickt, um Pyrdacors Herrschaft zu beenden. Der Gott ohne Namen brauchte einen neuen Legaten, ein Werkzeug, das in der Lage war, subtiler vorzugehen, das treuer war, intelligenter, ausdauernder, verführerischer. Amadena war all das und mehr.

Ihr altes Werk war tatsächlich vollbracht. Die Kultur der fenvar, jener fey, die Städte bauten und die Welt erforschten, war untergegangen. Zwei ihrer sechs elementaren Städte hatte sie damals eigenhändig zerstört, andere waren von ihren Bewohnern aus Feigheit von dieser Welt entrückt worden. In ihrer Abwesenheit waren zuerst Isiriel und schließlich Tie’Shianna, der Sitz des Hochkönigs Fenvarien, den Horden des Namenlosen zum Opfer gefallen, dem sich Pyrdacor am Ende seines Lebens offen verschrieben hatte. Doch dann war auch er gefallen und hatte viele seiner Drachen mit in den Tod gerissen. Sein Reich war von Aventurien entrückt worden, die Narbe war noch frisch. Dieses epochale Ereignis hatte ein Sphärenbeben ausgelöst, das die Schöpfung für immer durcheinandergewirbelt hatte, das sie selbst in ihrem Gefängnis am Rand der Welt gespürt hatte und das letztlich ihren Befreiern den Weg zu ihr bahnte. Der Strom der Zeit floss hier in der 3. Sphäre anders als in den Welten, die dort draußen durch den Limbus taumelten. Für Amadena und Acuriën war all das nur Tage her. In Aventurien waren seit dem Fall der Hochelfen und der Drachen über achtzig Jahre vergangen. Doch für Wesen wie sie war das keine lange Zeit.

Ein Machtvakuum war entstanden, und eine neue Art Kreatur machte sich bereits daran, es zu füllen. Die Menschen, jene plumpen, hässlichen Gestalten, mit denen sie immer wieder experimentiert hatte, wähnten sich bereits die neuen Herren Aventuriens. Sie nannten sich Tulamiden und wagten Vorstöße gegen die Echsen, die in den Ruinen von Pyrdacors Reich zu überleben versuchten. Nur weit im Norden waren die Erben der fey noch mächtig und hielten die Traditionen Ometheons aufrecht.

Doch dort war Amadenas Macht nach wie vor am stärksten. Ihre Kinder, die Shakagra, beantworteten ihren geistigen Ruf mit Feuereifer. Seit Langem warteten sie auf die verheißene Rückkehr ihrer Schöpferin, wagten kleine Vorstöße gegen die fey, aber waren niemals geeint genug gewesen, um einen neuen Feldzug zu starten. Sie lebten noch immer im Schatten des Himmelsturms und in den Anlagen tief darunter, die Amadenas Weisung zufolge errichtet worden waren, um ihre mit dämonischer Essenz verbundenen Armeen vor dem brennenden Licht des Sonnengottes zu schützen. Mit den Shakagra würde ihr neuer Feldzug beginnen. Zuerst würde sie Rache an den überlebenden fey nehmen, und danach sollte der Rest der 3. Sphäre die Macht Amadenas kennenlernen.


Kaschmallarun und Acuriën folgten Amadena in den Norden. Beide hatten keine Wahl. Der Weg begann langsam, der Troll trug die Fibel mit Acuriëns Seele und Amadena flog in Gestalt eines kleinen Vogels, eines Neuntöters, voraus. Schließlich gelang es ihr nach einem kurzem Kampf, den Geist eines alten Purpurdrachen zu unterwerfen, der fortan beide Körper und die Fibel trug. Der Drache war nach dem Ende des Krieges aus dem Süden in den Forst in der Mitte des Kontinents geflohen. Von ihm konnte Amadena noch mehr über den Untergangs Pyrdacors lernen. Je weiter sie sich dem eisigen Norden näherten, desto schweigsamer wurde ihre Reitkreatur, wagte es aber nicht, sich aufzulehnen. Als das Feuer im Inneren des Drachen aus den Südlanden ob der Kälte und der Folter durch seine neue Herrin verlosch, brachte Amadena den Leichnam dazu, im Tode noch zu Boden zu gleiten, nur wenige Hundert Schritt vom Eingang des Himmelsturms entfernt.

Sie hatte keine Intention, den Turm zu betreten. Ihre Diener warteten bereits zu dessen Füßen. Gut einhundert Schwarzalben in dunklen Rüstungen standen in Reih und Glied, und als Amadena absaß, fielen sie alle gleichzeitig mit militärischer Präzision auf die Knie. Niemand wagte, den Blick zu heben, als sie durch ihre Reihen schritt und auf eine Öffnung im Eis hinter den Truppen zuging. Erst als sie die Eishöhle betreten hatte, erhoben sich die Krieger der Shakagra Reihe für Reihe, folgten ihr in den Untergrund und hinter den letzten schlossen sich Eis und Fels.

Kaschmallarun hatte während der gesamten Reise kein Wort gesagt, sondern nur in die Ferne gestarrt und gelegentlich ein tiefes, brummendes Wimmern von sich gegeben. Nun wurde er von zehn Shakagra in einen Seitentunnel eskortiert und nahm auch dieses Schicksal schweigend an. Es drohte ihm keine Gefahr, Amadena hatte ihren Kindern lediglich stumm befohlen, ihn zu reinigen und auszurüsten.

Amadena selbst schritt einen anderen Korridor entlang. Sie kannte dieses Höhlensystem, immerhin hatte sie es in einem anderen Leben selbst angelegt. Ihre Schritte fanden einen Raum, den sie als Rückzugsort für sich selbst geschaffen hatte, und ihre Diener hatten dort bereits alles für ihre Bedürfnisse vorbereitet. Es erwarteten sie ein heißes Bad, ein Mahl aus Fisch, Algen und dem roten Fleisch der Eisrobben sowie ein seidenbedecktes Nachtlager. Die Einrichtung war aus ihren Gemächern im Himmelsturm hierher geschafft worden. Es war die erste Mahlzeit und die erste Nacht in einem Bett seit Langem.

Sie ließ sich auf das Bett nieder, nahm die Fibel aus ihrem Haar und drehte sie zwischen den Fingern hin und her. »Tausend Jahre lang musste ich auf all dies verzichten«, sagte sie zu der Seele darin, »deinetwegen. Aber ich bin nicht kleinlich. Immerhin warst du auch mein Portal, mein Ausweg und meine Rettung.« Sie strich sanft über das einfach bearbeitete Metall.

»Du wirst tausend Jahre und mehr abgelten, was du noch schuldest«, versprach sie.

Sie trat noch am selben Tag vor die versammelten Shakagra in der großen Halle ihrer unterirdischen Stadt, um zu ihnen zu sprechen und ihnen ihre Aufgaben zuzuweisen.

»Eure Göttin ist zurückgekehrt!«, hallten ihre Worte von den Wänden der lichtlosen Kaverne wider, »und sie wird euch in dieses neue Zeitalter führen! Die Zeit der fey ist vorbei! Sie haben sich verloren in ihrer Dekadenz und ihrem Hochmut. Die Zeit der Echsen ist vorbei! Sie waren nicht in der Lage, sich an die neue Welt anzupassen! Diese neue Welt sind wir! Die Shakagra und ihre Verbündeten! Mit der Macht des dhaza wird uns die Welt gehören!«

Die Krieger vor ihr jubelten nicht, aber jeder und jede einzelne murmelte leise »Für die Göttin und das dhaza.« Es war für Acuriën beängstigender als die Kriegsschreie tausender Barbaren.

Amadena verlor keine Zeit mit weiteren großen Reden. Vielleicht war die Drohung zu Beginn ihrer Ansprachen sogar nur an Acuriën und Kaschmallarun gerichtet gewesen. Der Troll stand, bewacht von vier weiteren Kriegern, am anderen Ende der Halle und starrte weiter ins Nichts. Er hatte immer noch kein Wort gesagt. Acuriën wusste nicht, als die Scharen der Shakagra ihre Hingabe zeigten und ihre Treue erneuerten, in welchem Verhältnis er zu Israni und Kilgan gestanden hatte und warum er seine Seele riskiert und verloren hatte, nur um ihn zu retten. Amadena ließ ihn darüber bewusst im Dunkeln, verbarg alle Gedanken und alles Wissen dazu vor ihm.

Doch ihre Pläne konnte er klar und deutlich vernehmen. Sie waren weltumspannend, blickten Jahrhunderte in die Zukunft. Offenbarten ein Wissen über die Schöpfung und die Politik der Reiche dieser Welt, das sonst niemand besitzen konnte. Amadena hatte gegenwärtig keine großen Pläne für Aventurien, wo Menschen aus dem Süden und Einwanderer aus Myranor sich bald gegenseitig zerfleischen würden.

Der Norden jedoch wurde noch von zahlreichen Nachkommen der Hochelfen Ometheons besiedelt. Diese galt es auszurotten. Kein fey sollte künftig mehr auf Dere wandeln, der nicht vom dhaza berührt war. Sie gab ihren Truppen konkrete Anweisungen, wie sie einen Feldzug gegen die letzten fey des Nordens anlegen sollte, um ihren Feind trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit auszulöschen.

Dann wandte sie sich den anderen Reichen der Welt zu. Das Land der Riesen war dem Namenlosen bereits zu großen Teilen verfallen. Myranor im Westen stand unter der Kontrolle mächtiger Zaubererfamilien, die den verschiedensten Mächten anhingen. Manche huldigten Dämonen, andere vielleicht dem dhaza, doch einige auch göttlichen Kräften. Ihnen allen war gemein, dass sie über Artefakte verfügten, die halb Aventurien in Schutt und Asche legen konnten, denn ihre Zauberei war fremdartig und durch große Weisheit und langfristige Studien perfektioniert. Myranor sollte also das Hauptaugenmerk gelten. Dort wollte Amadena ihren neuen Stützpunkt errichten.

Schon vor über tausend Jahren hatte Amadena den Shakagra befohlen, Tunnel zum Westkontinent anzulegen. Eine Vorhut war damals auf Wolkenschiffen nach Myranor gereist, um dort eine Kolonie zu gründen. Anschließend sollte der Bau der unterseeischen Anlage von beiden Seiten vonstattengehen. Acuriën konnte sich ein solches Bauwerk nicht vorstellen. Es müsste gewaltige Entfernungen überspannen und wäre unglaublichen Kräften ausgesetzt. Müsste man nicht undenkbar tief graben, bis man sicher unter den Wassermassen des Meeres war, und würde man dort nicht auf die Glut aus den Tiefen Deres stoßen?

Erst, als Amadena mit der Fibel im Haar den Tunnel betrat, um ihn zu begutachten, und ihre Gedanken an ihren Gefangenen sandte, konnte Acuriën es erfassen. Es war eine Röhre aus dickem Glas, die von der westlichsten Kaverne zunächst steil hinab zum Grund des Meeres führte. Amadenas Augen konnten die Schwärze des Ozeans nicht weit durchdringen, aber zuweilen huschten blasse Wesen nahe genug heran, um im Licht der Lampen, die die Shakagra bei sich trugen, zu schillern. Ihre Körper waren weiß oder durchsichtig, formlos und ohne Augen. Dumpf tasteten sie den gläsernen Tunnel ab, aber selbst die größten unter ihnen, Kalmare mit Armen von vielen Schritt Länge, konnten dem Glas keinen Schaden zufügen.

Die Röhre war breit genug, damit fünf Shakagra nebeneinander gehen konnten, und das Glas auf die gleiche Weise geformt wie die Behälter im Himmelsturm. Es musste Jahrhunderte gedauert haben, all dies zu erschaffen, aber Amadenas Kinder hatten ja auch genug Zeit gehabt.

»Sie sind alle geschult im Umgang mit Dämonen und dem Formen von Erzen mit dämonischer Macht«, wisperte Amadena Acuriën zu. »Sie haben diesen Tunnel viel schneller gebaut, als du es dir ausmalst. Und noch viele weitere, ein wahres Netzwerk unter den Meeren, Tore zu verlorenen Orten voll vergessener Macht. Wir werden sie bald bereisen. Schon morgen brechen wir auf.«

Amadena hatte erneut nicht gelogen. Bereits am Folgetag wurden sie und Kaschmallarun von einem kleinen Trupp Shakagra in den Tunnel eskortiert. Der Troll ging schleppend, vier der Dunkelelfen trugen Amadena in einer Sänfte. Die Dunkelheit des tiefen Meeres zog an ihnen vorbei, durchbrochen nur vom Tanzen weißer Quallen und einzelnen siedenden Quellen, die kochendes Wasser und Asche ausstießen, die noch finsterer waren als das lichtlose Wasser. An ihnen hafteten Gärten von abstrusen Wesen, die mit fiedrigen Armen um sich griffen und grelle, prächtige Farben zeigten, die nur für wenige Augenblicke im Lampenschein sichtbar wurden, bevor sie wieder für lange, lange Zeiten in der Dunkelheit versanken.

Natürlich legten sie so nicht die Tausenden von Meilen bis zur Küste Myranors, des Kontinents im Westen, zurück. Nach einigen Wegstunden erreichten sie eine gewaltige Glaskuppel, die am Meeresboden verankert war. Von ihr zweigten weitere Röhren nach Süden, Westen und Südwesten ab. Hier war ein weiteres Dutzend Shakagra mit Vorräten und Ausrüstung stationiert und sie alle fielen wortlos vor Amadena auf die Knie. Der Tunnel, der von hier aus nach Westen führte, war etwas schmaler als der bisherige und beherbergte eine Plattform aus einem fremdartigen Metall, auf der Amadena und ihre Begleiter jetzt Platz nahmen. Amadena legte eine Hand auf die Plattform und Runen begannen zu leuchten. Mit einem disharmonischen Summen setzte sich der Schlitten in Bewegung und wurde dabei immer schneller und schneller. Amadena sandte weitere Gedankenbilder an Acuriën und beschrieb ihm die Konstruktion, auf der sie saßen. Ein Transport-Dämon war in die Plattform gebunden und trieb sie voran, während er gleichzeitig ein Kissen aus Luft um ihre Basis erzeugte. Diese Art der Forschung, die Amadena schon vor zweitausend Jahren im Himmelsturm vorangetrieben hatte, machte sich die Kräfte der äußersten Sphäre dienstbar und war von den Ältesten abgelehnt worden. Nun diente sie dazu, sie in wenigen Tagen an die Küste Myranors zu tragen.

Sie passierten noch weitere Knotenpunkte auf ihrem Weg, tauschten die Bedeckung aus und erneuerten ihre Vorräte. Kaschmallarun starrte die gesamte Fahrt über teilnahmslos in die Schwärze der tiefen See. Er aß nichts und trank nichts. Amadena schien das zunächst völlig gleichgültig zu sein, aber nach einigen Tagen, die sie stumm nebeneinander gesessen hatten, sprach sie ihn beim Umladen auf eine neue Plattform in einer der Glaskuppeln doch wieder an: »Ich weiß, deine Art ist zäh. Aber wenn du nichts trinkst, wirst du verdorren und sterben. Dann muss ich deine Knochen am Ende noch als untoten Troll wiedererheben lassen, damit ich dich nicht völlig umsonst mitgeschleppt habe. Ist es das, was du willst?«

Der Troll wandte bloß seinen Blick ab. Da traf ihn eine unsichtbare Faust mit einer solchen Wucht, dass er gegen die Wand der Kuppel geschleudert wurde, und drückte sein Gesicht mit einem knirschenden Geräusch gegen das Glas.

»Ich habe dich etwas gefragt. Antworte mir oder ich mache meine Drohung wahr.«

Kaschmallarun grunzte vor Schmerz.

Amadena presst seinen Kopf fester gegen die Scheibe, die nun Risse zu zeigen begann. Die Shakagra, die damit beschäftigt waren, die Ausrüstung auf die neue Plattform zu verladen, wichen langsam einige Schritt zurück.

»Nein …« murmelte der Troll schließlich. »Nein, das will ich nicht.«

Amadena lockerte den magischen Griff und Kaschmallarun sank langsam zu Boden. »Es kann ja doch sprechen. Ich dachte, du wärst nicht mehr als ein großer, nutzloser Hund.«

Sie setzte sich auf die neue Plattform, während Kaschmallarun sich schwer atmend erhob. Er blickte noch einmal hinaus in die Schwärze und murmelte etwas, das Acuriën nicht verstand. Es klang wie »Hond«.


Der Vorposten der Shakagra im Norden des myranischen Imperiums war in den letzten Jahrhunderten bereits beträchtlich gewachsen und seine Population übertraf die im Himmelsturm. Von hier aus waren Amadenas Kinder weiter ins Landesinnere und das Ewige Eis gezogen, um mehr Stützpunkte anzulegen. Ähnlich wie in Aventurien hielten sich die Dunkelelfen hier unter der Erde verborgen und wagten nur hin und wieder Überfälle auf vorbeikommende Reisende oder Siedlungen. Amadena wollte, dass sich dies nun änderte. Sie und ihr kleiner Trupp waren nur der Anfang. Mehr Krieger aus Ometheon sollten folgen und weitere Shakagra-Siedlungen auf dem neuen Kontinent anlegen.

Ähnlich wie in Aventurien herrschte in Myranor ein Machtvakuum, das Amadena auszunutzen gedachte. Das Imperium hatte sich in einem großen Erbfolgekrieg unter den verschiedenen Optimatenhäusern gegenseitig zerfleischt. Die magiebegabten Geschlechter schickten Monstren und Chimären in die Schlacht, die in den letzten Jahrhunderten, die der Konflikt jetzt schon tobte, ganze Landstriche verwüstet hatten.

Ausgelöst worden war der Krieg durch den plötzlichen Tod der sogenannten Archäer, den Begründern der verschiedenen Häuser. Sie nannten sich selbst Kinder der Mondgöttin Mada, hielten sich für Geschöpfe der Magie und waren für die Wesen in Myranor so fremdartig gewesen wie die fey in Aventurien. Sie hatte den Menschen einen Pakt angeboten und den Großteil des Kontinents so unter ihrer Herrschaft geeint, sich dabei aber auch mit den Menschen vermischt und ihre magische Macht weitergegeben. Vor einigen Jahren waren die reinblütigen Archäer alle von einer mysteriösen Seuche dahingerafft worden und mit ihnen war auch die Einigkeit der Häuser verloren. Das myranische Imperium lag in Trümmern, versunken in einem endlosen Bürgerkrieg. Es war genau der richtige Zeitpunkt für Amadena, um zuzuschlagen.


Es dauerte tatsächlich nur ein paar Jahre, bis Amadena geheime Stützpunkte im gesamten Norden des Kontinents errichtet hatte, jeder besetzt mit Hunderten von Shakagra und ausgestattet mit Chimärenlabors, um neue Monstrositäten zu erschaffen. In der Feste Serrakhaszmazar weit im Norden richtete sie ihren persönlichen Herrschaftssitz ein. Mit jedem neuen Trupp von Shakagra und anderen Dienern wucherten die Türme empor, wurden von Dämonen und magischer Kraft geformte Treppen und Galerien übereinander gehäuft, bis die Zitadelle wie ein vielleibiges Monstrum an einem schwarzen Berg über Gletschern hing.

Mit den Jahren fand auch Kaschmallarun so etwas wie einen Lebenswillen. Die Lethargie, die seine Verwandlung ausgelöst hatte, fiel nach und nach, je länger er Amadenas Gefangener war, von ihm ab. Stattdessen entwickelte er eine stets leise kochende Wut, eine misstrauische Wachsamkeit und Appetit für das Leid anderer. Vielleicht hatte der Einfluss des dhaza aber auch einfach länger gebraucht, den Troll zu korrumpieren, als Amadena dies vorausgesehen hatte. Sie setzte ihn zunächst als Anführer kleiner Überfalltrupps ein und schickte ihn gegen die Barbarenstämme des Nordens.

Sieben Jahre nach der Rückkehr Amadenas aus den Niederhöllen tobten die Kriege unter den myranischen Häusern noch immer – und ihre neue Armee war bereit. Immer tiefer drangen ihre Truppen in das Gebiet des zersplitterten Imperiums vor, sorgten für Chaos in den Grenzsiedlungen, terrorisierten die Garnisonen und zermürbten die bereits stark dezimierten Truppen der streitenden Häuser. Gleichzeitig suchte Amadena die Anführer der imperialen Fraktionen in vielerlei Gestalten auf. Meist trat sie als Gesandte eines der anderen Häuser auf, bot einen Pakt oder überbrachte eine Provokation. So hielt sie nicht nur den als Chimärenkrieg in die Geschichte eingegangenen Konflikt am Laufen, sie lenkte auch von ihren eigenen Vorstößen ab. Die streitenden Reiche der Menschen wurden täglich schwächer, während sich ihre Armeen und Magier gegenseitig zerfleischten und immer neue Terrormaschinen aufeinanderhetzten, deren Geheimnisse die mysteriöse Albin ihnen verraten hatte.

So gelang es Amadena und ihren Truppen nach nur wenigen Jahren, als Sieger aus einem vorher schier endlos wirkenden Konflikt hervorzugehen. Sie eroberte den Berg Baan-Bashur, den einstigen Sitz des Imperiums und seines Herrschers, des Thearchen. Dieser Thron war es, um den die Häuser seit Jahrzehnten stritten und in ihrem Hass und ihrem Eifer hatten sie zunächst nicht bemerkt, dass sich Amadena auf ihm niedergelassen hatte.

In nur sieben Jahren war die Tochter Pyrdacors wieder zur Herrscherin eines Reiches geworden. Zwar erkannte sie niemand als neue Thearchin an und es gab auch kein geeintes Imperium, über das sie hätte regieren können, doch ihre Schwarzalben hielten im nördlichen Teils des Kontinents weite Landstriche besetzt und hatten einen Keil bis in sein Zentrum getrieben. Die Herzen der Menschen waren leicht zu kaufen gewesen und eine Vielzahl entbehrlicher Söldner hatte sich Amadenas Feldzug angeschlossen, um die wenigen tausend Shakagra zu unterstützen. Wer sich ihr nicht anschloss, lernte schon bald die volle Grausamkeit der Schwarzalben kennen, deren dunkle Rüstungen schnell überall im ehemaligen Imperium zu einem Synonym für Tod und Zerstörung wurden. Ihre fahlen, toten Gesichter mit den schwarzen Augen und spitzen Ohren zu erblicken, kam dem Urteil eines langsamen Todes gleich.

Söldnertrupps, immer angeführt von Shakagra, marodierten in den Randgebieten von Amadenas Reich und beschäftigen den Widerstand der Optimatenhäuser lange genug, damit ihre Herrscherin selbst den Anführern neue Lügen in die Ohren flüstern konnte – und sie davon überzeugen, dass nicht die fremde Macht aus dem Norden die eigentliche Gefahr war, sondern dies nach wie vor eine Finte der konkurrierenden Häuser sei. Mehr als eines der Häuser Myranors war den Verlockungen des Goldenen Gottes bereits ohne ihr Zutun verfallen und somit fielen auch Amadenas Worte auf fruchtbareren Boden, als sie zu hoffen gewagt hatte. Sie hatte wenig Mühe, den extremeren Anhängern ihres Gottes immer höhere Posten in der Hierarchie des mächtigen und arroganten Hauses Chrysotheos zu verschaffen und letztlich half sie auch, eine unheilige Allianz zu besiegeln. Weit im Westen des Kontinents lag ein Land, so sehr dem Blut und dem Leid verschrieben, dass selbst die lasterhaften Imperialen es mieden. Das Land der Draydal, die die dunklen Kräfte des dhaza anbeteten und als Werkzeuge benutzten, um Armeen von Untoten zu erschaffen. Sie wurden zu Verbündeten der gewissenlosen Herrscherhäuser des Imperiums – und damit war eine neue Front entstanden, die Amadenas Aufstieg diente.

So wurde Amadena unter einem weiteren ihrer vielen Namen zur Imperatorin über ein in Flammen stehendes Reich, doch darum ging es ihr in diesem Fall nicht einmal. Es waren die Geheimnisse des Berges Baan-Bashur, wegen derer sie diesen Feldzug unternommen hatte. Als sie ihren Thron vom eisigen Norden ins Zentrum des Imperiums verlagerte, machte sie Kaschmallarun zu ihrem Statthalter in Serrakhaszmazar. Zunächst lehnte er ab.

»Herrin, Ihr könnt nicht von Euren Truppen verlangen, dass sie mir folgen, wie sie Euch folgen. Ich bin nur euer einfacher Leibwächter.« Der Troll hatte jetzt zwar seit Jahren verbissen auf Seiten der Shakagra gekämpft, die Verantwortung schien er aber zu scheuen. Zu Amadenas Unbill.

»Du hast die äußeren Sphären bereist, dem direkten Kontakt mit dem Nichts des dhaza getrotzt und die Niederhöllen gesehen. Du weißt mehr über die Schöpfung als jeder hier und meine Kinder wissen, dass es nichts mehr gibt, was dich einschüchtern kann. Sie werden dir folgen, so als würde dir der Thron im Eis gehören.«

Er trat das Amt an, denn er hatte keine andere Wahl.


Die Archäer hatten sich die Kinder Madas genannt. Sie waren von der Göttin der Magie berührt gewesen, ein Volk von Freizauberern mit einem dritten Auge auf der Stirn, das in der Lage war, die Welt des Arkanen zu sehen. Ihr Ziel war es gewesen, ganz im Sinne ihrer verlorenen Göttin, den Völkern Deres die Magie zu bringen. Sie waren Wesen von fast göttlicher Macht gewesen. Unter ihnen sollen sogar wahre Halbgötter gewesen sein, Diener der Kräfte, die in Alveran über die Welt herrschten. Baan-Bashur galt manchen als Zentrum der derischen Schöpfung.

All das war in Myranor allgemein bekannt, für Acuriën war es jedoch völlig neu. Amadena teilte ihr erlangtes Wissen mit ihm, als wollte sie seinen Horizont erweitern, jedoch immer mit Lücken, immer ohne den letzten Schlüssel für das Verständnis ihres Vorgehens, ihrer Pläne. Sie ließ es in seinen Geist sickern und lächelte still und bitter, wenn sein Geist zu rasen begann und er die Fragen hin und her wälzte, warum sie etwas tat, warum sie ihm dieses Wissen gab, warum sie nach dem Erbe einer verlorenen Spezies suchte, warum sie sich in diesem Kontinent festsetzte wie eine giftige Wurzel, die in alle Winkel kroch.

Während der Krieg um Baan-Bashur weiter tobte, nutzte Amadena die Zeit, die immensen Tunnelsysteme unter ihrem Palast zu erforschen und nach den Geheimnissen der Archäer zu suchen, von denen sie sich so viel versprach. Anfangs nahm sie Shakagra und menschliche Söldner mit auf diese Expeditionen. Doch nach einigen Monaten ging sie dazu über, Acuriëns Geist von der Fibel in ein Metallkonstrukt zu übertragen und dieses als Leibwache mitzunehmen. Das Konstrukt stakste auf sechs Beinen durch die Korridore und folgte dabei Amadenas Willen. Sechs Arme endeten in Schwertlanzen und Schilden. Auf all das war ein metallener Kopf geschraubt, der über eine Reihe von dünnen Metallplatten Geräusche erzeugen konnte. Darüber war es Acuriën möglich, sich zu verständigen, wenn auch mit einer scheppernden, seelenlosen Stimme.

»Kein schöner Anblick«, meinte Amadena zu dem Konstrukt, nachdem sie seine Seele das erste Mal hineingefüllt hatte und er verloren und ohne klares Verständnis des neuen Körpers umhertastete. »Ein Jammer. Im Himmelsturm warst du immer einer meiner Lieblinge. Doch dein Leib verrottet in den Niederhöllen bei deinen Freunden. Immerhin bist du dennoch hier und kannst als der letzte der fenvar Momente wie diese mit mir teilen.«

Kein Wort davon verriet aufrechtes oder auch nur glaubhaft geheucheltes Mitleid. Amadena hätte sicher auch ein eleganteres Konstrukt für Acuriën entwerfen können. Dieser Metallkörper war rostig und quietschte bei jedem Schritt. Für Acuriën, der keinen Schmerz mehr spürte, war es aber einerlei, ob er in einer Fibel oder einem Metallskelett eingesperrt war. Zunächst wagte er es, die neue Freiheit der Bewegung zu genießen. Er begann zu verstehen, warum Amadena ihn bei sich behielt. Alle anderen Wesen, mit denen sie sich umgab, waren ihre Diener oder gar Geschöpfe. Unterwürfige Kreaturen, seelenlose Dunkelalben, geldgierige Menschen, deren Lebensspanne lächerlich kurz war. Es gab wenig sinnvolle Worte, die man mit ihnen hätte wechseln können. Amadenas altes Leben war von der Zeit hinfort gespült worden und nachdem sie beide die tausend Jahre in den Höllen geteilt hatten, waren sie für den jeweils anderen das Einzige, was davon noch geblieben war. Sie wollte jemanden auf Augenhöhe, oder wenigstens jemanden, der nicht völlig unter ihrer Würde war, bei sich wissen.

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