Kitabı oku: «Schrift, Wort und Ikone»

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Micha Brumlik, geboren 1947 in Davos, Schweiz, lehrte Erziehungswissenschaft u.a. in Hamburg und Heidelberg. Seit 2000 ist er Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a.M. mit dem Schwerpunkt »Theorie der Erziehung und Bildung«. Daneben leitete er in Frankfurt von 2000 bis 2005 als Direktor das Fritz Bauer Institut, Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocausts.

Zahlreiche Veröffentlichungen bei Philo & Philo Fine Arts, zuletzt Aus Katastrophen lernen? (2004) und Advokatorische Ethik (2004).

Micha Brumlik

Schrift, Wort und Ikone

Wege aus dem Bilderverbot

E-Book (EPUB)

© CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2022

Alle Rechte vorbehalten.

Covergestaltung: Bayerl & Ost, Frankfurt am Main

Print-Erstausgabe: © EVA Europäische Verlagsanstalt |

Philo & Philo Fine Arts, Hamburg 2006

EPUB:

ISBN 978-3-86393-604-4

Informationen zu unserem Verlagsprogramm finden Sie im Internet unter www.europaeischeverlagsanstalt.de

Inhalt

Vorbemerkung zur zweiten Auflage

Vorwort: Jüdisches Denken oder Denken des Judentums?

I. Zwei Formen des Monotheismus

II. Vom theologischen Sinn des Bilderverbots

III. Das Lächeln Gottes

IV. Spinozas unmittelbarer Gott

V. Levinas' Ethik des Antlitzes

Anmerkungen

Vorbemerkung zur zweiten Auflage

Mit dieser, bei Philo & Philo Fine Arts publizierten Ausgabe erscheint das 1994 erstmals veröffentlichte Buch »Wort, Schrift und Ikone – Wege aus dem Bilderverbot« in zweiter, durchgesehener und leicht veränderter Auflage. Stilistische Ungeschicklichkeiten sowie einige wenige falsch geratene Zuordnungen von Fußnoten wurden stillschweigend korrigiert; wo der Gedankengang es erforderlich machte, wurde das eine oder andere deutlicher ausgeführt. Zu bemerken ist, daß das Kürzel unter den die Kapitel einleitenden Aphorismen, »E.J«, für den Namen von Edmond Jabes steht1. Zudem wurden einige beim ersten Erscheinen noch nicht verfügbare Quellen zum byzantinischen Bildersturm eingefügt und Hinweise auf die seither stark angewachsene bildtheoretische Literatur zur rabbinischen Ethik, zur Biographik Spinozas sowie zur neueren Rezeption von Levinas, aufgenommen. Auf die systematisch notwendige Erweiterung der zentralen theologischen Gedankengänge, wie sie im Kapitel über das »Lächeln Gottes« angelegt sind, habe ich verzichtet. Ihre Entfaltung bleibt einer im Entstehen begriffenen Arbeit zur Philosophie des Judentums nach dem Zionismus und damit nach der Moderne vorbehalten.

Im übrigen fällt die Überarbeitung der ersten Auflage just in jene Zeit, da das Bilderverbot in der eigentümlichen Form von Protesten vieler in ihren religiösen Gefühlen verletzter und zudem von Islamisten aufgehetzter Muslime die Weltpolitik beunruhigt. Im »Karikaturenstreit« wird eben auch deutlich, daß die in diesem Buch angesprochene Problematik noch lange nicht ausgestanden ist. Daß ein Kapitel zum Bilderverbot im Islam in diesem Buch fehlt, empfinde ich als schmerzliches, in der Kürze der Zeit nicht zu behebendes Manko.

Wie noch stets habe ich meinem Verleger Axel Rütters für die Bereitschaft zu danken, meine religionsphilosphischen Arbeiten einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Frankfurt am Main im Februar 2006

Vorwort Jüdisches Denken oder Denken des Judentums?

Der Jude im Buch ist selbst Buch. Das Buch im Juden ist selbst jüdische Rede; denn das Buch ist für jenen weniger eine Bestätigung als vielmehr die Offenbarung seines Judentums.

E.J.

Seit einigen Jahren hat die abendländische Welt zweitausend Jahre ihrer Zeitrechnung hinter sich gebracht und blickt damit auf einen Zeitraum zurück, in dem nicht nur die von ihr geschaffene Zivilisation in der nationalsozialistischen Massenvernichtung moralisch zugrunde gegangen ist, sondern auch die von ihr gestifteten Weltdeutungen zur Disposition stehen. Vorstellungen einer kontinuierlich, heilsam oder unheilvoll verlaufenden Geschichte, eindeutiger Normen und eines minimalen Kanons von Werten; von Moral, Utopie und Geschichte; von Glaube, Liebe und Hoffnung, all dies ist von den Mühlen des historischen Prozesses kleingemahlen, zerstört und entwertet worden. Im Rückblick erst wird deutlich, welches die Züge einer geistigen Physiognomie gewesen sind, die sich – mißverständlich oder nicht – auf biblischem Monotheismus und hellenischer Bildungswelt gegründet hat. Große Entfernungen provozieren zur Prägnanz ebenso wie zur Oberflächlichkeit. Aus großer Ferne wird die Sicht flächiger, während das wenige, das noch sichtbar ist, an Kontur gewinnt. Die Versuchung, eine vielfältig gestaltete und geprägte Landschaft auf einige Landmarken und Strukturen zu reduzieren, wächst. Ob das so gewonnene Bild noch wesentlichen Bezug zu der Wirklichkeit, auf die es sich bezieht, hat, läßt sich erst abschließend beurteilen.

Der vorliegende Essay versucht zu zeigen, daß sich die abendländische Kultur: ihre Philosophie, ihre Ästhetik, ihre Religion, unter Bezug auf einige wenige, nicht direkt formale, aber auch nicht unmittelbar thematische Grundmotive konstituiert hat. Demnach sind wesentliche Vorentscheidungen durch je historisch bestimmte Konstellationen zwischen jenen Elementen geprägt worden, die in einem formalen Sinn Kultur erst ermöglichen. Gibt man sich mit einem Begriff der Kultur als einem Ensemble symbolischer Artikulationen von Lebensweisen zufrieden, dann zeigt sich, daß die angesprochenen Modi der Artikulation durchaus begrenzt sind. Die Rede ist immer wieder von Gedanken, von Worten, von Taten und Bildern. Denken, Reden, Schreiben, das Lesen und Bilden erscheinen damit als jene basalen Handlungen, durch die Menschen sich ihrer kulturellen Tätigkeit erst als solcher bewußt werden. Die in diesem Buch vertretene These besagt, daß sich die entscheidenden Selbstdeutungen der abendländischen Kultur in unterschiedlichen Bezügen auf diese wesentlichen Tätigkeiten auslegen. Je nachdem, ob sich eine Kultur im Modus der Rede und Wechselrede, des Lesens und Schreibens oder des Bildens und Schauens versteht, wird sich ihre Haltung zu Zeit und Geschichte, zu Sinn und Moral sowie zu ihren Gottes- und Menschenbildern ausprägen. Dabei steht nicht in Frage, daß in allen Kulturen gesprochen und gebildet, in manchen auch geschrieben und gelesen wurde, sondern in welchem Ausmaß diese Tätigkeiten das Selbstverständnis der in ihr wirkenden Menschen formten. So gefragt, könnten mögliche Antworten trivial klingen. Ein näherer Blick wird aber zeigen, daß es bei diesen Antworten nicht nur um Vorlieben oder Stilfragen, sondern um das geht, was überhaupt »Selbstverständnis«, »Weltbezug«, »Denken«, ja sogar, was »Glauben« heißen kann.

Diesen Fragen gehe ich in fünf Kapiteln nach, von denen sich das erste mit der spezifischen Form des jüdischen Monotheismus auseinandersetzt, während sich das zweite mit der Abbildbarkeit des Freiheit und Barmherzigkeit verbürgenden Gottes, also mit der Geschichte und Wirkungsgeschichte des alttestamentlichen Bilderverbots befaßt.

Im dritten Kapitel geht es um die Frage, ob die Freiheit verbürgende Ohnmacht Gottes im Tod seines Sohnes oder in der demokratischen Erörterung der Weisung angemessen verstanden wird. Dazu wird eine talmudische Erzählung analysiert. Stets geht es um das Verhältnis von Begriff und Bild bzw. von unterschiedlichen Bildern für einen ähnlichen Sachverhalt. In beiden Fällen zeichnet sich eine grundsätzliche Differenz ab: Je nachdem, ob Gott über seine hinterlassene Schrift oder sein Fleisch gewordenes Wort verstanden wird, entscheidet sich, ob eine Kultur sich zu ihren Wahrheiten naiv oder reflektiert, im Glauben an Unmittelbarkeit oder im Wissen unvermeidbarer Vermittlung verhält. Medium und Prinzip dieser Vermittlung aber ist die Schrift.

Daß die Schrift als Prinzip der Vermittlung und Fixierung von Sinn mehr vorspiegelt, als sie bewahren kann, und Verläßlichkeit auch dort vortäuscht, wo sie ebenso fehlbar ist wie das gesprochene Wort, wurde ihr von alters her vorgehalten. Daß darum jene, denen es um Wahrheit und Freiheit ging, auf das eigene Denken zurückgingen und die Wahrheit ihres Denkens gerade darin erkannten, daß es Unabhängigkeit sowohl von täuschenden Worten als auch von deutbaren Schriften verbürgte, war einer der Impulse der Philosophie seit ihren Anfängen. Darum setzt sich das vierte Kapitel mit dem philosophischen Glauben Baruch de Spinozas auseinander, der als einer der ersten kritischen Philologen der Bibel die Beziehungen zwischen eindeutigen göttlichen Gedanken, fehlerhafter bildlicher Rede und von Interessen verzerrten Texten in den Blick genommen hat. Die Wahrheit ist demnach als Gedanke wort- und schriftlos und kommt allenfalls im rechten Handeln zum Ausdruck. Aber kann sich das rechte Handeln alleine am richtigen Denken orientieren? Unterliegt nicht auch Spinoza – wie vor ihm schon Platon – einer Täuschung, wenn er ein Denken anpeilt, auf das er sich nur deshalb beziehen kann, weil es geschrieben vorliegt? Daß das Denken sich nicht selbst genügt, hat sich seit der Aufklärung und damit seit Spinoza herumgesprochen. Daß es sich in der Sprache nicht nur ausspricht, sondern im wesentlichen eine Verinnerlichung gemeinschaftlichen Sprechens sei, schien die Erkenntnis der sprachanalytischen Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts zu sein.

Daß das Sprechen, das gesprochene Wort es aber war, das jenen Schein der Unmittelbarkeit, auf die sich das Denken berief, erst provozierte, ist die These Jacques Derridas, der eine weitere Wende in der Philosophie einleitete und den »Primat« der Schriftlichkeit proklamierte. Derrida verdankt seine Einsichten ganz wesentlich Emmanuel Levinas, dem er das Programm zuschreibt, aus der Perspektive der hebräischen Rede die Selbstverständlichkeiten des griechisch gestimmten Philosophierens in Frage zu ziehen. Levinas’ Zweifel am griechisch gestimmten Denken mündet im Auffinden eines ethischen Imperativs, der allem spekulativen Nachdenken vorausgeht, einem Imperativ, der sich aus der Lektüre jener Spuren ergibt, die das Antlitz des Anderen zeichnen. Die Schlüssigkeit nicht nur der Kritik an der Metaphysik, sondern auch der These von der Schriftlichkeit unserer Erfahrung hängt nicht zuletzt davon ab, ob Levinas’ Überlegungen auch dort nachvollziehbar sind, wo der vorgängige Glaube an die von ihm propagierte Ethik fehlt. Darum versucht das letzte Kapitel, Levinas’ Ethik als eine einsichtige Ethik mittelbarer Erfahrung zu entfalten. Diese Ethik beharrt auf Erfahrung, weil sie sonst nichts hätte, wovon sie handeln könnte, ohne doch zu verleugnen, daß ihr der Imperativ, wie sie zu handeln hat, nur als Zeichen von etwas Anderem entgegentritt.

Die Bibel, der Talmud, Spinoza und Levinas im Widerstreit mit Platon, kirchlichen Theologen, naiven Dogmatikern und formalen Ethikern: In allen Fällen geht es um Motive, die einer Kultur der Schrift entsprungen sein könnten, einer Kultur, die dem, was gerne als »jüdisches Denken« bezeichnet wird, zugrunde liegt, aber in aller Regel übersehen wurde.

Das, was hier vorläufig als »jüdisches Denken« bezeichnet wird, hat im aphoristischen und schriftstellerischen Werk des 1912 im islamischen Ägypten geborenen Juden und ägyptischfranzösischen Autors Edmond Jabès einen unüberbietbaren Ausdruck gefunden. In diesem bisher zu wenig beachteten Werk finden sich – erstaunlich, unerwartet und unscheinbar – die Spuren einer negativen Theologie, auf die nicht nur dieser arg strapazierte Begriff auch zutrifft, sondern deren Gehalt Jabès über die üblich gewordenen Andeutungen hinaus tatsächlich darlegt. Daß diese Theologie nur noch die Gestalt von Aphorismen annehmen kann, wird dann nicht verwundern, wenn man Jabès’ Aussage akzeptiert, daß »Gott« ohnehin ein sinn-, d. h. referenzloser Begriff ist.

Diesen in ihrer Prägnanz erratisch wirkenden Aphorismen ist in der Sache nichts hinzuzufügen – um so mehr ist der Frage nachzugehen, ob sich die Sache, um die es Jabès’ geht, historisch begründen, systematisch entfalten und sachlich legitimieren läßt. Deshalb ist jedem der folgenden Kapitel ein Motto Jabès’ vorangestellt. In seinen Aphorismen fordert er die Leser auf, vom Juden nicht mehr zu verlangen, als er billigen könne. »Dieses ›Mehr‹ ist seine Wunde.« Wäre es denkbar, daß die Abneigung gegen Judentum und Juden zugleich Ausdruck einer tiefsitzenden Schriftvergessenheit und daß »Mehr« die Forderung nach einer Anerkennung von Bild oder Gedanke ist?

»Es muß endlich erlaubt sein, das Verhältnis von Juden und Deutschen unbefangen zu untersuchen, unbefangen von rechten und linken Vorurteilen (…). Zu dieser Unbefangenheit gehört aber auch, daß man nicht in alle Ewigkeit mit moralischem Zeigefinger auf die drohende Antisemitismusgefahr hinweist, sondern in einer Art Gegenbilanz danach fragt, was der Prosemitismus der Linken anrichtet. Denn die universal ausgerichtete Weltbürgerlichkeit, wie sie das heimatlose Judentum notgedrungen vertritt, hat auch ihre Kehrseite, die in der Auslöschung des jeweils Individuellen besteht.«2

So äußerte sich 1984 ein Tübinger Publizist in einem Sammelband unter dem Titel »Zur Kritik der palavernden Aufklärung”. Sein Angriff galt einigen Positionen des Werkes von Adorno und Horkheimer, deren Denken er Apokalyptik und Messianismus ebenso wie die Behauptung vorhielt, geschichtliche Wahrheit und Vernunft der Theologie geopfert zu haben. Welcher Art war diese Theologie?

Als sich Theodor W. Adorno und Max Horkheimer 1944 in der »Dialektik der Aufklärung«3 zur Negativität kritischen Denkens und seinem Verhältnis zur Utopie äußerten, bezogen sie tatsächlich – wissentlich oder unwissentlich – in einer theologischen Debatte Stellung, die schon mehr als zweieinhalb Jahrtausende währte:

»das Verbot, das Falsche als Gott anzurufen, das Endliche als das Unendliche, die Lüge als Wahrheit. Das Unterpfand der Rettung liegt in der Abwendung von allem Glauben, der sich ihr unterschiebt, die Erkenntnis in der Denunziation des Wahns (…). Gerettet wird das Recht des Bildes in der treuen Durchführung seines Verbots.«4

Kaum anders als jener gegen Horkheimer und Adorno polemisierende Tübinger Publizist äußerte sich 1991, fünf Jahre nach dem Historikerstreit, der philosophierende Historiograph Ernst Nolte in einem Werk über das Geschichtsdenken im 20. Jahrhundert.5 Er fragt dort unverblümt, ob das schreckliche Ereignis des Zweiten Weltkriegs nicht in einem engen Zusammenhang mit dem Geschichtsdenken stehe, »ob hier nicht eine bestimmte Geschichtsphilosophie, die in der modernen Geschichte nur ›Auflösung‹ und ›Zersetzung‹ wahrnahm, eine andere Geschichtsphilosophie, diejenige des ›jüdischen Messianismus‹, gewaltsam aus der Welt zu schaffen versuchte«6.

Beinahe resignativ resümiert Nolte, daß man in metaphorischer Redeweise tatsächlich sagen könne, »der Jude« habe den Zweiten Weltkrieg gewonnen und die nationalsozialistische Untat gegenüber weithin hilflosen Menschenmassen sei das vergeblichste und sinnloseste Unterfangen der Weltgeschichte gewesen. Mit diesen kulturantisemitischen Äußerungen ist die Mitte des Themas und seine zentrale Schwierigkeit berührt: Läßt sich überhaupt ebenso unbefangen und sachlich von »jüdischem Denken« sprechen, wie man unbefangen und sachlich von der Gattung der »Italienischen Oper« bzw. von der »attischen Tragödie« spricht? Verfängt sich nicht jede Rede vom »jüdischen Denken« – wie etwa bei Ernst Nolte – in den Fallstricken des Kulturantisemitismus, der dann so heterogene Gestalten wie den Technikphilosophen und Politiker Walther Rathenau, den Denker des Utopischen Ernst Bloch, den Lebensphilosophen Henri Bergson, den Wissenssoziologen Karl Mannheim, den Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud, den kritischen Rationalisten Karl Popper, die existentiell denkende Praxisphilosophin Hannah Arendt, die Begründer der Kritischen Theorie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, den Dialogphilosophen und Linkszionisten Martin Buber, den Zivilisationstheoretiker Norbert Elias und den Denker globaler Verantwortung, Hans Jonas, unter dem Begriff »Judentum« rubriziert? Dieses identifizierende Denken führt bei Nolte gerade angesichts des Eingeständnisses, welch ein antiutopischer Denker Hans Jonas doch war, zu der Bemerkung, daß sich gerade an dessen Beispiel ein anderer Grundtatbestand bestätige: »daß die nationale und religiöse Solidarität weitaus stärker war als das Empfinden klassenmäßiger Zusammengehörigkeit, und keineswegs nur bei Juden«. Vor allem die generalisierende Abschwächung im zitierten Satz verweist auf die spezifische These, daß in letzter Instanz das Denken von Denkerinnen und Denkern, die aus jüdischem Hause stammten, denn doch der Selbsterhaltung des ethnischen Kollektivs diente. Mit dieser ethnozentrischen Perspektive ist aber die Beantwortung der sachlich interessierenden Frage, ob es so etwas wie »jüdisches« Denken gibt, von Anfang an verspielt. In tautologischer Weise wird aus dem Umstand, daß ein Philosoph Jude gewesen sei, geschlossen, daß sein Denken jüdischen Selbstbehauptungsinteressen diene, womit die Frage nach einem spezifischen, benennbaren Inhalt dieses Denkens gerade verdeckt wird.

Dagegen sei die Behauptung aufgestellt, daß wir es mit jüdischen Denkern immer dann zu tun haben, wenn diese Denker und Denkerinnen in der Regel selbst Juden oder Jüdinnen waren, sie zudem zu ihrem Judentum in einem bewußten und reflektierten Verhältnis standen und sie schließlich in den Spuren eines Gedankens dachten, der sich folgendermaßen umschreiben läßt:

Das Denken des Judentums besteht in der Entfaltung des Glaubens an den einen, gestaltlosen und geschichtsmächtigen Gott, dessen Taten und Worte zum Buch wurden. Nach dieser vorläufigen Bestimmung wäre etwa Walter Benjamin mit seinen »Geschichtsphilosophischen Thesen« sehr wohl ein jüdischer Denker gewesen, obwohl und gerade weil er im Unterschied zu seinem Freund Gershom Scholem kein Zionist war, während die Heideggerschülerin Hannah Arendt, die eine Zionistin war und ein durchaus gelebtes Verhältnis zur jüdischen Tradition hatte, das prägnante Beispiel für eine Jüdin abgibt, deren aristotelisch-existentielles, aus der griechischen Philosophie gespeistes Denken sich soweit wie nur möglich vom Denken des Judentums entfernt hat. Diese These sei zunächst anhand zweier genealogischer Skizzen verdeutlicht.

I. Zwei Formen des Monotheismus

Das Wort »Gott« hat weder eine Bedeutung noch mehrere. Es ist die Bedeutung: das Wagnis des Sinns und des Scheiterns.

E.J.

Das abendländische Denken speist sich aus zwei Formen des Monotheismus. Das, was wir als »Philosophie« bezeichnen, geht auf den Monotheismus Platons zurück, während das, was hier als »jüdisches Denken« bezeichnet wird, sich aus dem Monotheismus des antiken Judentums speist. Beide Formen des Monotheismus sind zwischen dem achten und dem vierten Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung entstanden, in jener frühhochkulturellen Epoche, für die Karl Jaspers den Begriff »Achsenzeit« gefunden hat, und zwar in jenen Ländern und Gesellschaften, die der Soziologe Talcott Parson als »Saatbeetgesellschaften« (nämlich der abendländischen, der okzidentalen Kultur) bezeichnet hat. Beide Monotheismen zeichnen sich zunächst dadurch aus, daß sie extrem bilderfeindlich sind und auf Abstraktion zielen.

In der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts vor der christlichen Zeitrechnung wirkte in Judäa König Josija, einer der wenigen Könige, denen die hochrealistischen und herrschaftskritischen Bücher der Könige und der Chronik nur Gutes nachsagen. Josija setzte fort, was judäische Könige und Propheten schon seit zwei Jahrhunderten immer wieder betrieben hatten: den Kampf gegen die auch von den Israeliten verehrten Götter und deren Bilderkult. In seiner Regierungszeit, so berichtet die Bibel, ließ Josija den Tempel Salomos renovieren; im Zuge dieser Renovationsarbeiten aber fand ein Priester das bis dahin als verschollen geltende »Buch der Gesetze Gottes« wieder. Aus dem Geist dieses angeblich erneut aufgefundenen, aber doch alten Buches wurde die vorfindliche israelitische Religion von Josija im Geist des Prophetentums reformiert und später – in der babylonischen Diaspora – als strikter Monotheismus artikuliert, um schließlich zu Beginn des 4. Jahrhunderts von Esra und Nehemia als Judentum kodifiziert zu werden. Religionshistorisch ist dies die Geburtsstunde des Judentums, seine Stifter sind weder Moses noch die Propheten, sondern Esra und Nehemia. Diese neue jüdische Religion stellte für die pagane Antike eine Revolution dar.

Wie fremdartig die Konzeption eines gestaltlosen, aber dennoch geschichtsmächtigen Gottes in dieser hellenistischen Antike wirken mußte, geht aus einer Bemerkung des zu Beginn des 3. vorchristlichen Jahrhunderts lebenden griechischen Autors Hekataios von Abdera hervor:

»Haben sie doch festgelegt, den Gott nicht menschengestaltig (anthropomorphon) sein zu lassen, sondern in ihm jenen zu sehen, der die ganze Erde und den ganzen Himmel umfaßt und der Herr von allem ist.«7

Diese Gottesvorstellung – die jüdische Gottesvorstellung – hat Hegel später als »Religion der Erhabenheit« bezeichnet:

»Die eigentliche Erhabenheit müssen wir hingegen darin suchen, daß die gesamte erschaffene Welt überhaupt als endliche, beschränkt, nicht selbst haltend und tragend erscheint und aus diesem Grunde nur als verherrlichendes Beiwerk zum Preise Gottes angesehen werden kann. «8

Religion des Buches, Bilderverbot und Religion der Erhabenheit stellen freilich – was Hegel noch nicht beachtet hat – unterschiedliche Facetten des gleichen Phänomens dar. Eine Religion des Buches setzt die Erfindung der Schrift ebenso voraus wie eine Kultur des Lesens. Dabei ist Schrift nicht gleich Schrift. Die zur Zeit Josijas bekannte und aller Wahrscheinlichkeit nach auch in Judäa verwendete Schrift war das damalige hebräische Alphabet, das seinerseits auf dem im 17. Jahrhundert vor der Zeitrechnung erfundenen protokanaanitischen Alphabet beruhte; ein Alphabet, das aus 27 Zeichen bestand, die aus ursprünglichen Piktogrammen entwickelt wurden. Die protokanaanäische Schrift9 ermöglichte im Unterschied zu den ursprünglichen Piktogrammen der babylonischen und den Hieroglyphen der ägyptischen Kultur10 eine Notation der Worte und nicht nur eine Fixierung einzelner Begriffe, von Namen oder Assoziationsfeldern. Während sich Piktogramme und Hieroglyphen über eine, wenn auch vereinfachte Abbildrelation unmittelbar auf die Welt beziehen, beziehen sich alphabetische Schriften auf die Begriffe und Namen der gesprochenen Sprache, die »ursprünglich« die Dinge und Ereignisse der Welt bedeuten. Mit der Entwicklung des den lautlichen Sprachfluß notierenden Alphabets ist das Medium Schrift mit der ganzen Kraft seiner kombinatorischen Möglichkeiten etabliert und hat sich seither – sieht man von den technischen Weiterungen des Buchdrucks sowie dessen mechanischen und elektronischen Fortentwicklungen ab – nicht mehr weiterentwickelt. Andererseits hat sich die Schrift damit unauffällig ihres eigenen Bildcharakters, ihrer eigenen dinglichen Gestalt entledigt und sich hinter die Mitteilungen des gesprochenen Wortes zurückgezogen. Daß mit der Präsentation der Bedeutung im gesprochenen Wort eine Weltsicht verbunden ist, die eine unmittelbare Gegebenheit des Mitgeteilten suggeriert und dabei auch noch den Zeichencharakter der Sprechsprache unterschlägt, war die wesentliche Einsicht Jacques Derridas.11

Derridas Kritik an einer »Metaphysik der Präsenz« öffnete die Sicht nicht nur auf den unabschließbaren Zeichencharakter allen Bedeutens in seinem Widerspiel von Zeichen und Bezeichnetem, zwischen Bedeutungsträgern und Bedeutung, sondern auch auf die Schriftlichkeit der Sprechsprache selbst. Der Hinweis auf die Schriftlichkeit der gesprochenen Sprache besagt nichts anderes, als daß auch hier eine Differenz – zwischen lautlich akustischen Bedeutungsträgern und intendierten Bedeutungen – waltet.12 Und so wie die akustische Lautgestalt in aller Regel als Zeichen bzw. Teil eines Zeichens gilt, läßt sie sich auch als Bedeutung verstehen, wenngleich diese Bedeutungen dann auf kein bewußtes Subjekt mehr zurückgeführt werden können. Mit der Erfindung und Durchsetzung des Alphabets wird demnach die ursprüngliche Schriftlichkeit der Sprache paradoxerweise verdeckt. Was in Piktogrammen, in Hieroglyphen, ja in der Onomatopoese noch aufschien, nämlich die Spannung von Zeichen und Bezeichnetem, von Welt und Bild, geht im Alphabet mit seinen scheinbar unbedeutenden, frei kombinierbaren Bedeutungsträgern verloren.

Dieser Befund – daß die alphabetische Schrift die Schriftlichkeit der Sprache zum Verschwinden gebracht hat – würde Derridas Kritik an einer Metaphysik der Präsenz zwar um eine Variante bereichern, jedoch in religionshistorischer, theologischer und religionsphilosophischer Hinsicht zu einem merkwürdigen Ergebnis führen. Die alphabetische Notation sprachlicher Bedeutungen und damit – in der Tradition der Hebräischen Bibel – auch jener Bedeutung, die als »Gott« erfahren wird, führt dazu, daß der im Rahmen eines Buches bekannte Gott als unmittelbar habhafte, präsente und gegenwärtige Größe geglaubt wird. Angesichts dieses Befundes muß es erstaunen, daß die Hebräische Bibel in einer ihrer Spitzenaussagen, nämlich in Ex. 3,14 Gott seinen Namen als »Ich werde sein, der ich sein werde« ausweisen läßt. Darüber hinaus konstatiert dieser Gott in Ex. 33,23 – 38, daß lebende Menschen seiner nicht ansichtig werden können bzw. allenfalls seine Rückseite wahrnehmen dürfen. Der sich so nach und nach seiner Vorstellung entziehende Gott, dessen Verborgenheit und Präsenz im Bild – d. h. in Piktogramm oder Hieroglyphe – seiner abstrakten Prozessualität wegen gar nicht darstellbar ist, konnte so nur im Rahmen einer die Sprechsprache notierenden Schrift bekannt werden. Das provoziert die Frage, ob diese so bekannt gewordene Gottesgestalt nicht konstitutiv auf die Schrift, genauer sogar auf die Kombinatorik des Alphabets verwiesen ist. Ließe sich nachweisen, daß diese Gotteskonzeption weder rein sprechsprachlich noch piktographisch hätte erdacht werden können? Die Beantwortung dieser Frage sei so lange zurückgestellt, bis die Gründe erläutert sind, derentwegen erst die Israeliten und dann die von ihren intellektuellen Eliten entwickelte jüdische Religion die Abbildung Gottes verworfen haben.

Auf jeden Fall setzen Stiftung und Durchsetzung einer Buchreligion nicht nur eine Kultur der Schrift voraus, mitsamt professionell sozialisierten und ausgebildeten Schreibern, die in einem eigenen Ethos und in eigenen Schulen erzogen wurden13, sondern zudem eine Kultur des Lesens, des Verlesens und des Vorlesens. Der Gott Israels erscheint – spätestens nach der josianischen Reform14 und der Gründung dezentraler Synagogen, die als solche ja erst entstehen konnten, nachdem der Opferkult in Jerusalem zentralisiert worden war – als verlesener bzw. vorgelesener Gott, der sich zwar in der Schrift, im Buch bezeugt, aber erst im verlesenen Wort Aktualität und Präsenz gewinnt.15

Diesem Umstand entspricht präzise der schon in der Zeit des Zweiten Tempels bekannte und gepflegte Kult des unaussprechlichen Gottesnamens, des Tetragrammatons, den allenfalls der hohe Priester einmal im Jahr – am Versöhnungstag, alleine in einem leeren Allerheiligsten – anrufen durfte.16 Indem das Judentum den Eigennamen des sich entziehenden Gottes in einem Tetragrammaton notiert, zugleich aber die Nennung dieses aus vier nicht lautbaren Konsonanten bestehenden Eigennamens bei der Verlesung der Schrift verbietet und anstatt dessen eine Fülle von Umschreibungen und Beschreibungen bemüht, wendet es sich nicht nur gegen ein magisches Mißverständnis im Sinne eines Beschwörungsverbots. Das Tetragrammaton läßt sich in lateinischen Buchstaben als JHWH notieren, ob Gottes Name, wie viele alttestamentliche Werke unterstellen, tatsächlich »Jahve«, »Jahwäh« oder gar »Jehova« lautete, ist gänzlich unbewiesen. Im unnennbaren, unlautbaren Namen kehrt lediglich auf kultischer Ebene wieder, was dem Gott Israels, der sich dem Moses als sich verwandelnder und sich entziehender Gott vorgestellt hat, eigen ist. Diese Paradoxie findet ihren deutlichsten Ausdruck in dem Umstand, daß beim Beten und Reden über Gott er selbst nur noch als »der Name«, »ha-schem«, bezeichnet wird. Handelt es sich dabei nun um einen Namen oder um eine Bezeichnung? Der Begriff »Name« bedeutet Worte, die ihrerseits keinen Bezug auf die Eigenschaften eines Dings oder Wesens nehmen, sondern es in seiner Einzigartigkeit unter allen anderen hervorheben. Dieser Begriff für Einzigartigkeit, »Name«, der ja selbst auf eine vielen Worten gemeinsame Bedeutungsfunktion verweist, wird damit selbst zu einem »Namen«. Indem die Juden Gott als »den Namen« anrufen, halten sie fest, daß dieser Gott einen ganz eigenen, einzigartigen und unverwechselbaren Namen besitzt, also ein Wesen höchster Einzigartigkeit ist, damit aber zugleich so heilig ist, daß jede Anrufung Gottes außerhalb seiner »üblichen« Funktionen als Herr der Geschichte oder Erbarmer Israels seinen innersten Wesenskern berührt. Dieser innerste Wesenskern äußert sich im Widerspiel von Verbergung und Entbergung, von Offenbarung und Verhüllung und – im Paradox von Bezeichnung und Benennung – in einem Namen, der »Name« lautet.17 Schriftlichkeit, Abbildungsverbot und Unnennbarkeit folgen alle dem gleichen Prinzip: der Präsentation eines Wesens, zu dessen vornehmsten Eigenschaften es gehört, nicht beschreibbar, nicht abbildbar und nicht benennbar zu sein.

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170 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783863936044
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