Kitabı oku: «Shana», sayfa 14
Er deutete auf eine Stelle, die deutliche Spuren von Bearbeitung aufwies. Als hätte dort jemand mit einem spitzen Gegenstand gestochert. Plötzlich ertönte von draußen ein lautes Brummen. Angstvoll blickte Shana auf.
„Der hat den Schinken aufgegessen!“
„Los, gib mir die Machete“, rief Rufus. Shana sprang auf, holte das Buschmesser vom Tisch und reichte es Rufus. Der begann sofort, die Klinge in den Spalt zu schieben. Er nahm keine Rücksicht auf das Holz und hebelte das rechteckige Brett ohne Umschweife auf. In dem Moment bummerte ein schwerer Körper gegen die Tür, dass die ganz Hütte erbebte. Shana und Belly schrien auf, aber Rufus ließ sich nicht beirren. Er blickte kurz auf, als der Bär ein zweites Mal gegen die Tür krachte.
„Eine Weile wird sie noch halten“, knurrte er. „Sagt mir Bescheid, wenn´s brenzlig wird!“
„Es ist brenzlig!“, schrie Shana, als der Grizzly erneut dagegen krachte.
„Nur die Ruhe“, rief Rufus und entfernte das Brett, das offensichtlich einen Hohlraum verbarg, endgültig aus dem Boden. „Wenn er reinkommt, verschwinden wir im anderen Zimmer durch das Fenster!“
„Nur die Ruhe?“ Bellys Stimme zitterte. „Ich kann nicht ruhig bleiben! Der will uns fressen!“
Beim nächsten Ansturm des Bären knackte es gefährlich. Der hölzerne Riegel bekam einen Riss. Angsterfüllt starrten Shana und Belly zur Tür. Das konnte nicht mehr lange halten. Noch zwei oder drei Mal und dann …
„Dumm ist das Viech nicht“, brummte Rufus und holte etwas aus dem Loch heraus, das offensichtlich als Versteck gedient hatte. Was er triumphierend in der Hand hielt, sah aus wie ein großes Notizbuch. „Er meidet das Fenster, an dem er sich geschnitten hat, und probiert´s jetzt mit der Tür.“
„Rufus …“, stöhnte Shana. „Was hast du da?“
„Ein Notizbuch!“ Rufus klang vollkommen entspannt. Er blätterte das Buch einmal durch und atmete erleichtert auf. „Der Mann, der hier nach Gold gesucht hat, hat Tagebuch geführt. Hier, alles eng beschrieben!“
Wieder krachte der Bär gegen die Tür, und diesmal splitterte der Riegel, hielt aber noch gerade so. Ein nächster Anlauf, und der Grizzly würde in die Hütte stürmen.
Shana und Belly traten unwillkürlich zurück und blieben im Durchgang zum hinteren Raum stehen.
„Rufus!“ Belly brüllte ihn jetzt an. „Komm rüber! Die Tür ist schon kaputt!“
Rufus nickte. Dann hob er die Machete auf und schob die beiden Kinder in den zweiten Raum. Als sie drin waren, schloss er die Tür, die bei weitem nicht so stabil war wie die vordere und schob auch hier den Riegel vor.
„Die hält nicht mal, wenn der niest!“, schnaubte Belly nervös.
„Mach das Fenster auf“, sagte Rufus mit einer Seelenruhe, die Shana beinahe zur Weißglut brachte. „Dann können wir raus, wenn er kommt. Aber er wird ein Weilchen brauchen, ehe er drauf kommt, dass es noch einen Raum gibt. Erst wird er den Tisch untersuchen, wo wir den Schinken geschnitten haben. Das riecht am stärksten.“
„Warum gehen wir nicht gleich?“, drängte Shana.
„Weil ich hier malen kann. Es wird schon dunkel. Willst du rausgehen, obwohl da vielleicht seine ganze Familie wartet? Und im Dunkeln durch den Wald rennen?“
„Aber Rufus …“, drängte Belly. „Die Tür hier wird nicht so lange standhalten wie die andere! Und wie willst du dich konzentrieren? Und das Papier in dem Buch da ist doch auch so dünn wie das der Zeitung. Da hält das Gel doch auch nicht!“
„Auf dem Papier nicht“, bestätigte Rufus. „Aber auf dem Buchrücken!“
Er klappte das Buch auf. „Hier! Seht ihr? Unbeschrieben und stark genug!“
Die Innenseite des Buchrückens war ein wenig vergilbt, aber fest genug, um ein Bild darauf zu malen. Rufus warf einen Blick zu Belly, der sofort verstand. Er sprang zum Fenster, löste den Riegel und öffnete es so weit es ging.
Rufus zog sich die Kette über den Kopf und holte den Pinsel aus der Hosentasche.
Fassungslos sahen Shana und Belly zu, wie sich Rufus mitten im Raum in den Schneidersitz begab, das Notizbuch des Goldsuchers vor sich hinlegte und die Kapsel mit dem Gel öffnete.
Whuummm!
Im vorderen Raum zerbarst die Tür mit einem schrecklichen Geräusch. Schreckensbleich packte Shana Bellys Handgelenk.
„Wir müssen sofort hier aus!“, flüsterte sie.
Rufus schüttelte den Kopf. „Erst dann, wenn er an die Tür kommt. Haltet euch bereit. Aber ihr werdet sehen, es wird eine Weile dauern. Der Geruch von dem Schinken auf dem Tisch ist stärker als der hier drin. Drei Minuten reichen mir. Belly, komm her, halt mal das Buch fest, damit es nicht dauernd zuklappt.“
Belly hatte keine Zeit zum Überlegen. Während im Vorderzimmer krachende Geräusche und ein unheimliches Schnaufen zu hören waren, hockte er sich zitternd zu Rufus und hielt ihm das Bild. Shana tastete sich zum Fenster, den Blick unverwandt auf die Tür gerichtet, die nur eine trügerische Sicherheit bot. Rufus hingegen schloss die Augen und versetzte sich in Trance. Belly konnte nicht glauben, was geschah. Da rumorte keine zwei Meter von ihnen entfernt ein riesiger Grizzly im Nebenzimmer, der mit einem Tatzenhieb die Durchgangstür zerschmettern konnte, und dieser Rufus setzte sich auf den Boden und meditierte!
Der Maler der Traumbilder schottete seinen Geist vollkommen von der Außenwelt ab. Fast schien es, als hätte er aufgehört, zu atmen. Regungslos saß er da. Wenn der Bär jetzt hereingekommen wäre, hätten Shana und Belly allein flüchten müssen.
Auf der anderen Seite der Tür wurde es verdächtig ruhig. Die beiden Kinder hielten die Luft an. Der Bär schien zu lauschen. Aber genau diese Ruhe genügte Rufus offensichtlich, um in seinen Traum einzutauchen. Sein Arm streckte sich dem Notizbuch entgegen, und der Affenschwanzpinsel verschmolz mit dem Buchdeckel. Wie ein sich windender Wurm versetzten sich die Affenhaare in eine Wellenbewegung.
Shana hörte ein Schnüffeln und Schnaufen an der Tür. Es schien, als würde der Bär die Ritze unter der Tür abschnüffeln. Ihr Herz setzte aus.
Rufus begann zu malen. Ruhig glitt der Pinsel über das Buch und schuf wieder die gleiche Landschaft wie schon in der Höhle. Die Wiese, den Wald, die Hütte mit der Veranda. Shana konnte es nicht sehen, aber Belly nickte heftig, als sie ihn angstvoll fragend anblickte. Belly formte mit den Lippen einen Satz: Auch die Apfelbäume sind da!“
Mittlerweile war die Dämmerung so weit fortgeschritten, dass es schwerfiel, sich in der Hütte zu orientieren. Aber das Bild war bereits jetzt eine Lichtquelle, die einen sanften Schimmer in den Raum warf.
Das Schnaufen wurde heftiger. Fordernder. Shana warf einen nervösen Blick zur Tür. Da sah sie die Zunge des Grizzlys durch den großen Spalt unter der Tür hervorkommen. Sie presste sich eine Hand vor den Mund, um nicht aufzuschreien. Belly sah es auch, aber er beherrschte sich unglaublich und verrückte das Buch nicht um einen Millimeter.
Das Bild war vollendet. Der Pinsel löste sich mit einem leise schmatzenden Geräusch, und Rufus erwachte langsam aus seinem Traum.
Die Zunge schnellte wieder unter der Tür hervor. Dann folgte ein Kratzen, das dermaßen durch Mark und Bein ging, dass es Shana schüttelte. Rufus wich von dem Bild zurück und stand auf.
„Halte es weiter so!“, sagte er zu Belly. „Wenn du es nicht ansiehst, kann nichts passieren. Ich glaube, es scheint dunkel genug geworden zu sein. Ich kann die Wipfel der Bäume im Bild sich im Wind wiegen sehen. Wir können gehen.“
Belly kam ebenfalls hoch und hielt das Bild mit der Vorderseite von sich gestreckt. Shana löste sich vom Fenster und trat zu den Beiden. In diesem Moment nieste der Bär.
„Gesundheit!“, meinte Rufus ungerührt. „Los, Shana, du zuerst!“
Shana lag eine verdammt dringende Frage auf der Zunge, aber es blieb keine Zeit mehr, sie zu stellen. Der Bär untersuchte die Tür nicht mehr nur mit der Nase und seiner Zunge. Jetzt wusste er, dass man hier rein konnte. Diesmal warf er sich nicht gegen die Tür, sondern drückte einfach seinen massigen Körper dagegen, dass das Holz ächzte und knirschte.
„Mach!“, zischte Rufus. Shana machte einen Satz um Belly herum und stellte sich vor das Bild. Ohne noch einen Gedanken zu verschwenden führte sie ihre Hand vor das Bild. Noch bevor sie den Buchrücken berührte, ergriffen sie die ersten Lichtfinger, flossen über ihren Arm und hüllten eine Sekunde später ihren Körper ein. Dann schien sie zu zerfließen und sich aufzulösen, bis sie mitsamt dem zurückfließenden Licht in dem kleinen Bild verschwand.
„Belly, du bist dran!“
Belly schüttelte heftig den Kopf. „Nein, geh du! Ich halte das Bild doch schon!“
Rufus konnte jetzt keine Diskussion beginnen. Er entschied sich zu gehen. Aber einen Satz musste er noch von sich geben, bevor er durch das Bild ging.
„Leg es auf den Boden und stell dich einfach drauf!“
Belly nickte nur. Sein Mund war so trocken, dass sowieso kein Wort herausgekommen wäre. Rufus hob die Hand, und dieselbe Prozedur wie bei Shana wiederholte sich. Eine Sekunde später war Belly allein im Raum.
Aber nicht lange.
Mit einem furchtbar knirschenden Geräusch gab die Tür dem Gewicht des Bären nach und stürzte mit lautem Krachen in den Raum. Belly und der Grizzly standen sich einen Meter voneinander entfernt gegenüber.
Belly erstarrte. Er hielt das Bild immer noch verkehrt herum in den Händen. Um in ihm zu verschwinden, musste er es umdrehen. Aber würde es funktionieren, wenn er es festhielt? Oder musste man es loslassen, wenn man hindurch wollte? Aber das Bild jetzt hinlegen? Der Bär brauchte nur einen Satz zu machen, und er hatte Belly.
Der Grizzly sah Belly an. Auf die Vordertatzen auf die kaputte Tür gestützt stand er im Durchgang und nahm den Geruch des Menschen in diesem Raum auf. Belly hatte noch nie in seinem Leben eine solche Angst verspürt. Nicht einmal beim Untergang der Adventure. Er nahm den beißenden Atem des gewaltigen Tieres wahr. Wann würde der Bär ihn anfallen? Jetzt? Aber das Tier blieb im Türrahmen stehen. Vielleicht war es unsicher, wer oder was da im Zimmer stand.
Die Sekunden vergingen. Bellys Lähmung wich nur langsam. Sein Herz hämmerte gegen die Rippen. Dann tat er etwas, was er später nie mehr glauben wollte.
„Hallo Bär“, kam es leise über seine Lippen. Der Grizzly horchte bei Bellys Stimme auf. „Ich will dir nichts tun. Wir haben dir sogar den Schinken gegeben, und der war doch lecker, oder nicht? Ich bin nicht geräuchert, also lass mich bitte gehen. Ein Mensch schmeckt ganz furchtbar, und Belly … also ich bin Belly … schmeckt noch schlechter. Ich hab mich nie ausgewogen ernährt, wie meine Freundin Shana sagen würde. Das bekommt dir nicht, glaub mir.“
Belly sprach leise und mit immer dem gleichen Tonfall. Der Bär schien diese beruhigenden Worte zu mögen, denn er begann, den Kopf hin und her zu wiegen. Belly fasste einen Entschluss. Es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder der Bär fraß ihn, wenn er das Buch auf den Boden legte oder er fraß ihn nicht. Wenn er sich aber nicht traute, das Buch auf den Boden zu legen, wurde es sehr wahrscheinlich, dass er ein bisschen später gefressen wurde. Es war egal. Aus dem Fenster klettern konnte er jedenfalls nicht mehr, denn das hätte den Grizzly mit Sicherheit gereizt, ihn zu packen.
Belly traf die Entscheidung. Weiter ruhig auf das Tier einredend und Blickkontakt mit ihm haltend, ging er ganz behutsam in die Hocke und legte das Buch sachte auf dem Boden ab. Jetzt lag es zum Greifen nah. So nah, dass Belly nur noch den Arm auszustrecken brauchte, um seinen Freunden zu folgen. Belly löste kurz den Blick von dem Bären und schaute nach unten. Die Wiese und die Hütte lagen vor ihm. Und er erblickte zwei Gestalten auf der Veranda, die sich offensichtlich gerade aufrichteten. Shana und Rufus!
Der Bär grunzte.
„Soll ich weiter erzählen?“, fragte Belly und schaute den Grizzly wieder an. „Weißt du, ich glaube, dass du gar nicht böse bist. Nur hungrig. So wie ich. Ich hab eigentlich auch immer Hunger, aber Shana sagt, dass ich nicht mehr so viel essen und mich mehr bewegen soll. Ich finde, du bist auch ganz schön dick. Der Schinken reicht doch, meinst du nicht? Wenn du noch mehr Speck frisst, wirst du noch fetter. Geh raus und such dir ein paar Beeren oder Pilze. Iss was Gesundes, nicht so was Fettreiches wie mich, okay?“
Der Bär hob den Kopf und brüllte, wobei Belly sich beinahe in die Hosen machte. Aber dann geschah etwas, das Belly niemals für möglich gehalten hatte. Der Grizzly schnaufte noch drei Mal, dann drehte er seinen schweren Körper um und verschwand aus Bellys Blickfeld. Stumm vor Staunen hörte Belly, wie der Bär im Dunkeln an den Tisch stieß und ihn beiseite rückte. Dann noch ein paar schwere tapsende Geräusche und ein Scheppern. Danach war Ruhe.
Ungläubig wartete Belly einige Sekunden. Als es weiterhin ruhig blieb, erhob er sich vorsichtig aus der Hocke und schlich zum Durchgang. Er spähte durch den nun türlosen Rahmen und erkannte im fahlen Licht der Nacht die Umrisse des Tisches, den das Tier an die rechte Wand geschoben haben musste. Vom Grizzly keine Spur. Belly tat das Falsche, aber er musste es einfach tun. Vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, tastete er sich zu der zerstörten Eingangstür und lugte hinaus. Im Licht der Sterne sah er die dunkle Wiese und den noch dunkleren Saum des Waldes vor sich liegen. In der Mitte der Wiese erkannte er den Bären, der sich gemächlich von der Hütte entfernte.
Belly entspannte sich. Das würde ihm niemand glauben. Das würde er selbst in ein paar Jahren vermutlich nicht mehr glauben. Der Bär blieb stehen und drehte seinen Kopf in Richtung Belly. Schweigend blickten sie sich auf die große Entfernung und in der Dunkelheit an. Dann verschwand das Tier mit ein paar großen Sätzen im Wald.
Belly schluckte. Das alles konnte nicht wahr sein. Doch dann brach sich die Anspannung ihren Bann. Mit klappernden Zähnen und wackligen Beinen torkelte Belly in die Hütte zurück. Das Bild sandte ein mattgrünes Leuchten in das Heim des Goldsuchers aus. Er würde es jetzt wohl reparieren müssen, sollte er wieder hierher zurückkehren. Aber das war Belly in diesem Moment vollkommen egal. Er wollte zurück zu Shana und Rufus. Sofort. Er wollte in Sicherheit sein. Er wollte nach Hause. Entschlossen trat er auf den Buchdeckel. Sekundenbruchteile später verschmolz er mit dem gleißenden Lichtstrahl, wurde eins mit Raum und Zeit und übertrat Grenzen, von denen noch niemand auf dieser Welt wusste.
Als sich das Licht zurückzog, leuchtete das Bild weiterhin in mattem Glanz vor sich hin. Und erst, als der Tag anbrach, verwandelte es sich in eine scheinbar starre Zeichnung, die man umwerfend schön, aber niemals magisch nennen würde.
Der Bär trottete ein paar Stunden später aus dem Unterholz und machte sich über die Blaubeeren her, die am Rand des Waldes den Boden bedeckten. Ab und zu hob er den Kopf und warf einen Blick auf die alte Hütte.
*
Kapitel 8
Eine Hand packte Belly am Arm. Er spürte die Berührung, noch bevor er wieder ganz bei sich war.
„Hilfe!“
„Nein, Belly, ich bin´s, Shana! Beruhige dich, du bist wieder zu Hause, ich meine, bei Rufus!“
„Nun gib ihm doch noch einen Moment“, ertönte Rufus Stimme aus dem Hintergrund. „Er ist doch noch gar nicht wieder ganz bei sich.“
Belly merkte, wie Shana seine Hand wieder losließ, und in derselben Sekunde klärte sich sein Blick. Er lag auf den harten Bohlen der Veranda und schaute in die Augen seiner Freunde, die sich über ihn beugten.
„Na, geht´s wieder?“, fragte Shana.
„Hm, ich glaub schon.“
„Darf ich dir dann noch mal meine Hand geben?“
„Okay, aber langsam, mir ist noch ganz schwindlig.“
Vorsichtig half ihm Shana auf die Beine. Rufus lächelte ihn an.
„Diesmal hab ich die richtige Hütte gemalt. Eigentlich komisch, dass das mit dem kleinen Teddybären im Nacken geklappt hat und in der Höhle nicht.“
„Kleiner Teddybär!“, lachte Shana. „Aber du hattest eben keine Zeit, mit den Gedanken abzuschweifen.“
„Ich hatte überhaupt keine Zeit“, erwiderte Rufus. „Ich frage mich nur, wie ich das geschafft habe.“
„Du warst so ruhig“, bewunderte ihn Belly. „Das hätte ich niemals gekonnt.“ Sein Blick schweifte über die Umgebung. Die Hütte mit der Veranda, der Wald, die Wiese und …
„Die Apfelbäume!“
„Ja!“, lachte Rufus. „Ich war auch heilfroh, als ich sie gesehen habe. „Wir sind wieder zurück. Gott sei Dank.“
Urplötzlich fiel Shana die Frage ein, nach der sie in der Hütte verzweifelt gesucht hatte. Und sie jagte ihr einen eisigen Schrecken ein.
„Rufus! Der Grizzly! Er kann uns doch durch das Bild folgen!“
Rufus schüttelte den Kopf und beruhigte sie. „Nein, Shana. Tiere können uns nicht folgen. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber vermutlich besitzen sie nicht dasselbe Traumvermögen wie wir Menschen oder vielleicht liegt es auch daran, dass sie keine Seele haben.“
„Das glaube ich nicht!“, erwiderte Shana heftig. „Ganz bestimmt haben Tiere eine Seele!“
„Das haben sie“, nickte Belly. „Darauf würde ich den Entsperrungscode von Carl verwetten, wenn ich ihn hätte. Und wisst ihr auch, warum ich das glaube? Ich hab mit dem Bären gesprochen, und er hat mich verstanden.“
Völlig verblüfft schauten Shana und Rufus Belly an.
„Du hast was?“, entfuhr es Shana.
Da sie sich in Sicherheit wussten, konnte Belly in aller Ruhe erzählen, was ihm in der Hütte widerfuhr, als seine Freunde bereits in dem Traumbild verschwunden waren. Rufus und Shana waren sprachlos. Voller Staunen und auch Bewunderung hing Shana an Bellys Lippen und fragte ihn wieder und wieder aus. Rufus begab sich zwischendurch in die Hütte und kam nach kurzer Zeit mit einem Tablett voll der besten Sachen, die sein wundersamer Kühlschrank zu bieten hatte, wieder heraus. Die drei ließen sich auf der Veranda nieder, genossen das Festmahl und redeten sich die Seele aus dem Leib. Das war der Anspannung geschuldet, die sie die ganzen Tage über begleitet hatte, und die nun abfiel wie eine schwere Kette. Als die Nacht endgültig hereinbrach, holte Rufus zwei Petroleumlampen, die die Veranda in ein geheimnisvolles Licht tauchten. Es war merkwürdig, dass es so lange dauerte, aber irgendwann schlichen sich Gedanken in Shanas Kopf, die sie nicht mehr länger verdrängen konnte.
„Rufus … wir müssen nach Hause. Ich darf gar nicht daran denken, welche Angst meine Eltern ausgestanden haben müssen. Die Polizei wird uns suchen. Sie werden denken, wir sind tot.“
Rufus nickte. „Natürlich müsst ihr nach Hause. Ich verstehe, dass du dir Gedanken machst. Aber ich kann dir deine Angst ein bisschen nehmen. Wenn man in ein Traumbild eintaucht, vergeht die Zeit nicht. Jedenfalls nicht in der Welt, aus der man ursprünglich gekommen ist.“
Shana und Belly waren baff. Rufus fuhr fort. „Ich hab das erst gar nicht bemerkt, aber als ich das erste Mal zwei Wochen lang auf einer tollen Südseeinsel war und zurückkam, lag das Obst, das ich in der Küche vergessen hatte, noch genauso frisch da wie an dem Tag, als ich losging. Ich hab das dann noch ein paar Mal probiert, und es war jedes Mal dasselbe.“
„Die Zeit ist nicht vergangen?“, fragte Belly ungläubig. „Aber das geht doch gar nicht. Man kann die Zeit nicht anhalten.“
„Nein.“ Rufus legte die Stirn in Falten. „Aber sie ist relativ. Du weißt ja selbst, dass es ewig dauert, wenn man beim Zahnarzt sitzt und dass die Ferien dagegen wie im Flug vergehen.“
„Ja“, nickte Belly. „Aber da ist sie trotzdem gleich schnell vergangen. Es kommt uns nur anders vor.“
„Richtig. Aber das alte Genie Einstein sagte, dass Raum und Zeit zusammenhängen. Da der Weltraum eine sich immer noch ausdehnende Kugel ist, ist er quasi rund.“
Rufus formte mit den Händen einen Ball. „Siehst du, so. Wenn Raum und Zeit also zusammenhängen, müsste die Zeit in einer Art Kurve dahingehen, so wie eine Fliege im Innern einer Kugel. Wenn man nun aber geradeaus gehen könnte, statt krumm, dann wäre man schneller als die Zeit. Jedenfalls als die, die wir sonst kennen.“
„Versteh ich nicht“, meinte Belly und zuckte die Schultern.
„Macht nichts. Wenn ich ehrlich bin, versteh ich es auch nicht. Ich glaube, dass die Zeit hier auf der Lichtung ganz normal vergeht, und die in den Traumwelten auch. Jede in ihrer Welt. Aber durch diesen Energiestrahl nehmen wir vielleicht eine Abkürzung im Universum, die uns fast genau zu dem Zeitpunkt wieder da abliefert, wo wir in das Bild eingetaucht sind.“
„Rufus“, lächelte Shana, „schöne Erklärung, aber wie viel Zeit ist denn jetzt vergangen, seit wir zu dir gekommen sind?“
„Genau kann ich das auch nicht sagen“, gab Rufus zu. „Die Hütte hab ich mir erträumt, aber die Umgebung nicht. Diese Lichtung habe ich genauso entdeckt wie ihr. Und genau hier wollte ich meine Hütte haben.“
„Es kann also sein, dass draußen auf der Wiese unsere Zuhausezeit vergeht und hier in der Hütte eine andere?“
Rufus seufzte. „Möglich. Ich weiß es aber nicht. Es ist dunkel geworden, und ich glaube, dass wir hier draußen die Zeit haben, die unsere normale Welt kennt. Demnach müsste es jetzt etwa zehn Uhr abends sein. War es etwa so spät, als ihr bei mir übernachtet habt?“
„Kommt hin“, meinte Belly.
„In der Hütte gilt eine andere Zeit. Wenn ich recht habe, müsste es also ungefähr zehn Uhr abends an dem Tag sein, an dem ihr weggegangen seid.“
Shana sog die Luft ein. „Na, selbst wenn das stimmt, kriegen wir gewaltigen Ärger. Ich sollte um sieben zu Hause sein. Ich fürchte, das ändert nicht viel an dem, was auf uns zukommt.“
„Ich mach euch einen Vorschlag“, sagte Rufus und begann, die Essensreste zusammenzuräumen. „Ich komme mit und erkläre euren Eltern, was geschehen ist.“
Belly fiel ein Stein vom Herzen. „Danke!“, sagte er aus vollem Herzen. „Vielleicht kriegen wir es ja hin, dass sie uns die Außenwelt nicht sperren.“
„Wir brauchen eine gute Erklärung“, meinte Shana. „Ich weiß nicht, ob wir wirklich von den Traumbildern erzählen sollen.“
„Ich verbiete es euch nicht.“ Rufus sah von einem zum anderen. „Wisst ihr, noch vor nicht allzu langer Zeit hätte ich alles versucht, dass niemand mein Geheimnis entdeckt. Aber jetzt weiß ich, dass ich viel zu lange ohne Freunde gelebt habe. Die Leute, die ich auf meinen Reisen kennen gelernt habe, wurden nie zu richtigen Freunden. Sie sind halt … Bekannte. Aber bei euch ist das anders.“
Shana lächelte. „Wir werden dich auf jeden Fall besuchen. Und du musst uns besuchen.“
„Na, das mache ich ja jetzt gleich. Ich hoffe nur, eure Eltern reißen mir nicht den Kopf ab, wenn sie hören, was ich mit euch angestellt habe.“
Rufus erhob sich, um die Sachen reinzubringen. In dem Moment fiel Shana etwas ein und sie wurde blass.
„Rufus …“
Rufus blieb auf der Schwelle stehen und drehte sich um.
„Ja?“
„Wir können gar nicht zurück. Wir haben doch unsere Portables vergessen. Und rings um die Stadt soll es ein Energiefeld geben, das Tiere und Pflanzen abhält. Selbst wenn wir die 40 Kilometer laufen, kommen wir vielleicht nicht durch diese Sperre.“
Rufus lächelte. Dann betrat er die Hütte, und als er Shana antwortete, hörte sie seine Stimme nur noch gedämpft. „Ich glaube, das kriegen wir schon hin. Ich hab dir doch schon auf Death Island gesagt, dass ich etwas für euch habe. Wartet einen Moment, ich bring es mit.“
Als Rufus wieder rauskam, und die Kinder sahen, was er in der Hand hielt, fiel den beiden der Kiefer runter.
„Ein Portable!“, entfuhr es Belly und Shana gleichzeitig.
„Ja, ein Portable“, nickte Rufus. „Genau wie ihr wäre ich ja damals nicht mehr zurückgekommen, wenn ich keins mitgenommen hätte. Ich bin ja nicht gleich abgehauen, sondern hab die Außenwelt erst ein paar Mal besucht, bevor ich den Maler der Traumbilder getroffen hatte.“
„Für uns bist du der Maler der Traumbilder“, lächelte Shana.
„Jedenfalls konnte ich ohne Portable nicht raus. Aber als die Erzieher entdeckten, dass ich heimlich draußen gewesen war, musste ich sofort verschwinden, und dann war es eh egal. Ich hab der Multiwand befohlen, dass letzte Beamerziel nach meinem Durchtritt zu löschen. So haben sie nie rausgefunden, wohin ich gegangen bin. Ich könnte mir denken, dass das ganz schönen Ärger mit den Behörden gegeben hat.“
Rufus schmunzelte. „Ist mir aber egal. Eltern habe ich ja nicht mehr, denen man das erzählen könnte.“
„Rufus ..“, sagte Shana leise. „Können wir jetzt gehen?“
„Natürlich.“
„Kann ich mal sehen?“, fragte Belly und zeigte auf das Portable.
„Hier.“
„Hm. Ganz schön altes Modell. Aber der Akku ist noch fast voll. Einfach unglaublich. Wie lange lag das Ding schon nicht mehr in der Sonne, Rufus?“
Rufus lachte. „Echtzeit oder Traumzeit? Du sagst, der Akku ist noch voll? Dann war er in der Hütte sicher längst leer, und hier draußen hat er wieder die alte Ladekapazität. Gott sei Dank, sonst müssten wir bis morgen warten.“
Belly fummelte an dem Gerät herum und gab auf der Tastatur mit spitzen Fingern etwas ein.
„Nehmen wir deinen Adresscode, Shana?“
„Hm.“
„Okay, ist eingestellt. Die Energie reicht für drei Personen. Hauptsache, deine Multiwand ist noch aktiviert.“
„Müsste sie, wenn Mutti sie nicht ausgestellt hat.“
„Das wird sie niemals tun, denn sie wartet ja auf dich.“
„Na gut“, meinte Rufus. „Dann lasst uns gehen.“ Er machte zwei Schritte und nahm die Machete in die Hand, die sie zu Beginn ihres Abendessens an die Wand gelehnt hatten. Mit einem Lächeln reichte er sie Belly.
„Nimm sie mit. Ein gutes Beweisstück.“
Belly nahm sie entgegen und wirkte gleich ein gutes Stück größer. Dann hob er seinen Arm, an dem er das Portable befestigt hatte.
„Soll ich?“
„Nein, warte bitte noch einen Moment.“
Unter den erstaunten Blicken der anderen lief Shana in die Hütte. Als sie wieder rauskam, hatte sie ihren Rucksack in der Hand und schwenkte ihn fröhlich hin und her.
„Den nehm ich wieder mit. Aber nicht so leer wie jetzt!“
„Was denn jetzt noch? Ich denke, du willst nach Hause?“, entfuhr es Belly.
„Ich bring dir einen mit!“, rief Shana, sprang die Treppe runter und verschwand im Halbdunkel auf der Wiese.
„Ich glaube, ich weiß, was sie holt“, meinte Rufus und sah zu, wie der dunkle Schatten Shanas auf eine bestimmte Stelle zustrebte.
Dann fiel auch bei Belly der Groschen.
„Äpfel!“
Zwei Minuten später kam Shana mit einem prall gefüllten Rucksack zurück und grinste.
„Sind zwar keine Orangen, aber mein Vater glaubt immer, dass es nur noch künstlich hergestelltes Zeug gibt!“
Rufus nickte. „Okay, na dann los.“
Belly drückte einen Knopf auf dem Portable, und zwei Sekunden später baute sich etwa zwei Meter von ihm entfernt ein flimmernder Rahmen auf.
„Durchgang steht. Ihr könnt gehen.“
Shana schaute von einem zum anderen. „Wer zuerst?“
Rufus machte eine einladende Geste. „Ladys first. Außerdem ist es dein Zuhause. Es ist besser, du erscheinst dort zuerst.“
„Okay“, nickte Belly. „Aber danach musst du gehen, Rufus, weil ich das Portable trage. Ich komm dann zuletzt.“
„Na dann.“ Shana seufzte und stellte sich vor den Energierahmen. „Ich geh dann mal. Steht mir bei, wenn meine Eltern mich umbringen!“
„Na klar!“, meinte Rufus. „Ich komme sofort nach.“
Shana holte tief Luft, dann setzte sie sich in Bewegung und ging ohne weiter zu zögern durch den Rahmen, der kurz aufleuchtete.
„Jetzt du!“, sagte Belly. Rufus nickte Belly zu und folgte Shana ohne Umschweife.
Belly war nun allein. Aber diesmal wollte er sich nicht länger als nötig aufhalten. Er warf nur einen kurzen Blick auf Rufus Hütte, deren Fenster das Licht der beiden Petroleumlampen auf die Veranda warfen, und schritt dann zügig als Letzter durch das Energiefeld. Eine Sekunde nach seinem Durchtritt erlosch es. Nichts auf dieser Lichtung deutete noch darauf hin, dass es ein magischer Ort war. Einer, an der eine Zeit mit der anderen spielte.
*
Sie materialisierten in Shanas Zimmer. Erst Shana, dann Rufus, und schließlich Belly. Der wunderte sich, dass ihn kein Schwindelgefühl überkam. Aber dann fiel ihm ein, dass sie ja nicht durch ein Traumbild, sondern durch den Beamer gegangen waren. Er blickte sich rasch um. Sie waren allein. Obwohl das ja die Standpauke nur um kurze Zeit hinauszögern würde, fiel ihm ein Stein vom Herzen. Belly bemerkte, dass sich Rufus sichtlich unwohl in der für ihn ungewohnten Umgebung zu fühlen schien. Er stand etwas unsicher mitten im Zimmer herum und wusste nicht, wohin mit seinen Händen.
„Du brauchst nicht nervös zu sein“, meinte Shana. „Mein Vater wird dir schon nicht den Kopf abreißen.“
„Das ist es nicht“, sagte Rufus langsam. „Ich bin nur schon eine Ewigkeit nicht in einem richtigen Zimmer gewesen. Es ist … na ja … so eng.“
Shana lächelte. „Ich glaube, du wirst nie eine Wohnwabe haben. Und weißt du, was? Wenn ich erwachsen bin, werde ich auch wie du nur noch in der Außenwelt leben.“
„Shana …“ Rufus Stimme wurde ernst. „Du hast Eltern. Und Freunde. Alles das, was ich nie hatte. Ich glaube, es wäre falsch, einfach so zu verschwinden wie ich. Nur in Traumwelten zu leben, ist nicht so schön wie du denkst. Nur die Menschen, auf die man sich verlassen kann, erfüllen die Welten mit Leben, egal, in welcher man sich befindet.“
„Na, wenn das so ist“, sagte Shana verschmitzt, „dann müsstest du ab sofort hier bei uns leben!“
Rufus verzog das Gesicht. „Lassen wir es dabei, uns gegenseitig zu besuchen, okay?“
„Okay. Aber erstmal müssen wir unsere Eltern beruhigen. Sie werden im Wohnzimmer sein.“ Shana sah Belly an. „Was ist, bist du bereit?“
Belly lächelte säuerlich. „Sind ja deine Eltern. Meine stehen mir noch bevor.“
„Also gut, bringen wir es hinter uns. Multiwand, Beamer aus!“
Der flimmernde Rahmen löste sich auf, und Augenblicke später war nur noch das Bedienteil in der Wand zu sehen. Shana holte Luft und winkte den anderen. Dann nahm sie allen Mut zusammen und öffnete die Tür zum Flur. Sie spähte hinaus. Niemand zu sehen, aber sie vernahm gedämpftes Stimmengemurmel aus Richtung Wohnzimmer.