Kitabı oku: «Politisches Storytelling», sayfa 2

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•Wir müssen uns klar machen, dass gesellschaftliche Diskurse, politische Meinungs- und Willensbildung, politische und gesellschaftliche Sinn- und Wertestiftung stark über Geschichten, Erzählungen und Narrative geschehen – ob uns das bewusst ist oder nicht, ob uns das passt oder nicht.

•Ähnlich wie wir wissen, dass und wie Fotos in der digitalen Welt bearbeitet, manipuliert und mit neuen Bedeutungsakzenten versehen werden können, muss uns auch bewusst werden, welchen Status Geschichten und Narrative bezüglich der Realität haben und in welcher Weise diesbezüglich Akzente gesetzt bzw. manipuliert werden können. Kurz: Es geht auch darum, zu erkennen, was die Stellschrauben beim politischen Storytelling sind.

•Auf der Basis einer solchen Kompetenz lohnt es sich dann, sich Gedanken über eine Ethik des politischen Storytelling zu machen. Denn Fake News stehen ja selten als bloße Fakten im Raum, sondern sind eingebettet in Geschichten und Narrative.

•Und schließlich geht es mir um ein Plädoyer dafür, dass die grundlegende Arbeit einer politischen Bewegung, Partei oder Gruppierung darin besteht, einen Weg in die Zukunft zu öffnen, was bedeutet, anschlussfähige Sinn-Narrative anzubieten. Wenn die politischen Parteien und Bewegungen der Mitte solche sinnstiftenden Zukunfts-Narrative nicht anzubieten wissen – und die meisten der etablierten Parteien in Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern, tun dies zurzeit nicht – füllen rechtspopulistische Bewegungen mit ihren rückwärtsgewandten Narrativen das Vakuum.

Dieses Buch will dazu beitragen, über diese Zusammenhänge mehr Klarheit zu schaffen. Und es will natürlich auch Politiker und alle politisch Denkenden und Handelnden dazu anzuregen, die Ebene der Geschichten einer Gesellschaft wahrzunehmen und mit ihr zu arbeiten.

Geschichten, Erzählungen, Narrative:
Eine kurze Klärung der Begriffe

Ich habe bisher die Begriffe ›Geschichte‹, ›Erzählung‹ oder ›Narrativ‹ gewissermaßen ›naiv‹ gebraucht, sie also nicht erklärt, sondern mich darauf verlassen, dass die Leserinnen und Leser ein Vorverständnis haben, was damit gemeint sei. Vermutlich hat dies ganz gut funktioniert, vielleicht am wenigsten gut bei dem Begriff ›Narrativ‹, der am seltensten in der Alltagssprache vorkommt. Aber vielleicht haben wir auch nur gemeint, dass wir alle dasselbe darunter verstehen, und in Wirklichkeit versteht – zumindest in Nuancen – jeder von uns etwas anderes darunter. Allerdings wäre dies wohl der Normalfall bei abstrakten Begriffen.

Hier also eine Klärung dieser Begriffe, deren genaue Bedeutung häufig im Ungefähren bleibt – auch in den Medien. Der Begriff des ›Narrativs‹ ist so ein Begriff. Nun kann eine gewisse Randunschärfe natürlich durchaus auch produktiv sein, weil durch die so entstehende Offenheit unterschiedliche Dinge darunter subsumiert werden und Diskurse in neue, bisher nicht vorgesehene Richtungen entwickelt werden können. Voraussetzung für eine kreative Randunschärfe ist allerdings eine Kernprägnanz eines Begriffs, die ein gemeinsames Basisverständnis garantiert. Um eine solche Kernprägnanz geht es mir, wenn ich hier ganz kurz und (hoffentlich) ohne langweilige technische Details die Begriffe ›Narrativität‹, ›Narrativ‹, ›Geschichte‹, ›Erzählung‹ und ›Aktanten‹ erläutere, die in diesem Buch immer wieder vorkommen (vgl. dazu auch MÜLLER 2019).

Abb 1: Die narrative Grundstruktur


Narrativität besitzt ein Kommunikationsakt, wenn er diejenigen Merkmale aufweist, die schon Aristoteles in seiner Poetik formuliert hat: einen Anfang, eine Mitte und ein Ende (vgl. ARISTOTELES 1982: 25). Ein wenig genauer könnte man es folgendermaßen definieren: Narrativität liegt dann vor, wenn ein Kommunikationsakt

•ein Geschehen mit einem zeitlichen Ablauf abbildet;

•ein Ausgangszustand, (mindestens) ein Ereignis und ein Endzustand geschildert werden und

•das Ereignis eine Veränderung auslöst, die einen Unterschied zwischen Endzustand und Ausgangszustand herstellt.

Die drei Sätze »Peter ist einsam und unglücklich. Peter verliebt sich in Marie. Peter und Marie sind ein glückliches Paar.« geben eine basale narrative Struktur wieder, die Satzfolge verfügt also über Narrativität. Narrative, Geschichten und Erzählungen haben gemeinsam, dass sie über Narrativität verfügen, also eine narrative Struktur haben. Mit dieser Definition, die natürlich einerseits auf Aristoteles, andererseits aber auf den amerikanischen Literaturwissenschaftler Gerald Prince (vgl. PRINCE 1973) zurückgeht, kann man narrative Äußerungen von anderen klar unterscheiden – auch wenn im Alltag oder in den Medien alles Mögliche als ›Geschichte‹ bzw. als ›Storytelling‹ bezeichnet wird: JournalistInnen sprechen von ›ihrer Story‹, auch wenn sie in Wirklichkeit ›Thema‹ meinen, häufig wird die bloße Emotionalität von Inhalten als ›Storytelling‹ bezeichnet. Oder die Verwendung von Metaphern oder – wie bei Instagram-Storys – das Abbilden eines alltäglichen Vorgangs in einem Video. All das ist kein Storytelling, kein Erzählen. Was dabei entsteht, sind keine Geschichten – auch wenn die Kommunikationsakte ansonsten noch so interessant sein mögen.

Ein Narrativ ist eine direkt (explizit) oder indirekt (implizit) geäußerte oder von Äußerungen ableitbare narrative Struktur. Das klingt komplizierter, als es ist. Ein Beispiel, auf das ich später noch ausführlich eingehen werde, ist das Leistungs-Narrativ, das in unserer Gesellschaft und in politischen Diskursen fast allgegenwärtig ist. Viele in unserem Land sind zutiefst davon überzeugt, dass wir in einer sogenannten ›Meritokratie‹ leben, dass also Leistung, Anstrengungen und Bemühen notwendig sind und in aller Regel zu Erfolg und gesellschaftlichem Aufstieg führen. Dahinter steckt eine narrative Struktur: »X ist nicht wohlhabend / gesellschaftlich nicht anerkannt. X bringt große Leistung. X ist wohlhabend und gesellschaftlich gut situiert.« Dies ist das Leistungs-Narrativ, das durch zahlreiche Einzelgeschichten (Erfolgsgeschichten) von Individuen immer wieder erzählt und damit scheinbar bestätigt wird. Viele empirische Untersuchungen kommen dagegen zu dem Ergebnis, dass Erfolg in unserer Gesellschaft eher der Herkunft, einer dieser entsprechenden Bildung, Netzwerken oder schlicht dem Zufall zuzuschreiben ist. Leistung sei allenfalls einer der Faktoren, aber keine notwendige Prämisse für Erfolg.

Solche Narrative definieren die Glaubenssätze und Grundüberzeugungen einer Kultur, einer Gesellschaft; sie drücken unsere Erklärungen aus, wie etwas wird, woher etwas kommt und wie Dinge zusammenhängen. Narrative sind wesentliche Muster, mit denen wir uns unsere (tatsächlichen oder vermeintlichen) Erfahrungen erklären (vgl. BRUNER 1986: 13).

Auch der Begriff des ›Narrativs‹ ist wie der des Storytelling in den letzten Jahren etwas inflationär benutzt worden, dennoch ist er ein sinnvoller und sehr nützlicher Begriff: Es sind narrative Strukturen, die unserem Denken und den »großen Erzählungen« (LYOTARD 72012), den Sinnmustern unserer Gesellschaft, zugrunde liegen. Narrative können in einzelnen Geschichten erzählt werden – wie zum Beispiel die vielen Erfolgsgeschichten, die das Leistungs-Narrativ belegen sollen –, aber sie können auch durch einzelne Behauptungen und Parolen gewissermaßen ›getriggert‹ werden. Der alte CDU-Slogan aus der Bundestagswahl 1982 ›Leistung muss sich wieder lohnen‹ ist so eine Behauptung, die das Leistungs-Narrativ ›triggert‹. Der Slogan äußert mit dem ›wieder‹ auch noch die Behauptung, der im Leistungs-Narrativ kodierte Anspruch sei vorübergehend verloren gegangen.

Eine Geschichte ist eine konkrete Abfolge von Begebenheiten, die einer narrativen Struktur folgt. Zum ›Unglückliche-Liebe-Narrativ‹ (»X und Y sind verliebt. Umstände verhindern, dass die beiden zusammenkommen. X und Y bleiben unglücklich oder sind am Ende gar tot.« gibt es zahlreiche Geschichten, die dieses in konkreten Abläufen realisieren. Die Geschichte von Romeo und Julia ist eine davon. Eine Geschichte erzählt also immer entlang einer narrative Struktur die konkreten Erlebnisse konkreter Figuren.

Eine Erzählung ist die Realisierung einer Geschichte in einem konkreten Kommunikationsakt: Ich erzähle jemandem die Geschichte von Romeo und Julia, Shakespeare schreibt diese Geschichte in einer bestimmten Form auf, in einem Theater wird das Stück aufgeführt etc.

Storytelling schließlich ist ein häufig unscharf gebrauchter Begriff, der im Grunde synonym mit ›Erzählung‹ ist. Häufig wird er aber auch für das ganze Feld des Narrativen gebraucht. Politisches Storytelling ist somit der Gebrauch narrativer Ansätze im politisch-gesellschaftlichen Bereich.

Übertragen auf den politischen Kontext: Ein rechtspopulistisches Narrativ wäre das von der Islamisierung des Abendlandes. Eine Geschichte könnte sein, dass in einer bestimmten Kleinstadt zu einem bestimmten Zeitpunkt 200 vornehmlich aus islamischen Ländern stammende Flüchtlinge einquartiert wurden, und wie die Einheimischen darauf reagierten (im Deutschland der letzten Jahre ja meist ungnädig). Und eine konkrete Erzählung dieser Geschichte könnte man bei einem Wahlkampfauftritt eines rechtspopulistischen Politikers miterleben, der natürlich bestimmte Aspekte dieser Geschichte, die in sein ideologisches System passen, kräftig ausschmückt.

Ein Problem im Kontext dieses Beispiels ist, dass gesellschaftliche Narrative die dahinterliegenden Denk- und Handlungsmuster durch das häufige Erzählen von entsprechenden Geschichten scheinbar immer wieder belegen und verstärken. Angenommen, in einer bestimmten Gruppe herrscht das Narrativ vor, dass die meisten männlichen Flüchtlinge gefährliche »Messermänner« (um das Unwort von Alice Weidel zu zitieren) seien, die nur darauf warten, jemanden (bevorzugt »Biodeutsche«) niederzustechen. Das Narrativ könnte dann so aussehen: »Merkel hat die Grenzen geöffnet. Dann kamen lauter gefährliche Messermänner ins Land. Jetzt ist die Gefahr für die einheimische Bevölkerung sehr groß.« Mit jeder Erzählung einer (realen oder erfundenen) Geschichte einer Gewalttat eines Flüchtlings bekommt dieses Narrativ neue Nahrung. Und ein weiteres Problem ist, dass offenbar ›Counter-Storys‹, also die Erzählung von Geschichten von positiven Integrationserlebnissen mit Geflüchteten, nicht die gewünschte Wirkung erbringen. Die Einzelgeschichten werden zwar als Belege für das ›Messermänner‹-Narrativ angeführt, aber die Menschen denken nicht wie ein empirischer Forscher: Es gibt so und so viele Belege, daher schließen wir auf ein Theorem (in diesem Fall in Form eines Narrativs). Es läuft eher umgekehrt: Die Menschen wollen an ein Narrativ glauben und suchen dann nach Belegen. Das ist auch einer der Gründe, warum Menschen mit einer bestimmten Überzeugung (zum Beispiel einer fremdenfeindlichen) nicht auf positive Beispiele und Argumente reagieren.

Schließlich brauchen wir, um die Topografie des Erzählens zu vervollständigen, noch die Aktanten einer Geschichte. Den Begriff hat der französische Literaturwissenschaftler A. J. Greimas 1971 geprägt, um gewissermaßen das »Kraftfeld« ursprünglich mythologischer bzw. märchenhafter Erzählungen beschreiben zu können. Die Aktanten einer Geschichte definieren gewissermaßen eine Landkarte der Bedeutungen einer Geschichte.

Abb. 2: Die Aktanten einer Geschichte

Die Aktanten einer Geschichte sind:

•Das Subjekt, bzw. der Protagonist oder die Heldin einer Geschichte. Jede Geschichte ist die Geschichte von jemandem bzw. über jemanden, jede Geschichte hat eine Hauptfigur. Das kann natürlich – gerade im politischen Bereich – auch eine Gruppe sein (die Arbeiter, das Kapital, die SPD).

•Das Objekt ist das Ziel oder das Wunschobjekt, das die Protagonistin der Geschichte erreichen möchte. Greimas spricht vom »Begehren« (GREIMAS 1971: 165), das der Antrieb jeder Geschichte ist. In jeder Geschichte geht es letztlich um das Ziel, das Wunschobjekt, das die Protagonistin erreichen möchte: den geliebten Partner gewinnen, den Schatz finden, Macht erlangen, sich aus einer schwierigen Lage befreien etc. Die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Hauptfigur und ihrem Wunsch ist das Rückgrat jeder Geschichte und jedes Narrativs.

•Der Sender oder Auftraggeber ist diejenige Instanz in der Geschichte, die den Protagonisten gewissermaßen ›losschickt‹, um sein Ziel zu erreichen. Das kann natürlich die Protagonistin selbst sein (wie z.B. in einer Unternehmensgründerinnen-Geschichte) oder eine Person oder eine Institution. Der Auftraggeber der Bundeskanzlerin ist das Parlament und letztlich der Souverän, also das deutsche Volk. Auftraggeber kann aber auch ein zeitlicher Umstand sein: eine Pandemie – wie Covid 19 – bricht aus und die Regierung muss darauf reagieren.

•Der Empfänger oder Nutznießer ist diejenige Instanz, die davon profitiert, wenn die Protagonistin ihr Wunschobjekt gewinnt. Das kann wiederum die Hauptfigur selbst sein (wie in einer Liebes- oder Schatzsuchergeschichte); Nutznießer einer klugen Klimapolitik wäre einerseits die Umwelt, andererseits aber und vor allem die gesamte Menschheit, deren Überleben gesichert wäre.

•Der Adjuvant oder Helfer unterstützt die Hauptfigur auf dem Weg zu ihrem Ziel. Dieser Aktant kann ebenfalls wieder mit einer Person (Dr. Watson in den Sherlock-Holmes-Geschichten) oder mit einer Institution (der Europäische Gerichtshof) oder mit einem zeitlichen Umstand (die anziehende Konjunktur) besetzt sein.

•Ähnliches gilt für den Opponenten oder Gegenspieler: Dieser Aktant kann von einem Bösewicht (Professor Moriarty, um bei Sherlock Holmes zu bleiben), einer Institution (zum Beispiel dem ›Islamischen Staat‹) oder einem Umstand (eine Dürreperiode) besetzt sein.

Verändert man einen dieser Aktanten, verändert man die Geschichte und ihre Bedeutung. Erzählt man beispielsweise die Geschichte einer Person so, dass es ihr Wunsch ist, die Welt zu einem besseren Ort zu machen oder so, dass ihr Ziel die eigene Bereicherung ist?

KAPITEL 1 DIE WELT IST ALLES, WAS ERZÄHLT WIRD: WIE DER SINN IN DIE GESELLSCHAFT KOMMT
Die großen und die kleinen Erzählungen

In ähnlicher Weise, wie wir als Lebewesen in einer ›Biosphäre‹ leben – als dem Raum um die Erde, in der Leben möglich ist – könnten wir auf gesellschaftlich-politischer Ebene sagen, wir leben in einer ›Narratosphäre‹: Unsere soziale Welt ist ein Gespinst aus Erzählungen und Geschichten darüber, wer wir sind, woher wir kommen, wie wir geworden sind, was und wie wir heute sind, in welchen Bezugsgruppen (Familie, Religion, Ethnie, Staat) wir leben, wie diese geworden sind, was sie heute sind, und Geschichten darüber, wohin wir gehen wollen und was wir uns von der Zukunft erhoffen. All diese Geschichten (die wir explizit erzählen oder erzählt bekommen) und Narrative (die unseren Überzeugungen und Diskursen zugrunde liegen) zusammen erzeugen unsere soziale Welt, die Kultur, in der wir leben, die Grundannahmen über das, was ›bei uns‹ möglich und unmöglich, was wünschenswert oder abzulehnen ist. Diese Geschichten und Narrative bestimmen einen großen Teil dessen, was wir als unser ›Weltbild‹ bezeichnen könnten. Dass dahinter tatsächlich zum großen Teil Geschichten oder Narrative stecken, kann man sich leicht klarmachen, wenn man darüber nachdenkt, woher bestimmte Grundüberzeugungen und Identitätsmerkmale kommen, die wir als Gesellschaft oder Gruppe haben: Wenn wir unsere Identität im ›christlichen Abendland‹ finden, bauen wir auf den biblischen und allen anderen Geschichten rund um die christliche Religion auf; wenn die Aufklärung des 18. Jahrhunderts unser Referenzpunkt ist, beziehen wir uns auf die Narrative und Geschichten vom Sieg der Vernunft oder der Entstehung der Wissenschaft.

Die Tatsache, dass der ›Sinn‹ größerer Gemeinschaften narrativ konstruiert ist und Narrative fundamentale Voraussetzungen für das Funktionieren größerer sozialer Gruppen überhaupt ist, hat der israelische Historiker Juval Noah Harari in seinem Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit (HARARI 2013) herausgearbeitet: Kleinere soziale Gruppen, bis etwa 150 Mitglieder, sind auch nach den Erkenntnissen der Organisationspsychologie durch Alltagskommunikation, durch ›Klatsch und Tratsch‹ zu organisieren. Größere Gruppen brauchen ein gemeinsames Sinn-Narrativ, eine fiktionale Geschichte, die den gemeinsamen Sinn garantiert. Laut Harrari ist dies der Grund, warum der Homo sapiens als Spezies so erfolgreich war und so komplexe Kulturen und soziale Systeme wie etwa die frühen Stadtkulturen in Mesopotamien oder in China gründen konnte: »Nur der Mensch kann über etwas sprechen, das gar nicht existiert […]; mit der fiktiven Sprache können wir uns nicht nur Dinge ausmalen – wir können sie uns vor allem gemeinsam vorstellen. Wir können Mythen erfinden, wie die Schöpfungsgeschichte der Bibel, die Traumzeit der Aborigines oder die nationalistischen Mythen der modernen Nationalstaaten. Diese […] Mythen verleihen dem Homo sapiens […] die Fähigkeit, flexibel und in großen Gruppen zusammenzuarbeiten.« (HARRARI 2013: 37). Dies entspricht auch den Erkenntnissen der narrativen Psychologie, die ebenfalls soziale oder nationale Identitäten über Narrative definiert (vgl. z.B. LÁSZLÓ 2008: 163ff.). Geschichten definieren nicht nur größere Gesellschaften und ihre Identitäten, sondern auch den Sinn, den sich Gesellschaften als Ganzes, Gruppen oder Individuen geben: Auch hinter scheinbar banalen Sinnstiftungen wie ›Ich will Millionär werden‹ (banal im inhaltlichen Anspruch, nicht bezüglich der Realisierung, wie die meisten von uns wissen) stecken Narrative. Das können Geschichten darüber sein, welche Möglichkeiten man als Millionär hat. Oder welche Macht. Vielleicht beruht der Wunsch, Millionär zu werden, sogar auf einem gesellschaftlichen Basis-Narrativ (wie in dem legendären amerikanischen Narrativ vom Tellerwäscher, der jederzeit Millionär werden kann).

Man kann sich vielleicht vorstellen, dass in kleineren vormodernen Gesellschaften diese identitätsstiftenden Sinn-Narrative eher einfach und einheitlich waren (obwohl der Blick in die Vergangenheit oft Dinge einfacher aussehen lässt, als sie es tatsächlich waren). Aber wenn man diesen vereinfachenden Blick über die europäische nach-antike Geschichte wandern lässt, kann man diese Geschichte (auch) als ein Anwachsen von Komplexität und Ausdifferenzierung von Sinn-Narrativen sehen: War im Mittelalter das gemeinsame Sinn-Narrativ ganz klar das christliche, differenzierte sich dieses mit der Reformation zumindest in zwei Varianten – die katholische und die protestantische. Im 17. Jahrhundert kam dann das Rationalismus-, im 18. das Aufklärungs-Narrativ als direkte Konkurrenz zumindest zu den orthodox-christlichen Narrativen hinzu. Spätestens seitdem haben Mitglieder der europäischen Gesellschaften immer mehrere Sinn-Narrative zur Verfügung, für die sie sich – je nach Ausprägung der jeweiligen Machtstrukturen – mehr oder weniger frei, mit mehr oder weniger Gefahr für das eigene Leben, entscheiden konnten: Das Erlösungs-Narrativ des Christentums oder das Selbst-Erlösungs-Narrativ der Aufklärung. Natürlich konnte sich auch ein Bewohner des Mittelalters gegen das christliche Narrativ entscheiden – eine Kommunikation dieser Entscheidung kam jedoch einem Suizid gleich.

Im 19. Jahrhundert entstanden dann patriotisch-nationalistische Narrative, die auch als Versuche gewertet werden können, innerhalb der nun als ›Nationalitäten‹ konzipierten Sprach- und Herrschaftsgemeinschaften wieder eine starkes gemeinsames Sinn-Narrativ zu schaffen. Konterkariert wurde dies jedoch von Anfang an von dem entstehenden anarchistisch-sozialistischen Narrativ, das immer internationalistisch war und Identitätsgrenzen zwischen sozialen Schichten und nicht ethnischen oder imperialen Gebilden zog. Unter dieser – zugegeben und naturgemäß stark vereinfachenden – Perspektive können die totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts – vom Stalinismus über den Nationalsozialismus bis hin zum real existierenden ›Kommunismus‹ (was auch immer das hier bedeuten soll) Chinas – als Versuche gesehen werden, mit Gewalt etwas herzustellen, was es eben seit dem 18. Jahrhundert gar nicht mehr geben kann: ein einfaches, allgemeines, alle gesellschaftlichen Gruppen einigendes Sinn- und Identitäts-Narrativ.

Die Epoche seit dem Zweiten Weltkrieg ist – zumindest außerhalb totalitärer Regimes, aber auch dort durch wachsende Dissidentengruppen – geprägt durch eine ständige Zunahme sinnstiftender Identitäts-Narrative, mit deren Hilfe sich zahlreiche Gruppen und ›Milieus‹ innerhalb der Gesellschaft definieren und ihre Sinnangebote ausdifferenzieren. Es scheint – so zumindest die gängige Gesellschaftsdiagnose – als ob sich die ›großen Erzählungen‹ auserzählt hätten, wie von Jean-François Lyotard beschrieben (LYOTARD 72012), und einer postmodern-beliebigen Menge von kleinen, individuellen Erzählungen Platz gemacht hätten, die jeder und jede sich nach eigenem Gusto erzählt. Das ist die zutreffende eine Seite unserer Gesellschaften: Es gibt eben zahlreiche Milieus, Lebensstile, ästhetische Modelle, Gruppen, Ideologien, deren ›Follower‹ jeweils sich auf andere Sinn-Narrative verständigen können: Konservative, Veganer, Technikgläubige, Umweltschützer, Astrologen, Rechte, Schamanen, Sozialisten, sich nach der Vergangenheit sehnende, Kunstjünger und so weiter bilden ein unentwirrbares Feld von narrativen Teil- und Schnittmengen (denn diese Narrative sind natürlich nicht trennscharf, sondern berühren und überschneiden sich auf vielfältige Weise). Die Vielfalt von gesellschaftlichen Narrativen ist einer der Gründe, warum politische Überzeugungsarbeit – ähnlich wie das Vermarkten von Produkten – so schwierig geworden ist: Es gibt eben nicht mehr nur einige wenige Narrative (das konservative, das sozialdemokratische, das liberale und das grüne), die durch die Programme von Parteien noch bis in die 1960er-Jahre abgebildet werden konnten, sondern unzählige Geschichten-Welten und narrative Konglomerate, die quer zu den klassischen Stammwählern der Parteien liegen. Und dennoch gibt es auch in unserer postmodern-vielfältigen Gesellschaft einige Basis- oder Meta-Narrative, die einen Großteil aller dieser vielen Sinn-Narrative beeinflussen und grundieren, wie etwa das Leistungs-Narrativ, das Entwicklungs- und Wachstums-Narrativ oder das kapitalistische Markt-Narrativ. Doch dazu später.

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9783869625782
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