Kitabı oku: «Komplexitätsmanagement»

Michael Reiss
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1. Auflage 2020
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-035593-4
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-035594-1
epub: ISBN 978-3-17-035595-8
mobi: ISBN 978-3-17-035596-5
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Vorwort
In den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften wie in allen wissenschaftlichen Disziplinen und Transdisziplinen beschreibt Komplexität eine Situation, in der eine Vielfalt von interdependenten Faktoren einerseits für eine Komplexitätslast, andererseits aber auch für ein Komplexitätspotenzial sorgt. In derart schlecht strukturierten, risikobehafteten, intransparenten und volatilen Situationen ist es Aufgabe des Managements, eine Kongruenz von Last und Potenzial herzustellen. Dies gelingt häufig durch eine aufeinander abgestimmte Vereinfachung der Komplexitätslast und eine Anreicherung der menschlichen, organisatorischen und technischen Komplexitätspotenziale zu deren Handhabung. Das vorliegende Fachbuch verdeutlicht theoretisch fundiert die praktische Bedeutung eines derart ganzheitlichen und ausgewogenen Komplexitätsmanagements anhand von konzeptionellen Grundlagen sowie von Anwendungen in mehreren Managementsparten. Diese Domänen des angewandten Komplexitätsmanagements sind jeweils durch spezifische Komplexitätsmerkmale auf der Ebene der Strategien und Prozeduren geprägt. Im Gegensatz zu vorliegenden Ansätzen steht nicht der Kampf gegen Komplexität, sondern das Engagement für eine ausgewogene Komplexität im Mittelpunkt. Das Buch wendet sich an Leser, die über ein ökonomisches und sozialwissenschaftliches Grundlagenwissen verfügen und dieses Wissen durch einen komplexitätsfokussierten Zugang erweitern, integrieren, verfeinern und mitunter auch neu justieren wollen.
Der letzte Zugriff auf alle zitierten Internet-Quellen erfolgte am 28.05.2020. Kommentare, Kritik und Anregungen von Lesern sind unter michael.reiss@bwi.unistuttgart.de willkommen.
Der Autor dankt Herrn Dr. Uwe Fliegauf, Verlagsleitung des Kohlhammer-Verlags, für die Initiierung und Betreuung des Buchprojekts.
| Im Juni 2020 | Michael Reiss |
Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort
2 Abkürzungsverzeichnis
3 Einführung in das Thema »Komplexitätsmanagement«
4 1 Grundlagen des Komplexitätsmanagements
5 1.1 Komplexitätsfokussierte Modellierung
6 1.1.1 Spektrum von Komplexitätsmodellen
7 1.1.2 Standort von Komplexitätsmodellen
8 1.1.3 Stellenwert von Komplexitätsmodellen
9 1.1.4 Zusammenfassung
10 1.2 Komplexitätsterminologie
11 1.2.1 Architektur der Komplexität
12 1.2.2 Komponenten der Komplexität
13 1.2.3 Dimensionen der Komplexität
14 1.2.4 Domänen der Komplexität
15 1.2.5 Verbund zwischen Komplexitätsbausteinen
16 1.2.5.1 Nexus der Komplexität
17 1.2.5.2 Komponenten-Verbund
18 1.2.5.3 Dimensionen-Verbund
19 1.2.5.4 Domänen-Verbund
20 1.2.6 Komplexitätsmetrik
21 1.2.6.1 Präzisierungsbedarfe
22 1.2.6.2 Konzepte der Komplexitätsmessung
23 1.2.7 Zusammenfassung
24 1.3 Komplexitätstheorie
25 1.3.1 Theoriespektrum
26 1.3.2 Explizite und implizite Komplexitätstheorien
27 1.3.3 Wirkungsfokussierte Komplexitätsmodelle
28 1.3.4 Ursachenfokussierte Komplexitätsmodelle
29 1.3.5 Wirkungs- und ursachenfokussierte Komplexitätsmodelle
30 1.3.6 Zusammenfassung
31 1.4 Komplexitätsmanagement
32 1.4.1 Grundlagen des Komplexitätsmanagements
33 1.4.2 Komplexität des rationalen Management-Paradigmas
34 1.4.2.1 Bausteine des rationalen Komplexitätsmanagements
35 1.4.2.2 Komplexität des Ziel-, Bedingungs- und Instrumentalsystems
36 1.4.2.3 Zusammenfassung
37 1.4.3 Paradigmen des Komplexitätsmanagements
38 1.4.3.1 Spektrum der Paradigmen
39 1.4.3.2 Kongruenz-Paradigma
40 1.4.3.3 Zusammenfassung
41 1.4.4 Patterns des Komplexitätsmanagements
42 1.4.4.1 Spektrum
43 1.4.4.2 Komponentenfokussierte Patterns
44 1.4.4.3 Dimensionenfokussierte Patterns
45 1.4.4.4 Domänenfokussierte Patterns
46 1.4.4.5 Zusammenfassung
47 1.4.5 Parameter des Komplexitätsmanagements
48 1.4.5.1 Spektrum der Parameter
49 1.4.5.2 Komponentenfokussierte Prozeduren
50 1.4.5.3 Dimensionenfokussierte Prozeduren
51 1.4.5.4 Domänenfokussierte Prozeduren
52 1.4.5.5 Zusammenfassung
53 2 Anwendungen des Komplexitätsmanagements
54 2.1 Spektrum der Anwendungsdomänen
55 2.2 Ganzheitliches Geschäftsbeziehungsmanagement
56 2.2.1 Komplexitätsfokussiertes Geschäftsbeziehungsmanagement
57 2.2.2 Vielfalt verbundener Beziehungsdomänen
58 2.2.2.1 Spektrum der Beziehungsdomänen
59 2.2.2.2 Domänen-Verbund
60 2.2.3 Mehrschichtigkeit von Geschäftsbeziehungen
61 2.2.4 Hybrides Geschäftsbeziehungsmanagement
62 2.2.5 Zusammenfassung
63 2.3 Multikonflikt-Management
64 2.3.1 Konfliktmanagement als Komplexitätshandhabung
65 2.3.2 Komplexität der Multikonflikt-Landschaft
66 2.3.2.1 Komplexitätstreiber
67 2.3.2.2 Einbettung in einen Interaktionsverbund
68 2.3.2.3 Verbund zwischen Konfliktgegenständen
69 2.3.2.4 Verbund zwischen Strategien
70 2.3.3 Zusammenfassung
71 2.4 Diversifiziertes Unternehmertum
72 2.4.1 Unternehmertum als Komplexitätsphänomen
73 2.4.2 Kennzeichen des klassischen Unternehmertums
74 2.4.3 Variantenvielfalt
75 2.4.4 Hybrides Unternehmertum
76 2.4.5 Zusammenfassung
77 2.5 Hybride Strategiekonzepte
78 2.5.1 Spektrum der Hybridstrategien
79 2.5.2 Kundenfokussierte Mass Customization-Strategien
80 2.5.3 Value Net-basierte Mass Customization
81 2.5.4 Massenindividualisiertes Marketing
82 2.5.5 Zusammenfassung
83 2.6 Flexibles und integriertes Preismanagement
84 2.6.1 Domänen des komplexitätsfokussierten Preismanagements
85 2.6.2 Komplexitätsbedarfe und Komplexitätspotenziale
86 2.6.3 Flexibles Preismanagement
87 2.6.4 Integriertes Preismanagement
88 2.6.5 Zusammenfassung
89 2.7 Management-Fallen
90 2.7.1 Standortbestimmung
91 2.7.2 Ambivalenter Managementansatz
92 2.7.2.1 Fallenmanagement durch Opfer und Täter
93 2.7.2.2 Defensives Fallenmanagement
94 2.7.2.3 Offensives Fallenmanagement
95 2.7.3 Domänentypologie
96 2.7.3.1 Dosierungsfallen
97 2.7.3.2 Orientierungsfallen
98 2.7.3.3 Timing-Fallen
99 2.7.4 Zusammenfassung
100 2.8 Komplexitätsoptimiertes Change Management
101 2.8.1 Wandel als Komplexitätsphänomen
102 2.8.2 Komplexitätsfokussierte Paradigmen und Patterns des Wandels
103 2.8.3 Parameter des komplexitätsfokussierten Change Managements
104 2.8.4 Zusammenfassung
105 3 Zusammenfassung und Ausblick
106 3.1 Ganzheitliches Komplexitätsmanagement
107 3.1.1 Metakomplexität als Chance und Herausforderung
108 3.1.2 Erkenntnisfortschritte durch den Kongruenz-Framework
109 3.1.3 Weiterentwicklung des Kongruenz-Framework
110 3.2 Implementierungsperspektiven
111 Literaturverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis
| ADR | Alternative Dispute Resolution |
| BGB | Bürgerliches Gesetzbuch |
| BOK | Body of Knowledge |
| BOYD | Bring Your Own Device |
| B2B | Business to Business |
| B2C | Business to Consumer |
| CAD | Computer Assisted Design |
| CETA | Comprehensive Economic and Trade Agreement |
| CRM | Customer Relationship Management |
| C2C | Consumer to Consumer |
| DIN | Deutsche Industrie-Norm |
| EN | Europäische Norm |
| ERP | Enterprise Resource Planning |
| FAQ | Frequently Asked Questions |
| F&E | Forschung und Entwicklung |
| GmbH | Gesellschaft mit beschränkter Haftung |
| GPM | Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e.V. |
| HGB | Handelsgesetzbuch |
| HR | Human Resources |
| IFRS | International Financial Reporting Standards |
| IPMA | International Project Management Association |
| ISO | International Organization for Standardization |
| IT | Informationstechnologie |
| IuK | Informations- und Kommunikationstechnologie |
| KMU | Kleine und mittlere Unternehmen |
| MC | Mass Customization |
| M&A | Mergers & Acquisitions |
| NIH | Not Invented Here |
| OEM | Original Equipment Manufacturer |
| PESTEL | Political, Economic, Social, Technological, Ecological, Legal |
| PPP | Public Private Partnership |
| P2P | Peer-to-Peer |
| RFID | Radio Frequency Identification |
| RSS | Really Simple Syndication |
| SaaS | Software as a Service |
| SLA | Service Level Agreement |
| SMS | Short Message Service |
| SWOT | Strenghts-Weaknesses-Opportunities-Threats |
| UNO | United Nations Organization |
| VAR | Value Added Reseller |
| VUKA | Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität |
| WAN | Wide Area Network |
| WLAN | Wireless Local Area Network |
| WTO | World Trade Organization |
| WWW | World Wide Web (kurz: Web) |
| XaaS | Everything as a Service |
Einführung in das Thema »Komplexitätsmanagement«
Bei der Komplexität handelt es sich um ein formales Merkmal aller physischen, virtuellen und mentalen Welten. Wir machen uns ein subjektives oder objektives Bild dieser Welten durch eine Komplexitätslinse bzw. Komplexitätsbrille. Diese Modellperspektive ist insofern formal, als sie von inhaltlichen Merkmalen abstrahiert. Bei einem Produktprogramm bedeutet dies, dass das Komplexitätsmodell inhaltlich signifikante Unterschiede zwischen Branchen, die phänomenologische Beschaffenheit der Leistungen (Sachleistungen versus Dienstleistungen) bzw. Konsumgüter oder Investitionsgüter unberücksichtigt lässt und nur die Komplexitätsmerkmale erfasst: Hierzu zählen etwa die Anzahl der im Programm enthaltenen Produkte, ob ein Verbund (verbundene Diversifikation) oder kein Verbund (unverbundene Diversifikation) besteht, ob der Verbund komplementär oder substitutional ist, wie verschiedenartig oder ähnlich die Produkte sind (z. B. Standardleistungen, Produktfamilien, Varianten oder individualisierte Solutions), ob es Gleichteile gibt, ob Leistungen einzeln oder als Bundles angeboten werden, ob die Produktmerkmale hoch spezifiziert oder nur schwach spezifiziert sind (etwa »Hotelübernachtung« oder »Übernachtung im 5 Sterne-Hotel Miramar«), wie die Proportionen von »Renner«- und »Penner«-Produkten (nach Umschlagshäufigkeit, Verkaufszahlen) ausfallen und wie es mit der Länge des bisherigen und zukünftigen Lebenszyklus der einzelnen Produkte bestellt ist, z. B. Software-Versionen, langlebige Gebrauchsgüter oder kurzlebige Mode-Kollektionen.
Die Beispiele vermitteln eine erste Vorstellung vom Komplexitätsbegriff. Auch einige geläufige ökonomische Grundbegriffe wie z. B. »Knappheit«, »Projekt« (Sonderaufgaben), »Konflikt«, »Kannibalisierung« oder »öffentliche Güter« (kein Ausschluss von der Nutzung) erfassen primär Komplexitätsmerkmale. Ferner hat sich sowohl in der Alltagssprache als auch in der Wissenschaft eine komplexitätsorientierte Metaphorik und Idiomatik eingebürgert. Die sehr lange Liste umfasst etwa Bezeichnungen wie Amöbe, Chamäleon, schwerfällige Supertanker versus bewegliche Schnellboote, meterhohe Aktenberge, Schmelztiegel, trojanische Pferde, Gemengelage, Masse (z. B. Massenproduktion, kritische Masse), Lawinen, Labyrinthe, Blindflug, der »gläserne« Kunde, »sichere Häfen«, »Nadel im Heuhaufen«, Wirrwarr, Lippenbekenntnisse, Hassliebe, Flickenteppich, Regenbogenfamilien, Informationsexplosion, Software-Riesen, Eintönigkeit (»Täglich-grüßt-das-Murmeltier«-Effekt), Shortcuts (Abkürzungen), Spurwechsel, Lehman Moment (Krise), Aprilwetter (Wechselhaftigkeit), Verzahnung, Schneeballeffekt, Puzzle, »Zwischen Baum und Borke stecken«, »Flöhe und Läuse haben« (Kumulation, speziell Komorbidität), »Sturm im Wasserglas«, »beredtes Schweigen«, »Alles unter einen Hut bringen« (Konflikte lösen), verhärtete Fronten, Beidhändigkeit (Ambidextrie), Krokodilstränen, Büchse der Pandora, blinder Aktionismus, Eigentor, Erdrutschsieg (bei Wahlen), Zweifrontenkrieg, Spagat, zwei Seiten derselben Medaille, Alles-oder-Nichts, Klein-Klein-Strategien, Salami-Taktik, stille Rücklagen oder Teilhaber (Intransparenz), »Turbo« (beschleunigte Prozesse), Bärendienst, Pyrrhus-Sieg, Immobilienblase, kleiner Dienstweg, globales Dorf, flache (globale) Welt, Auseinanderklaffen von Sein und Schein, Wasserkopf (überdimensionierte Verwaltung), »schwammige« Begriffe (wie z. B. »einvernehmlich«, »gesundes Misstrauen«), Eisberg (hoher intransparenter Anteil), Scharlatane, Balkanisierung (Zerfall großer Gebilde in viele kleine Einheiten), Terra Inkognita, weiße Flecken, Querdenker, Eiserner Vorhang (Ost-West-Aufteilung Europas während des kalten Kriegs), »dünnes Eis« (riskante Situationen), Undercover, Geldschleier, Hufeisen-Theorie, »Klotzen statt Kleckern!«, »Weiter so!«, Schubladenpläne, »08/15«, »mehrere Standbeine haben«, Mülleimer-Modell (Chaos), Dschungel, Schattenwirtschaft, Schatten-IT (unbefugter Einsatz privater Hard- und Software am Arbeitsplatz), Schattenbanken (z. B. Investmentfonds), Sandwich-Konstellation, runde Tische (Fehlen hierarchischer Differenzierung), »kalte« Progression, »Nacht und Nebel-Aktionen«, »hinter den Kulissen«, »zwischen den Zeilen«, »Applaus von der falschen Seite«, graue Märkte, graue Eminenzen (Strippenzieher), die unsichtbare Hand (durch Marktmechanismus werden die egoistischen Interessen der einzelnen Wirtschaftssubjekte in ein volkswirtschaftliches Optimum überführt), Borderline (Übergangsbereich zwischen neurotischen und psychotischen Störungen), Janusköpfigkeit, Zeitungsenten (Falschmeldungen), Reibungsverluste, (intransparentes) Darknet, Schwarzmärkte, Black Box, Dunkelziffer bzw. Dunkelfeld, schwarze Schwäne, Kleingedrucktes (geringe Transparenz), Zombies (Untote), geheime schwarze Listen, verdeckte Provisionen (z. B. Kick-Backs), Euphemismen, Phantomschmerz, Phantomstau, Phantom-Aktien, gordischer Knoten, »Kopf in den Sand stecken«, Pizza oder Pancake-Organisation statt Pyramiden-Organisation, »zwei Sachverständige, vier Meinungen«, Zeltorganisation (temporär eingerichtete und insofern flexible Organisationsformen in Gestalt von Projektteams oder Ausschüssen), Cloud und komplexitätsreduzierendes Schwarz-Weiß-Denken.
Seit mehreren Jahrzehnten (Simon 1962) bildet das Management von Komplexität einen Standardbestandteil des Managements. Dies signalisiert, dass man es beim Komplexitätsmanagement keinesfalls mit einem Hype oder eine Management-Mode zu tun hat. Über zahlreiche Disziplinen der Natur-, Sozial- und Systemwissenschaften hinweg dient der Komplexitätsansatz als ganzheitlicher Rahmen für verschiedene Arten der formalen Modellierung (Lewin/ Parker/ Regine 1998; Anderson 1999; Maguire/ McKelvey 1999; Stacey/ Griffin/ Shaw 2000; Cooksey 2001; Thietart/ Forgues 2011). Er nutzt die Komplexität als zentrale Analyseeinheit. Das Spektrum der Ansätze umfasst beispielsweise Massenproduktion, Risikomanagement, internationales Management, das Design von Hybriden (z. B. hybride Fahrzeuge, Getreidesorten, Lernmethoden, Anlagen, Materialien, Hybridstrategien, »Dokufiktion«, »Infotainment«, »Infomotion«, »Edutainment«, also Verknüpfungen von Informationen, Bildung und Emotionen), dynamische nichtlineare Systeme, Change Management, deskriptive Statistik (Massenphänomene), Konfliktmanagement, Innovationsmanagement, Wahrscheinlichkeitstheorie, Katastrophen- und Chaostheorie, dissipative und non-ergodische Strukturen sowie Fuzzy-Set-Theorie und -Management.
Einen oberflächlichen numerischen Nachweis dafür, wie allgegenwärtig die Beschäftigung mit Komplexität ist, liefern die Trefferzahlen in Suchmaschinen, für »Complexity« etwa mehr als 170.000.000. Weniger oberflächlich sind die Zusammenstellungen von Komplexitätskonstrukten im Alltag und in der Ökonomie. Aus den eingangs skizzierten Beispielen kann man ablesen, dass es unter den Komplexitätskonstrukten neben den emergenten Komplexitätsphänomenen (z. B. Vergessen, Verdrängen, Amnesie, Trends, Tendenzen, Überraschungen, Zweifel) auch »gemachte« Komplexitätskonzepte (z. B. Normierung, E-Mail-Bombing, Reizüberflutung, Tarnung, Pseudonyme, Geheimdiplomatie, Amnestie, Verjährung, Rücklagen, Sarkasmus) gibt. Sie sind das Ergebnis einer zielgerichteten Gestaltung, sprich eines Managements von Komplexität. Auf der umfangreichen Liste von Alltagskonzepten des zielorientierten Umgangs mit Komplexität finden sich beispielsweise Redundanzen (»Geldbeträge in Worten und in Ziffern spezifizieren«, »zweifache Eingabe von Passwörtern«, »Schlüssel zweimal herumdrehen«), mehrfache Authentifizierung (z. B. Passwort, Fingerabdruck, Bestätigungscode, Security-Token, Zwei-Faktor-Authentisierung) oder das Nato-Alphabet.
Ferner ist es nicht verwunderlich, dass alle Erscheinungsformen von Idealen und Utopien, etwa in Gestalt des Universalgelehrten, Superman, idealen Teams oder Arbeitgebers, aufgrund der charakteristischen Kumulation zahlreicher erwünschter Eigenschaften komplex sind. So wird z. B. der ideale Mitarbeiter umgangssprachlich als »eierlegende Wollmilchsau« charakterisiert.
Häufig wird »komplex« als klassifikatorische Ja-Nein-Eigenschaft verwendet, etwa bei komplexen versus einfachen Produktprogrammen. Da jedoch tendenziell alles als »komplex« eingestuft werden kann, haben sich ordinale Verwendungen von Komplexität durchgesetzt: Sie erlauben eine Unterscheidung zwischen mehr oder weniger Komplexität, komparativ statisch also zwischen einer Steigerung (Anreicherung) oder einer Verringerung (Vereinfachung) von Komplexität gegenüber einer Bezugskonstellation, etwa einer Normalkomplexität oder einem Bezugszeitpunkt.
In statischer Betrachtung werden zwei, jeweils sehr umfangreiche Cluster von Phänomenen und Konzepten der Komplexität unterschieden: ein auf wenig Komplexität und ein auf viel Komplexität fokussiertes Cluster. Dies kann man anschaulich anhand von gegensätzlich konfigurierten Begriffspaarungen illustrieren, etwa Dogmatismus versus Pluralismus, Assimilation versus Dissimilation (z. B. von Einstellungen), geschlossenes versus offenes Innovationsmanagement, explizites versus implizites Wissen, Integration (z. B. Inklusion) versus Segregation (z. B. Ghettoisierung, Rassentrennung, Trennung von Kirche und Staat), Entschleunigung versus Beschleunigung von Prozessen oder mechanistische versus organische Funktionsweise organisatorischer Gebilde.
Nicht alle Erscheinungsformen von »komplex« oder »einfach« werden durch genau diese Ausdrücke bezeichnet. Das verdeutlicht etwa das Stichwortverzeichnis eines Standardwerks der Organisationstheorie (Kieser/ Ebers 2014). Es enthält für »Komplexität« lediglich zwei Seitenangaben, obwohl Komplexitätskonstrukte praktisch auf allen Seiten des Werks behandelt werden. Für viele Erscheinungsformen von »komplex« oder »einfach« werden verwandte Begriffe verwendet. Nicht selten werden Begriffe, Wortbausteine oder Präfixe wie »vielfältig«, »bunt«, »Maxi«, »groß« (z. B. Großunternehmen im Unterschied zu KMU), »Mega« (z. B. Megaprojektmanagement, Flyvbjerg 2019), »multi«, »poly«, »entfernt«, »undurchsichtig«, »Ausnahme«, »paradox«, »spekulativ«, »unübersichtlich«, »voll« (z. B. Full Service, Thin- versus Fat-Clients), »offen«, »grenzenlos«, »grenzüberschreitend«, »unberechenbar«, »chaotisch«, »Sharing« (Teilen statt Besitzen, d. h. Fehlen von individuellen Verfügungsrechten), »sophisticated« oder »fuzzy« herangezogen, um hohe Komplexität abzubilden. Eine schwach ausgeprägte Komplexität wird hingegen beispielsweise durch Bezeichnungen wie »statisch«, »stationär«, »miniaturisiert« (z. B. Ultrabooks), »geordnet«, »geglättet«, »regelmäßig«, »geschlossen«, »klein« (z. B. kleine Lösungen, Smalltalk), »kurz« (SMS: Kurznachrichten, RSS: Really Simple Syndication, Tweets, Push Nachrichten) oder »Mikro« (z. B. Mikro-Finanzierung) ausgedrückt.
Das Gegensatzpaar »schwach versus stark« ist beispielsweise durch eine (allerdings mehrdeutige) Überschneidung mit der Differenzierung zwischen »einfach oder komplex« gekennzeichnet: So sind »schwache Signale« aufgrund ihres versteckten, mehrdeutigen, mutmaßlichen, unklaren oder unscharfen Charakters tatsächlich komplex. Im Gegensatz dazu gibt es keine Affinität zwischen sogenannten »schwachen oder starken Bindungen« (Weak versus Strong Ties) und »komplexen oder einfachen Bindungen«. Analog bedeutet »leicht« nicht immer »einfach«: »Light«-Versionen etwa die »GmbH light« oder auch »Mini-GmbH« (Unternehmergesellschaft mit beschränkter Haftung) repräsentieren in der Tat Vereinfachungen, etwa im Hinblick auf die Mindestanforderungen an das Eigenkapital von Start-ups. Im Gegensatz dazu steht »light« als Hinweis auf geringere Mengen an schädlichen Inhaltsstoffen wie z. B. Teer in Zigaretten oder Zucker in Getränken nicht für »Einfachheit«. Auch sogenannte »Kleine Welten« (Small-World Phenomenon) repräsentieren keine echten »einfachen« Welten: Auch wenn ein einzelner Akteur »einfach« nur eine Handvoll direkter Verbindungen benötigt, um weltweit vernetzt zu sein, erfordert die weltweite Vernetzung dieses Knotens ein komplexes Beziehungspotential, das nur die Gesamtheit aller weltweit verteilten Knoten bereitstellen kann.