Kitabı oku: «Komplexitätsmanagement»

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Michael Reiss

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1. Auflage 2020

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

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ISBN 978-3-17-035593-4

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pdf: ISBN 978-3-17-035594-1

epub: ISBN 978-3-17-035595-8

mobi: ISBN 978-3-17-035596-5

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Vorwort

In den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften wie in allen wissenschaftlichen Disziplinen und Transdisziplinen beschreibt Komplexität eine Situation, in der eine Vielfalt von interdependenten Faktoren einerseits für eine Komplexitätslast, andererseits aber auch für ein Komplexitätspotenzial sorgt. In derart schlecht strukturierten, risikobehafteten, intransparenten und volatilen Situationen ist es Aufgabe des Managements, eine Kongruenz von Last und Potenzial herzustellen. Dies gelingt häufig durch eine aufeinander abgestimmte Vereinfachung der Komplexitätslast und eine Anreicherung der menschlichen, organisatorischen und technischen Komplexitätspotenziale zu deren Handhabung. Das vorliegende Fachbuch verdeutlicht theoretisch fundiert die praktische Bedeutung eines derart ganzheitlichen und ausgewogenen Komplexitätsmanagements anhand von konzeptionellen Grundlagen sowie von Anwendungen in mehreren Managementsparten. Diese Domänen des angewandten Komplexitätsmanagements sind jeweils durch spezifische Komplexitätsmerkmale auf der Ebene der Strategien und Prozeduren geprägt. Im Gegensatz zu vorliegenden Ansätzen steht nicht der Kampf gegen Komplexität, sondern das Engagement für eine ausgewogene Komplexität im Mittelpunkt. Das Buch wendet sich an Leser, die über ein ökonomisches und sozialwissenschaftliches Grundlagenwissen verfügen und dieses Wissen durch einen komplexitätsfokussierten Zugang erweitern, integrieren, verfeinern und mitunter auch neu justieren wollen.

Der letzte Zugriff auf alle zitierten Internet-Quellen erfolgte am 28.05.2020. Kommentare, Kritik und Anregungen von Lesern sind unter michael.reiss@bwi.unistuttgart.de willkommen.

Der Autor dankt Herrn Dr. Uwe Fliegauf, Verlagsleitung des Kohlhammer-Verlags, für die Initiierung und Betreuung des Buchprojekts.


Im Juni 2020Michael Reiss

Inhaltsverzeichnis

1  Vorwort

2  Abkürzungsverzeichnis

3  Einführung in das Thema »Komplexitätsmanagement«

4  1 Grundlagen des Komplexitätsmanagements

5  1.1 Komplexitätsfokussierte Modellierung

6  1.1.1 Spektrum von Komplexitätsmodellen

7  1.1.2 Standort von Komplexitätsmodellen

8  1.1.3 Stellenwert von Komplexitätsmodellen

9  1.1.4 Zusammenfassung

10  1.2 Komplexitätsterminologie

11  1.2.1 Architektur der Komplexität

12  1.2.2 Komponenten der Komplexität

13  1.2.3 Dimensionen der Komplexität

14  1.2.4 Domänen der Komplexität

15  1.2.5 Verbund zwischen Komplexitätsbausteinen

16  1.2.5.1 Nexus der Komplexität

17  1.2.5.2 Komponenten-Verbund

18  1.2.5.3 Dimensionen-Verbund

19  1.2.5.4 Domänen-Verbund

20  1.2.6 Komplexitätsmetrik

21  1.2.6.1 Präzisierungsbedarfe

22  1.2.6.2 Konzepte der Komplexitätsmessung

23  1.2.7 Zusammenfassung

24  1.3 Komplexitätstheorie

25  1.3.1 Theoriespektrum

26  1.3.2 Explizite und implizite Komplexitätstheorien

27  1.3.3 Wirkungsfokussierte Komplexitätsmodelle

28  1.3.4 Ursachenfokussierte Komplexitätsmodelle

29  1.3.5 Wirkungs- und ursachenfokussierte Komplexitätsmodelle

30  1.3.6 Zusammenfassung

31  1.4 Komplexitätsmanagement

32  1.4.1 Grundlagen des Komplexitätsmanagements

33  1.4.2 Komplexität des rationalen Management-Paradigmas

34  1.4.2.1 Bausteine des rationalen Komplexitätsmanagements

35  1.4.2.2 Komplexität des Ziel-, Bedingungs- und Instrumentalsystems

36  1.4.2.3 Zusammenfassung

37  1.4.3 Paradigmen des Komplexitätsmanagements

38  1.4.3.1 Spektrum der Paradigmen

39  1.4.3.2 Kongruenz-Paradigma

40  1.4.3.3 Zusammenfassung

41  1.4.4 Patterns des Komplexitätsmanagements

42  1.4.4.1 Spektrum

43  1.4.4.2 Komponentenfokussierte Patterns

44  1.4.4.3 Dimensionenfokussierte Patterns

45  1.4.4.4 Domänenfokussierte Patterns

46  1.4.4.5 Zusammenfassung

47  1.4.5 Parameter des Komplexitätsmanagements

48  1.4.5.1 Spektrum der Parameter

49  1.4.5.2 Komponentenfokussierte Prozeduren

50  1.4.5.3 Dimensionenfokussierte Prozeduren

51  1.4.5.4 Domänenfokussierte Prozeduren

52  1.4.5.5 Zusammenfassung

53  2 Anwendungen des Komplexitätsmanagements

54  2.1 Spektrum der Anwendungsdomänen

55  2.2 Ganzheitliches Geschäftsbeziehungsmanagement

56  2.2.1 Komplexitätsfokussiertes Geschäftsbeziehungsmanagement

57  2.2.2 Vielfalt verbundener Beziehungsdomänen

58  2.2.2.1 Spektrum der Beziehungsdomänen

59  2.2.2.2 Domänen-Verbund

60  2.2.3 Mehrschichtigkeit von Geschäftsbeziehungen

61  2.2.4 Hybrides Geschäftsbeziehungsmanagement

62  2.2.5 Zusammenfassung

63  2.3 Multikonflikt-Management

64  2.3.1 Konfliktmanagement als Komplexitätshandhabung

65  2.3.2 Komplexität der Multikonflikt-Landschaft

66  2.3.2.1 Komplexitätstreiber

67  2.3.2.2 Einbettung in einen Interaktionsverbund

68  2.3.2.3 Verbund zwischen Konfliktgegenständen

69  2.3.2.4 Verbund zwischen Strategien

70  2.3.3 Zusammenfassung

71  2.4 Diversifiziertes Unternehmertum

72  2.4.1 Unternehmertum als Komplexitätsphänomen

73  2.4.2 Kennzeichen des klassischen Unternehmertums

74  2.4.3 Variantenvielfalt

75  2.4.4 Hybrides Unternehmertum

76  2.4.5 Zusammenfassung

77  2.5 Hybride Strategiekonzepte

78  2.5.1 Spektrum der Hybridstrategien

79  2.5.2 Kundenfokussierte Mass Customization-Strategien

80  2.5.3 Value Net-basierte Mass Customization

81  2.5.4 Massenindividualisiertes Marketing

82  2.5.5 Zusammenfassung

83  2.6 Flexibles und integriertes Preismanagement

84  2.6.1 Domänen des komplexitätsfokussierten Preismanagements

85  2.6.2 Komplexitätsbedarfe und Komplexitätspotenziale

86  2.6.3 Flexibles Preismanagement

87  2.6.4 Integriertes Preismanagement

88  2.6.5 Zusammenfassung

89  2.7 Management-Fallen

90  2.7.1 Standortbestimmung

91  2.7.2 Ambivalenter Managementansatz

92  2.7.2.1 Fallenmanagement durch Opfer und Täter

93  2.7.2.2 Defensives Fallenmanagement

94  2.7.2.3 Offensives Fallenmanagement

95  2.7.3 Domänentypologie

96  2.7.3.1 Dosierungsfallen

97  2.7.3.2 Orientierungsfallen

98  2.7.3.3 Timing-Fallen

99  2.7.4 Zusammenfassung

100  2.8 Komplexitätsoptimiertes Change Management

101  2.8.1 Wandel als Komplexitätsphänomen

102  2.8.2 Komplexitätsfokussierte Paradigmen und Patterns des Wandels

103  2.8.3 Parameter des komplexitätsfokussierten Change Managements

104  2.8.4 Zusammenfassung

105  3 Zusammenfassung und Ausblick

106  3.1 Ganzheitliches Komplexitätsmanagement

107  3.1.1 Metakomplexität als Chance und Herausforderung

108  3.1.2 Erkenntnisfortschritte durch den Kongruenz-Framework

109  3.1.3 Weiterentwicklung des Kongruenz-Framework

110  3.2 Implementierungsperspektiven

111  Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis


ADRAlternative Dispute Resolution
BGBBürgerliches Gesetzbuch
BOKBody of Knowledge
BOYDBring Your Own Device
B2BBusiness to Business
B2CBusiness to Consumer
CADComputer Assisted Design
CETAComprehensive Economic and Trade Agreement
CRMCustomer Relationship Management
C2CConsumer to Consumer
DINDeutsche Industrie-Norm
ENEuropäische Norm
ERPEnterprise Resource Planning
FAQFrequently Asked Questions
F&EForschung und Entwicklung
GmbHGesellschaft mit beschränkter Haftung
GPMDeutsche Gesellschaft für Projektmanagement e.V.
HGBHandelsgesetzbuch
HRHuman Resources
IFRSInternational Financial Reporting Standards
IPMAInternational Project Management Association
ISOInternational Organization for Standardization
ITInformationstechnologie
IuKInformations- und Kommunikationstechnologie
KMUKleine und mittlere Unternehmen
MCMass Customization
M&AMergers & Acquisitions
NIHNot Invented Here
OEMOriginal Equipment Manufacturer
PESTELPolitical, Economic, Social, Technological, Ecological, Legal
PPPPublic Private Partnership
P2PPeer-to-Peer
RFIDRadio Frequency Identification
RSSReally Simple Syndication
SaaSSoftware as a Service
SLAService Level Agreement
SMSShort Message Service
SWOTStrenghts-Weaknesses-Opportunities-Threats
UNOUnited Nations Organization
VARValue Added Reseller
VUKAVolatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität
WANWide Area Network
WLANWireless Local Area Network
WTOWorld Trade Organization
WWWWorld Wide Web (kurz: Web)
XaaSEverything as a Service

Einführung in das Thema »Komplexitätsmanagement«

Bei der Komplexität handelt es sich um ein formales Merkmal aller physischen, virtuellen und mentalen Welten. Wir machen uns ein subjektives oder objektives Bild dieser Welten durch eine Komplexitätslinse bzw. Komplexitätsbrille. Diese Modellperspektive ist insofern formal, als sie von inhaltlichen Merkmalen abstrahiert. Bei einem Produktprogramm bedeutet dies, dass das Komplexitätsmodell inhaltlich signifikante Unterschiede zwischen Branchen, die phänomenologische Beschaffenheit der Leistungen (Sachleistungen versus Dienstleistungen) bzw. Konsumgüter oder Investitionsgüter unberücksichtigt lässt und nur die Komplexitätsmerkmale erfasst: Hierzu zählen etwa die Anzahl der im Programm enthaltenen Produkte, ob ein Verbund (verbundene Diversifikation) oder kein Verbund (unverbundene Diversifikation) besteht, ob der Verbund komplementär oder substitutional ist, wie verschiedenartig oder ähnlich die Produkte sind (z. B. Standardleistungen, Produktfamilien, Varianten oder individualisierte Solutions), ob es Gleichteile gibt, ob Leistungen einzeln oder als Bundles angeboten werden, ob die Produktmerkmale hoch spezifiziert oder nur schwach spezifiziert sind (etwa »Hotelübernachtung« oder »Übernachtung im 5 Sterne-Hotel Miramar«), wie die Proportionen von »Renner«- und »Penner«-Produkten (nach Umschlagshäufigkeit, Verkaufszahlen) ausfallen und wie es mit der Länge des bisherigen und zukünftigen Lebenszyklus der einzelnen Produkte bestellt ist, z. B. Software-Versionen, langlebige Gebrauchsgüter oder kurzlebige Mode-Kollektionen.

Die Beispiele vermitteln eine erste Vorstellung vom Komplexitätsbegriff. Auch einige geläufige ökonomische Grundbegriffe wie z. B. »Knappheit«, »Projekt« (Sonderaufgaben), »Konflikt«, »Kannibalisierung« oder »öffentliche Güter« (kein Ausschluss von der Nutzung) erfassen primär Komplexitätsmerkmale. Ferner hat sich sowohl in der Alltagssprache als auch in der Wissenschaft eine komplexitätsorientierte Metaphorik und Idiomatik eingebürgert. Die sehr lange Liste umfasst etwa Bezeichnungen wie Amöbe, Chamäleon, schwerfällige Supertanker versus bewegliche Schnellboote, meterhohe Aktenberge, Schmelztiegel, trojanische Pferde, Gemengelage, Masse (z. B. Massenproduktion, kritische Masse), Lawinen, Labyrinthe, Blindflug, der »gläserne« Kunde, »sichere Häfen«, »Nadel im Heuhaufen«, Wirrwarr, Lippenbekenntnisse, Hassliebe, Flickenteppich, Regenbogenfamilien, Informationsexplosion, Software-Riesen, Eintönigkeit (»Täglich-grüßt-das-Murmeltier«-Effekt), Shortcuts (Abkürzungen), Spurwechsel, Lehman Moment (Krise), Aprilwetter (Wechselhaftigkeit), Verzahnung, Schneeballeffekt, Puzzle, »Zwischen Baum und Borke stecken«, »Flöhe und Läuse haben« (Kumulation, speziell Komorbidität), »Sturm im Wasserglas«, »beredtes Schweigen«, »Alles unter einen Hut bringen« (Konflikte lösen), verhärtete Fronten, Beidhändigkeit (Ambidextrie), Krokodilstränen, Büchse der Pandora, blinder Aktionismus, Eigentor, Erdrutschsieg (bei Wahlen), Zweifrontenkrieg, Spagat, zwei Seiten derselben Medaille, Alles-oder-Nichts, Klein-Klein-Strategien, Salami-Taktik, stille Rücklagen oder Teilhaber (Intransparenz), »Turbo« (beschleunigte Prozesse), Bärendienst, Pyrrhus-Sieg, Immobilienblase, kleiner Dienstweg, globales Dorf, flache (globale) Welt, Auseinanderklaffen von Sein und Schein, Wasserkopf (überdimensionierte Verwaltung), »schwammige« Begriffe (wie z. B. »einvernehmlich«, »gesundes Misstrauen«), Eisberg (hoher intransparenter Anteil), Scharlatane, Balkanisierung (Zerfall großer Gebilde in viele kleine Einheiten), Terra Inkognita, weiße Flecken, Querdenker, Eiserner Vorhang (Ost-West-Aufteilung Europas während des kalten Kriegs), »dünnes Eis« (riskante Situationen), Undercover, Geldschleier, Hufeisen-Theorie, »Klotzen statt Kleckern!«, »Weiter so!«, Schubladenpläne, »08/15«, »mehrere Standbeine haben«, Mülleimer-Modell (Chaos), Dschungel, Schattenwirtschaft, Schatten-IT (unbefugter Einsatz privater Hard- und Software am Arbeitsplatz), Schattenbanken (z. B. Investmentfonds), Sandwich-Konstellation, runde Tische (Fehlen hierarchischer Differenzierung), »kalte« Progression, »Nacht und Nebel-Aktionen«, »hinter den Kulissen«, »zwischen den Zeilen«, »Applaus von der falschen Seite«, graue Märkte, graue Eminenzen (Strippenzieher), die unsichtbare Hand (durch Marktmechanismus werden die egoistischen Interessen der einzelnen Wirtschaftssubjekte in ein volkswirtschaftliches Optimum überführt), Borderline (Übergangsbereich zwischen neurotischen und psychotischen Störungen), Janusköpfigkeit, Zeitungsenten (Falschmeldungen), Reibungsverluste, (intransparentes) Darknet, Schwarzmärkte, Black Box, Dunkelziffer bzw. Dunkelfeld, schwarze Schwäne, Kleingedrucktes (geringe Transparenz), Zombies (Untote), geheime schwarze Listen, verdeckte Provisionen (z. B. Kick-Backs), Euphemismen, Phantomschmerz, Phantomstau, Phantom-Aktien, gordischer Knoten, »Kopf in den Sand stecken«, Pizza oder Pancake-Organisation statt Pyramiden-Organisation, »zwei Sachverständige, vier Meinungen«, Zeltorganisation (temporär eingerichtete und insofern flexible Organisationsformen in Gestalt von Projektteams oder Ausschüssen), Cloud und komplexitätsreduzierendes Schwarz-Weiß-Denken.

Seit mehreren Jahrzehnten (Simon 1962) bildet das Management von Komplexität einen Standardbestandteil des Managements. Dies signalisiert, dass man es beim Komplexitätsmanagement keinesfalls mit einem Hype oder eine Management-Mode zu tun hat. Über zahlreiche Disziplinen der Natur-, Sozial- und Systemwissenschaften hinweg dient der Komplexitätsansatz als ganzheitlicher Rahmen für verschiedene Arten der formalen Modellierung (Lewin/ Parker/ Regine 1998; Anderson 1999; Maguire/ McKelvey 1999; Stacey/ Griffin/ Shaw 2000; Cooksey 2001; Thietart/ Forgues 2011). Er nutzt die Komplexität als zentrale Analyseeinheit. Das Spektrum der Ansätze umfasst beispielsweise Massenproduktion, Risikomanagement, internationales Management, das Design von Hybriden (z. B. hybride Fahrzeuge, Getreidesorten, Lernmethoden, Anlagen, Materialien, Hybridstrategien, »Dokufiktion«, »Infotainment«, »Infomotion«, »Edutainment«, also Verknüpfungen von Informationen, Bildung und Emotionen), dynamische nichtlineare Systeme, Change Management, deskriptive Statistik (Massenphänomene), Konfliktmanagement, Innovationsmanagement, Wahrscheinlichkeitstheorie, Katastrophen- und Chaostheorie, dissipative und non-ergodische Strukturen sowie Fuzzy-Set-Theorie und -Management.

Einen oberflächlichen numerischen Nachweis dafür, wie allgegenwärtig die Beschäftigung mit Komplexität ist, liefern die Trefferzahlen in Suchmaschinen, für »Complexity« etwa mehr als 170.000.000. Weniger oberflächlich sind die Zusammenstellungen von Komplexitätskonstrukten im Alltag und in der Ökonomie. Aus den eingangs skizzierten Beispielen kann man ablesen, dass es unter den Komplexitätskonstrukten neben den emergenten Komplexitätsphänomenen (z. B. Vergessen, Verdrängen, Amnesie, Trends, Tendenzen, Überraschungen, Zweifel) auch »gemachte« Komplexitätskonzepte (z. B. Normierung, E-Mail-Bombing, Reizüberflutung, Tarnung, Pseudonyme, Geheimdiplomatie, Amnestie, Verjährung, Rücklagen, Sarkasmus) gibt. Sie sind das Ergebnis einer zielgerichteten Gestaltung, sprich eines Managements von Komplexität. Auf der umfangreichen Liste von Alltagskonzepten des zielorientierten Umgangs mit Komplexität finden sich beispielsweise Redundanzen (»Geldbeträge in Worten und in Ziffern spezifizieren«, »zweifache Eingabe von Passwörtern«, »Schlüssel zweimal herumdrehen«), mehrfache Authentifizierung (z. B. Passwort, Fingerabdruck, Bestätigungscode, Security-Token, Zwei-Faktor-Authentisierung) oder das Nato-Alphabet.

Ferner ist es nicht verwunderlich, dass alle Erscheinungsformen von Idealen und Utopien, etwa in Gestalt des Universalgelehrten, Superman, idealen Teams oder Arbeitgebers, aufgrund der charakteristischen Kumulation zahlreicher erwünschter Eigenschaften komplex sind. So wird z. B. der ideale Mitarbeiter umgangssprachlich als »eierlegende Wollmilchsau« charakterisiert.

Häufig wird »komplex« als klassifikatorische Ja-Nein-Eigenschaft verwendet, etwa bei komplexen versus einfachen Produktprogrammen. Da jedoch tendenziell alles als »komplex« eingestuft werden kann, haben sich ordinale Verwendungen von Komplexität durchgesetzt: Sie erlauben eine Unterscheidung zwischen mehr oder weniger Komplexität, komparativ statisch also zwischen einer Steigerung (Anreicherung) oder einer Verringerung (Vereinfachung) von Komplexität gegenüber einer Bezugskonstellation, etwa einer Normalkomplexität oder einem Bezugszeitpunkt.

In statischer Betrachtung werden zwei, jeweils sehr umfangreiche Cluster von Phänomenen und Konzepten der Komplexität unterschieden: ein auf wenig Komplexität und ein auf viel Komplexität fokussiertes Cluster. Dies kann man anschaulich anhand von gegensätzlich konfigurierten Begriffspaarungen illustrieren, etwa Dogmatismus versus Pluralismus, Assimilation versus Dissimilation (z. B. von Einstellungen), geschlossenes versus offenes Innovationsmanagement, explizites versus implizites Wissen, Integration (z. B. Inklusion) versus Segregation (z. B. Ghettoisierung, Rassentrennung, Trennung von Kirche und Staat), Entschleunigung versus Beschleunigung von Prozessen oder mechanistische versus organische Funktionsweise organisatorischer Gebilde.

Nicht alle Erscheinungsformen von »komplex« oder »einfach« werden durch genau diese Ausdrücke bezeichnet. Das verdeutlicht etwa das Stichwortverzeichnis eines Standardwerks der Organisationstheorie (Kieser/ Ebers 2014). Es enthält für »Komplexität« lediglich zwei Seitenangaben, obwohl Komplexitätskonstrukte praktisch auf allen Seiten des Werks behandelt werden. Für viele Erscheinungsformen von »komplex« oder »einfach« werden verwandte Begriffe verwendet. Nicht selten werden Begriffe, Wortbausteine oder Präfixe wie »vielfältig«, »bunt«, »Maxi«, »groß« (z. B. Großunternehmen im Unterschied zu KMU), »Mega« (z. B. Megaprojektmanagement, Flyvbjerg 2019), »multi«, »poly«, »entfernt«, »undurchsichtig«, »Ausnahme«, »paradox«, »spekulativ«, »unübersichtlich«, »voll« (z. B. Full Service, Thin- versus Fat-Clients), »offen«, »grenzenlos«, »grenzüberschreitend«, »unberechenbar«, »chaotisch«, »Sharing« (Teilen statt Besitzen, d. h. Fehlen von individuellen Verfügungsrechten), »sophisticated« oder »fuzzy« herangezogen, um hohe Komplexität abzubilden. Eine schwach ausgeprägte Komplexität wird hingegen beispielsweise durch Bezeichnungen wie »statisch«, »stationär«, »miniaturisiert« (z. B. Ultrabooks), »geordnet«, »geglättet«, »regelmäßig«, »geschlossen«, »klein« (z. B. kleine Lösungen, Smalltalk), »kurz« (SMS: Kurznachrichten, RSS: Really Simple Syndication, Tweets, Push Nachrichten) oder »Mikro« (z. B. Mikro-Finanzierung) ausgedrückt.

Das Gegensatzpaar »schwach versus stark« ist beispielsweise durch eine (allerdings mehrdeutige) Überschneidung mit der Differenzierung zwischen »einfach oder komplex« gekennzeichnet: So sind »schwache Signale« aufgrund ihres versteckten, mehrdeutigen, mutmaßlichen, unklaren oder unscharfen Charakters tatsächlich komplex. Im Gegensatz dazu gibt es keine Affinität zwischen sogenannten »schwachen oder starken Bindungen« (Weak versus Strong Ties) und »komplexen oder einfachen Bindungen«. Analog bedeutet »leicht« nicht immer »einfach«: »Light«-Versionen etwa die »GmbH light« oder auch »Mini-GmbH« (Unternehmergesellschaft mit beschränkter Haftung) repräsentieren in der Tat Vereinfachungen, etwa im Hinblick auf die Mindestanforderungen an das Eigenkapital von Start-ups. Im Gegensatz dazu steht »light« als Hinweis auf geringere Mengen an schädlichen Inhaltsstoffen wie z. B. Teer in Zigaretten oder Zucker in Getränken nicht für »Einfachheit«. Auch sogenannte »Kleine Welten« (Small-World Phenomenon) repräsentieren keine echten »einfachen« Welten: Auch wenn ein einzelner Akteur »einfach« nur eine Handvoll direkter Verbindungen benötigt, um weltweit vernetzt zu sein, erfordert die weltweite Vernetzung dieses Knotens ein komplexes Beziehungspotential, das nur die Gesamtheit aller weltweit verteilten Knoten bereitstellen kann.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
19 aralık 2025
Hacim:
498 s. 14 illüstrasyon
ISBN:
9783170355958
Telif hakkı:
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