Kitabı oku: «Tempel, Kulte, Götter»

Das Wissen dieser Welt aus den Hörsälen der Universitäten.
Fachbereich
ALTE GESCHICHTE
TEMPEL, KULTE, GÖTTER
Die Religionen der Griechen
Von Prof. Dr. Michael Stahl
Tempel, Kulte, Götter
Die Religion der Griechen
Der christliche Blick auf die antike Religion – Die Gottheit und ihr Tempel – Die Idee der Säule – Tempel und Bürgerkommunikation – Tempelbau und Polisgemeinde – Der heilige Bezirk – Das religiöse Opfer – Die Anrufung der Götter – Kult und Bürgerstaat: Ohne Kirche und Klerus – Das Göttliche – Der Mythos – Viele göttliche Kräfte – Nach dem Bilde des Menschen – Das Göttliche und das Schöne
Der christliche Blick auf die antike Religion
Antike Religion – da mögen manchem exotisch-romantische Bilder vor Augen kommen von Dunkles murmelnden Priestern, dampfenden Altären und vom Olymp, auf dem die Götter thronen mit ewig lachenden Gesichtern und auf die Menschen herabsehen. Bei anderen wiederum mögen scheinbar selbstverständliche Vorstellungen einrasten, denn was Religion sei, das scheint aus einer bald zweitausendjährigen christlichen Tradition vertraut, und wir sind versucht, das Religiöse auch der Antike in diesen Formen wahrzunehmen und in christlichen Kategorien zu denken. Wir sollten uns diese aber zumindest bewußt machen, auch wenn sie z. T. nicht völlig abwegig sind, etwa im Blick auf die Religionen der römischen Kaiserzeit oder der christlichen Spätantike. Denn das Christentum hat viel, mehr als wir auf den ersten Blick vermuten würden, der sog. heidnischen Antike Roms zu verdanken.
Doch Empfindungen wie die allgegenwärtige seelische Bedrängnis durch Schuld und Verstrickung, Ideen von Verantwortung und Rechtfertigung vor den Augen eines göttlichen Herrn, von Hoffnung auf Vergebung im Diesseits und Erlösung im Jenseits – dieser hergebrachte Horizont religiöser Erfahrung behindert unser Verständnis, insbesondere im Hinblick auf die Religion der Griechen. Wenn wir sie in diesen Koordinaten begreifen wollten, müßten wir feststellen, daß die Griechen gar keine Religion hatten. Nichts jedoch wäre falscher.
Kaum ein Zeugnis aus den ersten, rund fünf Jahrhunderten der griechischen Kultur, also der Archaik und Klassik, ist ohne Bezug auf Mythologie und Religion, ohne Verweis auf Einwirkung des Göttlichen. Kein Gegenstand, den die Archäologen zutage gefördert haben, keine Scherbe und kein Kunstwerk, in dem nicht auch eine Ahnung vom ganz Anderen Ausdruck und Gestalt fände. In allen seinen Facetten, im Haus wie in der Öffentlichkeit der Polis, war das Leben der Griechen durchdrungen von einem stets virulenten Bewußtsein, es existiere eine Sphäre des dem Menschen nicht Verfügbaren, und von dem Versuch, mit ihr in Beziehung zu treten.
Allerdings sind Formen und Vorstellungen des Religiösen bei den Griechen weit entfernt von dem uns Gewohnten: Sie kannten weder Einheitlichkeit noch System, keine dogmatischen Glaubenssätze und keine religiöse Reflexion. Jede Frage des christlichen Theologen nach Offenbarungswahrheit oder nach Bekenntnis prallt ab von der lebendigen Inkonsequenz, von der überfließenden Kreativität der Geschichten des Mythos und von ihrer fraglosen Geltung.
Vielleicht eröffnen sich auf diese griechische Religion aber neue Blickwinkel, lassen sich, in einigen Zügen wenigstens, Brücken schlagen für ein angemesseneres Verständnis, wenn wir von religiösen Strömungen ausgehen, wie wir sie seit ein, zwei Generationen beobachten können, den Renaissancen und Erweckungen, der neuen Vielfalt und Fluidität des Religiösen und den Versuchen, es wieder von seinen anthropologischen Wurzeln her, gleichsam unvoreingenommen, neu zu erfahren.
Wir wollen uns daher mit drei Kategorien befassen, die eine universale Bedeutung beanspruchen dürfen und mit denen auch das Religiöse bei den Griechen zumindest im Äußerlichen zu erfassen ist. Wie weit wir dabei auch in Kopf und Herz des frommen Griechen einzudringen vermögen, muß dahingestellt bleiben. Jede Religion braucht, erstens, ihre Orte, sie lebt, zweitens, von individuellen oder gemeinschaftlichen Handlungen, und Orte wie Praktiken erhalten, drittens, ihre historische Besonderheit durch die Deutung, die mit ihnen der göttlichen Sphäre verliehen wird. Beginnen wir also mit dem gewissermaßen Handfesten, der Stätte, die der Begegnung zwischen Gott und Mensch geweiht ist.
Die Gottheit und ihr Tempel
Kann man die griechische Kultur eine Tempelkultur nennen? Das ist gelegentlich getan worden und hat insofern seine Berechtigung, als die Tempel tatsächlich die einprägsamsten Symbole des antiken Griechentums und vor Ort häufig seine herausragendsten baulichen Hinterlassenschaften bilden. Dieser durchgängige Befund ist gewiß kein Zufall der Überlieferung. Welche Bedeutung hatten diese Bauwerke also im Rahmen der griechischen Religion und der Polis?
Der Tempel als Baukörper hatte nur eine Aufgabe: Behausung, gleichsam Behältnis für die verehrte Gottheit zu sein. Um deren Kultstatue wurde der Tempel gebaut. Diese Kultbilder waren meist Holzfiguren, zuweilen ganz einfacher, ja abstrakter Form, oder Steine – man spricht dann von Idolen. Im 5. Jh. v. Chr. wurden auch neue Bilder geschaffen, z. T. monumentale Gold-Elfenbein-Bildnisse wie die Athena im Parthenon in Athen oder der thronende Zeus in Olympia. Das Kultbild war normalerweise nicht Gegenstand der unmittelbaren religiösen Verehrung und verließ sein Haus nur zu besonderen Festtagen und Riten.
Doch war das Göttliche nicht nur im Kultbild und d.h. im Tempel anwesend, es wirkte vielmehr in der Natur ebenso wie in allen Lebenslagen des Menschen. Der Tempel bot der Gottheit also nur einen besonders bezeichneten Ort ihres Aufenthalts. Das zeigt sich auch darin, daß er zugleich ein göttliches Schatzhaus war und die dauerhaften Gaben an die Gottheit beherbergte. Solche Gaben waren nicht selten kostbare Kunstwerke, zumeist Bilder der Gottheit, die die Umgebung des Tempels bevölkerten und als Fürbitte oder zum Dank geweiht wurden. Doch es brauchten nicht nur Kunstwerke zu sein, auch andere beziehungsreiche Gegenstände konnten zu Weihungen werden: der Siegeskranz des Athleten, die Rüstung des Soldaten, die Nachbildung eines kranken Körperteils, um dessen Heilung gebeten oder für dessen Genesung gedankt wurde.
Überraschend ist jedoch, daß das Gotteshaus darüber hinaus keine konkrete Funktion im Rahmen der alltäglichen Religionsausübung besaß. Das vor allem unterscheidet den Tempel grundsätzlich von einer christlichen Kirche oder einer Moschee. Während die Kirchenbauten bis heute wesentlich auch von ihrem gestalteten Innenraum her zu verstehen sind, in dem sich die Gemeinde um das Allerheiligste versammelt, verwirklichte sich der griechische Tempel allein in seiner äußeren Erscheinung, war gleichsam kostbare Hülle, deren Inneres praktisch schmucklos blieb.
Betrachten wir also die Architektur des Tempels. Sein Standardgrundriß ist ein Rechteck, in das ein weiteres eingelassen ist: der eigentliche Tempelinnenraum, nur durch einen mit einer Tür verschlossenen Eingang nach außen geöffnet. Um diesen Innenraum, die cella oder den naós, legt sich, das zweite Rechteck, ein offener Säulenumgang. Eine bautechnische Notwendigkeit ist für diese Säulenstellung, die sog. perístasis oder den perípteros, nicht zu erkennnen. Sie verdankt sich also einer bewußten ästhetisch-baukünstlerischen Entscheidung, deren Wirkung denn auch durchschlagend war: die Säulen sind immer noch das zentrale visuelle Charakteristikum für den griechischen Tempel schlechthin. Sie sind denn auch über Jahrhunderte hin ausschließlich im sakralen Bereich verwendet worden – erst seit dem ausgehenden 4. Jh. v. Chr. verbreiteten sich die Säulen auch im profanen Bereich der Palast- und Stadtarchitekturen und wurden auf diese Weise gleichsam zum Markenzeichen griechischer Architektur.
Die Idee der Säule
Ursprünglich hatten die Säulen also die Aufgabe, den irdischen Wohnsitz der Gottheit nach außen durch eine bestimmte Form zu kennzeichnen, hervorzuheben und abzugrenzen. Der Säulenumgang markiert eine Grenze, und er beschreibt diese als eine von beiden Seiten durchlässige. Anders als eine Mauer, die Räume strikt voneinander scheidet, formuliert die perístasis architektonisch einen Raum, der Verbindung herstellt und eine Sphäre des Austauschs und des Schutzes sein sollte. Durch die Säulen als die äußere Grenze ihrer Behausung wirkte die Gottheit in ihren Bezirk hinein – und umgekehrt lud sie die Frommen dazu ein, die Schwelle des Gotteshauses zu übertreten und die Nähe der Gottheit zu suchen. Der durch die Säulenstellung gebildete Raum, lateinisch: die porticus, schafft somit einen Ort der Kommunikation.
Es steckt in ihm aber auch die Idee des Schutzes – und zwar in einem doppelten Sinne: die Säulenhallen boten Aufenthaltsmöglichkeiten für Pilger oder für Asylsuchende. Denn die Macht des Gottes, mit dem in nahezu körperlichen Kontakt trat, wer sich in der perístasis aufhielt, schützte den Verfolgten. So wurden die Säulenumgänge nicht selten zu offenen Armen, in die sich jene flüchten konnten, die besonders in den häufigen inneren Kriegen der archaisch-klassischen Zeit Schutz vor den politischen Gegnern suchten. Wer diese göttliche Obhut nicht respektierte, wurde von allen als Frevler gebrandmarkt. Die Säulen des Tempels zeugen daher auch von den Bemühungen zur Wahrung oder Wiederherstellung des inneren Friedens in den Bürgergemeinden. Politisches und Religiöses durchdringen sich, wie wir gleich sehen werden, nicht nur hier.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.