Kitabı oku: «Unheilige Heilige», sayfa 2

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Absolution für Arschlöcher

Mein Kaffee war schon alle, als Larry endlich zu unserer Verabredung erschien. Dass er ein paar Minuten zu spät kam, war nicht so schlimm, aber es bedeutete, dass ich, als wir uns auf das Ledersofa im Untergeschoss meines Lieblingscafés in Denver setzten, nichts mehr zu trinken hatte, womit ich mich von diesem Gespräch, vor dem mir ziemlich graute, hätte ablenken können.

„Cooler Laden!“, sagte er und ließ seinen Blick durch das Café schweifen, das aussieht wie eine Mischung aus einem Bordell und einer Bibliothek. „Ich habe nur ein bisschen länger hierhergebraucht, als ich dachte. Aber ich bin froh, dass ich hier bin. Ich hab mich riesig darauf gefreut, mit dir Kaffee zu trinken!“

„Ich auch!“, log ich.

Von wegen gefreut. Ich fühlte mich total unwohl. Am vergangenen Sonntag war Larry zum ersten Mal in unserem Gottesdienst gewesen und hatte mich gleich angesprochen. Er hatte mich am Arm gepackt, mich unangenehm lange mit seinen glasigen Augen fixiert und angefangen, davon zu reden, wie toll ihm meine Predigt in Red Rocks1 gefallen habe und wie begeistert er gewesen war, als er herausfand, dass er sogar in meine Gemeinde kommen konnte.

Er redete viel über Roosevelt und die Demokratische Partei – zwei seiner Leidenschaften. Viel mehr habe ich von diesem Treffen nicht mehr in Erinnerung, außer dass ich keine Ahnung hatte, was ich sagen sollte.

Ich wusste nie, was ich zu Larry sagen sollte. Es kam mir vor, als käme er nur in die Gemeinde, weil er den Kontakt zu mir suchte, nicht, weil er hoffte, Verbindung zu Gott und zu anderen Menschen zu finden. Mag durchaus sein, dass ich im Blick auf seine Motive falschlag, aber so etwas ist mir unangenehm, ob es nun real ist oder nicht. Außerdem mochte ich ihn einfach nicht. Und das nicht einmal aus interessanten Gründen: Es waren bloß das Alter, das Geschlecht, die Postleitzahl, der Atem, die Hosenbundweite. Eben all die blöden Kriterien, derentwegen miese Charaktere sich über ganz normale nette Leute echauffieren, weil wir einfach elende Mistkerle sind. Also hielt ich mir Larry auf Armeslänge vom Leib und gab mir nie viel Mühe, einen Zugang zu ihm zu finden oder ihm zu helfen, mit anderen in Kontakt zu kommen. Aber bald würde es zu spät sein.

„Hallo?“ Gott sei Dank war Caitlin gleich am Telefon.

„Können wir uns zur Beichte und Absolution treffen? Möglichst jetzt gleich?“ Ich wünschte mir eines dieser alten Telefonkabel, die man sich um die Hand wickeln konnte. Manchmal lässt sich das Zittern aus der Stimme in die Finger ableiten, wenn man etwas hat, womit man herumfummeln kann.

Caitlin und ich hatten uns in einem Seminar kennengelernt. Sie war genau wie ich in der Church of Christ aufgewachsen und hatte das Luthertum erst später im Leben während der Pastorenausbildung entdeckt. Aber damit erschöpfen sich die Ähnlichkeiten auch schon. Vor ein paar Jahren, als wir beide die Partys für unseren vierzigsten Geburtstag planten – ich mietete dazu eine Rollschuhbahn für eine Rollschuh-Disco-Party an, während sie mit einer kleinen Gruppe enger Freunde auf einem Hügel über der Stadt den Sonnenaufgang betrachtete –, machte ich die Bemerkung, dass der Unterschied zwischen unseren Geburtstagsfeiern ein bezeichnendes Licht auf den Unterschied zwischen unseren beiden Persönlichkeiten warf. Sie hat so viele liebenswerte Charaktereigenschaften, die mir einfach fehlen. Sie entgegnete: „Die hast du natürlich auch, Nadia, es sind bloß nicht deine Lieblingseigenschaften.“

So ist Caitlin, und deshalb ist sie auch meine „Beichtmutter“. Sie kennt mich. Richtig gut. Und sie ist von meiner Sünde überhaupt nicht beeindruckt. Ich habe ihr schon Dinge erzählt, über die ich mit keinem anderen Menschen gesprochen habe, und sie will trotzdem noch meine Freundin sein. Nicht, weil sie so großzügig ist, sondern weil sie an die Kraft der Vergebung und der Gnade Gottes glaubt. Man könnte meinen, dass das für alle Geistlichen gilt, aber glaub mir, das tut es nicht.

„Ein Mann aus meiner Gemeinde ist heute gestorben“, sagte ich ihr, „und ich kann nicht hingehen, um seine Frau zu trösten, bevor ich etwas richtig Ekliges gebeichtet habe.“

„Komm rüber“, sagte sie.

Als ich eine Stunde später in ihr Büro trat, witzelte sie: „Moment mal. Du hast ihn doch wohl nicht umgebracht, oder?“

Nein. Umgebracht hatte ich ihn nicht. Ich hatte ihn bloß nicht leiden können, obwohl er im Gegensatz zu mir ein richtig netter Kerl war. Und jetzt war er tot, und ich musste seine Witwe trösten und wusste doch genau, dass ich überhaupt nicht imstande war, ihr in ihrer Trauer zu begegnen, solange ich nur daran denken konnte, wie blöde und unfreundlich ich ihn kürzlich behandelt hatte.

Es war eine Sache, von der nie jemand erfahren würde, aber ich musste sie einfach bekennen und mich davon freisprechen lassen: Ich hatte eine Rundmail verschickt, um Leute daran zu erinnern, sich für die Frühjahrsfreizeit anzumelden, und dabei absichtlich Larrys Adresse weggelassen. Im Ernst. Wer tut so etwas? Das hatte seither schwer auf mir gelastet, auch wenn es in der großen Welt des Verbrechens und des Verrats schlimmstenfalls ein kleines Vergehen sein mochte.

Es ist ein furchtbares Gefühl, wenn bei einem Menschen, den man liebt, ein Hirntumor festgestellt wird. Aber noch furchtbarer ist es, wenn die Diagnose jemanden trifft, von dem man schlecht gedacht hat – jemanden, der eigentlich ein richtig netter Kerl ist, aber man selbst ist ein Arschloch und hat versucht, dafür zu sorgen, dass er mit seinen viel zu weiten Hosen und seinem Mundgeruch nicht mit zur Gemeindefreizeit kommt. Es lastete schwer auf meinem Gewissen, und ich hätte mich in Grund und Boden geschämt, wenn irgendjemand anderes davon gewusst hätte. Das heißt, eigentlich schämte ich mich auch so in Grund und Boden, obwohl ich die Einzige war, die es wusste. Aber wir haben alle Dinge, die wir für uns behalten – wie wir unserem Kind einen viel zu festen Klaps auf den Hintern gegeben haben, wie oft wir schon unseren Browser-Verlauf löschen mussten, wie wir damals geschwindelt haben, um einen Job zu bekommen, oder der Online-Flirt, von dem unser Ehepartner nichts weiß. Was auch immer, wir alle haben unsere Geheimnisse. Die alten Kettenraucher in meinem Zwölf-Schritte-Programm sagen immer: „Du bist immer nur so krank wie deine Geheimnisse, Mädchen.“ Deshalb musste ich Caitlin von meiner Sünde gegen Larry erzählen, bevor ich mit reinem Gewissen zu seiner Frau gehen konnte, um sie zu trösten.

Okay, na schön, da gab es noch etwas, was ich Larry angetan hatte. Kaum der Rede wert …

Eine Woche, nachdem der Hirntumor bei Larry festgestellt worden war, hatte er mir eine E-Mail geschickt. Seine Freundin und er hätten Angst, dass er sterben würde, schrieb er, und deshalb wollten sie in der folgenden Woche heiraten. Ob ich sie trauen würde? Zum Glück hatte ich eine Ausrede. Wie ich Caitlin in ihrem Büro erklärte, war es mein Prinzip, immer zuerst eine Reihe von Ehevorbereitungsgesprächen zu führen, bevor ich ein Paar traute. Also sagte ich, es täte mir leid, ich könne das nicht machen. Letzten Endes konnten sie einen Schamanen, der ein Freund seiner Braut war, dazu bewegen, sie zu trauen.

Tatsache ist aber, dass ich keinen Herzschlag lang gezögert hätte, wenn meine langjährigen Gemeindeglieder Jim und Stuart von einer tödlichen Krankheit betroffen wären und auf der Stelle heiraten wollten – oder irgendein anderes Paar, das ich gut leiden kann. Nur zu dieser Trauung hatte ich einfach keine Lust. Also schob ich die Sache mit den Ehevorbereitungsgesprächen vor und ließ das sogar noch von meinem Bischof mit unterschreiben.

Caitlin hörte mir freundlich zu. Ich redete mich in Fahrt.

Natürlich ist es nicht direkt gelogen, räumte ich ein, wenn man sich hinter einem „legitimeren“ Vorwand als „Ich habe keine Lust“ versteckt, aber es ändert nichts an der Wahrheit. Das ist eine verbreitete Angewohnheit. Wir gebrauchen faule Ausreden, um Verpflichtungen zu entrinnen, oder wir geben anderen Leuten die Schuld dafür, dass wir nicht zur Stelle sein können. Aber manchmal verwenden wir diese Verschleierungstaktik auch, um von Dingen abzulenken, die wir wirklich falsch gemacht haben und mit denen wir uns nicht auseinandersetzen wollen. Also lenken wir die ganze Aufmerksamkeit auf etwas, was jemand anderes getan hat. Oft führen wir uns mit diesen Ausreden selbst hinters Licht, aber bisweilen lässt uns die Wahrheit nicht los. Natürlich kann ich es vermeiden, dass andere mir auf die Schliche kommen, indem ich immer wieder jedem, der mir zuhört, meine geflunkerte Seite der Geschichte erzähle. Aber ich kenne die Wahrheit. Und manchmal holt sie mich nachts ein, wenn ich im Bett liege – in diesem Zwischenzustand, in dem man nicht mehr richtig wach ist und noch nicht richtig schläft. Das sind die Momente, in denen mein Ego abgeschaltet ist, vielleicht die einzigen während des ganzen Tages. In diesem Bewusstsein-minus-Ego-Zustand kämpft sich die Wahrheit durch die Schichten aus Essen und Unterhaltung und allen möglichen Ablenkungen hindurch, mit denen ich sie zugeschaufelt habe, und kriecht ungebeten wieder zurück hinauf in meine Gedanken.

Ob wohl jeder solche Momente hat?, überlegte ich laut, als ich Caitlin gegenübersaß. Vielleicht meinen manche, die Irrtümer in ihrem Leben seien nicht so schlimm, um sich deswegen verrückt zu machen, oder vielleicht haben sie ihr Ego mit so dicken Schutzschichten umgeben, dass es ihnen tatsächlich gelingt, sich jedes Schamgefühl wegen ihrer Geheimnisse vom Leib zu halten. Aber wenn man sich vor sie hinstellen und ihnen wie der Therapeut, den Robin Williams in dem Film Good Will Hunting spielte, grenzenlose und immer wieder neue Gnade anbieten würde, dann würden sie irgendwann genauso zusammenbrechen wie Matt Damons Figur. Nicht, weil sie müssen, sondern weil wir alle das tun. Oder? Denn die hässlichen Dinge, die wir getan haben und immer wieder tun, sind uns doch allen eine Last.

Bei mir ist es so: Solange ich wach bin, schirmt mein Ego mich wunderbar ab, aber wenn ich kurz davor bin, einzuschlafen, verflüchtigt es sich, und dann kommen die hässlichen Wahrheiten an die Oberfläche gekrochen. Komischerweise fühle ich mich ausgerechnet dann „Gott am nächsten“. Nicht wenn ich auf einem Berggipfel stehe, sondern wenn ich im Halbschlaf im Bett liege und mich schutzlos fühle.

Aber sobald mein Ego sich wieder einklinkt, ist das Spiel vorbei. Dann komme ich wieder wunderbar zurecht.

Wenn ich zurückdenke, kann ich sagen, dass meine Sünde gegenüber Larry vielleicht nicht auf derselben Ebene liegt wie die Unterschlagung von Spendengeldern oder ein Schäferstündchen mit dem Chorleiter. Aber wenn jemand in deine Gemeinde kommt und du dich in Ausreden flüchtest, um ihm nicht mit Gnade und Liebe zu dienen, dann ist das trotzdem abscheulich. Und die Tatsache, dass ich aus alldem „gelernt“ und so etwas seither nicht mehr gemacht habe, macht es auch nicht wieder gut, denn wenn ich eine Minute überlegen würde, würden mir zweifellos andere Dinge einfallen, die ich stattdessen getan habe. Und das bedeutet, dass ich ständig auf Gnade angewiesen bin.

Caitlin hörte sich das alles schweigend an. Dann trank sie einen Schluck Wasser, griff nach meiner Hand und sagte: „Nadia, Jesus ist für unsere Sünden gestorben. Auch für diese.“

Auch für diese. Auch für jede.

Es hört sich irgendwie seltsam und abstrakt an, wenn man sagt: „Jesus ist für deine Sünden gestorben.“ Und ich habe schon fässerweise Tinte verbraucht, um gegen den Gedanken zu argumentieren, Gott habe Jesus töten müssen, weil wir so böse waren. Aber als Caitlin mir sagte, Jesus sei für unsere Sünden gestorben, auch für diese, wurde ich wieder daran erinnert, dass es nichts gibt, was wir getan haben, was Gott nicht erlösen könnte. Kleine Verrätereien, große Übertretungen, geringfügige Verstöße. Alles.

Manche würden sagen, dass es beim Kreuz nicht so sehr darum geht, dass Jesus an unsere Stelle tritt, um sich von Gott die Tracht Prügel verabreichen zu lassen, die für unsere Ungezogenheit fällig wurde (der schlaue theologische Ausdruck dafür lautet „stellvertretende Sühne“), sondern dass am Kreuz ein „heiliges Tauschgeschäft“ vor sich geht. Gott sammelt all unsere Sünden, all den Müll unseres Lebens in sich selbst auf und verwandelt all das Tote in neues Leben. Jesus nimmt unseren Mist und tauscht ihn gegen seine Seligkeit ein.

Der Gedanke dieses heiligen Tauschgeschäfts hat mir schon immer viel mehr eingeleuchtet. Aber manchmal werden solche Gedanken Wirklichkeit. So war es, als in Larrys Garten ein heiliges Tauschgeschäft vonstatten ging, nachdem ich bei der Trauerfeier für ihn eine kurze Andacht gehalten hatte.

Ich wünschte, ich könnte sagen, nachdem Caitlin mir die Absolution zugesprochen hatte, sei ich von aller Gewissenslast vollkommen frei gewesen, aber das stimmt nicht ganz. So ganz kam es dazu erst, als eine Frau mittleren Alters, eine Weiße, auf mich zukam und sagte: „Du bist Nadia, nicht wahr?“

Sie ergriff meine Hände und schaute mir so gerade in die Augen, dass es mich fast erschreckte. „Ich wollte dir für deine Gemeinde danken, in der Larry sich so willkommen fühlte. Er hat immer ganz begeistert von dir und deiner Gemeinde erzählt, und ich weiß, dass es ihm in seinen letzten Monaten viel bedeutet hat, dich als Pastorin zu haben.“

Da war es, das heilige Tauschgeschäft. Mein Mist gegen Jesu Gnade.

Ich werde Larry nie wirklich kennen. Ich werde nie erfahren, wie es ist, ihn zu lieben, ihn zu sehen, zu wissen, aus welcher Quelle die Zärtlichkeit gegenüber seiner Frau kam oder woraus er in seinen letzten Tagen seine Kraft schöpfte. Das alles ist mir entgangen. Aber aus irgendeinem Grund war unsere Gemeinde für ihn ein Ort, an dem er Trost fand.

Manchmal gibt es Dinge, die Gott erledigt haben will, auch wenn ich noch so ein Arschloch bin. Es ist nicht im Entferntesten gerecht, dass Larry so große Stücke auf mich und diese Gemeinde hielt. Aber wenn ich in diesem Leben das bekäme, was ich verdient habe, dann wäre ich geliefert – also nehme ich diese Gnade als das, was sie ist: ein Geschenk.


Mein Niedrigstes
für sein Höchstes

Na dann, Freundin, hast du Lust, mit mir zum Schießstand zu gehen?“, fragte mich Clayton mit einem schelmischen Funkeln in seinen hellbraunen Augen. Beim Stretching vor dem Crossfit-Kurs, den Clayton leitet, hatte ich erwähnt, mir sei kürzlich klar geworden, dass er mein „konservativer Alibifreund“ sei, so wie manche Leute einen „schwarzen Alibifreund“ haben. Seine Reaktion darauf war, dass er mich ausgerechnet zu Schießübungen einlud.

Während ich meine Fingerspitzen nach meinen Zehen reckte, antwortete mein liberales, immer für schärfere Waffengesetze eintretendes Ich voller Begeisterung: „Im Ernst? Klar habe ich Lust.“ Schließlich sollte die Politik niemals dem Spaß im Weg stehen, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt.

In derselben Woche wurde George Zimmerman von dem Vorwurf des Mordes an Trayvon Martin freigesprochen.1 Mein Erlebnis mit Clayton war nur eines von mehreren in dieser Woche, die es mir praktisch unmöglich machten, mich auf den Standpunkt der liberalen Empörung und moralischen Überlegenheit zu stellen, den ich später so gerne eingenommen hätte. Manchmal stürzen das Leben und seine Mehrdeutigkeiten unsere Ideale in eine Krise.

Ein paar Tage nach seinem Angebot sah ich Claytons untersetzte, muskulöse Gestalt auf meine Haustür zukommen. Er hatte eine schwere schwarze Tasche bei sich. Er wollte mir einen Schnellkurs im sicheren Umgang mit Waffen verabreichen, bevor wir zum Schießstand fuhren, denn ich hatte in meinem ganzen Leben noch keine Schusswaffe in der Hand gehabt. Clayton ist Texaner, Republikaner und ein großer Verfechter des zweiten Verfassungszusatzes. Aber da er auch einen Abschluss von der Texas A&M University und einen Teil seines Lebens in Saudi-Arabien verbracht hat, wo sein Vater in der Ölbranche arbeitete, bezeichnet er sich als einen „gebildeten und weitgereisten Hinterwäldler“.

„Vier Dinge musst du wissen“, begann Clayton meine allererste Lektion in Waffensicherheit. „Erstens, geh immer davon aus, dass jede Waffe, die du in die Hand nimmst, geladen ist. Zweitens, ziele nie mit einer Waffe auf etwas, das du nicht zerstören willst. Drittens, lass den Finger vom Abzug, bis du schussbereit bist. Und viertens, kenne dein Ziel und das, was sich dahinter befindet. Eine Pistole ist im Grunde nichts anderes als ein Briefbeschwerer“, fuhr er fort. „An und für sich ist sie nur gefährlich, wenn jemand sich nicht an diese Regeln hält.“

Ich weiß nicht genau, was die Statistik über Todesfälle durch pistolenförmige Briefbeschwerer sagt, dachte ich, aber das werde ich auf jeden Fall mal nachschlagen.

„Okay, fertig?“, fragte Clayton.

„Keine Ahnung“, erwiderte ich.

Er legte eine mattschwarze Pistole und eine Schachtel Munition auf unseren Küchentisch. Es fühlte sich ungefähr genauso verboten an, als hätte er gerade ein Kilo Kokain oder einen Stapel Pornozeitschriften auf die Fläche gelegt, an der wir als Familie zusammen beten und essen.

Ich bemühte mich, intelligente Fragen zu stellen. „Was für eine Pistole ist das?“

„Das ist eine Vierziger.“ Als ob ich auch nur die leiseste Ahnung hätte, was das bedeutete.

„Was ist eine Neun-Millimeter? Von denen habe ich schon öfter gehört.“

„Das hier.“ Er hob sein T-Shirt an und zeigte mir seine versteckte Pistole.

„Mann, du trägst dieses Ding doch wohl nicht dauernd bei dir, oder?“

Er lächelte. „Wenn ich nicht gerade in Turnhosen oder im Schlafanzug herumlaufe, doch.“

Später auf dem Parkplatz des Schießstandes, auf dem fast nur Pick-ups herumstanden, machte ich die scharfsinnige Bemerkung: „Nicht ein einziger Obama-Aufkleber.“

„Komisch, was?“, grinste er.

Wenn ich irgendwo an einem coolen Ort bin, sagen wir, in einer alten Kathedrale oder einer angesagten Eisdiele, poste ich das immer auf Facebook. Aber nicht hier. Teils, weil es Montagmorgen war und Clayton unsere Verabredung für diese Schießübung als „Arbeitstreffen“ eingetragen hatte, aber auch, weil ich keinen Ärger mit meinen Freunden oder Gemeindegliedern – fast alles Liberale – haben wollte, die mich bestimmt gefragt hätten, ob ich den Verstand verloren hätte oder von irgendwelchen Rednecks entführt worden sei.

Als wir den Schießstand betraten, dessen Fußboden mit Patronenhülsen übersät und mit einem schwarzen Gummibelag ausgelegt war, wurden mir mehrere wichtige Punkte bewusst. Erstens: Unsere Pistolen waren geladen, und wir beabsichtigten, die Papierzielscheibe vor uns zu zerstören. Zweitens: Ich sollte meinen Finger nur dann an den Abzug legen, wenn ich vorhatte, zu schießen. Drittens: Hinter meinem Ziel befand sich eine Wand aus Gummi und Beton. Und viertens: Ich schwitzte.

Ich hatte schon in meiner Nachbarschaft Schüsse gehört und wusste daher, dass Pistolen laut sind. Und aus Filmen wusste ich, dass es einen „Rückstoß“ gibt, wenn eine Schusswaffe abgefeuert wird. Aber heiliger Strohsack, ich hatte ja keine Ahnung, wie laut es tatsächlich war und wie es einen durchschüttelte, wenn man mit einer Pistole feuerte. Oder wie viel Spaß das macht.

Wir ballerten ungefähr eine Stunde lang, und als wir fertig waren, sagte mir Clayton, fürs erste Mal hätte ich meine Sache ziemlich gut gemacht. (Außer, als mir eine heiße Patronenhülse in den Ausschnitt fiel und ich so blindwütig herumzappelte, dass er meinen Arm packen und die geladene Pistole in meiner Hand wieder aufs Ziel richten musste, wobei ich mir natürlich wie ein Volltrottel vorkam. Ein ausgesprochen gefährlicher Volltrottel.)

Aber ich fand es herrlich. Ich fand es so herrlich wie eine Runde auf der Achterbahn oder mit dem Motorrad: nichts, was ich dauernd machen wollte, aber eine Aktivität, die ab und zu durchaus Spaß macht und mir das Gefühl gibt, lebendig und ein kleines bisschen lebensgefährlich zu sein.

„Können wir das nächste Mal Skeet schießen?“, fragte ich begierig, als wir uns an dem mit Tarnmuster bemalten Fronttresen unsere Ausweise abholten. Der ganze Laden sah aus wie ein Jagdunterstand. So, als ob die jungen Pickelgesichter, die dort arbeiten, eine Deckung brauchten, falls irgendetwas Gefährliches oder Schmackhaftes zur Tür hereinkam, damit sie es gefahrlos abknallen könnten.

Auf dem Weg zurück zu mir nach Hause schlug ich vor, anzuhalten und uns ein paar Papusas zu holen (gefüllte salvadorianische Maiskuchen), damit wir beide an diesem Montag eine neue Erfahrung machen würden.

Wir setzten uns auf zwei der fünf Hocker am Fenster bei Tacos Acapulco – mit Blick hinaus auf die Wechselstuben und die mexikanischen Panaderias am East Colfax Boulevard –, und ich nutzte die Gelegenheit, um eine Frage zu stellen, die mir unter den Nägeln brannte: „Sag mal, warum in aller Welt willst du die ganze Zeit eine Pistole mit dir herumtragen?“ Ich war noch nie bewusst einem Knarrenträger so nah gewesen und sah meine Chance, nach etwas zu fragen, worauf ich schon immer neugierig gewesen war. Ich konnte nur hoffen, dass er meine Frage nicht so empfand, wie es unsere schwarze Freundin Shayla empfindet, wenn Leute sie fragen, ob sie mal ihren Afro berühren dürfen.

Während er versuchte, mit seiner Gabel den geschmolzenen Käse zu bändigen, der sich partout nicht von der Papusas lösen lassen wollte, sagte er: „Um mich verteidigen zu können und aus Stolz auf mein Land. Wir haben dieses Recht, also sollten wir es auch ausüben. Und wenn jemand uns etwas tun wollte, während wir hier sitzen, könnte ich ihn unschädlich machen.“

Es war für mich eine völlig fremde Weltsicht: dass Leute bei jedem Schritt mit der Möglichkeit rechnen, dass jemand versuchen könnte, ihnen etwas anzutun, und sich deswegen eine Pistole umschnallen und damit durch Denver ziehen. Ich konnte das weder verstehen noch gutheißen. Aber Clayton ist nun mal mein konservativer Alibifreund. Ich kann ihn gut leiden, und schließlich hatte er sich die Mühe gemacht, mit mir auf den Schießstand zu gehen. Also beließ ich es dabei.

In derselben Woche, in der ich mit Clayton Schießen übte, feierten meine Mutter und meine Schwester ihren siebzigsten bzw. fünfzigsten Geburtstag. Es war ein Krimi-Dinner. So saß ich fünf Tage, nachdem ich auf dem Schießstand mit Clayton auf Papierzielscheiben geballert hatte, auf der Terrasse des Hauses meiner Eltern in einem Vorort von Denver und schlüpfte für ein ausgedachtes Drama in die Rolle einer Hippie-Winzerin. Normalerweise hält mich meine natürliche Misanthropie davon ab, an derlei peinlichem Unsinn teilzunehmen, aber bald fiel mir ein, wie oft ich mich schon freiwillig verkleidet und eine Rolle in anderen ausgedachten Dramen gespielt hatte, zu denen es noch nicht einmal ein Vier-Gänge-Menü oder nette Gesellschaft gab (wie etwa in dem Jahr, in dem ich versuchte, ein Deadhead zu sein). Also ließ ich mich zwei Frauen zuliebe, die mir sehr am Herzen liegen, auf das Krimi-Dinner ein. Für meine Rolle waren ein langer, weiter Rock, eine Trachtenbluse und Blumen im Haar vorgesehen – alles Sachen, die ich nicht besitze und nicht für Geld und gute Worte anziehen würde. Also mussten ein Nachthemd und jede Menge bunter Perlen genügen.

Den ganzen höchst vergnüglichen Abend über sah ich meine Mutter aus dem Mundwinkel mit meinem Bruder reden, so, wie sie es früher getan hatte, als wir noch klein waren, wenn sie meinem Vater etwas sagen wollte, was wir nicht mitbekommen sollten. Ich beobachtete meine Mutter und merkte gar nicht, wie sich am Rand der ausgedachten Geschichte, für die ich mir Blumen in meinen Stoppelhaarschnitt hätte stecken sollen, noch ein anderes, ungeschriebenes Drama abspielte.

Als ich mich einmal in die Küche schlich, um nach neuen Nachrichten auf meinem Handy zu schauen, folgte mir mein Vater, um mich darüber aufzuklären, was los war. Wie sich herausstellte, ging es bei dem Geflüster meiner Mutter aus dem Mundwinkel um eine ernste Sache. Meine Mutter hatte Drohungen von einer psychisch labilen (und angeblich bewaffneten) Frau bekommen, die ihr die Schuld an einem Verlust gab, den sie erlitten hatte. Meine Mutter hatte mit diesem Verlust überhaupt nichts zu tun, aber das hielt diese Frau nicht davon ab, ihr die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben. Und sie wusste, wo meine Mutter sonntags in den Gottesdienst ging.

„Dadurch ist es jetzt immer ziemlich stressig für uns, in der Gemeinde zu sein“, sagte mir mein Vater.

Mein älterer Bruder Gary, der Vollzugsbeamter in einem Bundesgefängnis ist und mit seiner Frau und seinen drei Kindern in dieselbe Gemeinde geht wie meine Eltern, kam in der Küche an meinem Vater und mir vorbei und sagte: „Furchtbar, oder? Ich gehe seit drei Wochen mit einer Waffe unter der Jacke in den Gottesdienst, für den Fall, dass sie auftaucht und irgendetwas versucht.“

Sofort musste ich an Clayton und seine Weltsicht denken, die mir bisher so fremd gewesen war. Jetzt war ich plötzlich instinktiv froh, dass mein Bruder gewappnet war für den Fall, dass eine Verrückte versuchte, unserer Mutter etwas anzutun. Gleichzeitig kam es mir wie der schiere Wahnsinn vor, dass ich froh darüber war, dass jemand eine Schusswaffe mit in den Gottesdienst nahm. Aber so ist das mit meinen Wertvorstellungen: Manchmal stoßen sie mit der Wirklichkeit zusammen, und wenn das passiert, kann es sein, dass ich sie über Bord werfen muss. Oder aber ich ignoriere die Wirklichkeit. Bei mir sind es meistens eher die Wertvorstellungen, die weichen müssen.

Meine Bauchreaktion auf die Bewaffnung meines Bruders erschreckte mich, aber das war noch gar nichts dagegen, wie sie mich am nächsten Morgen erschrecken würde.

Am Abend der Geburtstagsparty hatte ich nicht mitbekommen, wie durch die Nachrichten ging, dass George Zimmerman, der den unbewaffneten Teenager Trayvon Martin erschossen hatte, in allen Anklagepunkten freigesprochen worden war. Über ein Jahr lang hatte dieser Fall heftige Debatten über Rassismus und das in Florida geltende Notwehrgesetz ausgelöst, das jedem, der glaubt, sein Leben sei in Gefahr, die Anwendung von Gewalt erlaubt.

In meinem Facebook-Feed hagelte es Proteste, Empörung und Schimpftiraden. Am liebsten hätte ich eingestimmt und in jener Woche meine Stimme für Gewaltlosigkeit erhoben, aber als ich im Radio hörte, der Bruder von George Zimmerman habe gesagt, Trayvon Martin sei seiner Meinung nach überhaupt nicht unbewaffnet gewesen, Martins Waffe sei ja der Bürgersteig gewesen, mit dem er George die Nase gebrochen habe – nun, als ich das hörte, war meine erste Reaktion nicht Gewaltlosigkeit, sondern ein überwältigender Impuls, mir den Mann durchs Radio hindurch zu schnappen und ihn mit einem Handkantenschlag gegen den Kehlkopf flachzulegen.

Dazu kam, dass ich gerade in dieser Woche Dankbarkeit darüber empfunden hatte, dass ein Bundesbeamter im Justizvollzug jede Woche, wenn er den Gottesdienst in der Gemeinde meiner Mutter besuchte, eine Waffe unter seiner Kleidung verborgen trug. Eigentlich ein Wahnsinn. Normalerweise würde ich über so etwas eine empörte Statusmeldung auf Facebook posten, damit all die Liberalen da draußen, die so denken wie ich, auf „Gefällt mir“ klicken können. Nur dass in diesem Fall der betreffende Justizvollzugsbeamte a) mein Bruder war und b) diese Waffe bei sich trug, um seine (meine) Familie, seine (meine) Mutter vor einer Verrückten zu beschützen, die sie umbringen wollte. Als ich hörte, dass mein Bruder bewaffnet war, um meine eigene Mutter zu beschützen, war ich darüber nicht aufgebracht, wie es sich für eine gute, für schärfere Waffengesetze eintretende Pastorin gehört … ich war erleichtert. Und was soll ich jetzt auf Facebook posten? Was fange ich damit an?

Außerdem musste ich mich damit auseinandersetzen, dass mir meine eigene antirassistische Empörung im Hals stecken blieb, da ich etwas wusste, was niemand sonst wissen konnte, wenn ich es nicht laut aussprach: All meiner liberalen politischen Einstellung zum Trotz ist mir, wenn in meiner Nachbarschaft eine Gruppe junger schwarzer Männer an mir vorbeigeht, instinktiv mulmiger zumute, als es der Fall wäre, wenn diese Männer weiß wären. Mir ist das selbst zuwider, aber wenn ich behaupten würde, in mir stecke überhaupt kein Rest von Rassismus mehr, würde ich lügen. Dieser Rassismus ist mir vierundvierzig Jahre lang durch die Medien und durch die Kultur um mich her eingetrichtert worden, und ich weiß einfach nicht, wie ich ihm entrinnen soll. Auch wenn ich einen Anti-Rassismus-Aufkleber auf dem Auto habe.

Als ich am Morgen nach dem George-Zimmerman-Urteil überlegte, was ich meiner Gemeinde darüber sagen sollte, drängte es mich, meine Stimme für Gewaltlosigkeit, Antirassismus und schärfere Waffengesetze zu erheben, wie ich es für meine Pflicht hielt (oder wie ich es die Leute bei Twitter fordern sah: „Wenn dein Pastor diese Woche nicht über Waffengesetze und Rassismus predigt, such dir eine neue Gemeinde“) – aber ich konnte nur in der Küche stehen und heulen. Ich heulte über meine eigene Inkonsequenz. Über Andrea Gutiérrez, Mitglied meiner Gemeinde und Mutter von zwei Kindern, die mir sagte, Mütter von Kindern mit brauner und schwarzer Haut hätten jetzt das Gefühl, ihre Kinder könnten auf den Vorstadtstraßen ganz legal als Zielscheiben für Schießübungen benutzt werden. Über ein gespaltenes Land, in dem zwei Seiten sich gegenseitig mit erbittertem Hass bekämpften. Darüber, dass ich insgeheim die Dinge, die ich kritisiere, selbst noch nicht überwunden habe. Über die Morddrohungen gegen meine Familie und die Morddrohungen gegen die Familie Zimmerman. Über Tracy Martin und Sybrina Fulton, deren Kind erschossen wurde und denen man nun sagte, das sei mehr seine eigene Schuld als die Schuld des Schützen gewesen.

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23 aralık 2023
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244 s. 25 illüstrasyon
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9783865069122
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