Kitabı oku: «Nebelrache»

Für Harold
Mögen wir die Insel der Seligen gemeinsam finden
Danksagungen
Mein tief empfundener Dank gilt den Lektoren, die mich aus dem Stapel herausgezogen und meine Karriere vorangetrieben haben: Richard Jackson, Susan Hirschman und Sharon November.
Ich danke auch Emma Dryden und Carol Chou, die mich beim Schreiben dieses Buches immer wieder angefeuert haben.
Und natürlich möchte ich mich auch bei meinem Sohn Daniel und meinem Neffen Nathan Stout für die Inspiration zu Olaf Einbraue bedanken.
Inhalt
Ein Gewitter zieht auf
Die wilde Jagd
Der Haselwald
Seefahrer
Ein Schrei in der Nacht
Heitere Wehklage
Die Meerjungfrau
Der Draugr
Rachsucht
Die Hobgoblins
Hazel kommt nach Hause
Die Tanner-Mädchen
Die Pfade öffnen sich
Schlaup
Alles an Bord
Wahre Liebe
Eine Burg in Rosa
Pangur Ban
Suche nach den Tanners
Die Mission
Ethnes Zelle
Schlaups Verlobung
Der Opferstein
Björn Schädelspalter
Prinzessin Thorgil
Der Hogboon
Fluchtpläne
Vollmond
Die tote Mauer
Das Wasser des Lebens
Reise nach Notland
Das Meervolk
Die Stadt unter dem Meer
Shoneys Festessen
Das Grab des Draugr
Ein Leben für ein Leben
Grims Insel
Die Höhle des heiligen Kolumban
Odin
Freudiges Wiedersehen
Rettung
Fliegendes Gift
Wulfhilda
Die Schutzrune
Aufbruch
Thorgil Silberhand
Die Insel der Seligen
Personenverzeichnis
Anhang
Quellen
Pangur Ban
Ich und mein Kater Pangur Ban
verfolgen beide einen ähnlichen Plan:
Mäuse fangen ist der seine,
Wörter fangen ist der meine.
Besser als der schnelle Ruhm
ist des Schreibers fleiß’ges Tun.
Pangur auch ganz ruhig bleibt
und sein eignes Spiel betreibt.
Beide sind wir frei und froh,
denn es gefällt uns beiden so,
wenn wir sitzen beieinand
und erproben den Verstand.
Er fängt manchmal eine Maus,
welche schleicht durch unser Haus,
während ich am Arbeitstische
mal ein gutes Wort erwische.
Er beäugt meist unverwandt
die verheißungsvolle Wand;
ich lieg ständig auf der Lauer
vor der Wissenschaften Mauer.
Wenn ein Mäuslein flitzt heran,
o wie freut sich Pangur Ban!
O wie erlöst fühl ich mich dann,
wenn ein Problem ich lösen kann.
So tun wir beide unsre Pflicht,
mein Kater Pangur Ban und ich.
Unser Tun macht uns Vergnügen,
jeder findet sein Genügen.
Durch viel Übung Tag und Nacht
hat er’s zum Meister schon gebracht.
Und auch ich ein Lob erringe,
indem ich Licht ins Dunkel bringe.
An den Rand eines Manuskripts geschrieben von einem unbekannten Mönch aus dem 8. Jahrhundert, der eigentlich die Bibel kopieren sollte.
Ein Gewitter zieht auf
Jack taten die Finger weh und seine Handflächen waren voller Blasen. Er erinnerte sich an Zeiten, als ihm die Arbeit viel leichter gefallen war. Da hatte er noch Schwielen an den Händen gehabt und die Sichel mühelos geschwungen. Aber das war jetzt anders. Er war schon seit drei Jahren von der Landarbeit befreit und hatte seitdem nur Gedichte gelernt und an einer Harfe herumgezupft – natürlich war sein Spiel nicht mit dem des Barden zu vergleichen. So gut würde er es niemals können. Doch jetzt floss ihm der Schweiß von der Stirn. Jack fuhr sich übers Gesicht und schaffte es, sich dabei Dreck in sein Auge zu reiben. „Diese Mistarbeit“, fluchte er und warf die Sichel hin.
„Wenigstens hast du zwei Hände“, sagte Thorgil, die ein Stück weiter schuftete und schwitzte. Sie musste den Adlerfarn in der Ellbogenbeuge einklemmen und ihn dann mit dem Messer abschneiden. Ihre rechte Hand war steif und nutzlos, aber sie gab trotzdem nicht auf. Das beeindruckte Jack, aber es ärgerte ihn auch.
„Warum kann das nicht jemand anders machen?“, beschwerte er sich und ließ sich ins Farnkraut fallen.
„Selbst Thor verrichtet auf einer Mission manchmal niedere Arbeiten“, verkündete Thorgil und ließ einen weiteren Packen Farnwedel auf den stetig wachsenden Haufen fallen. Ohne Unterbrechung erntete sie weiter.
„Das ist aber keine Mission! Es ist Thrall-Arbeit.“
„Du musst es ja wissen“, stichelte die Schildmaid.
Bei der Erinnerung an seine Zeit als Sklave im Nordland glühte Jacks Gesicht noch mehr. Aber er verschluckte die Erwiderung, dass auch Thorgil als Kind ein Thrall gewesen war. Schließlich neigte sie zu Wutausbrüchen, die alles verpesteten. Ein Pesthauch, dachte Jack bissig. Ein Pesthauch, der alles gelb werden lässt.
Es war fast alles schiefgegangen, seit sie ins Dorf gekommen war. Es bedurfte der schlimmsten Drohungen des Barden, sie daran zu hindern, damit herauszuplatzen, dass sie ein Nordmann war; einer der mörderischen Piraten, die einst über die Heilige Insel herfielen. Aber die Dorfbewohner waren auch so schon misstrauisch genug. Thorgil weigerte sich, Frauenkleider zu tragen. Sie war schnell beleidigt. Sie hatte keine Manieren. Sie war immer mürrisch. Kurz gesagt, gab sie den perfekten Nordmann ab.
Und doch, so musste Jack sich in Erinnerung rufen, hatte sie auch ihre guten Seiten – so weit man bei einer wie ihr überhaupt von guten Seiten reden konnte. Thorgil war mutig, treu und absolut vertrauenswürdig. Wenn sie doch nur auch ein bisschen anpassungsfähiger wäre!
„Wenn du deinen Hintern da wegbewegtest, könnte ich den Farn ernten. Oder wolltest du ihn als Bett benutzen?“, fragte Thorgil gehässig.
„Ach, halt doch den Mund!“ Jack schnappte nach seiner Sichel und verzog das Gesicht, als eine Blase an seiner Hand aufplatzte.
Sie arbeiteten lange Zeit schweigend vor sich hin. Die Sonne schickte ihre heißen Strahlen in den stickigen Wald. Der Himmel – zumindest das, was sie davon sehen konnten – war blau und wolkenlos. Er lastete auf ihnen wie ein umgestülpter See: heiß, feucht und vollkommen unbewegt. Jack konnte sich kaum vorstellen, dass ein Gewitter aufziehen sollte, aber das hatte der Barde gesagt. Und niemand stellte den Barden infrage. Er hörte den Vögeln zu und beobachtete das Meer von dem einsamen Aussichtpunkt in der Nähe des alten Römerhauses, in dem er lebte.
Ein Geräusch ließ Jack und Thorgil aufschauen. Die beiden Sklaven des Hufschmieds waren mit einem Ochsenkarren gekommen. Einen Moment später trampelten die beiden großen, schweigsamen Männer durchs Unterholz, um den geernteten Farn zusammenzuraffen. Sie brachten eine Ladung nach der anderen zum Wagen, ohne ein Wort und ohne jemals Augenkontakt aufzunehmen. Sie waren in Bebbas Town von ihrem Vater verkauft worden, weil sie nicht die Hellsten waren, und Jack fragte sich manchmal, was sie wohl dachten. Sie schienen nie miteinander oder mit jemand anderem zu sprechen.
Sogar Tiere dachten etwas. Der Barde hatte Jack beigebracht, dass Tiere denen viel zu sagen hatten, die ihnen zuhörten. Was hatten Gog und Magog, wie die Sklaven hießen, wohl zu sagen? Bestimmt nichts Gutes, entschied Jack nach einem Blick in ihre verschlossenen Gesichter.
Als der Ochsenkarren beladen war, machten sich Jack und Thorgil auf den Heimweg. Die meiste Zeit lebten sie im Haus des Barden, aber wegen des drohenden Gewitters waren sie auf die Farm von Jacks Eltern gezogen. Die hatte sich in den letzten drei Jahren deutlich vergrößert.
Außer den Feldern, dem Farmhaus, der Scheune und dem Heulager gab es jetzt einen neuen Kuhstall, den Jacks Vater gebaut hatte. Darin standen drei stämmige schwarze Kühe, die von Pega versorgt wurden, dem Mädchen, das Jack aus der Sklaverei befreit hatte. Sie war auch für die Hühner, die neugeborenen Lämmer und den Esel zuständig. Aber die Pferde durfte sie nicht anfassen. Sie gehörten Thorgil und wurden von ihr eifersüchtig bewacht, vor allem gegenüber den Töchtern des Gerbers.
Am Rand des Grundstücks, wo der Boden für den Ackerbau zu steinig war, stand eine aus Torf errichtete Hütte. Dort lebte die Witwe des Gerbers mit ihren beiden Töchtern auf so engem Raum zusammen wie Erbsen in einer Schote. Sie waren im letzten Jahr gekommen, um Jacks Mutter zu helfen, und seitdem geblieben.
„Ich wünschte, dieses Gewitter würde endlich kommen!“, rief Thorgil und warf einen Stein nach einer Krähe. Die Krähe wich dem Geschoss mühelos aus. „Die Luft ist so drückend! Es ist, als müsste man Schlamm einatmen.“
Jack schaute auf in den wolkenlosen blauen Himmel. Von der verdächtigen Stille abgesehen, hätte es ein normaler Frühsommertag sein können. „Der Barde hat mit einer Schwalbe aus dem Süden gesprochen. Sie hat gesagt, dass die Ströme der Luft durcheinandergeraten und alle Zugvögel verwirrt sind. Warum redest du eigentlich nicht mehr mit den Vögeln, Thorgil?“ Die Schildmaid besaß diese Fähigkeit, seit sie versehentlich etwas Drachenblut geschluckt hatte.
„Die sagen mir ja doch nichts“, murrte sie.
„Vielleicht solltest du nicht mit Steinen nach ihnen werfen …“
„Vögel sind dumm wie Stroh“, verkündete Thorgil entschieden.
Jack zuckte mit den Schultern. Es war typisch für sie, die Gaben zu ignorieren, die sie besaß, und stattdessen etwas zu wollen, was sie nie haben konnte, nämlich eine ruhmreiche Karriere als Kriegerin. Aber mit ihrer gelähmten Hand konnte sie das vergessen. Sie wollte außerdem eine großartige Geschichtenerzählerin sein, und Jack musste zugeben, dass sie nicht schlecht war. Ihre Stimme war zwar rau und sie hatte eine Vorliebe für blutige Sterbeszenen, aber spannend waren ihre Geschichten immer.
An den langen Winterabenden saßen die Dorfbewohner oft um den Herd des Ältesten, lauschten den Geschichten und tranken warmen Apfelmost. Der Barde spielte Harfe, und wenn er müde wurde, wechselten sich Jack und Thorgil mit dem Erzählen ab. Bruder Aiden, der kleine Mönch von der Heiligen Insel, beteiligte sich mit Erzählungen über Jesus und wie der es geschafft hatte, tausend Menschen mit nur fünf Broten und zwei Fischen satt zu bekommen, und anderen Wundergeschichten. Aber der eigentliche Star dieser Abende war Pega. Ihre Stimme hatte etwas so Fesselndes, dass selbst ein Sturm verstummte, um besser zuhören zu können.
„Bei Thor, diese Tanner-Gören sind bei meinen Pferden!“ Thorgil rannte los, und Jack sprintete hinter ihr her, um den unvermeidlichen Streit zu schlichten. Die Töchter des Gerbers waren fasziniert von den Pferden – ein Geschenk von König Brutus im Jahr zuvor. Im Grunde war nicht genau geklärt, wessen Pferde es waren, weil die ganze Pilgergruppe sie für den Rückweg aus Bebbas Town bekommen hatte. Jack fand, dass sie eigentlich dem Barden gehören sollten, aber Thorgil bestand darauf, dass sie das alleinige Anrecht darauf hatte, weil sie die einzige Kriegerin unter ihnen war.
„Schert euch da runter, ihr räudiges Pack! Ihr werdet die Tiere verderben!“ Thorgil pfiff und die Pferde fuhren so schnell herum, dass ihre kleinen Reiterinnen im Dreck landeten. Die Pferde bremsten vor der Schildmaid und tänzelten nervös. Jack lief zu den weinenden Mädchen. „Sag ihnen, dass sie damit aufhören sollen, oder ich gebe ihnen einen wirklichen Grund zum Heulen“, fauchte Thorgil und strich ihren Pferden über die Mähnen.
Jack vergewisserte sich, dass die Mädchen unverletzt waren. Die beiden waren acht und zehn Jahre alt, aber klein für ihr Alter, was an den Jahren der Unterernährung und den giftigen Dämpfen der alten Gerberei lag, in der sie bis zum Tod ihres Vaters gelebt hatten.
„Es sind doch nur Kinder“, schalt Jack und wischte den Mädchen die schmutzigen, verweinten Gesichter mit dem Saum seines Hemds ab. „In ihrem Alter hast du bestimmt genau dasselbe gemacht.“
„Ich war eine Schildmaid. Ich war die Tochter von –“
„Vorsicht!“, unterbrach Jack sie scharf. Die Mädchen hörten auf zu weinen und musterten Thorgil neugierig.
„Wer war denn dein Papa?“, fragte die Ältere.
„Bestimmt ein Troll“, sagte die Jüngere kichernd. Thorgil bückte sich, doch die beiden rasten davon, bevor sie einen Stein nach ihnen werfen konnte.
„Blöde Sumpfratten“, knurrte sie.
„Du musst dich nur einmal verplappern“, warnte Jack. „Ein Wort, dass du kein Angelsachse bist, und sofort wird sich das ganze Dorf gegen dich stellen. Und gegen meine Eltern und mich, weil wir dich bei uns aufgenommen haben.“
„Diese Schuld ist das Einzige, was mich davon abhält, ihnen meine wahre Herkunft ins Gesicht zu schreien.“ Thorgil legte die Arme um den Hals eines der Pferde, und es pustete ihr einen langen Pferdekuss in die Haare. Jack war wieder einmal beeindruckt, wie sehr die Tiere sie liebten. Wirklich schade, dass Thorgil diese Wirkung nicht auch auf Menschen hatte.
„Lass uns ins Haus gehen“, sagte Jack. „Ich verhungere, und wir müssen noch den ganzen Nachmittag Farnkraut schneiden.“
„Das verfluchte Zeug“, wütete Thorgil. „Dieses ganze verfluchte sinnlose und langweilige Leben in diesem Dorf. Ich würde mich schon für eine verfaulte Rübe von einer Klippe ins Meer stürzen!“
„Würdest du nicht“, sagte Jack und ging voraus.
Die wilde Jagd
Thorgils schlechte Laune folgte ihnen bis nach Hause. Sie nahm Mutters Essen mürrisch entgegen und wollte wortlos anfangen, sich damit vollzustopfen.
„In diesem Dorf ist es üblich, sich für das Essen zu bedanken“, sagte Mutter.
Jack seufzte unhörbar. Der Schildmaid zumindest ein paar Manieren beizubringen – das war wohl eine Schlacht, die niemals ein Ende finden würde.
„Wieso?“, fragte Thorgil bockig.
„Um seine Dankbarkeit zu zeigen.“
„Ich bin dankbar. Ich esse diesen Fraß, oder etwa nicht? Außerdem macht das genauso viel Sinn, als würdest du mir dafür danken, dass ich Farn schneide. Wenn wir damit anfangen, dass sich jeder beim anderen für jede kleine Handreichung bedankt, werden wir nicht mehr zum Arbeiten kommen.“
„Darum geht es nicht“, widersprach Mutter geduldig. „Die Menschen hören gern ein paar nette Worte. Es ist dasselbe wie ‚Guten Morgen‘ oder ‚Wie geht es dir?‘.“
„Und wenn es ein lausiger Morgen ist oder es mich nicht die Bohne interessiert, wie es jemandem geht?“
„Ach, mach doch, was du willst!“, rief Mutter aus. „Manchmal wünschte ich, dass ein Nordmann-Schiff kommt und dich mitnimmt!“ Sie stürmte hinaus, und Jack hob die Brauen. Es passte nicht zu seiner Mutter, dass sie so die Beherrschung verlor. Aber wenn Thorgil eine ihrer Launen hatte, machte sogar der sanfte Bruder Aiden Tintenkleckse auf seine Manuskripte.
Jack hörte, wie seine Mutter mit Pega besprach, auf welche Weise sie das Vieh vor dem aufziehenden Gewitter schützen konnten. Die Kühe und Pferde würden sich in der Scheune zusammendrängen müssen. Die robusteren Schafe konnten draußen bleiben.
„Sogar Olaf Einbraue hat den Leuten einen Guten Morgen gewünscht“, bemerkte Jack und bezog sich damit auf Thorgils verstorbenen Pflegevater.
„Aber nur, wenn es auch ein guter Morgen war. Er hat nie gelogen.“ Thorgil fuhr sich mit der Hand über die Augen.
„Weinst du etwa?“
„Natürlich nicht. Es ist nur dieser stinkige Qualm in dieser stinkigen Hütte.“ Die Schildmaid rieb immer noch an ihren Augen herum.
„Willst du etwas von meinem Brot haben?“
„Wieso sollte ich deine wurmzerfressenen Essensreste haben wollen?“, fuhr Thorgil ihn an, doch an der Art, wie sie aß, war deutlich zu erkennen, wie viel Hunger sie hatte.
Mitgefühl war bei ihr total verschwendet, dachte Jack. Sie betrachtete es als Schwäche. Ihre Wutausbrüche waren mit Sommergewittern zu vergleichen, die Blitze flogen in alle Richtungen, aber wenn man geduldig war – und die Beleidigungen einfach ignorierte –, verzogen sich die schwarzen Wolken irgendwann wieder. Jack war nicht sicher, was ihm lieber war, Thorgils schlechte Laune oder ihre gelegentlichen Anfälle von Freude. Manchmal bekam sie eine Art Rappel und geriet über Farben, Gerüche oder Geräusche vollkommen aus dem Häuschen. Dann packte sie seinen Arm und zwang ihn, sich auf das zu konzentrieren, was es gerade war.
Der Barde sagte, dass das passierte, weil Thorgil als Berserkerin aufgezogen und damit dem Tod geweiht war. Aber seit sie die Schutzrune trug, stand sie unter dem Schutz der Erdmagie. Da war es nur verständlich, dass diese beiden Instinkte einander bekämpften.
Pega kam mit einem Huhn im Korb an die Tür, und Jacks Laune besserte sich schlagartig. Bei Pega fühlte man sich nie schlecht. Sie war immer vernünftig und stets bemüht, andere Leute glücklich zu machen. Sie half Mutter beim Kochen, jätete Unkraut im Kräutergarten des Barden und wachte darüber, dass Bruder Aiden das Essen nicht vergaß. Sie war als Sklavin geboren worden und für jedes nette Wort rührend dankbar. Jack fand, dass sie beinahe hübsch war, wenn man nicht auf das entstellende Muttermal achtete, das die Hälfte ihres Gesichts bedeckte. Der Barde sagte, dass es an ihrer Seele lag, die durchschimmerte, so wie Thorgils ewiges Grollen ihre tatsächliche Schönheit verbarg.
„Wir müssen die Hühner hier unterbringen“, erklärte Pega und stellte den Korb an der Wand ab. „Du solltest den Himmel im Süden sehen! Er ist ganz komisch und dunkel, aber es sind keine Wolken zu erkennen.“
„Brauchst du Hilfe?“, fragte Jack hoffnungsvoll.
„Ich brauche dich, um den Arbeitern ihr Essen aufs Feld zu bringen“, sagte Mutter, die mit einem weiteren Huhn unter dem Arm die Tür aufstieß. „So wie der Himmel aussieht, schafft ihr es nicht, noch mehr Farn zu schneiden. Sieh auf dem Rückweg noch einmal nach den Bienen.“
Sie lächelte nicht, und Jack fand es unfair, dass er zusammen mit Thorgil in Ungnade gefallen war. Es war schließlich nicht seine Schuld, dass die Schildmaid nicht zu zügeln war. Sogar Olaf Einbraue hatte sie gelegentlich von einer Klippe baumeln lassen, um sie wieder zur Vernunft zu bringen. Leider hatte Olaf sie auch für schlechtes Benehmen belohnt, denn die Nordmänner hatten mit guten Manieren nichts im Sinn.
Jack und Thorgil beluden den Esel mit Brotkörben und Schläuchen voll Apfelmost. Die meisten Dorfbewohner ernteten Heu, so schnell sie konnten. Ein paar wie Mutter und die Frau des Ältesten sorgten für die Verpflegung, damit die Männer keine Zeit verloren. Der Himmel hatte sich in den letzten Minuten dramatisch verändert. Im Norden war er blau, aber wenn man Richtung Süden schaute, verwandelte sich seine Farbe in Schiefergrau. Doch wie Pega gesagt hatte – es waren keine Wolken zu sehen.
„Was ist das auf einmal für ein komischer Geruch?“, fragte Thorgil.
„Ich bin mir nicht sicher“, antwortete Jack. „Es riecht ein bisschen wie Kleidung, die in der Sonne trocknet.“
„Es riecht … schön. Ich habe das Gefühl, als müsste ich rennen oder singen. Vielleicht wird dieses Gewitter doch ein großer Spaß.“ Ihre finstere Miene hellte sich auf. Jack fand es typisch für sie, dass sie von etwas aufgeheitert wurde, vor dem sich alle anderen fürchteten.
„Ich habe noch nie so einen Himmel gesehen“, bemerkte er.
„Ich schon“, sagte die Schildmaid, „als ich noch sehr klein war. Meine Mutter hat mich in den Keller getragen, in dem das Gemüse gelagert wurde. Sie hat versucht, mich zu beschützen, und ich erinnere mich, dass sie auf mir lag. Ich habe die Hunde heulen gehört oder vielleicht auch den Wind –“
„Lass uns das Essen verteilen“, sagte Jack schnell, um das Thema zu wechseln. Thorgils Mutter war eine Sklavin gewesen, die man bei der Einäscherung von Thorgils richtigem Vater auf dem Scheiterhaufen verbrannt hatte. Alle Erinnerungen, die Thorgil an dieses Leben hatte, waren grausig. Und wenn sie wirklich einmal darüber sprach, machte sie das so wütend, dass sie geradezu unausstehlich wurde.
Sie rannten von einer Farm zur nächsten und lieferten das Essen auf Feldern und in Scheunen ab. Die Scheunen hatten Schieferböden, die mit einer Schicht Adlerfarn bedeckt waren. Die Farnwedel schützten das Heu nicht nur vor der aufsteigenden Feuchtigkeit, sie schnitten den Ratten auch in die Mäuler, was die Schädlinge vom Heu fernhielt. Das Vieh war auf das Heu als Winterfutter angewiesen. Wenn es verregnete, verdarb es und die Tiere würden verhungern. Das frische Heu verbreitete einen angenehmen Duft.
Auf jeder Wiese sah Jack, wie die Leute sich bückten und Garben banden. Wenn es möglich war, benutzten sie den Karren des Hufschmieds für den Transport. Aber es war Eile geboten, und so trugen viele der Dorfbewohner ihr Heu eigenhändig nach Hause. Wer keine Scheune hatte, schützte seine Heustapel mit einer Haube aus Riedgras und hoffte das Beste.
Vor Monaten hatte Jack versucht, Thorgils Pferde vor einen Karren zu spannen, aber sie hatten gegen das Geschirr gekämpft und waren nicht zu bändigen gewesen. Das war noch etwas, das man ihm vorwarf, obwohl es nicht seine Schuld war. Er hatte doch keine Ahnung, wie man Pferde trainierte! Es war Thorgil, der sie vertrauten, aber sie weigerte sich, die beiden Tiere zur Farmarbeit auszubilden. Es wären schließlich Kriegspferde und keine Thralls, wie sie ihm an den Kopf geworfen hatte.
Thorgil war auch sonst ein Problem. Jack sah, wie ungern die Dorfbewohner das Essen aus ihren Händen nahmen und wie sie sich danach wegdrehten und ein Kreuz schlugen.
Jack und Thorgil ließen den Esel in der letzten Scheune und machten sich auf den Weg zu den Bienenstöcken. „Wir sollten uns beeilen“, sagte Jack und schaute in den schwarzen Himmel im Süden. Waren da Wolken? Irgendetwas war da, und doch war die Luft still und wie tot. Die Blätter an den Bäumen hingen schlapp herunter.
Sogar die Bienen wussten, dass etwas nicht stimmte. Sie flogen nicht mehr auf der Suche nach Nektar hin und her, und die Aufpasser summten vor dem Eingang herum, als rechneten sie mit einem Feind, der aus dem Hinterhalt angriff. Die Nester waren mit umgestülpten Körben geschützt, ähnlich den Hauben auf den Heustapeln. In einer Scheune wären die Bienen entschieden sicherer gewesen, aber es verwirrte die Tiere immer ganz furchtbar, wenn die Bienenkörbe umgestellt wurden. Sie würden also überleben müssen, wo sie waren.
Im Frühjahr hatte Vater eine Steinmauer um die Körbe gebaut, damit die Schafe ihnen beim Grasen nicht zu nahe kamen, und jetzt war Jack froh über den zusätzlichen Schutz. „Die benehmen sich, als wäre es Nacht“, stellte er verwundert fest. „Sie sind fast alle drinnen. Hör dir das Summen an!“
„Weißt du was? Ich kann beinahe verstehen, was sie sagen“ Thorgil presste ihr Ohr gegen einen der Körbe. „Es ist so ähnlich wie mit den Vogelstimmen. Ist das nicht verrückt?“
„Bienen sind doch auch Kreaturen der Lüfte. Was sagen sie?“
„Sie haben Angst. Sie spüren den nahenden Tod – au!“ Thorgil schlug sich aufs Ohr und sprang zurück.
„Geh lieber weg. Wenn eine sticht, machen die anderen es ihr nach“, rief Jack.
Aber die Bienen blieben in ihren Körben. Jack und Thorgil hockten sich ein Stück entfernt hin und beobachteten sie. Welchen Feind die Bienen auch immer ausgemacht hatten, er war offensichtlich zu gefährlich, um sich ihm entgegenzustellen.
„Sieh doch!“, rief Jack fassungslos. Im Süden türmten sich jetzt Wolken am Himmel auf. Aus der verschwommenen Schwärze hatten sich nebelartige Fetzen gebildet, die mit solchem Tempo auf sie zurasten, dass Jack sich instinktiv auf den Boden warf und Thorgil mit sich riss. Eine Sekunde später war das Gewitter da.
Aus der vollkommenen Stille war plötzlich ein Orkan geworden, der sie über den Boden schob. Einer der Bienenkörbe kippte um und fiel gegen die Steinmauer. Der Wind heulte so laut, dass Jack ihn nicht überschreien konnte. Auf dem Bauch robbten er und Thorgil auf einen Schafstall zu, der am Feldrand stand. Er konnte ihn nicht sehen, bis ein Blitz alles in weißes Licht tauchte, dicht gefolgt von einem Donnern, das den Boden beben ließ.
„Bei Thor!“, formten Thorgils Lippen im gleißenden Licht. Sie robbten, so schnell sie konnten, und erstarrten jedes Mal, wenn ein Blitz vom Himmel schoss. Bis jetzt regnete es noch nicht. Sie erreichten den Schafstall und quetschten sich zu den drei Mutterschafen, die dieselbe Idee gehabt hatten. Der Wind fauchte über die schützende Steinmauer hinweg, aber auf dem Boden, in einem Haufen feuchter Wolle, fühlte Jack sich beinahe sicher.
„Bei Thor!“, brüllte Thorgil wieder und zeigte nach draußen.
Jack schaute hinaus und sah eine röhrenförmige Wolke vom Himmel herunterhängen. So etwas hatte er noch nie gesehen. Sie brüllte wie tausend wütende Bienen und Jacks Haut kribbelte, als liefen Ameisen darüber. Der Mund der Röhre klaffte auf, und er sah, wie Blitze darin herumwirbelten und Äste und etwas, das aussah wie ein Teil von einem Haus. Dann war es weg.
Die Schafe blökten entsetzt und drängten sich noch dichter zusammen. Jack vergrub sich in ihnen, aber Thorgil versuchte plötzlich, aus dem Schafstall zu kommen. Der Wind schob sie wieder hinein. Sie rappelte sich erneut auf und reckte die Arme zum Himmel. Ihre Stimme war im Heulen des Sturms kaum lauter als das Zirpen einer Grille, aber Jack konnte die Worte trotzdem verstehen: „Nimm mich mit!“
„Geh in Deckung!“, brüllte Jack und warf sich gegen ihre Beine.
„Nein! Nein!“, schrie sie. Er schaffte es, sie umzuwerfen, und sie schlug ihm dafür in den Magen. Er klappte zusammen und japste nach Luft, und sie sprang wieder auf. „Nimm mich mit!“, schrie sie noch einmal. Dann fing es an zu regnen, wahre Eimerladungen voller Wasser, die den Schafstall so schnell volllaufen ließen, dass die Schafe kaum noch Luft bekamen. Ihre Hufe trommelten auf Jack herum, und eines stand sogar auf ihm. Doch dann kippte der Wind es um, und Jack hörte das entsetzte Blöken, als der Sturm das Schaf mit sich riss.
Jack hätte nicht sagen können, wie lang der Regen auf ihn herunterprasselte. Es kam ihm vor, als wären es Stunden. Es wurde plötzlich ganz kalt, und eine Weile hagelte es – dicke Körner, die wehtaten und die Schafe zum Blöken brachten. Danach rauschte wieder der Regen herab, und die ganze Zeit zuckten Blitze vom Himmel und Donner rollte über den Horizont.
Doch irgendwann beruhigte sich der Himmel wieder. Die Blitze wurden seltener und der Donner verzog sich grummelnd nach Norden. Im Süden hatte der Himmel wieder eine wunderschöne blassblaue Farbe.
Jack rappelte sich zögernd auf und musste feststellen, dass rund um ihn herum alles verwüstet war. Jeder Busch war platt gedrückt. Äste vom weit entfernten Wald lagen überall herum, und ein Stück entfernt lag das Schaf, das auf ihm gestanden hatte – tot.
Auch Thorgil lag ausgestreckt im Matsch. Er hatte nicht einmal mitbekommen, dass sie so weit vom Schafstall weggelaufen war! „Oh, Thorgil!“, rief Jack, kletterte über die Mauer und rannte zu ihr. Er hob sie auf seine Knie. „Oh, meine Liebste!“
Ihre Augen waren weit offen, der Blick starr. Aber sie waren nicht glasig wie bei einer Toten. Jack war so erleichtert, dass er sie fest drückte und sich erst dann Sorgen machte, ob sie womöglich eine gebrochene Rippe hatte. „Er wollte mich nicht mitnehmen“, murmelte sie niedergeschlagen.
„Wer wollte dich nicht mitnehmen?“, fragte Jack, der annahm, dass sie fantasierte.
„Er hat meine nutzlose Hand gesehen und gewusst, dass ich nicht länger ein Krieger bin. Er wollte mich trotzdem, aber Odin hat es verboten. Oh, Freya, ich wünschte, ich wäre tot!“ Thorgil begann zu weinen, was Jack noch mehr beunruhigte, als wenn sie angefangen hätte zu fluchen.
„Bist du innendrin verletzt?“, fragte er besorgt.
„Wenn ja, ist es nichts, das der Tod nicht kurieren würde“, antwortete sie mit einem Hauch ihrer alten Schlagfertigkeit. „Auch wenn ich ihn dann trotzdem nie wiedersehe.“
„Wen? Von wem redest du?“ Im Süden kam die Sonne heraus, und über ihnen hatten sich weiße Wolken am Himmel verteilt.
„Olaf Einbraue“, sagte die Schildmaid und seufzte abgrundtief. „Er war in den Wolken, aber er musste mich zurücklassen.“