Kitabı oku: «Die verlorene Insel», sayfa 2
Teil I SCHOCK
März 2014
Bachtschyssaraj – Balaklawa – Sewastopol – Jalta – Simferopol
Vorwärts in die Vergangenheit
Selbsternannte Kosaken kontrollieren die Ausweise der Passagiere, die auf die Krim reisen. Dschankoj ist der erste Halt auf der Halbinsel. Ich liege auf der oberen Pritsche eines Schlafabteils und täusche völlige Müdigkeit vor. Während ich meinen Pass hervorziehe, hebt sich mein Kopf fast unmerklich vom Kissen. Mein Smartphone ist sauber – kein einziges Foto vom Maidan ist darauf zu finden.
Ein Mann lugt in unser Abteil. Meinen Pass würdigt er kaum eines Blickes, und damit ist meine Einreise auf die Krim geglückt. Wir schreiben den 16. März 2014. Heute soll ein sogenanntes Referendum über den Status der Krim stattfinden. Der Zug fährt bis nach Sewastopol, ich steige in Bachtschyssaraj aus.
In der wichtigsten Stadt der Krimtataren gibt es weitaus weniger Anhänger des „Russischen Frühlings“1 als dessen ausgesprochene Gegner. Der Zug hat eine Verspätung von etwa 25 Minuten. Es stellt sich heraus, dass Kosaken pünktlich am Bahnhof waren, dann aber, ohne die Ankunft des Zuges abzuwarten, unvermittelt wieder abgezogen sind.
Faktisch wurde die Krim bereits erobert und besetzt. Die schlimmste Befürchtung ist eingetreten. Diejenigen, die versuchten, Widerstand gegen die Okkupation zu leisten, Aktivisten, die alles daransetzten, um die „grünen Männchen“2 – sprich: russische Soldaten – zu entlarven, wurden verprügelt und weggesperrt. Nach Lage der Dinge kontrolliert die Armee der Russischen Föderation bereits das Territorium der Halbinsel. Und obwohl über manchen ukrainischen Militärbasen noch die ukrainische Flagge weht: der Bruch ist vollzogen.
Doch am Tag der sogenannten „Abstimmung über die Unabhängigkeit der Krim“ weigern wir uns noch, diese neue Realität zu akzeptieren, und hoffen darauf, die Zeit zurückdrehen zu können.
Über dem bekannten krimtatarischen Café Musafir weht die Flagge der Krimtataren. Das Lokal liegt ein Stückchen oberhalb des Weges. Mit meinem Smartphone filme ich ein vorbeifahrendes – ein russisches – Militärfahrzeug. Ich möchte daran glauben, dass die Aufnahme als Beweis für die Präsenz ausländischer Truppen taugt.
Im Musafir arbeiten mehrere Journalisten aus verschiedenen Ländern an ihren Laptops. Ich habe eine Tarnidentität. Wahlweise gebe ich vor, eine lokale Übersetzerin oder die Freundin eines estnischen Journalisten zu sein. Mein „Freund“ war einst der jüngste Abgeordnete des estnischen Parlaments. Er war der einzige EU-Politiker, der 2004 während der Orangenen Revolution im Zeltlager auf dem Maidan lebte. Jetzt ist er einfach freiberuflicher Journalist. Ich habe die Kontakte zu den Protagonisten und werde Geschichten für den Internet-Fernsehsender Hromadske aufschreiben, und solange wir zusammenarbeiten, begleitet er mich zu allen Interviews und Treffen und schreibt Texte für estnische Medien.
Der Maidan ist gerade zu Ende gegangen und die Arbeit von Hromadske schlägt hohe Wellen. Das Bild eines Kollegen wird auf den Kundgebungen der Separatisten gezeigt – als Zielscheibe. Jetzt ist nicht die Zeit für Live-Übertragungen von der Krim; man erregt besser keine Aufmerksamkeit und behält den aktuellen Aufenthaltsort einer ukrainischen Journalistin für sich. Meine Aufgabe besteht somit weniger darin, Aufmerksamkeit zu generieren, als vielmehr darin, herauszufinden, was hier wirklich vor sich geht. Mein Kollege ist einige Tage früher angekommen und hat es geschafft, gemeinsam mit einem estnischen Fernsehteam (das nicht länger auf der Krim erwünscht ist) einige Szenen einzufangen. Er hat auch Perewalne besucht, wo er russische Soldaten ohne Hoheitsabzeichen gefilmt und das Material an uns weitergereicht hat. Die bewaffneten Männer mit vermummten Gesichtern hüllten sich einfach in Schweigen, und den Ortsansässigen mit ihren schwarz-

orange gestreiften Georgsbändchen3 stand auch nicht der Sinn nach einer Unterredung mit EU-Bürgern. Besagter Kollege hat auch die letzte große proukrainische Kundgebung am Tag vor dem „Referendum“ am Taras-Schewtschenko-Denkmal4 in Sewastopol verfolgt. Der gesamte Platz sei in ein Meer aus blau-gelben Flaggen getaucht gewesen.
Noch bevor ich herausfinde, wie ich zum Wahllokal gelange, erfahre ich, dass der berüchtigte prorussische Aktivist Johan Bäckman zur Unterstützung der Annexion aus Finnland auf die Krim gereist ist. Bäckman bestreitet vehement die Existenz eines unabhängigen Estlands, wurde dort zur Persona non grata erklärt und darf schon lange nicht mehr an finnischen Universitäten unterrichten. Ab Juli 2014 wird sich Bäckman selbst als offiziellen Repräsentanten der „Volksrepublik Donezk“ in Finnland bezeichnen. Damals waren solche Vertreter der „Russischen Welt“5 für uns noch Neuland.
„Gegen Mittag hatten bereits 461 Person abgestimmt. Alle sind sehr aktiv! Viel junges Volk. Ich bin nicht zum ersten Mal Mitglied einer Wahlkommission. Alle behaupten immer, dass die Jugend unpolitisch sei, aber die ersten, die ihre Stimme abgegeben haben, waren fünf junge Leute“, berichtet eine Frau, Mitglied einer sogenannten Wahlkommission im Stadtzentrum von Bachtschyssaraj. Das baufällige, einstöckige Gebäude ist größtenteils verrammelt und wurde eigens für die Wahlen auf Vordermann gebracht.
Die Frau rechtfertigt die großen Lücken im Wählerverzeichnis damit, dass zur Vorbereitung der Abstimmung nur wenig Zeit geblieben sei. Daher dürfen auch jene, die nicht auf der Liste stehen, „abstimmen“. Wir beobachten den Ablauf:
„Hier ist der Antrag von Nadija Wolodymyrowna Ionowa auf Aufnahme in die Liste.“ Es wird abgestimmt; der Antrag wird angenommen.
„Nun kommen Sie her, nehmen Sie einen Stimmzettel und wählen Sie“, fordert die Organisatorin die Frau auf.
Wenige Stunden später treffen wir im selben Wahllokal eine befreundete Journalistin mit russischem Pass. Sie erzählt uns, dass sie soeben bereits in einem anderen Wahllokal in Bachtschyssaraj ihre Stimme abgegeben hat.
„Finden Sie, dass Russland eher zum Vorbild taugt als Europa?“, fragt mein estnischer Kollege eine junge Familie, die zum Wahllokal gekommen ist.
„Natürlich, in Russland steht alles zum Besten, dort herrscht Stabilität. Die EU ist definitiv kein Vorbild, und Lettland schon gar nicht.“


„Wir sind aus Estland.“
„Estland? Auch kein gutes Vorbild. Was gibt´s da schon Gutes? Die Leute dort leben schlechter. Wir waren in Serbien, die Leute dort machen sich scharenweise aus dem Staub.“
„Serbien? Aber Serbien ist nicht in der EU.“
„Das nicht, aber sie haben ein Integrationsabkommen unterschrieben, deshalb geht das Land mit jedem Jahr mehr vor die Hunde. Und meine Freunde in Riga sind auch nicht eben begeistert: die Lebenshaltungskosten steigen, das Rentenalter ebenfalls, die Gehälter sinken. Die treiben die Menschen in den Ruin.“
Die Wahlleiterin beteuert, dass auch Krimtataren ihre Stimmen abgeben. Der Medschlis des Krimtatarischen Volkes6 hat den Boykott des „Referendums“ beschlossen. Dies bestätigt auch Achtem Tshijhos, der stellvertretende Vorsitzende des Medschlis – und zu diesem Zeitpunkt auch Abgeordneter des Bezirksrats von Bachtschyssaraj. Sein winziges Büro ist nur einen Steinwurf vom vermeintlichen Wahllokal entfernt und öffnet am Nachmittag. Da berichten die russischen Medien bereits über die erfolgreiche Abstimmung. Tshijhos spricht im Brustton der Überzeugung: „Das ist eine Provokation, eine Farce, damit wollen wir nichts zu tun haben. Hier im Bezirk Bachtschyssaraj und in einigen unserer kleineren Siedlungen haben sich die Krimtataren nicht an der Bildung von Wahlkommissionen beteiligt. Wir sind seit vielen Jahren eine feste Größe bei der Wahldurchführung auf der Krim. Zur Wahlbeteiligung muss ich nicht viele Worte verlieren – die ist natürlich gering. Den Informationen zufolge, die wir aus unserer Region erhalten haben, hat nur ein Bruchteil der über 25.000 hier lebenden Krimtataren an den Wahlen teilgenommen. Wir sind uns darüber einig, dass unsere Heimat in Gefahr ist. Dieses Gefühl lastet jedem auf der Brust – sowohl denen, die die Deportation durchlitten haben, als auch jedem Kind, wenn es sich schlafen legt. Morgen werden wir aufwachen und den Kampf um unsere Rechte fortsetzen. Die Form des Kampfes wird von der Problemlage abhängen. Doch wir, die Krimtataren, sind Bürger der Ukraine.“
Wir stehen vor einem der größten Wahllokale im Dorf Turheniwka. Ein Mann mittleren Alters mit Schiebermütze und Lederjacke stellt sich lächelnd als „Onkel Tolja“ vor. „Na aber selbstverständlich“ habe er abgestimmt.
„Und wofür haben Sie gestimmt?“
„Ja keine Ahnung, wie das alles jetzt gelaufen ist.“
„Wofür nun? Für die Vereinigung mit Russland?“
„Und wohin geht dieses Video?“
„Nach Kyjiw.“
„Oh, nein! Dann nicht. Das zeigt ihr sowieso nicht!“
„Doch, na klar, warum denn nicht?“
„Ich sage nichts. Ich habe zwar gewählt, aber jetzt weiß ich nicht, ich horche in mich hinein und frage mich, wozu das Ganze gut sein soll.“ Er zuckt mit den Schultern.
„Und was wird morgen geschehen?“
„Morgen wird ein schwerer Tag, aber die Leute werden erfahren, dass alle auf der Krim nach Russland wollen.“
Onkel Tolja ist überzeugt, dass die Krimtataren das Referendum boykottiert haben. Er führt aus: „Ihr Tschubarow7 will es nicht, er hat es verboten. Und nun hocken sie in ihren Hütten, keine Spur von ihnen in ganz Bachtschyssaraj. Ist so. Hast du hier etwa einen einzigen Tataren gesehen? Fehlanzeige. Die wollen nicht nach Russland. Die Tataren haben Angst, vielleicht zu Recht. Russland wird ihnen die Daumenschrauben anlegen. Die Ukraine fürchten sie nicht, dort herrscht Chaos, und sie hocken auf dem Basar herum, schachern, arbeiten in die eigene Tasche, geben nichts an den Staat, aber streichen ihre Rente ein. Und die kommt aus Donezk, wo die Fabriken stehen. Russland wird ihnen schon verklickern, dass man schuften muss, anstatt auf dem Basar die Zeit totzuschlagen.“
Mehr an sich selbst gewandt, überlegt er laut, was ihn an der Ukraine stört: „Wir wollen ein ganz normales Leben. Aber die pressen uns hier aus. Das Geld von den Touristen fließt nach Kyjiw, und wir sehen
keine müde Kopeke. Wenn bei euch in Kyjiw der Mindestlohn bei 2.500 Hrywnja liegt, dann sind es hier 1.000.8 Damit kommst du nicht weit. Im Fernsehen zeigen sie, dass man in Kyjiw 8.000, ja sogar 10.000 Hrywnja kriegen kann. Klar sind die dort für die Ukraine! Würden die nur mal bei uns leben. Nun, wir haben Janukowytsch gewählt, diesen Dreckskerl. Ja, wir haben für ihn gestimmt, für wen auch sonst. Hätten wir denn wissen können, was das für ein Typ ist? Die eigenen Taschen hat er sich vollgestopft.“
„Glauben Sie etwa, dass es in Russland keine Korruption gibt?“
„Keine Ahnung, aber zumindest setzt Putin jede Woche einen dieser korrupten, betrügerischen Gouverneure aus allen möglichen Oblasten vor die Tür. Unter Julija Timoschenko hatten wir zwei Stunden täglich Strom, es gab kein Benzin, Busse fuhren nicht. Und die soll jetzt eine Heldin sein? Habt ihr die dreistöckigen Hütten gesehen, die die sich gebaut haben? Wir sind hier weit ab vom Schuss, wir haben im Dreck gelebt und wir werden weiter im Dreck leben.“
In Kyjiw herrscht der Eindruck vor, dass die Krim hinter Janukowytsch stand – die Halbinsel als Hochburg jener „Partei der Regionen“, die mit dem NATO-Beitritt kokettiert und politisches Kapital aus der Sprachenfrage geschlagen hat. Wir werden den Eindruck nicht los, dass die Menschen auf der Krim nicht das gesamte Ausmaß der Korruption des Ex-Präsidenten, der durch den Maidan aus dem Amt gejagt wurde, erfasst haben. Es scheint, als kämen wir einige Jahre zu spät. Die russische Botschaft auf der Krim lautet: „Alle ukrainischen Politiker sind wie Janukowytsch. Einzig Putin ist anders.“ Ein lokaler Aktivist pflichtet bei: „Weißt du, die Leute glauben, dass der korrupte Donezker Clan sich die Krim unter den Nagel gerissen hat und dass Russland so etwas nicht dulden wird.“
Ich möchte von Onkel Tolja wissen, ob er darauf setzt, dass Moskau ganz ohne Bedingungen Geld aushändigen werde. Doch dieser gerät ins Schwärmen über die Zeiten in der Sowjetunion, als es im Dorf noch drei Traktoristen-Brigaden gab. Onkel Tolja glaubt, dass Krieg vermieden werden kann und dass alle in Frieden leben werden: „Wir – die Ukraine und die Krim – sind eine Familie. Aber es ist besser, wenn jeder seinen eigenen Weg geht. Schlimmer kann´s nicht werden.“
„Wovor wir Angst haben? Es kursieren Gerüchte über ‚ethnische Säuberungen‘, das heißt die Vertreibung der ursprünglichen Bevölkerung der Krim; man will Bedingungen schaffen, die uns zwingen, unsere Heimatstätte zu verlassen.“ In diesem krimtatarischen Haus herrscht eine völlig andere Stimmung. Eine Gruppe von Lehrern hat sich hier versammelt. Die Altersspanne reicht vom Referendar bis zum Beamten im Ruhestand. Alle Augen blicken gebannt auf den Fernseher, über den Bilder des krimtatarischen Senders ATR flimmern. Schewket9 erläutert, dass selbst das Wissen um die Funktionsweise von Propaganda nicht vor Verblendung schütze: „Manchmal fängst du an, an deinen eigenen Gedanken zu zweifeln. Angenommen, du weißt, dass die Mitglieder der Berkut (Steinadler)10 auf dem Maidan Leute verprügelt haben. Im Fernsehen aber wird der Eindruck vermittelt, die Krimtataren wären das gewesen. Sowas schaukelt sich immer weiter hoch. Vor dem Zweiten Weltkrieg war das deutsche Volk geblendet von Hitler und unterstützte ihn auf einer Welle des Nationalismus, der sich zum Chauvinismus steigerte. Und das hat schließlich zum Weltkrieg geführt. Die Gehirnwäsche des russischen Volkes durch die Massenmedien ist ebenso eine Bedrohung für die gesamte Welt.“
An diesem Tag haben sich die Frauen zum gemeinsamen Gebet versammelt: „Allah schenkte uns eine Heimat, auf dass wir mit anderen Völkern in Freundschaft und Harmonie leben. Wir sind froh, dass man in der Westukraine hinter uns steht. Wir unterstützen den Maidan. Wenn wir Worte der Fürsorge und der Solidarität vernehmen, kommen wir zur Ruhe. Wir haben Allah um seinen Segen gebeten, weiterhin in unserer Heimat und in Einigkeit mit der Ukraine leben zu können. Wir haben ihn auch darum gebeten, dass er Putin ein wenig Güte und Weisheit schenken möge, auf dass er seine Truppen und Soldaten, die hierhergekommen sind, abziehe, sie lebendig und unversehrt zu ihren Familien, Müttern und Frauen zurückkehren und hier wieder Friede einkehre wie vor ihrer Ankunft.“
Der Betreiber des Café Musafir, Lenur Osmanow, findet deutlichere Worte. Er sähe es gerne, wenn die Machthaber in Kyjiw die Strom- und Wasserversorgung unterbrechen würden, um den Krimbewohnern ihre Abhängigkeit vom Festland vor Augen zu führen: „Mir ist bewusst, dass man in Kyjiw vor einem Dilemma steht: wie setzt man solche Druckmittel ein, ohne den Menschen zu schaden? Doch wir Krimtataren haben die Deportation überlebt. Wir kennen weitaus schlimmere Verhältnisse – Strom und Wasser sind ein Witz dagegen. Jede Familie hat geliebte Menschen verloren. Daher kann man wohl behaupten, dass wir einiges aushalten. Die Ukraine sollte sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, dass sie ihre eigenen Leute in diese Lage gebracht hat. Die Krim ist ein Teil der ukrainischen Wirtschaft und Gesellschaft. Wir überstehen das.“
Switlana stammt aus Sewastopol und ist Lehrerin für ukrainische Sprache und Literatur. Ihr Tonfall bei unserem Treffen ist eindringlich: „Natalija, sag mir, wie ist das möglich? Im Radio wird behauptet, dass achtzig Prozent der Krimtataren beim Referendum abgestimmt hätten. Ich glaube das nicht. Halb so viele vielleicht, aber doch nicht achtzig?“
Mir kommt die Frage nach der Funktionsweise von Propaganda in den Sinn. Ein Mensch mag vielleicht glauben, dass diese oder jene Zahl etwas frisiert oder gefälscht ist, aber dass man dermaßen dreist lügen kann, das er kann sich nicht vorstellen.
Switlana lief mir damals buchstäblich vor die laufende Kamera. Ich war gerade auf der Institutska-Straße im Zentrum von Kyjiw auf Sendung, während die Menschen in den ersten Tagen nach der Tragödie zu Ehren der Gefallenen der Himmlischen Hundertschaft11 dort Blumen niederlegten. Ihre ukrainische Aussprache ist ungemein korrekt, fast theatralisch. Damals klagte sie mit Tränen in den Augen, dass niemand auf der Krim die Wahrheit über den Maidan kenne und man hinfahren und darüber berichten müsse, bevor es zu spät sei. Schließlich, so warnte sie, würden die Bewohner der Halbinsel gegen die Ukraine aufgewiegelt. Switlanas Mann ist Chorleiter bei der ukrainischen Marine. Sie hat viele Ehefrauen von Soldaten in ihrem Bekanntenkreis. Mehrere Wochen lang standen wir vom Sender mit ihnen in Kontakt, brachten Geschichten über die Blockade von Stützpunkten und sendeten Aufrufe zur Hilfe. Doch nach dem „Referendum“ verweigerte eine Ehefrau nach der anderen den Austausch mit Journalisten: Am Montag ein Live-Interview, am Dienstag ein Treffen, am Mittwoch selbst ein Telefongespräch. Weil alles seinen Sinn verloren hat. Der Verlust der Freiheit auf der Krim wird in diesen Tagen mit jeder Stunde deutlicher spürbar.
Am Stadtrand von Sewastopol, wo Switlana lebt, gibt es so gut wie keine Cafés, und mir wird klar, dass Vertreter ihrer Generation (zumal mit ihrem Gehalt) es nicht gewohnt sind, sich auf einen Kaffee zu verabreden. Sie bittet um ein Treffen im Zentrum, unweit des Markts. Es erscheint mir nicht sehr vernünftig, mit einem Videointerview unter freiem Himmel Aufmerksamkeit zu erregen. In einer Pizzeria im Einkaufszentrum finden wir noch eine freie Ecke. Switlana hat ihre Tochter mitgebracht, die noch zur Schule geht. Das Mädchen ist erschöpft. Wir haben Mühe, uns auf das Gespräch einzustellen, zumal ich es aufzeichne. Die Unterhaltung kommt gerade in Gang, da setzt sich eine Gruppe stämmiger Bartträger an einen großen reservierten Tisch neben uns. Sie sprechen irgendeine slawische Sprache. Ich kann nicht verstehen, was genau sie hier auf der Krim treiben. Stehen sie an den Straßensperren Wache? Hat sie die Sensationslust hierhergetrieben? Oder sind sie als Erfüllungsgehilfen der Annexion hier? Ich nehme meinen Mut zusammen und frage sie nach ihrer Herkunft. Sie schlagen ein Selfie vor und antworten, dass sie aus Novi Sad kämen. Gelegentlich tauchen in den Newsfeeds zur Krim auch Berichte über Tschetniks auf – serbische Nationalisten, die Russland unterstützen. Höchste Zeit, unser Gespräch an einem anderen Ort fortzusetzen. Durch die Verzögerung bin ich für das nächste Interview bereits spät dran.
„Jurij, ich brauche Ihre Hilfe. Wir schaffen es nicht rechtzeitig zu Ihnen und ich habe eine Bitte. Wir wollen noch mit einer anderen Person sprechen, doch ihr Kind ist müde, und wir haben keinen guten Ort für unser Gespräch gefunden. Können wir vielleicht zu Ihnen kommen?“, bitte ich den mir im Grunde unbekannten jungen Mann, den mir ein Bekannter vermittelt hat. Jurij ist in der IT-Branche tätig. Von ihm will ich wissen, wie die unpolitische Jugend und die Unternehmer zu den Ereignissen auf der Krim stehen. Ich will möglichst unterschiedliche Menschen treffen, um zu verstehen, was die Menschen auf der Krim wirklich umtreibt.
Nach einer Stunde Fahrt stehen wir endlich vor dem modernen Büro. Wir sind in Eile und müssen nun zwei Gespräche, die nicht unterschiedlicher sein könnten, irgendwie unter einen Hut bringen. In diesem Moment scheint es, als wären zwei gegensätzlichere Charaktere kaum vorstellbar: Hier die leidenschaftliche Lehrerin, die stundenlang über ihren Stolz auf ihre Schüler und deren Erfolge bei den Schewtschenko-Spracholympiaden reden kann – dort der russischsprachige IT-Spezialist, ruhig und sachlich; bemüht, sich aus der Politik herauszuhalten.
„Am meisten beunruhigt mich die Polarisierung der Meinungen. Meine Freunde und ich streiten uns bis zur Heiserkeit. Bisher ist es gelungen, die persönliche Ebene bei den Auseinandersetzungen außen vor zu lassen, aber das gestaltet sich immer schwieriger“, erzählt Jurij. „Einige meiner Freunde haben die Milizen an den Straßensperren mit allem Lebensnotwendigen versorgt. Die haben das damit begründet, dass diejenigen, die uns angeblich verteidigen, doch Zigaretten und warme Kleidung bräuchten. Ich halte dann immer dagegen: ‚und vor wem beschützen die uns? Ich sehe keine Gefahr.‘ Ich sehe nur Propaganda, die uns weismachen will, dass die Benderiwtsi12 im Anmarsch sind. Das ist lächerlich. Und diese Straßensperren, die sind nichts weiter als Kriegsspielchen erwachsener Männer. Mir scheint, dass die zunehmenden Spannungen für manche nur ein Vorwand sind, um endlich die Waffen sprechen zu lassen. Ich habe aber auch Freunde, die zu den ukrainischen Stützpunkten gefahren sind und Lebensmittel durch den Zaun gereicht haben.“
Switlana wechselt in druckreifes Russisch: „Wenn ich jetzt Russisch sprechen und Mütterchen Russland als Heimat anerkennen würde, ich würde nirgendwo anecken und in der Masse aufgehen. Doch wenn ich meine Pflichten so gewissenhaft erfülle wie zuvor, sogar noch gewissenhafter, aber dabei Ukrainisch spreche, bringe ich mich und meine Familie in Gefahr. Wie kann man nur der Sprache wegen einen Krieg zwischen zwei Brüdervölkern lostreten? In den Familien hat dieser Krieg bereits begonnen; sie brechen auseinander. Heute im Bus haben sich die Leute gegenseitig zum Feiertag gratuliert. Ich ließ es darauf ankommen und fragte: ‚zu welchem Feiertag denn?‘ ‚Ja wie, wir sind doch seit heute Unabhängig!‘ Ich entgegnete: ‚Welche Unabhängigkeit?‘ – ‚Na, heute haben wir uns Russland angeschlossen.‘ Dabei zeigt ein Blick ins Wörterbuch, dass die Begriffe ‚Unabhängigkeit‘ und ‚Anschluss‘ unterschiedliche Bedeutungen haben. Doch dir steht nicht zu, diesen ‚Feiertag‘ zu verweigern. Und wenn wir für das Recht einstehen, dass Sewastopol ukrainisch bleibt, bringen sie uns einfach um…“ sie ringt um die richtigen Worte „…die schlachten uns einfach ab!“
„Sie haben gerade das Wort ‚abschlachten‘ verwendet…“
„Weil es genauso gesagt wurde! ‚Ihr Benderiwtsi gehört abgeschlachtet! Ihr Faschisten!‘ Was geht nur vor in den Köpfen der Menschen? Es zerreißt dir das Herz, wenn du solche Dinge hörst. Wir leben hier wie Geiseln, ohne zu wissen, wie wir uns verhalten sollen: reden oder schweigen. Viele haben ihre Gesinnung bereits gewechselt, manche sind geflohen, andere untergetaucht, wieder andere sind verstummt. Die Fernsehsender in Sewastopol, auf der Krim – wohin man auch schaut, überall verzerrte Informationen. Die Menschen fürchten sich davor, aufs Festland zu reisen: ‚In der Ukraine werdet ihr getötet, Faschisten haben dort die Macht ergriffen – bleibt besser auf der Krim!‘ Sowas wird ihnen eingetrichtert. Aber ich war dort, vom Faschismus keine Spur.“
Ich kann Switlanas Wut nachvollziehen. Sie sucht das Gespräch mit Kollegen und ist bestrebt, Andersdenkende umzustimmen. Doch sie befürchtet, dass sie nichts ausrichten kann. Jurij hält sich bedeckt, daher will ich wissen, ob er keine Angst verspüre: „Wovor sollte ich Angst haben? Ich gebe nur wieder, was ohnehin in aller Munde ist. Wir schlagen uns mit gesperrten Bankkonten herum. Schon vor dem Referendum konnte man kein Geld mehr abheben. Ich fürchte, dass diejenigen, die hier an die Macht gekommen sind, die Krim einfach zur Plünderung freigeben. Sie werden sich wie kleine Fürsten aufführen und den Kurs von Janukowytsch fortsetzen. Sie schnappen sich seine Villen und bauen sich noch ein paar neue dazu.“
***
Was bildest du dir ein, mein Schatz?
Willst um den Finger wickeln?
Die Mädchen woll‘n dich aber nicht,
siehst aus wie ein Karnickel!
Auf dem Basar war ich vor Kurzem,
da zeigten sie ein Märchen.
‘ne Alte hat‘n Gaul geknutscht,
Fedja hieß das Pferdchen.
Russland und die Ukraine –
oh dichter Beerenstrauch,
der Grenzmann schützt die Heimat
heuer vor der Heimat auch.
Eine Frau mit einem angehefteten Georgsbändchen tanzt und singt dabei diese Zeilen. Ein Großväterchen mit Akkordeon sorgt für die musikalische Begleitung. Eine „spontane“ Feier findet hier statt. Auf dem Nachimow-Platz in Sewastopol hat sich eine Gruppe von etwa 30 Personen, darunter vorwiegend Rentner, eingefunden. Viele tragen Fahnen mit Portraits von Putin und Medwedjew.
„Wir, die Sewastopoler, sind russische Menschen, heute sind wir das allerglücklichste Volk, und ich wünschte, alle Menschen auf dem gesamten Erdball wären so glücklich wie wir es heute sind. 23 Jahre lang hatten hier die Besatzer das Sagen, und nun kehren wir endlich heim. Wenn es von uns verlangt wird, stehen wir bereit, um Tag und Nacht zu marschieren. In dieser Stadt hat immer russische Ordnung geherrscht, Ukrainisch haben wir nie gelernt, und die Älteren konnten die Packungsbeilage ihrer
Medikamente nicht lesen. Wie ist so etwas möglich? All die Jahre mussten wir ein Wörterbuch zur Hand nehmen, um uns nicht zu vergiften und an unserer Medizin zu sterben“, ereifert sich eine Frau fortgeschrittenen Alters in Matrosenshirt und Schiffchenmütze. Eben noch hatte sie mit einem Großväterchen in Kapitänsmütze getanzt.
„Wir haben diesen Moment so lange herbeigesehnt. Alles geschieht zur rechten Zeit! Was willst du da machen?!“, ergänzt das Väterchen mit einem breiten Grinsen: „Begreif doch, Kindchen: Kyjiw wurde von Banditen erobert. Hätte man ihre Machenschaften sofort im Keim erstickt, wäre das alles hier nicht passiert. Wir alle hier wären nicht zu Russland gekommen. Während wir in Untätigkeit verharrt hätten, hätten sie uns die Nationalgarde auf den Hals gehetzt. Hätte, hätte – wenn wir nicht rechtzeitig gehandelt hätten.“

Der Mann ist an die achtzig Jahre alt. Er bezeichnet sich selbst als Sewastopoler mit russischen Wurzeln, auch wenn er seine gesamte Kindheit mit ukrainischen Halbstarken in Sibirien verbracht habe: „Wie könnte ich den Ukrainern Vorwürfe machen? Die ukrainische Sowjetrepublik war die mächtigste Republik der gesamten Sowjetunion –und ihre Kornkammer. Wenn Donezk und Luhansk doch nur einen Anführer wie unseren Aksjonow13 hätten und eine Bürgerwehr auf die Beine stellen könnten, dann könnten sie eine Schwarzmeer-Republik gründen. Doch man hat die Fürsprecher des Volkes verhaftet. Ich weiß, dort hat ihnen die Unterstützung gefehlt, und hier steht die gesamte Schwarzmeerflotte hinter uns.“
„Die Ukrainer sind ja auch ein gutes Völkchen, das schon“, fährt die Frau mit der Marinekappe fort: „Aber dann kam diese Bande daher und sorgte für Ärger. 2008 habe ich im Urlaub in den Karpaten eine Familie aus der Nähe von Kyjiw getroffen. Großartige Menschen! Wir konnten uns in jeder Sprache unterhalten. Und so friedfertig! Es gibt keinen Grund, uns in die Enge zu treiben.“
Während der Videoaufnahme erwähne ich den Umstand, dass ich aus Kyjiw komme und bei Hromadske arbeite, mit keinem Wort. Doch ich gebe auch nicht vor, gebürtig von der Krim zu stammen. Und so kommt die Gruppe auf die Beziehung zwischen der Krim und der Festlandukraine zu sprechen – auf dass man sie „da drüben“ hören möge.
„Turtschynow14 hat selbst gesagt, dass er die Russen auf die Knie zwingen, ihnen den Prozess machen und sie bestrafen wird!“, beteuert eine streng dreinblickende Frau mit Brille. Im Gegensatz zu den anderen Gesprächspartnern hat sie kein einziges freundliches Wort übrig.
„Wird Ihnen das im Fernsehen erzählt?“
„Natürlich! Ganz selbstgefällig saß der da, runzelte die Stirn und blähte seine Backen. Was glauben Sie denn, warum die Leute sich jetzt erheben? 23 Jahre haben die einfach so vor sich hingelebt, sich nicht beschwert und die Klappe gehalten. Die hatten Angst – bis jetzt.“
Wie so viele kommt sie auf die „Sprachenfrage“ zu sprechen: „Ich will Ihnen mal was klarmachen. Wir haben Spielzeug gekauft, das war nur auf Chinesisch, Englisch und Ukrainisch beschriftet. Da weißt du nicht, ob die Kreide gegen Kakerlaken ist oder ob die Kinder damit auf der Tafel schreiben können!“
Mir scheint, als hätte ich die Geschichte von der Insektizid-Kreide bereits irgendwo gehört. Ein junger Mann in Militäruniform hängt sich jetzt das Akkordeon um. Eine solche Uniform wird mir schon bald darauf erneut im besetzten Donezk begegnen.
Eine andere Frau tritt an mich heran, um ihre Meinung zu sagen: „Nach Abzug aller Steuern bleiben vom Gehalt noch 50 Dollar im Monat übrig. Davon muss man 18 Dollar nur für die täglichen Mahlzeiten abziehen. In Russland wird das anders sein.“ Die Leute bilden jetzt fast so etwas wie eine Warteschlange.
„Junge Dame, es gibt keine Probleme zwischen der Ukraine und Russland“, wirft ein stattlicher Mann mit Schnurrbart und Schiebermütze ein: „Die Menschen leben in Frieden und Eintracht, doch wenn nationalistische Ideen zum Maßstab allen Handelns gemacht werden, dann ist das nicht gut. Es hat doch niemand behauptet, dass in der Westukraine alle Menschen schlecht seien. Aber Nationalisten und Extremisten, die an die Macht kommen – was soll das bitteschön? Nehmen wir den Vorsitzenden der Partei ‚Swoboda‘, Tjahnybok, oder die Swoboda-Abgeordnete Iryna Farion, die dazu aufruft, alle Nicht-Ukrainer zu vernichten. Die beiden sagen schreckliche Dinge. Oder Jarosch,15 der allen Moskowitern16 den Krieg erklärt hat. Gut, Jarosch ist nicht an der Macht, aber er tritt bei den Präsidentschaftswahlen an! Die Ukraine kann doch in der Europäischen Union und in der Zollunion17 sein! Um Himmels Willen! Aber dann bitte ohne Nazismus und Extremismus, wie ein normaler, zivilisierter Staat. Ich glaube, dass die Leute in der Ukraine das alles früher oder später begreifen und sich davon lossagen. Dann sind einem solchen Volk Ruhm und Ehre gewiss, und ich werde mein Haupt vor ihnen verneigen!“
Das Akkordeon verstummt. Die ganze Gruppe hebt im Chor an:
Sewastopol, Sewastopol,
Stolz der Matrosen, Russen, der Deinen
oh legendäres Sewastopol,
Bollwerk wider alle Feinde!