Kitabı oku: «Pionier und Gentleman der Alpen», sayfa 3

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Alle bleiben und sie errichten mit Steinen eine Lagerstätte, laben sich mit Wasser und Kirschwasser, Brot, Fleisch und Käse. Zum Schlafen legen sich die älteren wie Löffel ineinander. Die Jungen hingegen, vor Angst zu erfrieren, tanzen und lärmen bis nach Mitternacht. Das Thermometer sinkt «auf vier volle Grad über Eis.» Am nächsten Morgen um 4 Uhr befiehlt Rohrdorf seinen Leuten, aufzubrechen «und eine Probe zu machen, wie weit man auf die Jungfrau Vordringen könne». Er selber macht keine Anstalten mitzugehen, bleibt mit Roth zurück, trinkt Wasser mit Wermuth-Extrakt auf deren Gesundheit und zeichnet dilettantisch die Jungfrau ab. Bald darauf kehren die anderen zurück und erzählen, dass sie auf dem Rottalsattel umgekehrt wären, weil sie «von dem Winde so ergriffen worden, dass es unmöglich gewesen sey, weiter fortzukommen.» Noch ein anderer Umstand habe sie zurückgetrieben, meint Rohrdorf: «Nämlich die Besorgnis, dass sie nicht mehr in die Höhle zurückkehren möchten und noch einmal auf dem Gletscher übernachten müssten.»

Zurück im Flachland gibt er Christian Roth einen Geldvorschuss und den Auftrag, noch andere Männer von Lauterbrunnen zu engagieren. Rohrdorf will die Jungfrautour wiederholen. Aber Roth hat Eigenes im Sinn: Mit Rohrdorfs Geld engagiert er sechs Grindelwaldner und führt die Besteigung eigenmächtig durch – ohne Rohrdorf zu benachrichtigen. Selber erreicht Roth den Gipfel nicht, aber die anderen. Sie pflanzen Rohrdorfs 36 Pfund schwere Fahne und behaupten, keine Anzeichen eines früheren Besuchs aufgefunden zu haben. Für diese Besteigung erhalten sie von der Kantonsregierung, welche damals noch Pioniere mit Vorbildcharakter belohnt, je einen Doppeldukaten Prämie.

DIE ERSTE HOCHALPINE KATASTROPHE

Einzig am Mont Blanc, dem höchsten Alpengipfel, bleibt in diesen Jahren das Interesse konstant. Von 1787 bis 1850 wird dieser vergletscherte Riese rund fünfzigmal bestiegen. 1820 ereignet sich hier auch der erste hochalpine Unfall überhaupt. Der russische Wissenschaftler Dr. Joseph Hamel lässt einen Käfig voller Brieftauben hochschleppen, um zu testen, ob diese in der verdünnten Luft fliegen können. Bei diesem weltbewegenden Experiment begleiten ihn ein Genfer Ingenieur und zwei Engländer der Universität Oxford. Unterhalb des Gipfels geraten sie in eine Lawine. Drei der zwölf Führer sterben. Die Tragödie wirkt einerseits abschreckend, andererseits bewirkt sie, dass die Besteigung noch prestigeträchtiger wird. «Sind Sie auf dem Berg gewesen?», sei in Chamonix eine notorische Frage geworden, berichtet ein Engländer. Die Antwort habe über das generelle Ansehen des Gefragten entschieden. Besonders bei den ausländischen Damen.

1838 steigt die französische Comtesse Henriette d’Angeville auf den höchsten Alpengipfel. Nachdem das erste «Frauenzimmer» auf dem Mont Blanc, Marie Paradies, 1808 ab dem Grand Plateau getragen und am Seil gezogen worden ist, will sie die Anstrengungen bis zuoberst aus eigener Körperkraft bewältigen und lässt sich dafür «Mannskleider» anfertigen – weite Hosen, die sie unter einem langen Mantel trägt und erst am Berg anzieht, damit sie Chamonix noch in betont femininer Kleidung verlassen kann. Im Gepäck hat sie Kölnischwasser, einen Fächer, einen Schuhlöffel, Thermometer und Fernglas, sowie einen Spiegel, um die Gesichtshaut auf Sonnenbrand hin zu kontrollieren, damit rechtzeitig Gurkencreme zur Kühlung aufgetragen werden kann. Beim Aufstieg kommt sie an die Grenzen ihrer Kräfte. Eine «unwiderstehliche Müdigkeit» zwingt sie zu einer kurzen Schlafpause. Den Gipfel schafft sie dennoch. Dort soll sie sich auf die Schultern ihrer Führer gesetzt haben, damit sie eineinhalb Meter höher gewesen sei als alle vor ihr.

Der grosse Mont Blanc bleibt ein Magnet. Rundum und im restlichen Hochalpenraum bleibt es dagegen noch immer relativ still. In dieser Zeit beginnen die ersten Schweizer Bergsteiger ihre Freizeit regelmässig in der Höhe zu verbringen. Unter ihnen etwa der Berner Gottlieb Studer, der Zürcher Theologe Melchior Ulrich, der Sankt Galler Textilhändler Jakob Weilenmann oder der Churer Forstingenieur und Gebirgstopograf Johan Coaz, der zwischen 1845 und 1850 im Bündnerland achtzehn Gipfel besteigt, darunter den 4049 Meter hohen Piz Bernina. Ihre Bergfahrten haben jedoch noch keinen Wettkampfcharakter und dienen nach wie vor dazu, für die Nachwelt nützliche Kenntnisse heimzubringen.

VON TOURISTEN UND ALPINISTEN

DIE INDUSTRIALISIERUNG RUINIERT IN GROSSBRITANNIEN DIE LANDSCHAFT UND DAS ESSEN — DIE «GEWESPETEN TAILLEN» IN INTERLAKEN — ALPINIST, DER NEUE ELITÄRE GESELLSCHAFTLICHE STAND — «HERR, SIE KLETTERN SO GUT WIE EINE GEMSE!» — DIE ERSTE KOMMERZIELLE VERMARKTUNG EINER BERGTOUR — FLITTERWOCHEN MIT DEM BERGFÜHRER STATT MIT DER EHEFRAU

Wozu Barometer und andere wissenschaftliche Geräte ins Hochgebirge befördern, wenn man auch mit leichtem Rucksack losziehen kann? Das mögen sich die jungen, unternehmungsfreudigen Engländer in den 1850er-Jahren gedacht haben. Sie sehen die eisigen Höhen als Paradies voller jungfräulicher Gipfel, die sie als deren «Liebhaber» in ihren langen Sommerferien besteigen können. Warum sie diese mühselige und gefährliche Trophäen-Jagd so fanatisch betreiben, wissen sie selber nicht genau. Edward Shirley Kennedy, Mitbegründer des Alpine Club und einer von Melchior Andereggs «Herren» schreibt: «Ich behaupte, dass dieses Kräftemessen mit der Natur in ihren wildesten Launen Freude hervorbringt.» Er fühle danach einen stillen Stolz – auf die geleistete Arbeit und auf den gegen alle Widerstände errungenen Erfolg. Aber er könne nicht sagen, ob dieser aggressive Trieb auf das angelsächsische Blut zurückzuführen sei, «wie manche meinen, oder ob es sich nur um eine der Seinsweisen handelt, in denen bei gewissen Individuen die ‹Widerspenstigkeit› des menschlichen Charakters zum Vorschein kommt.»

«Unerforschte Gebiete, Flüsse, die keinen Namen haben, Völker von denen man nichts weiss, Gebirge, die man nicht genau kennt, das alles wirkt auf den Engländer magnetisch. Er muss hin und die Sache untersuchen», schreibt Max Senger. Die Londoner Tageszeitung «The Times» spottet: «Er muss nachschauen, ob der Globus vielleicht doch irgendwo ein Ende hat.» Während Thomas Cook zweihundert Jahre zuvor die Welt umsegelt und in Neuseeland Kanibalen getroffen hat, finden die jungen Alpinisten nun nicht in Afrika oder am Nordpol einen weissen Fleck auf der Landkarte, sondern in greifbarer Nähe, im Zentrum des aufgeklärten Europa. Berge, von denen es heisst, sie seien nicht ersteigbar und Heimat von Geistern und Drachen. Hier finden die verwöhnten Söhne Englands ganz neue Grenzen, die sie wagemutig überwinden können.

Das Vereinigte Königreich Grossbritannien und Irland dominiert in jenen Tagen weltweit auf fast allen Gebieten. In Europa ist der Inselstaat die wohlhabendste Nation, wirtschaftlich, industriell und technologisch am weitesten fortgeschritten. Von den kontinentalen revolutionären Aufständen 1848 ist es dank politischer Reformen verschont geblieben. Wer es sich leisten kann, verbringt die Sommerferien in der Schweiz. Die Kluft zwischen reich und arm ist riesig, was die gehobene Oberschicht allerdings wenig kümmert. Während in den Armenvierteln Londons die Menschen hungern und von Seuchen heimgesucht werden, stört sich das Bürgertum vor allem an den negativen Auswüchsen der Industrialisierung, die ihre Kochtöpfe erreichen.

DAS GESETZ DER WIRTSCHAFT

John Ruskin, selber aus wohlhabendem Haus und damals bekanntester englischer Sozialphilosoph, wird nicht müde, die Entwicklung zu kritisieren. In den Tälern von Lancastershire sei es unmöglich, tausend Meter zurückzulegen, ohne auf eine Fabrik oder einen Hochofen zu stossen. Die Industrialisierung erniedrige die Natur, ruiniere die Landschaft und den Charakter der Waren, die sie hervorbringe: Bier wird mit Schwefelsäure gewürzt, Weissbrot enthält Alaunpulver, Vollkornbrot wird mit Kartoffeln, Kreide und Kaolin verpanscht, Tee mit Blättern und Heckenschnipseln hergestellt, Pfeffer mit Abfall angereichert, Milch mit Wasser verdünnt. «Im wahrhaftigen England ist alles falsch oder gefälscht.»

Es gebe kaum ein Produkt auf dieser Welt, das nicht irgendjemand ein wenig schlechter machen und etwas billiger verkaufen könnte, mahnt Ruskin. «Es ist unklug, zu viel zu bezahlen, aber es ist noch schlechter, zu wenig zu bezahlen. Wenn Sie zu viel bezahlen, verlieren Sie etwas Geld, das ist alles. Wenn Sie dagegen zu wenig bezahlen, verlieren Sie manchmal alles, da der gekaufte Gegenstand die ihm zugedachte Aufgabe nicht erfüllen kann.» Das Gesetz der Wirtschaft verbiete es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten.

Seinen Sinn für soziale Gerechtigkeit rollt Ruskin bis in die Alpen aus, die er wie Tausende Briten damals selber bereist. Für das Erklimmen eines hohen Gipfels will er sich jedoch nicht erwärmen, weil dies nur einer auserlesenen Schar von körperlich fitten Personen vorbehalten sei. Alles, was sich in den Alpen anzuschauen lohne, solle jedem Besucher zugänglich sein, argumentiert er. «Wahre Schönheit ist nur dort zu sehen, wo alle sie betrachten können, das Kind, der Krüppel und der ergraute Mann.» Er bleibt darum im Tal und ist der Meinung: «Die besten Aussichten auf Berge hat man von ihrem Grund.»

In dieser Hinsicht stimmen die meisten, der «gewöhnlichen» Touristen Ruskin bei. Sie kommen in die Schweiz, um sich zu erholen. Am liebsten ohne zusätzliche Anstrengung, denn die Reise mit den ungefederten Kutschen und einfachen Karrwagen bis in die gepriesenen Täler ist schon strapaziös genug. Für sie ist diese Art, die Sommerferien zu verbringen, avantgardistisch und extrem genug. Entschädigt werden sie durch die Naturschauspiele, das Klima, die Wanderungen und Heilbäder, wo sie ihre Wohlstandswehwehchen kurieren.

DIE ENGLISCHEN TOURISTEN

Interlaken, dreissig Kilometer von Melchior Andereggs Wohnsitz entfernt, gilt seit den 1830er-Jahren als «Englische Kolonie», was die lokalen Touristiker freut, die Touristen aber zunehmend verwirrt. Sie fliehen vor der Industrialisierung in ihrer Heimat, erwarten in der Schweiz Alpenromantik und urige Chalets – und treffen auf ihresgleichen. Die unberührten Alpen aus Byrons berühmten Gedichten scheinen sie nicht mehr zu sehen. Ein nach Interlaken ins Exil gezogener französischer Graf notiert in seinem Tagebuch, die Briten kämen nur der Mode wegen in die Berge, aus Stolz, weil sie nichts Besseres zu tun hätten, und nur selten aus echter Neugier. Das Treiben in der Berner Oberländer Touristenkapitale, welche den typischen dörflichen Charakter längst eingebüsst hat, beschreibt er so:

«Frühmorgens wird man durch den Lärm einer Reiter-Kavalkade geweckt, die sich auf einen Ausflug zum Staubbach oder zum Grindelwaldgletscher vorbereitet. Fünf oder sechs junge Frauen warten auf ihren Pferden, während zwei Matronen auf Esel gehievt werden, um dem Unternehmen den Anschein von Schicklichkeit zu verleihen. Ein Dutzend Dandys in Blusen und mit langen Nagelstöcken, die sie wie Lanzenschwerter tragen, umrunden die Karawane auf ihren Rössern. Nach viel Gerede und Geschrei und als feststeht, dass niemand im Dorf ungestört geblieben ist, entfernen sie sich im wilden Durch-einander. Wenn das Wetter gut ist, wird der Abend Spaziergängen gewidmet. Aber wenn es regnet, entgeht man nicht der Qual, abscheuliche Musik zu hören, gespielt von Laien, die sich eines Klaviers bemächtigen und die Stücke verhunzen, die im vorhergehenden Winter in Paris grosse Mode waren.»

Auch wollen die Briten in den Alpen unter sich bleiben und ungern mit Touristen anderer Nationen zu tun haben. Selbst innerhalb ihrer eigenen Kreise achten sie darauf, dass sie nur mit ihresgleichen verkehren. Die Hierarchie der englischen Gesellschaft funktioniert kompliziert. Befreundete Adelige nennen sich nicht beim Vornamen, sondern beim Titel: Earl, Baron, Duke, Colonel. Gegenüber unteren Schichten bleibt man distanziert und desinteressiert. Der Genfer Zeichner und Novellist Rodolphe Töpffer nennt die Engländer 1837 «einzigartige Sterbliche», die in der Lage sind, durch Täler zu wandern, ohne irgendein Zeichen des Grusses, der Höflichkeit oder auch nur Zivilisiertheit erkennen zu lassen. Das steife, zurückhaltende, stolze, barsche, unbeholfene, verschlossene Auftreten der Briten interpretieren andere als Schüchternheit, die von den geselligen Schweizern, Italienern und Franzosen missverstanden werde.

Bei der Pariser Schriftstellerin Amantine-Aurore-Lucile Dupin, die unter dem Pseudonym George Sand schreibt, müssen die Engländer gar als Karikaturfiguren herhalten:

«Albions Inselbewohner bringen ein eigenartiges Fluidum mit sich, das ich das britische Fluidum nennen würde. Darin eingehüllt reisen sie und sind so unzugänglich für die Atmosphäre der Gebiete, die sie durchqueren, wie eine Maus im Zentrum einer Tretmühle. Ihre ewige Teilnahmslosigkeit ist nicht allein auf die vielen tausend Vorsichtsmassnahmen zurückzuführen, die sie treffen. Sie geht nicht darauf zurück, dass sie drei Paar Hosen, eine über der anderen, tragen und ihr Ziel trotz Regen und Schlamm völlig trocken und sauber erreichen; nicht darauf, dass ihre steife und metallische Frisur der Feuchtigkeit infolge ihrer Wollmützen trotzt; auch nicht darauf, dass sie mit genug Pomaden, Bürsten und Seifen beladen sind, um ein ganzes Regiment bretonischer Rekruten in Adonisse mit stets gepflegtem Bart und makellosen Fingernägeln zu verwandeln. Der Grund ist, dass die äussere Luft keinen Einfluss auf sie hat, denn sie gehen, trinken, schlafen und essen eingekapselt in ihrem Fluidum wie in einem sieben Meter dicken Gefäss, aus dem heraus sie mitleidig auf Reiter herabblicken, deren Haar vom Wind zerzaust wird, und auf Fussgänger, deren Schuhe vom Schnee beschädigt werden.»

DIE ENGLISCHEN ALPINISTEN

Die junge Generation Engländer, die sich systematisch dem touristischen Bergsteigen zuwendet, tut dies nicht zuletzt, um sich von diesem «Spiessbürgertum» abzugrenzen. Mit ihrer ungewöhnlichen Urlaubsbeschäftigung schaffen sie einen neuen gesellschaftlichen Stand: Die Alpinisten. Obschon sie in den Alpen Touristen sind wie alle Touristen, wollen sie nicht zu ihnen gehören und sich vom «Gewöhnlichen» abheben. Das tun sie mit dem Rückzug in die unzugänglichen, unberührten Gletschergegenden. Im Hochgebirge sind sie nicht einfach Touristen, sondern Alpinisten, die eine eigene Elite bilden und unter sich bleiben. Der Berg wird zum Symbol der Einsamkeit, Stille und Weltflucht. Je mehr sich Wohlstand, Überfluss und materieller Luxus ausbreitet, desto mehr begrüssen und preisen die geplagten Städter die Unwirtlichkeit des Gebirges.

Welche Abscheu Leslie Stephen vor dem Touristenstrom und dem «Gewöhnlichen» empfindet, bringt er in seinem Buch «Playground of Europe» zu Papier. Nicht-Bergsteiger sind für ihn alte Männer, Krüppel, kostümierte Damen, Cook-Touristen, dicke deutsche Professoren und Amerikaner, welche die Alpen im Galopp und nur von unten besichtigen – und damit alles verpassen, worauf es gemäss seiner Weltanschauung ankommt. Er sieht sie als «Flut», als «Tiere mit Herdentrieb» und «Schwärme», die von «Fliegenfallen» wie St. Moritz angezogen werden. Weil diese «gesichtslose Masse» anders als er nicht fähig ist, tagelang im Gebirge zu klettern, bezeichnet er sie gar als körperlich minderwertig und weniger überlebenstüchtig.

Diese Verachtung gegenüber Nicht-Alpinisten, der Hohn auf die armseligen Freuden und Genüsse der im Staube der Täler Kriechenden seien begreiflich, analysiert später der deutsche Grafologe Heinrich Steinitzer in seinem Essay «Psychologie des Alpinisten». Die so sprechen, schreibt er, hätten diese für sie verachtenswerten Freuden und Genüsse einst selber erlebt, darunter gelitten, sie aber überwunden, vielleicht nur für Stunden und Tage, doch das könne ihnen die Erinnerung daran nicht rauben, dass sie einmal all ihre Willenskraft aufgewendet haben, um mehr zu sein, als sie von Natur aus seien. Steinitzer geht sogar soweit, dass er die Behauptung aufstellt: «Es ist zweifellos, dass der Alpinismus so gut wie aufhören würde, wenn es auf irgendeine Weise gelänge, dem Alpinismus jede Möglichkeit zu nehmen, andere von seinen Leistungen zu unterrichten.»

KLASSENGESELLSCHAFTEN IN DEN BERGEN

Auch die Schweizer Alpinisten beginnen in den 1850er-Jahren über die «gewöhnlichen» Touristen zu schnöden. Der Thurgauer Dr. Abraham Roth, später Redaktor beim Schweizer Alpen-Club, schreibt in seinem Buch «Gletscherfahrten in den Berner Alpen»: «Bei meinen puritanisch-republikanischen Landsleuten ist es in neuster Zeit Ton geworden, mit Achselzucken von Interlaken zu reden, als wären durch die Anwesenheit so vieler Fremden die Alpen entweiht.» Es sei nicht auszuhalten unter dem vornehmen Volke. Der köstliche Duft der Nussbäume ersticke unter den Strömen von Eau de mille fleurs und Patschouli. Über den gewespeten Taillen der Damen und Dämchen verliere man am Ende auch den Geschmack an der Jungfrau. Die Standesvorurteile seien jedoch gegenseitig, fügt Roth an. Ob die Gräfin in Ohnmacht sinke, wenn ihr Kutscher zufällig ein Andenken aus der Sphäre seines Wirkens an den Stiefeln trage oder ob der edle Proletarier in Zorn aufkoche, wenn er an der Brust seines Nachbarn ein regelgerecht gebügeltes Hemd sehe: «Es ist Eines so lächerlich wie das Andere. Wir sind, denk’ ich, über die Periode hinweg, da man sich ein natürliches Herz nur unter den Lumpen dachte und Eugen Sue auf seidenen Polstern und im damastenen Schlafrock die Tugend der Armuth pries.»

Der Tugend der Armut respektive der Tugend des Ursprünglichen zu huldigen, ist manchen der wohlhabenden englischen Alpinisten jedoch Gebot. Sie könnten sich alles leisten, ziehen es dennoch vor, sehr lange Reisedistanzen zu Fuss zurückzulegen. Nicht aus Geiz, sondern weil sie ihre Fitness als einzigartigen Reichtum erachten, der sie vom durchschnittlichen Touristen unterscheidet. Zum Beispiel den weiten Weg von Leukerbad über die Gemmi nach Thun bewältigen sie in zehneinhalb Stunden aus eigener Körperkraft, obschon Teilstrecken zu Pferd, mit Karrwagen und Kutsche möglich wären. Unterkünfte in abgelegenen Bergtälern lassen sie nicht im Voraus reservieren. Sie überlassen es dem Zufall, ob sie in einem Bett schlafen werden oder unter freiem Himmel.

Kommt hinzu, dass nicht alle englischen Bergsteigerpioniere über ein dickes Bankkonto verfügen. Etwa der Ire John Tyndall, Sohn eines Polizisten, oder Edward Whymper, Sohn eines Druckers, gehören nicht zur Oberschicht.

Innerhalb des «Alpine Clubs» spielt die Herkunft oder Finanzlage der Mitglieder keine Rolle. Beitreten kann nicht einfach jeder, der den Mitgliederbeitrag bezahlen kann, sondern nur ausgewiesene Bergsteiger, später auch solche, die wichtige Beiträge zu Wissenschaft, Kunst oder Literatur der Hochgebirgsregionen vorweisen können.

NATIONALISIERUNG IN DEN BERGEN

Unter dem Strich bleibt im 19. Jahrhundert das Bergsteigen als Freizeitbeschäftigung trotzdem solchen vorbehalten, welche erstens über die dafür nötigen Finanzen verfügen, und zweitens über genügend Freizeit. Eine Reise in die Berge ist kostspielig und braucht Zeit. Selbst von Zürich oder St. Gallen aus. Deshalb verwundert es wenig, dass in den Anfangszeiten des Hochtourismus nebst jenen, die überhaupt nicht arbeiten mussten, vor allem Juristen, Ärzte, Priester oder Universitätsprofessoren aktive Alpinisten sind. Sie verdienen gutes Geld oder haben lange Sommerferien, im besten Fall beides.

Diese Männer haben noch eine weitere Gemeinsamkeit: Sie lieben es von den Bergführern gerühmt zu werden. «Herr, Sie klettern so gut wie eine Gemse!» oder «Sie gehen so schnell wie der Herr Stephen!» Von einem sonderbaren Lob berichtet Thomas Hinchliff in «Summer Months Among the Alps»: «Ich habe von Führern häufig gehört, dass sie am liebsten nur mit Engländern und Schweizern ins Gebirge gehen würden. Die Gäste anderer Nationen seien keine gute Alpinisten.» Schwierige Berge würden die Bergführer darum nur mit «Switzern» und «Englishmen» vornehmen. Zwar zieht Hinchliff in Betracht, dass diese Aussagen der Führer lediglich Schmeicheleien seien, «vielleicht weil die Engländer besser bezahlen als andere, ausgenommen die Amerikaner. Aber gewiss ist, dass es unter den Schwärmen von Franzosen und Deutschen in Touristenorten wie Interlaken kaum einen gibt, der willig wäre, eine anstrengende Tour zu unternehmen. Und noch schwieriger ist es, unter ihnen einen zu finden, der eine Tour auch erfolgreich zu Ende führen könnte.» Er selber habe Deutsche und Franzosen getroffen, die einen Gipfel besteigen wollten und damit geblufft hätten, was sie alles können, dann aber aufgaben, bevor die Hauptschwierigkeiten am Berg überhaupt angefangen hätten. «Einer war ein gigantischer Franzose, den ich 1854 in Zermatt kennengelernt habe», so Hinchliff. «Den ganzen Abend prahlte er davon, er sei auf dem Wetterhorn gewesen. Eine Besteigung, von der ich ausser von ihm nie etwas gehört habe. Am nächsten Tag wollte er uns über den Gletscher aufs Weisstor begleiten. Aber schon beim ersten Anzeichen von Morgennebel flehte er, dass wir umkehren, was er mit seinem Führer dann auch tat. Wir dagegen hatten eine gefreute und erfolgreiche Tour.»

BÜHNENSHOW IN LONDON

Der erste Bergsteiger, der seine Tour im grossen Stil kommerziell vermarktet, ist der englische Journalist und Entertainer Albert Richard Smith. 1851 besteigt er mit drei Landsmännern, 16 Führern und 20 Trägern den Mont Blanc. Es ist die grösste und extravaganteste Expedition, die Chamonix bis dahin gesehen hat. Für die zweitägige Tour lässt er seine Helfer unter anderem 4 Lammkeulen, 6 Stücke Kalbfleisch, 1 Stück Rindfleisch, 11 grosse und 35 kleine Hühner, 91 Flaschen Wein, 3 Flaschen Cognac und 2 Flaschen Champagner hochbuckeln. Den grössten Anteil der alkoholischen Getränke konsumiert er selber, den Gipfel erreicht er halb ohnmächtig und nur, weil ihm die Führer notfallmässig Champagner in die Kehle giessen und ihn mit aller Kraft am Seil hinaufziehen. Das Abenteuer kostet ihn 456 Franken, ein Vermögen, das er jahrelang zusammensparen musste und das er danach – wie heute ein Profialpinist – mit der Publikation seines Buches «The Story of Mont Blanc» und mit Auftritten in der «Egyptian Hall» in London wieder eintreibt. Seine selbstironisch inszenierte Bühnenshow («Ich leide anscheinend schwer an einer unheilbaren Krankheit: Eisberg im Gehirn!») wird die erfolgreichste Bergsteigererzählung aller Zeiten. Er absolviert zweitausend Auftritte über sechs Jahre hinweg, 1854 sogar vor Queen Victoria und Prince Albert. Dadurch hilft Smith mit, den Alpinismus in England populär zu machen.

DER BERG UND DIE MANNESKRAFT

Seit Gefahren und Anstrengung von Bergtouren auch bei Nicht-Alpinisten bekannt sind, verleiht das Besteigen eines hohen Gipfels einen gewissen Nimbus. Nicht wenige verbringen ihre Flitterwochen in den Alpen und nutzen die Reise, um der frisch angetrauten Gattin ihre Manneskraft zu demonstrieren. Sir Alfred Wills, Richter am obersten Gerichtshof in London, besteigt 1854 während seiner Hochzeitsreise als erster Engländer mit einheimischen Führern das Wetterhorn, während seine Frau im Tal wartet. Nach ihm ist heute das Willsgrätli genannt, die am häufigsten begangene Route auf den Grindelwaldner Hausberg.

Charles Edward Mathews stürmt während seines Honeymoons im Sommer 1860 mit Melchior Anderegg Altels und Jungfrau. Der Erfolg ermuntert die beiden, gleich noch die Erstbesteigung des Blüemlisalphorns im Berner Oberland zu versuchen, was jedoch nicht gelingt. Auch am 4505 Meter hohen Weisshorn im Wallis beissen sie sich die Zähne aus. Es ist noch unbestiegen, als sich Melchior, Mathews und der zusätzliche Führer Johan Kronig am 1. Juli 1860 von Randa im Mattertal aufmachen. Eine Nacht verbringen sie in einer Alphütte unterhalb des Hohlichtgletschers. Kurz nach Mitternacht schreiten sie dann zum grossen Abenteuer. Es liegt viel Schnee. Sie überwinden den nördlichen Teil des Gletschers und schlagen dann den direkten Weg auf der Vorderseite des Berges ein. Das Gelände ist sehr steil, unter dem Schnee bricht das Eis hervor. Melchior verrichtet schwere Arbeit, bahnt mit dem Pickel Tritte. Steigeisen tragen sie nicht. Sie befinden sich auf rund 4300 Meter, als sich über ihnen ein Schneebrett löst und ganz in ihrer Nähe herunterdonnert. Zu viel für Kronig. Seine Knie zittern, und er bittet, die Expedition aufzugeben. Bis zum Gipfel rechnen sie noch anderthalb Stunden. Aber Kronigs Zustand ist hoffnungslos. Man beschliesst den Rückzug. Beim Abstieg werden sie von weiteren Lawinen «begrüsst» und von Schneestaub eingehüllt. Am Abend erreichen sie wohlbehalten Zermatt, wo Mathews Ehefrau Elizabeth wartet. Die Erstbesteigung dieser grossen Felspyramide gelingt sechs Wochen später dem Physiker John Tyndall mit zwei anderen Führern. Das Blüemlisalphorn «erobert» Melchior Anderegg im Sommer darauf mit Leslie Stephen.

Mathews engagiert Melchior Anderegg über vier Jahrzehnte hinweg regelmässig als Führer. Er arbeitet als beratender Jurist an einer Schule in Birmingham, wird später Bildungspolitiker und von 1878 bis 1880 Präsident des Alpine Club. Ein freundlicher und aufrichtiger Gentlemen, der als Bergsteiger lediglich zweimal nennenswert aus dem Rahmen fällt. Einmal soll er in einer desolaten und ärmlich ausgestatteten Berghütte ein Sechsgangdiner organisiert haben, gefolgt von Kaffee und Liqueur. Und einmal, beim Abstieg von der Aiguille Verte im Mont-Blanc-Gebiet, ist er so durstig, dass er in einem Zug das Notfall-Champagnerfläschchen leert – sehr zur Empörung von Melchior.

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