Kitabı oku: «Die Aussenseiter und die Rache des Poltergeists», sayfa 2
Jo nickte ernst. »Ich verspreche, ich tue mein Möglichstes, um meinen Humor nicht zu verlieren. Und glaube mir, das ist nicht einfach mit Klassenkameraden wie euch.«
»In welchem Krankenhaus liegt sie denn?«, erkundigte ich mich und wurde rot.
Es war Michelle, die an Ramonas Stelle antwortete: »Das geht dich gar nichts an, Brillenschlange! Du bist die Letzte, die Sylvia sehen will. Sie würde eher sterben, als sich mit jemandem wie dir abzugeben. Du bist so was von unter ihrem Niveau!«
Ich spürte, wie die Wächterin in mir vor Wut kochte.
>Wenn du jetzt nichts sagst, dann kannst du das nächste dunkle Wesen ohne meine Hilfe erledigen<, schimpfte sie, doch obwohl sie recht hatte, konnte ich nicht aus meiner Haut.
Ich tat so, als würde ich etwas aus meiner Tasche nehmen, und überlegte mir eine Erwiderung, von der ich wusste, dass ich sie nie aussprechen würde. Wenig später ging die Tür auf und Herr Dr. Katzhausen, unser Klassenlehrer, betrat den Raum. Er stellte seine Tasche in den Unterschrank des Lehrerpults und zog das Klassenbuch zu sich herüber. Bevor er wie gewohnt unsere Namen aufrief, hielt er jedoch inne, sah uns ernst an und sagte: »Ehe wir beginnen möchte ich euch noch etwas mitteilen. Wie ihr wahrscheinlich schon wisst, hatte Sylvia einen schweren Unfall. Sie liegt im Waldkrankenhaus und Herr von Kastanienburg bat mich, euch auszurichten, dass sie ab übermorgen Besuch empfangen darf und sich freut, euch zu sehen. Sie liegt auf Station C in Zimmer 102.«
Ich schenkte Michelle, die mir einen Blick über die Schulter zuwarf, ein aufmüpfiges Lächeln, das mir allerdings fast gefror, als ich den Ausdruck sah, der daraufhin über ihr Gesicht glitt. Ich fragte mich unbehaglich, ob ich das irgendwann bereuen würde.
>Du bist ein hoffnungsloser Fall<, sagte die Wächterin. Ihre Stimme klang resigniert.
Jo rückte ein Stückchen näher zu mir und murmelte: »Also entweder ist Herr von Kastanienburg unglaublich naiv, oder er kennt sein Töchterchen überhaupt nicht. Er denkt doch wohl nicht wirklich, dass Sylvia vor Freude jubiliert, wenn wir sie besuchen, oder?« Er warf mir einen Blick zu und stöhnte. »Aber genau das werden wir tun, richtig?«
Ich nickte.
»Mir fällt da noch was ein«, sagte Herr Dr. Katzhausen und sah mich an: »Sylvia wird nun für eine ganze Weile ausfallen, daher braucht unsere Tennisschulmannschaft dringend Verstärkung. Wie sieht es aus, Christina? Es ist immer gut, eine Bezirksmeisterin in der Mannschaft zu haben, aber jetzt wäre es besonders wichtig.«
Mein Gesicht, das gerade erst seine normale Farbe zurückgewonnen hatte, begann erneut zu glühen und ich murmelte etwas Unverständliches.
»Überlege es dir«, meinte Herr Dr. Katzhausen freundlich und wandte sich endgültig dem Klassenbuch zu.
Ich betrachtete angestrengt, wie er es aufschlug und etwas eintrug, dann gab ich auf. Ich schaute hinüber zu Jo, der mich mit verschränkten Armen ansah.
»Bezirksmeisterin«, formulierte er tonlos und zog die Augenbrauen hoch.
»Ja, OK, ich spiele gut«, flüsterte ich. »Mach einfach keine große Sache daraus!«
»Ich doch nicht«, entgegnete Jo ebenso leise. »Aber ich befürchte, bei unseren sonnenlosen Planeten hat diese Nachricht gerade ein Erdbeben ausgelöst und ihr Weltbild arg ins Wanken gebracht.«
Ich sah hinüber zu Sylvias Fan Club. Jo hatte Recht. Ramona, Michelle und Janine starrten mit offenem Mund zu mir herüber und sahen schnell nach vorne, als sie bemerkten, dass ich sie ertappt hatte.
»So viel dazu, dass nur populäre Menschen fähig sind, Tennis zu spielen«, sagte Jo wesentlich lauter, als mir lieb war. Doch Dr. Katzhausen beschloss, den Einwurf nicht zu kommentieren, und auch Ramona, Michelle und Janine ignorierten ihn.
Nach Schulschluss standen Jo, Noah und ich vor der Schule und warteten auf Frau Dräxler, die sich erstaunlicherweise verspätete. Ich hibbelte herum und stampfte mit den Füßen, denn mir war kalt und obwohl mir klar war, dass es albern aussah, ruderte ich auch noch mit den Armen.
»Du tust gerade so, als wäre eine neue Eiszeit ausgebrochen«, sagte Jo kopfschüttelnd.
Während er zu Hause essen würde, wollten Noah und ich in ein neu eröffnetes Café, das sich nur eine Querstraße von der Schule entfernt befand. Wir hatten gehört, dass dort nicht nur die typischen Snacks, sondern auch Hausmannskost zum kleinen Preis angeboten wurde, was nach einer echten Alternative zur Schulkantine klang. Wer auch immer das Café eröffnet hatte, wusste, dass unzählige Schüler das Essen in der Schulkantine nicht mehr sehen konnten, und hatte dementsprechend reagiert. Gerade, als Frau Dräxlers Auto vorfuhr, erklang hinter uns die Stimme von Michel Petersen: »Wir haben dich scheinbar unterschätzt, Brillenschlange, obwohl es mir im Moment schwerfällt, das zu glauben!«
Ich hörte auf, mit den Armen zu rudern, und drehte mich um. Noah und Jo stellten sich neben mich. Durch die Nachricht von Sylvias Unfall und vor lauter Freude über Jos Freiheit, hatten wir total vergessen, Michel und Klaus im Auge zu behalten. Jetzt war es zu spät für Fluchtpläne. Michel lehnte nur eine Armeslänge von mir entfernt am Zaun, der den Schulhof umgab. Sein Freund Klaus Müller stand einen Schritt hinter ihm. Klaus machte ein mürrisches Gesicht und schien Michel am Weitersprechen hindern zu wollen, doch dieser warf seinem Kumpel nur einen warnenden Blick zu, wandte sich dann wieder an mich und sagte: »Falls du dich entschließen solltest, für unsere Schule Tennis zu spielen, hast du Schonfrist bis zu den Schulmeisterschaften. Wenn wir die gewinnen, könnten wir uns dazu durchringen, dich von unserer Liste zu streichen. Falls nicht …« Er ballte seine Fäuste.
»Das gilt übrigens nicht für den Ausländer und das Badekappenkind da neben dir«, sagte Klaus, bevor Michel fortfahren konnte.
»Was gilt nicht für wen?«, erkundigte sich Frau Dräxler, die plötzlich hinter uns stand.
Wir hatten sie nicht bemerkt, weil unsere ganze Aufmerksamkeit Michel und Klaus galt, bei denen man nie wusste, was sie als Nächstes tun würden.
»Was sag ich?«, sagte Klaus zu Michel und dieser brach in spöttisches Gelächter aus. Dann gingen beide ihres Weges, nicht ohne vorher noch Noah kräftig anzurempeln.
»Entweder alle oder kein Deal«, rief ich Michel und Klaus hinterher, wartete aber ihre Reaktion nicht ab, sondern wandte mich zu Frau Dräxler und Jo.
Frau Dräxler sah fragend in die Runde, doch keiner von uns hatte vor, sie aufzuklären.
»Dir ist klar, dass du meinen sozialen Status ruinierst, oder?«, erkundigte sich Jo stattdessen missmutig bei ihr.
»Du wirst es überleben«, erwiderte Frau Dräxler, aber es klang nachdenklich. »Und ihr zwei, fahrt ihr auch nach Hause? Soll ich euch mitnehmen?«, wandte sie sich Noah und mich.
Noah warf mir einen überraschten Blick zu, dann schüttelten wir die Köpfe.
»Danke, aber wir wollen ein neu eröffnetes Café ausprobieren. Es ist hier ganz in der Nähe. Ich habe heute Nachmittag Fußballtraining und schaffe es nicht, zwischendurch nach Hause zu fahren«, sagte Noah höflich.
»Ich werde ihn begleiten, denn meine Mutter ist mit der Vorbereitung der Ausstellung im Museum ausgelastet und kocht erst heute Abend«, fügte ich hinzu.
»Falls dir mein Sozialleben doch irgendetwas bedeuten sollte, könntest du darüber nachdenken, mich an den Tagen, an denen ich keinen Strafdienst schieben muss, auch dort essen zu lassen«, sagte Jo.
»Übertreibe es nicht!«, warnte seine Mutter. »Sei froh und glücklich, dass du wieder vor die Tür darfst! Und jetzt beeile dich bitte. Ich möchte nicht, dass du nachher zu spät kommst.«
Jo warf uns einen letzten, vielsagenden Blick zu und folgte dann seiner Mutter zum Auto.
Kapitel 3• Café "La Cuisine"
Noah und ich machten uns auf den Weg und hatten das neue Café schnell erreicht. Es war in einem Eckladen im Erdgeschoss eines Mietshauses untergebracht und im Stil alter französischer Straßencafés aufgemacht. Die uns zugewandte Front des Cafés war in gedecktem lindgrün gestrichen und dort, wo sich die Fenster befanden, war die Mauer zurückversetzt, so dass sie eine Nische bildete, in der eine Holzbank mit weinroten Kissen stand. Vor der Bank befanden sich drei runde, weiße Eisentische mit verschnörkelten Füßen und darum verteilt standen Eisenstühle im gleichen Stil, mit gleichfarbigen Kissen bestückt. Ich fragte mich, wer sich bei dieser Eiseskälte nach draußen setzen sollte, musste aber zugeben, dass die Dekoration super aussah. Die Fenster des Cafés waren umgeben von lindgrünen Holzrahmen. Der Eingang befand sich genau an der Ecke des Hauses. Auf die Wände rechts und links davon waren Frauen im Jugendstil gemalt worden. Sie erinnerten mich an Feen. Über dem Café, direkt unterhalb des ersten Stockwerks, befand sich sowohl zur optischen Trennung als auch zum Schutz vor Regen, ein schmales Glasdach mit unzähligen grünen Streben, das mich an Libellenflügel erinnerte. Direkt unter dem Glasdach, auf einem schwarzen Schild mit verschnörkeltem Rahmen, stand in geschwungener Schrift: "La Cuisine". Noah und ich näherten uns einem altmodischen Holzkasten, der neben der Bank an der Wand hing und in dem sich die Speisekarte befand. Das Angebot war reichhaltig und günstig. Ich wollte gerade zur Eingangstür gehen, als Noah mich zurückhielt und nach oben wies.
»Guck mal«, sagte er.
Ich folgte seinem Finger mit dem Blick. Unterhalb des Daches, auf einem schmalen schwarz gestrichenen Wasserrohr, hockte einer von diesen hässlichen Wasserspeiern, die man sonst nur an den Außenwänden von Kirchen fand. Er war nicht sehr groß, ebenfalls schwarz und schien mit angelegten Flügeln und verzerrter Fratze auf etwas zu lauern. Obwohl er kaum auffiel oder vielleicht gerade deshalb, fand ich, dass er überhaupt nicht dorthin passte. Wenn man sich schon so ein Ding unter das Dach packte, warum tarnte man es dann? Manche Menschen hatten merkwürdige Ideen, aber der Rest des Cafés war zumindest von außen traumhaft.
»Ich finde, der Wasserspeier passt da überhaupt nicht hin.«
Noah nickte. »Sehe ich genauso. Lass uns schauen, wie es innen aussieht.« Er ging zum Eingang.
Als wir in die Wärme des Cafés traten, beschlug meine Brille und ich musste sie erst putzen, bevor ich irgendetwas erkennen konnte. Mit rotem Gesicht setzte ich sie wieder auf und sah mich um. An den Seitenwänden befanden sich Nischen mit Tischen und Bänken, die durch Glaseinsätze im Jugendstil voneinander getrennt waren und in der Mitte des Raums standen mehrere Tische und Stühle, an denen fast ausschließlich kichernde und flüsternde Mädchen aller Altersstufen saßen. Ich warf Noah einen überraschten Blick zu. Er zuckte mit den Schultern. Ich ließ meinen Blick weiterwandern und er blieb an einem altmodischen Glastresen hängen, der sich gegenüber dem Eingang befand. Belegte Brötchen, Kuchen und andere Gebäckstücke lagen darin. Ein Teil der Wand hinter dem Tresen war für eine Durchreiche geöffnet worden und man konnte einen Koch im Raum dahinter werkeln sehen. Ein junger Mann mit blondem Zopf, der mit dem Rücken zu mir stand, nahm gerade zwei Teller mit dampfendem Essen von einer Frau mit Küchenschürze entgegen. Als er sich umdrehte, klappte mir der Mund auf. Ich hatte noch nie einen so gut aussehenden Jungen gesehen. Er war etwa sechzehn Jahre alt und sein Gesicht war … ich suchte nach Worten. Mir fiel nur eins ein: Perfekt. Während ich dastand und ihn anstarrte, sah er hoch und zu mir herüber. Unsere Blicke trafen sich und ich wurde rot, weil er mich beim Starren erwischt hatte. Schnell folgte ich Noah, der den letzten freien Tisch in der Mitte des Raumes ansteuerte und sich setzte, bevor es ein Mädchen tun konnte, das diesen auch angepeilt hatte.
»Sorry, diesmal war ich schneller«, sagte Noah und schenkte ihr ein Lächeln, welches sie normalerweise hätte dahin schmelzen lassen, aber im Schatten des Jungen hinter dem Tresen eher lau wirkte.
Das Mädchen zog eine Grimasse und verschwand zwischen den Tischen, um sich dann in eine der noch freien Nischen zu setzen. Ich ließ mich auf den Stuhl neben Noah fallen. »Jetzt weiß ich, warum hier fast alle weiblich sind und in der Mitte des Raumes sitzen wollen. Guck mal unauffällig zum Tresen.«
Noah sah in die angegebene Richtung und dann zurück zu mir.
»Ja, ich schätze, das erklärt es«, sagte er trocken. »Willst du zuerst bestellen? Hier ist Selbstbedienung.«
Er reichte mir eine Karte, auf der sich, vorne und hinten, die gleichen Jugendstilbilder befanden wie neben der Eingangstür. Auf der Vorderseite stand unter dem Bild: Speisekarte – bitte am Tresen bestellen und abholen.
Ich schüttelte den Kopf. »Von mir aus kannst du zuerst gehen. Ich weiß noch nicht, was ich essen will, und du musst ja gleich wieder los.« Ich schlug die Karte auf.
Noah nickte, erhob sich und ging zum Tresen. Ich folgte ihm mit dem Blick. Er sagte etwas zu dem perfekten Jungen und zeigte kurz in unsere Richtung. Der Junge sah zu mir herüber und wieder schaute er mich länger an als nötig. Was sollte das? Er war mindestens zwei Jahre älter als ich und ich nun wirklich nicht die Queen of Attraction. Und dann dämmerte es mir. Genau das war wohl der Grund. Ich fiel hier zwischen den ganzen herausgeputzten und aufgestylten Mädchen noch mehr auf als sonst. Ich zuckte mit den Schultern. Und wenn schon, das war ich schließlich gewohnt. Auf der Speisekarte stand unter anderem „Großmutters Linsensuppe“ und ich beschloss, mein Glück zu versuchen, auch wenn sie wahrscheinlich nur halb so gut war wie die meiner Großmutter.
Als Noah zurückkam, stand ich auf, doch Noah hielt mich zurück: »Du musst bei der Bestellung unsere Tischnummer angeben«, sagte er. »Wir haben Tisch Nummer fünf. Wenn das Essen fertig ist, leuchtet die Tischlampe zweimal auf und du kannst es abholen. Genial einfach, oder?«
Ich nickte und machte mich auf den Weg, um zu bestellen. Dabei quetschte ich mich zwischen zwei Stühlen hindurch und warf eine Jacke zu Boden. Ich hob sie auf und wunderte mich über das plötzliche Schweigen am Tisch. Erst als ich die Mädchen ansah, erkannte ich, dass es Ramona, Michelle und Janine waren.
»Was willst du denn hier?«, fragte Janine von oben herab und strich sich anmutig die Ponyfransen ihres kastanienbraunen Pagenschnittes zurück, der wie immer aussah, als käme sie direkt vom Friseur.
»Meinen Freischwimmer machen«, sagte ich, reichte ihr die Jacke und ging weiter, ohne eine Antwort abzuwarten.
>Halla!<, entfuhr es der Wächterin begeistert.
Am Tresen erwartete mich Mr Perfect. Er war mehr als einen Kopf größer als ich und aus seinem kurzärmeligen, schwarzen T-Shirt schauten muskulöse Arme, die aber nicht die Ausmaße eines Bodybuilders hatten. Mit anderen Worten: Auch sein Körper war perfekt. Es war unfair. Der Junge sah mich abwartend an. Ich erwiderte den Blick und bemerkte, dass seine Augen grün waren. Meine Lieblingsaugenfarbe.
»Wenn du jetzt auch noch eine umwerfende Stimme hast, hasse ich dich!«, sagte ich, ohne nachzudenken.
Der Junge lachte laut auf. »Ich finde sie nicht umwerfend.«
»Ich hasse dich. Und ich hätte gerne Großmutters Linsensuppe!«
Der Junge grinste. »Ich könnte stottern, wenn es hilft«, schlug er vor.
»Zu spät«, sagte ich mürrisch.
»Und wenn ich mir Mühe gebe?«, erkundigte er sich und tippte etwas in die Kasse. Dabei konnte ich den Ansatz eines Tattoos entdecken, das ein Stückchen weit unter dem linken Ärmel herausschaute. Er sah hoch. »Ich werde nicht gerne gehasst!«
Zu meinem Erstaunen hörte ich mich sagen: »Ich denke, bei den vielen Mädchen, die dich anhimmeln, wirst du es überleben, wenn ich es nicht tue.« Die Gewissheit, dass ich viel zu unspektakulär für ihn war, schien meine Schüchternheit kurzfristig außer Gefecht gesetzt zu haben. Die Wächterin fand es klasse, ich konnte ihr breites Lächeln regelrecht spüren. »Soll ich gleich zahlen oder erst, wenn ich die Suppe abhole?«, erkundigte ich mich schnell und starrte angestrengt in mein Portemonnaie.
»Wenn du sie abholst.«
Ich blickte hoch und sah, dass er immer noch grinste. »Fein, dann gehe ich mal zu meinem Tisch zurück und warte auf das Blinken der Lampe.« Mir fiel etwas ein: »Ach ja, ich sitze an Tisch Nummer fünf.«
»Ich weiß«, sagte Mr Perfect. »Dein Freund war eben schon hier. Ich lasse euch wissen, wenn euer Essen fertig ist.«
Wow! Er war der Meinung, dass jemand wie ich mit jemandem wie Noah gehen könnte. Das war definitiv das Highlight des heutigen Tages. Ich hätte das so im Raum stehen lassen sollen, aber ich konnte nicht aus meiner Haut.
»Er ist nicht mein Freund, sondern ein Freund«, korrigierte ich und ging zurück zu Noah. Bereits am ersten Tisch, an dem ich vorbei musste, stolperte ich und fiel auf die Knie. Mit hochrotem Kopf und ohne mich umzusehen, stand ich auf und ging weiter, begleitet von dem hämischen Kichern der Mädchen, die meinen peinlichen Auftritt mitbekommen hatten.
>Und da schwand sie hin, die Hoffnung!<, sagte die Wächterin.
Ich entgegnete nichts, sondern knirschte nur mit den Zähnen.
Noah sah mir entgegen. »Ich hoffe, unser Essen ist gleich so weit, ich sterbe vor Hunger,« sagte er, ohne auf meinen Unfall einzugehen.
Wenig später leuchtete unsere Tischlampe auf.
»Du oder ich?«, erkundigte sich Noah.
»Beide«, schlug ich vor.
»Habe ich aus Versehen vier Mal gedrückt?«, fragte Mr Perfect, als wir angetrabt kamen. »Sorry, aber es ist nur der Hamburger fertig. Die Linsensuppe braucht noch ein paar Minuten.« Er reichte Noah den Teller, nahm das Geld entgegen und sagte zu mir, während er es in die Kasse legte: »Du kannst aber gerne hier warten. Dann habe ich Gelegenheit, ein bisschen Schönwetter zu machen.«
Noah sah mich fragend an.
Ich zuckte mit den Schultern. »Er ist einfach zu perfekt, um ihn zu mögen.«
»Aha!«, machte Noah, »ich gehe dann schon mal.«
Sobald er verschwunden war, wandte sich der Junge wieder an mich. »Fangen wir doch mit etwas Einfachem an«, meinte er. »Wenn du mir deinen Namen sagst, sage ich dir meinen.«
»Es wird dir zwar nichts nützen, aber einverstanden. Ich heiße Christina.«
Der Junge betrachtete mich einen Moment aufmerksam und nickte. »Passt zu dir. Macht es dir was aus, wenn ich dich trotzdem Tina nenne? Ich fasse mich gerne kurz.« Bevor ich antworten konnte, sprach er bereits weiter: »Ich nenne mich X.«
»Ex?«, fragte ich verwirrt.
»Genau. X, nur auf Englisch ausgesprochen. Hier, deine Suppe ist fertig.« Er reichte mir einen Teller. »Macht drei Euro fünfzig, bitte.«
Ich kramte nach dem Geld und reichte es ihm über den Tresen. »X passt überhaupt nicht zu dir. Ich hätte auf Rafael oder so was getippt. Ich würde meine Eltern verklagen, wenn sie mich nur mit einem einzigen Buchstaben bedacht hätten!« Wieder diese für mich ungewöhnliche Offenheit. Keine Ahnung, was heute mit mir los war, aber der Wächterin gefiel es definitiv. Und wenn ich ganz ehrlich war, mir auch.
Xs Gesicht verdüsterte sich einen Moment, dann sagte er: »Haben sie nicht, aber X gefällt mir besser als mein Geburtsname!«
Ich zuckte mit den Schultern. »Wenn du meinst. Es ist dein Name. Vielleicht erfahre ich ja irgendwann mal, wie du dazu gekommen bist.«
X sah mich an und nickte langsam. »Ja«, sagte er, »vielleicht.«
Kapitel 4• Wieder im Buchladen
Als ich zurück zum Tisch kam, hatte Noah seinen Hamburger schon verschlungen und machte sich nun über seine Pommes her.
»Scheint gut gewesen zu sein«, bemerkte ich grinsend.
»Unglaublich«, erwiderte Noah und schob sich noch eine Pommes in den Mund. »Als ich den Hamburger bestellt habe, hat mich der Mädchenschwarm am Tresen ...«,
»X«, sagte ich automatisch und stellte mein Tablett auf den Tisch.
Noah warf mir einen überraschten Blick zu, fuhr aber ohne Kommentar fort: »X hat mich gefragt, ob ich den Hamburger lieber mit Lammfleisch hätte, und das war die beste Idee des Tages.«
Ich probierte die Suppe und war überrascht. Sie schmeckte tatsächlich wie die meiner Großmutter. Das konnte nur bedeuten, dass ihr Rezept doch nicht so geheim und außergewöhnlich war, wie sie selbst immer behauptete. Ich grinste. Beim nächsten Familientreffen, wenn sie mich wieder mit irgendwas aufzog, würde ich das mal erwähnen.
»Und, wie ist die Suppe?«, fragte Noah.
»Wie die meiner Großmutter.« Ich nahm noch einen Löffel.
»Dann genieße sie, ich muss los«, sagte Noah und erhob sich. »Wir sehen uns später.« Er nahm seinen Teller, stellte ihn auf einen eleganten Geschirrwagen, winkte mir noch einmal zu und ging zum Ausgang.
Als ich fertig gegessen hatte, tat ich es ihm gleich und war schon auf dem Weg zur Tür, als ich ein fröhliches: »Ciao Tina!«, vernahm. Ich drehte mich um und sah etwa dreißig Augenpaare auf mich gerichtet. Einige verdutzt, die meisten aber empört und neidisch. Ich nickte in Richtung Tresen: »X!«
Dann verließ ich das Restaurant.
>Cooler Abgang!<, sagte die Wächterin zufrieden.
Dieser Tag hatte das Zeug, der bisher beste meines Lebens zu werden.
Wenig später saß ich im Bus und fuhr in die Innenstadt. Es war schon nach 14:00 Uhr und Jo würde mit Sicherheit sauer sein, dass ich so spät kam, aber wie hatte Noah so schön gesagt: Damit musste er leben. Als ich endlich am Jägerzaun stand, der den Buchladen und den dazu gehörenden Garten umgab, hatte ich das Gefühl, nach Hause zu kommen. Ich konnte es plötzlich gar nicht mehr erwarten, Mathilde und den Raum der Bücher wiederzusehen. Auch die Wächterin freute sich. Sie summte vor sich hin, was irritierend gewesen wäre, wenn es sich nicht um eins meiner Lieblingslieder gehandelt hätte. Ich öffnete die Gartenpforte, die noch immer leise quietschte, und schritt über den Kiesweg auf das alte Einfamilienhaus, mit dem merkwürdigen Türmchen zu, in dem sich der Buchladen befand. Oder vielleicht sollte ich sagen, in dem er sich versteckte. Das Äußere des Ladens wirkte eher abweisend und im Inneren war es staubig und leicht chaotisch. Ich war gespannt, was Jos Mutter dazu gesagt hatte, denn all das passte nicht wirklich in das wohlgeordnete Leben der Dräxlers.
Ich warf einen Blick auf den nun kahlen Apfelbaum, der bei meinem ersten Besuch voller Früchte gehangen hatte, und wäre fast ausgerutscht, da mir dadurch eine gefrorene Stelle auf dem Weg entgangen war. Es war eindeutig Winter. Wie zur Bestätigung fuhr ein eiskalter Windstoß durch die Tannen, die den Buchladen flankierten. Sie rauschten leise. Die Tannen schirmten den Buchladen zusätzlich vor den Augen ungebetener Gäste ab, und das waren alle, die nicht eingeladen worden waren, ihn zu betreten. Ich zog schaudernd den Reißverschluss meiner Winterjacke höher. Ich erreichte das Haus und sah ins Schaufenster, das die gesamte Vorderfront einnahm. Die verschnörkelte Schrift, die besagte <Mathildes Buchladen - Vergangenes und Modernes>, war noch an ihrem Platz, doch im Schaufenster selbst hatte jemand Ordnung geschaffen. Es war staubfrei, die dort ausgestellten Bücher wurden ordentlich präsentiert und die Spielzeuge waren verschwunden. Wahrscheinlich hatte Mathilde vermeiden wollen, dass Frau Dräxler schon vor Betreten des Ladens auf dem Absatz kehrtmachte und Jo wieder mitnahm.
Ich ging zur Eingangstür mit dem Glaseinsatz, der durch ein altmodisches Eisengitter geschützt wurde, und drückte auf die Klinke. Die Tür schwang nach innen auf und wie immer bimmelte das Glöckchen, das darüber angebracht war. Im Laden selbst hatte sich nichts verändert. Es war dämmerig, leise Musik erklang aus unsichtbaren Lautsprechern und es roch nach Staub, Leder, alten Büchern und noch etwas anderem, das ich immer noch nicht identifiziert hatte. Hinter dem Holztresen, rechts neben dem Eingang, auf dem sich außer einer altmodischen schwarzen Kasse auch unzählige Bücher und ein kleines Töpfchen mit Blumen, diesmal Astern, befanden, saß normalerweise Mathilde mit einem Buch in der Hand. Heute jedoch war der Platz leer.
Das war mehr als ungewöhnlich. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Ich wollte gerade mein Druidenmesser aus der Innentasche der Winterjacke ziehen, als Mathildes Stimme aus der Tiefe des Buchladens erklang: »Hallo Christina, wir sind im Sachbuchbereich, vierte Regalreihe rechts, ganz hinten.« Ich atmete erleichtert auf und machte mich auf den Weg. Inzwischen fragte ich mich nicht mehr, wie Mathilde wissen konnte, dass ich es war, die den Laden betreten hatte. Sie war ein magisches Wesen. Was genau sie war, hatte sie uns allerdings noch nicht erklärt, aber ich war mir sicher, dass sie es uns zu gegebener Zeit sagen oder herausfinden lassen würde. Der Moment war wohl einfach noch nicht gekommen. Der Buchladen war gefüllt mit Reihen von Regalen aus dunklem Holz, welche sich in der Tiefe verloren und die Gänge dazwischen wurden von runden Deckenlampen nur spärlich beleuchtet. Dafür gab es an jedem der Regale mehrere Leselampen, die man einschalten konnte, um sich die Bücher genauer zu betrachten. Auf dem Boden vor den Regalen lagen hin und wieder Bücherstapel. Ja, es war eindeutig, dass Mathilde Hilfe benötigte. Oder zumindest wollte sie den Eindruck erwecken. Ich wich einem Stapel mit dicken, alten Einbänden aus, den ich im Dämmerlicht fast nicht gesehen hatte und grinste.
Einmal mehr erinnerte mich das Innere des Ladens an den Bauch eines alten Holzschiffes, doch inzwischen fand ich es nicht mehr befremdlich, sondern eher heimelig. Ich hatte Jo und Mathilde schnell erreicht und bevor die Bibliothekarin wusste, wie ihr geschah, fiel ich ihr um den Hals. Mathilde war genauso groß wie ich, was bedeutete, dass ich in der Zeit, in der wir uns nicht gesehen hatten, einige Zentimeter gewachsen sein musste.
»Mathilde! Ich freue mich so, Sie wiederzusehen«, sagte ich enthusiastisch.
»Ehm«, machte sie und tätschelte mir unbeholfen den Rücken, doch als ich sie losließ, sah ich, dass ihre Augen vor Freude strahlten. »Ich habe Jo gerade erklärt, mit welchem Regal er beginnen soll«, erklärte sie, ohne weiter auf meinen Gefühlsausbruch einzugehen. »Hier befinden sich Sachbücher aus dieser Region, über diese Region und über unsere Stadt. Möchtest du Jo helfen oder willst du gleich in den Raum der Bücher?«
»Ich helfe ihm«, sagte ich. »Außerdem kommt Noah auch gleich, und dann können wir gemeinsam starten.«
»Einverstanden«, sagte Mathilde, »dann soll es für heute mal mit dem Sortieren gut sein, sobald Noah da ist. Jos Mutter hat sich nämlich nur mit viel Überredungskunst dazu bereit erklärt, Jo erst um 17:00 Uhr wieder abzuholen. Ich habe ihr erklärt, dass ich Jo zuerst den Laden zeigen und sein System erklären muss, bevor er anfangen kann, aber das klappt nicht jedes Mal! Jetzt müsst ihr euch was ausdenken.«
»Kein Problem, das schaffe ich«, sagte Jo und grinste. »Ich sage ihr einfach, dass der Laden unglaublich ist und ich gerne etwas öfter kommen und länger bleiben würde, um Schmökern zu können. Und davon ist kein einziges Wort gelogen.« Er strahlte uns an. »Hallo, Vulkanchen, übrigens!«
Ich lachte. »Hallo, Jo. Womit fangen wir an?«
Mathilde ließ uns alleine und wir wandten uns den Bergen von Büchern zu, die sich auf dem Boden vor zwei Regalen stapelten. Nach kurzem Überlegen einigten wir uns darauf, alle, die uns nicht interessant vorkamen, in das linke und alle anderen in das rechte Regal zu packen und sie dann nach den Kriterien „über die Region“ und „über unsere Stadt“ zu ordnen.
»Wie hat deine Mutter auf den Buchladen reagiert?«, erkundigte ich mich und packte ein Buch nach kurzem Zögern in das Regal der interessanten Werke.
»Erstaunlich gut.« Jo lehnte sich vorsichtig an das Regal, dem er am nächsten war, um seine Arme zu entlasten. »Zuerst war sie etwas befremdet über das Chaos, das hier herrscht, aber Mathilde hat auf hilflose alte Frau gemacht, uns herumgeführt und immer wieder darauf hingewiesen, wie viel Arbeit es hier gäbe und wie sehr sie Hilfe benötige. Zum Abschluss hat sie meiner Mutter dann auch noch einen historischen Liebesroman aufgenötigt und ich glaube, das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, denn daraufhin hat mein Mutternator eiligst die Flucht ergriffen.«
Ich lachte schallend bei der Vorstellung und Jo stimmte ein. Es war gut, wieder zusammen zu sein. Ich merkte erst jetzt, wie sehr ich das vermisst hatte. Sicher, wir hatten uns täglich in der Schule gesehen, aber das hier war etwas ganz anderes.
»Das klingt weder nach Langeweile, noch nach Arbeit«, ertönte da Noahs Stimme hinter uns. Er grinste über das ganze Gesicht. »Was ist so witzig?«, erkundigte er sich.
Jo erklärte es ihm.
»Da wir jetzt vollzählig sind, sollten wir in den Raum der Bücher gehen. Wir haben nicht mehr viel Zeit«, schlug ich vor und hielt nach Mathilde Ausschau. Sie erschien wie aufs Stichwort mit ihrem Schlüsselring. Dieser war mit unzähligen Schlüsseln bestückt, die man alle benötigte, um die Tür zum geheimen Raum der Bücher zu öffnen. Mathilde ging vor und wir folgten ihr. Mit jedem Gang, den sie nahm, wurde ich verwirrter. Eigentlich war es unmöglich und trotzdem hatte ich das Gefühl, als befände sich der Raum plötzlich in einem anderen Teil des Buchladens.
»Mathilde, ich meine, es ist Ihr Laden und Sie kennen ihn garantiert wie Ihre Westentaschen, aber ich glaube trotzdem, dass wir in die falsche Richtung gehen«, sagte Jo vorsichtig und sprach damit aus, was ich gedacht hatte.
»Richtig, ich kenne ihn und jeden seiner Winkel ganz genau«, stimmte Mathilde ihm zu. »Daher ist es für mich unmöglich, mich zu verlaufen. Hier sind wir.« Sie hielt vor der hohen schweren Holztür und steckte den ersten Schlüssel in das Schlüsselloch.
Jo sah mich verblüfft an, doch ich konnte auch nur ratlos den Kopf schütteln. Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder Mathilde zu. Sie steckte gerade den nächsten Schlüssel des Rings ins Schloss. Um die Tür zu entriegeln, waren alle Schlüssel nötig, und wie immer bewegte Mathilde sie alle in unterschiedliche Richtungen. Als sie endlich fertig war, öffnete sich die Tür und wir betraten den Raum. In dem enormen, halbrunden Kamin, der sich direkt gegenüber dem Eingang befand und dessen Abzugsschacht im Dach verschwand, hing wie immer ein Kessel über den Resten eines erloschenen Feuers. In den verschiedenen Regalen und Glasvitrinen rechts von ihm, gab es alle möglichen (und unmöglichen) Gerätschaften, Kräuter, Tiegel und Flaschen. Der Rest der Wände war bis fast unter die Decke mit vollen Bücherregalen bedeckt. Es war heute schummeriger im Raum als sonst, denn durch die Buntglasfenster knapp unter dem Dach fiel kein Licht. Draußen wurde es bereits dunkel. Wir hatten nicht mehr viel Zeit.

