Kitabı oku: «Das Geheimnis der Eulenvilla»

Yazı tipi:

Nikolaus Klammer


Aber ein Traum

Das Geheimnis der Eulenvilla

Roman


Texte und Bilder:

© Copyright by Nikolaus Klammer

Umschlag:

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klammer@email.de

Druck:

epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

INHALT

Eins Katharinas Aufzeichnungen 7

Zwei Rückenschmerzen 46

Drei Ein alter Freund erzählt 105

Vier Der Maler und die Burg über dem Meer 158

Fünf Ein Saunagang 209

Sechs Der Abgrund der Zeit öffnet sich 262

Epilog Im Fernsehzimmer 311

Anhang Personenverzeichnis Widmung 312

Du hast dich gesättigt mit Schande und nicht mit Ehre. So saufe du nun auch, daß du taumelst. Hab 2:16


EINS

Katharinas Aufzeichnungen

Nein, ich wollte nicht in die Eulenvilla hinein. Alles in mir sträubte sich dagegen. Ich wollte nicht diese Türen öffnen, ich wollte nicht diese Schwellen überschreiten, ich wollte nicht in diese Zimmerfluchten treten. Aber mir blieb keine andere Wahl. Denn im Inneren des Hauses befand sich die letzte Zufluchtsmöglichkeit, die mir jetzt noch verblieben war.

Durch einen Blick über die Schulter überzeugte ich mich. Ich saß keiner Täuschung auf. Der Ort, an dem ich mich eben noch befunden hatte, existierte nicht mehr. Er war vielleicht für immer für mich verloren und so fern von mir, als hätte er nur in einem luziden Traum existiert. All das, was vorher gewesen war, vor diesem Moment, der mich über einen kurzen Gartenweg und dann ein paar ausgetretene Steinstufen direkt vor die Eingangspforte der Villa geführt hatte: Das war nach einem kurzen Augenzwinkern fort gewesen – fortgewischt, als wäre es nie gewesen. Diese Altstadtgasse mit ihren eng an eng aneinandergeschmiegten, vornübergebeugten Fachwerkfassaden, die ermattet ihre Schatten auf die Pflastersteine kippten, die mich stolpern machten: Sie gab es nicht mehr. Verschwunden war sogar der vom schier endlosen Sommertag müde, orangefarbene Abendhimmel über den Ziegeldächern, den ein paar schimmlige Wolkenflecken verschmutzt hatten.

Was ich sah, war nicht Kansas, aber auch nicht Oz. Es war eine andere und unheimliche Welt, in die ich nicht gehörte. Ich fühlte mich so verlassen, als wäre ich auf einem unbewohnten Planeten gestrandet. Mein wandernder Blick ging ungläubig die Stufen zur Eingangspforte hinunter und anschließend drei, vier Schritte durch den Vorgarten. Danach endete der Kiesweg, der links und rechts von zu perfekten Kugeln geschnittenen Buchsbäumen eingefasst wurde. Er wurde so abrupt vom Sand der Wüste verschluckt, als hätte ihn jemand an dieser Stelle mit einem Beil abgetrennt. Hinter ihm dehnte sich in alle Richtungen eine schier endlose Ebene aus, deren ferner Horizont in Schlieren mit dem grauen Himmel darüber verschwamm. Hier gab es keine Erhebungen, keine Landmarken, nicht einmal ein ausgetrocknetes Flussbett. Dies war eine trostlose, in der Hitze schwimmende Wüstenei, über der Staubschlangen kreiselten. Es war die einzige Bewegung, die ich wahrnahm. Die kleinen Windtrichter führten umeinander verwickelte Tänze auf, deren komplizierte Schrittfolgen sie wohl nur selbst kannten. Trügerisches Licht drang durch die Schleierwolken zu mir herab, die die Sonne fast hinter sich verbargen. Sie war ein bleicher Fleck in der Höhe. Ihr Strahlen war diffus und doch grell; pochte im Puls eines mir unbekannten Herzens. Von meiner eigenen Welt war mir nur ein Schmerz verblieben, ein lautes Kreischen in den Ohren. Nur dieses hohe Pfeifen war nun übrig von der Stadt, die ich bewohnt, von dem Leben, das ich geführt hatte.

Und dann war da noch dieses Haus, vor dessen großen Flügeltüren ich stand. Inmitten der Einsamkeit erhoben sich vor mir die Front und darüber das pittoreske Glockentürmchen einer in hellen Terracotta-Farben verputzten Villa. Die recht schmale Vorderseite ließ ein viel kleineres Gebäude vermuten, als es in Wirklichkeit der Fall war. Die Villa war der einzige von Menschen errichtete Gegenstand in meinem Blickfeld und das einzige Anzeichen von Leben in der vollkommen toten Welt, in der ich gelandet war. Diese verlorene Sandkiste wartete wohl schon seit Äonen geduldig auf die Rückkehr ihres Schöpfers, der sie nach einem ersten, rohen Entwurf abgelenkt zur Seite geschoben und vergessen hatte.

Ich rang nach meiner hilflosen Flucht um Atem. Ich habe schon geschrieben, dass ich mich vor dem unheimlichen Haus fürchtete. Mich ängstigte vor allem die Türklinke. Sie hatte die Form einer messingfarbenen Eule, die sich mir gierig entgegenstreckte, als wäre meine Hand ihre Beute. Sie hatte die Flügel zum Sturzflug entfaltet und den spitzen Schnabel in einem für die Ewigkeit erstarrten Schrei geöffnet. Nein! Ich wollte nicht hinein in den Hort dieses Ungeheuers. Die Villa wirkte auf mich wie eine Mausefalle. Drinnen würde mich ein Schicksal einholen, dem ich bislang erfolgreich entflohen war. Das fühlte ich. Doch es gab für mich keinen anderen Weg.

Ich beschattete die Augen und sah nach oben, versuchte, vom Äußeren des Gebäudes auf sein Innenleben zu schließen. Ich wollte durch die Fenster eine Bewegung in den hinter schweren Vorhängen verborgenen Räumen erhaschen. Vergeblich, denn die Villa wirkte so tot wie alles um mich herum. Ich hatte sie noch nie gesehen. Sie war nicht in der Altstadtgasse gestanden, durch die ich vor Sekunden noch gejagt worden war. Ich war mir sicher: Sie war gleichzeitig mit mir in jener Wüste am Anfang oder am Ende der Zeit erschienen. Hatte ich sie mir in meiner Verzweiflung selbst herbeigewünscht?

Ich zuckte zusammen. Mir fiel mein Verfolger ein, dem ich nur entkommen konnte, wenn ich so schnell wie möglich die Eulenvilla betrat. Sonst gab es hier kein Versteck für mich. Ich hatte den Mann durch den Schock meiner Versetzung kurz vergessen. Vor ihm war ich um Hilfe rufend durch die Altstadt geflüchtet. Nur weg wollte ich von Binderseils Atelierfest. Es war eine Falle gewesen, die eigentlich für Jonas gedacht und in die unversehens ich selbst getappt war, weil ich ihn warnen wollte. Während meiner panischen Flucht war ich durch ein verwirrendes Labyrinth enger Gassen und Hinterhöfe gerannt, war über Zäune und Hecken geklettert, hatte an verschlossenen Haustüren gerüttelt. Doch in meinem Rücken war mir ein immer näher kommender Schatten auf den Fersen! Ich konnte ihn nicht abschütteln, egal, was ich unternahm. Ich wusste: Würde mein Feind mich endlich einholen, dann würde er mich ohne zu zögern mit dem Steakmesser töten, das er beim Grill mitgenommen hatte. Ich war der einzige Mosaikstein seines Plans, der noch nicht an seinem von ihm vorbestimmten Platz lag. Ein gezielter Stich in meinen Rücken und alles erfüllte sich für ihn. Ich konnte die Stelle bereits spüren, an der sein Messer wie ein heißer Blitz in meine Lenden dringen würde.

Gleichzeitig mit meinem Erschrecken hatte ich eine Erkenntnis, sie übergoss mich wie Eiswasser. Selbst an diesem fremden Ort, undenkbar weit von Zuhause entfernt, würde ich ihm nicht entkommen können: So einfach ließ er mich nicht ziehen! Er war weiter hinter mir her, war mir bis hierher gefolgt. Wahrscheinlich stammte er sogar von hier. Vielleicht hatte er mich auch bewusst verschleppt, an diesen Ort, an dem ich mich nicht verbergen konnte und an dem es keine Zeugen für seine Mordtat gab. Gut möglich. Dazu war er sicherlich fähig.

Erneut sah ich zurück. In der unendlichen, von Hitzefäden durchwaberten Staubwanne der Ebene flackerte in der Ferne eine schmale, schwarze Flamme. Sie wirbelte wie ein irrer Derwisch um sich selbst. Das war mein Mörder! Ein Irrtum war ausgeschlossen. Er kam rasch näher, um sein Werk zu vollenden. Nun kannte ich kein Zögern mehr. Es gab für mich ja nur den einen Fluchtpunkt, einen Ort allein, an dem ich mich verstecken konnte. Es war das Haus, das ich instinktiv so sehr fürchtete. Denn ich spürte auch, dass es der Schauplatz eines unaussprechlichen Verbrechens war. Die Eulenvilla war eine blutbesudelte, entweihte Zuflucht, die ihre trügerische Macht verlor, wenn man sich zu lange in ihr aufhielt. Ganz plötzlich, nach ein paar Reim- oder Zauberworten, konnte die Villa auch zur Falle werden. Wenn ich mich jedoch für den Augenblick vor dem heraneilenden Monstrum retten wollte, musste ich mich diesen Ängsten stellen.

Ich packte die Eulenklinke mit beiden Händen, zerrte an ihr, rüttelte verzweifelt. Die Tür blieb von meinem Versuch unbeeindruckt. Sie ließ sich nicht öffnen, auch nicht einen winzigen Spalt. Wieder ein panischer Blick zurück. Er war näher gekommen. Deutlich zeichneten sich die Umrisse des Verfolgers gegen das grelle Licht ab. Er rannte, fürchtete wahrscheinlich, ich würde ihm doch noch entwischen. Vielleicht war ihm wie mir der Gedanke gekommen, dass das Haus eine Anomalie im endlosen Nichts war, ein Platz der Zuflucht und des Waffenstillstands, wo man ausruhen und Kräfte sammeln konnte. Die Eulenvilla war ein Ort des Asyls. Sie war wie die Stelle, die wir als Kinder beim Fangenspielen immer als Gotto bezeichnet hatten. Ich habe keine Ahnung, woher das Wort stammt und was seine eigentliche Bedeutung ist. Aber Gotto, das war ein magisches Wort, es gab mir Mut. Ich nahm meine ganze Kraft zusammen, konzentrierte sie an einem Punkt und hängte mein Gewicht an den Griff. Je eine Hand an einem Flügel zerrte ich und schrie dabei erneut um Hilfe. Vergeblich, denn wer sollte mich in dieser Einöde schon hören? Jetzt vermeinte ich bereits den keuchenden Atem meines finsteren Verfolgers in meinem Nacken zu spüren. Das war nur Einbildung, so schnell konnte er nicht herankommen. Selbst wenn er wie der golden glänzende Nachtvogel in meinen Händen über den Teppich aus Hitze hinter mir fliegen konnte, der über der Wüste lag. Ich traute mich nicht, nachzusehen, doch mein panisch umherirrender Blick fiel auf den Klingelzug neben der Tür.

Konnte es so einfach sein? Nur an dieser Klingel ziehen? »Ober mir, unter mir – vorder mir, hinter mir, links, rechts gült es nicht! Gotto, Gotto, eins-zwei-drei! Ich bin jetzt frei!«, rufen und eintreten durch das wie von Geisterhand geöffnete Tor? Hinein in die trockene, staubige Kühle des Hausgangs? Die Zehen entschlusslos in den weich ausgetretenen Orientteppich bohren, mit nackten Füßen vorwärts schleichen in das Dämmerlicht, weil die hohen, unbequemen Sandalen während der heillosen Flucht durch die Gassen meiner Heimatstadt längst hinweggeschleudert worden waren?

Manche Märchen, sagt man, erzählen die Wahrheit. Die Tür jedenfalls schwang nach meiner Zauberformel nach innen, ließ mich eintreten und fiel dann lautlos hinter mir ins Schloss. Ich atmete auf, denn ich fühlte mich zum ersten Mal seit meiner Flucht von dem Fest in Sicherheit. Jeder kennt den Eindruck, wenn er an einem hellen Sommertag nach einem längeren Aufenthalt im Freien in einen abgedunkelten Raum tritt. Alle Farben scheinen in die Wände gewichen und lastende, abwartende Stille liegt über den grauen und stumpfen Dingen. Es ist, als wären sie beleidigt, dass man ihre Abgeschiedenheit mit Sonnenwärme und Gerüchen stört, die man von draußen mit sich hereinträgt. Es ist eine Sinnestäuschung, ich weiß. Die Dinge, auch die altmodischen Schränke und Kommoden in diesem langen Korridor, sahen mich nicht an. Sie lebten eine andere Zeit. Und doch fühlte ich mich beobachtet, als wären überall in den hochherrschaftlich holzgetäfelten Wänden verborgene Ritzen und Löcher, durch die mich abschätzig feindselige Augen musterten.

Jemand rumpelte mit einem lauten Krachen gegen die gerade wieder verschlossene Tür hinter mir. Ein schwerer Körper warf mit voller Wucht von außen gegen das Holz. Ich drehte mich zu Tode erschrocken herum. Das kam so plötzlich, dass mein Herz für einen Moment aussetzte. Die Tür ächzte und stöhnte. Staub rieselte aus den Zargen. Aber sie hielt stand. Sie hielt auch einen weiteren und dann noch einen dritten Schlag aus, die sich schon etwas schwächer und resignierter anhörten.

»Sei verdammt, Lina! Sei verdammt!«, brüllte da draußen auf den Stufen vor dem Haus eine sich überschlagende Stimme. Ich wich vorsichtig rückwärts und stieß gegen eine Gestalt, die vom hinteren Teil des Hausflurs unbemerkt an mich herangetreten war. Eine junge Frau mit burschikos kurzem Pagenschnitt stand in einem altmodisch geschnittenen schwarzen Kleid da. Sie musterte mich mit neugierigen, hellen Augen. Ich hatte sie nicht an mich herantreten hören, was bei dem Lärm, den mein Verfolger vor der Tür veranstaltete, auch nicht weiter verwunderlich war. So wie ich trug sie keine Schuhe, aber ihre nackten Beine steckten in seidig glänzenden Nylons. Ihre ganze Erscheinung hatte etwas so gespenstisch Durchscheinendes, dass ich mich fürchtete, sie anzusprechen, damit sie sich nicht in einer Nebelschwade auflöste.

Jetzt schlug der Mann draußen vor der Tür mit der flachen Hand gegen das Holz:

»Herrgott, Lina! Ich bring dich um!« Seine brechende Stimme klang, als würden ihm gleich die Tränen kommen. Aber die Frau zog ironisch ihren knallrot geschminkten Mund nach oben.

»Das würde ich gerne erleben.« Ihr Lächeln verstärkte sich. Erleichtert stellte ich fest, dass ich es trotz der bleichen Hautfarbe durchaus nicht mit einem Gespenst oder einer anderen übernatürlichen Erscheinung, sondern mit einer jungen Frau in meinem Alter aus Fleisch und Blut zu tun hatte.

»Was ist hier los, Lina?«, fragte ich. »Du bist doch Lina?« Sie senkte bestätigend den Kopf.

»Komm, wir suchen uns ein ruhiges Zimmer. Leider haben wir nicht viel Zeit«, entschied sie. Entschlossen hakte sie sich bei mir unter, führte mich aus dem Flur durch eine hohe Flügeltür nach rechts in einen Wohnraum, dessen barock angehauchte Möbel mich an die frühen Sechziger Jahre erinnerten. Hierher passte Lina mit ihrem Kleid, das hochgeschlossen spitz ihre Büste ausformte und eine Handbreite unter dem Knie endete. Hinter uns entdeckte der Verfolger offenbar den Klingelzug, den er hartnäckig betätigte. Lina ließ die Türflügel hinter sich ins Schloss fallen und sperrte auf diese Weise das Meiste von dem Lärm aus. Sie trat einen Schritt näher an mich heran.

»Ich würde dich so gerne kennenlernen«, stellte sie fest und berührte mich wieder am Arm, als müsse sie sich von meiner Existenz überzeugen. Ich nickte abgelenkt. Mein umherirrender und noch immer gehetzter, ein sicheres Versteck suchender Blick war auf einen großen, schrankartigen Fernseher gefallen. Dessen spiegelnde und nach vorn gewölbte, stumpfgraue Bildschirmscheibe kennzeichnete ihn als ein uraltes Schwarzweißgerät. Wenn der Fernseher, auf dem eine goldene Zimmerantenne und ein Azaleenstock ruhten, noch funktionierte, musste er ein Vermögen wert sein. Ich kicherte, weil mir das Absurde meiner Situation bewusst wurde: Ich stand mit bloßen Füßen auf einem dicken Teppich aus Schafswolle in einem von einem Mörder belagerten Haus inmitten einer unwirklichen Marslandschaft vor einer attraktiven Frau, die aus ihrer Zeit gefallen war und schätzte dabei den Wert einer ihrer Antiquitäten ab. Lina fiel in mein Lachen ein, auch wenn ihr der Grund nicht klar sein konnte. Eine dritte, hohe Stimme ließ sich glucksend lachend hören: Sie stammte von einem sehr fetten Mann, der im Hintergrund des Raumes neben einer hohen, laut tickenden Standuhr auf einem geblümten Sofa saß. Er schaffte es gerade so, seine Finger über seinem gewaltigen Bauch zu verschränken.

»Das ist Onkel Balder«, flüsterte mir Lina zu, »das Beste ist, du beachtest ihn nicht.« Sie senkte ihre Stimme noch weiter. Ich musste mein Ohr ganz nah zu ihrem Mund bewegen, um sie noch zu verstehen: »Er ist ein wenig seltsam, aber vollkommen harmlos. Darf ich, Katharina?« Ohne auf meine Antwort zu warten, hob sie die Hand vom Arm an meine Wange. Sie streichelte sie mit dem Rücken ihrer schmalen Finger, deren sauber und spitz gefeilte Nägel exakt im Farbton des Lippenstifts leuchteten. Ich wich vor der plötzlichen, mir viel zu intimen Nähe zurück.

»Woher kennst du meinen Namen?«, staunte ich. Onkel Balder in der Ecke steigerte sein Lachen in einen besorgniserregenden Erstickungsanfall, den er allerdings so abrupt beendete, wie er ihn begonnen hatte. Es war, als besäße er einen verborgenen Schalter, mit dem er sein Gelächter ein- und ausknipsen konnte. Lina senkte resigniert ihre Hand. Sie wartete geduldig, bis der Dicke verstummte.

»Willst du nicht in die Küche gehen und uns einen kleinen Imbiss zusammenstellen, Onkelchen? Wir speisen später in der Bibliothek«, wandte sie sich an ihn. Der fette Mann erhob sich erstaunlich gewandt aus dem Sofa und entfernte sich ohne eine Antwort durch eine unscheinbare Tapetentür. »Du hast doch ein wenig Hunger, Katharina, oder?«

Ich wollte auf meiner Frage, woher Lina mich kannte, beharren. Aber sie ließ mich nicht zu Wort kommen: »Dabei können wir auch alles bereden. Du willst dich sicher vorher noch frisch machen, oder? Du bist ja ganz staubig und verschwitzt von dem Dreck und der Hitze da draußen vor der Tür. Wie scheußlich ist die Welt, die die beiden Brüder uns übriggelassen haben! Ein wenig Zeit ist noch, denke ich. Es wäre auch kein Fehler, sich zum Essen etwas Anständiges anzuziehen.« Sie musterte abschätzend mein durch die Flucht in Mitleidenschaft gezogenes Sommerkleid. Sie hatte recht: Ich war nicht gesellschaftsfähig. Wenn ich mich fünfzig oder sechzig Jahre in der Vergangenheit befand, dann sollte ich mich besser den Gepflogenheiten dieser Zeit anpassen. Eine Frage wusste ich allerdings noch. Sie war die Frage, die schon die ganze Zeit in mir war und mich quälte:

»Aber ein Traum ...«, ich zögerte, »… ein Traum ist das nicht, oder?«

Lina lachte wieder. Es war das freundliche, ansteckende Lachen eines kindlichen, warmherzigen Gemüts. »Nein. Ein Traum ist das nicht. Es sei denn, das Leben wäre ein Traum; ein Traum, gefangen in einem Traum.« Sie nickte, als hätte sie etwas sehr Wichtiges gesagt. Mit sehnsuchtsvollem Blick sah sie zum Fenster, dessen zugezogene Vorhänge zwar Licht in den Raum ließen, aber die schreckliche flache Wüste mit ihrer Hitze und ihrem Staub ausschlossen.

Ein Schatten zeichnete sich auf dem Stoff ab. Jemand stand draußen vor dem Fenster. Richtig, die Klingel war seit einer Weile verstummt. Das war mein Verfolger, er gab nicht auf! Wie ich geahnt hatte, war die Sicherheit des Hauses nur eine brüchige. Wir spielten auf Zeit. Lina drückte mir gedankenschnell ihren Zeigefinger auf den Mund. Aber diese Geste war nicht nötig. Ich wagte es ja kaum, Luft zu holen. Zu Statuen unser selbst erstarrt, verharrten wir regungslos und lauschend. Das Gleiche machte wahrscheinlich die Gestalt draußen im Freien. Ich hörte ein leichtes Klirren von Fensterglas. Es folgte ein Geräusch, das sich wie das Schaben eines Werkzeugs auf Holz anhörte.

»Lina, Lina«, war eine Stimme zu vernehmen, ganz nah und kaum gedämpft, als würde sie nicht draußen im Sand, sondern direkt neben uns erklingen. War das Fenster hinter den Vorhängen etwa geöffnet? Wenn er jetzt einfach den Stoff zur Seite schob, dann würde er uns doch zweifellos entdecken. »Lina, ich krieg dich!« Trotz der hörbar mitschwingenden Wut sang die Stimme die Worte fast. Ich zuckte zusammen, hätte laut aufgeschrien, wenn mir nicht meine Beschützerin weiterhin fest den Finger auf die Lippen gepresst hätte. An meinen Armen stellten sich Haare auf, als würde jemand auf sie hauchen.

»Und morgen«, fuhr der Mann mit seinem Singsang fast fröhlich fort, als sage er einen alten Kinderreim auf, der ihm gerade in den Sinn kam, »hole ich mir mein Kind. Lina, Lina, sieben, acht, neun, du wirst das noch bereu’n.« Der Schatten bewegte sich, glitt über den Vorhang, verschwand. Die Stimme wurde zugleich schwächer, summte nur noch ihre einfache Melodie, verstummte dann. Es dauerte einige Zeit, bis wir es wagten, uns zu bewegen. Ganz vorsichtig löste Lina ihren Finger von meinem Mund.

»Nein. Dies ist kein Traum«, sagte sie so ruhig, als hätte das Intermezzo sie gerade überhaupt nicht erschreckt, »denn der Traum bringt uns den Tod.«

Ich stand in dem kleinen Gästezimmer, das mir meine Beschützerin zugewiesen hatte. Ich weinte. Die Tränen liefen mir als Rinnsal über die verschmierten Wangen, sammelten sich an der Spitze meines Kinns und tropften herab. Zu mehr war ich nicht fähig: Ich konnte stehen und heulen und ab und an krampfhaft schniefen, damit mir nicht auch noch der Rotz aus der Nase lief.

Als ich vorhin mit dem Aufschreiben dieses Berichts begann, war es mein Plan gewesen, meine Erlebnisse in der Villa so genau, wie es mir möglich ist, zu beschreiben. Ich wollte von jeder noch so bedeutungslosen Kleinigkeit zu berichten, die ich gesehen oder erlebt habe. Du solltest dir die Farben, Formen, Stimmungen, die Worte, die gesagt und die, die verschwiegen wurden, die Augenblicke, die Handbewegungen, einfach alles, vorstellen können. Ich dachte, nur so würde ich die Schimäre bannen und in dem Netz fangen, das ich mit meinen Worten webe. Ich wollte mir selbst versichern, dass ich nicht irregeworden bin. Ich hatte vor, mich mit den Fingern an dem Unfassbaren festklammern, es im sicheren Bereich des Versteh- und Nachvollziehbaren herabziehen. Ich wollte erzählen, als wären meine Erlebnisse so normal wie ein Spaziergang in der Stadt. Daran bin ich gescheitert: Ich kann beispielsweise in diesem Notizbuch nicht berichten, wie ich in das Zimmer gelangt bin, in dem ich nun stand und heulte. Erst später stellte ich fest, dass es im 1. Stock der Eulenvilla lag. Ich habe ab dem Moment der Gefahr in dem Fernsehraum alles bis zu dem Augenblick vergessen, an dem ich weinend vor einem unbezogenen Bett stand. Auf ihm lagen ein Unterhemd, eine schlichte, weiße Bluse und ein dunkler Rock aus dickem Wollstoff. Ich vermutete, es wären Kleidungsstücke von Lina, was sich allerdings später als falsch herausstellte.

Irgendwann in der Zwischenzeit hatte auch der Tinnitus in meinen Ohren aufgehört. Aber ich habe für die Zeit davor in meiner Erinnerung einen buchstäblichen Filmriss. Er wies sogar die klassischen ein, zwei überlappenden Bilder an der Klebestelle auf. Sie zeigten zum einen die graue Scheibe des antiken Fernsehers und darüber gelegt, wie in einer Doppelbelichtung, ein von meinen Tränen verschwommenes Gemälde. Es hing hier im Raum über dem Bett. Das gerahmte Bild war ein Picasso aus seiner kubistischen Periode oder auch ein Braque. Ich kann das nicht unterscheiden. Ob die Collage eine Kopie, ein Druck oder ein Original war, vermochte ich auch nicht zu beurteilen. Vermutlich war es jedoch echt und eine Kostbarkeit, denn meine Gastgeber erschienen mir sehr reich. Ich selbst kann nicht viel mit dieser Art von Kunst anfangen.

Nach einer Weile siegte die Neugierde. Ich wurde etwas ruhiger und sah mich um. Das schmale Gästezimmer hatte drei Türen: Da war der Eingang, durch das ich es wahrscheinlich betreten hatte, auch wenn ich mich nicht mehr daran erinnerte. Dann gab es noch eine Glastür, die auf einen quadratischen Balkon führte und schließlich einen Durchgang in ein enges Bad ohne Fenster. Da ich das Ungeheuer fürchtete, das uns sicherlich weiterhin belagerte und nach einem Eingang suchte, traute ich mich nicht, näher an die Balkontür zu treten, von der man vielleicht früher einmal auf einen Garten an der Rückfront des Gebäudes oder doch eher auf eine Parkanlage hinuntergesehen hat. Jetzt waren von meinem Platz aus über der Umzäunung des Gebäudes nur ein verwaschener, grauer Himmel und die aufgeblähte, bleiche Sonnenscheibe zu sehen. Merkwürdig! Ich hatte nicht den Eindruck, als hätte sie sich in der Zwischenzeit weiterbewegt.

Inzwischen hatte ich mich wieder so weit an meine absurde Situation gewöhnt, dass meine Tränen versiegten. Ich war leer geweint. Das gibt es, ich hatte das schon erlebt. Zurück blieb wie jedes Mal ein stumpfes, nicht ganz greifbares Gefühl von Verlust und Resignation. Es war eine sich langsam mit Gleichgültigkeit füllende Leere. Achselzuckend nahm ich die für mich vorbereitete Kleidung auf und trat ins Bad. Es tat gut, die glatte, weiße Tür zu schließen, sich gegen sie zu lehnen und ihre Kühle an den Armen zu spüren. Ich ließ auf diese Weise alles außen vor und funktionierte nur noch. Du weißt, das ist meine Art, mit Krisen fertigzuwerden. Ich schotte meinen Geist vor mir selbst ab und reduziere mich auf alltägliche Handlungen. Wie eine durch einen Puppenspieler gelenkte Marionette erledigte ich die Rituale der Körperpflege und kam dabei ein wenig zur Ruhe.

Ich ließ die freistehende Badewanne mit warmem Wasser volllaufen und fügte etwas nach Flieder riechendes Badesalz aus einer Karaffe hinzu, die griffbereit am Beckenrand stand. Ist es glaubhaft, dass ich mir keine Gedanken darüber machte, woher das Wasser kam oder der Strom für die kahle Lampe, die das fensterlose Bad beleuchtete? Wohin das Abwasser der Toilettenspülung gelangte? Wie es dieses Haus inmitten des Nichts überhaupt geben konnte? Ich war entschlossen, mich zu nicht wundern und nahm die seltsamen Dinge, wie sie kamen. Etwas anderes blieb mir ja auch nicht übrig.

‚Mag sein, dass das kein Traum ist‘, dachte ich, als ich entspannt in der Wanne lag und mir den juckenden Sand abwusch, ‚aber ich werde so handeln, als wäre es einer. In meinen Träumen wundere ich mich schließlich ebenfalls über nichts. Egal, wie absurd die Situationen sind.‘

Während auch die dumpfen Rückenschmerzen verschwanden, die ich seit meiner Ankunft spürte, ließ ich meinen Gedanken freien Lauf, die wie Motten zum Licht zurück zu dem Straßenfest vor dem Haus des Bildhauers Linus Binderseil flatterten. Obwohl objektiv nicht einmal eine Stunde vergangen sein konnte, seit ich die Veranstaltung in panischer Flucht verlassen hatte, fühlte sich meine Erinnerung an den Abend wie Geschichte an, die mir jemand vor langer Zeit erzählt hatte. Ich wusste, es wäre besser für mich, ich würde so schnell wie möglich zurückkehren, falls das noch möglich war und es einen Weg nach Hause gab. Je länger ich hier im Gotto der Eulenvilla ruhte, umso spürbarer verlor ich den Anschluss an mein Leben, vergaß ich, was wichtig war.

Nein! Ich durfte nicht auf die trügerische Ruhe hereinfallen. Ich musste mich dem Ungeheuer dort draußen stellen, meinen Heimweg erzwingen und Jonas vor dem alten Mann warnen, der, wie ich erlauscht hatte, auf makabere Weise seinen Tod plante. Wenn es noch einen Funken Zuneigung zwischen uns gab, vielleicht sogar eine kleine Liebe, dann hatte ich die Verpflichtung, ihn zu warnen.

Dort in der Wanne, während ich Gefahr lief, im warmen Wasser einzuschlafen, in einem Dämmerzustand zwischen Wachen und Schlafen, kam mir zuerst der Gedanke, dies alles für Jonas aufzuschreiben. Ich wollte ihm zumindest eine Flaschenpost zukommen lassen, wenn es mir nicht gelingen sollte, heil zurückzukehren. Ich brauchte nur einen Stift und Papier, das Weitere würde sich schon ergeben. Es war zudem wahrscheinlich der einzige Weg, auf dem ich ihn erreichen konnte, denn er würde mir sicherlich nicht zuhören. Vielleicht konnte ich ihn auch anrufen. Gab es im Haus ein Telefon? Konnte es zwischen den Welten funktionieren? Das war zwar absurd, aber versuchen musste ich es.

Ich schreckte hoch, schob meinen nackten Oberkörper aus dem seifigen Wasser, das sich mit einem Mal eiskalt anfühlte. Es war ein krampfhaftes Zusammenzucken aller Muskeln, als hätte ich einen Kuhdraht berührt. Ich war wieder hellwach, nachdem ich eben fast eingenickt war. Oder hatte ich bereits geschlafen? Denn in dem Moment vor meinem gefühlt nur eine Sekunde andauernden epileptischen Anfall war ich zuhause gewesen. Ich war aus der endlosen Wüste zurückgekehrt. Ich hatte meine Augen unter einem üppig von Sternen übersäten Nachthimmel geöffnet, das unregelmäßige Altstadtpflaster unter meinem Rücken gespürt. In diesem zeitlosen Augenblick lag ich am Boden, atmete flach und stoßweise. Ein mir nicht bekanntes, besorgtes Gesicht beugte sich zu mir herab. Ich wollte etwas sagen, öffnete den Mund und spürte viel Feuchtigkeit und einen ekligen, salzigen Geschmack auf der Zunge. Blutete ich? War ich verletzt? Starb ich?

Mit diesem Gedanken kehrte ich, wie durch einen Stromstoß geweckt, zurück in das längst erkaltete Wannenbad.

Die geliehene Kleidung war mir zu eng. Die Bluse spannte unter den Achseln und warf Falten über der Taille, auch der enge Rock ermöglichte nur kurze, tippelnde Schritte. Aber wenn niemand größere gymnastische Übungen von mir verlangte, würde es gehen. Nach dem Essen könnte ich wahrscheinlich wieder meine eigenen, modernen Sachen anziehen, die ich im Waschbecken oberflächlich gesäubert und zum Trocknen mit einem Kleiderbügel aus dem leeren Schrank des Gästezimmers an die Lampe gehängt hatte. Die bereitgestellten spitzen Pumps mit halbhohen, dünnen Pfennigabsätzen ignorierte ich, die waren mir dann doch zu altmodisch und unbequem. Wenn die Gastgeberin barfuß ging, dann durfte ich das auch. Fertig angezogen setzte ich mich auf die Matratze und wartete. Ich wunderte mich über das helle Licht, das vom Balkon in das Zimmer fiel. In meiner Welt war es vor meinem Wechsel hierher bereits auf zehn Uhr abends gegangen. Die lange Dämmerung jenes Sonntags kurz vor der Sommersonnenwende war dabei gewesen, sich endgültig in die Hände der Nacht zu begeben. Hier jedoch herrschte noch immer heller Tag. Hatte die Zeit in der Eulenvilla einen vollkommen anderen Rhythmus und zerdehnte sich wie ein Kaugummi? Das war vielleicht der Grund, aus dem Lina mich warten ließ.

Inzwischen knurrte mein Magen. Ich entschied, mich selbst nach der Bibliothek umzusehen, wo der versprochene Imbiss auf mich warten sollte. Der kleine Teller mit Reissalat, den ich beim Atelierfest von Binderseil ergatterte, hatte nicht lange vorgehalten und mein Magen knurrte bei dem Gedanken an Essen. Ich öffnete behutsam die Tür des Zimmers und trat in den langen Gang, der den ganzen Gebäudeflügel kreuzte und auf der einen Seite von einer Treppe, auf der anderen von einer Glastür begrenzt wurde. Links und rechts lagen in regelmäßigen Abständen Räume, deren Türen allerdings bis auf meine und eine weitere in der Nähe des Treppenhauses verschlossen waren. Hier sah es ganz wie in einem Hotel aus, es fehlten nur die Zimmernummern. Ich konnte mich wirklich nicht erinnern, dass ich vorhin mit Lina diesen Flur entlanggekommen war.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
10 kasım 2024
Hacim:
312 s. 5 illüstrasyon
ISBN:
9783753117911
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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