Kitabı oku: «Schüchterne Gestalten», sayfa 7
An diesem trüben Sonnabend war Egger, wie so oft am Wochenende, in seinem Büro gewesen. Diese Tage ohne Störungen und ständige Unterbrechungen nutzte er ganz gerne, um nicht nur Liegengebliebenes aufzuarbeiten. Hier in seinem Büro fand er die notwendige Ruhe, um über Geschäfte, neue Kunden, Chancen und Risiken zu sinnieren. Er legte sich seine Strategie für die nächsten Tage zurecht und brütete darüber, wie er die uIT AG noch erfolgreicher und seine Geschäftspartner in Holland noch zufriedener machen konnte.
Am späten Nachmittag des 13. November klingelte sein Mobiltelefon. Erst wollte er es ignorieren, denn Störungen mochte er besonders an den Wochenenden überhaupt nicht. Unwirsch griff er sich doch das Handy, um nachzusehen, wer von ihm was will. Ein wohlbekannter Name leuchtete auf dem Display. Jemand, den er lieber nicht ignorieren sollte.
„Hallo Torsten?“ KHE ergriff wie gewohnt die Initiative.
„Hallo Kalle, wollte mal hören, was du so treibst. Wir sollten uns mal wieder zum Essen verabreden.“
„Du, gerne. Warum nicht gleich heute Abend? Hätte ohnehin Lust, auswärts was zu essen. Kommst du mit? Jetzt hab ich leider wenig Zeit, muss noch ein paar Dinge fertigmachen.“
„Das wird leider nichts, muss gleich noch mal ins Präsidium. Die Kollegen der W36 haben einen recht abstrusen Fall vor der Brust: Mord mit einem Hirsch oder so ähnlich. Das wird mal wieder ein unruhiger Sonntag. PK und so weiter, du weißt ja.“
„Was es nicht alles gibt. Lass doch mal den Nachwuchs ran und gönn dir ein ruhiges Wochenende. Weiß man schon Genaueres?“ Informationen schaden eigentlich nur dem, der keine hat. Immer wachsam bleiben, Genosse. Ex-Genosse.
„Ein Auto einer IT-Firma ist an einen Hirsch geraten, CodeWriter glaube ich heißen die. Aber mehr weiß ich auch noch nicht und Kalle; ich würde es dir übrigens auch nicht sagen.“
Staatsanwalt Torsten Stiegermann nimmt es mit seiner Schweigepflicht sehr genau. Er weiß ganz genau, wem er wann Informationen gibt. Noch immer fühlt er sich gut vernetzt. Das war durchaus nicht immer so, denn gerade die unruhigen Wellen der Vereinigung hätten ihn beinahe weggespült. Aber eben nur beinahe.
„Wenn von dem Hirsch noch eine Portion übrig ist, dann denke bitte an mich. Im Herbst ist Jagdzeit. Mach’s gut und denke daran: Wir sollten mal wieder Essen gehen.“ KHE legte auf, um sofort einen anderen Eintrag seiner unendlich langen Kontaktliste zu suchen. Er fand ihn auch recht bald und wählte dessen mobile Nummer.
„Hallo?“ Ein kurzes Knacken in der Leitung machte ihn unsicher.
„Ja, was gibt’s?“ Scheinbar erkannte der Angerufene inzwischen, wer ihn da anrief.
„Die Polizei ermittelt in einem Mordfall. CodeWriter. Habt ihr was damit zu tun?“ KHE war dieses Mal direkt und unverschlüsselt. Egal wer hinter dieser Geschichte steckte; es gefiel ihm ganz und gar nicht.
Statt einer Antwort beendete sein Gegenüber einfach das Gespräch. Wortlos.
Fuck!
Jetzt bleibt nur abwarten. Stiegermann wird ihn schon informieren. Rechtzeitig, sodass er immer noch früh genug eingreifen kann. Hoffentlich geht die Geschichte für ihn und seine uIT glimpflich aus. Obwohl, ihm fiel überhaupt nicht ein, warum ein Mord bei CodeWriter mit ihm zu tun haben könnte. Nein, da ist nichts und da wird auch nichts sein.
Egger hatte trotz seiner Versuche, sich zu beruhigen, jetzt keine Lust mehr, im Büro zu bleiben. Er konnte sich nicht mehr konzentrieren. So ein Mist! Ich habe bis Montag noch jede Menge fertigzustellen. Dann eben morgen, am Sonntag; geht halt nicht anders. Er griff sich seine Dokumente und Unterlagen für morgen, um von zu Hause aus arbeiten zu können; führte schnell eine Sicherung durch und war sich richtig unschlüssig, was er jetzt mit dem Sonnabendabend anstellen soll. Er könnte ja über die Grenze in den Club fahren; wäre doch schön ein Bad mit einer Massage danach. Vielleicht ist die schlanke Lettin wieder da, die konnte so richtig gut… Nein, auch darauf meinte er, sich heute nicht freuen zu können.
Dieser Anruf vom Stiegermann versetzte ihn immer mehr in Unruhe. Viel schlimmer war, dass er überhaupt nicht ergründen konnte, warum. Für heute Abend blieben nicht mehr viele Alternativen: Was essen gehen, ein paar Bier oder ein guter Roter und dann morgen weitersehen.
Licht aus; Alarmanlage an.
Moldawien ist weit. Hier in Vesberg bricht langsam die Nacht herein. In Moldawien dürfte es schon dunkel sein. Die nasse Kälte schlich an seinen Beinen hoch; es wurde richtig ungemütlich. Ist er nicht mehr immun dagegen? Zweifel kamen auf, nagten an ihm. Scheiße, dass brauche ich jetzt nicht; überhaupt nicht. Zurück in die Gartenhütte war nicht mehr möglich. Obwohl? Die Dunkelheit wäre dafür sein Freund; aber nur ein Aufschub; nicht mehr. Nein, die Nacht musste er ausnutzen, um die Grenze zu überqueren und Deutschland zu verlassen. Wenn er erst mal in Polen ist, geht es sicher einfacher weiter. Dort sucht ihn keiner. Dort ist die Polizei längst nicht so gut wie hier, schon gar nicht nachts.
Er muss weg hier, das war ihm klar. Nur wie? Geld hatte er nur wenig, mit den paar Euros kommt er nicht weit. Das war ihm klar. Ihm würde ein Auto reichen, vollgetankt bitte, damit er es wenigstens bis zur Grenze schafft. Danach müsste er neu planen. Ein Auto muss also her. Darauf musste er sich jetzt konzentrieren.
Hier an der Uferstraße ist die Gelegenheit recht günstig; kaum Anwohner in der Gegend. Jetzt gegen Abend ist immer weniger Verkehr hier; viele abgestellte Wohnwagen und Transporter stehen herum. Da sollte eine kleine Selbstbedienung kaum auffallen. Er entschloss sich, es in einer angrenzenden kleinen Sackgasse zu probieren. Unauffällig, wie er es hunderte Male schon gemacht hatte, inspizierte er die Gegend, beobachtete die wenigen Passanten, die umstehenden Häuser und suchte sich ein Fahrzeug aus. Das hier wäre doch cool, nicht zu protzig, nicht zu alt, wenig auffällig. Seine Entscheidung: Der Ford im dunklen Grün soll es sein. Mit der Marke kennt er sich aus; die Fords lassen sich leicht überbrücken. Der hier hat noch keine Wegfahrsperre. Cool, dass die Ostdeutschen so wenig Geld für neue Autos haben. Damit ergeben sich jede Menge Mitnahmegelegenheiten für einen Profi wie ihn.
Die Grundausrüstung für so einen Bruch hatte er ohnehin dabei. Also – jetzt oder nie. Kein Kopfkino aufkommen lassen. Das verunsichert nur. Nicht nachdenken, handeln. So hämmerte man es ihm damals in der Ausbildung ein. Mut zur Tat oder sein lassen. Er musste. Er musste jetzt handeln, um hier wegzukommen.
Der Bruch ging recht schnell. Wie er es gelernt hat, versuchte er es an der Heckklappe. Die Verriegelung war bei den älteren Modellen noch mit einem weiteren Seil zur Sicherheit, quasi als Noteinstieg, gesichert. Das war den meisten Besitzern nicht bekannt; auch weil die Hersteller es natürlich in einem kleinen Versteck im unteren Rahmenbereich nicht sichtbar und zugänglich gemacht haben. Für ihn kein Problem; er brach das Gehäuse mit seinem Besteck auf und suchte das Seil. Ein kurzer Ruck und die Heckklappe gab nach. Hat doch prima geklappt. Jetzt muss er den Ford nur noch kurzschließen und hoffen, dass die Karre voll genug betankt war.
Irgendetwas irritierte ihn.
Er schaute.
Er schaute nochmal und stellte ziemlich erstaunt fest, dass der Ford hinten zumindest ein polnisches Nummernschild angeschraubt war. Mach ich hier alles falsch? Das geht überhaupt nicht. Ausländische Autos, so hatte er bei der Übernahme des Auftrags gelernt, werden vorzugsweise von der deutschen Polizei überprüft. Deshalb waren die Fluchtfahrzeuge ja auch mit deutschen Kennzeichen ausgestattet.
So ein Mist!
Los, denke nach. Du musst klar denken. Lass dir was einfallen. Er kannte die Motivationstechniken, die viel Kraft verlangten und immer dann zum Einsatz kamen, wenn die Lage hoffnungslos war. Seinem Eindruck, nach zu urteilen, war es eher komisch, aber nicht langweilig. Denke nach, sonst schaffst du hier nicht raus. Zu Fuß wird’s nicht gehen. Es ist viel zu weit bis zur Grenze. Niemand würde helfen. Jeder, den er nach etwas Essen und eine warme Unterkunft bitte würde, alarmiert mit Sicherheit die Polizei. Und in Erdlöchern übernachten, dazu war er weder motiviert, noch hatte er dazu die richtigen Klamotten an. Darauf ist er heute einfach nicht eingerichtet, das muss man doch verstehen – oder nicht?
Wo ist der Plan?
Wie kann es funktionieren, wenn er keinen Derartigen hatte? Zunächst: Mit polnischen Nummernschildern kommt er nicht. Ein zweites Auto aufbrechen? Wäre eine Option, ist aber auch ein Risiko. Er könnte auf einen Zug ausweichen, der ihn zur Grenze bringt. Mit den Kontrolleuren würde er schon fertig werden. Dunkel erinnerte er sich an eine eindringliche Warnung seiner Auftraggeber: Überwachungskameras. Somit fielen jeder Bahnhof und damit die Option ‚Zug‘ aus. Fahrrad? Für die rund 70 Kilometer bräuchte er gut drei bis vier Stunden, bei normaler Fahrt. Aber nachts, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, mit Sicherheit das Doppelte. Außerdem würde ein Fahrradfahrer ohne Licht im nasskalten November prinzipiell verdächtig wirken. Fällt auch aus. Einen dieser Transporter hier? Die lassen sich auch recht leicht knacken; das weiß er aus Erfahrung – wenn nicht er, wer denn sonst. Viel zu auffällig: Es ist Wochenende, da haben selbst die Leiharbeiter mit den Transportern frei und saufen – natürlich in ihren schäbigen Unterkünften.
Bleibt also doch das Auto als die für ihn als sicherste Variante, um aus Vesberg rauszukommen. Aber nicht mit polnischen Kennzeichen. Ok, der Reihe nach – ganz ruhig, du hast es gelernt. Nur anwenden, handeln – nicht mehr. Schon gar nicht denken, nachdenken und zweifeln.
Kein Kopfkino.
Erst muss er rein, ins Auto und die Überbrückung hinbekommen. Wenn es sich starten lässt, muss er den Füllstand des Tanks prüfen. Mit einer zu geringen Restmenge darin braucht er mit diesem Auto keine weiteren Risiken eingehen. Dann muss er alle Lichter checken. Die Deutschen nehmen es damit sehr genau; in den Wintermonaten hält die Polizei alle Autos mit defektem Licht an. Selbst wenn nur eine Lampe schräg eingesetzt ist und blendet, gibt’s dafür einen Strafzettel. Typisch, die Deutschen. Bin ich froh, dass ich in Moldawien lebe. Hier wäre das nichts für mich. Jetzt braucht er erst mal deutsche Nummernschilder. Die gibt es hier zuhauf. Kein Problem für ihn; leichte Übung, das bekommt er hin.
Sein Plan!
Bevor er sich wieder unterm Auto hervor wand, spähte er erst einmal 360 Grad rundherum. Kein Fußgänger, auch kein Raucher an irgendeinem Fenster oder ein Hündchen, welches sein Frauchen oder Herrchen durch den nassen und kalten Abend führt. Sieht alles sehr gut und ruhig aus. Also hoch und rein ins Auto. Ganz gekonnt schlängelte er sich an der Rückseite hoch und schwang sich in den Kofferraum. Der Kofferdeckel blieb leicht angelehnt; einerseits als Sichtschlitz nach außen und andererseits als möglicher Fluchtweg. Als Aufklärer weiß er es ganz genau: Begebe dich nie in eine Situation, für die du keinen Plan B hast.
Niemals!
Im Kofferraum orientierte er sich erst einmal. Ruhe und Besonnenheit sind immer gute Ratgeber, um keine Fehler zu machen. Er ertastete etwas Kaltes im Inneren, konnte damit aber nichts anfangen und beachtete es nicht weiter. Mit ein paar Handgriffen, für ihn einfach und unendlich viele Male geprobt, konnte er die Verriegelung der asymmetrischen Rückbank lösen, dann die Rückenlehne umklappen und sich ins Wageninnere hangeln. Leichte Aufwärmübungen eines Aufklärers; genauso sportlich nahm er es.
Drinnen orientierte er sich erst mal und wagte einen Rundumblick nach draußen. Nicht, dass inzwischen jemand sich in der Nähe des Autos befand und sein Treiben beobachtete. Alles ruhig. Jetzt muss es schnell gehen. Bevor er die Kabel hinter dem Zündschloss suchte, stellte er schon mal den Sitz und den Spiegel so ein, dass er gleich nach dem Start wegfahren konnte. Tür auf, runter an den Kabelschacht und sich die richtigen Drähte geschnappt. Mit seinem Universalwerkzeug überhaupt kein Problem. Bevor er sich zum Kurzschluss entschloss, warf er nochmal einen Blick in die Umgebung. Er musste sicher gehen, dass er unbemerkt das Auto startete, da von da an bis zum Losfahren die gefährlichste Zeit ist. Jeder der etwas beobachten könnte, würde den Diebstahl bemerken und die Bullen verständigen. Sicherheitshalber schaute er sich im Auto nochmal um; nein, nichts Auffälliges.
Er öffnete das Handschuhfach, prüfte den Inhalt. Seine Finger erstarrten als seine Augen erkannten, dass die Schrift auf den paar Papierfetzen im Fach Deutsch war. Hier sind doch polnische Nummernschilder dran.
Oh nein!
Bitte nicht!
Seine Gedanken erfassten blitzschnell mögliche Szenarien: War das Auto von Deutschen verkauft worden? Oder hatten es polnische Autoknacker geklaut und bereits mit eigenen Nummernschildern umgerüstet? Er erinnerte sich an das kalte Metall im Kofferraum; sprang aus dem Auto und schaute nach: deutsche Nummernschilder. Das Prüfsiegel war noch gültig und nicht zerstört. Das war alles nicht gut; es beschlichen ihn düstere Ahnungen. Aber ein Weg zurückkam für ihn jetzt nicht mehr in Frage: Starten und nichts wie weg hier. Die Schilder müsste er später tauschen; nicht vergessen!
Das Überbrücken klappte wunderbar und schon stöhnte der Motor auf. Hauptsache er schafft es bis zur Grenze. Da würde er die Karre ohnehin stehen lassen und wird zu Fuß nach alter Aufklärer Art in Richtung Polen verschwinden.
Türen zu, Licht an; noch mal raus und prüfen, ob alle Lampen funktionieren. Er will keinen noch so kleinen Vorwand liefern, um angehalten zu werden. Alles los jetzt. Allerdings kam ihm jetzt in den Sinn, dass er sich einen viel zu komplizierten Rückweg aus dieser Seitenstraße aussuchte. Wird er alt? Scheinbar, denn sonst wäre er nicht so blöd gewesen, und hätte sich ein Auto von der anderen Straßenseite ausgesucht. Eines, mit dem er ohne Wendemanöver aus dieser Sackgasse hätte verduften können. Viel zu viel Zeit würde das Wenden kosten.
Trotzdem, er musste jetzt los – kein Kopfkino alter Aufklärer. Nicht nachdenken; einfach nur handeln jetzt. Er fuhr vor, suchte sich eine freie Stelle zum Wenden und stieß vor zur Uferstraße. So richtig gewöhnte er sich noch nicht an das Auto; wie auch, es war fremd und erst wenige Sekunden in seinem Besitz. Auch die Scheiben waren beschlagen; sonst hätte er erkannt, dass der Weg in die Uferstraße plötzlich versperrt war. Mist, was wollen die denn? Skinheads oder vermummter Mob? Er begann zu registrieren, dass sich vier dunkle Typen so auf der Straße aufgebaut hatten, dass er nur mit größtem Schaden die Uferstraße erreichen würde. Ein Blutbad war aber nicht vorgesehen und würde die Bullen schneller als gedacht auf ihn aufmerksam machen. Verfolgungsjagden mit diesem Auto hier – keine Chance. Er zitterte und konnte sich nicht konzentrieren. Ruhig, denke ruhig nach. Lass dich nicht in die geistige Enge drängen, finde einen Ausweg. Genauso lernten sie es damals bei der Roten Armee. Jede Situation, ist sie noch so ausweglos, kann beherrscht und gelöst werden. Immer! Die Ausbilder damals waren die skrupellosesten Menschen, die er jemals kennenlernen musste. Hoffentlich stimmt das auch jetzt noch, denn dann würde er mit vier Angreifern locker fertig werden.
Er ist Kampfsportler. Ok, er war es. Komm, erinnere dich. Versuche es mit Sambo oder noch besser Systema. Diese Kampfsportart ist im körperlosen Nahkampf präzise anwendbar und ausschließlich die sofortige Vernichtung des Gegners zum Ziel. Erinnere dich. Los konzentriere dich. Mit vier Typen wirst du fertig. Du schaffst es. Dafür bist du ausgebildet.
Nochmals checkte er das Umfeld vor weiteren unliebsamen Überraschungen und konnte durch die beschlagenen Scheiben nichts erkennen. Es musste jetzt schnell gehen; nur dann hatte er eine Chance. Er bremste kurz vor den Angreifern, zog die Handbremse an und war schon draußen. Was er noch mitbekam, war, dass sie polnisch sprachen und sofort zum Angriff übergingen. Eigentlich mussten sie das gar nicht mehr, denn gerade als er aus dem Auto sprang, traf ihn ein Schlag. So hart wie in keiner Folterzelle damals in den sibirischen Ausbildungslagern. Er sank zu Boden und sah sich Tritten ausgesetzt, die einfach nicht aufhören wollten. Polnisches Kauderwelsch drang anfangs an seine Ohren; allerdings ließen sich die aufgefangenen Informationen nirgends mehr speichern. Ihm tat alles weh. Völlig zwecklos versuchte er sich einzurollen, um wenigstens die Wucht der Schläge abzufedern.
Hatte er die Autodiebe überrascht? Waren sie einfach nur zu ihrem Beutefahrzeug zurückgekommen? Oder sie sich das Auto auf einem der Märkte gekauft und wollten jetzt nach Hause fahren? Fragen über Fragen … die klären wir aber heute nicht mehr … warum eigentlich nicht … woher wussten sie, dass ich … schlafen, einfach nur schlafen … aufhören … nicht mehr schlagen.
Er verlor das Bewusstsein.
Ulrich saß im Buick seines Kollegen. Dieser steuerte seinen SUV Richtung Innenstadt. Die Soundanlage war wieder aktiv: ‚Comes a Time‘, Neil Young. Etwas ruhiger als der Krach heute Nachmittag, fand Ulrich. Bis auf den Song, der Motorcycle Mama hieß; angeblich, denn es stand so am Display. Noch nie verstand Ulrich, warum Remsen solche unwirkliche und in seinen Ohren brachiale Musik mochte.
Sie waren auf dem Weg in das Stadtzentrum. Remsen versuchte sich an der Idee, etwas essen zu wollen. Von diesem Thai-Matsch Geruch, so verkündete Remsen, wird er sich wohl nie wieder erholen können. Er will was Festes haben; sein inzwischen leerer Magen hat sich zwischenzeitlich mehrmals und nachdrücklich gemeldet. Ulrich ahnte, dass es eine lange Nacht werden könnte und schon deshalb zugestimmt, mitzukommen. Denn Remsen bekam in solchen Situationen schon öfter geniale Gedanken und gab damit schon so manches Mal laufenden Ermittlungen die entscheidende Richtungsänderung.
Remsen stoppte die Befragung von Weilham und erklärte ihm, dass er im VR3 auf sie warten sollte bis sie wieder zurück waren. Nein, dessen Wunsch, nach Hause zu fahren, konnten die Herren Kommissare nicht entsprechen – noch zu viele offene Fragen. Nach dem Austausch der üblichen Floskeln willigte Weilham dann plötzlich ein, die beiden zum Essen zu begleiten. Auch für ihn könnte es heute etwas länger werden. Weilham durfte allerdings in einem der blauen Taxen Platz nehmen, die den Buick begleiteten.
Remsen lenkte seinen SUV zielsicher in die Theresienstraße. Spätestens jetzt wusste Ulrich, dass Jan ins Red Rooster will. Er hat davon gehört; halb Pub, halb Restaurant. Egal, was Gutes zum Essen und ein Bier wird’s wohl geben. Zu dritt betraten sie den Gastraum; Remsen vorneweg. Eine junge Kellnerin, Studentin mit Aushilfsjob nahm Ulrich an, kam auf Remsen zu. Beide tauschten kurz ein paar Informationen aus und schon deutete die mutmaßliche Studentin mit den Speisekarten in der Hand auf einen Tisch in der hinteren Ecke; Weilham und hinter ihm Ulrich hinterher.
Auf dem Weg dahin blieb Weilham urplötzlich stehen und starrte einen Mann an. Der saß auf einer Art Barhocker an einem der Bistrotische; vor ihm ein Bier. Äußerlich nichts Auffälliges, was Ulrich hätte beunruhigen müssen. Nur, der Angestarrte tat jetzt das Gleiche und ließ Weilham nicht mehr aus den Augen. Remsen flirtete mit der Kellnerin und war schon am Tisch, auf seinem Platz. Und wedelte mit der Speisekarte.
Da passierte es: Weilham stürzte sich mit der Kraft seiner gut 100 Kilogramm auf den Mann, den er zuvor angestarrte.
„Du Schwein, hast uns fertiggemacht. Ich bringe dich um; dich und deine verfluchte Bagage.“ Das wüste Geschrei ließ sämtliche Gespräche im Red Rooster urplötzlich verstummen. Schneller als Ulrich hätte eingreifen können, begann zwischen beiden eine wüste Keilerei. Der Angegriffene versuchte, den Attacken zu entkommen, was ihn aufgrund seiner Fitness ganz gut gelang. Ulrich und inzwischen auch Remsen zogen und zerrten an Weilham herum, bis dieser kapitulierte und von seinem Opfer abließ.
„Sind Sie Igor Abtowiz?“ Während Ulrich den noch immer wütenden Weilham zurückhielt, nahm Remsen Kontakt zum vermeintlichen Opfer auf.
„Ja, der bin ich und wenn ich richtig gehe, haben Sie mich hierher bestellt, ja?“ Remsen nickte kurz. „Ich wollte nur sichergehen, ob Weilham gestern Abend wirklich mit Ihnen essen war. Sie haben eine Legitimation für mich? Sicher, ist sicher.“ Remsen grinste Abtowiz an und prüfte das ihm entgegengehaltene Dokument.
„Moment.“ Remsen ging hinaus und ließ von seinen dort wartenden Kollegen den Ausweis prüfen. Ulrich stand wie ein überfahrenes Karnickel herum und konnte seine Gedanken nicht ordnen: Habe ich das richtig mitbekommen? Remsen arrangiert eine Gegenüberstellung und weihte ihn nicht ein? Das hat ein Nachspiel für seinen Partner, das wusste er jetzt ganz genau.
Wieder drinnen wollte Remsen von Abtowiz wissen, ob es gestern Abend auch so laut zwischen beiden zuging. Weilham versuchte zu stören, aber Ulrich drängte ihn an den reservierten Tisch.
„Nicht direkt, wir waren in einer Besprechung.“ Abtowiz fühlte sich richtig unwohl in der Situation. Der Bulle stellte ihm offensichtlich eine Falle.
„Die muss anscheinend einen schlechten Ausgang genommen haben oder warum war er so wütend auf Sie?“
„Herr Kommissar, ich denke, dass ich jetzt nichts mehr sage und auf meinen Anwalt warte. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht hierhergekommen.“
„Hatten Sie eine Wahl, Herr Abtowiz? Wenn Sie sich geweigert hätten, würden Sie jetzt nicht beim Bier, sondern in einem unsere schönen Vernehmungsräumen sitzen.“ Remsen überlegte: „Morgen um 9 Uhr bei uns in der W36, Arkadenstraße. Pünktlich, ich muss nämlich in die Kirche.“
Abtowiz sah seine Chance hier zu verschwinden und wollte zahlen.
Remsen kam ihm zu Hilfe: „Mach ich und raus jetzt. Vergessen Sie nicht 9 Uhr, von mir aus mit Verstärkung.“
Der Beamte, der Abtowiz’ Ausweis geprüft hatte, betrat gerade das Lokal, als Abtowiz durch die Tür entschwinden will. Er sah Remsen und schüttelte den Kopf. Remsen bedeutete mit einem Kopfnicken in Richtung Abtowiz, dass dieser den Ausweis wieder zurückhaben und gehen kann.
„Ach ja, und den hier nehmen Sie wieder mit auf die W36.“ Er deutete auf Weilham, der noch immer deutlich verunsichert in die Runde sah. Weilham stand auf und ging mit dem Beamten hinaus. Er sah sich kurz vorher nochmals um, aber Remsen und Ulrich hatten für ihn keine Aufmerksamkeit mehr. Dafür Hunger.
Während des Essens entspann sich einfach kein Gespräch. Der Tag war lang, vor allem Remsen kam sich vor, als wenn er seit Beginn der Zeitenrechnung nicht mehr geschlafen hatte. Er musste sich krampfhaft wachhalten, während sein Partner Hansi auf seinem Smartphone herum klimperte. So viele Mails und News kann man doch nicht erhalten, dachte sich Remsen.
„Was meinst du Hanns, war das gespielt oder warum ist Weilham so auf Abtowiz losgegangen?“
„Gegenfrage: Was macht Abtowiz genau im diese Zeit hier im Red Rooster?“
Remsen zuckte nur die Achseln: „Ich wollte gerne mit eigenen Augen sehen, wie Weilham mit seinen Geschäftspartnern auskommt. Weißt du, bisher hat er so heftig gelogen, dass ich ihm nichts mehr glaube. Gestern waren die zusammen essen und heute prügeln sie sich. Was soll man da noch glauben?“
Remsen war mit seiner Leistung zufrieden. Mit Überraschungsmomenten Fakten schaffen, war keine schlechte Idee von ihm. „Ja klar, Safety Objects ist ein Kunde von CodeWriter; die nutzen die Software von denen. Und dann ist deren Chef auch noch ein Russe. Sein Sohn kurvt in der Ukraine rum, sagt zumindest dessen Frau und der alte Weilham sagt uns, der Junge war in Berlin. Seit wann gehört Berlin zur Ukraine? Hanns, was sagt dein Handy dazu?“
„Pole.“
„Äh, Polen? Ich denke der Junior war in der Ukraine? Gehören die jetzt zusammen? Die veranstalten doch nur Fußballturnier in zwei Jahren miteinander?“
„Abtowiz ist ein Pole, sagt zumindest Kundoban. Die muss das wissen, denn sie hat das recherchiert.“
„Vorstrafen? Auffällig der Mann?“
„Wahrscheinlich, ich habe ihn zwar nur kurz gesehen, aber er besaß die Aura eines Professionellen mit langer Vergangenheit. Das finden die anderen ganz sicher raus, wenn die nicht schon wieder beim Thai sind.“
„Wenn die beiden gestern Abend tatsächlich zusammen essen waren, dann wundert mich der Angriff von Weilham umso mehr. Der war ja richtig brutal auf den Russen losgegangen.“
Ulrich schaute leicht verzweifelt seinen Kollegen an; der merkte seinen Denkfehler, oder war es ein absichtlicher Versprecher, recht schnell.
„Ja, ja, er ist Pole. Da war jede Menge angestaute Wut zu spüren. Und das in unserem Beisein. Sorry, da stinkt es gewaltig Hanns. Wenn wir buddeln, finden wir garantiert einige Leichen im Keller; bei beiden Unternehmen. Wetten?“
„Du weißt doch, ich spiele noch nicht einmal Lotto. Wetten kommt in meinem Kulturkreis nicht vor. Sollte für dich keine neue Information sein.“
Remsen hielt etwas länger als normal sein Bierglas in der Hand, starrte auf den dunkelgelben Inhalt des noch halbvollen Glases. Er würde es sicher noch eine Weile länger tun, wenn die junge Kellnerin nicht mit dem Essen erschien. Das war Grund genug, das Denken einzustellen und diesen Mordshunger zu bekämpfen. Den Fall lösen kann man später immer noch.
Unisono waren beide mit dieser Überlegung, unabhängig voneinander, einverstanden.
Viel später saß Remsen in seinem Buick. Er war einfach zu faul, um sich eine neue CD aus seinem Fundus herauszusuchen. So musste Neil Young noch mal ran. Comes a Time passte mit der untypisch ruhigen Gangart von Crazy Horse, die nur bei ein paar Titeln auf dieser CD mit ran durften, ganz gut in seine Stimmung. Er schloss die Augen und fühlte sich in die Weiten Kanadas versetzt. Er will dahin; jetzt und nicht irgendwann. Vesberg kam ihn so klein und provinziell vor; hier wird er bestimmt niemals heimisch. Kanada; on the Road again; Wälder; Berge; Bären. Fast wäre er eingeschlafen, würde nicht jemand an die Seitenscheibe klopfen.
Politessen, wer denn sonst.
Er ließ die Scheibe etwas runter und fragte lächelnd mit seinem Dienstausweis in der Hand, wie spät es denn wohl sei. Noch gilt hier etwa eine dreiviertel Stunde die Regel mit der Parkgebühr, musste er sich belehren lassen. Er parke hier ja gar nicht, er wäre im Einsatz; ob man das nicht sieht? Wohl kaum, sonst hätte Sie ihn nicht geweckt und ihn an seine Abgabepflichten erinnert. Die Stadt brauche eben alle Einnahmen, auch die seinen. Sie erkenne jetzt aber und sah ein, dass beide nur ihre Arbeit machten. Freundlich verabschiedete sie sich von Remsen. Zu einer Verabredung mit ihr schaffte es Remsen nicht mehr, denn die Dame vom Ordnungsamt war bereits anderen Parksündern auf der Spur.
Remsen parkte schon geraume Zeit vor dem L’Angelo in der Sonnenstraße. Jetzt spät am Sonnabendabend war nicht mehr viel Betrieb beim Italiener; ist ja keine typische Kneipe, in der man länger als nötig bleibt. Remsen würde dort ohnehin nur essen und im Refill sein Bier trinken. Kundoban hatte inzwischen Mails mit Bildern von Abtowiz und dem alten Weilham geschickt, sodass er eigentlich reingehen und nachfragen könnte.
Welche Verbindung gibt es noch zwischen den beiden? Immerhin war im Auto des jungen Weilham eine Frau; offensichtlich recht hübsch. Mädchenhandel, Prostitution?? Beschaffen die Weilham's Material für Abtowiz’ Geschäfte jenseits der Sicherheit? Was läuft da noch?
Er hatte schon im Büro von Safety Objects angerufen, aber dort niemanden am Sonnabendabend erreicht. Morgen ist auch noch ein Tag; ein Sonntag und ein arbeitsreicher dazu. Oder war es nur der Unfall, der Mord an seinen Sohn, der Weilham hat ausrasten lassen? Vermutet Weilham Abtowiz dahinter und ist er deshalb auf ihn losgegangen? Das macht man doch nicht, schon gar nicht, wenn man mit jemanden Geschäfte macht, vor allem wenn die etwas … na ja … illegal sind. Mutmaßlich. Auch wenn der eigene Sohn jetzt im Kühlfach liegt.
Gestern Abend lief zwischen beiden irgendein Deal ab und dabei etwas ist schief gegangen. Davon war Remsen fest überzeugt. Mal sehen…
Er stieg aus und schloss sein Auto ab. Tatsächlich, im Lokal war vor allem Personal unterwegs, räumte schon die Tische ab und begann den Raum zu säubern. Die noch wenigen Gäste sollten animiert werden, sich zu verdrücken. Jedenfalls sollten die bereits auf einigen Tischen gestellte Stühle dazu animieren. So kam es Remsen vor; so kennt er es von den Italienern; immer schön gastfreundlich, bis die Rechnung bezahlt ist. Der Chefkellner, zumindest spielte er sich Remsen gegenüber so auf, stürzte auch gleich auf ihn zu und gestikulierte wild herum.
„Schade Signore, wir habe schon geschlossen. Cucina finito. Morgen gibt’s ganz feine Pasta mit Trüffel von Mama. Musst du kommen, habe guten Platz für dich. Und ganz feinen Wein von meine Onkel.“
Der hört ja gar nicht mehr auf. Remsen grinste ihn an und keine Intention, hier jemals etwas zu essen oder sich mit dem Menschen ein Rededuell zu liefern. Das verliere ich doch sicher, das war Remsen mehr als klar. Also zückte er seinen Dienstausweis und deutete auf das Bild darauf und auf ihn: Das hier bin ich und ich will überhaupt nicht essen.
„Dottore.“ So schwellt bei den Jungs gleich der Kamm; da wird jeder Italiener gleich zehn Zentimeter größer. „Gestern Abend, waren Sie da auch hier?“ Remsen stellte sich auf eine lange Rede ein, die aber recht knapp ausfiel.
„Si, si, si. Ja, ich bin Chef hier; muss jeden Tag meine Gäste arbeiten.“
„Erkennen Sie diese beiden hier wieder?“ Remsen deutete auf das Display seines Smartphones und zeigte dem Kellner nacheinander die Fotos der beiden. Hin und her; her und hin. Immer wieder.
„Ja, die waren gestern da; haben ganze Menü gehabt. Weißt du Antipasti della Casa, die Beste von de Küchechef, Risotti verschieden, ganz feine Schiena di agnello und eine Flasche Nero trinken. Die beste Wein musst du wissen; trinken alle mit Schlips. Ist nicht billig, weißt du. Conti Zecca, tre Bicchieri, phantastico.“

