Kitabı oku: «Schüchterne Gestalten», sayfa 9

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Er machte Kundoban ein Zeichen, die Aufnahme zu beenden. Das tat sie dann auch, entnahm das Band und verschwand mit Remsen aus dem VR3.

„Kaffee? Ich habe sogar noch Kuchen mit, frisch vom Bäcker heute Morgen.“

Auch wenn Remsen es nie zugeben würde, aber jetzt wünschte er sich, dass Hansi von seinem Einsatz wieder zurück wär. Vielleicht gibt es inzwischen Neuigkeiten im Büro. Fehlanzeige, er war noch nicht zurück.

Remsen und Kundoban holten sich frischen Kaffee und suchten mit der Kuchentüte in der Hand Plätze in unmittelbarer Nähe des Kaffeeautomaten. Beide brauchten eine kleine Auszeit, mussten sich regenerieren und nachdenken.

Jetzt wussten sie mit ziemlicher Sicherheit, dass die Tote im Auto eine Ukrainerin war und wahrscheinlich auf den Name Larissa hörte. Jetzt ist auch bekannt, dass es Stress zwischen Abtowiz und Weilham, eigentlich zwei Geschäftspartnern, gab. Warum, das muss noch ergründet werden.

Wenn endlich Hanns-Peter aufkreuzen würde, könnten sie etwas über den Brandanschlag heute Nacht bei Weilham's erfahren.

„Nöthe? Haben Sie mal einen Moment Zeit?“ Remsen erspähte seinen Assistenten, wie er sich gerade ins Büro schleichen wollte.

„Ja klar, was kann ich für Sie tun?“ Benjamin Nöthe, der ewig eifrige und selten gute Assistent in seinem Team. Remsen hatte davon durchaus klare Vorstellungen: „Nöthe, ich möchte Sie morgen im Flieger nach Lemberg sehen.“

Nöthe schluckte heftig: „Ich kann doch überhaupt kein Russisch. Das Glück des Spätgeborenen.“

Kundoban grätschte dazwischen: „Dort wird Ukrainisch gesprochen.“

„Und wo ist der Unterschied? Kalaschnikow, Balakov, Nemiroff. Was ist daran so schwer Nöthe? Soll ich Ihnen das mal erklären?“ Remsen sah das wie immer nicht so eng.

„War Balakov nicht ein bulgarischer Fußballspieler?“ Nöthe schaute richtig unsicher drein und war sich über die Reaktion seines Chefs ganz sicher im Unklaren.

„Seien Sie nicht so kleinlich Nöthe. Das bisschen Russisch oder Ukrainisch bekommen Sie schon hin; haben ja noch einen ganzen Tag Zeit dazu. Hier ist die Karte eines gewissen Dmytro Lypar; Chef einer Sicherheitsfirma. Carsten Weilham hat die Firma letzte Woche in Lemberg besucht. Wie es aussieht, war die Tote, eine Larissa irgendwas, eine Angestellte dieser Firma und auf den Weg nach Vesberg, um eine Vertragsunterzeichnung vorzubereiten. Dieser sollte nächste Woche von diesem Lypar unterschrieben werden. Bekommen Sie alles raus; alles, was Carsten Weilham und CodeWriter mit denen gemacht und besprochen haben. Vielleicht haben die Ukrainer Weilham beschatten lassen; soll nicht ganz unüblich dort sein. Schon gar nicht in der Sicherheitsbranche; alles nur Paranoiden.“

Nöthe stand jetzt ziemlich unsicher rum und suchte krampfhaft nach Ausreden. Er hatte keine Lust dorthin zu fliegen und fürchtete sich davor, sich in einer fremden Sprache versuchen müssen.

Ein letzter, zaghafter Versuch „Vielleicht geht morgen kein Flieger dorthin…“

„Dann nehmen Sie den Zug, das Auto, Ihr Fahrrad, aber bewegen Sie Ihren Arsch dorthin. Und zwar morgen!“

Klare Ansagen waren schon immer Remsens Stärke, auch wenn seine Kollegin missbilligend zu ihm rüber schaute.

„Dann müsste ich erst mal schauen, ob dort jemand wenigstens Englisch kann. Deutsch darf man ja nicht voraussetzen.“

„Nöthe, besorgen Sie sich ein Wörterbuch, machen Sie diesen Lypar ausfindig und melden Sie sich für morgen zum Gespräch an. Denken Sie an unsere Brüder in Lemberg; die müssen Sie vorher informieren, sonst landen Sie für viele Jahre in Sibirien.“

Eine Steilvorlage für Jutta Kundoban: „Jan, Sibirien gehört zu Russland und nicht zur Ukraine“.

„Na und? Tauschen die nicht immer noch Gefangene aus, weil da in Sibirien die Lager leer stehen?“

Nöthe war jetzt richtig blass. Das lag bestimmt nicht nur an dem frühen Sonntagmorgen und an die kurze Nacht davor. Nöthe drehte plötzlich ganz schnell ab und suchte den weißen gefliesten Raum.

„Und Nöthe noch ein Tipp: Drug‘s sind dort nicht immer Freunde. Schön vorsichtig sein bei dem, was Sie sagen und was Sie naschen“, rief Remsen seinem fliehenden Assistenten hinterher.

Kundoban tadelte ihn: „Das war nicht nett. Der hat jetzt schon die Hose voll.“

Prof. Eilers warf einen Blick auf die Krankenakte des in der Nacht neu eingelieferten Patienten. Eilers ist Chef der chirurgischen Intensivstation im Universitätsklinikum Vesberg, die sich um mehrfach verletzte Unfallopfer kümmert. Je nach Schwere liegen die Verletzten für längere Zeit im Koma und werden nach Möglichkeit wiederhergestellt. Einen derart lebensbedrohlich verprügelten Patienten hatte selbst Prof. Eilers in seiner langen Laufbahn in der Intensivmedizin noch nicht gesehen. Er runzelt seine Stirn und scheint davon überzeugt, dass dieser Mann längere Zeit sein Gast sein wird; sofern der seine Verletzungen überlebt.

Als Sofortbehandlung wurden gleich nach der Einlieferung alle Organfunktionen auf Beeinträchtigungen hin untersucht. In den Intensivzimmern stehen mehr Rechner und Monitore als in jedem Rechenzentrum eines mittelgroßen Unternehmens. Der Patient ist an allen Versorgungs- und Kontrollgeräten angeschlossen, die dem Klinikum zur Verfügung standen. Jetzt befindet er sich in einem künstlichen medikamentösen Schlaf, allgemein auch als künstliches Koma bekannt. Die inneren Verletzungen sind mutmaßlich so schwerwiegend, dass Prof. Eilers dem Patienten nur eine mittlere bis minimale Überlebenschance einräumte. Wahrscheinlich werden die Schäden an Lunge und den Nieren schwer zu reparieren sein. Nur wenn der Patient stark genug ist, kann er es schaffen. Äußerlich schien der Mann in sehr guter Verfassung zu sein, durchtrainiert und kaum Fett am Körper. Ob das reicht, kann in dieser frühen Phase noch nicht abgeschätzt werden.

Mit seinem Team machte Prof. Eilers an diesem Morgen seinen Rundgang und Station im Intensivzimmer Nr. 3. „Wissen wir schon, wer er ist?“

Die diensthabende Schwester, die schon bei der Einlieferung mit dabei war, schüttelte den Kopf. „Gefunden wurde er gestern Abend, etwa gegen 22 Uhr in einer kleinen Sackgasse, unten an der Uferstraße. Er besaß keine Papiere, kein Portemonnaie und kein Geld bei sich. Wir haben keine Hinweise auf eine Identität gefunden.“

„Wer hat das gemeldet?“, wollte Prof. Eilers wissen.

„Im Protokoll der Samariter stand, dass es ein Anwohner war. Der war angeblich mit seinem Hund eine Runde gegangen und fand den Verletzten. Name und Adresse sind notiert. Der hier wurde richtig übel zusammengeschlagen. So etwas habe ich noch nie gesehen.“

Der junge Arzt der Wochenendbereitschaft war sofort in der Aufnahme, als die Einlieferung avisiert wurde. Auch die Erstaufnahme stammte von ihm. Der Arzt setzte darauf eine Sofortoperation an und trommelte aus dem Klinikum die besten Ärzte zusammen. Auch nach Meinung von Prof. Eilers konnte damit das Leben des Mannes gerettet werden. Vorerst zumindest. Jetzt muss der sich im Koma erst einmal stabilisieren und danach zusammengeflickt werden. Ein langer, sehr langer Weg zurück ins normale Leben.

Prof. Eilers schmeckte es nicht, dass sich ein nahezu totgeschlagener Mann mit unbekannter Identität in seiner Obhut befindet. Aus Erfahrung weiß er, dass das immer mit jeder Menge Ärger verbunden ist. „Ist die Polizei informiert?“

Der Bereitschaftsarzt bestätigte, dass das ein Routinevorgang sei und gleichzeitig mit den Samaritern die Polizei in der Aufnahme war. „Die Jungs meinten, dass es sich um einen Ausländer, vielleicht Osteuropäer handeln könnte. Sie konnten mir aber nicht erklären, woher sie diese Ahnung hatten.“

„Kommen die noch mal vorbei? Gibt es eine Vermisstenmeldung oder so? Angehörige müssten doch merken, wenn ein Mann nachts nicht nach Hause kommt. Wie ein Obdachloser sieht der nun wahrlich nicht aus – oder?“ Prof. Eilers beschlich das mulmige Gefühl, dass mit fortschreitender Genesung und Vernehmungsfähigkeit des Patienten die Polizei Stammgast in seiner Station werden würde. Prinzipiell ist das für ihn kein Problem, aber schön ist es auch wieder nicht.

Die Stationsschwester schaltete sich in das Gespräch ein: „Soweit ich das mitbekommen habe, wusste die Polizei gestern Abend noch nichts von einer entsprechenden Vermisstenmeldung. Die tauchen bestimmt heute nochmal auf und werden sicher versuchen, mehr über unseren Unbekannten zu erfahren. Jetzt können wir nur abwarten und hoffen, dass er sich stabilisiert.“

„Gut, seht gut.“ Prof. Eilers deutete auf den Bereitschaftsarzt: „Sie informieren mich umgehend, wenn die Polizei wieder ist. Auch wenn ich nicht hier auf der Station bin; Sie melden sich auf jeden Fall bei mir. Wir müssen erreichen, dass die Polizei unseren Betrieb hier nicht behindert.“

Damit drehte der Professor ab und auf das Zimmer Nr. 4 zu.

Kriminalrat Karl Dietering empfand nach so vielen Dienstjahren kein Vergnügen mehr daran, dass er am Wochenende aktiv werden sollte. Gestern am Samstag war es noch ganz einfach: Er hatte Kriminaloberkommissar Ulrich den von ihm wenig geliebten Remsen an die Seite gestellt und sich von dem auf den Laufenden halten lassen. Nachdem Remsen gestern Abend ihn über den aktuellen Ermittlungsstand unterrichtete, entschloss er sich, am Sonntag selbst in die W36 zu fahren und sich persönlich über die Arbeit seiner Mordkommission zu informieren. Wahrscheinlich steht heute noch eine PK an, denn die Pressegeier haben sicher schon vom Unfall erfahren. Dass es Mord war, wusste außerhalb des Teams aber noch niemand. Hoffentlich!

Er fand Remsen und die Kriminalassistentin Kundoban beim angeregten Plauschen in der Kaffeeecke. Kaum ist man mal nicht im Haus, schon lässt die Ernsthaftigkeit und das Engagement zu wünschen übrig. Dietering dachte sich seinen Teil und daran, dass Remsen keinen ruhigen Sonntag haben wird.

Remsen sah ihn kommen und fand, dass der Sonntag bisher ausgesprochen ruhig war. Das würde ab jetzt ändern und fragte sich, warum ihm plötzlich Van Morrison, „Hymns to the Silence“, in den Sinn kam. Eine Platte, die erst kürzlich aufgelegt und immer wieder und wieder hörte. Stimmt, auf der einen Platte dieser Doppelausgabe erinnerte er sich an „Village Idiot“: kurz und knapp: Trottel.

Immer diese nicht einfangbaren Assoziationen. Jan, mit dir wird’s noch einmal böse enden.

„Ach guten Morgen Herr Kriminalrat.“

Remsen machte noch nicht einmal Anstalten aufzustehen, um seinen Chef an einem Sonntagvormittag zu würdigen. „Setzen Sie sich doch zu uns, wir haben den allerbesten Kaffee in der W36 und sogar noch Kuchen von meinem Bäcker um die Ecke. Möchten Sie?“

„Kriminalhauptkommissar Remsen, wir sehen uns in meinem Büro. Umgehend, wenn ich bitten dar. Sie kommen bitte mit.“ Kriminalrat Dietering deutete auf Jutta Kundoban, die einen virtuellen Kampf mit Ihrer Kaffeetasse führte. Irgendwie sah man auch ihr an, was ihr Kollege Remsen von der Störung und der an ihm herangetragenen Besuchsaufforderung hielt. Sie nickte nur und konzentrierte sich auf den nächsten Schluck.

Im Büro des Kriminalrats Dietering bat dieser, seine Besucher Platz zu nehmen.

„Heute Nachmittag müssen wir eine PK ansetzen; die Medien haben schon Wind von dem Unfall bekommen. Lange können wir nicht mehr verhindern, dass es Mord war. Übernehmen Sie das Remsen?“

„Aber nur, wenn Sie mich begleiten Chef. Wie es aussieht, wird die Geschichte größere Kreise ziehen und einigen Rummel verursachen. Beide Toten waren auf dem Rückweg von einer Geschäftsreise aus der Ukraine. Dort führte Carsten Weilham mit einem potentiellen Kunden, einer Sicherheitsfirma aus Lemberg, Gespräche. Die waren wohl schon so weit, dass die Account Managerin der Ukrainer mit hierhergekommen ist, um sich die Firma CodeWriter genauer anzuschauen. Als Vorhut sozusagen, bevor die Chefs kommen und die Verträge unterschrieben werden.“

„Was macht CodeWriter? Ich kenne die Firma nicht. Sind die aus der Ukraine?“

Jutta Kundoban übernahm die Beantwortung der Frage: „Die sind hier in Vesberg ansässig und entwickeln Software für Überwachungsfirmen. Nicht allzu groß, aber doch recht erfolgreich und stabil im Geschäft. Die Interessenten aus Lemberg waren oder sind es vielleicht immer noch, Neukunden für CodeWriter.“

„Das klinkt nicht gut. Internationale Verwicklungen können wir uns hier nicht gebrauchen. Wo wir doch auf die grenzüberschreitende Zusammenarbeit, gerade im wirtschaftlichen Bereich, angewiesen sind. Wenn rauskommt, dass eine Ausländerin hier ermordet wurde, fragen nicht nur die Medien ganz genau nach.“

„Bei allem Respekt Chef, das kann uns nicht interessieren. Wir haben zwei Tote, die gewaltsam um die Ecke gebracht wurden. Etwas stümperhaft wie es aussieht, aber effektiv.“

Dietering und Kundoban sahen ihren Kollegen leicht entsetzt an.

„Na ja, wenn man das Ergebnis betrachtet war es ganz sicher effektiv – oder nicht?“ Remsen musste was sagen.

„Herr Remsen, einen Mord mit effektiv zu beschreiben würde ja bedeuten, man könnte ihn in ein Lehrbuch für Nachahmer aufnehmen. Ist das nicht etwas sarkastisch?“

Der Ermittlungsleiter ging nicht weiter darauf ein und resümierte weiter: „Der alte Weilham, einer der beiden Chefs von CodeWriter, hat bis vorhin ein Spielchen mit uns gespielt und uns angelogen. Angeblich wäre sein Sohn bei einem Kunden in Berlin und nicht in der Ukraine gewesen. Dass die schöne Larissa neben dem saß, aus der Ukraine stammte und jetzt auch tot ist, konnte oder wollte er uns nicht erklären. Erst als wir ihm ein Beweisfoto vorgelegt haben, fing er an zu erzählen.“

„Was für ein Beweisfoto?“, wollte Dietering wissen.

„Grenzübertritt gestern Abend, exakt 21:07 Uhr. Mit dem Audi der CodeWriter VES CW 500 und mit der Beifahrerin. Weilham wusste ganz genau, wo sein Sohn die letzten Tage war. Nur wir sollten es möglichst nicht erfahren.“

„Danke Frau Kundoban für die Informationen. Haben wir noch etwas, was wir in der PK erzählen können?“

„Heute Nacht gab es einen Brandanschlag auf das Haus der Weilham's. Es ist aber nicht viel passiert, Cordula Weilham informierte sehr schnell die Feuerwehr und dann uns. Den Weilham behielten wir im Gewahrsam. Ulrich war heute Morgen rausgefahren und bisher aber noch nicht zurück. Vielleicht findet er Anhaltspunkte, wer das gewesen sein könnte. Die Medien fragen bestimmt danach, kann ich mir gut vorstellen.“

Dietering war klar, worauf Remsen hinaus holte: „Trotzdem; Sie kommen mit in die PK. Lassen Sie sich vorher von Ulrich alles erzählen; wir legen dann fest, was wir rauslassen.“

Es entstand eine Pause, in der alle drei so taten, als waren sie mit den Unterlagen beschäftigt, die sie jeweils vor sich hatten.

„Noch was?“

Remsen war jetzt wieder dran: „Weilham traf sich am Freitagabend mit einem Menschen, namens Abtowiz zum Essen...“

„Abto... wer?“

„Igor Abtowiz, Inhaber der Firma „Safety Objects. Eine Überwachungsfirma: Gebäude allgemein, Büros und Gewerbeparks, Parkhäuser und so weiter. Klingt etwas abenteuerlich, aber Abtowiz ist Pole und kein Russe. Und er hat aktuell zumindest eine weiße Weste. Safety Objects ist Kunde der CodeWriter und nutzt deren Software. Für Abtowiz haben die anscheinend jede Menge besondere Wünsche eingearbeitet, was wohl nicht reibungslos geklappt hat.“

Jetzt war Jutta Kundoban etwas konsterniert, denn die letzte Information kannte sie bislang nicht.

„War das die Ursache des angeblichen Streits zwischen den beiden?“

Remsen sah ein, dass er etwas aufklären musste: „Ich hatte gestern Abend Abtowiz angerufen und ihn ins Red Rooster bestellt. Natürlich musste ich mir eine Geschichte ausdenken, damit er neugierig wird und wirklich erscheint. Der Trick mit der Gegenüberstellung hat funktioniert.“

„Und das war dann diese Softwaregeschichte?“ Kriminalrat Dietering fand noch immer nicht den Anfang des Fadens, den Remsen schon eine gewisse Zeit spann.

„Nein, nein. Abrechnungsbetrug bei Spesen und vor allem Restaurantrechnungen mussten herhalten. Weil die beiden einen Tag vorher zusammen beim Italiener waren, hat Abtowiz offensichtlich kalte Füße bekommen und sich gleich über Weilham und CodeWriter ausgelassen.“

„Frau Kundoban, kümmern Sie sich doch bitte mal darum, was an dem Streit zwischen diesen beiden Unternehmen dran ist. Vielleicht hilft uns das weiter.“ Kriminalrat Dietering war in seinem Büro ganz der Chef und verteilte munter Aufträge.

„Das bringt uns heute in der PK keine Punkte. Noch nicht.“ Remsen empfand keinerlei Lust, sich auf dieses dünne Eis zu begeben und auf messerscharf gestellte Fragen der Journalisten keine brauchbaren Antworten parat zu haben.

„Das weiß ich Remsen. Was haben wir noch an Informationen, die wir ohne Probleme weitergeben können?“

Da beide Ermittler schwiegen und nicht den Eindruck vermittelten, weitere Fakten beisteuern zu können, richtete sich Dietering auf eine kurze PK ein. Sofern nicht Ulrich noch etwas Brauchbares bis dahin liefert.

„Okay, schaffen Sie mir den Ulrich herbei. Ich möchte Sie beide gegen halb vier hier in meinem Büro haben. Um 16:00 Uhr gehen wir vor die Presse. Und Remsen: Eine Rasur wäre bis dahin nicht schlecht. Vielleicht finden Sie noch eine vorzeigbare Krawatte.“

Ja Sepp, dachte sich Remsen, als er gemeinsam mit seiner Kollegin das Weite suchte. Ohne sich vorher nicht noch einmal zu seinem Chef umzudrehen: „Mein Typberater hat mich eindringlich davor gewarnt, Krawatten zu tragen. Wollen Sie seine Telefonnummer haben?“

Nachdem Dietering allein war, überlegte er, was noch tun könnte. Da er nun einmal schon im Büro war, sollten seiner Meinung nach auch andere keinen ruhigen Sonntag haben. Er suchte auf seinem Smartphone den Eintrag vom zuständigen Staatsanwalt, um ihn prophylaktisch zu informieren oder schlicht dem die Sonntagsruhe zu nehmen. Melden macht frei und belastet andere. Ein probates Mittel, um mögliche Angriffsflächen gar nicht erst anzubieten.

Nach einigem Klingeln nahm jemand auf der Gegenseite den Anruf entgegen: „Stiegermann hier.“

„Hallo Torsten, Karl Dietering. Muss dich leider stören, auch wenn es Sonntag ist. Vielleicht hast du schon gehört; wir haben einen Mordfall an der Backe: Internationale organisierte Kriminalität. Hier in Vesberg.“

„Davon habe ich noch nichts gehört Karl. Was ist genau passiert? Erzähl.“ Stiegermann schien wirklich noch überhaupt nichts zu wissen. Davon war Dietering überzeugt. Also erzählte er dem Staatsanwalt die wenigen Dinge, von denen er bisher erfuhr.

„Seit wann wisst Ihr, dass es Mord war, Karl?“

„Um ehrlich zu sein, schon bald nach der Besichtigung des Tatorts am Freitagabend. Zumindest äußerte Dr. Ansbaum recht schnell die Vermutung, die sich gestern dann bestätigte.“

„Sag mal, du willst mir erklären, dass Ihr seit gestern wisst, dass wir einen Mord mit zwei Toten haben und Ihr habt mich davon nicht unterrichtet.“ Was ganz ruhig begann, entwickelte sich bei Stiegermann zu einem echten Schreianfall. Trotz Sonntagnachmittag.

„Karl, kann ich mich überhaupt nicht mehr auf dich verlassen?“

Dietering brachte kein Interesse auf, ein Kräftemessen an einem Sonntag und am Telefon zu veranstalten. „Wenn du aufhören würdest so rumzuschreien und deinen Arsch hierher bewegen könntest, wären wir schon weiter. Die PK mit der Meute steigt nicht ohne dich. Um 16 Uhr, um ganz genau zu sein.“ Dietering drückte das Gespräch weg und warf sein Telefon auf das Sofa in seinem Büro.

Er selbst plumpste hinterher und fühlte sich genervt.

In Delft war die Stimmung auf dem Tiefpunkt. Diese Dilettanten sind noch nicht einmal in der Lage, ein Haus nebst Bewohner abzufackeln. Einfach nur einen Auftrag auszuführen; ist das zu viel verlangt?

Der Plan war gestern Nacht gründlich schief gegangen. Dabei bestand er immer darauf, nur echten Profis den Auftrag zu geben. Aber nein, er ließ sich breitschlagen und griff schlussendlich auf unbekanntes Personal zurück.

Wird er alt und weich?

Auf einmal?

Oder kommt das schleichend?

Das kennt er nicht von sich. Seine Pläne zieht er in der Regel ohne Gezeter durch. Bisher war das immer so, sonst wäre er nie so weit gekommen.

Nicht mit mir Kollegen.

Was soll er jetzt tun?

Ihm läuft die Zeit davon.

Wem kann er jetzt noch vertrauen?

Er braucht eine Idee, schnell und gut.

Jetzt!

Sofort!

Aufgeregt lief er seinem Büro herum. Das könnte eher als kleines Rechenzentrum durchgehen. Der Raum war vollgestopft mit Servern, Monitoren, Kabeln und jede Menge Telefonen.

Eine Lösung muss her, sofort!

Er schaute wiederholt auf seinen Monitor und sah, dass der Schaden an beiden Fenstern von Weilham's Wohnhaus notdürftig behoben wurde. Auch im Haus drinnen scheinen die Beeinträchtigungen nicht so groß zu sein. Das Haus ist bewohnbar.

Entsetzt sah er auf seinen Monitoren, dass die Alte von Georg Weilham unversehrt mit einem Polizisten und offensichtlichen Handwerkern von außen die Schäden der Molotov-Cocktails begutachtete. Richtig erbost war er, als er Weilham putz und munter aus einem Taxi aussteigen sah.

Dabei ordnete er an, wirksamere Waffen zu verwenden; vom ihm aus Handgranaten. Von Weilham und der CodeWriter-Pest hatte er den Hals gestrichen voll.

Jetzt Ruhe bewahren.

Was war mit seinem Plan C?

Er goss sich einen doppelten Malt ein und ließ das hellbraune flüssige Gold über seinen Gaumen genüsslich in die Kehle fließen. Sofort stellte sich ein wärmendes und wohliges Gefühl ein. Augenscheinlich korrigierte der zweite Schluck seinen Puls auf beruhigendes Betriebsniveau.

Jetzt ist Nachdenken angesagt.

Er dachte über seinen Sicherheitsplan nach. Ein Plan, gedacht als Fallback-Taktik.

Für alle Fälle.

Für den Notfall.

Ist der jetzt eingetreten? Er sinnierte darüber und befand: Ja! Die Zeit drängte und Weilham ist noch immer der Störfaktor.

Als er seinen leistungsfähigen Rechner und die Kryptologie-Programme gestartete, gab er seine individuellen Eingangsinformationen ein. Stolz war er auf seine kryptografische Hashfunktion, die definitiv nur eindimensional verwendbar und niemals nachvollziehbar sein wird. Den HMAC lässt er zusätzlich mit zufälligen Kompressionsverfahren ermitteln. So ist nie ein Anruf, keine einzige Aktivität seinerseits durch niemanden nach verfolgbar. Selbstverständlich benutzte er dynamische Routing- und Anonymisierungsverfahren, um definitiv auszuschließen, dass er jemals lokalisiert werden konnte.

Obwohl er wusste, dass die Berechnungsverfahren trotz seines im Giga-Flop Bereich arbeitenden Rechners etwas länger dauerten, wurde er unruhig. Als aber die Töne des Wählverfahrens hörbar wurden – er war ein hoffnungsloser Nostalgiker und konnte auf die analogen Geräusche des Verbindungsaufbaus der Uralt-Telefonie nicht verzichten – konzentrierte er sich auf seine Botschaften.

Auf der Gegenseite nahm nach genau zweiminütigem Klingeln jemand ab: „Ja, hallo.“

„Wie abgesprochen. Holt sie euch und macht es hinter der Grenze.“

Soweit die knappe Anweisung. Weiteres war dem nicht hinzuzufügen.

„Überall ist Polizei. Wir kommen unbeobachtet nicht an die ran. Das Haus wird bewacht.“ Der Angerufene klang richtig verzweifelt und suchte nach Ausreden, um den erneuten Auftrag nicht ausführen zu müssen.

„Nicht mein Problem. Ich erwarte Vollzugsmeldung morgen früh. Wenn nicht, dann hole ich dich. Ich finde dich überall.“ Er legte auf und war zufrieden. Sie wussten nicht, wer er war und wer sie drängt, solch einen riskanten Auftrag zu erledigen. Diese Ahnungslosen; sollen sie doch im Ungewissen bleiben.

Nein, zufrieden sieht anders aus. Aber vorerst konnte er nichts mehr tun, also musste er sich mit dem begnügen, was er jetzt in die Wege geleitet hatte.

Bis morgen musste er warten und sich in Geduld üben.

Aber, wenn wieder nicht…

„Ulrich, was konnten Sie über den Anschlag noch rausbekommen?“

Dietering und Ulrich saßen im Büro des Kriminalrats. Nur Remsen widersetzte sich der mehrmaligen Aufforderung, stand am Fensterbrett angelehnt und schaute ausdruckslos auf die beiden. Er musste seinem Chef beweisen, dass er, Remsen immer noch derjenige ist, der mit genialen Ideen die beste Aufklärungsrate für sich reklamieren kann. Das sollte der Sepp nie vergessen.

Außer die üblichen Informationen über Zeitpunkt, Beobachtungen und Befragungen in der Nachbarschaft und der Begutachtung des Schadens, kam von Ulrich nicht viel. Dafür ergoss er sich in Spekulationen, die das Ergebnis des Einsatzes des Kriminaloberkommissars nicht wirklich aufbesserten.

„Sie machen einen Sonntagsausflug auf Kosten der Steuerzahler und liefern nichts? Ulrich, da habe ich mehr erwartet. Was sollen wir nachher der Presse erzählen? Spekulationen weitergeben, oder was?“

Ulrich sank auf seinem Stuhl immer mehr zusammen und konnte dem nichts entgegnen. Soll doch der Chef ihn abkanzeln: Wo nichts war, wollte er auch nichts erfinden. Dietering muss sich damit abfinden, dass weder die Weilham noch irgendein Nachbar mitten in der Nacht irgendetwas beobachteten.

So war es eben, basta!

Wenn es ganz eng wird, hilft auch Murphy nicht: Das hier ist eine Katastrophe für ihn. Zum Glück gab es jemanden, der ausnahmsweise mal nicht das Falsche machte. Eine Negation des Gesetzes von Murphy?

Ohne Anklopfen flog die Tür des Büros auf und Staatsanwalt Stiegermann trat ein. Wie es seine Art war, erwartete er, dass alle Anwesenden ihm die Aufmerksamkeit schenkten. Sein Auftritt. Als Erster drehte sich jedoch Remsen um und schaute aus dem Fenster; hinaus in den mausgrauen Novembersonntag. Leck mich, mehr fiel Remsen nicht ein.

Torsten Stiegermann galt als Überflieger in der Staatsanwaltschaft. Hier in Vesberg sah er seine Aufgabe nur als Übergang an. Kurzfristig und immer auf dem Sprung nach Größerem. Er verspürte keinerlei Lust, einen Tag länger als nötig auf diesem Provinzposten zu verharren. So ging er recht rigoros in seiner Arbeit vor und scheute sich durchaus nicht, auch mal die Falschen anzuklagen. Hauptsache für ihn war, dass seine Ermittler eine hohe Aufklärungsquote lieferten und er fleißig anklagen konnte.

In der Zeit der damaligen DDR konnte er Jura studieren. Ein Privileg, welches nur wenige genießen durften. Remsen kümmerte sich eigentlich nie darum, was Stiegermann früher so gemacht hatte. Es interessierte ihn schlicht nicht. Der Mann interessierte ihn ganz und gar nicht. Und er hätte auch nichts dagegen, wenn Stiegermann morgen nach Berlin oder Timbuktu versetzt werden würde. Wichtigtuer, Lackaffe mit eher primitiven Showfähigkeiten. Die bislang wenigen gemeinsamen Auftritte bei Pressekonferenzen und Gerichtsverhandlungen waren es wert, in einem Fortsetzungsroman erwähnt zu werden. Während Remsen Stiegermann überhaupt nicht akzeptierte und auch nicht mehr vorsah, das zu ändern, wusste zumindest der Staatsanwalt, dass er ohne die oft grenzgeniale Vorarbeit von Remsen nicht so blendend dastehen würde, wo er heute ist: immer mit einer Hand an der nächsten Sprosse der Karriereleiter.

„Was haben wir Greifbares? Können wir den Pressefutzis genug anbieten?“ Sein Blick schweifte durch den Raum und blieb zunächst beim Kriminalrat Dietering hängen. Der Ranghöchste war immer sein erstes Opfer, bevor er gerne den anderen Ermittlern dessen Grenzen aufzeigte. Nur die Anwesenheit von Remsen behagte ihm überhaupt nicht.

„Guten Tag Herr Stiegermann“, Dietering war im Dienst immer förmlich, während sich beide privat duzten. Da war mal ein Grillabend, den Kriminaloberkommissar Ulrich gegeben hat, mit jeder Menge Bier und viel Hochprozentigem, da haben sich beide auf das ‚Du‘ geeignet; halbherzig, wie es heutzutage üblich ist.

„Wir wissen wer die beiden Toten sind, können den Tathergang rekonstruieren und wissen auch, dass die beiden am Freitagabend über den Autobahn-Grenzübergang nach Deutschland eingereist sind.“ Viel mehr bot Dietering nicht.

„Russin“, lieferte Remsen nach, da sein Chef diese wichtige Information vergessen hatte.

„Ukrainerin, wie wir inzwischen wissen Jan. Carsten Weilham, so der Name des Toten war im Auftrag seiner Firma CodeWriter in Lemberg, um ein Geschäft dort einzufädeln. Das war offensichtlich so weit, dass die Account Managerin des neuen Kunden gleich mit zurück nach Vesberg gekommen ist, um die Vertragsunterzeichnung vorzubereiten. Das war die zweite Tote.“ Jetzt war es an Hanns-Peter Ulrich, einen weiteren Erkenntnisbaustein beizusteuern.

„Und das ist alles?“, wollte der Staatsanwalt wissen.

Dietering übernahm jetzt wieder das Zepter: „Auf das Haus des Vaters von dem Toten, Georg Weilham, ist in der Nacht ein Brandanschlag verübt worden. Das Ganze wurde von der Straßenseite des Hauses aus, gleich durch zwei Fenster, versucht; führte aber letztlich nur zu geringem Schaden. Offensichtlich sollte Weilham sen. beiseitegeschafft werden. Ob beide Taten miteinander im Zusammenhang stehen, wissen wir noch nicht.“

Staatsanwalt Stiegermann war es inzwischen anzusehen, dass sein Puls bedrohliche Frequenzen angenommen haben muss. Gestik und Gesichtsfarbe deuteten auf einen baldigen Ausbruch hin.

„Sind Sie denn hier alle bekloppt? Für was bezahlt sie der Steuerzahler eigentlich? Seit 48 Stunden haben wir zwei Tote und sie haben noch immer keine Ahnung, wer dahintersteckt. Was machen sie eigentlich den ganzen Tag? Soviel Ablenkung hat Vesberg doch gar nicht zu bieten. Wir haben gleich eine PK und nichts zu liefern. Ich nehme sie mir alle einzeln vor.“

Stiegermann nahm sich eine kurze Pause, um nicht minder leiser weiterzumachen. „Sie sind die längste Zeit in der Mordkommission gewesen. Remsen, sehen Sie mich an, wenn ich mit Ihnen rede.“

Remsen zeigte sich unbeeindruckt und hegte keinerlei Ambitionen, seine deutlich sichtbar ablehnende Position am Fenster zu ändern oder gar aufzugeben: „Ein Gespräch findet mindestens zwischen zwei Personen statt. Bisher haben Sie hier nur rumgeschrien. Ich für meinen Teil beteilige mich nicht an ein Gespräch; mit Ihnen gleich gar nicht. Sir, bei allem Respekt.“

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