Kitabı oku: «Flusenflug»
Peter Maria Löw
FLUSENFLUG
Die Bekenntnisse eines Firmenjägers

Erste Auflage 2020
© Osburg Verlag Hamburg 2020
www.osburgverlag.de Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Lektorat: Wolf-Rüdiger Osburg Korrektorat: Mandy Kirchner, Weida Umschlaggestaltung: Judith Hilgenstöhler, Hamburg Satz: Hans-Jürgen Paasch, Oeste Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN 978-3-95510-233-3 eISBN 978-3-95510-239-5
Inhalt
Inhalt
Geleitwort des Verlegers
Danksagung und Entschuldigung
Die Ameise
Die Anfänge oder Vom volkswirtschaftlichen Nutzen eines Biergartens
Teil 1 Abenteuer
1. Im Niemandsland (Ostwestfalen)
2. Krieg in Espelkamp
3. Ab nach Kassel
4. Betrug in Heidenheim
5. Mein erstes Sabbatjahr
6. Auf dem Todesstreifen
7. Umweltschutz macht nicht immer reich
8. Das ostdeutsche Kombinat
9. Die schwarze Witwe
10. Stiwos Abenteuer
11. Flusenflug
12. Aufstieg in die Formel 1
13. Die fünfte Generation
14. Wie gewonnen, so zerronnen
15. Regierungskriminalität und Stasi
16. Im Hortus conclusus
17. Die Glasanlagenfabrik
18. Gefangen in der Dotcom-Blase
19. Das Grollen des Claas Daun
20. Mein zweites Sabbatical
21. Die Aktiengesellschaft Bad Salzschlirf
22. Der Freistaat ruft
23. Die Weltkunst
24. Die grauen Männer
25. … zum Telefondienstleister
26. Noch mehr Telekom
27. Der Backbone-Deal
28. Unter Betrügern
29. Der Inder
30. Die Arques-Story Teil 1
31. Die Michael-Klein-Story
32. Die Arques-Story Teil 2 – in den SDAX
33. The Growth Group Story
34. Der Arques-Song
35. Das Pizzawunder
36. Als Botschafter zur UNESCO
37. Die Arques-Story Teil 3
38. Die SKW-Story – unser erster echter Börsengang
39. Die Arquana-Story
40. Mein drittes Sabbatical
41. Der Goldhandel
42. Die BluO-Story
43. Die Adler-Modemärkte-Story
44. Yo, yo, yo, yo, yoyooohh
45. Die AlzChem-Story
46. Unter Piraten
47. Die AlzChem und ihre Wettbewerber
48. Der Preiskrieg
49. Mit AlzChem aufs Parkett
50. Die Vatikan-Connection
51. Arques back home
52. Der Siemens-Deal
53. Von Arques zu Gigaset
54. Goldgas
55. Der Sonderfall – Deutschlands zweitgrößte Nachrichtenagentur
56. Wie Phönix aus der Asche
57. Die Trennung
58. Mein viertes Sabbatical
59. Die Livia-Gruppe
Die 59 Abenteuer: Zusammenfassung
Teil 2 Das Geschäftsmodell – zwischen Anpassung und Veränderung
Der »arme« Geschäftsführer eines kleineren oder mittleren Unternehmens
Das liebe Cash
Die Misserfolge
Die unmittelbar Beteiligten
Die Partner
Die Mitstreiter
Frauen im Team
Betriebsräte und Gewerkschaften
Die Belegschaften
Die Notare
Die Banken
Die Steuerbehörden
Staatsanwaltschaften, Ermittlungsbehörden und Gerichte
Die Medien
Spin-offs und Copycats
Epilog
Disclaimer
Geleitwort des Verlegers
Mit mehr als 250 Unternehmen weltweit hat Peter Maria Löw mehr Unternehmen übernommen als irgendwer vor ihm. Er gehört zu den Pionieren des Venture-Capital-Geschäfts. Für den Osburg Verlag, dessen Verlagsmotto »Menschen und ihre Geschichte« lautet, war das allein ein überzeugender Grund, sich für Löws Buch Flusenflug. Die Bekenntnisse eines Firmenjägers zu entscheiden. Doch es kam noch ein persönlicher hinzu.
1998 war ich – seinerzeit Leiter einer globalen Abteilung der Shell in London – in der Situation, in Form eines Management-Buy-outs Großteile des von mir verantworteten Geschäfts übernehmen zu können. Eigenkapital zum Erwerb und Betrieb des Geschäfts hatten mein Geschäftspartner und ich nicht, es gab in der angelsächsischen Welt aber schon seit einer Generation die sogenannten Venture Capitalists. Ihr Geschäftsmodell bestand darin, Firmengründern oder Firmenübernehmern nicht nur Geld zu leihen, sondern voll ins Risiko zu gehen und sich an den Unternehmen zu beteiligen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem mir mein Partner dieses Modell auseinandersetzte, hatte ich keine Ahnung davon.
Da war ich nicht der Einzige. Unter uns war ausgemacht, dass ich bei meiner nächsten Stippvisite in Hamburg mit den Verantwortlichen deutscher Großbanken sprechen sollte. Die Antwort war klar und ernüchternd: Das kennen wir »eigentlich« nicht und das machen wir nicht! Diese Auskunft war ehrlich. In Deutschland pflegte man Kredite zu vergeben und diese zu besichern bis zum Gehtnichtmehr.
Am Anfang des Wegs von Löw stand eine »Schnapsidee«, entwickelt im Frühjahr 1992 bezeichnenderweise in einem Münchner Biergarten: die teuersten und riskantesten Investitionsgüter der Welt, nämlich Unternehmen, zu kaufen und zwar ohne Bankkredite oder sonstige Finanzierungsmittel. Das zwang ihn förmlich, sich auf eine Gruppe von Unternehmen zu beschränken: auf die unprofitabelsten und leistungsschwächsten.
1992 hatte Löw bereits einiges erreicht. Während der »normale« Manager heutiger Prägung meist nur mit einem absolvierten Studium an den Start geht, war sein Weg bis dahin ein anderer gewesen. Mit einem juristischen Studium in Freiburg und dem zweitem Staatsexamen in Berlin, seinen geschichtlichen Studien der Neueren und Neuesten Geschichte in Freiburg, Berlin, Münster und Hamburg und dem Master of Business Administration an der INSEAD in Fontainebleau (Frankreich) verfügte er mit 31 Jahren über eine ungewöhnlich breite akademische Bildung. Eine Promotion zum Doktor beider Rechte in Hamburgund eine zum Doktor der Philosophie in Würzburg sowie ein Stabsoffiziersdiplom der Bundeswehr rundeten die Ausbildung ab. Löw war damit keineswegs der Underdog, der sich »vom Tellerwäscher zum Millionär« von ganz unten nach ganz oben durchboxen musste. Mit seiner akademischen Vita standen ihm viele Türen offen. Doch eine Zukunft in Justiz, Verwaltung, Wirtschaft oder Universität suchte er nicht.
Ungeachtet seines späten Einstiegs in die Unternehmenswelt gelang es ihm in weniger als 30 Jahren, Hunderte von Unternehmen zu erwerben, zu sanieren und fünf Börsengänge durchzuführen. Zwei dieser Unternehmen schafften es in den SDAX, zwei in den TecDAX und eines in den MDAX. Doch was geschah hier? Führten diese Firmenübernahmen tatsächlich zu Win-win-Situationen, von denen im Erfolgsfall neben dem Unternehmen auch die Mitarbeiter, die Lieferanten, die Kunden, die Steuerbehörden, die Kommunen und ihre Infrastruktur profitierten? Oder waren es angesichts vieler verlorener Arbeitsplätze die verdammenswertesten Exzesse des Kapitalismus und Löw selbst ein ruchloser Freibeuter der Wirtschaft? War Löw der Eigenbrötler, der einsam die Richtung vorgab, oder war das alles nur möglich, indem er Mitstreiter, Betriebsräte, Gewerkschaften und ganze Belegschaften für seine Art der Sanierung gewinnen konnte. Das Buch wird hierüber Aufschluss liefern.
Nach Löw basiert sein Erfolg damals wie heute nicht darauf, seine Verhandlungspartner über den Tisch zu ziehen oder Notsituationen unfair auszunutzen. Vielmehr beruht sein Erfolg in besonderem Maße auf den Unzulänglichkeiten der verkaufenden Konzerne und auf dem menschlichen Versagen zahlreicher Manager vor Ort. So geben seine detaillierten Schilderungen in Flusenflug den Blick frei auf eine Welt, die wir in dieser Unvollkommenheit nicht erwartet hätten. Mit jedem Kapitel verlieren wir ein wenig mehr die Hochachtung vor den angeblichen Autoritäten, den übermächtigen Konzernen, den Besserwissern, die schon immer zu wissen glaubten, wie man es richtig macht, es aber selbst nie hinbekommen haben.
Trotz der manchmal humorvoll-anekdotenhaften Schilderungen der Ereignisse um die Firmenübernahmen in Flusenflug darf man sich nichts vormachen, das Sanierungsgeschäft ist kein leichtes. Billig kaufen, sanieren und teuer verkaufen, das hört sich simpel an und doch verschleiert solch ein Bild das Ausmaß der aufzuwendenden Energie, den Umfang des persönlichen Einsatzes und die hohe Qualität des erforderlichen Know-hows. Das vormalige Management, die interne Taskforce und die externen Consultingfirmen, alle hatten doch ihr Bestes versucht und waren gescheitert. Die Verkäufer waren mit ihrem Latein am Ende. Es war ebendieser Umstand, der ihnen keine andere Wahl ließ, als an Löw und seine Partner zu verkaufen. Unter Mobilisierung aller Kräfte, insbesondere der in den Unternehmen ruhenden Selbstheilungsenergien, gingen diese nun daran, den »Karren aus dem Dreck zu ziehen«. Immer gelang das nicht, oft aber konnten die Unternehmen in aussichtsloser Lage gerettet und Zehntausende Arbeitsplätze nachhaltig erhalten werden.
Hatte Löw am Anfang seiner unternehmerischen Laufbahn bei seinen ersten »Abenteuern« noch besonders auf Kosteneinsparungen – auch im Personalbereich – gesetzt, so merkt man bei der Lektüre, dass dieses Instrument mit der Zeit immer mehr in den Hintergrund trat. Produktentwicklung, Qualitätssteigerung, Expansion und Erschließung neuer Märkte wurden die Hebel, Umsatz- und Margensteigerungen die eigentlichen Sanierungstreiber.
Seine akademische Vita konnte Löw dennoch fortsetzen, indem er seit einigen Jahren als Honorarprofessor Lesungen zu interdisziplinären Themen an der päpstlichen Hochschule Heiligenkreuz hält. Als Unterstützer und Förderer der Mission des Heiligen Stuhls wurde er zum höchsten päpstlichen Ritter ernannt. Mit dem »European Heritage Project«, bei dem er u. a. mit der UNESCO, dem WWF und der EU zusammenarbeitet, fand er ein neues Aufgabengebiet: den Wiederaufbau und Schutz gefährdeter Kulturdenkmäler in Europa, selbstredend ohne Banken, ohne Subventionen und nur aus dem eigenen Cashflow finanziert. Manches ändert sich eben nicht.
Wolf-Rüdiger Osburg
September 2020
Danksagung und Entschuldigung
Am Beginn dieses Buches soll all jenen gedankt werden, die an dessen Realisierung beteiligt waren. An erster Stelle möchte ich hier meine liebe Frau Clara nennen. Sie war es, die mich, meine Abneigung gegen Bade- und Sonnenurlaube kennend, im Mai 2019 mit der Mitteilung überraschte, dass sie im Juni in den Pfingstferien für uns alle einfach ein geräumiges Ferienhaus mit zugehörigem Personal in erster Meereslinie nahe Puerto Andratx auf Mallorca gebucht hatte. Ich liebe Urlaube, bei denen ich gefordert werde. Ich habe den Kilimandscharo bestiegen, bin mit dem Motorrad durch die Namib-Wüste gebraust, habe die Anden bezwungen, Stürme auf hoher See und ohne jede Segelerfahrung überstanden, war mit meinem Flugzeug in Miami beim Landen gecrasht, aber ein reiner Badeurlaub, der nur aus »chillen« unter Palmen bestände, das war nicht mein Ding. Mein Genörgel vorausahnend schlug sie mir vor, ich solle doch mal wieder ein Buch schreiben.
Diese Anregung und die Aussicht auf einen sonst sicher langweiligen »Erholungsurlaub« waren letztlich für mich der Grund, die folgenden Zeilen zu verfassen. Dabei wurde ich einmal mehr von meiner lieben Frau tatkräftig unterstützt. Sie war mir nicht nur tägliche Sparringspartnerin und damit dafür verantwortlich, dass die anzüglichsten Stellen und die beleidigendsten Passagen gestrichen wurden, sondern sie tippte die von mir zunächst auf Band gesprochenen Texte in Windeseile ein.
Ich möchte mich auch bei all jenen bedanken, die mir bei der weiteren Bearbeitung der Texte wieder auf die Sprünge geholfen haben, insbesondere bei denjenigen, die meine Wissenslücken auffrischen oder meine teilweise falschen Erinnerungen korrigieren halfen. Ihnen habe ich auch viele zusätzliche Anregungen zu verdanken.
Weiter möchte ich allen danken, die bereit waren und mir gestatteten, ihre Namen in diesem Buch vollständig zu verwenden.
Entschuldigen möchte ich mich schon einmal bei all denen, die sich in diesem Text falsch dargestellt fühlen oder denen ich an der einen oder anderen Stelle tatsächlich Unrecht getan haben sollte. Ich versichere jedoch, dass ich alles nach bestem Wissen und Gewissen verfasst habe.
Danken möchte ich auch all den Wegbegleitern, die in den gemeinsamen Holdingorganisationen, wie z. B. der System Kopie AG, der Certina AG, der Versatel AG, der Arques Industries AG, der BluO SE und schließlich der Livia Gruppe an meiner Seite gestanden haben. Nur mit ihrer Hilfe war es möglich, die große Anzahl von Unternehmen neu auszurichten.
Zuletzt möchte ich noch denjenigen danken, die in den von mir übernommenen Firmen ihren täglichen Dienst verrichtet haben. Wenngleich einige im Zuge der Restrukturierung zweifelsfrei ihre Arbeitsplätze verloren haben, was mir sehr leidtut, konnten für viele andere die Arbeitsplätze gesichert werden und viele wurden in diesen Unternehmen auch neu angestellt. Ihre Loyalität zu ihrem jeweiligen Unternehmen, ihre Bereitschaft, das scheinbar sinkende Schiff nicht vorzeitig zu verlassen, sondern mit mir den »Karren aus dem Dreck zu ziehen«, haben letztlich die erfolgreichen Turnarounds1 ermöglicht.
Im Übrigen möchte ich schon an dieser Stelle auf den Disclaimer2 am Ende des Buches hinweisen.
Als sie ins Tal der Ameisen kamen, sagte eine von ihnen: »Ihr Ameisen, hinein in eure Behausungen, damit nicht Salomo und seine Heerscharen euch zertreten, ohne dass sie es merken«.
Sure 27 Vers 18 3
1Turnaround (engl.): Wirtschaftliche Kehrtwende von einer Verlustsituation zur Profitabilität.
2Disclaimer (engl.): Erklärung des Haftungsausschlusses.
3Unabhängige Übersetzung.
Die Ameise
Es war zunächst nur ein kaum wahrnehmbares Zittern im Sand. Das kleine runde Steinchen, keinen Zentimeter im Durchmesser, erbebte ganz sachte. Dann war wieder Ruhe. Unmerklich begann es nun zu wippen, vor und zurück, immer mehr und immer weiter, bis, ja, bis die Bewegung in ein leichtes, holpriges Rollen überging. Auf einmal lag es wieder ruhig, das zackige Kügelchen. Eine trügerische Ruhe. Hinter dem Steinchen erschien eine winzige, umso emsigere Ameise, viel kleiner als der für sie eigentlich zu riesige Stein. Den Hals reckend spähte sie über den Kiesel, als wolle sie die vor ihr liegende Wegstrecke vermessen, die »Unterkiefer« in dauernder, fast gleichmäßiger Bewegung, wie ein wissenschaftliches Werkzeug, ein Metronom. Mit vollem Körpereinsatz stemmte sie sich schließlich gegen den übermächtigen Fels. Wieder setzte das rhythmische Wippen ein und erneut rollte der Stein eine ganz kleine Weile. Was wie das Werk eines Sisyphos anmutete, entpuppte sich als durchaus zielstrebiger Versuch dieses kleinen Wesens, etwas in dieser Welt vollbringen zu wollen. Was beabsichtigte diese Ameise, was bildete sie sich eigentlich ein? Ich spürte ob der Hybris etwas wie Wut in mir aufsteigen. War die Aufgabe nicht viel zu groß, der kleine Körper viel zu schwach? Hieß es nicht »Schuster, bleib bei deinem Leisten«? Kam Hochmut nicht immer vor dem Fall? Und dann diese Ameise, ich konnte einfach meinen Blick nicht von ihr lassen.
Eine zweite Ameise gesellte sich hinzu. Mit vereinten Kräften wurden jetzt die Bewegungen dynamischer. Das Steinchen hatte bereits ein Mehrfaches seiner Größe zurückgelegt. Mein Blick schweifte anerkennend über den Boden und entdeckte erst jetzt die unscheinbare, schier endlose Ameisenstraße. Wie ein Äderchen führte sie in die Ferne aus dem Biergarten des Nockherbergs hinaus und weiter in eine unbekannte Welt mit einem unbekannten Ziel. Die zwei Ameisen waren auf einmal viele, alle gemeinsam unterwegs, die Welt ein wenig zu verändern.
Die Anfänge oder Vom volkswirtschaftlichen Nutzen eines Biergartens
Unzählige fröhliche Stimmen schwirrten durch die Schwüle dieses Märznachmittags am Ende der Fastenzeit. Der Nockherberg war zu dieser Jahreszeit ein ganz besonderer Ort. Hier versammelten sich die »echten« Münchner an den Tagen nach dem Starkbieranstich bis zum Beginn der Karwoche am Palmsonntag. Der Andrang war, wie in den Jahren zuvor, groß. Überall regte sich etwas. Schon von Weitem sah, hörte und roch man die gute Laune dieses außergewöhnlichen Ortes. Mein Blick schweifte gelassen umher.
Ein junger Mann trug auf einem wackligen Stuhl stehend etwas wie ein Gedicht vor. Eine alte Frau führte den schweren, steinernen Bierkrug mit leicht zitternden Armen zum Mund. Und eines Teils seiner Last entladen bewegte sich der Humpen der Schwerkraft folgend zum Tisch zurück, nicht ohne ein seliges Lächeln im Gesicht der Alten zu hinterlassen. Vom Spielplatz her tönten die Schreie, die nur von spielenden Kindern erzeugt werden können, und die für alle, die Kinder haben, wie reine Musik trotz oder gerade wegen aller ihrer Dissonanzen klingen und künden: die Kinder sind glücklich! Eine Gruppe Jugendlicher hatte wie eine Kriegsbeute einen vollen Maßkrug ergattert und fiel wolfsrudelgleich darüber her. Ein Tisch war von einer reinen Damengruppe belegt, die die prüfenden Blicke der strammen Burschen sichtlich genoss und durch fröhliches Gekichere und absichtsvolle Tapsigkeit nur noch mehr Aufmerksamkeit zu erzeugen suchte.
Dann setzte die bayerische Blasmusik wieder ein, dabei die feschen Mannsbilder in Lederhosen mit Stutzen und grünen Westen ohne ihre Janker, jeder einen fast tellerförmigen Hut auf dem Kopf, darauf einen weißen Adlerflaum, der sich gen Himmel reckte. Die Marschmusik dröhnte ein wenig, doch die Gespräche an den Tischen hörten jetzt nicht etwa auf, lediglich die Lautstärke der Konversation nahm zu. Jeder schien jetzt etwas Wichtiges sagen zu müssen, begleitet von dem Brummen der Tuba und dem Tirilieren der Klarinetten. Alle Töne vermischten sich zu einem undurchdringlichen Geräuschdschungel. Dazu die vielen Menschen, die kamen oder gingen, die Bekannte begrüßten oder Freunde verabschiedeten, sich am Mandelstand etwas für ihre Liebsten besorgten, Kinder betreuten oder Alte stützten. Das allseitige Gewimmel erinnerte sehr an des »Volkes wahrer Himmel«. Zufrieden jauchzten hier hörbar Groß und Klein: »Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein«4.
Vom Ausschank dampfte die kräftige Kellnerin heran. Mit zehn Maß Bier in den Händen wirkte der stampfende Gang wie das Tapsen eines Zyklops. Von links nach rechts torkelnd spritzte bei jedem Schritt ein wenig der Hopfengischt aus den Krügen. Der gekieste Boden, so fuhr es mir durch den Kopf, war nur für sie geschaffen, damit nicht jeder der wuchtigen Schritte den ganzen Biergarten erbeben ließ, sondern die wilden Kräfte sich in das nachgiebige Kiesbett ableiteten. Doch wie änderte sich das Schauspiel, als sich die Mamsell der Ameisenstraße näherte. Wie einst der weise König Salomon5 oder doch besser wie eine Balletttänzerin hob sie vorsichtig ihr Bein, um mit einer nicht zu erwartenden Eleganz über die dünn hin- und herwieselnden Tierchen zu schreiten. Leben und leben lassen! Mit einem gewaltigen Krachen setzte sie ihre schwere Last endlich auf unserem Tisch ab, um sich mit ihrem fleischigen Unterarm erst einmal den Schweiß aus dem Gesicht abzuwischen. Dann, mit einem kraftvollen Schwung, lupfte sie die Krugsammlung wieder, um mit pirouettenhafter Bewegung zu enteilen, nicht ohne zwei schaumgekrönte Exemplare auf unserem Tisch zu hinterlassen, Relikte, die sich hier munter zu den vier bereits geleerten Krügen gesellten.
Es war ein wirklich schöner, warmer Nachmittag. Die Fastenzeit, die mit dem Aschermittwoch begonnen hatte und mehr als vierzig Tage bis zum Osterfest dauern sollte, neigte sich dem Ende zu. Natürlich hatten auch wir unsere Fastengelübde abgelegt und einen kleinen Verzicht mit dem lieben Gott vereinbart. Das bedeutete auch: keinen Alkohol. Doch als schlaue Juristen, als welche wir zwei Herren Rechtsassessoren uns wähnten, hatten wir im Vorfeld bereits gut verhandelt. Für einen Tag in der Fastenzeit, so hatten wir dem lieben Gott vorgeschlagen, nur für einen einzigen Tag in der Fastenzeit hatten wir vorab einen Dispens erbeten, einen Tag, an dem wir etwas Alkoholisches trinken durften. Aber dann natürlich auch nur etwas, was die Mönche zum Fastengetränk erhoben hatten, das Fastenbier, der Salvator, natürlich dem Höchsten, dem Retter der Menschheit zur Ehre. Dagegen, da waren wir uns sicher, hatte auch der liebe Gott nichts einzuwenden, er war ja einer von uns. Und dieser Tag des Fastenbrechens war heute.
Da saßen wir nun im April des Jahres 1992 zusammen mit den zwei vollen und den vier leeren Humpen, die aus unerklärlichen Gründen noch nicht abgeräumt waren, so als wollten sie neugierig dem beiwohnen, was noch alles geschehen sollte.
Dem Alkohol kann man zu Recht viele nachteilige Eigenschaften zuschreiben und man kann nicht genug davor warnen. Ohne Zweifel führt ein zu großer Konsum zu schweren gesundheitlichen Folgen. Dennoch, wenn Hemmungen fallen, der Mensch seine Wälle verliert, die er zum Schutz des eigenen Selbst aufgerichtet hat, dann führt der Genuss manchmal auch dazu, dass das Innerste freigelegt wird, dass der Mensch zu sich findet und das sagt, was er schon immer sagen wollte, was bis dahin aber hinter Verhaltensbergen und Regelabgründen verborgen gewesen war. Viele wollen den Weg zu sich selbst über Yoga oder Meditation finden, und manche finden ihn dort vielleicht auch, doch die gewonnene Erkenntnis bleibt meist ungesagt, ist ein Geschäft, das man nur mit sich alleine abschließt. Der geniale Gedanke verrinnt, ohne dass er geäußert wird, ohne dass er vom anderen aufgenommen, weitergesponnen und gemeinsam zu etwas Besonderem gemacht werden kann.
Martin Vorderwülbecke kannte ich bereits aus meinen Tagen als Rechtsreferendar. Obwohl auch er in Freiburg Jura studiert hatte, war er mir dort nie über den Weg gelaufen. Aber in Berlin war es dann so weit gewesen. Ich zog 1987 an den Savignyplatz, um meine erste Station beim Landgericht Tiergarten anzutreten, und Martin promovierte an der TU Berlin bei Prof. Dr. Karl-Georg Loritz am Lehrstuhl für Arbeitsrecht und finanzierte sich seinen Lebensunterhalt als Wissenschaftlicher Assistent. Auch dort war es ein Biergarten gewesen, der uns zueinander gebracht hatte. Und in den nächsten Tagen unseres Kennenlernens lag auch schon die erste kühne Vision unseres zukünftigen Lebens auf dem Tisch. Mir gelang es, Martin auszureden, dass Jura und die rein juristische Tätigkeit das einzig Wahre seien. Sicher, jetzt hatte man also den ganzen Schmarren studiert; sicher, als Rechtsanwalt war man selbständig und formal keinem Vorgesetzten ausgeliefert. Doch von dem, was man als reiner Dienstleister, der eigentlich nur seine Arbeitszeit verkauft, verdient, war noch keiner wirklich reich geworden. Und die Fiktion, sein eigener Herr zu sein, verblasste gegenüber der tatsächlichen Macht der Mandanten, die, je lukrativer, desto fordernder wurden. Ich kannte einige Anwälte, die wie Stiere am Nasenring durch die Arena gezogen wurden. Jura andererseits war ein perfekter Ausgangspunkt, um von dort mit einem weiteren, wirtschaftswissenschaftlichen Studium in der Tasche in Richtung Unternehmertum zu steuern. Das überzeugte wohl.
So beschlossen wir, unsere Rechtsstudien zu einem guten Abschluss zu führen und jeweils auch als Juristen zu promovieren, denn eine solche Promotion wäre nicht nur der Nachweis eines weit überdurchschnittlichen Examens, sondern Einstiegsvoraussetzung bei den sogenannten wirtschaftlichen Eliten, die es, wie ich aber erst jetzt weiß, gar nicht gibt. Und das Ganze sollte dann mit einem MBA-Studiengang, natürlich nur an einer der besten der internationalen Eliteschulen, gekrönt werden. Nun hatten wir beide schon unsere Ersten Staatsexamina abgelegt, beide mit Prädikat und damit unter den top fünf Prozent aller Teilnehmer, aber alle anderen Zutaten zu unserem genialen Plan fehlten noch.

Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, und so trafen wir uns Jahre später 1991 an der renommierten Eliteuniversität INSEAD in Fontainebleau, am Jagdsitz der französischen Könige, wieder. Wir hatten beide unseren Weg gemacht, alle Vereinbarungen eingehalten. Martin beherrschte neben Englisch, Französisch und Italienisch eine Fremdsprache mehr als ich, nämlich Portugiesisch, und war insgesamt ein halbes Jahr schneller. Ich andererseits war mit einem abgeschlossenen Drittstudium und einem weiteren Doktortitel in Geschichte, also mit einem Dr. phil., vorgeprescht. Deuce, würde der Tennisprofi sagen.
Das Studium in Frankreich war, wie erwartet, kurzweilig und spannend, auf den zahlreichen Partys und Festen war der doch sehr formalistische, deutsche Universitätsbetrieb bald vergessen. Und gegen Ende unseres letzten Terms6 kamen sie dann alle, die Großkonzerne und Investmentbanken, die Headhunter und Unternehmensberater. Alle wollten uns haben, uns, die Deutschen mit den mehreren Studiengängen, den Doktortiteln und den Fremdsprachenkenntnissen. Teil unseres Plans war es immer schon gewesen, nach den Studien erst einmal in einer Angestelltenposition zu starten, um dort zu lernen und dort auch unsere ersten Fehler machen zu können. Erst danach wollten wir es alleine wagen. Was? Das wussten wir auch nicht, noch nicht, aber mit Gottvertrauen …
Ich entschied mich schließlich für die Unternehmensberatung. Mit McKinsey & Co. Inc. handelte ich, da ich mehrere Job-Offers hatte, alle möglichen Sonderkonditionen aus und startete am 6. Januar 1992 am deutschen Hauptquartier in Düsseldorf, als waschechter McKinsey-Associate.
Martin hatte bereits sieben Monate vorher auf die IMM gesetzt, die Industrie Management München. Seine Gesellschaft war eine der ersten M&A-Boutiquen7 in Deutschland und hatte sich darauf spezialisiert, Büromaschinenhändler systematisch aufzukaufen, um daraus einen Büromaschinenhandelskonzern zu schmieden. Deren Vorstand, Dr. Hans Albrecht, hatte vor Jahren ebenfalls bei INSEAD studiert. Er hatte dann Martin bei dem obligatorischen Bewerbungsinterview für die Zulassung zum INSEAD kennen- und schätzengelernt und den Kontakt gehalten. So bot er Martin also am Ende der Business School eine interessante Stelle an, nämlich mit ihm selbst als Chefakquisiteur die nun anstehenden Unternehmenskäufe durchzuführen. Gemeinsam erwarben sie in den nächsten neun Monaten an die 20 Unternehmen für die IMM. Martin erlernte das A und O des Firmenkaufs, das Screening nach guten Gelegenheiten, die Kontaktaufnahme, die Due Diligence8-Phase, die Analysen, die vertraglichen Gestaltungen, das Signing und das Closing9 und alles das, was danach kam. Inzwischen hatte Martin auch geheiratet und das erste Kind sollte demnächst auf die Welt kommen. Ich als »Rumtreiber« war zwar nicht »single«, aber immer noch ledig.

In diesen jeweiligen Lebenssituationen stehend, trafen wir uns also an jenem April im Jahre 1992 auf dem Nockherberg in München, so wie wir es jedes Jahr zu tun pflegten. Es war relativ heiß an diesem Nachmittag und das kühle Bier, das eiskalt in großen Steinkrügen serviert wurde, erfüllte genau das, was man von einer Erfrischung erwartete. Bereits eineinhalb Stunden waren verflossen und wenn man als »gesundes« Maß für einen vernünftigen Bierkonsum eine Maß10 pro Stunde festlegt, so hatten wir das Vernünftige schon ein wenig überschritten. Vier leere Krüge, vielleicht noch zu einem Achtel mit einer lauwarmen, dunklen Flüssigkeit gefüllt, die auch beim besten Willen nicht mehr getrunken werden konnte, lungerten wie Fremdkörper auf dem Tisch. Ob das »Noagerl« noch verdunsten musste, bis jemand die »Steine« holte?
Der guten Laune tat das alles keinerlei Abbruch. Das erste Bier hatte bereits kurz nach unserer Ankunft verführerisch auf dem Tisch gestanden. Die warme Luft kondensierte am eiskalten Steingut und zahlreiche Tröpfchen liefen schließlich in kleinen Bächlein vereint am Krug herab. Die Gespräche kreisten zunächst um private Themen. Martin war frisch verheiratet und Nachwuchs kündigte sich an. Ich, als Single, berichtete von dem ein oder anderen Abenteuer mit dem anderen Geschlecht. Wir scherzten über Bekannte und weniger Bekannte. Martin berichtete fröhlich von seinen Akquisitionen bei der IMM und wie spannend doch alles und wie zufrieden er vor allen Dingen sei. Ich erzählte von McKinsey, meinem Swarovski-Projekt in der großen weiten Welt und was wir dort schon alles erreichen konnten und wie zufrieden ich doch wirklich sei, und, und, und …
Da kam das zweite Bier. »Eigentlich«, Martins Stimme klang mit einem Mal ganz fremd, »eigentlich wollten wir uns doch selbständig machen, nicht wahr?« Nachdenkliches Kopfnicken von mir. Es entspann sich eine Diskussion über Vor- und Nachteile des Angestelltendaseins. Klar, wir verdienten überdurchschnittlich gut, klar, wir hatten beide eine spannende Tätigkeit, aber wirklich frei? Ich erzählte von einem Vorgesetzten, der »dumm wie Bohnenstroh« sei und dem ich alles erklären müsse. Und wie nervig es sei, wenn er, nur um seine Autorität zu wahren, unsinnige Entscheidungen durchsetzte – par ordre du mufti. Martin erzählte, wie wenig er am Erfolg der IMM eigentlich beteiligt werde, obwohl er doch einen Hauptanteil daran leiste. Lob gebe es auch nur selten. So einigten wir uns erst einmal auf die Formel: Jammern auf hohem Niveau.