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Widerstand und Sabotage in Europa
Als Hans Wijnberg und Fred Mayer im Dezember 1942 in das OSS aufgenommen wurden, war die Organisation gerade einmal eineinhalb Jahre alt. Nicht nur die amerikanischen Streitkräfte lagen 1941 im Argen. Noch schlimmer stand es um die Nachrichtendienste. Die USA verfügten über keine Einrichtung, die auch nur annähernd dem britischen Auslandsgeheimdienst MI 6, der deutschen Abwehr und dem Sicherheitsdienst der SS (SD) oder dem sowjetischen NKWD entsprach. Angesichts der Eskalation der deutschen Kriegsführung in Europa beauftragte Präsident Franklin D. Roosevelt den renommierten konservativen New Yorker Rechtsanwalt William Donovan mit der Konzeption eines neuen zentralen Geheimdiensts, der im Juni 1941 mit der Bezeichnung Coordinator of Information (COI) gegründet wurde und ab Juni 1942 Office of Strategic Services (OSS) hieß.
Im Jahr 1940, vor der Gründung des neuen Geheimdiensts, besuchte Donovan Großbritannien, um sich sowohl über die deutsche Kriegsführung als auch über die britischen Gegenmaßnahmen zu informieren. Die britischen Geheimdienste hatten sich in den 1930er-Jahren fast ausschließlich und zu lang mit dem Kommunismus und der Sowjetunion beschäftigt, die sie als Hauptgegner des Empires ansahen. Doch im März 1938 wurde der Auslandsgeheimdienst MI 6 in Wien von der deutschen Abwehr und der Gestapo auseinandergenommen. Im November 1939 folgte der nächste Schlag im niederländischen Venlo, als der SD zwei führenden britischen Agenten eine Falle stellte und sie nach Deutschland entführte. Die deutsche Propaganda beschuldigte die beiden, als Drahtzieher hinter dem gescheiterten Attentat von Georg Elser auf Adolf Hitler am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller zu stehen. Der SD ›deckte‹ in der Folge eine antideutsche britisch-niederländische Verschwörung auf, die als Legitimation für den Angriff auf die Niederlande diente, ähnlich wie der SD bereits den Angriff auf Polen als Verteidigungsfall inszeniert hatte.97
Abgesehen von den Lektionen in Wien und Venlo verarbeiteten die britischen Nachrichtendienste zwischen 1938 und 1940 zwei generelle Erfahrungen: erstens die zunehmende Bedeutung des politischen Untergrundkampfs seit dem Ersten Weltkrieg und zweitens die neuen Methoden der deutschen Nachrichtendienste während der 1930er-Jahre. Sie hatten in den Nachbarländern mithilfe von Exiltruppen (wie der Österreichischen Legion oder des Sudeten-Freikorps), eingeschleusten Agenten und lokalen Aktivisten durch Anschläge, Propaganda und Demonstrationen die etablierten politischen Systeme unterwandert, angegriffen und massiv destabilisiert. Die desaströse politische Entwicklung in Österreich hin zur Machtübernahme durch die NSDAP im März 1938 galt britischen Beobachtern als Paradebeispiel für den kombinierten Einsatz innerer Subversion und externen politisch-militärischen Drucks. Nach dem Fall Frankreichs im Juni 1940 stand Großbritannien alleine gegen die Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan. Der sowjetische Diktator Josef Stalin hatte mit Hitler einen Pakt über die Aufteilung Polens geschlossen, die USA verharrten in einer quasineutralen Beobachterrolle. In dieser Situation setzte das britische Kriegskabinett unter Premier Winston Churchill neben einer massiven Mobilisierung der herkömmlichen Streitkräfte auf den Aufbau einer neuen Organisation, die den Krieg auf dem europäischen Festland, in den von Deutschland besetzten Gebieten, mit unkonventionellen – auch irregulären – Mitteln fortsetzen sollte. Die im Juni 1940 gegründete Special Operations Executive (SOE) sollte die Achsenmächte kurzfristig mit gezielter Sabotage etwa der Verkehrsinfrastruktur und Propaganda im Inneren schwächen, langfristig sollten aber autochthone Widerstandsbewegungen, auf deren Entstehen gehofft wurde, unterstützt und ausgerüstet werden.
Eine ›europäische Revolution‹ gegen Nationalsozialismus und Faschismus war es, was dem ersten Chef der SOE, dem Sozialisten Hugh Dalton, vorschwebte. Eine wichtige Rolle sollten dabei Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich und den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten spielen. In einem der vielen Ideenpapiere hieß es dazu: »We should have among our refugees here men who have expert knowledge on the waterways, the electronical system, the telephone apparatus, the railway communications, the industrial installations and the topographical lay-out of practically every important town in Central Europe today. We should set about exploiting their knowledge and ability right now.«98 Diese Konzeption einer subversiven Zusammenarbeit mit demokratischen und fortschrittlichen Kräften im britischen Exil und in Europa trat auf britischer Seite bald in den Hintergrund oder wurde, genauer formuliert, zu einem Nebenaspekt der übergeordneten Strategie der militärischen Bezwingung der deutschen Streitkräfte unter Herstellung einer westlichen Hegemonie in Europa.
Auch die Idee der Einbeziehung von Flüchtlingen und Exilanten in die Kriegsanstrengungen gegen die Achsenmächte wurde zwar aufgegriffen, aber zögerlich und halbherzig umgesetzt. Stattdessen bildeten die nationalen Exilregierungen in London eigene Streitkräfte, die Free French Forces, die polnischen Truppen im Westen, die norwegische Exilarmee, die tschechoslowakischen Verbände, die alle zum Teil selbstständig, zum Teil unter dem Kommando der britischen Armee und Luftwaffe gegen die Achsenmächte kämpften. Internationale Kampfverbände nach dem Vorbild der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg entstanden nicht. Der Widerstand gegen Hitlers Imperium konstituierte sich entlang nationaler Linien. Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich blieben gewissermaßen übrig, denn es gab weder eine deutsche noch eine österreichische Exilregierung. Als feindlichen Ausländern (›enemy aliens‹) erlaubte die britische Regierung ihnen erst ab 1943, sich zu den bewaffneten Streitkräften zu melden. Vorher mussten sie sich mit den nichtkämpfenden Pioniereinheiten begnügen, also mit dem Verladen von Kriegsmaterial in den Häfen, dem Beseitigen von Bombenschäden in London, dem Errichten von Baracken in Wales oder dem Graben von Straßen in Schottland.
Einzige Ausnahme war die SOE, die allerdings hochselektiv rekrutierte. 1941 nahm sie von etwa sechzig Kandidaten nicht mehr als fünfzehn deutschsprachige Flüchtlinge aus den Pioniereinheiten auf, um sie für Spezialeinsätze hinter den feindlichen Linien, für Sabotage, Kontaktaufnahme mit NS-Gegnern und Widerstandskämpfern, auszubilden. Es handelte sich fast ausschließlich um jüdische Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich. Der Verlauf der ersten Einsätze zeigte, dass die Zeit in keiner Weise reif war für derartige Missionen. Durch den Überfall Deutschlands auf Jugoslawien im April 1941 war auch an der Südostgrenze des Deutschen Reichs der Zugang zum Land versperrt. Dort, im Grenzgebiet zwischen Jugoslawien, Kärnten, der Steiermark und Italien, hatten die Briten 1940 den ersten Versuch gestartet, mithilfe österreichischer, jugoslawischer und italienischer Antifaschisten die kriegswichtige Südbahnstrecke zwischen Wien und Udine zu sprengen. Die Bahnlinie bildete die wichtigste Verkehrsader zwischen den Industrieräumen im Ost- und Südostraum der Achsenmächte, über die aufgrund der britischen Seeblockade ein Großteil der deutschen Kohletransporte nach Italien abgewickelt wurde. Es gelangen zwar einige kleine Anschläge, die Abwehr und die Gestapo konnten das subversive Netzwerk mithilfe eingeschleuster Doppelagenten aber rasch aufdecken. Die Aktivisten wurden gnadenlos verfolgt, in KZs deportiert, schwer misshandelt und durch ein deutsches Kriegsgericht in Klagenfurt sowie ein italienisches Tribunal in Triest zum Tod verurteilt.99
Die ersten Agenten, die Anfang 1941, noch vor dem Überfall der Achsenmächte, von London nach Jugoslawien gesandt wurden, um Kontakte zu NS-Gegnern im Deutschen Reich herzustellen, waren der ehemalige Wiener sozialdemokratische Schutzbundführer Theodor Schuhbauer und der sudetendeutsche Sozialdemokrat Franz Preiss. Das Schiff, auf dem sie England verließen, wurde vor Westafrika von einem deutschen Torpedo versenkt – eines von vielen Ereignissen, welche die praktischen Schwierigkeiten subversiver Kriegsführung im Herrschaftsbereich der Achsenmächte zu diesem Zeitpunkt drastisch offenbarten.100
Die Schweiz als letztes Sprungbrett ins Deutsche Reich im Herzen des Kontinents agierte strikt neutral und ihre Geheimdienste gingen gegen jeden Versuch der Briten vor, das Land als Basis für eine Infiltration ins Deutsche Reich oder für die Sabotage von Wehrmachtstransporten zu nutzen. In Schweden war es nicht anders. Die erste Repräsentantin der deutsch-österreichischen Abteilung der SOE in der Schweiz, Elizabeth Hodgson, die mithilfe des Schweizer Sozialisten René Bertholet und des deutschen Sozialisten Karl Gerold, beide Mitglieder des Internationalen Sozialistischen Kampfbunds (ISK), Kurierlinien nach Süddeutschland, Vorarlberg und Tirol legte, hatte dabei schon die Brennerstrecke als Sabotageziel im Visier. Über den Brenner rollten die deutschen Rohstoffexporte nach Italien – die Strecke war die zweite zentrale Wirtschaftsader des Bündnisses zwischen Hitler und Mussolini. Doch Hodgson musste 1943 aus der Schweiz fliehen, nachdem die Schweizer Behörden Gerold festgenommen und sie zur Verhaftung ausgeschrieben hatten.101
Die Dokumente der NS-Justiz zeigen jedoch, dass ein anderer Zugang in den ersten beiden Jahren nach Kriegsbeginn einfacher und produktiver war als eine direkte Infiltration von Agenten: Radiosendungen, die lokalen NS-Gegnern Anleitungen für Sabotage übermittelten. Der britische ›Sender der Europäischen Revolution‹, den deutsche und österreichische Exilsozialisten der Gruppe Neu Beginnen mithilfe der SOE in England betrieben, darunter die Wiener Sozialwissenschaftlerin Marie Jahoda, verbreitete nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion im Juli 1941 detaillierte Anleitungen, wie Züge mit einfachen Mitteln nachhaltig beschädigt werden können. Starken Gebrauch davon machten Arbeiter und Eisenbahner in der Obersteiermark und in Kärnten. Sie wollten die überfallene Sowjetunion unterstützen und fanden die naheliegende Methode darin, in den Bahnhöfen Wehrmachtszüge durch eine technische Manipulation der Bremslager zu beschädigen.102 Die von Kommunisten aufgebaute Organisation verübte mehr als 200 solcher Sabotageakte. Im Herbst 1941 wurde sie von der Gestapo Klagenfurt zerschlagen. Der NS-Staat nahm diesen frühen militanten Widerstand sehr ernst. Dreizehn Saboteure wurden zum Tod verurteilt und starben unter dem Fallbeil. Die »Eisenbahnsabotageorganisation in der Steiermark und Kärnten« war dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin, der Führungsbehörde der Gestapo und SS, neben der »Wiener Sabotage- und Terrororganisation«, die aus tschechischen Kommunisten bestand und 47 Brand- und Sprengstoffanschläge in Wien und Umgebung durchgeführt hatte, Beleg dafür, dass die »Ostmark […] in sabotage-polizeilicher Hinsicht eine wesentlich größere Rolle« spielte als das Altreich.103 Sichtbar nach außen wurde dieser Widerstand jedoch nicht. Die deutschen Kriegserfolge im Westen und im Osten überdeckten alles.
Solange sich die deutsche Wehrmacht in der Offensive befand, ein Land nach dem anderen überrollte, war offener Widerstand im deutschen Herrschaftsbereich nur zu einem sehr hohen Preis und mit geringen Auswirkungen möglich. Daher stellte die Zeit bis 1942/43 in jenen Ländern, in denen die deutsche Herrschaft zumindest bei einem Teil der Bevölkerung auf Ablehnung stieß, eine Phase der Bildung von Widerstandsorganisationen im Untergrund dar. Diese bereiteten sich auf den Aufstand gegen die Besatzung vor: in Polen, Jugoslawien, Norwegen, Holland, Belgien und Frankreich.104 Der Tag würde kommen, an dem die westlichen Alliierten in der Lage waren, neben der sowjetischen eine zweite Front in Europa zu eröffnen. Die Alliierten bereiteten sich auf die Unterstützung des Widerstands durch die gründliche Ausbildung von Einsatzgruppen vor – das Personal dafür bildeten im Wesentlichen Flüchtlinge aus diesen Ländern, die in den Jahren 1941 bis 1943 rekrutiert wurden.
Durch den späteren Kriegseintritt hatten sich die Amerikaner die Lernphase der britischen Geheimdienste bis 1941 einerseits erspart, andererseits zogen sie die Konsequenzen weit radikaler. Donovan baute mit dem OSS eine völlig neue und vielgestaltige Organisation auf, ein militärisch-ziviles Hybrid aus drei grundlegenden Praxisformen: Informationsbeschaffung und Auswertung (›Secret Intelligence‹), Spezialeinsätzen zur Unterstützung von Widerstandsbewegungen (›Special Operations‹) und psychologischer Kriegsführung durch subversive Propaganda (›Morale Operations‹).105 Noch viel stärker als die Briten zog Donovan, der selbst auf eine vielfältige Karriere im Schnittfeld von Militär, Politik und Privatwirtschaft zurückblickte und über ein entsprechend erstklassiges Netzwerk verfügte, in allen Bereichen ziviles Personal heran: Juristen, Geschäftsleute, Journalisten, PR-Experten, Techniker, Künstler, Psychologen, Sozialwissenschaftler und Historiker. Er rekrutierte sie an den Eliteuniversitäten, in den besten Rechtsanwaltskanzleien, den großen Tageszeitungen und in den Führungsetagen der führenden Unternehmen des Landes.
Und er gründete – anders als die Briten, die diesen Bereich immer dem polizeilichen Inlandsgeheimdienst MI 5 überlassen hatten – eine eigene Abteilung, um die Potenziale der Flüchtlinge aus Europa zu erkunden und für das OSS zu heben. Die ›Foreign Nationalities Branch‹ (FNB) führte Interviews mit Exilpolitikern durch und animierte sie dazu, Vorschläge für den Kampf gegen Deutschland zu entwickeln, einzubringen und Personal für Einsätze vorzuschlagen. Im Fall Österreichs taten das etwa der ehemalige Journalist der Wiener Tageszeitung Die Presse, Ferdinand Czernin, und der Sozialwissenschaftler und ehemalige Werbeexperte der Julius Meinl AG, Gregor Sebba. Sie leiteten die Austrian Action, die größte überparteiliche österreichische Exilorganisation in den USA. Auch prominente Exilsozialisten wie Julius Deutsch arbeiteten eng mit der FNB zusammen.106
Genauso breit wie die Palette der zivilen Berufe waren die politischen Ausrichtungen der Mitarbeiter und die Kontakte, die das OSS pflegte. Im Pool der Organisation gab es Kommunisten, Sozialdemokraten, Liberale, Konservative bis hin zu ehemaligen Vertretern des faschistischen Regimes in Österreich. In der Forschungs- und Analyseabteilung verfassten Vertreter der an Karl Marx und Sigmund Freud orientierten Kritischen Theorie, die deutschen Emigranten Herbert Marcuse und Franz Neumann, ihre ›Feindanalysen‹ zum Nationalsozialismus.107 In der Spionageabteilung entstand ein Zweig, der sich auf die Kooperation mit der europäischen Arbeiterbewegung spezialisierte, die Labor Section unter der Leitung des prominenten Gewerkschaftsanwalts Arthur Goldberg, mit einer sehr aktiven Filiale in London. Auch hier stammte die ursprüngliche Idee zwar von den Briten, als es 1944 aber darauf ankam, die Potenziale von Gewerkschaftern und Linken zu heben, war das OSS wesentlich agiler. In Großbritannien hatte das militärische Establishment Hugh Dalton schon 1942 von der SOE-Spitze verdrängt und war gegenüber der europäischen Linken äußerst skeptisch geblieben.
In der Propagandaabteilung des OSS arbeiteten Leute wie der Wiener Grafiker Henry Koerner, der sein Handwerk bei Viktor Slama gelernt hatte, dem Produzenten von Wahlplakaten der Kommunistischen Partei Deutschlands in den 1920er-Jahren und der österreichischen Sozialdemokraten. Der Wiener Journalist Eddie Linder schuf im Rahmen der Operation ›Sauerkraut‹ defätistische Flugblätter, Lieder und Sexbilder, die unter Wehrmachtssoldaten verbreitet wurden, um deren Kampfmoral zu senken.108 Das sind nur einige Beispiele für die vielfältigen Möglichkeiten, die das OSS NS-Gegnern aus Europa bot, um einen Beitrag zu den enormen Kriegsanstrengungen der USA gegen die Achsenmächte zu leisten.
Der deutsche Historiker Christoph Mauch verwendete für die institutionelle Ausformung des OSS die Metapher eines Polypen, der mit vielen Tentakeln in den unterschiedlichsten Bereichen aktiv wurde. Damit betonte er die Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit eines riesigen Apparats, in dem weltweit 23.000 Mitarbeiter, Informanten und Agenten tätig waren.109 Doch während der Polyp seine Greifarme zentral steuert, waren die verschiedenen Abteilungen des OSS in der Praxis sehr stark von eigenständigen Initiativen der Akteure in den Organisationszweigen geprägt, und das setzte sich in den Unterabteilungen bis hinein in die kleinen Operationseinheiten fort, zum Beispiel die German-Austrian Section der Abteilung für Spionage, die 1944 in Bari damit begann, Agenteneinsätze in Österreich zu planen und durchzuführen. Das konnte zwar Leerläufe, Unklarheiten und mangelhafte Koordination mit sich bringen, aus militärischer Sicht wahrscheinlich hochproblematisch und ineffizient, bot aber jene Freiräume, die zu unerwarteten Erfolgen führten.
028 Mobilisierung bis in den privaten Haushalt: Plakat des Wiener Grafikers Henry Koerner zur Sammlung von Fettresten für die Produktion von Sprengstoffen, Office of War Information, 1943.
Die beiden OSS-Rekruten Hans Wijnberg und Fred Mayer lernten einander im Dezember 1943 im Congressional Country Club kennen, einem weitläufigen Anwesen in Maryland nahe Washington, das in den 1920er- und 1930er-Jahren Abgeordneten des Kongresses und Geschäftsleuten als exklusiver Treffpunkt vorbehalten war. Die Regierung wies das Klubhaus dem OSS zu, als ideales Gelände in der Nähe von Washington, um angehende Agenten zu sammeln und einer ersten Ausbildung zu unterziehen. Etwa drei Dutzend Männer hatten in unterschiedlichen Teilen der Armee den Marschbefehl nach Washington erhalten und sich im Club, in der OSS-Terminologie ›Area F‹ genannt, eingefunden. Ihre Nachnamen klangen deutsch, italienisch, skandinavisch, niederländisch, schweizerisch, spanisch. Etliche von ihnen waren jüdische Flüchtlinge, wie George Gerbner aus Budapest, der eine abenteuerliche Flucht von Ungarn über Frankreich, Mexiko und Kuba hinter sich und bis vor wenigen Monaten an der University of California in Berkeley Journalismus studiert hatte.110 Der Feldrabbiner Abraham J. Klausner war unter ihnen, der 1945 einen der ersten Filme über das KZ Dachau drehen sollte.111 Während ihre Biografien durchleuchtet und Informationen über sie eingeholt wurden, durchliefen die Rekruten einen dreiwöchigen Grundkurs. Zeitlich dicht gedrängt, von frühmorgens bis spätabends, sieben Tage in der Woche, ohne jegliche Freizeit, diente der Kurs zudem einem weiteren Aussieben ungeeigneter Kandidaten, die diesem Druck nicht standhielten oder den Eifer für Spezialeinsätze verloren. Die Soldaten bekamen Einführungen in Sicherheitsregeln und Geheimhaltung, das heißt, es wurden intensiv Verhörsituationen nachgestellt und durchgespielt. Die Ausbildner machten sie mit verschiedenen Befragungstechniken vertraut.
Ein weiterer Schwerpunkt der Ausbildung lag auf der Organisation von Informationsketten, bestehend aus Subagenten, Informanten, Kurieren und Zuträgern, die den Agenten versorgten, aber auch abschirmten. Das Zellensystem wurde unterrichtet, bei dem kleine Einheiten mit anderen über nur jeweils eine Bekanntschaft verbunden sind, um die Folgen einer Aufdeckung möglichst zu begrenzen. Zur Informationsübermittlung lernten die Soldaten verschiedene Kodierungssysteme kennen, wie man in unverfänglichen Briefen Informationen verbirgt, Erkennungssysteme entwickelt, Nachrichtendepots und tote Briefkästen anlegt. Einige, wie der mathematisch gebildete Hans Wijnberg, wurden an Morse-Funkgeräten trainiert.
Von höchster Bedeutung für das Agieren im Herrschaftsbereich des Feindes war der Umgang mit Helfern, mit Menschen, die einem Agenten bewusst oder unbewusst Unterkunft und Verpflegung zur Verfügung stellten. Dazu gehörte die Planung von Fluchtrouten ebenso wie sichere Vorgangsweisen beim Wechsel in andere Verstecke, das Verwischen von Spuren, die Aufnahme weiterer Agenten, die Orientierung und das Vereinbaren von Treffpunkten in unbekanntem Gelände.
Diese Klassiker verdeckten Agierens lernten die angehenden Agenten nicht auf der Schulbank, sondern in praktischen Übungen und immer unter der Devise der kreativen und neuen Anwendung, die von ihnen selbst entwickelt werden musste. Dafür verließen sie bei Tag und Nacht das Gelände des Clubs und übten in der Wirklichkeit. Es ging eben nicht um routiniertes Handeln, sondern um die Aktivierung von Einfallsreichtum je nach Umgebung und das Einüben rascher Risikoabschätzung bei ihrer Umsetzung. Neben diesen Techniken des Verhaltens erhielten die Studenten der Spionage Unterweisung darin, was wertvolle ›Intelligence‹ ist, was wert ist, gewusst zu werden und dafür hohe Risiken auf sich zu nehmen; im Anschluss lernten sie, wie dieses Wissen zu berichten ist. Gezeigt wurden ihnen selbstverständlich die ›Gadgets‹ des OSS, von Pistolen in Zigarrenform bis zu Glühbirnenbomben. Schließlich Techniken des Kampfes im Untergrund: Schießen mit kleinkalibrigen Waffen, Einbrechen, Sabotieren, Zerstören, Sprengkörperapplizieren, Kämpfen mit Messern und bloßen Händen. Am Ende sollten die Agenten schnell auftreten, zuschlagen und töten können. All diese Techniken und Handlungsweisen der subversiven Kriegsführung sind Techniken und Handlungsweisen der Kriminalität. Sie bilden das Terrain, auf dem sich Widerstandskämpfer, Agenten, Schmuggler, Schleichhändler, Schieber, Grenzgänger und ihre Verfolger treffen, und sie bilden den verbotenen Stoff, der uns interessiert.
Am letzten Abend des Kurses ließen die Ausbildner die Zügel los. Es gab eine Party, freie Drinks, keine Vorschriften, alles erlaubt. Auch das war eine Prüfung. Beobachtet wurde, wie die Rekruten reagieren, wenn der Druck plötzlich abfällt.112 Wer auch diesen letzten Test bestand, bekam den Marschbefehl in das nächste Ausbildungslager. Fred Mayer, Hans Wijnberg und 33 weitere Soldaten, von denen der Großteil deutsche, italienische oder niederländische Familiennamen trug, erhielten die Destination Fort Benning, Georgia, wo sich die Schule für Fallschirmspringen befand.113 In einem vierwöchigen Kurs qualifizierten sie sich durch fünf erfolgreiche Absprünge für das begehrte, hochselektive Abzeichen. Eine weitere Ausbildungsstrecke folgte auf der Insel Catalina vor der kalifornischen Küste – im Wesentlichen Überlebenstraining und Brückensprengen.
Im Vergleich zur Grundausbildung in der Infanterie hatte die militärische Hierarchie beim OSS einen weit geringeren Stellenwert. Zur Erleichterung von Hans Wijnberg, denn er war nicht sehr gehorsam, nicht als ›Private‹ gegenüber dem Lieutenant und als Lieutenant nicht gegenüber dem Captain. Mittlerweile war die ursprünglich heterogene Gruppe aus starken Individualisten unterschiedlicher Herkunft zusammengeschweißt und Wijnberg hatte keinen höheren Rang als den eines technischen Corporals erreicht. Immerhin war er damit als Funkspezialist ausgewiesen. Auch Fred Mayer behielt gewisse Angewohnheiten bei, wahrscheinlich hatten sie durch die OSS-Ausbildung sogar an Effektivität gewonnen. Gerald Schwab berichtete er davon, dass er antisemitische Bemerkungen weiterhin mit deutlichen Zeichen der Ablehnung quittierte, einem gut platzierten Faustschlag beispielsweise, der einen weit größeren Kerl niederstreckte.114
Im Mai 1944 kehrte die Gruppe nach Washington zurück. Die Männer erhielten zwei Tage Urlaub. Anfang Juni kam der erwartete Marschbefehl nach Algier in Nordafrika, wo das OSS eine große Basis für die Vorbereitung des D-Day aufgebaut hatte, jenes Tages, an dem die amerikanischen und britischen Streitkräfte in Frankreich landen würden. Die totale Mobilisierung der amerikanischen Gesellschaft für den Kampf gegen die Achsenmächte hatte die Kriegslage in Europa drastisch verändert. Schon vor dem Kriegseintritt entschloss sich Präsident Roosevelt, der Sowjetunion zu helfen. Die fortlaufende Lieferung von Edelstahl, Flaks, Flugzeugen, Kraftfahrzeugen und großen Mengen von Lebensmitteln über Persien, Wladiwostok und eine Luftbrücke aus Nordafrika war ein wesentlicher Faktor dafür, dass die Rote Armee den Ansturm der deutschen Streitkräfte aufhalten, die Schlacht um Stalingrad im Winter 1942/43 für sich entscheiden und in der Folge mithilfe in den USA gebauter Lkws und Jeeps rasch gegen Westen vorrücken konnte.115
Eine zweite wesentliche Wende führten amerikanische, britische und französische Truppen im selben Zeitraum in Nordafrika herbei, als sie in Marokko, Algerien und Tunesien landeten und in harten Kämpfen bis Mai 1943 die deutschen und italienischen Verbände besiegten. Einen wesentlichen Beitrag zum militärischen Sieg leisteten die Erkenntnisse über die deutschen Nachschublinien, die dem britischen Geheimdienst MI 6 vorlagen, nachdem es ihm gelungen war, die verschlüsselte deutsche Kommunikation zu knacken. Die Eroberung Nordafrikas bedeutete für Deutschland über kurz oder lang den Verlust Italiens als Verbündeten – das wiederum zog eine weitere Belastung durch die Besetzung eines großen Landes nach sich. An den Operationen in Algerien und Tunesien waren OSS- und SOE-Einsatzgruppen beteiligt. Beide schufen in Nordafrika Basen, um einerseits die Landungen der regulären Streitkräfte in Sizilien und Süditalien ab Juli 1943 mit Vorausgruppen zu unterstützen, andererseits Einsatzgruppen per Flugzeug über das Mittelmeer nach Frankreich zu schicken, wo sie mit Fallschirmen landeten, um der französischen Widerstandsbewegung unter die Arme zu greifen. Für ein derartiges Kommando waren Fred Mayer und Hans Wijnberg, die fließend Französisch sprachen, vorgesehen, als sie am 6. Juni 1944 ein Truppenschiff nach Algerien betraten. Am selben Tag begann die Operation ›Overlord‹, die Landung der angloamerikanischen Streitkräfte in der Normandie.
Das Zielgebiet der OSS-Gruppe, die nach Algerien geschickt wurde, war Südfrankreich, wo eine zweite Landung folgen sollte. In Frankreich hatte es bis Mitte 1942 kaum bewaffneten Widerstand gegeben. Den Umschwung löste die Durchsetzung einer Arbeitsverpflichtung aus, die der deutsche Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz, Fritz Sauckel, im August 1942 dem mit Deutschland verbündeten Regime unter General Philippe Pétain vorschrieb. Manche junge Männer entzogen sich dem Zwang, im Deutschen Reich Arbeit zu leisten, durch die Flucht ins Gebüsch (›maquis‹). Doch mehr als 700.000 französische Zivilisten wurden in das Deutsche Reich verbracht. Die Ungehorsamen erhielten vielfach Hilfe der Landbevölkerung, durch Verstecke, durch Lebensmittel, einfach durch das Ermöglichen des täglichen Überlebens. Dadurch übertraten auch bisher angepasst lebende Menschen die Vorschriften und die Illegalisierung des Alltags begann – eine günstige Voraussetzung für das Wachsen des Widerstands (wie es auch in Polen, Jugoslawien und Norditalien geschah). Bis zum Herbst 1943 bildeten etwa 20.000 junge Männer Widerstandsgruppen sowohl im südlichen Vichy-Frankreich als auch im okkupierten Norden des Landes. Mithilfe französischer und britischer SOE-Agentinnen und -Agenten, die Funknetzwerke aufbauten, befanden sie sich in Austausch mit der französischen Exilarmee unter Charles de Gaulle und hatten einen Nationalen Widerstandsrat gebildet, der von den Alliierten anerkannt wurde.116 Bis in das Frühjahr 1944 wuchs die Widerstandsbewegung ungeachtet massiver Repressalien nach amerikanischen Schätzungen auf eine Stärke von 100.000 Männern und Frauen an – diese Kraft konnte ein Element in den angloamerikanischen Planungen sein. Während der Invasionen in Frankreich setzten SOE und OSS unter einem gemeinsamen Kommando fast 100 weitere interalliierte Teams ab, die mit lokalen Widerstandsgruppen Sabotageaktionen durchführten und Waffenlieferungen abwickelten.
Fred Mayer und Hans Wijnberg erinnerten sich, dass sie für einen solchen Einsatz in Südfrankreich vorgesehen waren, die Fallschirme bereits geschultert hatten, als der Abflug abgesagt wurde. Aus welchen Gründen auch immer: Mayer, Wijnberg und einige weitere Agenten aus ihrer Gruppe kamen nie auf die Liste der Mannschaften, die das gemeinsame britisch-amerikanische Kommando in Algier für Spezialeinsätze in Südfrankreich erstellte. Einige der Männer, die mit den beiden das Trainingsprogramm in den USA durchlaufen hatten, befanden sich unter den 200 OSS-Agenten, die im Lauf des Sommers in kleinen Teams oder in größeren Einsatzgruppen in Südfrankreich abgesetzt wurden.117 Stattdessen begann wieder eine Phase des Trainings, nun allerdings weniger um ihre Fähigkeiten auszubilden, als um sie beschäftigt zu halten, bis eine neue Einsatzmöglichkeit gefunden war. Die Moral der ursprünglich hochmotivierten Männer verbesserte sich dadurch nicht. Fred Mayer erinnerte sich im Gespräch mit Joseph Persico an die Enttäuschung, nach all seinen Anstrengungen, der regulären Infanterie zu entkommen, im nordafrikanischen Wüstensand gestrandet zu sein.
Nordafrika verlor als Ausgangsbasis nach den Invasionen in Frankreich für OSS und SOE rasch an Bedeutung. Beide Organisationen hatten nach der alliierten Landung in Salerno und dem Ausscheiden Italiens aus der Achse im September 1943 in Süditalien neue Basen etabliert. Die deutsche Wehrmacht hielt Italien bis nördlich von Neapel besetzt. Vor dem Sporn an der Ostküste, in der Ebene von Foggia, richteten die Luftstreitkräfte ihre Flugplätze ein. Von hier aus waren nicht nur Norditalien, Südfrankreich und der Balkan besser zu erreichen. Erstmals befanden sich auch Deutschland, Österreich und Rumänien in Reichweite. Für SOE und OSS erschlossen sich damit erstmals Zugänge nach Zentraleuropa. Die an die 8. Britische Armee angeschlossenen SOE-Einheiten nannten ihre Basis bei Bari ›Maryland‹ und ihre Organisation ›No. 1 Special Force‹. Diese wickelte alle britischen Spezialeinsätze auf dem Balkan, in Italien und nach Österreich ab.118 Die an die 5. US-Armee angeschlossenen OSS-Einheiten wurden in Caserta unter der Bezeichnung 2677th Regiment OSS zusammengefasst. Dieses Regiment koordinierte alle amerikanischen Operationen auf dem Balkan, in Italien und Zentraleuropa.
